„Er ist es! Da ist er wieder! Halt ihn, halt ihn!“ schrie das

heldenmütige Schneiderlein und jagte dem Korporal Sven Knudson

Knäckabröd vom Regiment Wangelin-Dragoner einen gewaltigen Schrecken

ein, einen panischen Schrecken in der vollsten Bedeutung des Wortes;

der Korporal fuhr zusammen, sah auf, sah die Bewegung in der lachenden

Gruppe sonntäglich geputzter Gäste auf der Treppe des Löwen, sah

aller Blicke auf sich gerichtet, sah den koboldhaften Schneider

Macedon im glühenden Eifer, der Frau Fortunata einen Gefallen zu tun,

heranspringen und -- -- -- riß aus!

Er lief. Er lief, so schnell ihn die alten, müden Beine tragen wollten,

und ihm nach klang es jubelnd, lachend und höhnisch:

„Halt ihn, halt ihn! ’s ist der Schwed’ von Alberschwend’! Halt ihn;

die Taubenwirtin hält den, so ihn tot oder lebendig bringt, ein Jahr

lang frei in Kost und Getränke!“

Das mochte nun der tapfere Meister Trafojer ganz ernsthaft nehmen;

aber die anderen begnügten sich doch mit dem baucherschütternden

Hinterdreinlachen und stellten nur verwunderte Fragen über das

plötzliche Wiedererscheinen des schwedischen Mannes untereinander. Auch

das Schneiderlein mußte in Anbetracht seiner lahmen Füße die Jagd an

der nächsten Ecke aufgeben, und nur die Kinder von Schwarzach gaben

sie fürs erste noch nicht auf, sondern verfolgten selbstverständlich in

hellen Haufen den Mann von der Lorena bis zum Dorfe hinaus, allwo er

zuerst den Mut fand, sich zu stellen, und sie mit donnerndem Zornesruf

und geschwungenem Stocke zurückzuscheuchen versuchte.

Das gelang ihm aber schlecht. Sie schrieen nur ärger:

„Der Schwed’ von Alberschwend’! Ho he, der Schwed’ vom roten Egg!

Er ist wieder da! Er kriegt’s, jetzt kriegt er es, der Schwed’ von

Alberschwend’!“

Mit diesen Worten, doch auch mit einigen Steinwürfen begleiteten sie

ihn, bis hoch hinauf in die Berge, immer den rauschenden Bach entlang.

Und als sie dann endlich doch zurückblieben, als die Felsen drohender,

der Hochwald dunkler wurde, und es wieder still hinter und um den

armen Korporal Sven geworden war, da hielt auch er an, hielt sich den

Kopf mit beiden Händen, wie auf der ersten Rast nach der Flucht von

der Havelbrücke bei Rathenow, und warf sich unter einem Baume nieder,

zerschlagen und wie gerädert, und was das Schlimmste war, voll großer

Sorgen wegen seines Empfanges -- zu Hause.

Damals führte noch keine Kunststraße durch den Wald, und wer den Weg

bei dämmerndem Abend oder gar bei Nacht zu machen hatte, der mußte

wohlbekannt in der Gegend und dazu recht sicher auf den Füßen sein,

wenn man ihn nicht am andern Morgen mit zerbrochenen Gliedmaßen am Ufer

der Schwarzach finden sollte. Der Korporal Sven Knudson Knäckabröd war

eigentlich beides nicht; aber um keinen Preis in der Welt wäre er heute

noch bei hellem Tageslichte in Alberschwende eingezogen.

Da lag er denn unter seiner Tanne, zerschlagen und hinfällig, und es

war ihm sehr schlecht zu Mute. Ein uralter nordischer Waffensegen fiel

ihm gerade jetzt ein, und er summte ihn vor sich hin:

„Sieg in Deine Hand! Sieg in Deinen Fuß!

Sieg in alle Deine Glieder gut!

Gott der heilige Herr segne Dich!

Wach und regiere über Dich!“

Aber viel Erquickung und Ermunterung zog er nicht heraus. Sehr kläglich

war ihm zu Mute, und so lag er, mit beiden Händen unter dem Kopfe, bis

die rote Abendsonne erst von den Stämmen, dann von den höchsten Wipfeln

und zuletzt von den allerhöchsten Felsenkuppen sich verzog. Dann

erst erhob er sich tief seufzend und wankte weiter bergan, durch die

beginnende Nacht. Gegen elf Uhr Abends erreichte er Alberschwende.

In der Taube war natürlich ebenfalls Musik und Tanz, und der arme Sven

sah schon von weitem die hellen Fenster und vernahm schaudernd die

lustigen Jauchzer.

„Das ist schlimmer als der Angriff des Homburgers, des Prinzen mit

dem silbernen Bein, bei Fehrbellin!“ murmelte er. „Der Faustschlag

Seiner Exzellenz, des Herrn Generalfeldmarschalls Derfflinger an der

Rathenower Bruck’ war nichts Geringes; aber -- o du liebster Himmel,

was wird sie sagen?!“

Die Tür des Wirtshauses zur Taube stand weit offen, und der Korporal

stieg die Treppe, welche zu ihr emporführte, langsam und mit

eingezogenen Schultern hinauf. Die Hausflur war augenblicklich leer,

und da die Stubentür ebenfalls offen stand, so hinderte ihn nichts,

geduckt und vorsichtig um die Ecke in das weite, trüb erleuchtete,

niedere Gemach, in das kreischende, jubelnde Tanzgewirbel zu lugen.

Er fuhr sofort zurück; denn als in diesem Moment die Reihen der

Tanzenden sich lösten, da sah er sie -- da sah er sie mit in die Hüften

gestemmten Armen neben ihrem Schenktisch stehen, an demselbigen Tische,

neben welchem er Anno 1647 nach dem Überfall am Fallenbach aus seiner

Ohnmacht erwachte und sie, die Frau Fortunata Madlener, ebenfalls mit

in die Seiten gestützten Armen vor sich stehen sah.

„Es ist nicht menschenmöglich“, stöhnte der Deserteur. „Selbst der

tapfere Karl Gustavus, der Feldmarschall Wrangel, würde es nicht fertig

bringen! Selbst der große Gustavus Adolfus, der streitbare Löwe aus

Mitternacht, brächt’ es nicht zu stande, ihr jetzo unter die Augen zu

treten!“

Rückwärts schreitend zog sich der Korporal Sven Knudson Knäckabröd von

Wangelins Dragonern zurück und schlich sich wieder aus dem Hause, stieg

die Treppe wieder herab und verlor sich von neuem in der dunkeln Nacht.

Um die zwölfte Stunde hörte der Bub in der obersten Hütte auf der

Lorena, plötzlich aus dem Schlafe erwachend, erst ein wildes, wütendes

Anschlagen des Hundes, dann ein unterdrücktes Freudewinseln des Tieres

und zuletzt ein Gepoch an der Tür. Zitternd und entschlossen zu

gleicher Zeit, griff er nach dem Handbeil neben seinem Bett und schrie:

„Wer ist draußen? Hex’, Unhold und Strolch soll draußen bleiben -- gut

Freund komm eini!“

Da antwortete ihm eine heisere Stimme:

„Gut Freund, gut Freund!“ und der Bub schlug Licht und kam mit dem

Kienspan an die Tür und öffnete. Eine schwere, harte Hand legte sich

ihm auf den zu einem lauten Schrei aufgerissenen Mund, und Sven Knudson

Knäckabröd flüsterte:

„Ja, Bursch, ich bin’s. Schrei’ nur nicht. Den Hund nehm’ ich mit

herein -- schließ’ die Tür, Melchior; ich bin’s in Fleisch und Blut;

marsch auf dein Stroh zurück, ich krieche in meinen eigenen Winkel

dorten; morgen früh wird sich ja wohl das übrige finden.“

Das war der festeste Schlaf, den der Korporal Sven Knudson Knäckabröd

je schlief, aber der Bub Melchior Rädler schlief gar nicht wieder

ein in dieser Nacht. Solange es noch dunkel war, saß er aufrecht auf

seinem harten Lager und horchte auf das donnernde Geschnarch aus

entgegengesetzter Ecke der Hütte. Und als es dann allgemach licht

wurde, saß er noch aufrecht und blickte stier nach dem Schlafgenossen

hinüber. Als aber die Spitzen der Berge im ersten Lichte des neuen

Tages zu scheinen begannen, da erhob er sich; fuchsartig, verstohlen

beugte er sich noch einmal über den heimgekehrten Korporal und schlich

aus der Tür. In dem Augenblick, wo er sich draußen fand, fing er an zu

laufen; in den weitesten Sätzen sprang er bergab, nach Alberschwende

hinunter, und klopfte und hämmerte wie wahnsinnig an der Pforte seiner

Brotherrin. Nach zehn Minuten befand sich das ganze Haus im hellen

Alarm, und nach einer weitern Viertelstunde, als sich schon der Himmel

im Osten mit schönster Glut färbte, hatte sich der Lärm bereits durch

das ganze Dorf verbreitet.

Noch sprachen zwar die Bequemsten und Ungläubigsten von ihrem Bette

aus: „Der Bub Melchior hat geträumt!“ Allein der Bub Melchior war

seiner Sache eben gewiß, und die Frau Fortunata Madlener war um diese

Zeit schon -- auf dem Marsche zur Lorena empor.

Sie stieg bergan, gestützt, geschoben und gezogen von den stärksten

Händen ihres Haushaltes. Aber auch der schwächere Teil ihres Haushaltes

stieg mit. Daß die Hunde sich nicht ausschlossen, verstand sich von

selber; aber auch das halbe Dorf folgte dem Zuge, und es war freilich

ein sonderlicher Zug durch die graue Frühe, über die taufeuchten

Halden und durch den noch phantastisch in Wolken und Nebel gehüllten

Tannenwald.

„Ich will sanft gegen ihn sein, wie ein eintägig Lämmle“, murmelte

die Taubenwirtin. „O, er soll es schon verspüren, wie sanft ich gegen

ihn sein will; aber gestehen soll er, wo er sich umgetrieben hat.

Was meinst, Aloysle, ob ich es wohl aus ihm herausschmeicheln und

streicheln werd’? Ei, er soll sich schon wundern, wie schön man einem

solchen, wie er, tut, wann er endlich nach Hause kommt. Ah -- oh -- uh,

den Stein überleb’ ich nicht; stemm’ die Schulter an, Kasperle! Sachte,

Fridolin, den Arm braucht er mir nicht ausreißen; -- uh -- oh -- da --

jetzt noch einmal zum letzten -- da wä--ren -- wir -- o--ben!“

14.

Aus dem tiefen Schlafe des Korporals Sven war allmählich ein sehr

unruhiger geworden. Der Bub hatte die Tür der Hütte offen stehen

lassen, und die scharfe Gebirgsluft, die eindrang, mochte wohl mit

schuld daran sein, daß sich der Schläfer unruhig hin und her warf;

allein an dem kuriosen Traum, den er jetzo träumte, war sie jedenfalls

nicht schuld.

Er befand sich mitten im Schlachtgetümmel von Fehrbellin, und sein

guter Kamerad, Rolf Rolfson Kok, hielt zehn Schritte von ihm ab in

derselben Linie, und er sah ihn dann und wann deutlich durch den

Dampf und Regennebel. Sie hatten sich zum letzten Mal gestellt vor

dem brandenburgischen Andrang, ehe sie über die pommersche Grenze

zurückwichen. Er sah alles wie in einem sich wandelnden Bilde: den

weiten Weg von der Havel her, bedeckt mit abgeworfenen Kürassen und

Eisenhüten, zerbrochenen Wagen, halb versunkenen Kanonen und Leichen

von Mensch und Tier, -- und zugleich sah er rundum den letzten Kampf

der Trümmer der tapfern Armada des großen Feldmarschalls Wrangel,

die letzte Aufstellung hinter der Landwehr zwischen Ribbeck und

Hackeberg. Er winselte in seinem Traum; über seinem Haupte flatterten

die Standarten des Regiments Dalwig, und er sah sie deutlich mit ihrer

goldenen Inschrift: _Auro et ferro!_ Da brauste es heran, und

er schrie auf im Traum -- um ihn her schwankte und schwirrte es, er

lag unter den Hufen der Gäule, der Feind ritt über ihn weg, und da --

war er allein auf dem Felde mit dem guten Kameraden, kniete neben ihm,

hielt seinen zerschossenen Kopf im Arme; aber der Korporal Rolf konnte

ihm nimmer wieder die Hand drücken und zunicken, der Korporal Rolf war

tot und nun freilich zu Hause angelangt nach so langem, beschwerlichem

Marsche.

Wie war denn das? der Traum verwirrte alles zu sonderbar! Nun war der

Korporal Rolf wieder nicht tot, sondern der Korporal Sven erblickte

ihn in einem betrüblichen Zuge eiliger Männer, die mit einer Sänfte

fliehend über graue Heidehügel dahinzogen. In der Ferne lag es noch

grauer -- aber das regte sich und bewegte sich -- die See dehnte

sich dorten, und große Orlogschiffe unter schwedischer Kriegsflagge

kreuzten hin und wieder. Aber aus der Sänfte beugte sich ein verwelkt,

kummervoll Greisengesicht, -- das war der glorreiche, sieghafte

Feldherr Karolus Gustavus Wrangel selber, den der Korporal Sven schon

als junger Mensch gekannt hatte in allem Glanz und Triumph. Der

Korporal Rolf war aber doch tot; denn wie er neben der Sänfte des

Generals einherschritt, zog er plötzlich den Reiterhandschuh ab und

legte eine fleischentblößte Faust, die Hand eines Gerippes, auf den

Fensterrand. Da schwankte und schwirrte es wieder um den ächzenden

Sven Knudson Knäckabröd. Die Wolken zogen sich zusammen und stiegen

nieder, aber des Meeres Horizont stieg immer höher auf, immer dunkler,

schwärzer. Und aus den Wassern wurden steinerne, graue Mauern, die

Mauern eines alten, festen schwedischen Schlosses; -- der Korporal Sven

stand unter einer großen Menge bewaffneter Männer in einem düstern

Saal, und in der Mitte des Saales stand ein Block und daneben ein Mann

in schwarzem Kleide und Mantel. Es kniete aber ein anderer Mann vor

dem Block, und wieder ein anderer hatte ihm sanft auf die Knie nieder

geholfen; -- beide waren alt, sehr alt, und beide waren auch Kameraden

seit langen, langen Jahren: der mächtige Konnetable Wrangel und der

brave Korporal Rolf Rolfson Kok. Der Mann im schwarzen Kleid hob sein

mächtig Beil und schlug -- -- da mußte der Korporal Sven Knudson

Knäckabröd in der Sennhütte auf der Lorena freilich wohl erwachen, denn

sie schüttelten ihn, die Leute von Alberschwende, und vor allen anderen

schüttelte ihn derb die tapfere Freundin, Frau Fortunata Madlener, die

Wirtin zur Taube in Alberschwende, und der alte heimgekehrte Sünder saß

aufrecht auf seinem Strohsack und sah sich verstört und blinzelnd um!

Natürlich, nachdem sie ihn nach Herzenslust und Bedürfnis

abgeschüttelt hatten, überschwemmten sie ihn mit einer Flut von Fragen!

Er aber brauchte längere Zeit, um ihnen alles mitzuteilen, was sie,

nicht ohne eine Berechtigung, zu wissen verlangten. Er hatte für

manchen Winterabend, wenn der Schnee erst bis zum Dachrande hinauflag,

genug erlebt: wir jedoch haben hier uns an das Zunächstliegende zu

halten.

„Wo will er gewesen sein, er Landläufer?“ schrie die tapfere Wirtin

zur Taube. „Saget es noch einmal und lüget nicht, Schwen; -- ihr

kennet mich und werdet nicht verlangen, daß ich in dieser Stunde Spaß

verstehen soll.“

„Auf Ehre und Gewissen, Frau Fortuna“, ächzte der Korporal. „Am Rhin

war ich -- zu Hause war ich -- bei den Fahnen, bei dem Feldmarschall --

ja, auf Ehr’ und Gewissen.“

„Schwen, Schwen, ihr lügt, wie ihr es weder vor unseren katholischen

noch euren lutherischen lieben Heiligen verantworten könnet. Stellt

ihr euch auf die Zehen, so könnet ihr den Rhin aus dem Graubündnerland

herfließen und in den See gehen sehen: hab’ ich euch nicht auf sechs

Meilen in die Rund’ suchen und aufbieten lassen? Wie wollt’ ich

euch nicht gefunden haben, wenn ihr nur am Rhi’ die Straßen und die

Wirtshäuser unsicher gemacht hättet! Schämet euch, schämet euch,

Schwen; das hat niemand vor dem Arlberg um euch verdienet, und ich

am wenigsten! O Schwen, hab’ ich euch darum an die dreißig Jahre wie

meinen Bruder, wie meinen Sohn, wie meinen allerbesten Freund gehalten?“

„Bei meiner Ehr’ und Gewissen, Frau; sie nannten im Generalstab das

Wasser, wo wir die schlimmen Schläge kriegten, den Rhin. O, nun lasset

mich ausschlafen; nachher will ich euch gern auf alles des Ferneren

dienen. Nimmer in meinem Leben bin ich so gelaufen, und hab’ so mächtig

Herzeleid erlitten, wie in diesem Jahr. Ich habe sie liegen sehen im

Sumpf und auf den Sandhügeln zu Tausenden, und ich hab’ sie in heller

Flucht gesehen, daß ich blutige Tränen wein’, im Wachen und im Schlafe.“

„Wen habet ihr liegen und auf der Flucht gesehen?“

„Uns -- die wir den Sieg behalten hatten vom ersten Sprung auf den

deutschen Boden an -- Nördlingen ausgenommen.“

„Und wer, saget ihr, hat euch niedergeleget?“

„Der Brandenburger, Frau. Der Kurfürst Friedrich Wilhelm, der Fürst

von Homburg mit dem silbernen Bein, und der Derfflinger, Frau. Ja, da

möcht’ ich wahrlich wohl lügen, wenn es anginge! Die Brandenburger

haben das Feld behalten.“

„Sehet ihr, Schwen, da habe ich euch schon! Eine solche Völkerschaft,

als ihr da nennet, gibt es gar nicht! Nun verantwortet euch noch

einmal vor Gott und den Menschen; da vor der Aloysia, und vor den

Kindern drunten im Ort, die sich nach euch schier die Augen aus dem

Kopfe gegreint haben.“

„Frau, bringet mich nicht auch zum Greinen! Ach, ich wollte, ihr

könntet den Wrangel fragen, dem würdet ihr ja wohl glauben; denn er

war ja hier bei euch Anno siebenundvierzig. Wisset ihr nicht, wie er

Bregenz da unten nahm, und wie wir über den Pfänder aus purem Übermut

zu euch auf Besuch kamen, und wie ihr uns so übel aufnahmet am roten

Egg?! O Frau Fortuna, jetzo lieget der Wrangel tief zu Boden; und

obgleich euch die Geschichte dort bei Fehrbellin nicht so nah’ auf die

Haut brennt, als der Bregenzer Sturm, so möget ihr wohl noch ärger

Viktoria schreien, als damals am Fallenbach über unseren blutigen

Leibern. Auf Ehr’ und Gewissen, Frau Fortuna, die Brandenburger haben

den großmächtigen Konnetable Wrangel niedergeleget in dem Rhinluch,

und der Generalfeldmarschall Derfflinger hat über mich gelacht nach

der Schlachtung und mich aus Spaß ranzionieret auf dem Markte zu

Fehrbellin, als ich mich bei ihm bedankte, weilen er mich auf der

Rathenower Brück’ nur mit der Faust traktierete. Er hat mir auch sechs

Brandenburger Taler aus Generosität geschenkt, damit bin ich heimkommen

zu euch; -- ach Gott! ohne den Rolf, den tapfern Herzbruder, den

Korporal Rolf Rolfson Kok, den die Spießbürger zu Lindau das Gockele

nannten und zum Hafenvogt gemacht hatten, weil sie nicht wußten, was er

wert war. Ach Gott, wir haben ja beid’ zusammen das Heimweh zu Lindau

in der Krone gekriegt; aber ich allein bin zurückkommen von unserem

Marsche zu den Fahnen; -- der gute Korporal Rolf Rolfson Kok, der liegt

verscharrt an der Landwehr bei Hackeberg.“

Die alte Taubenwirtin und Oberkommandantin vom Fallenbach schüttelte

bedenklicher denn je den Kopf:

„Jetzt wär’s mir am End’ gar noch ein Gaudium, wenn ich ihm glauben

dürft’“, murmelte sie. „Als wir um die Weihnacht sechsundvierzig

allhier bei Tag und Nacht zu Haufen standen und bei Tage den Rauch, bei

Nacht den roten Feuerschein rund um den See sahen, da war’s ja freilich

der Wrangel der uns die grausame Angst, das Zittern und Beben schuf.

Schwen, Schwen, euch traue ich noch lange nicht; aber wenn das wahr

wär’ mit dem Wrangel -- -- -- Schwen, ich sage euch, ich erfahr’ es

noch, ob es wahr ist, daß es solch’ ein Volksspiel gibt, von welchem

ihr gelogen habt und was euch eure Sünden so derb heimzahlte! Ich

erfahr’ es, und nachher wollen wir weiter sehen.“

„Geträumt habe ich es nicht, Frau, verlasset euch drauf; obgleich es

mir jetzo wahrlich so zu Mute sein könnt’, als sei das alles, was ich

erleben mußte auf dem Marsche, nur das Gespinste einer boshaftigen

Trold gewesen, so sie mir nächtlicher Weile über den Kopf und das

Hirn geworfen hätt’. Ich hab’ wahrhaftig nicht gewußt, wie weit ich

von euch und der Aloysia und den Kindern abkäm’, als ich euch vor’m

Jahr auf dem Gebhardsberg bei den Gevatterinnen ließ und allein meines

Weges am See hin lustwandeln ging! Ich konnt’ es doch sicherlich nicht

wissen, wer zu Lindau auf der Hafenmauer sechsundzwanzig Jahre lang auf

mich wartete! Und dann -- dann war da die Krone, und der vom Regiment

Strozzi, der Titinio Raffa, und die Kugel -- unsere Kugel am Gebälk,

und das Bildnis des Feldmarschalls -- unseres Feldherrn! Saget selber,

wie weit wäret ihr gelaufen, Frau Fortunata, wenn euch das Heimweh also

ans Herz gegriffen hätt’? Und saget, bin ich nicht um euch heimkommen,

als alles aus war, in alter Freundschaft und Dankbarkeit?“

„Nun soll ich ihm gar noch eins drauf zu gute tun“, sprach die Frau

Wirtin zur Taube, aber der Korporal Sven Knudson Knäckabröd faßte jetzt

plötzlich ihre Hand, schüttelte sie wacker und rief:

„So ist es, und es wird das Beste sein. Und Frau -- es ist doch ein

Vergnügen, euch allda so dick und stattlich sitzen zu sehen, und jetzo

-- saget, wie ist es denn euch ergangen in dem Jahre, wo ich mit dem

armen Korporal Rolf auf dem Marsche nach Hause war?“

„Lieber Himmel, Schwen, bei uns hier im Walde ist noch alles beim

alten. Seit wir Anno siebenundvierzig gegen euch auszogen, hab’ ich

nichts von Merkwürdigkeiten erlebt, als heut’ eure verwunderliche

Historie. Nach dem andern müßt ihr die Aloysia und die Kinderle fragen,

und -- na -- weil es denn eben so ist, und ich es doch nicht ändern

kann, so -- +grüeß di Gott daheim, du alter Schwed’!+“

[Illustration]

Fritz Reuter:

Woans ick tau ’ne Fru kamm.

Mit freundlicher Erlaubnis der Verlagsbuchhandlung abgedruckt aus

dem 3. Bande der „Sämmtlichen Werke“ von Fritz Reuter (Wismar:

Verlag der Hinstorffschen Hofbuchhandlung, 1902).

Woans ick tau ’ne Fru kamm.[1]

Nah de Hochtid[2] hett ’t en Enn’;[3]

Vör de Hochtid möst du s’ wenn’n.[4]

Ick was mit de Wil[5] en ollen Knaw’[6] worden, ick was in de Welt

’rümme schält[7] worden, hir hen un dor hen, ick hadd minen Kopp[8]

männigmal[9] up en weiken Pähl[10] leggt[11] un männigmal up en Bund

Arwtstroh;[12] äwer as ick öller[13] würd, geföll[14] mi dat Arwtstroh

lang’ nich mihr so gaud[15] as in mine twintiger Johren,[16] denn wer

in sin Kinnerjohren girn gele Wörteln ett,[17] versmad’t[18] dorüm in

sinen Öller[19] grad keinen Gaus’braden.[20] -- De Lüd’ säden:[21]

„Frigen“,[22] un ick säd: „Bedenken“, un gung[23] üm den heiligen

Ehestand herümmer, as de Voß[24] üm de Gaus’bucht,[25] un dacht:

„Hewwen müggst[26] du woll ein’! ’Rin kümmst[27] du dor sacht ok![28]

äwer wenn du s’ di irst[29] upsackt[30] hest, kümmst du denn[31] ok

wedder ’rute?“[32] -- Wenn ick denn äwer wedder an den Gastwirt sinen

ewigen Swin- un Hamel-Braden[33] dacht, un dat dat in mine Stuw’[34]

utsach,[35] as up de leiwe[36] Gottesird’[37] +vör+ den irsten[38]

Schöpfungsdag, un dat mi de ein oll ßackermentsche Knop[39] ümmer

afret,[40] denn säd ick: „Frigen“, un denn säden de dummen Lüd’ wedder:

„Bedenken“. So satt[41] ick denn ümmer twischen Bom un Bork;[42] un de

bedenklichen Johren fungen all an,[43] mi gris[44] äwer den Kopp tau

wassen,[45] dunn stah[46] ick mal an ’n Aben[47] un heww mi ’ne Pip[48]

Tobak anstickt[49] un kik[50] in ’t Weder.[51]

De Snei[52] fisselt[53] so sachten von den Hewen dal,[54] buten[55]

is dat so still, kein Wagen is tau hüren,[56] blot[57] in de Firn[58]

klingelt en Släden,[59] un mi ward gor tau einsam tau Maud,[60] un

dortau is ’t heilig Christabend. -- As ick noch so stah un verluren

dörch de Ruten[61] kik, tuckt[62] min Schauster[63] Linsener mit

en Handsläden vull Holt[64] vör sine Dör,[65] wat hei sick in den

Stadtholt sammelt hett, un baben[66] up den Släden liggt[67] en

gräunen[68] Dannenbusch. „Nu kik den Racker!“ segg[69] ick. „Hei sall

mi dat anner Por Stäweln[70] maken,[71] un hei karjolt[72] tau Holt!

Likdürn[73] hett hei mi all anschaustert, ick lat[74] bi den Kirl[75]

nich länger maken!“ -- So stah ick denn noch ’ne Wil,[76] un dat

schuddert[77] mi denn dörch de Glieder un gruselt mi den Puckel dal,

un ick segg tau mi: „Natürlich!“ segg[78] ick. „En Snuppen,[79] en

dägten[80] Snuppen! Un worüm ok nich? De Stäweln sünd intwei,[81] un

mit de Wull,[82] de ick Fru Bütow’n gewen heww, stoppt sei ehr eigen

Strümp, un min hewwen keinen Bodden.[83] All’ns in de Welt geiht[84]

natürlich tau.“ -- So stah ick, bet[85] dat düster[86] ward, un as ick

Licht ansticken will, kann ick ’t Füertüg[87] nich finnen,[88] un as

ick ’t funnen[89] heww, will de Lamp’ nich brennen: Fru Bütow’n hett

den Dacht[90] nich putzt, un as ick t’ Ding kümmerlich in den Tog[91]

heww, geiht s’ mi snubbs vör de Näs’[92] ut, Fru Bütow’n hett kein Öl

upgaten.[93] In so ’ne Umstänn’[94] is dat schön, wenn Einer glik[95]

tau Hand is, den man düchtig utschellen[96] kann; ick hadd äwer Keinen

tau Hand, un wat süll ick dauhn?[97] Ick kek[98] also wedder ut dat

Finster.

Bi de Schausterlüd’ was dat hell worden, un in de Stuw’ was dat en

lustig Lewen un en Juchen: äwer seihn künn[99] ick nicks, denn de

Gardinen wiren tautreckt.[100] „Nu kik den Schauster!“ säd ick.

„Ordentlich Gardinen!“ -- Ick hadd kein Gardinen, Fru Bütow’n

verstunn[101] sick nich up Gardinen; sei hadd mi in de irste Tid[102]

mal weck anbünzelt,[103] de segen ut as[104] ‚unnen nicks un baben

nicks‘[105] un ick hadd s’ afreten,[106] as mi de Lüd’ frogen,[107] ob

ick an min Finster Kinnerhemden drögen let.[108] Natürlich argert ick

mi denn nu äwer den Schauster: de Kirl makt[109] mi min Stäweln nich

un wull lewen,[110] as en Graf, un ick satt in ’n Düstern ahn[111]

Gardinen un mit en Snuppen in den Liw’.[112] Ick mak mi denn up de

Bein’ un gah äwer de Strat[113] un denk: „Täuw![114] Sallst[115] den

Kirl en düchtigen Zopp maken!“[116]

Deutsche Humoristen, 1. Band (von 8) · 第 6 / 11 段