Signor, Kamerad. O Sven, Sven, auch mir steigt es warm und heiß und
immer heißer herauf. Stelle dir vor, daß das alte Schweden da so ruhig
an seiner Stelle liegen geblieben ist, mit allem, was dazu gehört,
und daß wir so weit in der Welt herumgekommen sind zu Roß und zu Fuß,
als Sieger und als Gefangene der Weiber und Spießbürger! Es drückt
mir das Herz ab, wenn ich jetzt auf das helle Wasser sehe und denke
an die Ostsee und die große Flotte und den großen König Gustav, und
wie wir landeten, die Mannen aus allen Provinzen, Ost- und Westgoten,
Dalkarlen, Finnen, und sogar die einfältigen, albernen Lappen! Wenn
ich dran gedenk’, wie wir niederknieten, Gott zu danken, dann wieder
aufstanden und an die Arbeit gingen und dabei blieben achtzehn Jahre,
achtzehn lange glorreiche Jahre durch! O Bruder Sven, die Schweizer
dorten, die reden immer von ihrem Heimweh, auch wenn’s niemand
verlangt; aber du, Sven, hast mir das Heimweh heute mitgebracht! Ach
Schweden, Schweden! Sven, möchtest du nicht auch nochmalen die blauen
und die gelben Regimenter in Linie sehen mit der Sonne auf den Helmen
und Kürassen und den Herren Generals und Obristern vor der Front?“
„Sei still, ich komme um!“ winselte der Korporal Sven Knudson
Knäckabröd. „Ich habe die Kühe gemelkt und saß zwischen den Käsen, bis
gestern morgen; und sie schulterten bis an die Weser vor den gewonnenen
Städten, sie schlugen weiter gegen die Polen und gegen die Jüten!
+Sie+ schlugen bei Warschau drei Tage lang, sie marschierten über
das Eis nach Seeland; um Kopenhagen lagen und ritten sie. +Sie+
schlugen die Russen, und ich hab’ das alles erst heut’ abend durch dich
und den welschen Signor erfahren, und ich ließ mich von den Weibern
fangen und zum Kinderwarten abrichten, anstatt den Verband abzureißen
und in Ehren zu sterben!“
„Du hast es doch noch gut gehabt, Kamerad. Du saßest da in deiner
Wildnis und sahest nichts und hörtest nichts, und alle die guten Dinge,
von denen du eben sprachst, sind dir freilich erst heute abend zu
Kopf gestiegen. Mir aber hat bis zu dieser Stunde die Kugel unseres
Feldherrn in der Krone auf dem Herzen gelegen. Ach Korporal Knäckabröd,
was meinet ihr, wenn wir den Weg fänden?“
„Den Weg wohin?“ schrie der Hirte von der Lorena.
„Den Weg nach Hause! Den Weg zu den Fahnen mit dem Löwen von
Mitternacht!“ schrie der Hafenwärtel von Lindau emporspringend.
„Korporal -- Kamerad, Herzbruder, wenn wir zur rechten Zeit kämen,
um noch einmal -- vor Torschluß, Sven! -- noch einmal, einmal in
Reih und Glied zu treten?! Der Karl Gustav, der Wrangel, unser
General ist ja wieder an der Spitze; der nicht jünger ist als wir!
Der Wrangel marschiert, der Wrangel, mit dem wir hierher kamen! Das
ist das Heimweh, Kamerad, und wir gehen, Kamerad -- wir marschieren,
Herzbruder; wir desertieren -- wir gehen zum Wrangel -- in dieser --
Nacht noch!“
„In dieser Nacht noch!“ ächzte der Kriegsgefangene der Frau Fortunata
Madlener zu Alberschwende und drückte beide Fäuste auf die Augen. Dann
sprang er von dem Geschützlauf empor und sang im halben Wahnsinn des
höchsten Jubels in die Mondenscheinnacht hinaus:
„Auf Dovrefield im Norden
Liegen die Kämpfer ohne Sorgen.
Ruhe im Glied!... wir gehen zum Wrangel! o wenn es doch wahr wär’, wann
ich morgen früh aufwache!“
„Hast du ein Eigentum, drüben bei den Hirten im Gebirge, Sven?“
Der Korporal schüttelte den Kopf und schob die Hände tief in die leeren
Hosentaschen.
„Ich hab’ in meinem Turm dorten aller Welt Schätze,“ grinste Rolf
Rolfson Kok; „einen Tisch, einen Stuhl, einen Strohsack, eine Muskete,
ein halb’ Dutzend Angelruten und allerhand Netzwerk, drei Töpfe, eine
Pfanne und einen Finken im Bauer. Den Vogel lass’ ich fliegen, denn
wir fliegen ja selber; -- dreißig Gulden hab’ ich auch, die hol’ ich,
und alles andere vermache ich dem Rat und der Bürgerschaft von Lindau.
In zehn Minuten sind wir reisefertig. Dort liegt mein Kahn, -- in zehn
Minuten schwimmen wir auf dem See und, weißt du, in Nonnenhorn landen
wir und müssen dann sehen, wie wir den Weg weiter finden. Courage,
Alter; sitze still, bis ich wieder komm’. Jetzt mach’ ich den Kehraus
in meinem Quartier, und morgen früh sind wir weit hinaus auf dem
Marsche nach Hause!“
9.
Am folgenden Morgen war die Verwunderung nicht nur des Rates, sondern
auch der ganzen Stadt Lindau im Bodensee groß ob des Verschwindens
ihres schwedischen Hafenvogtes. Die Kinder in den Gassen kannten
den Meister Gockele, und die Alten waren mit seiner bärenhaften
Erscheinung und seinem zerfetzten und zusammengeflickten Deutsch auf
dem vertraulichsten Fuße. Es war in der Tat kein Wunder, daß man
den Korporal Rolf Rolfson Kok sehr vermißte, sowohl in den Gassen
der Stadt, wie in ihren behaglichsten und berühmtesten Schenken und
Gaststuben.
„Und zur Zeit der Rädle noch gar?!“ murmelten die erfahrenen und
gewiegten Zechkumpane. „Zur Zeit, wo der Neue schon an die Türe pocht!
es ist nicht auszudenken. Ja, wenn der See den Leichnam nicht bald
ausspült, so ist es sicher, daß der böse Feind das Gockele am Fittig
nahm. Aber er war doch ein guter Kamerad; -- Schade um ihn.“
War die Aufregung groß ob des Verschwindens des Korporals Rolf in
der freien Reichsstadt Lindau, so trat sie doch vollständig in den
Schatten vor dem Lärm und Aufruhr, welchen das Verschwinden des
Korporals Sven jenseits des Fürberges hervorrief. Es war eben ein
anderes, ob jemand für die volkreiche Stadt Lindau, und ein anderes,
ob jemand für das Dorf Alberschwende und die Lorena verloren ging. Die
gesellschaftlichen Zustände litten an den letzten beiden Orten viel
mehr darunter als an dem erstern, und die Wirtin zur Taube war nicht
ohne einige Berechtigung um ein Bedeutendes giftiger, betrübter und
jähzorniger als der Rat und die Bürgerschaft der freien Stadt.
Wir müssen darauf verzichten, die Gefühle der Frau Fortunata, der Frau
Aloysia und der drei hübschen Schmelgen zu schildern, als sie am Abend
des verhängnisvollen siebenten Augustes anfingen, nach dem Korporal
sich umzusehen, und sie ihn nicht fanden.
Anfangs suchten sie mit Lachen, allein das dauerte nicht lange. Mit dem
Ingrimm einer erzürnten Löwin hub die Frau Fortunata an, ihr Beutestück
im Kreise ihrer Bekannten und Freunde auszuschreien. Auch die Freunde
und Bekannten machten sich auf die Jagd, wenn auch mit einem geheimen
Mitleid in Betreff des Geschickes des schwedischen Mannes, sofern
er in ihre und der Taubenwirtin Hände gegeben werde. Da blieb kein
Busch am Gebhardsberge ununtersucht, sowie auch keine Schenke in der
trefflichen Stadt Bregenz unter dem Gebhardsberge. Wenig hätte gefehlt,
so wäre die Bürgerschaft aufgeboten worden, den Flüchtling (denn daß
der Gesuchte ein Flüchtling sein mußte, war am folgenden Tage jedermann
klar) zu verfolgen und tot oder lebendig einzubringen.
Drei Tage und drei Nächte hielt sich die Taubenwirtin am Gestade des
Sees auf der Suche, und erst am vierten Tage gab sie in vollkommener
Verzweiflung die Hoffnung auf, den Deserteur und Verräter an Treu und
Glauben wieder zu erlangen; sie trat in Grimm und Zorn die Heimfahrt
in den Wald an, und für längere Zeit hatten nun die Hausgenossen
und Hausfreunde für das zu büßen, was der undankbare Schwed’, der
nichtsnutzige Korporal Sven Knudson Knäckabröd, gesündigt hatte. Und
was das Schlimmste war, es existierten noch einige verwitterte und
verwetterte Veteraninnen aus dem Jahre 1647, welche sämtlich nunmehr
vor die Wirtin zur Taube, die Oberkommandantin, hintraten, das
glorreiche Gefecht am roten Egg wie in der Chronika nachschlugen und
kreischend behaupteten: das hätten sie schon damals vorausgesagt, und
jedes ordentliche Wäldlerweib hätte schon damals sagen können, daß das
so kommen würde.
Aber wie es in allen menschlichen Zuständen und Angelegenheiten zu
gehen pflegt, so ging es auch hier. Der Lauf der Tage nahm seinen
gewiesenen Gang, und selbst ein so großes, merkwürdiges und unerhörtes
Ereignis, wie dieses Verschwinden eines Menschen, der sich über
sechsundzwanzig Jahre hinaus so brav hielt, versank in dem Strudel der
Arbeit, in dem täglichen Kampfe mit den tausend Verdrießlichkeiten
und Freuden des Daseins. Man sprach allmählich immer weniger von dem
Korporal Sven, wenn man auch noch häufig genug an ihn dachte, und er
immerhin ein ausgiebiges Thema der Unterhaltung für jegliche müßige
Stunde blieb. Die Kinder der Frau Aloysia Unold grämten sich zuletzt
doch am meisten um den alten, grauen, wackern Spielkameraden, den guten
Gesellen von der Lorena; wir aber werden vor allen Dingen jetzo sehen,
wo er mit seinem eigenen grauen, alten, wackern Kameraden, dem Korporal
Rolf Rolfson Kok, geblieben war, und was er befuhr, nachdem er sich
aus der Heimat in die Fremde fortgeschlichen hatte, um in der Fremde
die Heimat, das heißt die alten glorreichen Kriegsfahnen und den alten
Feldherrn Karolus Gustavus Wrangel aufzusuchen.
10.
Pasewalk ist eine schöne Stadt; fraget nur die geborenen Pasewalker
darnach! Im Jahre 1674 soll es eine noch viel schönere Stadt gewesen
sein, doch das ist schwerlich heute noch auszumachen. Jedenfalls war
es im November des ebengenannten Jahres eine recht lebhafte Stadt,
denn der Feldmarschall Karl Gustav Wrangel hatte sie zum Sammelplatz
der Truppen, mit welchen er im folgenden Monat in die Mark Brandenburg
einfallen wollte, auserkoren. Von Pasewalk aus war er denn auch
richtig im Dezember mit 14000 Mann über die Grenze aufgebrochen,
hatte Stargard, Landsberg, Wriezen, Ruppin und so weiter genommen,
brandschatzte und plünderte nach alter gewohnter Art sachverständig
und mit Vergnügen, und ließ es sich in Abwesenheit Kurfürstlicher
Durchlaucht so wohl als möglich innerhalb dero Grenzpfählen sein.
Auch Rathenow ist eine schöne Stadt und wurde im Anfange des Monats
Juni des Jahres 1675 ebenfalls recht lebendig; denn um jene Zeit
rückte der Herr Obrister von Wangelin mit sechs Kompagnieen Dragoner
von seinem eigenen Regiment und einiger Infanterie von einem andern
Regiment dort ein, machte es sich gleichfalls darin recht gemütlich
und dachte an nichts Böses. Die Seinigen aber folgten in allen
Dingen seinem Beispiele, ohne auf die Gefühle und Behaglichkeit der
Bürgerschaft die mindeste Rücksicht zu nehmen.
In oder vielmehr vor der Stadt Rathenow finden wir unsere beiden guten
Freunde aus der Krone zu Lindau im Bodensee, die Korporale Sven Knudson
Knäckabröd und Rolf Rolfson Kok, genannt Meister Gockele, richtig und
für jetzt gottlob noch in guter Gesundheit wieder. Aber um die Stelle
zu beschreiben, an welcher wir sie finden, ist eine Beschreibung der
Lage der Stadt Rathenow unbedingt notwendig, obgleich wir das ziemlich
kurz machen können. Die Stadt Rathenow liegt nämlich an der Havel,
welche in zwei verschiedenen Armen daran vorüberfließt; und um zu den
morschen, an verschiedenen Stellen eingefallenen Mauern und zum Tore zu
gelangen, hatte man die beiden Arme und den dadurch gebildeten Werder
zu passieren, und zwar vermittelst zweier größerer Zugbrücken und
mehrerer kleinerer Brücken.
An der ersten Zugbrücke, das heißt, der am meisten nach Westen zu
gelegenen, hatte in der Nacht auf den 15. Juni alten und 25. neuen
Stils der Korporal Rolf Kok von Wangelin-Dragoner die Wacht mit sechs
Mann, und der Korporal Sven Knäckabröd leistete ihm Gesellschaft.
Da waren sie denn! --
In Wehr und Waffen, wie sie es auf der Hafenmauer von Lindau geträumt
hatten, saßen sie wieder an einem schwedischen Wachtfeuer und hielten
sie wieder einmal den vorgeschobenen Posten gegen den Feind.
Sie saßen dicht nebeneinander an den verglimmenden Kohlen, die
beiden braven alten Grauköpfe, und wachten hellen Auges, während
ihre Mannschaft, bis auf den Posten unter dem Gewehr, ruhig auf den
zusammengetragenen Strohbündeln im tiefen Schlafe lag. Es war gegen
zwei Uhr Morgens, der Havelnebel lag weiß und dicht auf dem Flusse und
den weiten Bruch- und Moorgegenden ringsum; aber man merkte doch, daß
die Dämmerung nicht fern sein konnte. Die hohen Pfeiler der Zugbrücke
standen bereits ziemlich klar hervor aus dem weißen Nebel, und die
schwedischen Reitersmänner hatten bis jetzt eine ruhige Nacht gehabt.
„Wie die machten wir auch sonst, Bruder Sven,“ sprach jetzt der
Korporal Rolf, auf seine schnarchenden Dragoner weisend. „Das ist
vorbei; wir sind zu alt dazu geworden, Kamerad; aber es hat auch sein
Gutes, man sitzt und schwatzt, und eine Pfeif’ Toback am Feuer ist auch
was Liebliches. Vor dreißig Jahren schmauchte man noch nicht so stark
in den Armaden als heute. Das ist auch was Neues.“
Er reckte und dehnte sich, während der Kamerad nur behaglich wie ein
alter Hund unterm Ofen knurrte.
„Sven“, fuhr der Korporal Rolf fort, „tu’ auch was zur Unterhaltung.
Jetzt haben wir doch das Leben wieder durchgeprobt; nun sag’, wo
sitzest du lieber, -- hier unter den Kürassen und Eisenhelmen oder
dort, -- da -- dahinten, da oben in deinen Bergen zwischen den Ziegen
und Böcken und sonstigem Rindvieh? Bruderherz, sag’ an, wie gefällt dir
dein jung-alt Leben?“
„Es ist nicht auszusagen, Wachtkommandant! Man kann nur immer von
neuem darüber nachsinnen, und man hat dann doch auch dazu wieder keine
Zeit. Ich bin noch lange nicht mit der glücklichen Stunde fertig, wo
wir wieder unter der Fahne anlangten, und der Posten uns im Lager
von Pasewalk die Parole abforderte. Ja Parole hin, Parole her! Die
Parole hatten wir freilich nicht, aber unsern Ausweis hatten wir doch
parat, und die Kniee beben mir jetzt noch, wenn ich an die Rührung
denk’, mit welcher wir ihn von uns gaben. Versprengt beim Sturm auf
Lindau! Gefangen in den Bergen Anno siebenundvierzig, nach dem Sturm
auf die Bregenzer Klause und Burg Hohenbregenz! Das gab ein Zulaufen
und Maulaufreißen bei Offiziers und Gemeinen! Und es war dazu ein Weg
gewesen, ein richtiger Weg im Zickzack, auf welchem wir angelangt
waren, vom Bodensee bis an den Ukerfluß! Und lauter junge Gesichter in
den Regimentern, und selbst die alten unbekannt, und kein Hauptmann,
Leutnant oder Feldweibel, so uns den weitern Weg in das gute alte Leben
weisen konnte vor Staunen und Wunder. Das Herze zittert mir immer
von der Stunde, Korporal Rolf!... Ach, der Wrangel, der Wrangel, das
war das größte Glück, daß der Feldmarschall, oder wie sie ihn jetzt
nennen, der Konnestable, zu Handen war und uns aufnehmen konnt’! Ja,
des Feldmarschalls Gnaden, die mit uns und dem König über die See
gekommen waren, wußten, was mit uns anzufangen sei, Preis und Glorie
über den Karl Gustav! Er hat uns die Hände geschüttelt und in seinem
Quartier an seinem Tische niedersitzen lassen. Alle großen Offiziers
und Kommandanten haben uns als reine Wundertiere angestarrt, und der
Konnestable hat uns zugetrunken, und alle großen Generale haben uns
auch zugetrunken, und nachher hat uns das Volk, Reiter und Infanterie,
auf den Schultern durch die Lagergassen getragen. Vivat Schweden!
Schweden und die schwedischen Helden zu Roß und zu Fuß immerdar! Rolf
Kok, nachher hab’ ich oft gedacht, in der gloriosen, leuchtenden Stunde
hätten wir sterben sollen. Ich glaube, sie hätten alle Fahnen über uns
gesenkt und mit allem Geschütz uns nachgefeuert, als ob wir selber die
berühmtesten Generale gewesen wären.“
„Freilich wäre dieses eine großmächtige Ehre für uns gewesen“, meinte
der andere nachdenklich, „aber Sven Knudson Knäckabröd, es ist auch
so, wie es jetzo ist, recht angenehm. Hat nicht der Oberst Wangelin
vor der Front von seinem Regiment gesagt, es sei eine mächtige Ehre
für ihn, daß wir bei ihm zu Pferde stiegen? Und wir sind zu Pferde
gestiegen, Sven; du, weil du in deinen Bergen eben lange genug auf der
Kuh geritten hast; ich, weil ich vordem dem Rate zu Lindau auch als
Feuerreiter aufgewartet habe. Wir sind zu Pferde gestiegen, Korporal
Knäckabröd; -- nachdem wir lange genug im verzauberten Schlaf lagen,
sind wir endlich als junge Burschen wieder aufgewacht und aufgesessen.
Ist es nicht so? Und als es neulich über die Grenze ging, nach alter
Weise mit fliegenden Standarten, Pauken und Trompeten, haben wir uns da
nicht gefühlt wie die Jüngsten? Haben wir da nicht die Hüte geschwenkt
wie die jüngsten Jungen bei der Bagage? Daß wir heute einen roten Rock
tragen, ist mir freilich nicht so lieb, als wenn wir noch im gelb und
blauen Koller auszögen; aber es ist einerlei: vivat die Helden aus
Mitternacht! vivat der glorreiche, ewig siegreiche Karl Gustav, der
Feldmarschall Wrangel! Und eine Lust war’s doch auch, daß wir mit
einreiten durften in die Städte, nach alter Art: in Landsberg, Krossen,
Wriezen und wie sie sonsten heißen; und ein Pläsier ist es, daß wir --
wir, Korporal Sven, heute diese Wacht halten an der Havel gegen die
Brandenburger.“
„Gegen die Brandenburger“, lachte höhnisch der Korporal Sven
Knäckabröd. „Bah, wo sind sie denn, diese Brandenburger? Wirf einen
Groschen da in den Nebel hinein, so weit du kannst, und such’ ihn
nachher! So kannst du auch nach den Brandenburgern suchen, Rolf Rolfson
Kok.“
„Nein, Sven, sie sollen sich doch ziemlich brav gehalten haben am
Rhein gegen die Franzosen. Ich hab’ mich hier und da umgehört und
mancherlei vernommen; die Herren Offiziers und Politici munkeln
allerlei. Wir haben uns eigentlich diesmal das Spiel doch ein wenig zu
leicht gemacht. Der welsche Signor in der Krone war auch ein Politikus,
und was er von der Katz’ und den Mäusen gesagt hat, das ist nicht
ohne. Bruderherz, ich gäb’ viel darum, wenn dieser Kurfürst Friedrich
Wilhelm bald zu Hause wieder einsähe, und zwar mit Macht und Gewalt.
Um Kinderspiel sind wir doch den weiten Weg nicht hergekommen, und ich
sage dir, Kamerad, ich hoff’ auf den Kurfürsten wie auf eine Braut, und
ich hoffe, er bringt das doppelte unserer Armada mit, daß wir doch Ehre
davon hätten. Bruder Sven, es wär’ mir ein Ekel, wenn das Spiel bis zum
Ende zu leicht blieb, und wir gewonnen! schrieen, wie ein Lagerweib
über einen gestohlenen Unterrock.“
„Da tröst’ dich, Herzbruder Rolf; auch ich habe mich unter den
Politikern umgehört und das Meinige in Erfahrung gebracht. Auf dem
Marsche nach Hause und gegen uns sind sie; aber daß es ein weiter Weg
vom Rhein bis an die Havel ist, das haben wir ja auch gespürt. Mir
ist’s auch lieber, wir rufen Viktoria auf einem ordentlichen Felde,
als daß wir uns wie der Fuchs in den Taubenschlag geschlichen haben
sollten, und niemand vorhanden wäre, dem es am Herzen läge, uns zu
verjagen.“
„Wie geht ihr Weg eigentlich? Kannst du mir das in den Sand malen?“
„Nein, solches vermag ich nicht; aber ich zähl’ an den Fingern unsern
eigenen Marsch ab und vermeine, wir haben auch unsere Zeit gebraucht.
Sie kommen wie wir durch der Schwaben Land, auch durch des Bischofs
von Würzburg Grenzen, und nachher durch der Thüringer Berge. In der
Stadt kalkulierten sie gestern beim Landrat von Briest, sie möchten
vielleicht schon bei Erfurt stehen. Geduld’ dich noch ein paar Tage,
Kamerad Rolf; dann magst du nach deinen Pistolen sehen und das Schwert
in der Scheide lockern.“
„Das gebe der Himmel zu unserem und Schwedens Ruhm“, sprach der
Korporal Rolf Kok, und --
„Halt! Werda?“ rief in dem nämlichen Augenblick der Posten an der
niedergelassenen Brücke und warf den Karabiner schußgerecht vor.
11.
Der Nebel lag noch dicht und schwer auf Fluß und Land, der Morgen
zögerte noch immer; man sah kaum zehn Schritte weit hinaus auf die
Landstraße, die nach dem Dorfe Böhne und weiter nach Genthin, und über
Parchen nach der Elbe und der Stadt Magdeburg zu führte.
„Wacht heraus!“ schrie der Korporal Rolf aufspringend und zugleich den
nächsten seiner süß schlafenden Dragoner an der Schulter rüttelnd. Wie
ein grauer Schatten trabte ein Reiter durch den Dunst an, zwei andere
folgten, dann ein Haufen, und man vernahm das Stampfen einer größeren
Kavallerieabteilung im raschen Anmarsch.
Das kleine Häuflein der Schweden hatte sich schnell auf der Brücke in
Linie gestellt; die beiden Korporale mit dem Posten in der Front. Aber
schon parierte der vorderste der schattenhaften Reiter seinen Gaul
dicht vor den Karabinermündungen und rief:
„Versprengte vom Regiment Bülow! Haben die Brandenburger dicht auf den
Fersen! Gebt Raum, die Pferde sind abgehetzt, wir halten die Straßen
nicht länger und müssen in die Stadt!“
Es war eine alte, heisere Stimme, eine Stimme wie die der beiden alten
Korporale Sven und Rolf, welche das hervorstieß, und der Mann auf dem
wirklich schweißtriefenden, abgehetzten, schnaubenden Gaule war auch
alt und grau verwettert. Er trug einen dunkelblauen Rock über dem
Brustküraß, einen breiten, an der Seite aufgeklappten Dragonerfilz,
doch ohne Feder und Kokarde. Er trug mächtige Stulphandschuhe und
Reiterstiefel, doch keine Feldbinde, und wie seine nun allgemach auch
heranreitenden Begleiter trug er das Schwert in der Scheide.
„Schnell, schnell, Kamerad von Wangelin! Wir hängen seit dreien Tagen
in den Sätteln und halten uns kaum mehr. Es pressiert -- laßt uns
durch.“
Die beiden Korporale sahen sich zögernd an.
„Gebt die Parole, Herr!“
„Wir sind drei Tage von der Armee. Sahen die Brandenburger bei Burg
auf dem Marsche. Wie können wir euch die Parol’ vom gestrigen Abend
geben? Macht Platz, ich sag’ euch, Wachtkommandant, der Oberst Wangelin
ist mein guter Freund. Er liegt zum Wahrzeichen mit euch drüben in
Rathenow, und ich bin Leutnant im Regiment Bülow. Jetzt haltet uns
nicht länger auf!“
„Was sagt ihr dazu, Korporal Knäckabröd?“ fragte der Korporal Kok.
„So arg wird’s doch nicht pressieren!“ sagte der Korporal Sven; in
demselben Augenblick aber richtete sich der alte Blaurock im Sattel auf
und schrie krächzend:
„Also nicht? Na, dann hol’ der Teufel die Höflichkeit! Wer ist denn
hier eigentlich zu Hause? Ihr oder wir?“
Ein Faustschlag krachte nieder auf die unglückliche Nase des weiland
Kriegsgefangenen der Frau Fortunata Madlener, Wirtin zur Taube zu
Alberschwende im Bregenzerwalde, daß er besinnungslos zu Boden stürzte.
In dem nämlichen Moment stießen sämtliche Reiter ihren Pferden die
Sporen in die Flanken; zur Rechten und zur Linken flog die schwedische
Wache an der ersten Havelbrücke vor Rathenow zur Seite, oder wurde
niedergeritten.
„Der Derfflinger! der Derfflinger!“ rief einer der drei Leute, welche
sich mit dem Korporal Rolf Rolfson Kok im eiligen Laufe der zweiten
Brücke und der Stadt zu retteten und ihre Büchsen im Lauf hinter sich
abschossen.
„Der Derfflinger! der Derfflinger!“ murmelte der Korporal Kok, zu
Lindau im See das Gockele genannt, betäubt, fortgerissen, unfähig
sich zu besinnen, unfähig selbst, einen Augenblick an das Schicksal
seines guten, alten Kriegskameraden zu denken. Und es war wirklich
der Generalfeldmarschall Derfflinger, der vom Rhein her als der erste
an der Havel anlangte, das Hausrecht gebrauchte, die erste Brücke vor
Rathenow auf die eben beschriebene Weise nahm und nun vor der zweiten
Brücke, welche er natürlich aufgezogen fand, seine Dragoner absitzen
ließ und in Hast und Ungeduld über der trübe unter seinen Füßen
dahinschießenden Flut fast vergehen wollte.
Es hätte des Faustschlags des greisen Generalfeldmarschalls gar nicht
bedurft, um den armen Korporal Sven zu überzeugen, daß die Welt im
Begriff sei, unterzugehen. Nah und fern klangen die Trompeten, oder wie
der Korporal, mühsam und zwischen die Pfeiler der Zugbrücke gedrückt
sich aufrappelnd meinte, die Posaunen des jüngsten Gerichts. Immer
mächtiger wogte und dröhnte es durch den Morgennebel heran, und Zug an
Zug rasselte es über die erste Brücke und ergoß sich über den Werder
zwischen den beiden Armen des Flusses, allwo der Derfflinger, den Degen
in der Faust, Schwadron über Schwadron durch die Fluten trieb, während
von den Mauern der Stadt schon das Gewehrfeuer blitzte und krachte,
und Generalmajor Götze und Oberstleutnant Kanne bereits den Fuß in die
erstaunten Gassen setzten.
„O heiliger Olaf!“ stöhnte Sven Knudson Knäckabröd, sich das strömende
Blut von der Nase wischend und sich aus seiner geschützten Lage
dicht an der Brüstung der Brücke mit Vorsicht aufrichtend. „Träume
ich +das+, so habe ich auch so noch niemalen geträumt! Aber mit
einer solchen Nase träume da einer! Wetter, mir wächst ein Kürbis im
Gesicht, -- also das war der Derfflinger? O Rolf, Rolf, Rolf, das ist
wieder eine Geschichte, wie sie nur uns beiden passieren kann; -- o
Korporal Kok, wenn es nur dem großen Marschall Wrangel nicht eben so
ergehet wie uns zweien!“