im Zuge war, so brüllte er weiter, daß die Bastionen der freien
Reichsstadt Lindau wie im Schrecken widerhallten:
„Das reißt nun in meiner Seite,
Ich fühle mich so beengt;
Auch ich hab’ von den Fischen gekostet,
Die man in Dalarne fängt.“
Die Bürgerschildwacht im Lindenschatten erwachte bei den Mißtönen
aus ihrem süßen Schlummer und faßte zusammenfahrend die Pike an. Die
Mauertreppe aber herab stürzte der Hafenwärtel der freien, frommen und
biderben Reichsstadt Lindau im See, Rolf Kok, umfaßte mit beiden Armen
den Mann von der Lorena, schüttelte ihn heftig und rief:
„Kerl, in aller Welt Namen, Kerl, Kerl, wo kommst du her? wo bist du
jung geworden? wer bist du?“
„Arkebusierer Korporal Sven Knudson Knäckabröd im gelben Regiment
Oxenstierna -- versprengt im Gebirge -- dorten! Melde mich zurück,
Korporal Rolf Rolfson Kok, denn der seid ihr und kein anderer! Die
Finne da auf eurem linken Nasenflügel habe ich sechzehn Jahre lang beim
Aufmarsch in die Linie zur Rechten gehabt, und die Schmarre da habt ihr
von dem Nürnberger Malheur, Korporal Kok. Melde mich zurück, Korporal!“
„Und wir schreiben Vierundsiebenzig! Mensch, o Mensch, Mensch, du bist
der Sven, den wir hinter seinem Rücken Hahnentritt nannten, von wegen
seiner Gangart? Und das passieret einem, nachdem man sich seit Anno
Sechsundvierzig nicht mehr zu Gesicht gekriegt hat, heut hier zu Lindau
an der Hafenmauer? O Sven, wo ist die Kumpaneia? wo Hauptmann, Leutnant
und Fähndrich? wo sind die Fahnen und Trommeln? wo der Herren Generale
Gnaden? Sven Knäckabröd, wo du herkommst, weiß ich noch nicht; aber
ich, ich sitze hier seit dem Lindauer Sturm -- erst als Invalid, dann
als Bürger und Ehemann -- und als Witwer und Hafenvogt, und sie haben
mir noch nicht einmal meinen Namen gelassen: Meister Gockele nennen
sie mich! ja das Gockele nennen sie mich; und du bist Sven Knudson
Knäckabröd, und wir sind beide mit dem König herübergekommen und
standen mit bei Breitenfeld, bei Lützen und liefen mit bei Nördlingen
und zogen mit dem Wrangel gegen die Schneeberge, o Sven, Korporal Sven,
Kamerad Sven, ich heule wie ein Kind!“
„Und ich heule mit, Korporal, Kamerad Rolf“, schluchzte der andere.
„Siebenundzwanzig Jahre habe ich bei dem Vieh sitzen müssen, und
nach so großer Gloria und gewaltigen Schlachten habe ich die Kühe
gemolken und Käse gemacht, siebenundzwanzig Jahre durch. Rolf, o Rolf,
Rolfson Kok, am Fallenbach, am roten Egg haben die Weiber uns alle
totgeschlagen, nachdem wir Bregenz da drüben genommen hatten, und heut’
hat mich erst die gute alte Zeit in den Ruderibus verwirret, und
nachher hat mich der Nix über den See gelockt. Im Traum bin ich über
den See gefahren, und der Nix hat gewußt, daß ihr hier auf der Mauer
von Lindau auf mich wartet, Korporal Rolf Rolfson Kok.“
Sie hielten sich in den Armen, die beiden alten Schweden. Sie küßten
sich, und die Tränen rollten ihnen über die gelbbraunen Backen. Sie
tätschelten sich zärtlich die breiten Buckel und hatten eine Freude
aneinander wie ein Brautpaar im Maienmond. Es war aber auch keine
Kleinigkeit, was ihnen begegnete an diesem Festtage des heiligen
Bischofs Gebhard, den sie und ihre Kriegsgenossen vordem so hart mit
Geschütz und Sturmanlauf bedrängt hatten, und dessen Wiege und Burg der
eine von ihnen mit niederwerfen half.
Sie waren sehr gerührt, die beiden braven schwedischen Korporale; aber
nach der Rührung kam natürlich wieder um so heftiger der Durst, und
dessen wurden sie nunmehr mit großer Lust inne. Da faßte der Korporal
Gockele den Korporal Hahnentritt unter den Arm und sprach:
„Komm, Herzensbruder, ich weiß unsern Ort, und will dir daselbsten
etwas zeigen, so dir das Herze erfrischen soll, besser als der kühlste
Trunk aus des Kronenwirtes Keller.“
Er führte ihn in das Wirtshaus zur Krone.
6.
Wer heute zu Lindau im See, sei’s mit dem Dampfboot landet, oder mit
dem Bahnzug anpfeift, der findet die Krone noch immer an ihrer Stelle.
Einst zog sich die Stadtmauer dem Wasser entlang davor her: die Mauer
ist längst gefallen, aber das gute, alte Wirtshaus steht noch fröhlich
aufrecht.
Wer heute durch den gewölbten Torweg geht und die Treppe hinaufsteigt,
der findet auch heute noch zu Anfang eines langen, hellen, weißen
Ganges das, was der Korporal Rolf dem Korporal Sven zu höchster
Herzerfrischung weisen wollte, und mag sich ebenfalls daran erfrischen.
Da hängt nämlich von der Decke herab eine eiserne Kugel an eiserner
Kette, -- eine Bombe des Feldmarschalls Karl Gustav Wrangel, und das
Bild des Feldmarschalls hängt an der Wand daneben.
Beides gehört zu dem Hause seit dem Jahre 1647, seit dem Momente, in
welchem der Herr Feldmarschall diese Bombe in die freie Reichsstadt
Lindau hineinschoß und Grimmiges mit ihr im Sinn hatte, was sich
gottlob nicht erfüllte, denn das Untier durchschlug nur das Dach des
guten Wirtshauses und blieb, ohne weitern Schaden anzurichten, auf dem
Hausboden liegen, -- 180 Pfund schwer.
Damals hat man den unfreundlichen Gast vorsichtig aufgehoben, ihn
seiner verderblichen Füllung entledigt und ihn bei ruhiger Zeit an
besagter Kette am Gebälk aufgehängt zum ewigen Gedächtnis des Generals
Wrangel und seines groben Geschützes. Der Korporal Rolf aber hatte
vollständig Recht: im Jahre 1674 gab es keinen bessern Augentrost für
den schwedischen Mann der Wirtin zur Taube in Alberschwende, als diese
Kugel und dies Bildnis in der Krone zu Lindau.
Im Jahre 1674 sah die Krone nicht so hell und freundlich aus als heute.
Die Wände waren nicht mit Kalk getüncht und noch weniger al fresco mit
heidnischen und christlich ritterlichen mittelalterlichen Festivitäten
bemalt. Aber das Haus war schon damals gut und verdiente seinen Ruf
weit übers Allgäu hinaus, und der Hafenwärtel Rolf Kok, genannt das
Gockele, kannte das Getränk und hatte sein Kerbholz fröhlich hinter der
schwarzbraunen Eichentür der Zechstube. Fürs erste aber stellte er den
wiedergefundenen Kriegskameraden unter die Schwedenkugel, wies auf sie
hin und wies auf das Bild des Feldmarschalls und sagte:
„Da, Herzbruder, da!“
Der Hirt von der Lorena rieb sich die trüben Augen, starrte auf die
Bombe, starrte auf das Bildnis seines Generals, tat einen Sprung
und schüttelte sich, als ob er die Jahre und sein Leben unter dem
Kommando der Frau Fortunata und sein Leben auf der Lorena mit einem
Ruck abschütteln wolle. Er streckte die ausgebreiteten Arme dem
Feldmarschall und der schwedischen Kugel zu und rief aus vollem Halse:
„Vivat Gustavus Adolfus! Vivat Gustavus Wrangel! Es leben die Löwen aus
Mitternacht!“
Und er tat einen zweiten Satz und schrie zum zweiten Mal, daß die Wände
erzitterten, und ein einsamer Zecher nebenan in der Trinkstube sich von
seinem Tisch im Winkel erhob, aufstand und den Kopf aus der offenen Tür
in den Gang vorstreckte. Dem Kopfe nach folgte der übrige Mann, und das
Ganze war wohl einer Schilderung wert.
In dem alten, langen, hagern und gelben Gesichte mit dem eisgrauen,
spitzgewichsten Knebel- und Schnurrbart umfunkelten zwei kohlschwarze
Augen eine lange, scharfe Nase. Zwei lange, einknickende Beine in
engen, schwarzen Hosen und schwarzen Strümpfen trugen den mit schwarzer
Schoßweste und schwarzem Rock angetanen dünnen Leib, und als die
Kreatur den Hut abnahm und in die Luft schwang, da entblößte sie einen
ratzenkahlen, gelblichen Schädel:
„Cospetto! O Jesus Maria! Vivat Ferdinandus!“
Wie auf ein Kommandowort fuhren die beiden Korporale herum, als
ihnen so unvermutet auf ihren eigenen schwedischen Schlachtruf das
wohlbekannte Feldgeschrei und die Losung des kaiserlichen Heeres
entgegen schrillte. Und siehe, schon kam der schwarze, lange Mann, auf
sein spanisch Rohr mit dem Messingknopf gestützt, herangehinkt, fegte
in tiefer Verbeugung den Boden mit dem Hutrande und sprach höflichst:
„Bitte um Permission, Signori; -- Kriegskameraden von der andern Seit?
Groß Ehr! groß Ehr! -- -- Hab das Vergnügen, mich denen Herren zu
rekommandir. Signor Tito Titinio Raffa, Zahlmeister im Regiment zu
Pferd Strozzi. Hatt schon die Ehr vordem bei Breitenfelda, -- groß Ehr,
groß Ehr, groß Battaglia! Woll die Herren eintret und niedersitz zu
einem Trunk und freundlich Diskurs? Groß Ehr, viel Vergnügen und gut
Kameradschaft!“
Mit allem Eifer schüttelten die beiden versprengten schwedischen
Kriegsleute dem versprengten Reitersmann vom Regiment Strozzi
die dargebotene Rechte, und im nächsten Augenblick saßen sie mit
behaglichem Ächzen nieder an dem Tische, von welchem der Herr
Zahlmeister aufgestanden war, um sie zu begrüßen: die Frau Wirtin
zur Taube in Alberschwende hatte um diese Tageszeit, das heißt um
Sonnenuntergang, auf dem Gebhardsberg gut suchen und rufen nach ihrem
treuen Knecht Sven Knudson Knäckabröd aus Jönköping am Wetternsee.
7.
Die Lichter des Tages waren längst verglüht auf Gefild, Berg, Wald, Tal
und See. Die glänzenden Spitzen des Kamor, des Hohen Kasten und des
Säntis drüben in Appenzellerland hatten sich in der Nacht verloren: der
Mond sollte erst später aufgehen.
Die Lichter in den Wohnungen der Menschen waren angezündet worden, und
der Tisch der drei Helden in der Krone zu Lindau bot jetzt ein seltsam
Schauspiel dar.
Wenn der aus dem Land Tirol, der Rote, ein sauber Getränk ist,
das des Menschen Herz erhebt, so hat der Bayern Bier auch seine
löblichen Verdienste, und die drei Krieger tranken davon und hatten
davon getrunken. Die beiden wackeren Schweden saßen wie aus Granit
zurechtgehauen fest, mit den kurzen Tonpfeifen im Munde; aber der
italienische Sprachlehrer Tito Titinio Raffa, vordem Zahlmeister im
Regiment Strozzi, stand aufrecht, soviel ihm das möglich war, focht
wild mit beiden Händen in der Luft umher und beweinte gellend die
schönere Vergangenheit und das Elend der Gegenwart, ja, die schönere
Vergangenheit, deren er Genuß gehabt hatte von dem Tage an, wo sich bei
Breitenfeld nach des Schwedenkönigs Wort eine Krone und zwei Kurhüte an
einem alten Korporal rieben.
„Da ging es freilich mit Sang und Klang, mit Pauken und Posaunen herum
im deutschen Lande,“ winselte er. „Die güldenen Ketten fielen einem
aus dem Pulverdampfe um den Hals, und die güldenen Dukaten raffte man
zu Haufen vom Erdboden auf und kümmerte sich wenig drum, wie arg er
zerstampft war. Die Fackeln und Lichter brannten im Tanzsaal von einem
Jahr ins andere, -- und die Lust war immer dieselbe, ob man den Feind
schlug oder ihm die Fersen zeigte. Im letzten Grund gab es ja gar
keinen Feind, sondern nur einen lustigen Bruder, der auch zum Fest von
der dummen deutschen Nation eingeladen worden war, einen vergnügten
Bruder und Kriegsgesellen, mit dem man bei Geigen- und Trompetenklang
eben sein Tänzlein machte, wie es sich schicken wollte: heut’ oben an
der See, morgen mitten im Land; heut’ am grünen Rheinstrom, morgen an
der gelben Weser und übermorgen an der blauen Donau. Gute Kameraden,
nichts als gute Kameraden in jedem Lager, unter jeglicher Fahn’ und
Standarte! Das war ein Leben, wie es die Welthistorie noch niemalen
aufgezeichnet hatte, und wie kein Kriegsmann zu Roß und zu Fuß es sich
jemalen lieblicher ausdenken mag. Das Herz geht mir heut’ noch im
Galopp gegen die gute alte Zeit durch, wenn ich daran denk’, wie der
Leutnant Schneeberg von Götzens Kavallerieregiment nach der Lützner
Schlacht, nach verlorener Bataille, des Königs Gustavi Adolfi goldene
Kette in Halle auf den Tisch warf und für sich allein Viktoria rief.“
„So ist’s, obgleich ihr davon gerade nicht reden solltet, Zahlmeister,“
murrte der Korporal Sven. „Ein Türkis hing dran von der herrlichsten
Art. Sie hatten ihn ausgegraben in dem Gebirg Piruskua, zehn Meilen
von der Stadt Moscheda; ich hab’ ihn tausendmal blitzen sehen, wenn
die Majestät die Front hinabritt, und wir vermeinten alle, der Stein
mache schuß-, hieb- und stichfest; doch es war nicht an dem, wie sich
ausgewiesen hat; aber der Teufel soll euch doch holen, Zahlmeister,
weil ihr gewagt habt, die Hand daran zu legen!“
„_Di grazia, prego perdono!_ Verzeihung, ihr Herren; ich rede nur
davon, um des Elends von heute willen. Der Domeneddio stand damals
auf jeder Seite. Ihr hattet den Sieg, wir den Türkisen schwedischer
Majestät. Jeglichem seinen Spaß, und -- freie Hand überall! Das war die
Parol’ bis zum Jahr achtundvierzig. Nun ist es lange für alle aus, und
keiner hat dem anderen einen Groll nachzutragen.“
„Nein, keine Feindschaft um das, was vergangen ist; ich trinke auf eure
Gesundheit, Herr Zahlmeister vom Regiment Strozzi!“ rief der Korporal
Rolf Rolfson Kok. „Was uns schwedische Männer insbesondere betrifft,
so brauchen wir uns wenig zu grämen. Wir haben behalten, was wir
gewonnen, und decken ein gut Stück deutschen Landes von Greifswald bis
Verden mit unseren Piken und Musketen.“
In demselben Augenblick setzte sich der Italiener kurz nieder, und ein
Grinsen der Schadenfreude überzog, trotz aller guten Gesinnungen gegen
seine früheren Feinde, sein gelbes Gesicht. Er pfiff auch einen langen
Pfiff und zischelte:
„Decket es mit, Kamarado, es tut Not. Dorten werden freilich bald genug
die Trompeten noch einmal zum Antraben rufen; aber für unser einen
ist keine Freude mehr dabei, so wenig als bei des französischen Louis
und des Kaisers Spektakel drüben am Rhein. Diesmal sollet ihr die
Prügelsuppe für euch allein haben, ihr nordländischen Bären.“
Vier Fäuste krachten auf einmal auf den Tisch; ein halb Dutzend
grausamlicher schwedischer Flüche schmetterte dazwischen, und auf den
Füßen standen nunmehr die zwei Korporale und riefen wie aus einem Munde:
„Was singet der Herr da?“
Der Italiener lachte und winkte begütigend dem Hafenvogt:
„Könnt ihr es leugnen, Kamarado, daß ihr euch da unten Gewaltiges und
Tückisches vorgenommen habt? Der Signor aus der Wildnis hat freilich
bei seinen Murmeltieren geschlafen; aber wir anderen wissen doch
noch ein wenig, wie es in der Welt zugehet, und meine Opinion ist
augenblicklich, daß ihr euch diesmal bei dem Handel tüchtig die Pfoten
verbrennen werdet. Ha, leugnet es nur, aber es ist so! Ihr werdet ihn
mit nichten halten, den zehnjährigen Neutralitätsvertrag, nun da die
Katz’ vom Haus ist, und die kurfürstlichen Gnaden von Brandenburg
mit dero hohen Sposa, dero Kurprinz und dero glorreicher Armada zum
kaiserlichen Kommandeur, dem Duc de Bournonville am Rhein aufgebrochen
sind.“
„Man wird ihn halten!“ rief der Hafenwärtel.
„Ich sage no! und ich sage dazu, nehmet euch in acht! Die Welt ist
älter geworden seit unseren jungen Tagen, und neue Hände sind an einem
neuen Werke.“
„Zahlmeister! Zahlmeister!“ rief Rolf Rolfson Kok drohend.
„_Pazienza! adagio!_ möcht’ wohl einmal in eure Magazine in
Stettin hineingucken. Das wird schon jetzt ein lustig Zufahren von
Piken und Musketen, Pulver, Blei und Geschütz im Hafen von Wismar sein.
Ohe, Signori, das wird ein lustiges Klingen von französischem Geld auf
den Tischen von Stockholm und in den Taschen eurer Generale geben!“
„Ihr seid ja ein recht feiner, politischer Kopf, Herr Kamerad vom
Regiment Strozzi,“ brummte Sven Knudson Knäckabröd, ungewiß, ob er das
Ding für eine Schmeichelei oder das Gegenteil nehmen solle.
„Bin ich doch Zahlmeister gewesen!“ lächelte Signor Tito Titinio
Raffa. „Erzürnet euch nicht, wir haben es auch nie anders gehalten.
_Cospetto_, wünsch’ euch aus vollem Herzen, daß ihr euren
Wunsch durchsetzen möget. Der Herr Turennius mit Eisen und Stahl am
Rheinstrom, und der klingende französische Sack in Stockholm werden
wohl nach Kräften dazu helfen; aber -- aber nehmet euch in acht, daß
euch der Brandenburger nicht doch die Karten aus der Hand schlage.“
„Er wird es wohl nicht,“ meinte Rolf bärbeißig.
„Will es euch wünschen; aber -- aber saget doch: mit dem Herrn
Feldmarschall Karolo Gustavo Wrangelio, dessen Bild und eisern
Gastgeschenk da draußen aufgehängt ist, seid ihr vordem hierher
gekommen?“
„Mit demselbigen!“
„Nun denn; wenn ihr heut’ Abend noch von hier abreiset, so trefft ihr
ihn vielleicht schon auf dem Marsche nach Berlin“.
„Vivat! es lebe der Held aus Mitternacht!“ schrie der Korporal Sven,
der bis jetzt mit immer steigender Verwunderung von einem der beiden
Politiker auf den anderen gesehen hatte und nur mit Mühe den Sprüngen
ihrer Unterhaltung gefolgt war. Jetzo aber war es ihm auf einmal ganz
klar geworden, wieviel Welthistoria er im Bann und Dienste der Frau
Wirtin zur Taube in Alberschwende und bei seinen Kühen und Geißen auf
der Lorena versäumt habe.
„Schulterts Gewehr! An die Piken! Aufgesessen, Kürassiers und
Dragoner!“ brüllte er und fügte in leiserem Ton hinzu: „Aber es gehet
mir auf wie ein Nordlicht, daß ich schon einmal dabei gewesen bin mit
den Brandenburgern, und damals war’s nichts Großes, und wir lachten
auch allsamt über den Spaß. Ja, es war Anno Einunddreißig, Korporal
Rolf, ihr wisset, als auch wir zuerst auf Berlin marschierten,
fünfzehnhundert Mann zu Fuß und zu Pferde mit dem Könige und vier
Kanonen. Wir kamen von Köpenik, allwo das große Lager war, und hatten
unsere Lust mit dem damaligen Kurfürsten Georg Wilhelm und seiner
Kurfürstin. Sie handelten mit uns bis zum letzten Augenblick und kamen
zum Vergleich erst, als die Konstabler die Lunte aufschlagen wollten,
um ihnen das Verständnis zu wecken. Ja wohl, jetzt fällt es mir genau
bei. Sie gaben uns nach endlich abgeschlossenem Pakt das Geleit vor
die Stadt, und da wollten ihnen beim Abschied königliche Majestät doch
noch eine unverdiente Ehre antun und ließen eine Generalsalve geben
aus großem und kleinem Gewehr. Das war der Spaß! Der Feuerwerker hatte
vergessen, das Geschütz von der Stadt abzurichten, und weil wir zuerst
als Feinde gekommen waren, so schossen wir nun auch als Freunde scharf
und deckten ihnen ganz ohne bösen Willen die Dächer ab. Das gab denn
freilich ein groß’ Geschrei der Damens, und königlicher Majestät war’s
sehr unangenehm.“
„Ich war nicht dabei, Korporal Sven,“ sprach der Korporal Rolf, „ich
stand damals in Köpenik mit der Hauptmacht. Aber die Sache ist so, und
zu viel ist da auch niemandem geschehen; denn während wir ihnen nur ein
paar lumpige Schindeldächer abdeckten, deckte uns der alte Korporal,
der Tilly, die ganze Stadt Magdeburg ab. Der Gustavus Adolfus hat es
dem Brandenburger nie vergeben.“
„Das sind alles alte Geschichten,“ meinte der Signor Raffa gähnend.
„Auch ist es nicht weit von Mitternacht, und morgen früh reis’ ich
zurück nach Augsburg, sintemalen niemand der hiesigen Barbaren, weder
Mann noch Weib, ein Gelüst zeigt, die bella _lingua toscana_ zu
erlernen. _Cospetto_, um nichts Ärgeres zu sagen! Die Herren und
Kameraden mögen einen guten Schlaf tun; -- es war mir ein’ groß’ Ehr’
und Vergnüg’, mit meiner angenehm’ Konversatione aufzuwarten.“
„Möge dem Herrn unsere schlechte Gesellschaft gleichfalls gefallen
haben,“ sprach der Korporal Rolf, während der Korporal Sven stumm, aber
mit militärischem Anstand salutierte. Die Schenkstube der Krone hatte
sich allmählich mit Gästen sehr gefüllt; aber die drei Kriegsmänner
hatten wenig davon gemerkt und gar nicht sich darum gekümmert. Sven
und Rolf verwunderten sich dann erst darüber, als der Zahlmeister vom
Regiment Strozzi zierlich Abschied genommen hatte.
8.
Wer in dieser Nacht durch die Gassen der alten freien Reichsstadt
Lindau wandelte, und, was freilich nicht zu vermuten stand, einen Sinn
für Naturschönheit hatte, der mochte wohl über der augenblicklichen
Lieblichkeit der Erde vergessen, wie wild es auf eben dieser Erde immer
noch aussah, trotzdem die drei greisen Kriegsgesellen sich soeben erst
über die nichtswürdige Friedensseligkeit und jammerhafte Langeweile,
die ihnen in ihrem Alter zu Teil geworden waren, so herzzerbrechend
beklagt hatten. Im silbernen Mondenglanz lag jetzt der See rund um die
Inselstadt her und spülte nur lind und leise an die uralten Mauern.
Drüben kam der junge Rhein wahrlich friedlich aus dem Graubündnerland
hervor; aber auch der, nachdem er den großen See durchströmt, Konstanz
gegrüßt und bei Schaffhausen den lustigen Sprung gewagt hatte, sah und
vernahm in seinem fernern Laufe mancherlei, was nicht nach Frieden
klang und aussah. Sie waren hart am Werke miteinander: der Kaiser
Leopoldus, daß er das Elsaß, um der ewigen Verdrießlichkeiten darob
entledigt zu werden, so anständig und still als möglich losschlage,
-- König Louis, daß er es mit größtmöglichstem éclat, Jubel und
Feuerwerksgeprassel in Empfang nehme. „Uns gefällt nicht ein mächtiger
Fürst der Wenden an der Ostsee!“ hatte der allezeit Mehrer des
römischen Reiches deutscher Nation in Wien gesagt und seinem Feldherrn
im Lager bei Straßburg, dem Herzog von Bournonville, Befehl gegeben,
sich lieber dreimal von den Franzosen schlagen zu lassen, als einmal
dem brandenburgischen Kurfürsten Friedrich Wilhelm Gelegenheit zu
geben, seine Pflicht gegen das Reich mit Gloria zu erfüllen. Da hatte
denn der Herr von Turenne natürlich ein leicht’ Spiel, und hat es auch
trefflich benutzt; -- doch das sind alte Geschichten, wie Signor Tito
Titinio Raffa sagen würde, und wir haben uns an dieser Stelle nicht
weiter damit zu beschäftigen.
Auf den Mauern der Inselstadt Lindau schritten die wenigen Wachen unter
den Linden und zwischen den Geschützen langsam auf und ab, und auch auf
ihren Partisanen und Musketen blitzte das Mondenlicht. Der berühmte
Gasthof zur Krone, dicht hinter der Stadt- und Hafenmauer gelegen,
lag im tiefsten Schatten, bis auf die gleichfalls weiß glänzenden
Giebel und die Wetterfahnen. Die beiden späten Zecher, welche jetzt aus
demselben hervortraten, standen anfangs ziemlich unschlüssig, ob ihres
Weges in dem Dunkel.
„Nicht unter Dach,“ schluchzte der Korporal Sven Hahnentritt.
„Bruderherz, nicht unter Dach! Ich hielt’s nicht aus! Mir summt’s im
Kopfe, als ob zehntausend Trompeten drin zum Angriff bliesen, mir kocht
es in den Adern, als ob die Regimentssudler drin für eine Armee von
zwanzigtausend Mann die Feuer schürten. Unter Dach, und wäre es von
purem Golde, müßt’ ich ohne Gnad’ und Ranzion elend ersticken.“
„Nicht unter Dach, Bruder,“ schluchzte auch der Korporal Rolf, zu
Lindau genannt das Gockele. „Du hältst mich und ich dich, und so kommen
wir ohne Halsbrechen jene Walltreppe hinauf, und da setzen wir uns und
reden weiter vom glorreichen Schweden und dem großen Könige und dem
großen Kriege. Hupp -- marsch -- hoho, ich glaube, die Weiber nennen
das Wehmut, was uns beide am Schopf gepackt hält; ich glaub’, wenn’s
möglich wär’, käm’ ich heut’ Nacht zum erstenmal in meinem Leben zum
Heulen und Greinen.“
Sie schwankten hinein in den Mondschein und kamen glücklich auf
die Mauer, und da saßen sie nieder auf der Bastion auf einer alten
bronzenen, wirklich schlangenhaften Wallschlange, die vielleicht schon
den Kaiser Maximilian begrüßt hatte, als er zum Reichstag nach Lindau
kam, um „die Reichskammergerichtsordnung zu Faden zu schlagen“.
Da saßen sie, ein Paar alter, grauer, nordischer Seebären im
Mondenlicht und sahen hinüber nach den Schweizer- und Tirolerbergen
und unterredeten sich gar lieblich von neuem. Es waren zwei sehr
unromantische Burschen; allein sie hatten beide genug erlebt, daß ihr
Gespräch, ohne daß sie es wußten, fühlten und wollten, in hohem Grade
romantisch war, vorzüglich der Teil, welchen der Korporal Rolf auf sich
zu nehmen hatte.
„Das wird allmählich anjetzo ein Aufsehen um mich da drüben geworden
sein,“ sagte Sven. „Hui, lug, da geht noch eine Rakete auf, als ob sie
mich zurückriefe. O Rolf Rolfson, es wird mir wunderlicher von Minute
zu Minute.“