Als doppelte Siegerin führte ihn seine Retterin auf einem Karren

in ihr Haus zu Alberschwende unter der Lorena, ließ ihn da zuerst

hinter verriegelter Tür auf ein Strohlager neben ihrem Schanktisch,

dann in ein besseres Bett legen und besorgte den ersten Verband

seiner Wunden selber. Er aber erwachte erst nach längeren Wochen aus

seiner Betäubung und wußte dann durchaus nicht anzugeben, was mit ihm

vorgefallen sei, und wo er sich befinde.

Der Korporal Sven Knudson Knäckabröd wußte eigentlich noch heute,

d. h. im Jahre 1674, nicht, wo er sich eigentlich befinde, und das

war gar nicht so sonderbar. Seit er Anno Dreißig mit dem großen

Gustavus Adolfus, dem streitbaren Löwen aus Mitternacht, auf Usedom

in der pommerschen Bucht landete, war er sechzehn Jahre lang durch

solchen Wirrwarr hin- und hermarschiert, daß für einen Mann, der

nicht Gelegenheit gehabt hatte, die Geographie zu studieren, sich das

Bild der Welt wohl verwirren mochte. Hatte doch selbst der Oberst

Wrangel, unter dessen Kommando er damals seine Kriegszüge begann, und

der während der Zeit längst Feldmarschall geworden war, Mühe, sich in

dieser Beziehung die Landkarte klar zu halten.

„Donner und Nordlicht!“ sagte der Korporal am 7. August 1674, legte

sich schwer auf den rechten Ellenbogen und schlug mit der linken Faust

auf den Tisch. Ja wohl, ein Mann, dessen Leben dicht an der Grenze

des ewigen Eises, dem Nordpol nahe, begonnen hatte, der den Krieg mit

allen Nationen Europas, mit Deutschen, Franzosen und Hispaniern, mit

Italienern, Dänen, Polen und Moskowitern sah, der dann sechsundzwanzig

Jahre des tiefsten Friedens unter dem Hirtenvolk des Vorarlberges

vollendet hatte, mochte wohl bei einiger Überlegung seines Daseins:

Donner und Nordlicht! sagen.

Die Frau Fortunata hatte am Fallenbach wohl nicht gedacht, welch eine

schwere Last sie sich für die nächsten Zeiten durch ihr gutes Herz

auf den Hals lud. Sie bekam ihre große Not mit ihrem Schweden, dem

noch drei Jahre lang nach dem Sturm auf Bregenz das ganze Land rings

umher nach dem Leben stand. Es fand sich, daß sie ihn nur dadurch vor

allen den verschiedenen Nachstellungen retten konnte, daß sie ihn zur

Kindsmagd machte, dem wilden Arkebusierer ihr unmündig Töchterlein zur

Wartung in die Arme gab und ihn im Haus an ihr Schürzenband geknüpft

hielt, bis das erste Gras über die Blutzeit gewachsen war, bis die

Alten den „schwedischen Mann“ ohne Mordsinn ansehen konnten, und die

Jungen ihn als ein natürlich gegeben Ding nahmen.

Da saß der Korporal Sven Knäckabröd denn in den Bergen verzaubert

neben der Wiege der kleinen Aloysia: er, der mit dem glorreichen

und sieghaften König Gustavus Adolfus über das Meer gefahren war

und in hundert grimmigen Schlachten in die Linie rückte gegen den

Tilly, den Wallenstein, den Pappenheim und hundert andere gewaltige

Kriegshauptleute! Da saß er und spann nicht nur Trübsal, sondern auch

wirklichen Flachs und Werg, und wenn das Kind schrie, so rief die

Frau Fortunata: „He, Schwen, sing ihm!“ und der Korporal Sven Knudson

Knäckabröd sang.

Potz Lappland und kein Ende -- dabei ließ sich dann recht hübsch

an allerhand anderes denken! Zum Beispiel an die graue, nebelige,

flammende Ebene von Breitenfeld oder von Lützen, an den Kommandoruf vor

der Front, an die rasselnden Reitergeschwader, die blauen und gelben

Fußregimenter, wie sie gegen die kaiserlichen Batterieen am Floßgraben

vorstürzten, zurückfluteten, wieder vorstürzten, unter den Hufen und

Füßen die Toten und die Verwundeten in Harnisch und in Büffelwams

zerstampften!

Wenn dann wieder der Kommandoruf der Wirtin zur Taube in solche

Träumereien klang, gab es wohl ein sonderlich Auffahren, und ohne die

kleine Aloysia hätte das Ding am letzten Ende doch noch einen traurigen

Ausgang mit dem armen, verloren gegangenen schwedischen Mann genommen.

3.

Du lieber Himmel, eine Zeitlang, so um das Jahr 1665 herum, trug er,

der Korporal, sich mit dem Gedanken, ob er sich nicht dadurch am

leichtesten ranzionieren und zugleich seinem dankbaren Gemüte am

angenehmsten Genüge leisten könne, wenn er die junge Wittib freie

und selber Taubenwirt zu Alberschwende werde. Eine Weile lang hatte

der gute Sven die größte Lust, auch einmal das Wagstück auszuführen

und zu rufen: „Ho, Frau Fortunata, sing!“, aber zuletzt wagte er es

doch nicht, abgesehen davon, daß er seinen lutherischen Glauben, oder

vielmehr den Glauben hochseliger königlicher Majestät Gustavi Adolfi --

denn er selbst machte sich nicht viel daraus -- doch nicht gern in die

Schanze schlagen wollte.

Es blieb also dabei: „He, Korperal, sing!“ und Sven Knudson Knäckabröd

sang; aber wie melodisch, das wollen wir lieber doch nicht weiter

aufrühren. Er war eine gute Kindsmagd, und als seine Dienstjahre in

dieser Hinsicht als beendet angesehen werden konnten, da tat ihm das

fast leid, und als braver Veteran behielt er für alle Zeiten eine tiefe

Zuneigung zu dem frühern Dienstverhältnis. Als die kleine Aloysia zehn

Jahre alt geworden war, hatte das Gebirgsvolk so ziemlich vergessen,

auf welche Art und Weise der schwedische Mann in seine Mitte geraten

war, und die Frau Fortunata konnte ihn allein laufen lassen.

Er lief aber immer noch nicht allein; auch die kleine Aloysia Madlener

hielt fürderhin in Treuen an ihm, und die beiden schickten sich gar

wohl in einander im Dorf, im Wald und auf den Matten bei jeglicher Lust

und Arbeit.

Wer jene holdselige Gegend kennt, der weiß, daß im Süden des Dorfes

Alberschwende der Pfad sich steil, anfangs durch Gehölz und dann über

schöne Wiesen, zu einem Bergsattel emporzieht, die Lorena geheißen. Wer

ihn heute geht, der findet unterwegs, ehe er zu dem herrlichen Gipfel

gelangt, drei Sennhütten; um die Mitte des siebzehnten Jahrhunderts

aber lag nur eine dort, und diese ein wenig höher, der Kuppe näher,

am Rande eines Tannenwaldes, und die Hütte, der Wald und die Wiesen

ringsumher gehörten dem Taubenwirtshaus drunten im Dorfe, und die Frau

Fortunata hatte das Besitztum einst als ein trefflich Nestei dem jetzo

seliglich abgeschiedenen Gatten mit in die Ehe gebracht.

In dieses Haus auf der Lorena versetzte die Taubenwirtin ihr Beutestück

aus dem Schwedenkriege um das Jahr 1656, gab ihm Vieh und Weide zu

bester Pflege und Wartung unter, wie sie ihm vordem ihr Töchterlein

anvertraut hatte, und verwendete den Korporal wiederum also geziemlich

und nützlich.

„Sie sagen, ihr treibt auch daheim sonderliche Zucht mit allerlei

absonderlichen Kreaturen in Milcherei und Käserei, Schwen. Nun seid ihr

lang genug bei uns, um zu wissen, was eine Kuh ist, und könnet wohl

einen Ochsen von einem Kalbe unterscheiden. Einen Bub kriegt ihr mit

auf den Berg: also jetzt zeiget euch als einen mit Verstand begabten

Menschen, haltet mir gute Ordnung und zeigt den Nachbarn, daß ich mir

keinen Narren in euch großgezogen habe,“ sprach die Frau Fortunata

Madlener, und Sven Knudson Knäckabröd zeigte sich wahrlich als einer,

der nicht nur mit Renntieren, Elentieren und der Luntenbüchse, sondern

auch, wie mit dem Kinderwiegen, so mit der Milch, der Butter und dem

Käse umzugehen wußte. Es hätte nun bald wenig gefehlt, daß er jetzt

ebenso berühmt wurde, wie er vordem berüchtigt war.

Nun ließ es sich freilich auf der Lorena lustiger hausen, als in der

niedrigen, dumpfigen, holzvertäfelten Stube drunten in der Taube;

vorzüglich für einen, welcher von früher Jugend an die frische

Luft gewöhnt war; und der Korporal Sven saß manch lieb langes Jahr

dort oben, und ein undankbarer, hartherziger Gesell von Grund aus

hätte er sein müssen, wenn er jetzt nicht sein Geschick allmählich

gelobt hätte. Wir wollen zwar nicht behaupten, daß gerade er vor den

anderen Sterblichen der damaligen Zeiten berufen war, jubilierenden

Herzens in die Pracht und Schönheit der Natur zu blicken, allein

er hatte doch auch seine Freude an dem, was er von seiner Tür aus

überschaute. Da hatte er zu seiner Linken den mächtigen See bis in

die fernste verschleierte Ferne; zu seiner Rechten aber, über dem Tal

von Schwarzenberg, da hob es sich empor: Giebel an Giebel, Zacken an

Zacken, Wand über Wand; und die Glocken seiner Kühe klingelten um ihn

her, und Aloysia Madlener kam, erst ein jung, leichtfüßig Kind, dann

eine hübsche Jungfer, und saß wieder bei ihm und suchte ihm jetzt die

Zeit zu vertreiben, wie er früher sie ihr vertrieben hatte.

Tagelang saß sie oft bei ihm auf der Lorena, und bald kam die Zeit,

wo der kriegerische Kuhhirt Besuche bekam, die ihm gar schön um den

Bart gingen und doch nicht seinetwegen von allen Höhen herab und aus

allen Tälern hinauf zu ihm stiegen. Eitel jung Volk besuchte ihn, die

besten Buben weit umher, und einige gab es darunter, die kamen mit der

Mette und gingen erst mit dem Abendgeläut, bis die Katz’ aus dem Sack

war, und der Fidel Unold, der reiche Sägmüllerssohn, es allen anderen

abgewonnen hatte. Da gingen denn dem Korporal Sven Knudson Knäckabröd

auch wieder einmal die Augen auf, und als er seiner Verblüffung gegen

die Frau Fortunata Luft machte, da stemmte diese auch wieder einmal die

Arme in die Hüften und sprach:

„Schwen, daß ich einen Esel am roten Egg aufgehoben habe, das wußte

ich nach den ersten drei Tagen unserer Bekanntschaft. Na, Alterle,

laßt’s gut sein, ich habe hier unten die Augen offen behalten, während

ihr da oben nur das Maul aufsperrtet und vermeintet, das ganze junge

Volksspiel gehe nur deshalb zu euch her, um eure Lügen und Heldentaten

anzuhören. In acht Wochen ist Hochzeit, und ihr seid freundlich

geladen.“

In acht Wochen war wirklich die Hochzeit der schönen Aloysia Madlener

und des glücklichen Fidel Unold, und der Korporal Knäckabröd spielte,

obgleich er ein Esel war, doch keine geringe Rolle an dem hohen Tage.

Er tanzte sogar; -- erst zu allgemeiner Bewunderung einen schwedischen

Tanz, dann unter lautem Aufkreischen der Weiber und brüllendem

Gelächter der Mannsleute einen Kroatentanz, und zuletzt zu seinem

allereigensten Vergnügen einen zierlichen Ländler mit der Brautmutter,

der Frau Fortunata Madlener; und nur verschiedene alte Weiber, die ihm

einst am roten Egg mit aufgegeigt hatten, schüttelten jetzt noch den

Kopf über ihn.

Nach den Hochzeiten pflegen die Taufen zu folgen, und so geschah es

auch hier. Gar häufig holte man ihn auch zu solchen Feierlichkeiten

von seiner Höhe herunter, und dann stiegen wiederum kleine Füße zu

ihm hinauf, und -- so gingen die Jahre vorüber und hin, und der

Korporal Sven Knudson Knäckabröd, der in seinen jungen Jahren so vieles

durchgemacht hatte mit Märschen, Stürmen, Schlachten, Hunger und

Durst, und es gar nicht besser gewußt und gewollt, der saß nun im Fett

und im Frieden und wußte und wollte nichts mehr von der Welt da draußen

vor den Bergen.

4.

„Wenn sie mich zu Hause und in Ruhe gelassen hätten, wär’s besser und

mir lieber gewesen,“ brummte der schwedische Mann an seinem Tische

auf dem Gebhardsberge unruhig auf- und abrückend. „Das Weibsvolk, das

Weibsvolk, -- gibt es wohl Frieden? Nimmer! Kann es wohl einen in

seinem Winkel sitzen lassen? Niemalen! Das muß immer herumwuseln und

zerren und zupfen und einem den Bart streicheln und einem im Notfall

mit Gift anschrillen, wie eine Million Heugaisen, bloß um seine eigene

Million Grillen durchzusetzen. Da sitze ich nun, aber wo sind sie

jetzt, meine Weibsen? Da geht es mir doch wie königlicher Majestät

mit den lappländischen Regimentern Anno Dreißig. Die sollt’ man gegen

den Feind führen?! Kaum hatt’ man sie zusamm’, so hupft’s auseinander

mit Gequak und Gegecker wie ein Sack voll Frösch’, und der Hauptmann

steht allein vor der Batterie und kann aus der Haut fahren. O potz Käs

und Kuhglocken, als die Kleinen gestern Nachmittag heraufkrabbelten

und einen Gruß brachten von Mutter und Großmutter und die Nachricht,

heute gehe es nach Hohen-Bregenz zum heiligen Gebhard, da hab’ ich

mir bei ihrer Lust gleich gedacht, daß das für mich ein sonderlich

Vergnügen werden würde. Der Tiroler ist es nicht, die Erinnerung

ist’s, was mich auf den Kopf stellt. Dem roten Egg bin ich seit einem

Menschenalter nicht nahe gekommen, und nun muß ich der Alberschwendener

Weiberstreifpartei hierher als Führer dienen! Ja, sicher wär’s besser

gewesen, wenn sie einen anderen dazu kommandiert hätten, und doch -- o,

o, es ist, es ist ein sonderlich Vergnügen. Da hielt der Wrangel! Und

dort fanden wir den Fähndrich Olafsson mit eingeschlagenem Schädel. Ja,

klingelt nur und räuchert nur; ihr klingelt und räuchert uns nicht weg!

Es war eben eine gloriose Wirtschaft, und es ist nur ein Elend, daß man

nicht einen hat, mit welchem man anstoßen könnte: trink, Bruder, die

schwedische Gloria soll leben, -- alle guten Gesellen zu Roß und zu Fuß

sollen leben, und du sollst auch leben, Bruderherz! -- Wo stecken nur

die Weibsen? Das ist doch keine Art, einen mit der alten Zeit an einem

solchen Ort alleine zu lassen! Ja, wenn ich nur die Kinder hätt’, da

könnt’ ich mich doch woran halten -- ho, ho, der rote Tiroler und der

General Wrangel, die haben nun die Oberhand über dich, Sven Knudson

Knäckabröd -- o Käs und schwer Geschütz, Sven, es ist doch eine Lust

und Annehmlichkeit, heut allhier auf Hohen-Bregenz zu sitzen und Anno

Sechsundvierzig mit dabei gewesen zu sein, als man es mit Sturm nahm;

Herrgott, die Tränen kommen einem vor Wehmütigkeit in die Augen, und

wann ich heut schwedisch reden hört’, ich glaub’, das Heimweh stieße

mir das Herz ab.“

Die „Weibsen“, welche der Korporal Sven zum heiligen Gebhard hatte

führen müssen, nämlich die Frau Fortunata, die Frau Aloysia und die

kleinen Mädchen der letzteren, hatten ihn natürlich sogleich nach

der Ankunft auf dem Pfannenberge seinem Geschick und eigenen Gaudium

überlassen. Den schwedischen Mann hatten sie immer zur Hand, aber

um den Altar des heiligen Gebhard da gab es Bekannte und Verwandte,

Freunde und Freundinnen, die man nicht immer zur Hand hatte.

„Ich vertret’ mir die Füß’,“ sagte der Korporal, „es hilft nichts, hier

festzuwachsen. Sie werden mich heute nicht als Spionen hängen, wenn ich

des Ortes Gelegenheit wieder einmal erkunde. Donner, es war doch eine

tüchtige Arbeit, damals bei dem gefrorenen Boden, Schnee und Eis, die

Artillerie den Berg hinauf zu bringen!“

Er hatte sich erhoben und reckte und dehnte sich und wandelte

schwerfällig durch das Getümmel und betrachtete von neuem und von

allen Seiten aus den Schauplatz, auf welchem er selber einst mit

der Pike in der Hand so tapfer mit agieret hatte. Er stieg um die

Ringmauern.

„Da kamen wir mit den Leitern und verloren manchen guten Mann. Da

wollten die Herren Generals zuerst Bresche legen lassen; aber wir

besannen uns eines Besseren und führten das Geschütz weiter ab. Dort

hinein kamen wir! Vivat, vivat! sieh, sieh, dort stürzt’ ich die zehn

Schuh tief hinunter auf den Kopf und dacht’, es wär’ mein Letztes;

aber ich kam doch schnell genug wieder auf die Füße und war mit unter

den ersten im Tanz! Es ist nicht zum Aushalten, -- man muß vor seinen

lieblichsten Erinnerungen Reißaus nehmen, wann es einem so ergangen

ist wie mir. Da sollt’ man ja ersticken. Die Mauern fallen einem auf

den Kopf. Ich denk’, ich nehme wirklich Reißaus und steige nieder zum

See. Solch’ groß’ Wasser hab’ ich ja auch seit dem Elend am Fallenbach

nimmer wieder in der Näh’ zu Gesicht gehabt.“

Wer des Veltliners zur Genüge trank, der weiß wohl, wie blau ihm der

Himmel werden mag. Dem braven Korporal Sven wurde mehr als eine Fiedel

auf dem Wege, welchen er jetzo ging, gestrichen; aber es klang ihm wie

der Schall von hunderten in das Ohr, und dazu viel andere Instrumente,

Pauken und Posaunen, und dann durch alles ein fernes Grummeln, gleich

schwerer Konstablerei in geordneter Feldschlacht. Alle Leute, die

ihm begegneten, freuten sich über ihn; er aber ging so gravitätisch

seines Pfades, als es sich bei der Steilheit des Berges eben tun lassen

wollte, und so kam er hinab an das Ufer des Sees und blickte mit

ernstem Kopfschütteln auf die breite Wasserfläche und wandelte langsam

am Gestade hin, bis zu der Seekapelle, allwo, wie wir bereits sagten,

die Kähne der Gäste, die über das Wasser gekommen waren, an Stricken

und Ketten lagen.

Wenn es in Bregenz und auf Hohen-Bregenz, in der Stadt und auf dem

Pfannenberg hoch, lustig und lebhaft zuging, so war es desto stiller

am Wasser um diese Zeit. Klar und ruhig lag der See da; die Enten und

Gänse ruderten und tauchten am Ufer, und fern auf der Höhe des Spiegels

schwangen sich blitzend wie silberne Punkte die weißen Seeschwalben im

Kreise, und weiße Segel stiegen über den Horizont herauf, oder tauchten

über ihn hinab, und die Stadt Lindau zur Rechten der Bucht streckte

ihre Türme und Giebel so klar in die Tiefe, wie sie dieselben in den

lichten Himmel emporhob.

Der schwedische Mann von der Lorena nahm den Hut ab, trocknete sich

die schweißtriefende Stirn und atmete tief und erleichtert; dann aber

schüttelte er mehr denn je den Kopf, nachdem er sich auf einen Stein

am Ufer gesetzt und die Hände auf die Kniee geschlagen hatte.

„Ich hätt’ auch dem nicht nahe gehen dürfen,“ murrte er nach einer

Weile. „Vom Berg aus darauf hinzusehen, hat mir nichts gemacht; aber

in der Nähe ist’s ein anderes, und schlimmer als da oben die Rudera.

Die Weibsen können es nimmermehr verantworten, daß sie mich hierher

geschleppt haben, denn wenn ich sie darhingegen nach Jönköping am

Wetternsee setzen wollt’, so würd’ ich mir wohl allerlei in die Ohren

stopfen müssen, von wegen ihres Geheuls und Heimweh. Jönköping! Da bin

ich umhergezogen mit dem großen Gustav, und nachher mit dem Banner,

dem Torstenson, dem Königsmark und dem Wrangel und hab’ nimmer an den

Wetternsee und meines Vaters Haus zu Jönköping gedacht, und heut hab’

ich selber Lust, darüber zu heulen wie ein Weib. Jetzt ist mir das

Wasser noch ärger als das Land; -- ja wahrlich, als ich mit dem großen

Gustavus Adolfus über das Meer fuhr, da hab’ ich noch nicht gewußt,

daß es doch zuletzt nur zum Kühmelken und Käsemachen ging -- o Donner

und Nordlicht, hab’ ich das nur geträumt diese langen sechsundzwanzig

Jahre, oder hab’ ich es wirklich und wahrhaftig erlebt? O ja, da möcht’

man doch auf Nimmerwiederaufgucken in den See untertauchen!“

Er war wild aufgesprungen, und dann tat er noch einen Sprung, hinab vom

Uferrande, doch nicht in das Wasser, sondern in den nächstliegenden

Kahn, den er durch die mächtige Erschütterung fast zum Sinken gebracht

hätte. Schwer fiel er auf die Bank und sah beinahe erschrocken nach

der Stadt Bregenz und dem Berge des heiligen Gebhard hinüber. Aber

niemand hatte ihm auf seine Schliche gepaßt, niemand auf seine Tat Acht

gegeben. Im nächsten Augenblick schon hatte er das Messer gezogen und

mit einem Hieb das haltende Seil zerschnitten. Er war im Rausch, als er

die Ruder ergriff, doch nicht vom roten Tiroler. Drei kräftige Schläge

führten das leichte Fahrzeug hinaus auf den jetzt im linden Südwest

sich kräuselnden See. Es gelang dem Korporal Sven Knudson Knäckabröd,

den kleinen Mast aufzurichten und -- er hatte nicht umsonst in seiner

Jugend dem Herrgott halbe Tage mit dem Fischfang auf dem Wetternsee

abgestohlen -- das Segel schiffermäßig zu entfalten und zu richten. Er

war nicht im geringsten Schuld daran; allein es war richtig, -- er war

seinen Weibsen, der Frau Fortunata, der Frau Aloysia und den kleinen

drei Schmelgen durchgegangen und befand sich bei günstigem Winde auf

der Fahrt nach des heiligen römischen Reiches freier Stadt Lindau im

See.

5.

Es war gar lieblich auf den Wassern, vorzüglich für einen, der in so

seltsamer Stimmung darüber hinfuhr, wie der schwedische Hirt von der

Lorena. Wenn es still am Ufer unter dem Fürberg war, so war’s noch viel

stiller auf der von der Nachmittagssonne beglänzten Bucht von Bregenz,

und der Korporal Sven hatte eine gute Fahrt. Er saß und hielt die Hände

vor dem Bauch gefaltet und ließ sein Schifflein gleiten vor dem Winde.

Wie jetzt das Ufer hinter ihm versank, oder die Berge sich vielmehr

heraushoben, so hob sich nun auch vor ihm das niedrigere Hügelland des

Allgäus, und vor allem wie eine Stadt aus dem Wunderschatz der Frau

Saga die freie Reichsstadt Lindau.

Die grauen Mauern, deren Grund der römische Kaiser Tiberius Claudius

Nero legte, als er hier die Rhätier und Vindelicier besiegt hatte,

lagen noch stiller da als der See. Die alten Linden nickten

freundlich-schläfrig von den Bastionen, und die grün und silbern, rot

und goldfarbig glänzenden Turmdächer von Sankt Peter und der heiligen

Dreifaltigkeit -- den Diebesturm nicht zu vergessen -- luden förmlich

behaglich wie aus der Luft, so aus dem Wasser, den braven Korporal

Sven Knudson Knäckabröd zum Näherkommen ein. In dem kleinen Hafen

lagen ruhig, nur da und dorten von einem weißen Spitzhund bewacht,

die Lädinen und Halblädinen, die Segner und Halbsegner und dazwischen

die Lustgondeln der wohlhabenden Reichsstädter, soweit sie sich nicht

zu Bregenz befanden. Nur eine Bürgerschildwacht war auf der Mauer zu

erblicken, und die schlummerte sanft auf ihre Partisane gestützt. Das

Lebendigste auf dem Wall zu Lindau im See waren um diese Stunde die

Fliegen, welche in Scharen über den erwärmten Geschützrohren summten.

Der Kahn des Schweden schoß, durch den Schatten der Lastschiffe hin,

in den Hafen hinein und an die Hafentreppe, und als der Korporal

sein Schifflein mit einem letzten Ruderschlag dort antrieb, fragte

ihn niemand um das Wohin und Woher, und das war recht gut; denn im

Augenblick hätte er vielleicht auf beides keine Antwort zu geben

gewußt. Seit dem Kolbenschlag am roten Egg war ihm nicht so verworren

zu Mute gewesen, aber trotz allem war ihm heut’ doch die Welt

behaglicher als damals, wo er sich auf dem blutigen Strohlager am

Schanktisch in der Taube zu besinnen suchte.

Doch wer auf eine solche Weise, wie er, im Hafen von Lindau anlangte,

der mochte, nachdem das Schifflein am Lande lag, wohl selbst den

Hut hin und wieder rücken um die Frage: Was nun? und wohin nun? Der

Korporal Sven stand und blickte an der nahen Stadtmauer empor und

durch den dunklen Bogen, welcher in das Innere der Stadt führte,

hindurch und rieb sich die Stirne. In dem nämlichen Augenblick aber

erschien über der Mauerbrüstung ein dicker, roter, von schneeweißem

Haar umflusterter Kopf, der sich ächzend auf zwei gewaltige Fäuste

legte und entsetzlich gähnend auf den See hinausstarrte. Dasselbige

Haupt spie verächtlich von der Mauer der freien Reichsstadt hinab; ein

nicht geringer Mund öffnete sich, und -- plötzlich -- ganz unvermutet

und von einer solchen Erscheinung auch gar nicht zu vermuten, fing

das Ding an zu singen, und zwar eine Weise, welche im Munde des

schwedischen Volkes schon seit mehr denn hundertfünfzig Jahren umging.

Und in schwedischer Zunge sang das Unding auf der Mauer heiser und

gräßlich:

„König Gustav reitet nach Dalarne

Zum Thing mit den Dalkarlen sein;

Doch Christiern liegt vor Södermalm

Und frißt gestohlene Schwein;“

und wie heulend in Verdruß, Ärger, Entrüstung und Wehmut:

„König Christiern sitzt in Stockholmschloß

Und säuft unsern Met und Wein!“

„Blitz und Donner! Alle guten Geister!“ stöhnte der Korporal Sven

Knudson Knäckabröd, versteinert nach dem Sänger aufstarrend; doch der

da oben gähnte noch einmal und scheußlicher als zuvor, und fuhr fast

noch unmelodischer fort:

„Hört alles, was ich euch biete an,

Vom Tal, ihr meine Mannen:

Wollt ihr mir folgen nach Stockholm

Und schlagen die Jüten von dannen?“

Mit beiden Händen griff der Korporal Sven Knudson Knäckabröd nach

seinem Haupte, wie im wilden Zweifel, ob er dasselbige auch noch auf

den Schultern trage; und als er es noch an Ort und Stelle fand, tat er

einen Satz und brüllte seinerseits zu dem Sänger auf der Mauer hinauf:

„Um’s Rebhuhn und um’s Eichhorn ist’s,

Sobald wir zielen, geschehn;

Und dem Blutracker Christiern,

Dem soll’s nicht besser gehn;“

und die Wirkung nach oben hinauf war nicht geringer, als die von oben

hinunter.

Auch der da oben schnellte empor und beugte sich über die Brüstung und

schrie:

„Bei der blauen Fahne Wasa’s, ist ein Spuck, ein Trold aus dem See

aufgestiegen, oder ist’s ein Landsmann? Ho Landsmann? Landsmann!“

Deutsche Humoristen, 1. Band (von 8) · 第 2 / 11 段