Plötzlich weckte mich ein Poltern außen an der Stalltür. „Ha

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Anmerkungen zur Transkription

Der vorliegende Text wurde anhand der 1911 erschienenen Buchausgabe

so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Zeichensetzung

und offensichtliche typographische Fehler wurden stillschweigend

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beibehalten, insbesondere wenn diese in der damaligen Zeit üblich

waren oder im Text mehrfach auftreten.

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der ‚Deutschen Dichter-Gedächtnis-Stiftung‘ wurde vom Bearbeiter an

das Ende des Buches verschoben.

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Hausbücherei

3

Hausbücherei

der Deutschen Dichter-Gedächtnis-Stiftung

3. Band

[Illustration]

Hamburg-Großborstel

Verlag der Deutschen Dichter-Gedächtnis-Stiftung

1911

46.-55. Tausend

Deutsche Humoristen

1. Band

Peter Rosegger ※ ※ Fritz Reuter

Wilhelm Raabe ※ Albert Roderich

[Illustration]

Hamburg-Großborstel

Verlag der Deutschen Dichter-Gedächtnis-Stiftung

1911

46.-55. Tausend

Inhaltsverzeichnis zum 2. Bande der „Deutschen Humoristen“

(Hausbücherei Band 4).

Vorwort.

+Brentano+, Clemens: Die mehreren Wehmüller oder ungarische

Nationalgesichter.

+Hoffmann+, E. Th. A.: Die Königsbraut. Ein nach der Natur entworfenes

Märchen.

+Zschokke+, Heinrich: Die Nacht in Brczwezmcisl.

Inhaltsverzeichnis zum 3. Bande der „Deutschen Humoristen“

(Hausbücherei Band 5).

+Hoffmann+, Hans: Eistrug.

+Ernst+, Otto: Die Gemeinschaft der Brüder vom geruhigen Leben.

+Eyth+, Max: Der blinde Passagier.

+Böhlau+, Helene (Madame al Raschid Bey): Die Ratsmädel gehen einem

Spuk zu Leibe.

Inhalt.

Vorwort 7-8

+Vischer, Friedr. Theodor+: Humor. Gedicht 9-10

+Rosegger, Peter+: Als ich das erste Mal auf dem

Dampfwagen saß 11-24

+Rosegger, Peter+: Wie wir die Gürtelsprenge haben gehalten 25-40

+Raabe, Wilhelm+: Der Marsch nach Hause 41-146

+Reuter, Fritz+: Woans ick tau ’ne Fru kamm 147-204

+Roderich, Albert+: Nemesis 205-221

Vorwort.

Der Humor ist den Menschen ein so willkommener Gast, daß er eigentlich

keiner Einführung bedarf; sein schalkhaft-ehrliches Gesicht empfiehlt

ihn überall. Aber da es der Deutsche nun einmal nicht lassen kann, bei

allem, was er beginnt, von „Grundsatz“ und „System“ zu reden, so sei

hier bemerkt, daß diese kleine Sammlung humoristischer Geschichten

nach keinem System und nach keinem Grundsatze zusammengestellt ist,

außer nach dem, den Lesern etwas +Gutes+ vorzusetzen. Es soll also

keiner kommen und uns sagen, es gebe noch mehr humoristische Dichtungen

als diese, oder bessere, oder lustigere, oder gediegenere. Wir sagen

dazu nicht ja und nicht nein. Wir sagen nur: abwarten! Denn trotz der

pedantischen Aufnahme, die der Humor in deutschen Landen fast immer

gefunden hat, ist der Vorrat an humoristischer Literatur bei uns Gott

sei Dank so groß, daß fünf Geschichtchen nur einen winzigen Bruchteil

von ihr bedeuten. Und so hoffen wir noch manches Mal mit ähnlicher

Gabe vor unsere Leser treten zu können und den Born, aus dem wir solche

Gaben heraufholen, ewig unerschöpft zu finden.

+Hamburg+, +Deutsche Dichter-+

Pfingsten 1903. Gedächtnis-Stiftung.

Humor.

Von +Friedrich Theodor Vischer+.

Man spricht von Humor jetzt oft und viel

Und denkt dabei nur an ein leeres Spiel.

Mancher kursiert als Humorist,

Der nichts weiter als Spaßmacher ist,

Nichts ahnt von dem innern Widerspruch,

Von dem Zickzack, dem tiefen Bruch,

Der durch das ganze Weltall dringt,

Daß man immer fürchtet: es zerspringt,

Während die also geborstne Welt

Doch immer noch steht und zusammenhält, --

Mancher, der diesen Riß zwar merkt,

Doch zu freiem Lachen den Geist nicht stärkt,

Sondern mit Weltschmerz kokettiert

Und den Blasierten affektiert, --

Ja mancher eisige, spitzige Spötter,

Der Witze nur macht auf Menschen und Götter,

Mancher verdorbne, mit Seelengicht

Behaftete, zotensinnende Wicht,

Mancher schäkernde, eitle Mann,

Der über sich selbst nicht lachen kann. --

Hat aber einer die Geistesmacht,

Die scharf durchschaut und doch heiter lacht,

Bleibt er fest und verzweifelt nie,

Hat er mehr als Witz, hat er Phantasie,

Versteht er über sich selbst zu schweben,

Sich selber dem Lachen preiszugeben:

Dem sei es gegönnt von ganzem Herzen,

Auch einmal einfach närrisch zu scherzen,

Ohne versteckte Gedankentiefen

Seine Freude zu haben am Naiven.

Mit freundlicher Erlaubnis des Verlegers und des Sohnes des

Verfassers abgedruckt aus Friedrich Theodor Vischer’s

※※※ Gedichtsammlung „Allotria“ ※※※

(Stuttgart: Verlag von Adolf Bonz & Co.).

Peter Rosegger:

Als ich das erste Mal auf dem Dampfwagen saß.

Mit freundlicher Erlaubnis des Verfassers und des Verlegers abgedruckt

aus dem 1. Bande von Peter Roseggers Buch „Waldheimat. Erinnerungen aus

der Jugendzeit.“ (Leipzig: Verlag von L. Staackmann, 18. Aufl. 1902).

Als ich das erste Mal auf dem Dampfwagen saß.

Mein Pate, der Knierutscher Jochem -- er ruhe in Frieden! -- war

ein Mann, der alles glaubte, nur nicht das Natürliche. Das Wenige

von Menschenwerken, was er begreifen konnte, war ihm göttlichen

Ursprungs; das Viele, was er nicht begreifen konnte, war ihm Hexerei

und Teufelsspuk. -- Der Mensch, das bevorzugteste der Wesen, hat zum

Beispiel die Fähigkeit, das Rindsleder zu gerben und sich Stiefel

daraus zu verfertigen, damit ihn nicht an den Zehen friere; diese Gnade

hat er von Gott. Wenn der Mensch aber hergeht und den Blitzableiter

oder gar den Telegraphen erfindet, so ist das gar nichts anderes als

eine Anfechtung des Teufels. -- So hielt der Jochem den lieben Gott für

einen gutherzigen, einfältigen Alten (ganz wie er, der Jochem, selber

war), den Teufel aber für ein listiges, abgefeimtes Kreuzköpfel, dem

nicht beizukommen ist und das die Menschen und auch den lieben Gott von

hinten und vorn beschwindelt.

Abgesehen von dieser hohen Meinung vom Lucifer, Beelzebub (was weiß

ich, wie sie alle heißen), war mein Pate ein gescheiter Mann. Ich

verdankte ihm manches neue Linnenhöslein und manchen verdorbenen Magen.

Sein Trost gegen die Anfechtungen des bösen Feindes und sein Vertrauen

war die Wallfahrtskirche Mariaschutz am Semmering. Es war eine Tagreise

dahin, und der Jochem machte alljährlich einmal den Weg. Als ich schon

hübsch zu Fuße war (ich und das Zicklein waren die einzigen Wesen, die

mein Vater nicht einzuholen vermochte, wenn er uns mit der Peitsche

nachlief), wollte der Pate Jochem auch mich einmal mitnehmen nach

Mariaschutz.

„Meinetweg’“, sagte mein Vater, „da kann der Bub’ gleich die neue

Eisenbahn sehen, die sie über den Semmering jetzt gebaut haben. Das

Loch über den Berg soll schon fertig sein.“

„Behüt’ uns der Herr“, rief der Pate, „daß wir das Teufelszeug

anschau’n! ’s ist alles Blendwerk, ’s ist alles nicht wahr“.

„Kann auch sein“, sagte mein Vater und ging davon.

Ich und der Pate machten uns auf den Weg; wir gingen über das

Stuhleckgebirge, um ja dem Tale nicht in die Nähe zu kommen, in welchem

nach der Leut’ Reden der Teufelswagen auf und ab ging. Als wir aber auf

dem hohen Berge standen und hinabschauten in den Spitalerboden, sahen

wir einer scharfen Linie entlang einen braunen Wurm kriechen, der Tabak

rauchte.

„Jessas Maron!“ schrie mein Pate, „das ist schon so was! spring Bub’!“

-- Und wir liefen die entgegengesetzte Seite des Berges hinunter.

Gegen Abend kamen wir in die Niederung, doch -- entweder der Pate war

hier nicht wegkundig, oder es hatte ihn die Neugierde, die ihm zuweilen

arg zusetzte, überlistet, oder wir waren auf eine „Irrwurzen“ gestiegen

-- anstatt in Mariaschutz zu sein, standen wir vor einem ungeheuren

Schutthaufen, und hinter demselben war ein kohlfinsteres Loch in den

Berg hinein. Das Loch war schier so groß, daß darin ein Haus hätte

stehen können, und gar mit Fleiß und Schick ausgemauert; und da ging

eine Straße mit zwei eisernen Leisten daher und schnurgerade in den

Berg hinein.

Mein Pate stand lange schweigend da und schüttelte den Kopf; endlich

murmelte er: „Jetzt stehen wir da. Das wird die neumodische Landstraßen

sein. Aber derlogen ist’s, daß sie da hineinfahren!“

Kalt wie Grabesluft wehte es aus dem Loche. Weiter hin gegen Spital in

der Abendsonne stand an der eisernen Straße ein gemauertes Häuschen;

davor ragte eine hohe Stange, auf dieser baumelten zwei blutrote

Kugeln. Plötzlich rauschte es an der Stange und eine der Kugeln ging

wie von Geisterhand gezogen in die Höhe. Wir erschraken baß. Daß es

hier mit rechten Dingen nicht zuginge, war leicht zu merken. Doch

standen wir wie festgewurzelt.

„Pate Jochem,“ sagte ich leise, „hört ihr nicht so ein Brummen in der

Erden?“

„Ja freilich, Bub’“, entgegnete er, „es donnert was! es ist ein

Erdbidn“ (Erdbeben). Da tat er schon ein kläglich Stöhnen. Auf der

eisernen Straße heran kam ein kohlschwarzes Wesen. Es schien anfangs

stillzustehen, wurde aber immer größer und nahte mit mächtigem

Schnauben und Pfustern und stieß aus dem Rachen gewaltigen Dampf aus.

Und hintenher --

„Kreuz Gottes!“ rief mein Pate, „da hängen ja ganze Häuser d’ran!“

Und wahrhaftig, wenn wir sonst gedacht hatten, an das Lokomotiv wären

ein paar Steirerwäglein gespannt, auf denen die Reisenden sitzen

konnten, so sahen wir nun einen ganzen Marktflecken mit vielen Fenstern

heranrollen, und zu den Fenstern schauten lebendige Menschenköpfe

heraus, und schrecklich schnell ging’s, und ein solches Brausen war,

daß einem der Verstand still stand. Das bringt kein Herrgott mehr zum

stehen! fiel’s mir noch ein. Da hub der Pate die beiden Hände empor

und rief mit verzweifelter Stimme: „Jessas, Jessas, jetzt fahren sie

richtig in’s Loch!“

Und schon war das Ungeheuer mit seinen hundert Rädern in der Tiefe;

die Rückseite des letzten Wagens schrumpfte zusammen, nur ein Lichtlein

davon sah man noch eine Weile, dann war alles verschwunden, bloß der

Boden dröhnte, und aus dem Loche stieg still und träge der Rauch.

Mein Pate wischte sich mit dem Ärmel den Schweiß vom Angesicht und

starrte in den Tunnel.

Dann sah er mich an und fragte: „Hast du’s auch gesehen, Bub’?“

„Ich hab’s auch gesehen“.

„Nachher kann’s keine Blenderei gewesen sein“, murmelte der Jochem.

Wir gingen auf der Fahrstraße den Berg hinan; wir sahen aus mehreren

Schachten Rauch hervorsteigen. Tief unter unsern Füßen im Berge ging

der Dampfwagen.

„Die sind hin wie des Juden Seel’!“ sagte mein Pate und meinte die

Eisenbahn-Reisenden. „Die übermütigen Leut’ sind selber ins Grab

gesprungen!“

Beim Gasthause auf dem Semmering war es völlig still; die großen

Stallungen waren leer, die Tische in den Gastzimmern, die Pferdetröge

an der Straße waren unbesetzt. Der Wirt, sonst der stolze Beherrscher

dieser Straße, lud uns höflich zu einer Jause ein.

„Mir ist aller Appetit vergangen“, antwortete mein Pate, „gescheite

Leut’ essen nicht viel, und ich bin heut’ um ein Stückel gescheiter

worden“. Bei dem Monumente Karls VI., das wie ein kunstreiches Diadem

den Bergpaß schmückt, standen wir still und sahen ins Österreicherland

hinaus, das mit seinen Felsen und Schluchten und seiner unabsehbaren

Ebene vor uns ausgebreitet lag. Und als wir dann abwärts stiegen,

da sahen wir drüben in den wilden Schroffwänden unsern Eisenbahnzug

gehen -- klein wie eine Raupe -- und über hohe Brücken, fürchterliche

Abgründe setzen, an schwindelnden Hängen gleiten, bei einem Loch

hinein, beim andern hinaus -- ganz verwunderlich.

„’s ist auf der Welt ungleich, was heutzutag’ die Leut’ treiben“,

murmelte mein Pate.

„Sie tun mit der Weltkugel kegelscheiben!“ sagte ein eben

vorübergehender Handwerksbursche.

Als wir nach Mariaschutz kamen, war es schon dunkel.

Wir gingen in die Kirche, wo das rote Lämpchen brannte, und beteten.

Dann genossen wir beim Wirt ein kleines Nachtmahl und gingen an den

Kammern der Stallmägde vorüber auf den Heuboden, um zu schlafen.

Wir lagen schon eine Weile. Ich konnte unter der Last der Eindrücke

und unter der Stimmung des Fremdseins kein Auge schließen, vermutete

jedoch, daß der Pate bereits süß schlummere; da tat dieser plötzlich

den Mund auf und sagte:

„Schlafst schon, Bub’?“

„Nein“, antwortete ich.

„Du“, sagte er, „mich reitet der Teufel!“

Ich erschrak. So was an einem Wallfahrtsort, das war unerhört.

„Ich muß vor dem Schlafengehen keinen Weihbrunn’ genommen haben“,

flüsterte er, „’s gibt mir keine Ruh’, ’s ist arg, Bub’“.

„Was denn, Pate?“ fragte ich mit warmer Teilnahme.

„Na, morgen, wenn ich kommuniziere, leicht wird’s besser“, beruhigte er

sich selbst.

„Tut euch was weh’, Pate?“

„’s ist eine Dummheit. Was meinst, Bübel, weil wir schon so nah’ dabei

sind, probieren wir’s?“

Da ich ihn nicht verstand, so gab ich keine Antwort.

„Was kann uns geschehen?“ fuhr der Pate fort, „wenn’s die andern tun,

warum nicht wir auch? Ich lass’ mir’s kosten“.

Er schwätzt im Traum, dachte ich bei mir selber und horchte mit Fleiß.

„Da werden sie einmal schauen“, fuhr er fort, „wenn wir heimkommen und

sagen, daß wir auf dem Dampfwagen gefahren sind!“

Ich war gleich dabei.

„Aber eine Sündhaftigkeit ist’s!“ murmelte er, „na leicht wird’s morgen

besser, und jetzt tun wir in Gottes Namen schlafen“.

Am andern Tage gingen wir beichten und kommunizieren und rutschten

auf den Knieen um den Altar herum. Aber als wir heimwärts lenkten, da

meinte der Pate nur, er wolle sich dieweilen gar nichts vornehmen, er

wolle nur den Semmering-Bahnhof sehen, und wir lenkten unsern Weg dahin.

Beim Semmering-Bahnhof sahen wir das Loch auf der andern Seite.

War auch kohlfinster. -- Ein Zug von Wien war angezeigt. Mein Pate

unterhandelte mit dem Bahnbeamten, er wolle zwei Sechser geben, und

gleich hinter dem Berg, wo das Loch aufhört, wollten wir wieder

absteigen.

„Gleich hinter dem Berg, wo das Loch aufhört, hält der Zug nicht“,

sagte der Bahnbeamte lachend.

„Aber wenn wir absteigen wollen!“ meinte der Jochem.

„Ihr müßt bis Spital fahren. Ist für zwei Personen zweiunddreißig

Kreuzer Münz.“

Mein Pate meinte, er lasse sich was kosten, aber so viel wie die hohen

Herren könne er armer Schlucker nicht geben; zudem sei an uns beiden

ja kein Gewicht da. -- Es half nichts; der Beamte ließ nicht handeln.

Der Pate zahlte; ich mußte zwei „gute“ Kreuzer beisteuern. Mittlerweile

kroch aus dem nächsten, unteren Tunnel der Zug hervor, schnaufte heran,

und ich glaubte schon, das gewaltige Ding wolle nicht anhalten. Es

zischte und spie und ächzte -- da stand es still.

Wie ein Huhn, dem man das Hirn aus dem Kopfe geschnitten, so stand der

Pate da, und so stand ich da. Wir wären nicht zum Einsteigen gekommen;

da schupste der Schaffner den Paten in einen Waggon und mich nach. In

demselben Augenblicke wurde der Zug abgeläutet, und ich hörte noch, wie

der ins Coupé stolpernde Jochem murmelte: „Das ist meine Totenglocke“.

Jetzt sahen wir’s aber: im Waggon waren Bänke, schier wie in einer

Kirche; und als wir zum Fenster hinausschauten -- „Jessas und Maron!“

schrie mein Pate, „da draußen fliegt ja eine Mauer vorbei!“ -- Jetzt

wurde es finster, und wir sahen, daß an der Wand unseres knarrenden

Stübchens eine Öllampe brannte. Draußen in der Nacht rauschte und toste

es, als wären wir von gewaltigen Wasserfällen umgeben, und ein ums

andere Mal hallten schauerliche Pfiffe. Wir reisten unter der Erde.

Der Pate hielt die Hände auf dem Schoß gefaltet und hauchte: „In

Gottes Namen. Jetzt geb’ ich mich in alles drein. Warum bin ich der

dreidoppelte Narr gewesen.“

Zehn Vaterunser lang mochten wir so begraben gewesen sein, da lichtete

es sich wieder, draußen flog die Mauer, flogen die Telegraphenstangen

und die Bäume, und wir fuhren im grünen Tale.

Mein Pate stieß mich an der Seite: „Du, Bub’! Das ist gar aus der Weis’

gewesen, aber jetzt -- jetzt hebt’s mir an zu gefallen. Richtig wahr,

der Dampfwagen ist was Schönes! Jegerl und jerum, da ist ja schon

das Spitalerdorf! Und wir sind erst eine Viertelstunde gefahren! Du,

da haben wir unser Geld noch nicht abgesessen. Ich denk’, Bub’, wir

bleiben noch sitzen.“

Mir war’s recht. Ich betrachtete das Zeug von innen und ich blickte in

die fliegende Gegend hinaus, konnte aber nicht klug werden. Und mein

Pate rief: „Na, Bub’, die Leut’ sind gescheit! Und daheim werden sie

Augen machen! Hätt’ ich das Geld dazu, ich ließe mich, wie ich jetzt

sitz’, auf unsern Berg hinauffahren!“

„Mürzzuschlag!“ rief der Schaffner. Der Wagen stand; wir schwindelten

zur Tür hinaus!

Der Türsteher nahm uns die Papierschnitzel ab, die wir beim Einsteigen

bekommen hatten, und vertrat uns den Ausgang. „He, Vetter!“ rief er,

„diese Karten galten nur bis Spital. Da heißt’s nachzahlen, und zwar

das Doppelte für zwei Personen; macht einen Gulden sechs Kreuzer!“

Ich starrte meinen Paten an, mein Pate mich. „Bub’“, sagte dieser

endlich mit sehr umflorter Stimme, „hast du ein Geld bei dir?“

„Ich hab’ kein Geld bei mir“, schluchzte ich.

„Ich hab’ auch keins mehr“, murmelte der Jochem.

Wir wurden in eine Kanzlei geschoben, dort mußten wir unsere Taschen

umkehren. Ein blaues Sacktuch, das für uns beide war und das die Herren

nicht anrührten, ein hart Rindlein Brot, eine rußige Tabakspfeife,

ein Taschenfeitel, etwas Schwamm und Feuerstein, der Beichtzettel von

Mariaschutz und der lederne Geldbeutel endlich, in dem sich nichts

befand als ein geweihtes Messing-Amuletchen, das der Pate stets mit

sich trug im festen Glauben, daß sein Geld nicht ganz ausgehe, so lange

er das geweihte Ding im Sacke habe. Es hatte sich auch bewährt bis

auf diesen Tag -- und jetzt war’s auf einmal aus mit seiner Kraft. --

Wir durften unsere Habseligkeiten zwar wieder einstecken, wurden aber

stundenlang auf dem Bahnhofe zurückbehalten und mußten mehrere Verhöre

bestehen.

Endlich, als schon der Tag zur Neige ging, zur Zeit, da nach so

rascher Fahrt wir leicht schon hätten zu Hause sein können, wurden wir

entlassen, um nun den Weg über Berg und Tal in stockfinsterer Nacht

zurückzulegen.

Als wir durch den Ausgang des Bahnhofes schlichen, murmelte mein Pate:

„Beim Dampfwagen da -- ’s ist doch der Teufel dabei!“

[Illustration]

Peter Rosegger:

Wie wir die Gürtelsprenge haben gehalten.

Mit freundlicher Erlaubnis des Verfassers und des Verlegers abgedruckt

aus dem 1. Bande von Peter Roseggers Buch „Waldheimat. Erinnerungen aus

der Jugendzeit“ (Leipzig: Verlag von L. Staackmann, 18. Aufl. 1902).

Wie wir die Gürtelsprenge haben gehalten.

Wenn man in jener Gegend den Bauern nach der Anzahl der Bewohner seines

Hauses fragt, so mag wohl folgende Antwort geschehen: „Bewohner? Ja,

die muß ich mir selber erst zusammendenken. Da bin ich; -- tut nur

fleißig nachzählen -- ich und mein Weib und unsere fünf Kinder und der

Knecht und acht Rindvieher und die Magd.“

Und er meint es nicht anders. Schützt sie doch allzusammen +ein+

Dach, lebt doch eines für alle, wie alle für eines leben, und sie

ernähren sich gegenseitig und erheitern sich das Leben, und die Kinder

und die Kälber laufen lustig durcheinander herum. -- Für die Rinder hat

der liebe Gott die Almen und die Heustadeln erschaffen. Und wenn die

Stadeln sich gefüllt haben und die Zeit der Heue vorüber ist, so wird

im Hause des Hirtenbauers ein Fest begangen. Der Bauer gibt den Seinen

ein Mahl. Und da wird nicht geschont, ist doch der Heustadel voll.

Und besonders Hansjörgl, der Knecht, dem in letzterer Zeit der

Bauchriemen ohnehin schon zu lang geworden ist, läßt sich das Fest

angelegen sein, und so eine Bäuerin wie die unsere, sagt er,

gibt’s nimmermehr -- und der Riemen wird kürzer und kürzer, und

die Enden seines Ringes wollen nicht mehr reichen, und mit Gewalt

zusammengeschnallt, springen sie wieder mit Gewalt auseinander.

Das Fest der Gürtelsprenge.

Mir ist aus jener Zeit, in der ich solche Feste noch mitmachte, ein

Geschichtchen in Erinnerung.

Ich war noch im Hefelrainhof beim Vieh. Die Heue war vorüber, und unser

Knecht hatte zwei Tage lang fast nichts gegessen, um sich auf den

nahenden Genuß gebührend vorzubereiten. Es waren Stunden aufgeregter

Erwartung, bis am dritten Tage zum späten Mittag der Bauer das weiße

Tuch, mit dem roten Streifen in der Mitte, über den Tisch zog. Dann

legte er die glänzend gefegten Messer und Gabeln und Löffel auf ihre

Plätze. Dann begann er in gehobener Stimmung -- er hatte heute auch

reine Wäsche an -- Weißbrot aufzuschneiden. Ich stand neben dem

Tisch und sah, wie der Haufen der Brotspalten immer mehr anwuchs und

anwuchs. Hansjörgl, der Knecht, beobachtete diesen Vorgang nicht

ohne Mißtrauen; -- wozu das viele Brot hier? Soll das etwa bestimmt

sein, die Haupträumlichkeiten zu füllen, auf daß feinere Bissen nicht

sollen untergebracht werden können? -- Endlich kam der dampfende

Milchtopf, und der Tisch ächzte, und die Massen der Brotspalten wurden

hineinversenkt, so wie sich bei Erdrevolutionen Berge versenken in die

Tiefen des Meeres. Wir beteten, dann setzten wir uns alle zu Tische.

Der Knecht begann zu essen, still und langsam, mit einer ehernen Ruhe.

Als die Milch und das darauffolgende Speckkraut abgetan war und die

Lasten der Roggenknödeln erschienen, fühlte ich die früher so mächtigen

Sympathieen für die Gegenstände nach und nach schwinden -- ich war

gesättigt. Ich sah nur sinnend zu, wie die bedeutsamen Reihen der

Gerichte vorüberzogen, die Butterschnitten und die Rahmstrudeln und

die Fleischnudeln, und das Schottenkoch und die Milchkrapfen und das

Schmalzmus. Sie aßen und redeten dabei von Dingen, die sich früher

bei dem Feste der Gürtelsprenge zugetragen hatten und in der Zukunft

noch zutragen können. Der Knecht redete nicht, er saß und aß still

und langsam, mit einer ehernen Ruhe. Es kamen noch fernere Gerichte

und fernere Gespräche, und der Knecht aß still und langsam fort. Als

sie bei den Butterkrapfen waren, hörte man ein leichtes Schnalzen

-- es war sein Gürtel auseinander gesprungen. Der Knecht ließ ihn

auseinandergesprungen sein, blieb in seiner Ruhe und aß.

Endlich aber blieb die geleerte Schüssel auf dem Tische stehen, und es

kam nichts mehr. Der Knecht blickte befremdet auf; -- wo spannt sich’s

denn? ja, geht’s denn nicht allweg so fort? -- Er war schwermütig,

er dachte an das Los alles Zeitlichen, er erhob sich, er ging in das

Freie, er stand eine Weile still und sah hinaus in die Berge und Täler,

er stieg empor zum Heuboden, er legte sich in sein Bett.

Es nahte schon der Abend.

Über den Almen zogen Nebel, wie sie sich zur Herbstzeit gern über das

Gebirge niedersenken. Ich ging hinaus auf die Halde und rief so lange:

„Hoi ho, hoi ho!“ bis die Kuh mit der Glockenschelle auf mich zukam und

ihr die Heerde nachfolgte. Dann führte ich sie zum Hause und in den

Stall.

Als dieses geschehen, und als gemolken war, gingen wir zur Abendsuppe;

ich hatte wieder recht Appetit, und der Bauer sagte, so eine saure

Suppe könne er zu jeder Zeit essen, und sie sei ihm lieber wie die

besten Butterkrapfen. Aber der Knecht erschien nicht zur Suppe.

Endlich gingen wir alle zur Ruhe. Ich hatte mein Lager im Stalle, um

die Rinder zu bewachen, daß sich keines etwa von seiner Kette losmache

und die anderen beschädige. Mir war recht behaglich unter der Decke.

Die Glockenkuh schellte noch eine Weile, weil sie sich an den Lenden

leckte, und der Stier rasselte noch dann und wann an der Kette und

gaukelte mit den Hörnern. Nach und nach ließen sie sich alle nieder

auf die frische Fichtenstreu und begannen das Wiederkäuen. Einige Zeit

hörte ich noch das gleichmäßige Gescharre der Zähne, dann sanken mir

nach und nach die Augen zu. -- Noch war mir, als säße auch der Knecht

auf der Fichtenstreu, und rassele mit der Kette und gaukele wie der

Stier, und kaue, wie alle anderen, und kaue ohne Ende.

Plötzlich weckte mich ein Poltern außen an der Stalltür. „Halterbub’,

schreck’ dich nicht und steh’ auf!“ hörte ich rufen; es war des Bauern

Stimme, und das Poltern an der Tür wurde heftiger.

Ich kollerte von dem Bette auf die Streu hinaus, stieß in der

Verwirrung an die Glockenkuh, daß sie mit einem ohrenzerreißenden

Geschelle aufsprang, und ich taumelte der Türe zu.

„Schreck’ dich nicht, Bub’, und mach’ dir nichts draus“, rief der

Hefelrainhofer wieder, „schlupf’ geschwind in deine Hose hinein, du

mußt eilig hinablaufen nach Kathrein um den Herrn Pfarrer, ’s will uns

der Hansjörgl sterben!“

„Der Hansjörgl will sterben!“ sagte ich zitternd und nestelte die

Türkette auf, „ja warum denn und wegen was denn?“

„Der lieb’ Herrgott wird’s wissen! Da kugelt er oben in seinem Bett und

schiebt die Augen über und ächzt -- und -- nein, meiner Tag hab’ ich

so was nicht erlebt. Geh’, Bübl, geh’, wenn du den Pfarrer bei Zeiten

bringst, so kriegst einen Sechser. Und das letzt’ Öl soll er dennoch

wohl auch mitbringen -- und begraben laß ich den Hansjörgl mit dem

großen Kondukt. Ach, mein guter, rechtschaffener Knecht!“

Ich weiß nicht, wie ich’s gemacht hatte; ehe noch der Bauer aufgehört

zu sprechen, war ich angezogen, und in den nächsten Augenblicken schon

eilte ich den Berghang hinab. Zerrissene Wolken hingen am Himmel, matt

schien der Halbmond, in den Ästen der Tannen fächelte zeitweilig der

Wind. Meine Schuhe machten ein Getöse in den Steinen des Hanges, mir

voran und zur Seite kollerten diese hinab, und ich kollerte schier

auch selbst mit ihnen. Und ich ging durch Täler hinaus, oft hingen

Bäume derart über mir zusammen, daß ich keinen Boden, keine Wurzel,

keinen Stein mehr sah, daß ich im Schwarzen dahinwandelte, stolperte,

in Pfützen sprang, an Bäume prallte -- in Todesangst war. Neben mir

hin rauschte der Waldbach. Oft hörte ich Gekrächze über mir, Schritte

hinter mir, und ich meinte, der Knecht sei bereits gestorben und sein

irrender Geist folge mir. Ich hatte Angst um meine arme Seele, ich

betete im Herzen, ich versicherte den lieben Gott und alle Heiligen,

daß ich all’ mein Lebtag keine Sünde mehr begehen wolle, wenn ich

diesmal in Gnaden bewahrt bliebe. Und bis auf einige blaue Ballen an

Gesicht und Händen blieb ich in Gnaden bewahrt. Nach Stunden kam ich

nach Kathrein, und da ging die Morgenröte auf.

Ich eilte zum Pfarrhof und riß mit beiden Händen an dem Drahte der

Türglocke so heftig, daß ich von innen einen Jammerschrei hörte.

Dann wurde ein Fenster aufgerissen, und die alte Haushälterin in

schneeweißem Nachtgewande rief alle Namen der Himmel um Antwort an, wer

denn Sturm läute in solcher Stunde. Da öffnete ich denn mein bedrängtes

Herz: „Der Hansjörgl will sterben -- das letzte Öl soll er auch

mitnehmen, und begraben läßt er ihn mit dem großen Kondukt!“

Ich wurde verstanden. Schwer mag’s dem greisen Mann gewesen sein,

nun aus den weichen Federn fort, in die frostige Herbstluft hinaus,

und nüchtern in das Gebirge. Aber er ging. Lautlos kleidete er sich

an, eilte zur Kirche, läutete selbst das Versehglöcklein, holte das

Heiligste und ging mit mir. Ich ging voran, trug in der einen Hand

die brennende Laterne, in der andern das Metallglöcklein, mit dem ich

schellte, auf daß die Menschen in den Häusern und Hütten, an denen wir

vorüberzogen, auf die priesterliche Handlung aufmerksam gemacht würden.

Wir gingen denselben Weg, den ich hergegangen war. Das Wasser rauschte;

ich schellte den Fischen, daß nun ihr Schöpfer vorüberziehe, und daß

sie anbetend ihre Köpfe emporrecken sollten aus den Wellen. Keine

einzige Forelle hat mein Glöcklein gehört.

Als es nach und nach licht geworden war, begann der Pfarrer hinter mir

plötzlich zu lachen. „Ja, was hast du denn gemacht, Kleiner, du hast ja

dein Höslein verkehrt an!“

Da gab’s mir einen Stich im Herzen; vor meinen Augen tanzten Sterne.

-- Was hat er gesagt, mein Höslein verkehrt? -- Es war wohl so! -- Das

Hintere war vorn, das Vordere war hinten, und kein einzig Knöpflein war

zu.

„Ist ja kein Unglück“, sagte der Pfarrer, „hast es halt ein wenig

schnell gemacht. Setz’ die Laterne da auf den Stein, und mach’ Ordnung,

ich wart’ auf dich.“

Ich ging hinauf in das Dickicht und zog aus und zog an, und eilte, daß

doch der Knecht dieweilen nicht sterbe, und endlich, als alles recht

saß, barg ich mein Gesicht in den Ellbogen.

Um mich aus der Verlegenheit zu befreien, begann der Greis ein

Gespräch und erkundigte sich um die näheren Zustände des Knechtes. Er

beschleunigte seine Schritte und sagte mir, daß es für einen Priester

sehr peinlich sei, auf seinem Versehgange zum Kranken nur mehr einen

Toten zu treffen und unverrichteter Sache wieder zurückkehren zu

müssen. „Einmal hab’ ich das erfahren, mein lieber Kleiner. Es war vor

mehreren Jahren. Ich wurde hinein in die Kiengräben zu einem Holzhauer

gerufen, den als Wilderer die Kugel eines Jägers getroffen hatte.

Sein einzig Sehnen war nach einem Priester; stundenlang rang er mit

dem Tode und in Verzweiflung rief er: Ich muß warten auf meinen Gott

und Richter. -- Aber der Weg bis in die Kiengräben ist weit, und ich

fand den Mann erstarrt, und auf seinen Zügen und in seinem gebrochenen

Auge lag noch die Todespein. -- Im Chorrock, und auf den Händen das

Sakrament, so mußte ich wieder umkehren; und auf demselben Gang hab’

ich keine einzige Vogelstimme gehört im Walde, und mir ist so schwer

und weh gewesen, als hätten mich alle unerlösten Seelen der Erde

verfolgt. Kleiner, was das heißt, ein Priester sein -- es ist nicht zu

sagen!“

Der Pfarrer schwieg, trocknete seine Stirn, und wir schritten weiter

und weiter.

Wir stiegen den Berghang hinan gegen unser Haus. Die Nebel hatten

sich aufgelöst, und die Sonne stand schon ziemlich hoch am tiefblauen

Himmel. Die Almglocken klangen auf den Höhen, und zeitweilig hörte man,

in hohen Lüften getragen, das helle Jauchzen eines freudigen Menschen.

-- Ei wohl, unser Knecht hatte auch schön gesungen und hell gejauchzt,

und an diesem lieblichen Morgen soll er gar auf dem Totenbette sein!

Das Haus stand still und traurig auf der Anhöhe. Wohl glänzte die

Sonne in den Fenstern, aber diese sahen uns entgegen, wie verglaste,

verweinte Augen.

Ich zitterte vor Angst; ich hielt die Laterne hoch und das Glöcklein

ließ ich klingen. Niemand kam uns entgegen, niemand kniete vor dem

Hause, um sich den Segen des nahenden Heilandes zu erbitten. Die Türen

waren offen, wir gingen in das Haus und durch die Vorlauben in die

Stube. Es war niemand da, nur die Uhr an der Wand tickte und tickte.

Der Kranke ist noch auf dem Heuboden, dachte ich, und sie sind alle bei

ihm. Der Pfarrer stellte das Sakrament auf den Tisch und sank erschöpft

auf die Bank daneben. Ich eilte auf den Heuboden und rief laut, daß wir

da seien. Der Heuboden war still und dunkel, nur das frischduftende

Heu war da. Und das Bett des Knechtes war leer! -- Da erfaßte mich ein

Grauen, und ich lief zurück in die Stube: „Kein Mensch ist da, kein

Mensch im ganzen Hause; sie haben ihn gar schon fortgetragen!“

Da erhob sich der Priester, sein Antlitz rötete sich und er sah mich

an mit strengem Blicke. Ich brach in ein Weinen aus. Wir ließen die

Heiligtümer auf dem Tische stehen und gingen vor das Haus, und ich

rief, was ich rufen konnte, nach den Leuten.

Endlich hörte ich von dem Schachen herüber halbverhallte Schläge. Ich

lief gegen den Wald und schrie, und mein Schreien wurde aus Angst und

Furcht schier zum Kreischen.

„Sakra, was ist denn das für ein abscheulicher Lärm da unten? Was hat’s

denn?“ hörte ich plötzlich eine Stimme von dem Wipfel einer hohen

Fichte her.

Ich schau’ hinauf, hör’ ihn, seh’ ihn -- es ist der Hansjörgl.

Und er hackt die Äste herab, einen um den andern, und singt und

jauchzt. Da lauf’ ich wohl wieder zurück zum Hause, zum Pfarrer,

auf daß ich niederfalle vor ihm auf die Kniee und ihn tausendmal um

Verzeihung bitte, daß der Knecht wieder kernblitzgesund ist und von den

Bäumen die Äste herabhackt zur Streu für die Rinder.

Aber wie ich zurückkomme, steht schon der Bauer vor dem Pfarrer und

bringt Entschuldigungen vor. Der Knecht habe gestern ein klein wenig

mehr von Speisen zu sich genommen, weil die Gürtelspreng’ gewesen sei,

und d’rauf habe er in der Nacht so einen heftigen Kolikanfall bekommen,

daß schon alle gemeint, es sei sein letztes End’. Deswegen habe er

gleich um den Priester geschickt, aber die Krankheit habe bald darauf

nachgelassen, und der Hansjörgl habe in der Früh wieder rechtschaffen

viel Kässuppe gegessen. Man habe hernach wohl einen zweiten Boten

geschickt, daß der Herr Pfarrer nur daheim bleiben möge, aber dieser

Bote sei wahrscheinlich einen andern Weg gegangen, und so sei es

geschehen, wie es geschehen war.

In der Stube aber brannte das geweihte Wachslicht und stand das

geistliche Brot. Sollte nun der Pfarrer wirklich mit dem Hochwürdigsten

unverrichteter Sache zurückkehren müssen, was er so gefürchtet?

Oder will er auf der Alm die Messe lesen und selbst das Himmelsbrot

verzehren? Oder will jemand sterbenskrank werden, auf daß er die

bereitete Wegzehrung genießen dürfte?

Ich sann auf Wege, sann auf Stege. Und endlich hatte ich was ersonnen.

Ich war noch nüchtern. Aus Liebe zum alten Herrn, der mich in der Seele

erbarmte, bekannte ich ihm auf der Ofenbank meine Sünden, und so konnte

ich nun der Kommunion teilhaftig werden.

Und als die Handlung vorüber war, legte der Pfarrer den Chorrock ab

und atmete auf. Die Bäuerin, die nun auch von der Weide gekommen, gab

mir meine Morgensuppe und wollte dem Herrn Pfarrer mit Butter und

einer Eierspeise aufwarten; er konnte aber nichts genießen, weil er an

demselben Tage noch die Messe zu lesen hatte. So mußte der gute Mann

fasten, weil unser Knecht Tags zuvor so ungebührlich gegessen hatte,

und so mußte ich eine Beichte ablegen, weil unser Knecht Tags zuvor

gegen die Mäßigkeit gesündigt hatte, und so endete in demselben Jahre

das Fest der Gürtelsprenge.

Dafür hatte ich heute Feiertag und durfte den Pfarrer wieder nach

Kathrein begleiten. Als wir über den Hang hinabstiegen, hörten wir

Hansjörgl, den Knecht, von den Waldwipfeln herüber jauchzen. Der

Pfarrer stand still und sagte zu mir: „Was meinst, Kleiner, hört sich

das nicht besser, wie Totenglocken?“

[Illustration]

Wilhelm Raabe:

Der Marsch nach Hause.

Mit freundlicher Erlaubnis des Verfassers und des Verlegers abgedruckt

aus dem 2. Bande von Wilhelm Raabes „Gesammelten Erzählungen“ (Berlin:

Verlag von Otto Janke, 1901).

Der Marsch nach Hause.

1.

Am siebenten August des Jahres Sechzehnhundertvierundsiebenzig als

am Geburtstagsfeste des Schutzheiligen des Ortes und der Gegend, des

heiligen Gebhard, herrschte ein reges Leben in der alten Stadt Bregenz

am Bodensee und rings um dieselbe. Seit langen Jahren hatte das Volk

diesen Tag nicht mit solchem Eifer und so fröhlichen Herzens gefeiert

wie heute.

Schon am frühen Morgen hatte kaiserliches Geschütz von der Klause über

der Unnot und bürgerliches Böllergeknall von den Mauern der Stadt und

den umliegenden Höhen dem Heiligen die gebührende Ehre gegeben, und

Glocken und Glöcklein aus Kirchen und Klöstern waren schier den ganzen

Tag über nicht still geworden. Und es war ein schöner, ein heiterer

Tag, der ebenfalls dem Heiligen alle Ehre gab. Leise spielten die

Wellen des großen Sees an die Ufer, und die fernsten Berggiebel und

Hörner des graubündner Landes südlich über dem Rheintal, die Roja,

die Schwestern von Frastanz, die Scesa plana, der Kalanda und die

Grauhörner blitzten mit ihren Schneefeldern im heitern Licht herüber,

während die näherzu aufgetürmten Riesen von St. Gallen und Appenzell,

der Gonzen, der Alwier, der Kamor, der Hohen Kasten und der alte Säntis

mit allen Zacken und Rissen, ein mächtiger Bergkamm, in wundervoller

Klarheit sich vom blauen Himmel abhoben. Wer die Hand über die Augen

hielt, um dieselben gegen das Glänzen und Leuchten des Wassers zu

schirmen, der mochte selbst im fernen Hegäu die dunklen Kegel des

Hohentwiel und Hohenkrähen deutlich erkennen.

An der Kapelle am See, wo die Gebeine der im Jahre 1407 gegen die

Appenzeller Hirten Gefallenen ruhen, und wo der Graf Wilhelm von

Monfort mit allen Rittern des St. Jürgenschildes nach dem gewonnenen

Siege kniete, und der Ruf Ehrguta! Ehrguta! zum ersten Mal hell

hinausgerufen wurde, um durch Jahrhunderte in den Gassen der alten

Römerstadt Bregenz nicht zu verhallen, waren die Schiffe und Kähne der

Gäste aus dem Allgäu und dem Thurgäu mit Seilen und Ketten angelegt.

Viel Volk war aus dem Walde gekommen, und die Benediktiner von Mehrerau

und die Pfaffheit in der Stadt mochten den Tag wohl loben; denn wie bei

allen solchen, vom Wetter und dem Lebensmut der Menschen begünstigten,

feierlichen Gelegenheiten fiel mancherlei für sie ab, was sie gar wohl

gebrauchen konnten und mit Dank und gutem Gegenwillen gern hinnahmen.

Wenn nun schon am Seeufer, wie gesagt, ein munteres Leben herrschte,

so nahm dieses mehr und mehr zu auf allen Wegen, die zu dem grauen

Mauerviereck der Römerstadt emporführten, wurde aber am buntesten auf

den waldigen Pfaden, auf welchen man rechts von der Stadt die Höhe des

Pfannenbergs erreicht; denn dort hinauf oder hinab mußte ja das Volk,

welches den heiligen Gebhard zu seinem Geburtstage grüßen wollte,

oder ihn bereits gegrüßt hatte. Wir gehen mit den Emporsteigenden,

um nachher mit einem einzelnen Gaste des guten Bischofs wieder

herabsteigen zu können.

Der Heilige würde sich sicherlich nicht wenig gewundert haben, wenn er

heute die Stätte gesehen hätte, wo einstmals seine Wiege stand. Die

Natur hatte wohl Zeit gehabt, ihre verschönernde Hand an das schlimme

Denkmal der schwedischen Furie vom Jahre Sechzehnhundertsechsundvierzig

zu legen; allein alles hatte sie doch längst nicht auszugleichen

vermocht. Da blickten die gewaltigen, zerrissenen, von der Flamme

geschwärzten Mauern und Türme von Hohen-Bregenz immer noch grimmig

auf den jungen, freudigen Waldwuchs, der sich zwischen und an sie

gedrängt hatte, herab. Und wie manches gefiederte Samenkörnlein

Wurzeln geschlagen haben mochte in den Schießscharten und leeren

Fensteröffnungen, die grause Göttin Bellona lachte doch nur höhnischer

durch die schwankenden Kräuter und den kletternden Efeu. Das Gras und

die Herbstastern, die Königskerzen und die Sternblumen hatten noch

nicht den Sieg gewonnen über den Brandschutt des wilden Feldmarschalls

Karl Gustav Wrangel. Hätte das Volk eine ebensolche Miene gemacht,

wie die Geburtsstätte seines Heiligen auf der schönen, vorspringenden

Kuppe des Pfannenberges, so wäre das Fest gewißlich nicht so heiter

anzuschauen gewesen.

Aber die arme, gequälte Menschheit vergißt Gottlob leicht und schnell.

Die frohe Menge, die innerhalb der niedergeworfenen Burgmauern lagerte,

den Wald ringsum füllte und auf allen Pfaden zog, ärgerte sich heute

gar wenig an dem, was vor mehr als siebenundzwanzig Jahren geschehen

war, und das historische Faktum diente höchstens noch einigen älteren

Leuten zu einer nicht unannehmlichen Unterhaltung.

Freilich war die schwedische Hand auf den armen Mann und kleinen

Bürger am Schluß des Jahres sechsundvierzig verhältnißmäßig ziemlich

leicht gefallen, denn der General Wrangel hatte an dem Adel und der

Geistlichkeit so gute Beute gemacht, daß er das Geringere gern und

willig an Ort und Stelle beließ. Die Geistlichkeit und der Adel hatten

nämlich alle ihre Schätze und Habseligkeiten weit aus dem Lande umher

in die feste Römerstadt geflüchtet, und als der falsche Kommandant

der Klause am See seine Tore verräterischer Weise öffnete, da fand

der Schwede alles recht ordentlich, hübsch und lieblich beieinander,

und mochte sich wohl die Hände reiben. Wer heute Schweden bereist und

nach Skogkloster kommt, der wird daselbst wohl noch allerlei gute

Dinge finden, welche der Wrangel damals aus Brigantium mit sich nahm,

und welche die Erben aus dem Allgäu und dem Vorarlberg nun doch wohl

vergeblich zurückfordern möchten.

In der Mitte der Ruinen, auf der Stelle, wo seit dem Jahre 1723 die

Kirche des einstigen Burgherrn von Hohen-Bregenz und spätern Heiligen

steht, war heute am 7. August 1674 der Boden von Schutt und Trümmern

gereinigt, und für den festlichen Tag ein mit Blumen geschmückter,

mit Lichtern bedeckter Altar errichtet, an welchem die Benediktiner

von Mehrerau der Feierlichkeit vorstanden. Hier befand sich der

Mittelpunkt des Gewimmels, doch im weitern Umkreise war dasselbe auch

nicht viel geringer. Da waren in den verwüsteten Räumen der Burg, im

grünen Grase, unter den Bäumen Tische und Bänke aufgestellt und Fässer

zusammengerollt und aufgelegt, da gab es mancherlei gute Sachen für den

Mund und die Augen, und die Geburtstagsgäste saßen an den Tischen und

lagerten im Grase und drängten sich um die Fässer und feilschten an den

Tischen der Verkäufer von Rosenkränzen und Kreuzen und Heiligenbildern,

und an einem der Tische saß einer der Helden dieser Historia einsam

und allein vor der Flasche und dem Glase, und nickte mit dem Kopfe,

und blinzelte in das Gewühl seliglich, im Rücken gedeckt von einem

rauchgeschwärzten Mauerwinkel, überschattet von einem Ahornstrauch,

unbekümmert um das Glöckleinklingeln der Geistlichen, die Töne der

Musik im Walde, das Jauchzen und helle Lachen der Buben und Mädeln --

einer der beiden Helden dieser Historia, der brave Korporal +Sven

Knudson Knäckabröd+ aus Jönköping am Wetternsee, welcher zuerst mit

dem großen Feldmarschall Karl Gustav Wrangel hierher gekommen war.

2.

Der Korporal hatte das Kinn auf beide Fäuste gestützt, er blinzelte

lächerlich-nachdenklich mit den schwimmenden Augen, und von Zeit zu

Zeit schüttelte er den grauen Kopf und fuhr mit der Rückseite der Hand

über die braunrote, ehrliche, wenn auch nicht ehrwürdige Nase; es kam

ihm selber ganz verwunderlich vor, daß er hier saß, und zwar zum

zweiten Mal, und zwar unter gänzlich veränderten Um- und Zuständen.

Er hatte des guten Tirolers manchen ehrlichen Schoppen genossen, und

es war eben kein Wunder, wenn er das bunte, bewegte Treiben vor und

um sich in einem phantastischen Zauberlicht sah; aber sein seltsam

Geschick hatte ihn wahrlich berufen, an dieser Stelle auch ohne den

roten Tiroler mancherlei Gesichte zu erschauen. Er schüttelte den Kopf,

wehmütig und doch lustig, wie er daran gedachte, auf welche Art er

damals in der Burg des heiligen Bischofs Gebhard anlangte. Wahrlich

nicht um sich wie heute breit und bequem im Schatten eines grünen

Ahorns vor dem Becher niederzulassen! Damals war die Welt verschneit,

und die Eiszapfen hingen an den Fichtennadeln und Tannenzweigen,

an den kahlen Ästen der Eichen und Buchen und an den Bärten der

zehntausend Kameraden, welche durch den Allgäu zum bregenzer Sturm

heranmarschiert waren. Damals handhabte er, der Korporal Sven Knudson

Knäckabröd, seine Arkebuse wie die anderen, stand wie die anderen in

Rauch, Dampf und Feuer und stieg bergan den Pfannenberg, über Leichen

und Verwundete. Damals half er den Geschützmeistern die Kartaunen in

die rechte Position bringen und war unter den ersten an der Zugbrücke,

als das Tor von Hohen-Bregenz zersplitterte, die Mauer schwankte und

vornüber brach und den Graben für den verlorenen Haufen weg-, sprung-

und sturmgerecht machte. Er befand sich natürlich auch unter dem

verlorenen Haufen und schlug mit umgekehrter Muskete wacker drein, als

das kaiserliche Kriegsvolk immer noch den Eingang streitig machte; er

erwarb sich großes Lob bei seinem Hauptmann, und als der Feldmarschall

nachher auf den Berg kam, die gemachte Arbeit in der Nähe zu sehen, da

war der Korporal Sven voran unter denen, welche am lautesten Viktoria

schreien durften.

„Ooooh!“ stöhnte der Korporal am Nachmittag des vierten Augusts 1674,

in allen Reizen der Erinnerung schwelgend, und legte sich schwer

auf die linke Seite und schlug mit der rechten Faust gewaltig auf

den Tisch. Um seine Gefühle deutlich zu machen, hatte er nichts

weiter hinzuzusetzen; aber +wir+ haben noch einiges über seine

Vorgeschichte zu berichten, um +unseren+ Gefühlen gegen ihn

gerecht zu werden.

Den Fürberg hinauf und um den Fürberg herum, in den verschneiten

Wäldern und Klüften dauerten die Scharmützel zwischen den Schweden

und den Kaiserlichen auch nach der Einnahme von Stadt und Schloß

Bregenz tagelang fort, und heute noch richtet auf dem Pfänder der

Turist den Blick oder das Fernrohr auf eine der großartigsten

Landschaftsrundsichten Europas aus den halbversunkenen Verschanzungen

jener blutigen Wochen.

Ein beträchtlicher Haufen der Sieger drang plündernd, sengend und

brennend tiefer in den Wald, scheuchte das Volk dörferweise vor

sich her, oder jagte es vereinzelt in unwegsame Felsenschluchten

oder versteckte Täler, wie solches seit dem Jahre 1618 bei allen

kriegführenden Parteien auf des römischen Reiches heiligem Boden

Brauch, Sitte und Gewohnheit geworden war. Auch unter dieser

Heldenschar befand sich der Korporal Sven Knudson Knäckabröd, und

dieser Expedition hatte er es zu verdanken, daß er im August des Jahres

1674 sich noch immer in der Gegend befand und am Tage des heiligen

Gebhard auf dessen von ihm, Sven, selber zerstörten Burg friedlich

und gemütlich vor dem Becher saß. An diesen schwedischen Streifzug

in den ersten Tagen Anno Domini 1647 knüpft sich nämlich einer jener

gar nicht seltenen schönen Züge weiblichen Mutes, weiblicher Wut und

weiblicher Tapferkeit, von denen uns die von den Männern geschriebenen

Geschichtswerke in verlegener und etwas bänglicher Bewunderung Kunde

geben.

Zwischen Lingenau und Hüttisau schlugen am 4. Januar 1647 die

vorarlbergischen Ehefrauen und Schmelgen, das ist: die jungen Mädchen,

die eingedrungenen Schweden bis auf den letzten Mann tot, und nur

der letzte Mann entkam, das heißt, er -- der Korporal Sven Knudson

Knäckabröd -- wurde schwer verwundet von der Wirtin zur Taube in

Alberschwende, Frau Fortunata Madlenerin, gefangen genommen und unter

sonderlichen Umständen von ihr gegen das blutdürstige Andringen der

erbarmungsloseren Kampfgenossinnen mit Erfolg verteidigt.

Die Männer, welche sich von diesem Überfall am „roten Egg“

wahrscheinlich aus Bescheidenheit fern gehalten hatten, durften

natürlich auch nicht in die dem Kampfe folgenden Verhandlungen

dreinschwatzen; sie läuten jedoch heute noch je am 4. Januar

Nachmittags zwei Uhr die Glocken zur Ehre und zum Gedächtnis der

Heldentat ihrer besseren Hälften.

Um zwei Uhr nachmittags lagen im blutigen Schnee am roten Egg die

schwedischen Grobiane, zerschmettert von Kugeln, Baumstämmen und

Felsentrümmern, zerhackt von Beil-, Schwert- und Hellebardenhieben,

still, und die Weiber vom Walde tanzten wutentbrannt um die Leichen.

Die Frau Wirtin zur Taube aber, eine junge Wittib, die keine geringe

Rolle in der Schlacht gespielt hatte, brachte eben ihr Beutestück,

nämlich den Korporal Knäckabröd, in Sicherheit.

Das hatte seine Schwierigkeiten! Denn kurz nachdem sie entdeckt hatte,

es sei noch einiges Leben in dem gleichfalls arg mitgenommenen armen

Sven, war dieselbe Bemerkung von drei anderen Kriegsgesellinnen

gemacht worden, und diese drei befanden sich noch nicht in der

Stimmung, den alten, lieben Beruf der Frauen, die barmherzigen

Schwestern und Krankenwärterinnen zu spielen, schon jetzt wieder

aufzunehmen. Im Gegenteil! Mit den Waffen in den Händen hatten sie

sich auf den unseligen, zappelnden Tropf gestürzt und wie die Frau

Fortunata zugepackt, und es gab ein arges Gezerr an Arm und Bein, an

den Fetzen des Wamses oder am Bandelier, und die Taubenwirtin hatte

alle Mühe, die erbosten Hiebe und Stöße durch ihr Geschrei oder

mit dem guten Schwerte, welches ihr seliger Gatte im Winkel hatte

stehen lassen, abzuwehren. Es war ein großes Glück für den Korporal

Sven, daß ihr Ansehen mächtig war unter den Wälderinnen, daß sie den

Plan zum Überfall angegeben hatte, und daß ihr Haus und Zeichen in

Alberschwende einen herrlichen Ruhm und Ruf besaß, weit hinaus nach

allen vier Weltgegenden; denn dem allein verdankte er sein Leben nach

der Niederlegung seiner Genossen an dem Fallenbache am roten Egg!

Deutsche Humoristen, 1. Band (von 8) · 第 1 / 11 段