Die Soubrette nahm Platz. "Laura heiße ich."

"Fräulein Laura--hübscher Name!" sagte Herr Seidel und legte den Arm

um ihre Stuhllehne.

Jenny entging es nicht. Sie hatte die Kasse gezählt und winkte

Flametti. "Da nimm: Hundertneunzig Franken."

Flametti schob das Geld mit gekrampfter Hand in die Hosentasche und

fühlte sich verpflichtet, eine Weile stehen zu bleiben.

"Wo ist die Traute?" fragte Jenny.

"Was weiß ich, wo die Traute ist!" fuhr er auf, "sie wird tanzen."

Jawohl, Fräulein Traute tanzte. In ausgelassenem Vorüberschieben

warf sie Flametti einen kokett-auffordernden Blick zu. Hei, flog ihr

Kopf in den Nacken!

"Ja ja, die Jugend!" träumte Frau Schnepfe resigniert.

"Uff!" schnaubte Flametti, "das war eine Hetze!" Jetzt lief es von

selbst.

Vorbei schob: Herr Scherrer, Handlungskommis aus Wien, mit Fräulein

Rosa. Vorbei schob: Herr Glatt, turmhoher Stehkragen,

Handlungskommis aus der Mark Brandenburg, mit Fräulein Güssy. Vorbei

schob: Herr Pips mit der hüftengewaltigen Lydia. Vorbei schob: der

Herr Krematioriumfritze, mit der in Feldgrau.

"Das ist der andere!" flüsterte Jenny vertraulich Raffaëla zu.

"Schwer reich. Der spendiert nachher Sekt. Immer französischen Sekt.

Er tut jetzt so, als säh' er mich nicht."

"Stattlicher Mann!" gab Raffaëla sich Mühe. Es schien ihr ein wenig

drauf anzukommen, Jenny die Ruhe zu nehmen.

Aus der Garderobe kam als der letzte Herr Meyer. Er hatte die Noten

hinaufgetragen. Unschlüssig blieb er stehen, Jennys gespicktes

Portemonnaie in der Tasche, das ihm bei jedem Schritt wie ein Klotz

an den Schenkel schlug.

"Ach, Herr Meyer", sagte Jenny und streckte sich über den Stuhl zu

ihm hin, "geben Sie her! Es ist nicht mehr nötig!" und ließ das

Monstrum von Portemonnaie, das Meyer ihr gleichgültig gab, in den

Busen rutschen.

Und Herr Meyer trat zu Flametti, sah in das Gewühl und meinte: "Pfui

Teufel, ist das eine Hitze!"

Und den Walzer tanzte auch Mutter Dudlinger. Sie hielt den Herrn

Pips fest um die Taille gefaßt und drehte sich auf den Zugstiefeln.

Herr Pips aber drehte sich wie ein Trabant um die Sonne.

Meistenteils war er verfinstert.

Und Engel machte auch Jennymama seine Aufwartung, animiert wie man's

werden kann, erhielt aber glatt einen Korb. "Ach, der Engel!"

lächelte Jennymama.

Und noch um ein Uhr kam ein Rudel Studenten: holländische Forsteleven.

Die schoben und pfiffen und klatschten dazu. Und hatten eine

eigene Laute dabei und stellten das ganze Lokal auf den Kopf.

Wer dem Indianerfeste nicht bis zum Ende beiwohnte, und wer Jenny

nicht kannte, erlebte am nächsten Tag überraschungen.

Flamettis Erfolg war unbestritten. Und galt ihm allein, nur ihm. Er

wurde gefeiert in allen Tönen.

Aber gerade das vertrug Jenny nicht. Gerade das lehnte sie ab. Sie

konnte in ihrer offenbaren Beschränktheit nicht einsehen, daß für

Flametti dieses Indianerspielen ein Bild, ein Symbol war, ja eine

Lebensfrage; begriff nicht, wie ein vernünftiger Mensch, ein Mann,

sich so kindisch benehmen konnte. Sie hatte, kurzum, keinen Sinn für

die Illusion, verstand auch nicht, was der Farolyi gekauderwelscht

hatte. Spielen, Wetten, Revolverschießen; Pariser Apachen,

Felsengebirge und Honolulu; ein Ritt durch die Wüste, Komantschen,

Bluthunde und Polizei: das alles waren ihr spanische Dörfer.

Weltfremd war Jenny und eitel dazu. Sie konnte für möglich halten,

das ganze Fest sei nur für sie arrangiert gewesen; Flametti nur für

sie, für Jennymama, geboren, sei es, indem er den Diener machte, wenn

sie Karotten einkaufte; sei es, indem er Mannderl und Weiberl

schnitzte fürs Wetterhäuschen.

Und ganz besonders: für "Wigwams" hatte sie gar keinen Sinn. Sie

hielt das für Humbug. In kleinlicher Mißgunst klammerte sie sich an

äußerlichkeiten, warf ihm gewöhnliche Vielweiberei vor. Als ob sich

ein Mann seiner Art von der Fertigkeit eines einzigen Weibes

gefesselt, entzückt und versorgt fühlen konnte.

Flametti versuchte umsonst, es ihr klar zu machen, morgens um zehn

Uhr, im Bett. Sie verstand nicht.

"Also was heißt das?" setzte sie sich verbissen und leidenschaftlich

im Bett auf.

"Daß ich meine Ruhe haben will!" erklärte Flametti abschließend und

drehte sich nach der anderen Seite.

Aber damit gab Jenny sich nicht zufrieden. So ließ sie sich nicht

abspeisen. Klarheit wollte sie haben von wegen dieser Person, dieser

Traute, der Schlampen, die nicht einmal wußte, wozu die Klosettschnur

da war, und die es doch wagte, ihr dreist ins Gesicht zu sagen, man

habe sie "abgesetzt".

"Du, Max, ich will Antwort!" drohte sie, "wie ist das mit der Traute?

Mach' mich nicht wild! Ich hab' euch wohl tuscheln sehen, gestern

im "Krokodil"! Gut: es war Publikum da. Aber heut will ich's wissen."

"Himmelherrgottsakrament, laß mir jetzt meine Ruhe!" setzte Flametti

sich ebenfalls auf. "Was soll ich denn machen mit ihr? Was willst

du denn? Soll ich vielleicht den Heiligen spielen? Darf ich nicht

meine Nachtruhe haben? Plag' ich mich immer noch nicht genug?" Eine

Prügelszene im Bett stand bevor.

"Gut!" sagte Jenny, "laß nur!" Sie wußte Bescheid. Heraus sprang

sie aus dem Bett, warf sich den Schlafrock über und war schon im

Lattenverschlag.

"Traute raus!" schrie sie und packte die schlafende Traute beim

Kragen.

"Pack' deine Sachen zusammen. Vorwärts marsch, marsch! Und heraus

aus der Wohnung!"

Traute fuhr auf. Der Ton, der ihr ans Ohr drang, war zu energisch,

als daß es ein Weigern gab. Schlaftrunken, eben noch mit dem Kommis

aus Brandenburg Twostep schiebend, glitt sie über die Bettkante

herunter. Unterkleider und Schuhzeug griff sie, stürzte das

Tanzkleid über den Kopf und bemerkte erst jetzt, worum es sich

handelte. "Raus, wohin?" fragte sie erstaunt.

"Raus aus der Wohnung! Raus auf die Straße! Ins Arbeitshaus, wenn

du Lust hast! Nur raus, und zwar sofort, oder ich hole die Polizei!"

Große Augen machte Fräulein Traute. Arbeitshaus? Straße? Polizei?

Was war denn passiert? Was war denn geschehen? Warum? Wieso? Was

hatte sie denn getan?

Sie bekam's mit der Angst. Verstört und verdattert riß sie die Augen

auf. Ihr Mund hing schief. Zitternd und bebend beeilte sie sich,

ihr Kleid zu schließen.

"Was hab' ich denn getan? Ich habe doch nichts getan!" stotterte sie.

"Du wirst schon wissen, was du getan hast!" schrie Jenny. "Fort!

sag' ich dir! Raus! Nur raus! Ich werde dir Beine machen!"; riß

Trautes Sachen vom Haken und warf sie ihr zu. "Das andere kannst du

dir holen lassen. Nur raus, auf der Stelle!"

"Sie haben mich hier nicht rauszuwerfen. Flametti hat mich hier

rauszuwerfen!" versuchte Traute.

"Was hab' ich?" schrie Jenny, jetzt vollends rabiat, und keilte die

Künstlerin aus dem Verschlag.

Die hielt sich mit beiden Händen fest an der Tür. Die Türe schlug zu.

Zwei Vasen mit Binsen und Klatschmohn fielen zerschellend hoch vom

Büfett. Nettchen, der Dackel, schoß, ein fauchendes Krokodil mit

zwei Reihen Sägezähnen, hervor aus den Sofafransen.

Die Mädel kreischten. Flametti, im Hemd, mit haarigen Beinen, drang

aus dem Hauptfrauzimmer.

"Was gibt's denn da?" riß er die Sklavin der Hauptfrau weg.

"Hier gibt's eine Kindsleiche, wenn sie nicht rauskommt."

"Hilfe! Hilfe!" schrie Traute, als sei ihr der Hals bereits

abgeschnitten, und rannte zum Fenster.

"Bist du ruhig!" drohte Flametti mit aufgeblasenen Backen. Schon war

die ganze Nachbarschaft an den Fenstern. Eine Scheibe klirrte.

"Raus kommt sie!" arbeitete Jenny.

"Willst du ruhig sein!" schäumte Flametti, ergriff das Brotmesser,

das auf dem Tisch lag, und ging auf die Frau los.

"Hilfe! Hilfe!" Jenny stieß auf der Flucht mit dem Kopf an den

Spiegelschrank. Nettchen, gurgelnd und seibernd, sprang hoch an

Flamettis Brust und verbiß sich im rot-weiß gestreifelten

Baumwollhemd.

Flametti kam zur Besinnung und ließ das erhobene Messer sinken.

"Machst du jetzt, daß du hinauskommst!" funkelte er Traute an und

bedeutete ihr mit dem Zeigefinger den Weg.

Und Traute, entsetzt, in die Enge getrieben, lief heulend über das

Plüschsofa, am Rocke den wütenden Hund nachschleifend, nahm einen

viertel Fußtritt Flamettis mit, schrie Zeter und Mordio, rannte die

Treppe hinunter zur Straße, und lief, was sie laufen konnte.

Die Mittagstafel war schlecht besucht. Auch die Häslis fehlten. Sie

hatten Kontrakt gemacht mit Ferrero, gestern noch spät in der Nacht,

nach dem "Schackerl", und fanden es nicht übertrieben, Flametti

Adieus zu ersparen.

V

Herr Meyer sah aus wie Friedrich Haase als Richard der Dritte. Man

fuhr nach Basel. Herr Meyer sah aus, als sei er, Herr Meyer,

verantwortlich für diese Partie. Man fuhr zu Herrn Schnepfe nach

Basel, und dieser Herr Meyer sah aus, als sei's eine Fahrt nach dem

Feuerland.

"Sehen Sie mal, Herr Meyer", sagte Flametti, "ich kenne doch

Schnepfes Lokal. Keine Sorge! Wochentags leer. Aber Sonntags

brillant. Und jetzt zur Meßzeit, mit unseren Schlagern...! Das

Wichtigste ist: man muß ihm den Schneid abkaufen, dem Schnepfe. Von

vornherein. Gar nicht aufkommen lassen. So und so sieht es aus bei

uns. Das und das brauchen wir.--Großes Lokal bei den Schnepfes.

Prachtvolle Zimmer. Guter Kontrakt."

Aber Herr Meyer schien seine Bedenken zu haben. Er hörte kaum zu.

Rauchte 'ne Zigarette und spuckte wegwerfend durchs Coupéfenster.

"Sehen Sie mal", sagte Flametti und tippte die Asche weltmännisch auf

die vorbeisausende Landschaft, "wir haben: die "Indianer", den

"Harem", den Friedhofsdieb", den "Mann mit der Riesenschnauze", die

"Nixen", die "Ausbrechernummer"...." Er zählte das alles an den

Fingern her.

"Die "Indianer"?" warf Herr Meyer ein.

"Na ja, die "Indianer"."

"Wieso die "Indianer"?"

"Na: ich, meine Frau, die Soubrette und Rosa."

"Schöne "Indianer"!" meinte Herr Meyer. Ihm konnt' es ja recht sein.

"Was wollen Sie?" meinte Flametti, "genügt das nicht?" Er wurde

heftig. "Jawohl! Werde mir fünf Soubretten engagieren! Zehn

Lehrmädel dazu!"

"Feine Stadt, Basel!" rief Jenny mit erhobenem Zeigefinger und

entnahm ihrer Handtasche zwei Schinkenbrote. "Gelt, Max, auf die

Meß' gehen wir? Und die Kavaliere bringen uns Leckerli?"

"In Basel gibt's doch die Leckerli", erklärte sie Fräulein Laura, die

ebenfalls skeptisch schien. "Solchene Tüten bringen sie an!" Sie

zeigte eine Tütengröße von reichlich einem halben Meter. "Und einen

zoologischen Garten gibt es: Wildschweine, Strauße, Giraffen! Feine

Stadt!"

Fräulein Laura schien ganz Ohr. Nervös sah sie von Flametti zu Meyer,

von Meyer zu Jenny.

"Der Herr Meyer meint, das Repertoire reiche nicht aus", lächelte Max

zu Jenny.

"Nimm ein Schinkenbrot, Max!"

Herr Meyer spuckte wegwerfend und finster. Und Jenny fühlte sich

verpflichtet, deutlichere Begriffe zu geben von dieser gesegneten

Stadt.

"Und der Rhein ist da", sagte sie kauend im hübsch ansitzenden

Reisekleid, "und die Polizei ist sehr streng. Papiere und

Heimatschein, da darf nicht das Tüpfel fehlen. Wenn dort eine auf

der Straße geht: zwei Tage. Schon ist sie weg."

Stoßhaft belustigt spuckte Herr Meyer. Doch seine Skepsis war

abgründig finster. Jeder Versuch, ihn aufzuhellen, schien vergebens.

Und Fräulein Laura zuckte nervös mit den Augenlidern. Sie schien

sich gar nicht zurechtzufinden.

Engel langte die Sachen herunter aus dem Gepäcknetz. Bobby sah nach

der Uhr und griff die Plakate. Rosa bemühte sich um den Käfig der

Turteltauben.

"Ist's schon so weit?" fragte Jenny erstaunt und steckte ihr

Schinkenbrot halb in den Mund, halb in die Reisetasche.

"Basel!" bestätigte Flametti.

"Ah, das ist recht!" rief Frau Schnepfe, als das Ensemble eintrat.

"Das ist recht!" und drehte an ihrem Ehering. "Guten Tag! Guten Tag!

Guten Tag!" und gab jedem einzelnen die Hand.

"Salü!" grüßte Flametti, "da sind wir!" und blieb mit Reisetasche und

Regenschirm ostentativ inmitten der Wirtsstube stehen, als wolle er

sagen: jetzt geht der Kontrakt an. Jetzt habt ihr zu sorgen für uns.

Frau Schnepfe bekam einen gelinden Schreck. Und die Soubrette, als

"Stimmungsmacherin" angezeigt, nahm sogleich einen Stuhl, ganz

erschöpft von Influenza, stützte den Kopf auf und begann

einzuschlafen.

"Wo ist der Beizer?" fragte Flametti forsch.

"Fritz!" rief Frau Schnepfe in irgendein Kellerloch, "da sind sie.

Komm einmal rauf, die Artisten sind da." Und Engel und Bobby

stapelten das Gepäck auf, schleppten den großen Koffer herein.

Da kam auch Herr Schnepfe zum Vorschein, blinzelnd und etwas verrußt

von der Kellerarbeit.

"Salü Max!" grüßte er mit salopp geschwungener Schneidigkeit und

blödem Gesichtsausdruck. Er trug eine Schnurrbartbinde, war klein

von Gestalt, und es fehlte der Kragenknopf.

"Salü Fritz!" grüßte Flametti souverän und stellte den Handkoffer ab.

Herr Schnepfe sah aus, als sei ihm nicht wißlich, um was es sich

handle.

"Das ist die Frau", stellte Flametti vor, "das ist die Soubrette, das

der Pianist, das die Rosa. Das der Engel und das unser Herr Bobby."

"Früh auf den Beinen!" meinte Herr Schnepfe.

"Schweinskopf mit Senf", porträtierte Engel, indem er den Koffer zum

andern Gepäck hinschob.

"Alles parat?" fragte Flametti militärisch.

"Alles parat!" rapportierte Herr Schnepfe, die Hand an der Hosennaht.

Den Scheitel hatte er sich mit Wasser und mit Pomade

zurechtgeplätscht. Doch sträubten sich seine Borsten.

"Wo sind denn die zwei andern Fräulein?" erkundigte sich Frau

Schnepfe freundlich und süß.

"Kommt Ersatz!" tröstete Flametti und hing nun auch seine Schirme auf.

"Na, dann zeig' mal die Zimmer!" gebot Herr Schnepfe und zog sich mit

einem kommißartigen Ruck die Kellerschürze über den Kopf.

"Wollt ihr nicht erst einen Kaffee trinken?"

Oh, das war eine freundliche Frau Schnepfe! Oh, die war nett!

"Oh ja", nickte Jenny mit ihrem süßesten Lächeln und gab der Frau

Schnepfe das Reiseplaid. Die gab's einer Kellnerin weiter.

Flametti nahm Rosa die Tauben ab, hing seinen Hut an den Haken und

nahm seine "Philos" heraus.

Die Kellnerin brachte Helles. Herr Schnepfe hantierte am Bierhahn,

gab seine Befehle. Jenny ging mit Frau Schnepfe die Wohnung besehen.

Und man war angekommen.

Nachmittags ging man zur Polizei, von wegen der Anmeldung. Die Stadt

war grau. Hohe Häuser, elektrische Straßenbahnen. Regenwetter und

Nebel.

Das Polizeihaus war ein efeuumwachsener, burgähnlicher Bau. Der Weg

hinauf führte vorbei am Gefängnis. Ein Sträfling sah mit

verwildertem Kasperlgesicht durchs Eisengitter herab auf die Straße.

Schweigend ging man vorbei, gedrückt, wie Katholiken vorübergehen am

Kreuz. Man nimmt seinen Hut ab.

Der Rückweg führte vorbei an der Messe. Das elektrische Karussel war

in vollem Betrieb. Eine blau gestrichne Karosse kam, zitternd und

rasselnd, in majestätischer Fahrt aus dem Tunnel. An der Stirnseite

des Wagens prangte ein Seeweibchen, Bruststück. Das schlug die

Tschinelle. Rot waren die Backen, weiß ihre Brüste gelackt. Stolz

flog sie dahin und zog einen ganzen Schwarm hochfarbig lackierter

Wagen aus dem Tunnel. Die Dampfpfeife schrillte.

Herrn Schnepfes Varietélokal war unschwer zu finden. Wenn man öfters

den Weg machte, fand man es spielend. Bei einem großen Bankhaus

schwenkte man ab nach rechts, in die Vorstadt. Vor dem Haus stand

ein Brunnen mit großem Bassin voll grasgrünen Wassers. Darüber der

heilige Bartholomäus, aus Stein gehauen, mit segnenden Händen. An

den Fenstern hingen Flamettis Plakate. In der Straße, am Abend,

schaukelte blau eine Bogenlampe.

Die Zimmer waren ein wenig kalt und schreckend im ersten Moment.

Mattscheiben und die gekalkten Wände erinnerten barsch an

Krankenbaracken in einem Gefängnisbau. Doch waren sie teilweise

hübsch mit öfen versehen und geräumig, ebenso wie das Konzertlokal.

Zwei ineinandergehende Kammern gleich überm Wirtslokal bekamen

Flametti und seine Frau, nebst Rosa. Eine Kammer im dritten Stock

die Herren Engel und Bobby. Ein Dienstmädchenzimmer im Seitenflügel

Herr Meyer und Fräulein Laura.

"Sagen Sie nur", meinte Frau Schnepfe zu Jenny, "warum haben Sie nur

die zwei netten Fräulein nicht mitgebracht?"

"Ach, Frau Schnepfe", winkte Jenny ab, "Sie haben ja keine Ahnung,

was in unsrem Beruf alles vorkommt: Die eine hab' ich entlassen

müssen--schlimme Geschichten! Die andre hat man mir abgenommen."

"Abgenommen?"

"Ja, denken Sie sich: die Mutter kam mir ins Haus und sagte, sie

dulde nicht länger, daß ihre Tochter Artistin ist. Wegen der Kerls."

"Was Sie nicht sagen!"

Die Vorstellungen waren nicht gut besucht. Trotz pomphafter

Vorreklame. Ein Dutzend Leute saßen wohl in den Ecken. Aber sie

"jaßten" und ließen sich weiter nicht stören. Keine Hand rührte sich,

wenn eine Nummer zu Ende war. Keine Miene verzog sich.

"Man muß sich einleben", meinte Flametti. "Es muß sich herumsprechen,

was wir zu bieten haben. Nur keine Sorge! Kommt schon."

Herr Meyer mußte sich jedenfalls bald überzeugen, daß die "Indianer"

auch ohne Güssy und Traute gingen.

"Sehen Sie", sagte Flametti, "Basel ist eine ernste Stadt. Religiös.

Das vornehme Bürgertum klatscht nicht gern. Lassen Sie uns etwas

Ernstes bringen, den "Friedhofsdieb", und wir haben ein volles Haus."

Also bekam Engel die Rolle der Zeugin Emilie Schmidt im

"Friedhofsdieb", was Frau Häsli früher zu spielen hatte, und lief

tagsüber unglücklich zwischen den Tischen und Stühlen umher und rang

mit dem Ausdruck.

Herr Meyer aber blieb skeptisch. Auch die Wirtsleute gefielen ihm

nicht.

Ihm war nicht entgangen, daß Herr Schnepfe auf seinem Glasdach einen

Wurf junger Wolfshunde aufzog. Die heulten dort nächtlich herum,

wenn die Ratten über das Dach wegstoben.

Eine innige Antipathie empfand Herr Meyer gegen Herrn Schnepfe. Auch

diese Frau, Frau Schnepfe, gefiel ihm nicht. Ihr gedrehtes Wesen

belästigte ihn. Herr Meyer war ein Poet. Wie sollte das Publikum

Zutrauen fassen, wenn die blutleckenden Wolfshundsbestien mit ihren

Hängeschwänzen das Haus durchstrichen und jedermann an den Waden

schnupperten; wenn die gedrehte Frau Schnepfe auf ihre gedrehte Art

"Guten Morgen!" sagte und einem die Hand gab, geziert-religiös, wie

Nonnen sich in der Kirche an Fingerspitzen das Weihwasser reichen!

Flametti aber versuchte es analytisch.

"Was ist Blödsinn?" philosophierte er in dem "Mann mit der

Riesenschnauze". "Blödsinn ist: wenn das Kind keinen Kopf hat.

Blödsinn ist aller Jammer der Welt. Blödsinn ist die Enttäuschung

der Seele, die Quintessenz der Melancholie. Blödsinn ist überhaupt

ein Blödsinn."

Das war Herrn Meyer so recht aus der Seele gesprochen. Das löste

seine Komplexe. Doch auch Erkenntnis vermochte die Basler nicht

aufzuheitern.

Mit ringförmigen Fischaugen saßen sie da, tranken ihr Bier aus,

zahlten und gingen. Die Soubrette hatte ein wenig Erfolg. Das Ganze

schien hoffnungslos.

"Alles nichts", sagte Jenny, "wir müssen Artisten haben!" Und eines

Tags bei Tisch verkündete sie dem erregten Ensemble: "Neue Artisten

kommen. Vornehme Artisten. Kinder, da müßt ihr euch fein benehmen!"

Zwei Tage später war's auch schon da. Die Tür ging auf. Ankamen die

neuen Artisten. Herr Leporello und Lydia, Herr Leporello und Lotte,

Herr Leporello und Raffaëla, nebst vielem Gepäck, darunter auch

Eisenstangen.

Das war ein Getue! Das war ein Geschmatze! Das war die lauterste

Seligkeit!

Lottely hinten, Lottely vorne! "Gut, daß ihr da seid!"--"Trinkst du

Helles, Lepo?"--"Wollt ihr einen Kaffee trinken?"--"Wie geht es der

Mutter?" und was dergleichen Begrüßungsformalitäten mehr sind.

Sogar Herr Meyer taute jetzt auf. Leben und Lebensart kamen ins Haus.

Die Reserviertheit Schnepfes verfing nicht mehr.

Und diese Nummern! Drahtseilakt und Czardas. Spitzentanz,

Matschiche und Drehbarer Unterleib! Ein wirklicher Zuwachs!

Akquisition! Das ließ sich hören!

Auch die neuen Artisten wurden untergebracht: Zimmer Numero 6 und 7.

Engel und Bobby beschäftigten sich mit dem neuen Gepäck und den

Eisenstangen. Herr Leporello gab Anweisungen. Und man begab sich

zur Polizei.

Eine Stunde später schon waren für Raffaëlas Drahtseilakt im Parkett

quer vor der Bühne die Stützen befestigt, die Zeitungsannonce war

aufgegeben, und der Erfolg war freundlichst gebeten, sich einzufinden.

Kam auch. Gleich der erste Abend gab einen hohen Begriff von den

Fähigkeiten der neuen Artisten. Die Kostüme waren zwar etwas

zerknittert. Sie hatten zu lange im Korb gelegen, und von Frau

Schnepfe war kein Bügeleisen zu erhalten. Auch mißglückte Herrn

Leporellos "Drehbarer Unterleib", weil Lepo zu Mittag infolge der

langen Bahnfahrt zuviel gegessen hatte.

Aber Raffaëlas "Matschiche auf dem hohen Seil" mit japanischem Schirm

und im Himbeertrikot--Teufel, hatte das Frauenzimmer Schenkel!

--ermunterte selbst die griesgrämigen Basler. Und als Fräulein Lydia

Czardas tanzte--verflucht noch einmal! Sie schlug auf das Tamburin

und ging mit pferdhaftem Posterieur stampfend und tänzelnd gegen die

grätschende Schwester los--, da gab es auch bei den Baslern keine

Bedenken mehr: laut und vernehmlich klatschten sie.

Am nächsten Abend gab es schon Ehrengäste: Herr Bums-die-Lerche, der

Komikerkönig, und Fräulein Nandl, das Wunder der Tätowierung, welch

letztere im Haus des Herrn Schnepfe auch wohnte, der guten Adresse

wegen.

In den nächsten Tagen brachte Raffaëla als Neuheit ihren

"Spitzentanz"--immer auf den Fußspitzen, nach der Melodie:

"Frühling ist's, die Blumen blühen wieder,

Süß berauschend duftet jetzt der Flieder",

immer auf den Fußspitzen; die Pointen markiert durch ein

Hochschnellen des Körpers, die Arme mit grazienhaft hinauf--und

hinuntergebogenen Handflächen ausgebreitet; immer so:

"Alle Vögel jauchzen, jubeln, si-hi-ngen,

Die Natur scheint neu sich zu verjü-hi-ngen."

Und Herr Leporello, wenn er eklatante Beweise seiner trommlerischen

Begabung bei der Begleitmusik abgelegt hatte, produzierte sein

"Teufelskabinett", bei dem er unter Zischen und Pfeifen auf einer

Sirene, mit zusammengelegten Gliedern durch einen Schornstein aus

Pappkarton, den Lydia festhielt, borstig herniederfuhr.

Wenn aber Herr Leporello Sonntags seinen komischen Teufelsakt

brachte--er erschien dann als eine infernalische Klatschbase im

Korsett, einen Kamm in der Perücke, das Hemd hing ihm hinten heraus

und der Rock aus Sackleinwand, mit roten Litzen benäht, war ihm zu

kurz--, dann spielte sich in seinen Mienen eine so diabolische

Einfältigkeit ab, daß der Kontrast zwischen seinen gespreizten

Zirkusposen und dem dargestellten Objekt die Zuschauer zu hellem

Grinsen entflammte.

Was Wunder, wenn das Geschäft sich hob? Wenn die Zirkusleute mehr

und mehr in den Vordergrund traten, auch bei der Direktion?

Ein Feldwebel von der St. Gotthard-Festung kam als Konzertbesucher.

Er hatte Urlaub. Die Frau war gestorben. Was der Mann alles

spendierte! Sogar Leckerli brachte er mit, die ersten, die man bei

Schnepfes zu sehen bekam.

Auch zum Zoologischen Garten ging man jetzt und zur Messe. Und zwar

teilte sich hier das Ensemble. Die Zirkusleute gingen mit Jenny zum

"Zoo". Die andern mit Flametti zur "Meß".

Der Basler Zoologische Garten scheint nicht so Üppig bestückt zu sein

wie Hagenbecks Tierpark zu Hamburg. Auch nicht so künstlerisch

interessant arrangiert wie etwa die kunstgewerbliche Menagerie zu

München. Wenigstens wußte der zoologisch interessierte Teil der

Vergnügungspartie nur Unbedeutendes zu berichten.

Jenny war aufgefallen, daß die Strauße im Basler Zoo "echte

Straußfedern" trugen. Lydia klagte, die Papageien hätten erbärmlich

geschrien. Die Ohren gellten ihr jetzt noch davon. Man solle den

Viechern die Hälse abschneiden, statt ihnen die Bälge mit Brot

vollzustopfen. Nur Raffaëla schien einen stärkeren Eindruck gerettet

zu haben.

"Kinder, der Elefant!" schlug sie die Hände zusammen und konnte sich

gar nicht genugtun, "so etwas Schamloses gibt es nicht mehr!"

Giraffen hatten sie nicht gesehen. Auch keine Wildschweine. Einige

Affen. Doch das war alles.

Die Messe war interessanter. Wer mit Flametti ging, fand keine

Enttäuschung.

Erst im Panoptikum: "Der Feuerkessel von Tahure": da platzten die

Bomben! Da staunte das Volk! Da streckten die toten Poilus die

Beine zum Himmel, wie niedergeknallt auf der Hasenjagd!

Dann auf der Rutschbahn: zwei Karossen hintereinander: in der ersten

Flametti und Fräulein Laura. In der zweiten Herr Engel und Meyer.

Wie flog man dahin! Wie flog man daher! Dann beim "Jägersalon":

"Schießen Sie mal, junger Herr!" Und Herr Engel schoß, auf den

Trommler. Und traf ihn; mitten in die Visage. Der rasselte los.

Aber unentgeltlich. Man war ja Artist. Es war eine Freude, zu leben!

Mittlerweile war es nun Winter geworden, ganz unvermerkt, über Nacht,

und man war gezwungen, sich enger zusammenzuschließen. Da gab es

lange Gesichter.

"Jenny, wir haben ja gar keinen Ofen!" reklamierten Lydia und

Raffaëla zugleich.

"Ist doch nicht kalt!" tröstete Jenny, "je, seid ihr verfroren!"

Aber es waren fünf Grad unter Null.

"Eene klappernde Kälte!" meinte Herr Leporello in komischem Baß, mit

hervortretenden Augen, und stellte sich vor den Ofen im Wirtslokal.

"Sie, Leporello! In Mesopotamien Krieg!" verkündete Bobby, der

eifrig die Zeitung studierte.

"Ha ick ja immer jesagt: in Mesopotamien fangen se ooch noch an!"

"Jenny", rief Raffaëla ins Wirtslokal, schnatternd vor Kälte und tief

beleidigt, "das geht so nicht! Ich muß einen Ofen haben! Wo soll

ich denn hin mit dem Kind?"

"Ich kann mir den Ofen doch nicht aus der Haut schneiden!" meinte

Jenny im blauen Schlafrock, am Ofen. "Hier ist es doch warm! Bleibt

doch hier unten im Wirtslokal!"

Das tat man denn auch. Raffaëla, Lydia, Lotte und Lepo blieben im

Wirtslokal. Lepo las seine Kriegsberichte, von morgens bis abends.

Lotte machte die Hosen naß. Lydia und Raffaëla schleppten einher in

den Schlafröcken und beschimpften einander.

Abends aber, während der Vorstellung, saßen die fünf Damen aufgeputzt

um Herrn Schnepfes Dauerbrandofen wie Papageien auf einem Eisenring

um den Dompteur.

"Kinder, nein, ist das eine Kälte!" zitterte Lydia mit erfrorener

Nase und zog ein Gesicht, als sei sie hereingefallen und komme erst

jetzt allmählich dahinter.

Flametti: oder vom Dandysmus der Armen · 第 14 / 18 题