Am siebzehnten fand die Premiere statt. Schon am frühen Morgen
herrschte im Hause Flametti beträchtliche Aufregung.
Es war noch nicht sieben Uhr früh, als sich die Frauen aus dem
Favoritinnengemach schon stritten um das Vorrecht, für diesen
Ehrentag Flametti-Feuerscheins Stiefel putzen zu dürfen.
Fräulein Traute hatte sich im Lauf der letzten Tage das Reinigen der
Häuptlingsstiefel zu ihrer ganz besonderen Domäne gemacht. Kaum
regte sich in der Frühe das erste Gurren und Flattern der
Turteltauben, so sprang sie schon aus dem Bett, hin zum Gemach der
Hauptfrau, vor dessen Türe die Knöpfelschuhe der Frau und die
Zugstiefel Flamettis in trunken übernächtiger Kameradschaft
beisammenstanden, nahm die Häuptlingsstiefel weg, ließ die
Hauptfraustiefel stehen und rannte in die Küche nach dem Putzzeug, um
den beiden anderen Favoritinnen zuvorzukommen.
Heute aber hatte sie sich verrechnet. Denn während sie in fliegendem
Negligé zu der Schlafzimmertür rannte, rutschte auch Fräulein Rosa
über die Bettkante herunter und eilte hinaus in die Küche, um Bürste
und Putzzeug an sich zu nehmen.
Güssy aber, die im Nu, zurückbleibend, die Chancen des kommenden
Streits berechnet hatte, langte sich ihre Beinkleider und zog sich an,
fieberhaft. Ihr Temperament war stiller, phlegmatischer, heiß.
Aber soviel wußte sie: Angekleidet würde sie bei einem Streit vor
ihren im Hemd stehenden Rivalinnen im Vorteil sein.
Der Streit ließ nicht auf sich warten. Unter der Türe zwischen
Eßzimmer und Küche begegneten sich Traute und Rosa. Die eine mit den
Stiefeln, die andere mit Bürste und Crème. Güssy knöpfte sich gerade
die Spangenschuhe zu.
"Gib die Stiefel her!" rief Rosa, "sie gehen dich nichts an! Ich bin
länger im Hause als ihr!" Sie wollte sich gerade heute ein Vorrecht
nicht nehmen lassen, auf das sie früher gerne verzichtete.
Aber Traute dachte nicht dran, die Stiefel aus der Hand zu geben.
"Hast du sie gestern gewichst? Hast du sie vorgestern gewichst?
Verstehst du überhaupt was davon? Fütter' deine Tauben!"
Güssy lachte. Aber Rosa hatte keine Lust zu weitschweifigen
Auseinandersetzungen.
"Gib sie her!" rief sie entrüstet und klopfte der Traute die
Wichsbürste auf die Nase.
Güssy kam näher aus dem Lattenverschlag, lachend. Die Stiefel fielen
zu Boden. Die Wichsbürste ebenfalls. Die Crème rollte unter den
Schrank. Traute und Rosa kriegten sich bei den Haaren.
In diesem Moment aber klopfte es und herein trat: Frau Schnepfe aus
Basel. Sie war mit dem Frühzug herübergefahren, um ihre Visite zu
machen, ihre "Affären" zu erledigen und abends zur Premiere zu kommen.
"Guten Morgen!" sagte sie freundlich und stand unter der Türe. "Bin
ich hier recht bei Flametti?"
"Ah, die Frau Schnepfe!" rief Rosa freundlich überrascht und ließ
ihre Partnerin los. "Ja, ja, natürlich sind Sie hier recht! Setzen
Sie sich, Frau Schnepfe!" und lachte sich tot.
Güssy nahm die Stiefel und das Putzzeug an sich. Traute war in den
Verschlag geflüchtet. Auch Rosa, kichernd hinter dem Spalt der
Lattentüre, beeilte sich, einen Rock anzuziehen.
Frau Schnepfe war etwas befremdet von solch halbnackter Tummelei der
Künstlerinnen. Musternd sah sie sich im Eßzimmer um. Hier also
wohnte Flametti!
"Er schläft noch", entschuldigte Rosa und kam, die Druckknöpfe
schließend, wieder zum Vorschein. Dann vorstellend: "Das ist
Fräulein Güssy. Das ist Fräulein Traute!" Die rieb sich mit dem
Handtuchzipfel die Schuhcrème aus dem Gesicht. "Noch ein bißchen
früh. Er steht immer erst auf gegen elf. Heute steht er wohl früher
auf, weil wir heut' abend die "Indianer" haben. Aber ich darf ihn
nicht wecken."
"Gut, gut!" sagte Frau Schnepfe und stand auf, den Schirm in der Hand.
"Ich komme später vorbei. Grüßen Sie ihn! Die Frau Schnepfe war
da."
"Es ist recht", verbeugte sich Rosa graziös, ihres stellvertretenden
Amtes bewußt. "Ich werd' es bestellen. Adieu, Frau Schnepfe!"
"Adieu!" dehnte Frau Schnepfe und ging, nicht ohne im Vorbeigehen
einen Blick auch in die rußige Küche geworfen zu haben, wo inzwischen
Fräulein Theres hantierte, verdrießlich und Stumpen rauchend.
Dann kam Engel, um acht.
"Schläft er noch?"
"Ja, er schläft noch."
"Wo hast du das Plakat?"
"Hier", sagte Rosa und holte das schöne Plakat des Herrn Lemmerle aus
der Ecke beim Spiegelschrank, blieb bei Herrn Engel stehen und lachte
ihn an.
Auch die beiden andern kamen näher und lachten.
Engels milde Augen waren Wolfsaugen geworden.
"Das ist ein Plakat! Was?" sah er sich nach den Weibern um, als
hätte er das Plakat selbst gemacht.
Rosa lachte. Güssy kicherte verschämt. Sie kannten doch Flametti!
Und wenn man das Bild ansah, wo er so feierlich aussah, als Indianer,
--wie sollte man da nicht lachen!
Aber Traute lachte nicht. Sie fand es dumm, da zu lachen. Was gab
es da zu lachen? Gar nichts gab es zu lachen.
Sie ärgerte sich über diese Gänse. Diese Rosa, die Trulle, was die
schon davon verstand! Das ist doch nur für die Reklame! Er hat ein
Geschäft, der Flametti. Das ist das Indianerspielen. Das macht ihm
Spaß. Und wenn er ein Plakat machen läßt, ist's schade, daß es nur
ein Brustbild ist; daß nicht auch die Beine drauf sind mit den
Fransenhosen, und die Stiefel. Und man muß froh sein, wenn man ihm
die Stiefel putzen darf, damit er sich freut. Und wenn er manchmal
"verruckt" wird und toll zuschlägt, dann ist das auch nicht so
schlimm! Weiber brauchen das, sonst werden sie frech. Man sieht's
ja. Und wenn er einen anfaßt, dann ist's, als ob einem Hören und
Sehen vergeht und man möchte am liebsten zurückschlagen, weil er sich
gar nicht geniert und sich nichts draus macht. Das ist schon ein Aas,
dieser Flametti.
Und sie sagte es ganz laut, ein wenig schmollend und sehr verliebt:
"Das ist schon ein Aas, dieser Flametti!"
Rosa krähte vor Übermut und sah die unglücklich im Fensterwinkel
sitzende Traute förderlich an. Die hatte es mächtig!
Güssy aber, still und heiß, hatte ein Geschäker mit dem Engel
angebahnt. Sie hatten ihre Hände zum Tric-Trac ineinandergesteckt
und Güssy, lang wie sie war, versuchte, den schmächtigen
Ausbrecherkönig unterzukriegen.
Rosa hielt, versunken, das Plakat vor sich hin.
Und Traute kam näher und warf dem "tapfren Häuptling Feuerschein"
singend einen Handkuß zu, indem sie Theater machte aus ihrer
Verliebtheit.
Und Rosa fiel ihr um den Hals und tanzte mit ihr im Zimmer herum.
"Laß los, Güssy!" meinte Engel ernsthaft, "hab' keine Zeit. Muß
weiter. Das Plakat aushängen."
"Frau Schnepfe war da!" rief Rosa.
"Aus Basel?"
"Ja, aus Basel!"
"Fein wird's heut' abend: "Die Letzten von dem Stamm der Delawaren"",
sang Traute mit übertriebenen Gesten, die ihr im Ernstfall gewiß
nicht so leicht gefallen wären.
"Ja, Frau Schnepfe war da", quittierte Engel, "und das ist auch eine
Neuigkeit: daß die Häsli nicht singen wollen. Herr Häsli will den
Schackerl nicht machen. Weil's ihm nicht paßt."
"Ach, der!" maulte Rosa gegen Engel, "was der nicht alles weiß!" Und
sie intonierte:
"Schackerl, Schackerl, trau di net!",
was sie auf der Probe gehört hatte, und kopierte dabei Frau Häslis
neckische Vortragsart.
Überhaupt: die Weiber waren außer Rand und Band, schon so früh am
Morgen, und Engel warnte:
"Wenn ihr mal nicht andre Augen macht, eh' es Abend wird!"
Und Engel schickte sich an, zu gehen, das Plakat unterm Arm nebst den
beiden Bildertafeln, die er sich selber langte und auf denen die
Mitglieder des Flametti-Ensembles in ihren entbötigsten Privat--und
Theaterposen photographisch zugegen waren.
"Engel!" rief Flametti, dessen nackter Kopf an der Schlafzimmertür
erschien, und die Mädels fuhren auseinander.
"Ja, Max?" drehte Engel, schon bei der Treppe, noch einmal um.
"Komm mal her!"
Rosa nahm Güssy die Stiefel ab und stellte sie schleunigst an die Tür.
Traute rief durch den Schalter: "Theres, den Kaffee!"
Güssy nahm schleunigst die Tischdecke weg und deckte den Kaffeetisch.
Engel folgte Flametti ins Allerheiligste.
"Was gibts?" fragte Flametti.
"Plakate holen", berichtete Engel.
"Sonst was?" Flametti war wieder ins Bett gestiegen.
"Guten Morgen, Jenny!" machte Engel seine Reverenz. "Nein, sonst
nichts. Ja doch: Die Häsli machen solchene Zicken. Er ist ganz
blutig gekratzt und er will nicht singen, sagt er."
Engel bibberte heftig, wie immer, wenn er solchene Hiobsposten zu
bringen hatte.
"Was will er?" setzte Flametti sich auf.
"Na, weißt du", begütigte Engel, "es paßt ihm nicht. Er ist doch
gestern zurückgekommen vom Militär. Und es paßt ihm nicht, daß die
Alte das Lied ausgesucht hat mit dem Schackerl."
"Was ist das?" setzte sich nun auch Jenny auf, indem sie das Hemd
über der schönen vollen Brust zusammenzog.
"Na, du weißt doch, Jenny", erklärte Engel, "Sie katzen sich doch
immer. Und nun ist mir der Häsli schon früh um sieben, wie ich von
der Annie kam, auf der Straße begegnet, ganz zerkratzt um die
Schnörre herum, und hat mir gesagt, daß er nicht singen will wegen
dem "trau mi net". Und er will nicht das Kalb machen."
"Gut!" sagte Flametti, "häng' die Plakate aus! Er wird schon singen.
Ich werde schon sorgen dafür, daß er singt!"
Und Jenny rief: "Max, geh' rüber zu ihnen! Setz' sie vor die Tür!
Hol' dir Ersatz! Hab' ich dir's nicht gesagt, daß sie uns aufsitzen
lassen? Hab' ich's nicht immer gesagt? Da hast du's! Aus der
Nachtruhe stören sie einen auf, die Anarchisten!"
Und Max sprang aus dem Bett, zog die Hosen an, schnackelte die
Hosennaht zurecht und trat ins Eßzimmer, unwirsch. Der Kaffee stand
auf dem Tisch. "Wer hat die Stiefel geputzt?" rief er.
"Ich!" riefen Traute, Rosa und Güssy zugleich.
"Gut!" sagte Flametti, zog die Stiefel an, setzte den Hut auf und
stapfte davon.
Er ging aber nicht zu den Häslis, sondern begab sich schnurstracks zu
Fräulein Mabel Magorah, der indischen Traumtänzerin, Rübengasse 16.IV,
die er als Ersatz benötigte.
Auch Jenny stand jetzt auf, gar nicht guter Laune, zog den blauen
Schlafrock über, der wie ein Bügelteppich aussah, band ihn über dem
Leib zusammen und kam zum Vorschein.
Das erste war, daß sie ihre ungeputzten Knöpfelschuhe bemerkte. Sie
tat, als merke sie gar nichts, und fragte harmlos, indem sie sich zum
Kaffeetisch setzte:
"Wer hat meinem Mann die Stiefel geputzt?"
Schweigen.
"Na, werd' ich's erfahren, wer meinem Mann die Stiefel geputzt hat?"
Güssy frech und phlegmatisch:
"Ich. Warum?"
"Weil du auch meine zu putzen hast, wenn sie dabeistehen."
Und Jenny nahm die Knöpfelschuhe und warf sie der Güssy vor die Füße.
"Na!" maulte Güssy, "ich bin doch keine Dienstmagd hier im Hause!
Soll doch die Rosa die Stiefel putzen! Ich bin hier als Sängerin
engagiert!"
"Was bist du?" rief Jenny erbost, "Sängerin? Was sagst du?
Einsperren werd' ich euch! Nichts zu essen werd' ich euch geben!
Ich werd' euch Mores lehren! Für die Kerls habt ihr Augen. Für's
Arbeiten nicht!"
Traute stand irgendwo beim Fenster, abgewandt, und kicherte in sich
hinein. Rosa war hinterrücks in die Küche verschwunden.
"Rosa!" rief Jenny hinaus, "hast du dein Kleid ausgebügelt?"
"Nein, noch nicht!" antwortete es von draußen.
"Du bügelst dann dein Kleid aus! Theres soll die Eisen einlegen.
Und dann tragt ihr die Kostüme rüber in die Garderobe!"
Traute bekam einen Einfall. Sie ging hinaus in die Küche und kam
zurück mit einer Teekanne.
"Na, was hast denn du da?" fragte Jenny.
"Teewasser!" sagte Traute.
"Teewasser?" fragte Jenny, "wozu Teewasser?"
"Ich will meine Locken wickeln."
Jenny schlug mit der Hand auf den Tisch und fuhr auf. "Na, da hört
doch die Weltgeschichte auf! Du bist wohl ganz und gar
übergeschnappt? Locken jetzt um neun Uhr vormittags? Und aus meiner
Teekanne? Deine Dreckfinger willst du in meine Teekanne stecken, aus
der ich Tee trinke?"
Aber Traute fand das gar nicht absonderlich. Weder daß sie sich
Locken wickeln wollte, noch daß sie Flamettis Teekanne dazu nahm.
Sie ging deshalb ruhig weiter mit der Teekanne, nach dem Verschlag,
um ihre Lockenwickler aus der Schieblade zu nehmen.
Jenny hatte sie aber auch schon eingeholt.
"Her mit der Kanne!" schrie sie, "raus damit in die Küche!" Traute
hielt fest.
"Gibst du die Teekanne her, du Mensch?" schrie Jenny.
Sie zerrten sich hin und her, bis die Hand der kräftigeren Jenny mit
der Teekanne hoch in die Luft fuhr, daß das Wasser spritzte.
"Ich will dir Locken geben! Du gehst mir nicht aus dem Haus heut,
und kommst mir mittags nicht an den Tisch."
"Pah!" rief Traute, "was ich mir draus mache! Herr Flametti hat
drüber zu bestimmen. Er wird mich schon rufen."
"Hier drinnen bleibst du!" schrie Jenny außer sich, versetzte ihr
einen Stoß, schlug die Türe zu und schloß ab. "Theres!" rief sie zum
Schalter, "die bekommt heute nichts mehr zu essen!"
"Und wehe euch!" rief sie den beiden andern zu, "wenn ihr ihr was
zusteckt! Ich will euch zeigen, wer hier Meister ist!"
Vom Verschlag her hörte man Traute trommeln und dazu singen:
"Der tapfre Häuptling Feuerschein
Mit seinen wilden Mägdelein...."
in einem eigensinnig verliebten Rhythmus.
"Ah, so!" sagte Jenny. "Na, wart's nur ab!"
Güssy hatte mittlerweile das Handtuch aufgehoben, mit dem Traute sich
die Schuhcrème aus dem Gesicht gewischt hatte, und versuchte in einer
Anwandlung von Solidarität, es verschwinden zu lassen.
Aber Jenny bemerkte gerade, daß das Handtuch hinter die Gardine fiel,
und rief:
"Gib nur her, was du dort verschwinden lassen willst! Was ist denn
das?"
Güssy zögerte.
"Her damit!" schrie Jenny und riß es ihr aus der Hand. "Wo kommt
dieser Fleck her?"
"Theres!" jammerte sie, "diese Schlampen haben mir das ganze Handtuch
eingeschmiert!"
Jetzt kam auch Fräulein Theres herein. "Mein Gott", verwunderte sie
sich, "was ist denn jetzt das? Aber nein, das ist doch zuviel!" und
ihr Gesicht wurde lang wie ein Laib Brot.
"Theres, die bringen mich ganz herunter! Die ärgern mir die
Schwindsucht an den Hals!"
"Rosa, jetzt sag mal du", wandte Jenny sich an die auf das
Jammergeschrei hin ebenfalls wieder hereingekommene Rosa.
"Ich kann nichts dafür!" versicherte die. "Ich hab' der Traute die
Bürste auf die Nase geklopft und sie hat sich die Nase ins Handtuch
gewischt."
"So? Und warum das?"
"Weil sie mich aufzieht. Weil sie mich hänselt. Sie sagt, ich hätte
was mit Ihrem Mann gehabt in der Garderobe. Und das laß ich mir
nicht gefallen. Ich hab' nie was mit Ihrem Mann gehabt. Aber sie
hat sich knutschen lassen. Hab' ich selbst gesehen. Sie ist ja ganz
verschossen in ihn! Und die Güssy hat's auch gesehen."
"Hast du das gesehen?"
"Ich habe nichts gesehen", meinte Güssy apathisch, "was geht es mich
an?"
"Jawohl hast du's gesehen!" fuhr Rosa sie an, "bist ja selbst
eifersüchtig auf ihn! Bist du's vielleicht nicht?"
"Pah!" warf Güssy weit weg, "eifersüchtig!"
"Raus in die Küche!" schrie Jenny und packte eine nach der andern
beim ärmel, "ihr sollt mich kennenlernen!"
Da ging auch Fräulein Theres wieder hinaus, Stumpen rauchend, und
schloß die Türe hinter sich.
Und Schritte ließen sich vernehmen auf der Treppe und Raffaëla kam,
die Tänzerin, Tochter von Donna Maria Josefa, mit ihrem Kind, der
kleinen Lotte, die bamsig und fett an der Hand ihrer Mutter wackelte.
"Duden Morgen!" dehnte Raffaëla bamsig und fett im Ton ihres Kindes,
"sag' schön "Duden Morgen!", Lotte!"... "wir haben unsern Sirm
stehenlassen neulich, und wollen ihn wieder holen....."
"Dida holen", echote die kleine Lotte.
"Dieder holen", wiederholte Raffaëla phlegmatisch.
"Ach, Raffaëla!" klagte Jenny, "ich bin ganz unglücklich! Gut, daß
du kommst. Setz' dich, trink' 'ne Tasse Kaffee"!
"Tasse Taffee!" wiederholte Lotte.
"Denk' dir", fuhr Jenny fort, "diese Menscher! Sie stellen mir das
ganze Haus auf den Kopf! Heut' abend haben wir doch die "Indianer".
Und zu Haus geht alles drunter und drüber. Locken brennen sie sich
am hellen Vormittag. Der einen hab' ich Ohrfeigen gegeben. Die
heult draußen. Die andere hab' ich eingesperrt. Hinter meinem Mann
sind sie her. Seit diese "Indianer" ins Haus kamen, hab' ich keine
ruhige Minute mehr. Er ist der Häuptling Feuerschein, verstehst du,
und sie sind seine "Mägdelein", sein Harem. Er hat sie in der Kur,
alle drei, und sie trumpfen auf. Sie lassen sich nichts mehr bieten
von mir. Sie werden frech. Was mach' ich nur?"
Raffaëla war sprachlos; fand aber soviel Besinnung, Lotte Kaffee
einzugießen und Brote zu streichen.
"Nein", tat sie verblüfft, "so was! Geh', Jenny, 's ist nicht
möglich!"--"Seine Mägdelein!" krähte sie, "nein, so was!" Sie schien
für Flamettis Romantik noch weniger Sinn zu haben als Jenny.
"Geh', lach' nicht!" sagte die. "Er hat sie in der Kur. Ich weiß es
ganz genau. Und sie trumpfen auf. "Das werden wir schon sehen",
sagte dieser Fetzen, die Traute. Sie weiß, daß er ihr die Stange
hält. Mit der Teekanne kommt sie an, gerade vorhin, und will sich
Locken wickeln. Meine Handtücher schmieren sie mir ein. Die Betten
zerschneiden sie mir. Die Vorhänge reißen sie mir herunter!"
"Na, das ist doch die Höhe!" war Raffaëla paff vor Erstaunen, und
setzte die Geleeschnitte ab, die sie gerade in den geöffneten Mund
schieben wollte. "Ja, läßt du dir das gefallen?"
"Was soll ich denn tun? Er kommt mir ja nicht mehr nach Haus! Er
läßt sich ja nicht mehr blicken! Er verspielt ja das ganze Geld!
Sechshundert Franken hatten wir auf der Kasse. Alles ist fort. Auto
fährt er mit ihnen. Ins Kino führt er sie. Er ist der Häuptling
Feuerschein und sie sind seine Trullen.--Mit der Soubrette hat er
auch was. Vor zwei Stunden ist er weggegangen. Heut nachmittag
kommt er zurück. Und hier geht alles drunter und drüber. Der Engel
hat die Plakate noch nicht abgeholt und jetzt ist es zehn. Die Häsli
wollen nicht singen heut abend und wir haben doch niemanden. Kein
Geld läßt er mir für die Haushaltung und mutet den Leuten zu,
sechsmal Fisch zu essen in der Woche. Natürlich laufen sie weg....."
Raffaëla schüttelte den Kopf ob solcher Unglaublichkeiten:
"Ja, Jenny, ist das denn möglich?"
"Ah, du hast 'ne Ahnung!" seufzte die, wirklich mitleiderregend, ganz
zersprengtes Gesicht, "ich weiß mir ja nicht mehr zu helfen!"
"Ja, Jenny!" rief Raffaëla, "ich bin ja starr!"
Und Jenny bemerkte wohl den Erfolg der Affäre und ihrer Person und
begann, sich selber zu trösten:
"Aber laß nur gut sein", sagte sie, "ich hab' ja auch meine Leute an
der Hand! Ich hab' ja meinen Freund aus Baden! Heut abend kommt er
in die Vorstellung. Ich hab' ja Kavaliere. Ich brauche ja nur ein
Wort zu sagen. Brauche ja nur einen Wink zu geben... Ich laß ihn
ins Irrenhaus stecken..."
"Jenny!"
Aber Jenny, unbeirrt: "Ich laß ihn ins Irrenhaus stecken, meiner Seel.
Ich schaffe mir Geld beiseite und geh' mit meinem Freund auf und
davon."
Das schien Raffaëla ein wenig zu abenteuerlich. "Ach, Jenny!"
lächelte sie beschwichtigend, und patschte liebreich nach Jennys Hand.
"Lottely, schau, wie sie eifersüchtig ist!" Und mästete sich
weiter.
"Eifersüchtig?" schepperte Jenny und zog den blauen Schlafrock mit
einem Rückfall in frühere chicke Allüren um den Leib, "nichts zu
machen! Wir verkehren nicht miteinander. Ich bin nicht eifersüchtig.
Ich hab' ihn genommen, weil er ein solcher Bauer war. Weil er mir
meine Pakete trug."
"Raffaëla", sagte sie in plötzlichem Einfall, "du mußt mir helfen.
Wir stecken ihn ins Irrenhaus. Dann machen wir zusammen ein Ensemble.
Ich hab' die Kostüme. Du und Lydia, ihr tanzt. Leporello (das war
Lydias Partner) wird Direktor."
"Je, Jenny!" meinte Raffaëla, "du phantasierst ja! Beruhig' dich
doch!" Und aß weiter, als müsse sie selbst sich beruhigen.
Schritte auf der Treppe ließen sich vernehmen. Flametti kam zurück.
Er hing den Hut an den Nagel. "So!" sagte er, "das ist erledigt.
Wenn die Häsli nicht singen wollen...." "dann tanzt die Mabel",
wollte er sagen. Aber er bemerkte noch rechtzeitig Raffaëla und
sagte: "Dann hab' ich Ersatz. Tag, Raffaëla!"
Es sei hier angefügt, daß Traute über das Mittagessen nicht
eingesperrt blieb.
"Dummes Zeug!" sagte Flametti, "das gibt es bei mir nicht. Bei mir
wird niemand eingesperrt!"
Und Fräulein Traute wurde befreit aus dem Karzer und kam zum
Vorschein, den Kopf über und über voll Locken, die sie mit Hilfe von
Jennys Himbeersyrup, der im Taubenverschlag auf dem Schrank stand,
sehr kunstvoll ge--und entwickelt hatte.
Jenny war keine böse Frau von Natur. Sie war edel, hilfreich und gut.
Sie schenkte den Armen und liebte ihre Feinde. Aber sie wußte, was
sie sich schuldig war als Flamettis Weib. Einem solchen Manne
entsprach eine solche Frau.
Wenn sie in engerem Kreise versicherte, diese Person, diese Traute,
sei nicht die erste, die sie ins Arbeitshaus bringe, so brauchte man
das nicht wörtlich zu nehmen. Es war ein Symbol gewissermaßen für
ihre Anschauung, daß ein Mann von der Kühnheit Flamettis einer Frau
gewiß zu sein habe, die gefährlich, herzlos, zum Handeln bereit, auch
Kanaille sein könne, entschlossen, eiskalt und zu jedem Mittel bereit,
wenn es drauf ankam, sich Achtung und Furcht zu verschaffen.
Zu Mittag kamen auch Herr und Frau Häsli; beide ein wenig zerkratzt
und zerbeult, aber beide voll Liebe und Güte. Und daran war nicht zu
denken, daß sie das "Schackerl" nicht singen wollten. Im Gegenteil.
Und die Fuchsweide dämmerte. Bucklig und winkelig sank sie mit ihrem
Halbhundert Gassen verschmutzt und im Rauch ihrer Herdfeuer grau in
den Abend.
Die Giebel zerschnitten sich hoch in der Luft.
Die Häuser barsten von Feuer und Licht. Die Osram--und Tristankerzen,
die Glasglühlichter und Bogenlampen leuchteten auf. Die Metzgereien
und Magazine und Handwerksstätten glühten wie Einkaufsbuden des
Teufels.
Man legte die Arbeitsschürzen jetzt ab in den Kellern. Im Hinterhaus,
in den Stuben und Giebeln frisierte man sich und machte Toilette.
Los gingen die Grammophone, Orchestrione und das Elektroklavier.
Auftauchten verwegne Gestalten beiderlei Geschlechts vor beleuchteten
Spiegeln, unter dem Haustor und auf der Straße.
Auf ging der Mond, und in den Konzertlokalen tummelten freundliche
Sängerinnen und früheste Zauberkünstler bereits ihre Stimmen.
Schlächtergesellen führten den Wolfshund spazieren. Soldaten riefen
sich zu. Ausbündige Eleganz grüßte "Salü!" Hoch aus dem fünften
Stockwerk, wie von der Sternwarte weg, probierte Herr Bonifaz
Käsbohrer in überschnappenden Tönen sein B-Klarinett, das er mit
Hilfe des "Tagblatts" nachmittags eingetauscht hatte gegen ein
abgenutztes Veloziped.
Dann aufdringlich und bunt: Die Rumänische Damenkapelle begab sich
zum "Blauen Himmel". Ein Fräulein knüpfte Bekanntschaften an.
Tirolerjodler gingen mit grünen Hüten und Zitherkästen. Ein Komiker
kam im Zylinderhut. Drei schäbig gekleidete Herren mit Jockeymützen,
wollenen Schal um den Hals, gaben, beim Gehen leicht ihre Schultern
drehend, einer pompaduresk hoch aufgeprotzten Dame unerbetenes Geleit.
Und höllenhaft, magisch, radauend und zeternd: die Lichtreklame des
"Krokodil" entfaltete ihre chinesisch untereinander geordnete
Buchstabenreihe, die vom Dach bis zum Boden reichte. Der ganze
"Mönchsplatz" war rot überstrahlt. Die benachbarten Häuserfronten
schienen von rotem Licht halb aufgefressen. Die Bummler, Passanten
und zeitungslesenden Gruppen der Arbeiter taumelten in einer Flut von
Licht.
Im Nebengebäude negerten los: die Pauke und das Tschinell. Über der
Straße drüben rupften zwei rivalisierende Damen einander die Federn
aus.
"Ich nehme meinen Zauberstab zum zweitenmal in die Hand!" schrie es
aus der "Tulpenblüte".
"Hei, wie das prasselt und wie das herrlich zischt!
Das sieht nur einer, der in der Hölle ist!"
stampfte und klatschte es aus dem "Vaterland". Dort schwangen
Ferreros "Lustige Teufel" die Zackenspieße.
"Welch wunderschöner Klang
Tönt durch die Straß' entlang!
Jetzt kommt auf Ehr
Das Militär
In Reih' und Glied daher!"
wetterte es, weniger diabolisch, dafür preußischer, aus der weiter
unten gelegenen "Wasserjungfer", wo auch Fräulein Kunigunde, die
Schlangendame, zugegen war.
Weiter oben aber, jenseits des Platzes, übertönte den Lärm die wie
eine Weckuhr losrasselnde französische Soubrette des "Café Neptun":
"Einrich, laß die Osen runter,
Tu mir den Gefallen!
Laß sie bitte gance erunter
Auf die Strümpfe fallen."
Unschlüssig schwankte das Publikum zwischen "Große Trommel",
"Infernalische Leidenschaft", "Kaiser Wilhelm" und "Pariser Eleganz".
Hier war was geboten! Hier kam man auf seine Rechnung! Und was ein
richtiger Dandy war, der von der Welt etwas verstand, entschloß sich
überhaupt nicht, hineinzugehen, sondern die Sache mehr platonisch zu
genießen, als Schauspiel gewissermaßen, von außen, als Zusammenklang,
mit der überlegenen Intelligenz dessen, den die Realität nur als
Widerspruch nicht mehr enttäuschen kann.
Noch aber hatte die Fuchsweide ihre letzte Verführung nicht
ausgespielt: die Echtheit inmitten einer Welt des Scheins; das Wunder
als Resultat unerhörter Perversitäten. Von wem aber konnte man
solche Leistung erwarten? Nur von Flametti.
Man staute sich vor den breiten Reklamefenstern des "Krokodilen". Da
stand vor dem großen Aquarium voll blaugrauer Karpfen das Plakat der
"Indianer": Flametti als Häuptling Feuerschein.
So sah er aus! So leibte und lebte er! Das war die Synthese seiner
inneren Eigenschaften!
Wer hatte ihn nicht gesehen, mittags um zwölf, wenn man von der
Arbeit kam, vor der Haustüre, in Hemdärmeln, gutartig und freundlich?
Wer hatte ihn nicht gesehen früh morgens, wenn er mit Jenny vom
Markte kam und die Markttasche trug mit den Karotten? Er war nicht
immer der Furchtbare, Blutige. Zahm und umgänglich war er privatim,
ein friedlicher Bürger viel mehr als ein Menschenfresser.
Unter dem Plakat aber stand: "Alleiniges Aufführungsrecht: Flamettis
Varieté-Ensemble", ein Hieb für die Herren Direktoren. Und der Satz:
"Wer die 'Indianer' nachmacht, wird gerichtlich verfolgt."
Das Publikum stieß sich und drängte sich; auch vor dem zweiten
Reklamefenster. Dort standen die Bildertafeln und ein zweites Plakat:
"50 Mann Blasorchester! Beginn: acht Uhr. Großartiges,
allerneustes Programm! Tanz! Tanz! Tanz! Lauter Schlager! Es
wird kassiert!"
Las es und strömte hinein ins "Krokodil".
Es kam, sah und strömte: Herr Friedrich Naumann, kurzweg der
"Krematoriumfritze" genannt, einer von Jennys scharfen Verehrern.
Es kamen, sahen und strömten: Fräulein Annie nebst Herrn Engel, welch
letzterer seinen schwarzen Gehrock angezogen hatte: "Annie!" sagte er,
"es wird großartig! Verlaß dich drauf!"
Es kamen und strömten: Raffaëla und ihre Schwester Lydia, sowie deren
gemeinschaftliche Mutter Donna Maria Josefa, nebst einer ganzen
Anzahl männlicher Zirkusmitglieder, die alle nicht zahlten, weil sie
Artisten waren.
Es kam, sah und strömte: Frau Schnepfe, in Begleitung Flamettis und
der Hauptfrau im Abendmantel des Herrn Coiffeurs Voegeli. Das
Publikum wich ehrerbietig zurück.
Es kamen, sahen und strömten: zwei israelitische Handlungskommis,
rote Nelken im Knopfloch; der obgenannte Coiffeur Herr Voegeli, der
seinen Regenschirm ausschüttelte; denn es regnete inzwischen. Und
späterhin eine ganze Reihe Mannschaften des Fußballklubs "Hermes".
Drinnen aber herrschten Fieber und Spannung. Der ganze Raum war
verwandelt in ein Gehänge blühender Rosenranken. Künstliche Lauben
aus Birkenruten zogen sich an der Wand lang. Festtagscharakter trug
das Lokal.
Die Tische waren sämtlich mit rotgewürfelten Decken belegt. Saftige
Kuchen--und Tortenstücke strahlten auf blinkenden Nickeltellern. Die
Plattmenagen mit öl, Pfeffer und Salz warfen gescheuert das
elektrische Licht unzähliger kleiner blutroter Birnen zurück.
Verschwunden war der getrocknete Rand am Senfnapf. Und so man den
Löffel bewegte, der darin steckte: heut war er nicht angeklebt. Es
ließ sich bewegen.
Versammelt waren bereits sämtliche Damen von Ruf. Vorne am
Künstlertisch, wo sie heute nicht gerne gesehen war, saß Fräulein
Amalie in braunem Samtkostüm mit Bolerohut, schon seit halb acht.
Den Zwergpintscher hatte sie auf den hohen Busen gesetzt. Das gab
ihr viel Air. Ihre Beine, elastische Sägmehlbeine, baumelten unter
den Tisch, und sie spielte mit einer der Hängrosenranken. Eine
Zigarette rauchte sie. Ihr Verhältnis war Eisenbahner; heute hatte
er Nachtdienst. Brillanten blitzten an ihren Fingern. Die spitzigen
Halbschuhe aus feinstem Rindsleder reichten nicht ganz auf den Boden.
Auch schien das Strumpfband gerissen: die braunen Wollstrümpfe
knäulten sich unter den Waden. Das Hündchen aber auf seiner
exponierten Stelle drehte den knappen Popo und konnte sich gar nicht
genugtun vor Freude, dabeizusein.
Weiter drüben, auf den besten Mittelplätzen, saßen der runzliche
"Totenkopf" und seine Schwester. Der "Totenkopf" war die berufenste
Dame der Fuchsweide. Allabendlich Gast des Flametti-Ensembles. Weiß
geschminkt, die Augenhöhlen gerötet, saß ihr Gesicht auf dem
kropfigen Hals. Unruhig schob sie das Hinterquartier auf dem Stuhl
hin und her, blickte sich um nach den eintretenden Gästen, band sich
das Strumpfband fester und schob währenddessen den sechsten Kuchen
zwischen das goldne Gebiß. Sie konnte sich's leisten. Die Schwester
des "Totenkopf" hatte das Ledertäschchen über die Stuhllehne gehängt,
tupfte die rote Nase ein wenig mit Puder und Taschentuch, und juckte
sich mit dem linken Fuß an der abgewetzten Innenseite des rechten
Knies.
An der Wand gegenüber, bescheiden in Rückendeckung, hatte sich
Fräulein Annie, die Freundin Engels, ein helles Bier bestellt, ihren
Fuchspelz loser gehängt; besah sich die Fingernägel, aus denen sie
mittels eines zerknickten Streichholzes die Erdkrumen zu verdrängen
suchte, und war sehr besorgt, mit der Manicure nicht fertig zu werden,
bevor sich ein Herr mit schottischem Schäferhund, der jetzt eintrat,
allenfalls zu ihr setzte, um ihr Gesellschaft zu leisten.
Sie lächelte kopfschüttelnd, als sei sie erstaunt, zu lächeln, konnte
jedoch ihren Hals nicht recht drehen, weil ein Furunkel dransaß.
Dieser Furunkel: ein Unglück! Er wanderte über den ganzen Körper.
Bald da, bald dort tauchte er auf, gesellte sich andern Furunkeln zu
und konnte schon bald den Eindruck erwecken, als sei er ein ganz
besondrer Furunkel. Annies fixe Idee war, er möchte von heute auf
morgen am Hals verschwinden und zwischen den Zähnen auftauchen. Drum
zog sie die Oberlippe stets hoch und die Unterlippe hing ihr vom
Munde weg. Doch jener Furunkel tat das nicht.
Der Herr trat näher und sagte verbindlich:
"Wenn Sie gestatten, Fräulein!"
"Oh, bitte!" sagte Annie und nahm zugleich mit dem Stuhl ihre Röcke
zusammen, um Platz zu machen. Und in ihr silbernes Etui greifend:
"Rauchen Sie eine Zigarette?"
"Sehr liebenswürdig!" sagte der fremde Herr und zog das
Zigarettenetui näher zu sich heran.
Herein trat Fräulein Frieda, der "Hinkepott", aufgetakelt in
Seidengrimmer, mit ausgeleierter Hüfte verschoben haxend. Ihr folgte
Fräulein Dada in einem Schneiderkleid à la feldgraue Uniform, nach
neuestem Schick. Der Unterkiefer hing ihr sehr lang, ein verfettetes
Dreieck. Mit den Händen stützte sie sich, im Vorbeigehen, langsam
und sehr elegant auf die Tische. Das feldgraue Schneiderkleid machte
Furore. Aller Augen sahen nach ihr. Auch diese beiden Damen begaben
sich möglichst nach vorne, um in der besten Gesellschaft zu sein und
ein wenig zu profitieren vom Rampenlicht.
Neben der Bühne aber versammelte sich das Orchester des Herrn
Fournier: fünfzig Mann mit Schlagzeug und Baßtrompeten.
Die Lehrmädel, Jenny und die Soubrette erschienen in tangofarbenen
Babyhängern, Schleifen im Haar, neigten die Köpfe, schwänzelten,
nickten den Gästen zu und gruppierten sich um den Künstlertisch.
Engel vom Vorhang aus machte verrenkt pathetische Zeichen zum Büfett
für die Beleuchtung. Sein Gehrock flatterte. Hinter der Bühne zog
es. Herr Meyer entfaltete die Noten seiner Begleitmusik und
probierte, für alle Fälle, das Pedal. Er war auf der ganzen Linie
für Pedalisierung. Ein Leben ohne Pedal schien ihm scheußlich und
abgeschmackt.
Flametti, den Herrn Farolyi vom Zirkus Donna Maria Josefa mit
vorgestreckter Hand fachmännisch begrüßte, wischte sich mit dem
Sacktuch über die Stirn. Jenny stellte die Kasse nebst Zubehör auf
den Künstlertisch. Und Fräulein Traute, den Kopf wippend voll Locken,
setzte sich plumpsend daneben.
Herr Häsli hatte eben noch Zeit, seine Krawatte zurechtzuzupfen.
Frau Häsli, den Brustlatz ihrer Tochter zu arrangieren. Dann
begann's.
"Mtata, mtata, umba, umba, umba, umba!", und Herr Fournier schlug mit
dem Taktstock, als wär's eine Peitsche.
Die Musik ging denn auch merklich vorwärts. Nur der linke Trompeter,
der die Posaune bediente, kam nicht zurecht. Doch das war jetzt
nicht mehr von Belang. Los ging die Musik, daß die Schwarten
knackten.
"Ptuhh dada dada da, umba, umba!" blies die Baßtrompete in idealer
Konkurrenz mit Pauke und Schrummbaß. Dieser Schrummbaß war die
Spezialität des Herrn Fournier. Es war phänomenal.
Immer mehr Volks strömte hinzu. Soldaten kamen, rote Gesichter,
silberne Epauletten, und saßen zu beiden Seiten eines mittleren
Längstisches wie Ruderer bei der Regatta. Studenten warfen mit
Schokoladeplätzchen verstohlen nach der festlich grinsenden Rosa, die,
von Tisch zu Tisch Billette verkaufend, gar artig die Beine setzte.
Rechts von der Bühne, nahe beim Künstlertisch, steckte Fräulein Güssy
in Eile der Soubrette eine halb aufgeblühte Rose ins Haar. Herr
Häsli suchte die Noten heraus. An der Kasse, mit Frau Schnepfe, saß
Jenny, gravitätisch, bonzenhaft, ihrer Bedeutung vollkommen bewußt;
die Repräsentation verkörpernd. Neben ihr Traute.
Auch Güssy und die Soubrette eilten jetzt mit Billetten ins Publikum.
Frau Häsli trat mit dem Fuß den Takt zur Musik. Toni, die Tochter,
äugte nach Kavalieren.
"Dadadadada umba, umba, um!" machte die Musik. Sie war angekommen am
Ziel. Das Stück war zu Ende.
Langsamer Beifall erhob sich. Flametti fuhr sich nervös durchs Haar.
Er schob sein Röllchen zurück, nahm einen Schluck Helles. Dann trat
er vor und sprach:
"Meine Damen und Herrn! Ich heiße Sie herzlich willkommen und danke
Ihnen für Ihren zahlreichen und glänzenden Besuch. Ich gebe mir die
Ehre, Ihnen mitzuteilen"--lautlose Stille--, "daß es mir gelungen ist,
Ihnen heute abend ein ganz besonders interessantes Programm zu
bieten. Herr Generalmusikdirektor Fournier mit seiner fünfzig Mann
starken Eisenbahnerkapelle hat Ihnen bereits eine Probe seiner
bewährten Kunst vorgelegt. Er wird bei uns bleiben nicht nur bis elf,
wie es sonst üblich ist, sondern bis drei Uhr. Denn: es wird
getanzt.
Sie sagen vielleicht: wie kann man hier tanzen, unter den
Heckenrosen? Aber das ist gerade die Kunst. Wir werden den Frühling
in Herbst verwandeln durch Aufgebot unserer dienstbaren Geister vom
"Krokodil" und Umgebung. Durch eine geheimnisvolle Mechanik hat
unser Gastgeber, Herr Hotelier Schnabel, es möglich gemacht, im
Handumdrehen die hängenden Gärten der Semiramis in ein Palais
Mascotte, ein Moulin Rouge, in ein Tivoli zu verwandeln."
Flametti lächelte. Der "Totenkopf" warf ihm mit offenem Mund
befremdete Blicke zu.
"Meine Damen und Herrn!" fuhr Flametti fort, "Das ist ja ein Schmus,
was ich Ihnen da sage. Das merkt ja der Dümmste. Das ist ja Stuß.
Aber Sie sehen heute zum erstenmal hier das berühmte Jodlerterzett
Häsli aus Bern, dessen Scherzos und herzerquickende
Jodlerlieder--"--Flametti sah sich nach Frau Häsli um--"Ihnen einen
Begriff geben werden, mit was für angenehmen, soliden und
renommierten Künstlern Sie es zu tun haben. Ich führe Ihnen sodann
zum erstenmal hier im "Krokodil" unseren Herrn Damenimitator Arista
vor:
"Nur immer raus damit, nur immer raus damit!
Wozu haben wir's denn? Na ja!""
Flametti kam in Stimmung. Er zitierte und gab Probegesten....
"Ich führe Ihnen endlich hier zum erstenmal "Die Indianer" vor,
verfaßt von meinem Freunde St. Rotter, Conférencier und Improvisator
am Germania-Cabaret.
Meine Damen und Herrn! Keine richtigen, echten, wirklichen Indianer.
Keine Sioux, Apachen, Komantschen. Keiner wird mit die Ketten
rasseln wie auf dem Jahrmarkt, oder auf der Mess' z' Basel. Sie
brauchen keine Angst zu haben. Es schreckt nicht. Es passiert Ihnen
nichts. Sondern: Sie sehen die Wirklichkeit. Das aussterbende Volk
der Indianer auf dem Kriegspfad. Die Rache und die Verklärung. Den
Häuptling mache ich selbst."
"Ich selbst", wiederholte Flametti, indem er in Selbstpersiflage
komisch an sich hinunterstrich. "Die Musik macht Herr Meyer", und
stellte mit einer seitlichen Handbewegung den Pianisten vor.
"Sie werden dieses Ensemble sehen und ergriffen sein. Sie werden uns
staunend Ihren Bekannten rekommandieren, wenn es Ihnen gefallen hat.
Sie können sich denken, daß solche Ausstattungspiècen bei den
heutigen Zeiten fast unerschwinglich sind. Sie werden befürchten,
daß eine Extrakassierung stattfinden wird. Nichts von alledem! Wir
kassieren wie sonst. Ohne Extraeerhebung. Dafür hoffe ich aber, daß
auch Sie sich erkenntlich zeigen und ein wenig tiefer in den
Geldbeutel greifen. Besonders die "Galerie". Bei der Kassierung
bleibt die Toilette geschlossen.
Wir beginnen also jetzt mit dem Eröffnungslied. Mister Bobby wird
Ihnen sodann seinen neu einstudierten Kautschuk--und Exzentrikakt
vorfuhren."
Er trat zurück. Freundlicher Beifall erhob sich: man dankte fürs
Arrangement.
"Sehr hübsch", sagte Donna Maria Josefa überrascht zu Herrn Leporello,
demselben Herrn Leporello, den Jenny morgens im Gespräch mit
Raffaëla als Direktor bezeichnet hatte.
Mister Bobby, der Exzentrikmann, war inzwischen ebenfalls erschienen,
in schillerndem Eidechsenkostüm; einen hellbraunen, vom Regen
verwaschenen Sommerpaletot über den Schultern, Zigarette rauchend.
Man diskutierte die zart gesetzte Rede Flamettis und stimmte allseits
darin überein, daß Flametti in solchen sarkastisch-sachlichen Gängen
unübertroffen sei.
Der Ausfall gegen das Jodlerterzett, bei aller Anerkennung der
Häslischen Leistungen, bildete eine ganz besondere Sensation.
Solcherlei Ausfälle liebte Flametti. Sie erweckten im Zuschauerkreis
ein Interesse, das über die rein artistische Leistung hinaus die
Person des Artisten auch von der menschlichen Seite ins Auge faßte.
Sie boten Flametti Gelegenheit, zu privaten und häuslichen Dingen
summarisch Stellung zu nehmen. Der Vortrag vor öffentlichkeit und
Gesellschaft wurde in seinen Händen ein starkes Mittel, die Seinen an
exponierter Stelle im Zaume zu halten.
Frau Häsli war denn auch reichlich aufgebracht.
"Flametti!" stellte sie ihn zur Rede, "das war nicht nötig! Das
haben wir nicht verdient um euch. So eine Blamage! Ich hab' nun
gesehen, wie man mit uns verfährt. Ich habe nie nötig gehabt, im
Häuschen zu sitzen!",--das war eine Anspielung auf Jennys
Vergangenheit--, "na, gut, daß ich's weiß."
Hastig strich sie sich die Löckchen aus der Stirn.
"Jenny", rief sie, "das hätte ich nicht erwartet. Pfui Teufel. Da
sieht man's!"
Auch Häsli fand solche Manier despektierlich. Er spuckte aus. Sagte
aber nichts. Rosa feixte.
Es war keine Zeit, sich aufzuhalten.
"Fort, Kinder! Anfangen, anfangen!" drängte Flametti. "Engel, den
Vorhang! Fertig? Herr Meyer!"
Die Mädel rannten hinter die Bühne. Flametti stürzte sein Helles
hinunter. Der Zwergpintscher auf Fräulein Amaliens Busen kläffte,
weil ihn Amalie kitzelte. Die Rosenlauben schwankten. Das Publikum
rückte gespannt auf den Stühlen.
Klingelzeichen. Der Vorhang ging auf, und in einer Reihe standen:
Jenny, Rosa, die Soubrette, Fräulein Güssy und Fräulein Traute; alle
in Tangokostümen. Rot, blau, grün, gelb, violett die Schleifen im
Haar. Überflutet von Bühnenlicht. Ein zärtlicher Anblick.
Die hochgeschminkten Gesichter strahlten. Die fünf Paar Beine in
farbigen Seidenstrümpfen standen adrett geschlossen, Kadettenbeine.
Die duftigen Hänger in süßen Farben stützten kokett die baumelnden
Lockenköpfe.
Mehr oder weniger Busen sog sich voll Luft. Herr Meyer schlug den
Akkord an. Die ziegelrot übermalten Münder öffneten sich, und ein
Frühlings-Begrüßungsmarsch erfüllte die Bühne, das Publikum und die
Rosenlauben mit unternehmendem Marschrhythmus:
"Freunde, rasch voran, laßt die Becher kreisen!
Heiter immerdar Lieb' und Jugend preisen.
Freude nur allein kann das Leben schönen.
Schenket Kraft, spendet Mut, macht die Alten jung."
Der Beifall wurde lebhaft. Das Orchester richtete seine Instrumente
und die Notenblätter her für die zweite Unternehmung. Das Publikum
kam in Stimmung.
Gläser klapperten. Stimmen schwirrten. Satzfragmente zerknäulten
sich im Zigarettenhimmel. Die Kellnerinnen riefen einander zu und
Herr Schnabel legte die Hand an die zurückfliehende Stirn wie ein
kleines Dach und übersah das Gewühl. "Mehr Stühle!" Man schleppte
noch Stühle herbei.
Die Kassierungen kamen herein: Glänzend! Exzentrik-, Zauber-,
Gesangs--und Ensemblenummern lösten einander ab in wohlarrangierter
Steigerung. Zwischenmusik: die Kapelle des Herrn Fournier.
An der Kasse aber saß einheimsend Jennymama, Silber--und Kleingeld
ordnend, Fünffrankenscheine wechselnd, die ankommenden Muschelschalen
ihrer kassierenden Damen so distinguiert in die Kasse kippend, als
fürchte sie, sich die Finger zu netzen.
Und als Fräulein Amalie mit dem Pintsch so nebenhin fragte: "Gutes
Geschäft?" erhielt sie die sehr reservierte Antwort: "O ja!"
Frau Schnepfe, obgleich es ihrem Geschäftsinteresse zuwiderlief,
konnte sich nicht versagen, anzuerkennen, wie hübsch der Saal
arrangiert, wie interessant das Programm und wie tüchtig Herr
Fournier sei.
Und Traute nahm die Gelegenheit wahr, sich ein wenig zu beschäftigen,
indem sie Frau Schnepfes Halsbördchen schloß, dessen mittlerer
Druckknopf entgegenkommenderweise verbogen war und allen Versuchen,
ihn mit der Nabe zu einem Ganzen zu vereinigen, beharrlichst
widerstand.
Was für einen langen Hals die Frau Schnepfe hatte! Und wie sie nach
"Wurmsamen" roch!
Mittlerweile hatte nun Jennymama ein Portemonnaie da, nahm eine
Handvoll Silber, tat es hinein, stand auf, ging zu Herrn Meyer ans
Klavier und sagte:
"Lieber Herr Meyer", flüsternd, "ach, nehmen Sie doch mein
Portemonnaie zu sich bis nachher! Es stört mich beim Umziehn. Ich
habe keine Tasche im Kleid. Gell ja?" Und legte Herrn Meyer
vertraulich die Hand auf die Schulter.
Und Herr Meyer steckte das Portemonnaie zu sich, ohne viel Worte zu
machen, und wischte die schweißenden Tasten ab.
"Dank' Ihnen!" sagte Jennymama, "puh, welche Hitze!" und streckte
sich im Korsett, daß das Fischbein knackte, und setzte sich wieder
zur Kasse.
Und Traute stand auf, unauffällig, duckte sich, schlich zu Flametti
und raunte hastig mit fliegenden Augen an ihm empor:
"Man nimmt Geld aus der Kasse!"
"Wer?"
"Jenny!"
"Dann gib acht, wieviel sie nimmt!"
Und Traute fühlte: Triumph!, setzte sich harmlos wieder zur Kasse und
begann ein Verlegenheitsspiel mit Amaliens Seidenpintsch.
Jenny fiel auf, daß die nicht von der Stelle wich.
"Zieh' dich um!" rief sie, "die "Nixen" kommen!"
"Ist noch Zeit!" flegelte Traute sich hin, "erst kommt ja noch Engel!"
Kam auch. Mit seiner Ausbrechernummer.
"Sie sehen hier eine Kiste...", rief Flametti auf der Bühne und
klopfte mit einem Hammer eine große quadratische Holzkiste ab. "Aus
solidem Holz", und drehte die Kiste nach allen Seiten. "Stand auf
dem Hofe der Firma Maulig & Kopp bis gestern. Kein Schwindel! Innen
fest, außen fest. Keine Einlagebretter! Keine Vexierwand.--Ich
werde Monsieur Henry (das war Engels Bühnenname) in diese Kiste legen.
..." Engel war bereits gefesselt und in einen Sack eingenäht...
"Ich werde die Kiste verschließen!"... er legte den Deckel drauf...
"Sie selbst, meine Herren", zum Publikum gewandt, "werden die Kiste
vernageln."
Eine Bewegung ging vor sich im Publikum. Mutter Dudlinger kam; spät,
doch sie kam; in Begleitung des ihr ergebenen Herrn Pips, der von
Beruf ein Student war.
Man mußte aufstehen, damit Mutter Dudlinger durchkonnte. Man wurde
gestört, weil droben gerade der interessanteste Teil der Nummer
verhandelt wurde. Man nahm ärgernis, machte Bemerkungen, ward
unwirsch.
"Setzen!" rief man von hinten.
"Ruhe!" rief man von vorne.
Mutter Dudlinger stand eingepfercht in der Mitte, gutmütig lächelnd,
Popoansätze am ganzen Körper, gestützt auf den Regenschirm. Vom
Velvethut nickte die goldene Troddel. Vom Antlitz tropfte die
Anstrengung. Am Korsett stieg ihr der Rock hoch, weil sich der Leib
darunter, von rechts und links eingezwängt, nicht anders zu helfen
wußte.
Warum kam sie auch so spät?
Weil sie zu den Eingeweihten zählte. Weil sie wußte, daß vor halb
zehn Uhr nichts von Belang gegeben wurde, was sie nicht kannte.
"Sie selbst, meine Herren", betonte Flametti mit ingrimmig rollenden
Augen und einem vielsagenden Blick auf den "Frauenverein", von dem
einmal wieder die Störung kam, "sie selbst, meine Herren, haben
Gelegenheit, die Kiste zu prüfen, den Deckel daraufzunageln."
Jenny winkte Mutter Dudlinger zu, unterdrückt, aber deutlich:
"Hierher, Mutter Dudlinger, hier gibt es noch Platz!" und deutete
dabei auf einen freigewordenen Stuhl in der ersten Laube, die an den
Künstlertisch grenzte.
Aber Mutter Dudlinger blieb stehen, lächelnd ob soviel Güte. Mit dem
schwitzenden Zeigefinger lüpfte sie eingegergelt das samtene
Kropfband. Mit dem Regenschirm gab sie Erklärung, sie wolle lieber
an Ort und Stelle warten, bis diese Nummer vorüber sei.
Herr Pips seinerseits versuchte mit plötzlichen, wohlorientierten und
freudige überraschung bekundenden Gesten Jennymama zu bedeuten, der
Herr Krematoriumfritze säße ja ganz in der Nähe, und ihm, dem Herrn
Pips, sei es unverständlich, wie Jennymama bei der langweiligen Kasse
sitzen könne, statt hier, hier, hier bei dem Krematoriumfritze.
Der Herr Krematoriumfritze aber verleugnete völlig jedes Interesse.
Breitknochigen Angesichts saß er finster vor seinem Veltliner,
Zigarre rauchend, und tat, als ob er die Jenny nicht sähe noch sehen
wolle, heimlich doch gar voll schnackelnder Gedanken.
Es ist so schwer, Gefühle bemerkbar zu machen. Am besten, man tut,
als habe man keine, noch irgendwelche Absichten. Möglich auch, daß
sein ingrimmiger Ernst von seinem Beruf herrührte. Wenn man jahraus,
jahrein Leichen verbrennt, kann man nicht ohne weiteres und im
Handumdreh'n das Gehaben finden, das eine Primadonna bestrickt.
Deren in Fleischeslust bebende Schwanenbrust hatte er längst
bemerkt--so mal seitwärts--, und wieviele Fünfliver er in der Tasche
hatte, wußte er auch.
Und Herr Pips wieder seinerseits, der dies mißverstand, suchte Herrn
Naumann--Friedrich Naumann hieß der Herr Krematoriumfritze, genau wie
der deutsche Nationalökonom--diskret auf Jennymama hinzulenken,
ebenfalls mit Gesten. Doch gelang es ihm nicht, ein gegenseitiges
Verständnis zu erzielen.
"Sie sehen", sagte Flametti und stürzte die Kiste, "die Kiste ist
völlig geschlossen."
"Wissen wir schon!" sagte Herr Pips halblaut und winkte ab mit der
flachen Hand.
Die Gäste seiner Umgebung wußten sofort: der gehört zur Familie. Und
dem war auch so. Herr Pips war der erklärte Freund der Artisten,
häufigster Gast Mutter Dudlingers und der Flamettis. Er bezog einen
Monatswechsel von dreihundert Franken.
Es kam, wie es kommen mußte: auch diese Pièce war schließlich zu Ende.
Man machte Platz und Mutter Dudlinger und Herr Pips fanden
Unterkunft in der Rosenlaube, wo sich Herr Pips sofort unbehaglich
fühlte, weil er nicht nach Wunsch Fühlung nehmen konnte.
Das Orchester spielte den Hindenburgmarsch, breit, wuchtig und forsch,
wie es der Denkungsart dieses obersten Heerführers entspricht, als
eben mit ihrem Impresario Miß Ranovalla de Singapore eintrat, ein
siamesisches Gegenstück zu Mutter Dudlinger, schwarz von Gesicht, ein
zinnoberrotes Mäntelchen um die Schultern gehängt, aufgeputzt wie ein
Affe.
Und das Häsliterzett sang soeben das "Schackerl", als wie auf
Verabredung auch Herr Direktor Ferrero erschien, der heute abend
nicht spielte.
Einige Gäste, die zur Bahn mußten, standen auf. So bekam er rasch
Platz, abseits vom Künstlertisch.
"Schackerl, Schackerl trau di net!" gingen Mutter und Tochter singend
mit neckischem Mienenspiel und erhobenem Zeigefinger auf den
unglücklich die Mitte behauptenden Häsli los.
"Trau mi net", erwiderte Herr Häsli ängstlich und sehr verschüchtert,
aber mit einem plötzlichen Aufschauen und Horchen, das unsagbar
drollig wirkte.
"Hoam zu deiner Alten", sangen Mutter und Tochter, indem sie ihn
ausspotteten.
"Dreahn ma lieber weiter no", sangen alle drei und faßten sich bei
den Händen. Die Musik hielt drohend das "no" aus.
"Trink ma no an Kalten!" sank die Musik.
"An Kalten", wiederholte Herr Häsli mit aufleuchtendem Grinsen, und
persiflierte Bauerneleganz.
Die Liebenswürdigkeit seiner Damen war bezaubernd. Sie waren so
recht in ihrem Element. Und Herr Häsli machte also doch "das Kalb".
Die Musik aber--hier begleitete nicht Herr Meyer, sondern das
Orchester--feierte eine Orgie.
Hörner, Piston, Baßklarinett; Tuba, Trommel und Fagott schrieen,
zeterten, kreischten, gröhlten. Die Schallöcher der Trompeten
stachen wie Sternwartenrohre nach allen Seiten gelb in die Luft; sie
spieen Musik. Die Augen der Bläser verdrehten sich und drohten als
blanke Kugeln aus ihren Höhlen zu fallen. Die Disharmonieen
zerfetzten einander. Und Herr Fournier, der für das Ganze
verantwortlich war, gebärdete sich wie ein Wilder.
"Kriagst dei Murrer sowieso..."
"sowieso", nickte Herr Häsli vergelstert. Das ganze Lokal brüllte
mit: "sowieso". Die Damen kreischten auf, weil sie sich in einer
Eigentümlichkeit ihres Idioms erkannt sahen.
"Tu' jetzt drauf vergessen", lenkten Frau Häsli und ihre Tochter ein;
mit ihnen die Musik, die plötzlich zartest und pianissimo wurde.
"Laß dei Alte Alte sei!" johlte die Musik--Herr Häsli improvisierte
ein "Juhu!", das er mit einem Freudensprung begleitete, und schlug
sich auf sein nacktes Tirolerknie-"Die wird di net fressen."
"Net fressen", wiederholte Herr Häsli mit täppischer Sorglosigkeit,
begleitet von der magenerschütternd drohenden Baßtrompete, die wie
der "Murrer" der Alten klang, so daß Herr Häsli entsetzt und mit
offenem Mund nach Herrn Fournier stierte.
Der lächelte. Das Publikum raste. Die Rosenhecken wackelten. Einem
Herrn fiel der Kneifer herunter. Der "Totenkopf" streckte die Beine
weit von sich und hielt sich den Leib vor Lachen. Annie bog sich vor
Lachen wiehernd auf die Seite zu ihrem Kavalier, daß sich die Köpfe
berührten.
"Hoh, hoh!" brüllte die "Galerie".
Flametti allein schmunzelte nur.
Und jetzt begann der Jodler:
"Hollo dero hi, hollo dero....", schnackelten, klatschten und
plattelten die drei auf der Bühne. Es war überwältigend. So ein
Erfolg war noch nicht. Unerhört! Festrausch verbreitete sich. Das
war Stimmung!
"Jesses, Jenny!" rief Fräulein Amalie voller Entzücken und doch
kopfschüttelnd, "Trau mi net": wie er das singt! Wie er das singt!"
"Kassieren!" rief Jenny.
Rosa, Güssy und die Soubrette rannten mit den Muscheln.
"Los, kassieren!" schrie Jenny auch Fräulein Traute zu, die noch
immer am Tische saß und nicht von der Kasse wich.
Fräulein Amalie nahm die Gelegenheit der Pause wahr, einmal
hinauszugehen. Frau Schnepfe stand auf, um die Häslis und Flametti
zu beglückwünschen.
"Gehen Sie doch selbst kassieren!" antwortete Traute gereizt, aber
schlicht.
"Gehst du kassieren oder nicht?" drohte Jenny unterdrückt, um keinen
Skandal zu machen.
"Ich habe hier aufzupassen!" antwortete Traute.
"Was hast du hier?"
"Aufzupassen", sagte Traute. "Sie nehmen Geld aus der Kasse."
"Was tu' ich, Lumpenmensch?" knirschte Jenny und packte Traute trotz
Publikum und Konzert über den Tisch beim Kragen.
"Lassen Sie mich los!" rief Traute. "Ich habe den Auftrag,
aufzupassen. Ich habe gesehen, wie Sie dem Pianisten Geld zusteckten.
Ich kann aber jetzt auch gehen, wenn Sie wollen. Ich habe keine
Lust, mich von Ihnen mißhandeln zu lassen. Sie werden das weitere
sehen. Sie sind abgesetzt. Sie machen für uns die Kassiererin
solange, bis wir uns eine andere nehmen."
"Max!" rief Jenny und fegte hinter die Bühne, "Max!" ganz hysterisch.
Das war ihr zuviel!
Man wurde aufmerksam, reckte die Hälse. Traute zuckte die Achseln,
mitleidig, und schnickte mit dem Kopfe.
Da spürte Jenny eine Hand auf ihrer Schulter und drehte sich um. Der
Freund aus Baden stand hinter ihr.
Auch er war gekommen, soeben, hatten den Steifen noch auf dem Kopf,
den Regenschirm hängend am Arm. Schnurrbart kurz aufgekräuselt.
Paletot zugeknöpft, Teilhaber der Firma Seidel & Sohn, Wäsche engros.
"Na, was gibt es denn, Jenny?" fragte er ruhig, begütigend.
"Ah, guten Abend!" faßte sie sich, "nichts weiter."
"Setz' dich doch her!" sprach er ihr zu, hing Paletot, Hut und Schirm
an den Haken, und setzte sich, seinen Smoking glättend, zum
Künstlertisch.
"Nichts, nichts!" versicherte Jenny.
"Na, siehst du!" meinte Herr Seidel, stolz auf die Suggestion, die
auszuüben er sich befähigt fühlte.
Traute ging selbstgefällig in die Garderobe. Sie hatte es ihr
gegeben, dieser Bordelldame.
Flametti kam und fragte ein wenig unsicher:
"Was gibt's?" und begrüßte Herrn Seidel. Frau Häsli saß bei Direktor
Ferrero.
"Siehst du dort?" zeigte Jenny auf das verhandelnde Paar.
"Meinetwegen!" zuckte Flametti die Achseln. "Wer kassiert?"
"Rosa, Güssy und die Soubrette."
"Wo ist die Traute?"
"In der Garderobe."
"Gut!" sagte Flametti, sehr in Gedanken, und setzte sich, aufgedunsen
und abgehetzt, an Donna Maria Josefas Tisch.
"Das ist ja fabelhaft!" glückwünschte Herr Farolyi, der Kunstreiter,
und schob Flametti einen Kognak hin. "Na, ihr habt euch ordentlich
rausgemacht!"
"Jo!" meinte Flametti wegwerfend, stürzte den Kognak, stand auf und
begrüßte Miß Ranovalla.
Das Lokal war jetzt überfüllt. Wenn das Orchester spielte, verstand
man sein eigenes Wort nicht mehr.
Herr Arista war ganz vergebens bemüht, sich Geltung zu verschaffen.
"Nur immer raus damit, nur immer raus damit!" sang er in hohem
Diskant. Ein Schleppkleid trug er, reichlich mit Spitzen besetzt.
Seine Allüren waren von jener holzigen Grazie alttoskanischer
Edelfrauen.
Aber man hörte ihn nicht. Vergebens kämpfte er gegen das laute
Interesse der animierten Habitués. Man sah nur die Gesten, die zu
besagen schienen, daß er sich übergeben wolle. Man fand es dégoutant.
So sehr Dandy war man schon, daß man die Aristokratie im großen und
ganzen gelten ließ. Es bedurfte so peinlicher Hinweise auf deren
Materialismus nicht, um ihn abzulehnen.
Es war indessen ein Mißverständnis. Die Gesten des Herrn Arista
bezogen sich auf seinen Busen, ganz und gar nur auf seinen Busen, von
dem das Couplet von A bis Z handelte. Damen, Damen, Damen stellte er
dar. Aber eben: man verstand ihn nicht.
Herr Pips gab die Anschauung von sich, ein Damenimitator überhaupt
sei ihm widerlich. "Nicht Fisch, nicht Fleisch."
"Komm doch mit mir, mein Auto steht draußen!" arbeitete Herr Seidel
von der Firma Seidel & Sohn an Jenny, "mein Auto steht draußen. Du
brauchst nur einzusteigen."
"Umziehen! Indianer!" drängte Flametti vorn bei der Rampe.
"Jetzt kommt's!" sagte Engel zu Annie, einen Moment über ihren Tisch
gebeugt mit aufgestützten Händen und ohne Rücksicht auf den
zigarettenrauchenden Kavalier. "Na, es ist ein Erfolg!"
"Sehen Sie die kleine Soubrette?" sagte Frau Schnepfe zu Mutter
Dudlinger, "wie die kassiert! Die versteht's! Das ist ein Geschäft!"
"Geschäft glänzend!" erwiderte Mutter Dudlinger, ganz verfettet, doch
freundlich sympathisierend. Flametti war ja ihr vorzugsweise
begünstigter Protegé.
Der "Totenkopf" und seine Schwester aber standen auf mit zwei
Kavalieren, die etwas wüst aussahen, und verließen ostentativ das
Lokal. Ostentativ bezüglich einiger ihrer Kolleginnen, die denn auch
nicht ermangelten, den Abgang spitz zu glossieren.
"Mba, mba, mba!" dröhnte die Musik.
Und Herr Direktor Farolyi vom Zirkus Donna Maria Josefa, ein
Pferdekenner wie kein zweiter, Flamettis erklärter Freund, kam aus
der Garderobe, steifte sich auf vor der Rampe, klopfte ans Glas und
sprach:
"Meine verehrten Herrschaften! Sie erleben jetzt die Sensation
dieses Abends. Unser Freund Flametti wird Ihnen jetzt seine von St.
Rotter bearbeiteten "Indianer" vorführen. Gestatten Sie mir, mit
kurzen Worten meiner Freude über den wohlgelungenen Abend und meiner
Bewunderung für unsren verehrten Flametti Ausdruck zu verleihen.
"Die Indianer": welche Gefühle durchwandern unsere Brust beim Klang
dieses Wortes! Welche Ahnungen entzücken das Herz! Welche
Hoffnungen und Erinnerungen liegen darin begraben! Der Rausch
unserer Kindheit, die Freude unserer Mannbarkeit! Wer hoffte nicht
selbst, als Indianer die Gefilde unserer Heimat zu durchschweifen.
Wem zuckt die Hand nicht nach Feuerwasser, dem Bowiemesser, nach dem
Skalp unserer Feinde!..."
Die Damen lächelten hold. Die Augen ihrer Freunde blitzten
verständnisinnig, verlegen.
"Wir alle kennen die Namen unserer Unterdrücker. Ich brauche sie
nicht zu nennen...."
Herr Detektiv Steix, der auch von der Partie war, zog sein Notizbuch
heraus und notierte sich etwas.
"Wir alle lieben die Freiheit, die Pferde, den Wigwam, den Kriegspfad.
Das alles sehen Sie in den "Indianern", die unser verehrter Freund
Ihnen jetzt vorführen wird. Sie sehen sogar noch mehr. Rache und
Vergeltung im Jenseits.
Unterdrückt von der brutalen Gewalt der Eindringlinge müssen sich die
Indianer verstecken in Urwald und Sumpf, zwischen Nattern und
Schlangen. Das sind wir, lieber Leser, das sind wir, teure Freundin.
Die Luft unseres stillen Quartiers wird mehr und mehr erfüllt von
den Klagen der Opfer, die sich die Polizei herausgreift. Das Volk
der Indianer geht dem Verfall entgegen.
"Doch dort oben in dem ew'gen Jagdgebiet
Singt der Indianer Volk sein Siegeslied",
und so schließe auch ich mit dem Ausruf:
"Doch dort oben in dem ew'gen Jagdgebiet
Singt der Indianer Volk sein Siegeslied."
In diesem Sinne erhebe ich mein Glas und stoße an auf das Wohl und
Gedeihen, das Glück und Genie unseres einzigartigen Flametti. Er
lebe hoch!"
Herr Farolyi, der Ungar, hatte sein Glas erhoben und leerte es in
einem Zug.
"Flametti, der Häuptling, hoch! Flametti, Flametti!" tobte das
Publikum. Man stampfte und johlte...
Der Vorhang hob sich. Leer war die Bühne, und die "Indianer" fanden
statt.
Erst die Ouvertüre mit den worgelnden Donner--und Blitz-Akkorden.
Dann der Kriegspfad:
"Die Letzten von dem Stamm der Delawaren,
Die Kriegerscharen
Der Delawaren--"
Dann der zweite Vers:
"Wenn man das Letzte uns genommen,
Wenn unsre Besten umgekommen,
Ziehn Falkenaug' und Feuerschein
Zum großen Geist dort oben ein.
Dann heben sich die Roten Brüder
Zu neuem Reich und Glanze wieder,
Und es erreicht das Blaßgesicht
Für seinen Raub ein Strafgericht."
Dann der dritte Vers, den Herrn Farolyi als Ausklang zitiert hatte:
"Und dort oben in dem ew'gen Jagdgebiet
Singt der Indianer Volk sein Siegeslied.
Einmal wieder ziehn wir noch auf Kriegespfad,
Einmal noch, wenn der Tag der Rache naht."
Und die Lichter im Saal waren verdunkelt. Und die Indianer, Flametti,
Jenny, die Soubrette, Fräulein Rosa, Fräulein Güssy und Fräulein
Traute schwenkten die roten Laternchen, in hohem Federschmuck, und
sangen so monoton-klagend, so herzergreifend-verschollen, daß
Fräulein Amalien und Mutter Dudlinger die Tränen in die Augen traten;
daß Herr Meyer plötzlich glaubte, er habe falsch gespielt, und
infolgedessen für einen Moment wirklich daneben griff; daß Engel beim
Vorhang seine Erregung nicht anders mehr bemeistern konnte, als indem
er zitternd eine Zigarette anzündete; und Herr Farolyi, der wieder
bei Donna Maria Josefa saß, ein über das andere Mal ausrief: "Macht
er wirklich hübsch, der Flametti!"
Gewiß hätte jetzt auch Herr Rotter seine Freude gehabt; denn die
Nasen, besonders die Flamettis, waren überraschend gut geklebt. Und
für den dritten Vers hatte sich Max eine so prachtvolle Apotheose
ausgedacht,--er allein stand aufrecht. Die Weiber knieten mit
gesenkten Köpfen und Lanzen um ihn herum. Dann sprangen alle auf,
ganz vor an die Rampe in eine Reihe, und drohten mit geschwungenem
Tomahawk--, daß auch der stumpfeste Batzenbengel solcher Auffassung
Unübertrefflichkeit hätte zusprechen müssen. Besonders die Damen
hielten sich über Erwarten gut.
Es war ein runder, glatter Erfolg.
"Flametti! Flametti! Feuerschein!" schrieen die <Roten Brüder>, als
der Vorhang fiel und sich noch einmal hob.
Herr Farolyi in vehementem Enthusiasmus, ging klatschend bis vor die
Rampe. Donna Maria Josefa winkte mit Flatterhand. Mutter Dudlinger,
die so selbstlos den Fünfzigfrankenschein vorgestreckt hatte,
strahlte ein Strahlen, das über das ganze Lokal hinstrahlte. Miß
Ranovalla de Singapore, speckiges Wunder, stand auf und ließ ihre
beschatteten Augen schweifen. Sie empfand die Exotik dieser
"Indianer" als eine ihr ganz persönlich gewidmete Ovation. Und
Flametti verbeugte sich bärig, lächelnd, mit leuchtenden Jungensaugen,
ob all dem Glück und Erfolg.
Die Musik intonierte, wie auf Verabredung, den Missouristep, von
Engel mit selbstgefertigtem Plakat zu Bewußtsein gebracht. Bobby zog
seinen Sommerpaletot aus und parodierte in glitzernd zur Schau
gestelltem Eidechsenkostüm.
"Flametti! Flametti! Feuerschein raus!" tobte das Publikum immer
noch, und Flametti mußte allein erscheinen. Kühn, leuchtend und groß
stand er inmitten der Bühne, Delaware von Kopf bis zu Fuß, Held
dieses Abends, Würdenträger und Häuptling seines Reviers.
Nach der Kassierung aber kamen die dienstbaren Geister vom "Krokodil"
und Umgebung und räumten mit Hilfe des Publikums die Rosenhecken weg,
soweit sie im Wege waren. Ein anstoßender zweiter Saal wurde
geöffnet. Eine Vermischung des Varieté-Ensembles mit dem Publikum
fand statt: es wurde getanzt.
"Nein, Jenny, was ihr für ein Glück habt!" rief Raffaëla, "ich muß
mich ein bißchen zu euch setzen!" und sah Jenny träumerisch in die
Augen.
"Fräulein Raffaëla", stellte Jenny vor, "Herr Seidel, mein Freund aus
Baden; Fräulein Amalie, Frau Schnepfe."
Und Raffaëla, da Jenny gerade damit beschäftigt war, die Kassierung
nachzuzählen: "Was für ein Glück!"
"Ach, Raffaëla", seufzte Jenny, "wenn du wüßtest!"
"Was macht er denn?" flüsterte Raffaëla.
Und Jenny, unendlich traurig, die Hand am Munde, dann abwinkend:
"Ach, ich will lieber schweigen!"
Herr Seidel aus Baden zwirbelte unternehmend, mit disziplinierter
Eleganz, seinen Schnurrbart. Er stützte die Hand auf den Schenkel.
Der Ellbogen stand weit ab.
"Boston!" rief der Tanzordner und rutschte mit schleifenden Füßen
durch den gebohnerten Saal.
Frau Schnepfe schüttelte den Kopf ob solchen Tumults.
Fräulein Amalie, den Rücken an die Wand gelehnt, streichelte ihren
Zwergpintsch mit der gepflegten Haltung einer Dame, die in der
Hofloge sitzt.
Flametti, noch im Indianerkostüm, ging durch den Saal und quittierte,
mit seiner Stattlichkeit renommierend, die flüssig ihm dargebotenen
Glückwunschbeweise. Man befühlte die Lanze, die Lederhosen, den
Halsschmuck. Auch Herr C. Tipfel von den Sunda-Inseln war da.
"Du poussierst mit Flametti!" warf Bobby der treulosen Traute vor,
mit der er seit Wochen in zünftigem Briefwechsel stand. Sie standen
beim Vorhang. "Ich hab' es gesehen. Er hat dich ans Bein gefaßt,
als du die Treppe hinaufgingst. Ich hab' auch gesehen, wie ihr
getuschelt habt miteinander."
"Dummer Fatzke!" gab Traute zurück, "was bild'st du dir eigentlich
ein? Bist ja zwei Köpfe kleiner als ich! Willst du eine Frau
ernähren!"
"Na, schön!" sagte Bobby und musterte sie von oben bis unten. "Pfui
Teufel!" Er nahm seinen Regenschirm, zog den Paletot an, sagte
"Grüatzi!" und ging in den "Hopfenzwilling".
"Ach, Raffaëla!" sagte Jenny, "du glaubst es ja nicht! Aber wart'
nur ab! Ich werde mich revanchieren!"
Die Soubrette kam an den Tisch.
"Na, Fräulein", sagte Herr Seidel freundlich, "was trinken Sie?"
Die Soubrette zierte sich.
"Einen Eierkognak?"
"He, Fräulein!" hielt er die Kellnerin fest, "einen Eierkognak!"