Und alle bebten und preßten die Schenkel zusammen.
"Menschenskind!" tanzte Engel näher heran und rieb sich verbindlich
die Hände, "ist doch keene Kälte: fünf Grad! Hättest vergangenen
Winter dabei sein sollen!" und hob sich fast in die Luft, so betrieb
er mit beiden Armen gymnastische Packung. "Hauptsache ist: man
kriegt was Warmes in Magen!"
Nun, daran fehlte es nicht. Herr Schnepfe ließ sich nicht lumpen.
Der Kaffee zum Frühstück ließ zwar manches zu wünschen übrig. Die
Blechkanne, in der er serviert wurde, mochte innen ein wenig
verrostet sein. Die Damen erbrachen sich, wenn sie getrunken hatten.
Das konnte jedoch, wie Herr Schnepfe auf Reklamation hin bemerkte,
auch andere Ursachen haben.
Das Mittagessen war einfach tipp topp. "Sauerkraut, Würstel und
Pellkartoffel".--"Gulasch, Bohnen und Rösti".--"Hackfleisch, Erbsen
und Rettichsalat". Jennymama kochte besser; gewiß. Aber man war nun
einmal in der Fremde. Da war es, wie die Verhältnisse lagen, das
beste, den Magen zu heizen.
"Iß!" sagte Laura zu Meyer, "wer weiß, wann man wieder was kriegt!"
Eine kleine Rivalität brach aus zwischen den Zirkusartisten und dem
übrigen Teil des Ensembles, dem "Bruch", wie die Zirkusleute alle
Kollegen nannten, die nicht von Kindesbeinen auf beim Metier waren.
Die Zirkusleute pochten auf ihre Familie, Herkunft, Tradition. Sie
waren exklusiv und sahen den "Bruch" verächtlich an. Herr Leporello
etwa den kleinen Bobby. Beide waren sie Kontorsionisten. Bobby
arbeitete rückwärts, war also Schlangenmensch. Herr Leporello
arbeitete vorwärts, war also Froschmensch. Herr Leporello hatte die
komplizierteren Balancen, den drehbareren Unterleib. Bobby hatte den
besseren Handstand, das biegsamere Rückgrat.
Aber Herr Leporello ästimierte ihn nicht. Herr Leporello war
ausschließlich Artist. Bobby ging im Nebenberuf zeitweilig "auf
Heizerfahrt".
Oder Miß Raffaëla den Engel. Sie verlangte von ihm, daß er Einkäufe
für sie besorge. Sie glaubte, der Bühnenmeister sei hier auch
Stiefelputzer. Aber Engel lehnte es ab, "Kommissionen" zu machen.
"Hab' keine Zeit! Hab' zu studieren! Bin selber Artist!" Und
Flametti bestätigte das, indem er "Monteur" auf Engels Papier
durchstrich und "Artist" drüberschrieb.
Zwei Parteien bildeten sich. Die Partei der Zirkusartisten mit Jenny.
Die "Bruch"--und Apachenpartei mit Flametti.
Flametti waren die Zirkusdamen zuwider. Sie hänselten ihn. Er fand
sie verdorben, aufdringlich, utriert. Sein Herz war bei der andern
Partei, den Gestrandeten, den Gelegenheitskönnern, den Kindern Gottes.
Auch Meyer und Fräulein Laura waren nur herverschlagen ins Varieté.
Und doch--alle Hochachtung!
äußerlich aber tat sich die Rivalität in folgendem kund: Die
Zirkusleute brachten das Geld. Die Bruchleute hatten--den Ofen.
Die Zirkusleute lagen den ganzen Tag in Flamettis geheizter Stube
herum oder im Wirtslokal, wo das Glasdach tropfte, die Ratten liefen,
die Windeln rochen. Sie schürten und hetzten. Sie glaubten, wider
Verdienst schlecht weggekommen zu sein.
Die Bruchleute schlossen sich täglich enger zusammen im Zimmer des
Pianisten, wo zwar die ungefegte Brikettasche Mumien aus ihnen machte,
wo aber der Ofen glühte. Fräulein Laura wusch der Männer
gemeinsamen Kragen, Bobbys Eidechsenkostüm hing glitzernd über der
Wäscheleine. Man saß auf Herrn Meyers entgleistem Rohrplattenkoffer
und sang Schnadahüpfl zur Laute. Man richtete Engel ein Bett her am
Ofen, damit er geborgen war, wenn die Malaria ihn überfiel.
Und Engel erzählte mit traurig schluckender Stimme von Gudrun, der
Baronesse, die ihn geliebt, als er noch Forsteleve in Deutschland war,
beim Grafen von Reiffenstein.
Das Exil dieser Tage erhielt eine Abwechslung dadurch, daß es
plötzlich noch kälter wurde.
Es war jetzt so kalt, daß es wirklich nicht anging, länger zu singen:
"Die Luft ist lau, die Täler prangen lenzesgrün",
wie es in jenem Begrüßungsmarsch hieß, den man im "Krokodil" vor
Rosenlauben gesungen.
Die Damen rieben sich auf der Bühne ganz unverhohlen die Hände vor
Frost. Und wenn der Marsch auch ein heißblütiges Tempo hatte: die
Worte konnten jetzt nicht mehr an gegen den Rauhreif der Wirklichkeit.
Die Varietébesucher: Totengräber, Kirchendiener, Leichenbitter und
Mädchenjäger saßen mit Zapfenschnurrbärten, wenn sie zufällig in die
Peripherie des Saales gerieten, in die Nähe eines der großen Fenster.
Auch der Spitzentanz Raffaëlas verfing nicht mehr. Vergebens suchte
sie mittels Duftigkeit, Sinnenrausch und Beschwingtheit der Schritte
die Illusion eines Maientags aufrechtzuhalten. Ihr Odem wehte wie
Höhenrausch. Ihre Nase karfunkelte.
Man stellte wohl in die Damengarderobe einen Petroleumofen. Aber das
war wie ein Zündholz im Eisschrank.
Es ging nun auch nicht mehr an, daß der Vetter Flamettis, Herr
Graumann, länger mit einem Pappkarton die Gebirgsbewohner der Schweiz
photographierte.
So traf dieser Herr, Herr Graumann, Vetter Flamettis, eines Tags bei
Herrn Schnepfe ein, just in dem Augenblick, als die Generalprobe zum
"Friedhofsdieb" stattfand.
Sehr erstaunt war Herr Graumann, seinen Vetter Flametti in einem
langen, schwarzen Talar zu erblicken, als Richter vor einem Stoß
Aktenmappen. Eine kleine, zierliche Knabengestalt, dem Richterstuhl
gegenüber, schien prozessiert zu werden.
Es handelte sich um einen Friedhof und einen Topf, der gestohlen war;
Blumentopf.
Auf der Mitte der Bühne stand eine vornehme Dame, wohl eine Baronin,
mit Blicken, die halb auf den Richter, halb auf den Knaben gerichtet
waren. Neben ihr krausköpfig ein schmä
Wenn aber Herr Leporello Sonntags seinen komischen Teufelsakt
brachte--er erschien dann als eine infernalische Klatschbase im
Korsett, einen Kamm in der Perücke, das Hemd hing ihm hinten heraus
und der Rock aus Sackleinwand, mit roten Litzen benäht, war ihm zu
kurz--, dann spielte sich in seinen Mienen eine so diabolische
Einfältigkeit ab, daß der Kontrast zwischen seinen gespreizten
Zirkusposen und dem dargestellten Objekt die Zuschauer zu hellem
Grinsen entflammte.
Was Wunder, wenn das Geschäft sich hob? Wenn die Zirkusleute mehr
und mehr in den Vordergrund traten, auch bei der Direktion?
Ein Feldwebel von der St. Gotthard-Festung kam als Konzertbesucher.
Er hatte Urlaub. Die Frau war gestorben. Was der Mann alles
spendierte! Sogar Leckerli brachte er mit, die ersten, die man bei
Schnepfes zu sehen bekam.
Auch zum Zoologischen Garten ging man jetzt und zur Messe. Und zwar
teilte sich hier das Ensemble. Die Zirkusleute gingen mit Jenny zum
"Zoo". Die andern mit Flametti zur "Meß".
Der Basler Zoologische Garten scheint nicht so Üppig bestückt zu sein
wie Hagenbecks Tierpark zu Hamburg. Auch nicht so künstlerisch
interessant arrangiert wie etwa die kunstgewerbliche Menagerie zu
München. Wenigstens wußte der zoologisch interessierte Teil der
Vergnügungspartie nur Unbedeutendes zu berichten.
Jenny war aufgefallen, daß die Strauße im Basler Zoo "echte
Straußfedern" trugen. Lydia klagte, die Papageien hätten erbärmlich
geschrien. Die Ohren gellten ihr jetzt noch davon. Man solle den
Viechern die Hälse abschneiden, statt ihnen die Bälge mit Brot
vollzustopfen. Nur Raffaëla schien einen stärkeren Eindruck gerettet
zu haben.
"Kinder, der Elefant!" schlug sie die Hände zusammen und konnte sich
gar nicht genugtun, "so etwas Schamloses gibt es nicht mehr!"
Giraffen hatten sie nicht gesehen. Auch keine Wildschweine. Einige
Affen. Doch das war alles.
Die Messe war interessanter. Wer mit Flametti ging, fand keine
Enttäuschung.
Erst im Panoptikum: "Der Feuerkessel von Tahure": da platzten die
Bomben! Da staunte das Volk! Da streckten die toten Poilus die
Beine zum Himmel, wie niedergeknallt auf der Hasenjagd!
Dann auf der Rutschbahn: zwei Karossen hintereinander: in der ersten
Flametti und Fräulein Laura. In der zweiten Herr Engel und Meyer.
Wie flog man dahin! Wie flog man daher! Dann beim "Jägersalon":
"Schießen Sie mal, junger Herr!" Und Herr Engel schoß, auf den
Trommler. Und traf ihn; mitten in die Visage. Der rasselte los.
Aber unentgeltlich. Man war ja Artist. Es war eine Freude, zu leben!
Mittlerweile war es nun Winter geworden, ganz unvermerkt, über Nacht,
und man war gezwungen, sich enger zusammenzuschließen. Da gab es
lange Gesichter.
"Jenny, wir haben ja gar keinen Ofen!" reklamierten Lydia und
Raffaëla zugleich.
"Ist doch nicht kalt!" tröstete Jenny, "je, seid ihr verfroren!"
Aber es waren fünf Grad unter Null.
"Eene klappernde Kälte!" meinte Herr Leporello in komischem Baß, mit
hervortretenden Augen, und stellte sich vor den Ofen im Wirtslokal.
"Sie, Leporello! In Mesopotamien Krieg!" verkündete Bobby, der
eifrig die Zeitung studierte.
"Ha ick ja immer jesagt: in Mesopotamien fangen se ooch noch an!"
"Jenny", rief Raffaëla ins Wirtslokal, schnatternd vor Kälte und tief
beleidigt, "das geht so nicht! Ich muß einen Ofen haben! Wo soll
ich denn hin mit dem Kind?"
"Ich kann mir den Ofen doch nicht aus der Haut schneiden!" meinte
Jenny im blauen Schlafrock, am Ofen. "Hier ist es doch warm! Bleibt
doch hier unten im Wirtslokal!"
Das tat man denn auch. Raffaëla, Lydia, Lotte und Lepo blieben im
Wirtslokal. Lepo las seine Kriegsberichte, von morgens bis abends.
Lotte machte die Hosen naß. Lydia und Raffaëla schleppten einher in
den Schlafröcken und beschimpften einander.
Abends aber, während der Vorstellung, saßen die fünf Damen aufgeputzt
um Herrn Schnepfes Dauerbrandofen wie Papageien auf einem Eisenring
um den Dompteur.
"Kinder, nein, ist das eine Kälte!" zitterte Lydia mit erfrorener
Nase und zog ein Gesicht, als sei sie hereingefallen und komme erst
jetzt allmählich dahinter.