Und Flametti nahm den Ausbrecherkönig beiseite und sagte: "Komm' mit!"
Und sie gingen zum Einkauf und brachten zurück: Fünf Bettvorleger
aus getigertem Fell und eine Negerlanze von den Sunda-Inseln, die sie
erstanden hatten bei Herrn C. Tipfel, Antiquariat, wo Briefmarken,
Seesterne und Smaragdkristalle in schillernder Auswahl das
Schaufenster zierten.
Und überhaupt: eine gesteigerte Tätigkeit bemächtigte sich Flamettis.
Leben kam in die Bude.
Niemand außer Jenny und Engel wußte, was die fünf Bettvorleger
sollten. Aber sie waren da und jedermann, der zum Ensemble gehörte,
mußte mit den Händen drübergestrichen und sie für gut befunden haben.
Sie blieben zunächst im Eßzimmer liegen. Sechs Franken neunzig das
Stück. Fünfunddreißig Franken die Partie.
Und Flametti richtete sein Schreibzeug her und nahm den Kapellmeister
beiseite und sagte: "Herr Meyer, morgen nachmittag fünf Uhr:
Soloprobe. C-Dur." Und machte mit zappelnden Wurstelfingern die
Bewegung heftigen Klavierspielens.
Und kaufte sich einen neuen Schlips, ein Franken fünfundsiebzig,
schwarz, beim "Globus".
Und der Herr Coiffeur Voegeli kam zu Besuch, eines Nachmittags, und
man servierte ihm im Schlafzimmer Wein, und Fräulein Rosa mußte ihn
unterhalten, weil Jennymama keine Zeit hatte, sondern roten Biber
einkaufen gehen mußte, um aus den Bettvorlegern durch Aufnähen der
Felle auf den roten Biber Kostüme zu fertigen von wilder, unerhörter
Farbenpracht.
Und Herr Voegeli revanchierte sich für den liebenswürdigen Empfang so
brillant, daß Jennymama in der Lage war, sich einen totschicken
Abendmantel zu kaufen, den sie zu tragen gedachte zur Premiere.
Und siehe da: zwei junge Damen kamen, aus Bern, zu Fuß, eine schöner
als die andre. Das waren Fräulein Güssy und Fräulein Traute.
Fräulein Güssy lang, überlang, so was Langes haben Sie noch nicht
gesehen. Vorne platt wie ein Nudelbrett. Mit langen Zugstiefeln,
großen dunklen Kuhaugen und langen, wehenden Armen: zwanzig Jahre.
Fräulein Traute kräftig, rosenrot, Hakennase. Stets kichernd und
schamrot über den eigenen Busen, der prall und anbötig vorn abstand,
und den sie stets eifrig bedacht war, mit beiden Händen über die
Hüften hinunterzuglätten: achtzehn Jahre.
Und Flametti sah sie an mit einem Auge voll Wohlgefallen beide. Und
all dies Weiberfleisch wurde einquartiert zu Fräulein Rosa, hinter
den Bretterverschlag, zu den Turteltauben; wurde als Lehrkraft
dabehalten, und suchte sogleich mit Eifer sich nützlich zu zeigen.
Und Besuch kam nachmittags: Fräulein Raffaëla, Tänzerin, und Fräulein
Lydia, Tänzerin; beide vom Zirkus. Mit ihrer gemeinschaftlichen
Mutter Donna Maria Josefa.
Donna Maria Josefa war eine sehr preziöse Dame. Sie setzte beide
Hände trommelnd auf die Tischplatte und ließ ihre Augen schweifen,
ohne den Kopf zu bewegen.
Ihre Nase war etwas gerötet von Frost. Ihr Gesicht beherrscht. Ihre
schmalen, behaarten Lippen verbargen ein Gebiß, das mit wahren
Haifischzähnen besetzt war.
Man stellte vorsichtig Kaffee vor sie hin, und die beiden Töchter
setzten sich zu ihrer Seite, je rechts und je links, und sagten:
"Mama, ach Mama! Mama, nimmst du Zucker? Mama, nimmst du Milch?
Mama, nimmst du Zwieback? Mama, nimmst du Honig oder Gelee?"
Und Flametti sagte: "Jaja, Frau Scheideisen!" So hieß Donna Maria
Josefa mit ihrem Privatnamen.
Und Jenny schob ihr in einem fort Zwieback hin und sagte zu den
Töchtern:
"Greif' zu, Raffaëla! Greif' zu, Lydia!" wie zu alten Bekannten.
Und Donna Maria Josefa trommelte mit den Fingern, als säße sie bei
einer Eröffnungs-Gala-Festvorstellung an der Kasse. Und lächelte
gemessen, wenn man höflich war.
Das Ganze aber hatte Flametti, wahrlich nicht Übel, arrangiert und
eingefädelt, um die alte Häsli ein wenig in Schach zu halten, die
Üppiger wurde von Tag zu Tag.
Die saß jetzt auch am Kaffeetisch und platzte vor anerkennender
Bewunderung beim Anblick der Goldknöpfe von Donna Maria Josefas
Blusenbusen.
Es begab sich aber, daß auch zwei Detektivs erschienen, eines
Nachmittags--schon wieder, Kreuzdonnerkeil!--, an die Türe klopften,
ganz sachte, und Flametti zu sprechen wünschten, zwecks einer
Auskunft.
Und er ging hinaus vor die Tür, nahm die Detektivs in die Küche und
verhandelte mit ihnen.
Und eine innere Stimme sagte Flametti: Verdirb dir's nicht! Häng'
sie nicht vors Fenster, sondern mach' Ihnen Vorschläge zur Güte!
Und das tat er auch. Aber es nützte nicht viel. Noch immer wegen
der Quittung.
Und er stieß die Tür auf und kam hereingestürzt in die Stube, schloß
seine Hauptkasse auf, stürzte den Inhalt auf den Eßtisch und schrie
sehr erregt zu den skeptisch nachfolgenden beiden Beamten:
"Was wollt ihr denn? Seid doch vernünftig! Kann ich denn zahlen?
Seht selbst! Habt doch in Teufelsnamen ein wenig Geduld! Da ist
mein Ensemble..."
"Jenny, Rosa, Güssy, Traute!" rief er, und die kamen von rechts und
links, im Unterrock, mit offenen Haaren, mit Lockenschere,
Schuhknöpfer und Seifenhänden...
"Da ist mein Ensemble", rief er, und zerrte die Damen mit langen
Armen zu sich heran, "man arbeitet doch! Man rackert sich ab! Man
studiert, simuliert! Man zahlt seine Steuern, man tut sein
Möglichstes..."
Aber die Beamten blieben trotz allem skeptisch. Und es ist nicht
einmal unwahrscheinlich, daß der Anblick so unterschiedlicher
Frauenspersonen, in Halbtoilette um einen einzigen Mann gruppiert,
ihr Mißtrauen noch bestärkte.
Sie notierten sich etwas und man begab sich zum zweitenmal in die
Küche. Jetzt handelte sich's um den Mechmed.
"Haben Sie einen Türken gekannt: Ali Mechmed Bei?"
"Ja."
"Haben Sie mit ihm in Geschäftsverbindung gestanden?"
"Nein."
"War Ihnen bekannt, daß er mit Kokain, Opium und Haschisch handelte?"
"Ja."
"Nehmen Sie selbst Opium?"
"Nein."
"Haben Sie Kommissionsdienste für ihn übernommen?"
"Nein."
"War Ihnen bekannt oder mutmaßten Sie, daß seine Waren geschmuggelt
waren?"
"Nein."
"Wann haben Sie ihn zuletzt gesehen?" etc.
Flametti gab Antwort auf all' diese Fragen nach bestem Wissen und
Gewissen. Denn er hatte nichts zu verbergen. Aufgeplustert vor Wut
und verlegen wie ein Schuljunge.
Und sie nahmen ihn nicht in Haft. Und wegen der Quittung würde er
eine Vorladung bekommen zwecks Auseinandersetzung seiner
Vermögenslage.
Flametti wurde furchtbar nervös im Lauf dieser Tage. Offenbar: große
Dinge standen bevor. Wichtige Dinge. Geheimnis tut not, wo
Schicksale schweben. Störung ist fernzuhalten.
Noch kannte Flametti von dem neuen Ensemble, das Herr Rotter ihm
zugesagt und bestimmtest versprochen hatte, nicht viel mehr, als daß
die Musik in C-Dur ging; daß es voraussichtlich "Die Delawaren" hieß,
und daß er selbst, Flametti, den Häuptling Feuerschein vorstellen
würde, mit Lanze, Pfeilen und Tomahawk.
Aber gerade die letztere Aussicht, die Rolle des Häuptlings
Feuerschein, die Flametti bevorstand in den Prachtworten, die Herr
Rotter sicherlich für ihn finden würde; im exotischen Aufputz voller
Glut, Farbenpracht und Majestät;--Adlerfedern über den Rücken
hinunter; Sandalen unten, Hakennase oben--veränderte gewissermaßen
Flamettis Gesichtskreis und seine Lebensnuance.
Jetzt erst verstand er, weshalb ihm zuletzt das ganze Ensemble,
Auftreten und Spielen verleidet gewesen; weshalb ihm all' seine
letzten Tableaus so seicht, geistlos und platt erschienen. Schon
diese Titel: "Die Modeweiber", "Die Nixen", "Die Nachtfalter"! Was
konnten sie einem geben? Weiberzeug, süßlicher Schnack. Kitsch,
Bruch.
Widerwillig hatte Flametti sie Abend für Abend im Repertoire geführt.
Löckchen, Gefältel, Plissées, Frou-Frou--: er konnte nicht mehr. Er
empfand einen Brechreiz.
Und die Weiber waren dabei immer aufdringlicher geworden. Was Wunder!
Sie standen im Mittelpunkt.
Dagegen: "Die Delawaren"! Wie das klang! Stierig, männlich, farusch,
imposant! Das war eine Sache. Das schuf Respekt. Da ließ sich was
ahnen!
Flamettis Benehmen wurde, schon jetzt, simpler, beruhigter, breiter.
Seine Energie zäher, verbissen. Sein Selbstgefühl mächtig. Die
Löwenbrust wölbte sich.
Wenn er die Hand auf den Tisch legte, zitterte dieser. Früher hatte
er nicht gezittert. Wo Flametti hingriff, wuchs jetzt kein Gras mehr.
Wen Flametti ansah, zuckte zusammen, erbleichte.
Er ließ, im Geist, seine Freunde Revue passieren und beschloß, zu
lieben und hassen nur noch tödlich. Früher hatte er mit sich reden
lassen.
Er beschloß, alle minderen Qualitäten aus seiner Gepflogenheit
auszumerzen. Beschloß, seine Gastfreundschaft auszudehnen und
selbstverständlicher zu gestalten. Beschloß, mehr zu sitzen, zu
liegen. Weniger Aufregung, mehr Schwere und Weihe.
Seine Leidenschaft für Narkotika und für Alkohol solle befestigt
werden. Opium: sehr gut. Feuerfressen: sehr gut. Das paßte. Und
er beschloß, die Feuernummer von nun an wieder öfter und mit mehr
Finsternis in der Geste zum Vortrag zu bringen.
Nicht soviel Anpassung. Mehr Würde. Magie. Nicht soviel Worte.
Mehr lautlose Tat. Im ganzen: Vereinfachung. Wucht.
Und eines Morgens, als Flametti, in Träume versunken, vor die Tür
seines Wigwams trat, im vollen Waffenschmuck, mit vergifteten Pfeilen;
den Rauch seiner Pfeife blasend nach den vier Windrichtungen: erhob
sich ein solches Gekreische, Gelächter und Girren im Lattenverschlag
bei den Tauben, daß Flametti beschloß, ein Exempel zu statuieren.
Heraus sprang Feuerschein aus dem Bett, im Hemd, mit Bravour, und
hinüber zum Lattenverschlag.
Das Weiberfleisch balgte sich in den Betten.
Drein fuhr Flametti mit derber Hand und lüpfte die Decke.
Es leuchtet der Mond in der Gondelnacht
Blank, blänker, am blänksten.
Und Flametti griff zu und es klatschte.
Und die Lange flüchtete aus dem Bett. Und die Dralle mit dem
geschamigen Busen schrie. Und die, die es traf, Rosa, die Sklavin,
rang die gefalteten Hände, und flehte und sträubte sich fruchtlos
gegen die sehnigen Häuptlingsarme.
Stolz kehrte Flametti zurück, die Brust geschwellt von männlichem
Furor, die Augen gerollt vor strahlender Lust, und sagte zu Jenny,
die neben ihm lag: "Die sollen mich kennenlernen!"
Neueinstudierungen wurden angeordnet unter Jennys Leitung, weil Max
anderweitig beschäftigt war. Alte Kostüme wurden, unter Beteiligung
der Lehrkräfte, repariert und aufgebügelt. Die neuen Kostüme
probiert.
Und auch die Damen Jenny und Laura bekamen jetzt Lanzen, aus
Besenstielen, rundum bemalt, gelb, grün und blau. Oben eine Spitze
aus Goldblech.
Und damit auch das übrige Ensemble nicht müßig ging, hatten Engel und
Bobby Beleuchtungsproben mit bengalischem Rot, wozu sie die Pfanne
und Pulver besorgen mußten.
Herr Arista studierte ein neues Lied:
"Nur immer raus damit, nur immer raus damit!
Wozu haben wir's denn? Na ja!",
was sich auf seinen Busen bezog.
Auch die Häslis hatten für neues Programm zu sorgen und studierten
mit dem Pianisten das interessante Terzett "Schackerl, Schackerl,
trau di net!", das Frau Häsli ausgesucht hatte, an dem sich aber nach
seiner Rückkehr vom Dienst auch Herr Häsli beteiligen sollte.
Es war offensichtlich Flamettis Ehrgeiz, aus der Premiere dieser
"Indianer" einen Festzug zu machen, ein Ruhm--und Gedenkblatt für
sich und das ganze Ensemble.
Wer weiß, was für Intentionen mehr er damit verband, was für
Erbauungen und Hintergedanken! Soviel Sorgfalt wie auf dieses
Ensemble hatte er noch auf keines verwandt. Soviel Aufwand und
Wichtigkeit waren kaum zu erklären.
Ein Plakat ließ Flametti entwerfen von einem ersten Maler der
Fuchsweide. Darauf stand in Majuskeln: "Die Indianer." Abgebildet
war Flametti als Häuptling Feuerschein in vollem Federnaufputz,
Rothaut über und über, mit Ohrringen, Funkelaugen und einer Kette aus
Bärenzähnen.
Darunter aber stand: "Alleiniges Aufführungsrecht: Flamettis
Varieté-Ensemble."
Hinging Max zu Herrn Fournier, dem Vorstand der Eisenbahner-Kapelle,
und fragte ihn, ob er bereit sei, mit fünfzig Mann Blasorchester zur
Stelle zu sein. Und welche Konditionen.
Vorsprach Flametti beim Beizer und legte ihm den Gedanken nahe, um
Freinacht und Tanz einzugeben bei der Polizei, was Herr Schnabel zwar
überrascht, aber bereitwillig versprach. Er hatte ja keine Ahnung.
Und zur festgesetzten Stunde traf Flametti Herrn Rotter im
Terrassencafé.
Der Rotter war elegant wie immer. Er las gerade die "Daily Mail"--ob
er das konnte? Ob das nicht Getue war?--, lud Flametti mit einer
raschen, geschickten Handbewegung ein, Platz zu nehmen, setzte den
Kneifer vor seine lidlosen, entzündeten Augen, rieb sich die Nase und
zückte das Manuskript aus der Mappe.
Flametti bestellte ein Pilsner, und dann befummelten sie die Affäre.
"Also sieh her, Flametti!" sagte Herr Rotter, "das ist der Dreck."
Dabei wog er das Manuskript auf der Hand.
Flametti beugte den Oberkörper herunter aufs Knie und rauchte Zigarre.
"Also es ist so: "Die Delawaren". Du machst den Feuerschein. Die
andern, die Weiber, fünf Stück, machen die Bande. Ausstattung:
Fellkostüme, wie gesagt, Lanze, Tomahawk, Kopfaufputz. Musik: C-Dur.
Beleuchtung: Rot. Einstudieren mußt du's selbst. Hier ist der Text."
Flametti bemerkte sofort, daß Herr Rotter Eile hatte, und beeilte
sich seinerseits, aus der Brusttasche einen Fünfzigfrankenschein in
Bewegung zu setzen, der als Honorar vereinbart und von Mutter
Dudlinger mit riskierender Teilnahme vorgestreckt worden war.
"Hier", sagte Flametti, indem er den Schein auseinanderfaltete,
"jeder Arbeiter ist seines Lohnes wert."
"Ah was, Bagatelle!" sagte Herr Rotter und steckte den Schein
nachlässig in die Rocktasche.
Flametti hatte sofort das Gefühl: "der ist das Einheimsen gewohnt!"
und erinnerte sich jener erstaunlichen Fertigkeit, mit der Herr
Rotter im Germania-Cabaret die Pausen füllte durch Selbstverkauf
seiner "Gesammelten Werke".
Flametti nahm das Ensemble jetzt an sich mit beiden Händen und begann
zu lesen.
"Na, kannst es zuhaus in Ruhe studieren!" meinte Herr Rotter, "es
klappt. Sei versichert!", und intonierte probeweise die erste
Strophe.
Flametti gingen die Augen über vor Bewunderung.
"Die letzten von dem Stamm der Delawaren,
Die Kriegerscharen
Der Delawaren--"
Ausschritten die Rhythmen in gravitätischer Folge.
Flametti fühlte, wie seine Nase schärfer wurde, energischer: eine
Adlernase. Seine Augen kühner, verwegener, sprühend. Er fühlte die
Lanze in seiner Faust. Die Federbüschel liefen ihm kalt über den
Rücken hinunter. Sein Unterkiefer schob sich vor in bestialischer
Vehemenz.
Der Ober, beladen mit einem Pack Zeitungen und einem Cafécrème,
schlängelte sich zwischen den Tischen hindurch und stieß an den Stuhl.
Flametti wäre ihm knapp an die Gurgel gefahren. So schreckte es
ihn aus der Illusion.
"Klappt alles. Unbesorgt!" versicherte Rotter.
"Hören Sie zu", sagte Flametti, "ich hab' ein Plakat machen lassen:
"Die Indianer". Großartig, imposant. Dreißig Franken. Beim
Lemmerle. Kennst ihn doch!"
"Schon gut! Mach' was du willst mit dem Dreck!" sagte Herr Rotter
und drückte den Klemmer fest. "Ist ja nicht mein Beruf. Macht man
so nebenbei."
"Schau", meinte Flametti treuherzig und verlegen, "mich packt's.
Mußt nicht so sprechen. Mir tut's weh. Mich freut's halt. Akkurat
weil du mir die "Indianer" gemacht hast. Siehst du, ich hätte dir
auch einen Hunderter gegeben, wenn du's verlangt hätt'st."
Rotter kraulte sich mit dem Taschentuchzipfel im Nasenloch und sah
über den Kneifer weg Flametti an, als traue er seinen Ohren nicht.
"Wirst mal sehen", meinte der, "wenn die Beleuchtung dazu kommt,
Musik, Reklame, der ganze Klimbim!" Und er versuchte, durch
gleichzeitige Anspannung aller Gesichtsmuskeln, Wackeln der Ohren,
vorgeschobenen Unterkiefer, Hochziehen der Brauen, einen Begriff zu
geben von der Schlagkraft der Dinge, die dann kommen würden.
"Apropos", behielt Rotter sich vor, "bei der Hauptprobe will ich
dabei sein. Damit ich auch sehe, was ihr draus macht."
"Sowieso", beruhigte Flametti. Und um zuverlässig zu beweisen, daß
das Ensemble in guten Händen sei: "Fünfzig Mann Blasorchester!" Und
nahm einen tiefen Schluck Pilsner.
"Das ist alles nichts", meinte Rotter, "wenn ihr den Schick nicht
trefft. Wenn das gewisse Etwas fehlt."
"Es kommt", versicherte Flametti, "da ist das Wort zuviel."
"Na, wollen mal sehen", schloß Rotter und griff nach der Daily Mail,.
Flametti fühlte sich unbehaglich.
"Zahlen!" rief er, "hab's pressant!" und der Kellner kam, und
Flametti reichte Herrn Rotter indianisch die Hand, sagte "Salü!" und
"Merci!" und ging. Ein unerhört despektierliches Wort unterdrückte
er, als er das Lokal verließ.
Zu Hause aber warf er sich aufs Sofa und las. Las mit immer wilderem
Entzücken, immer hellerer Begeisterung. Las das Ensemble von A bis Z,
ertrank darin; ritt, galoppierte, rasselte, tobte; donnerte, blitzte
und fluchte; strahlte und weinte, lachte und staunte.
Setzte sich hin und schrieb mit kalligraphischen Lettern, Silbe klar
an Silbe reihend--er war ja der Sohn eines Lehrers--die Rollen heraus.
Sprechproben wurden angesetzt; Ensembleproben. Die Rollen wurden
verteilt. Persönlich probte Flametti vor dem Spiegel.
Probierte mit den Mädels, teilte Ohrfeigen aus, rannte Köpfe an die
Wand; schrie, brüllte und fluchte.
Konnte gar nicht Worte genug finden, sein Erstaunen über die
Borniertheit dieser Weiber, Jenny und die Soubrette mit
eingeschlossen, kundzugeben.
Es ging denn auch rapid vorwärts. Nach drei Tagen saß schon der Text.
Nach weiteren drei Tagen saßen auch die Bewegungen, Auf--und Umzug
des Ensembles auf der Bühne.
Was hatten die armen Weiber alles für Vorstufen durchzumachen, bis
sie wirkliche, richtige, echte Indianer waren! Kalb, Ochs, Esel,
säbelbeiniges Frauenzimmer, Schmerbauch, Mistvieh, Bauer! Was alles
mußten sie anhören in hartem Ringen um die Kunst!
Und erst die Bewegungen! Bis die saßen! "Links! Links! Links
herum, Stoffel!!!"... "Vor, die Lanzen! Hoch den Tomahawk! Runter
aufs Knie!"... "Um mich herum! Vor mich hin! Ich beschütze euch!"..
. "Apotheose! Verklärung! Verklärte Augen sollst du machen,
Mistvieh damisches!"
Und die Musik, bis die saß! "Hörst du denn nicht?? Sperr' deine
Löffel auf! Wozu hast du denn deine Windfänger! Die Nasenlöcher
kannst du doch auch aufsperren!"... "Den Allerwertesten werd' ich
dir treffen, wenn du nicht aufpassen willst. Himmelherrgottsakrament,
sperr' deine Ohren auf!!!!"
Aber dann ging's auch wie am Schnürchen, nach sechs Tagen, und alle
waren des Lobes voll und bekamen allmählich Geschmack an der Sache
und machten die Bewegungen von selbst; auch bei Tisch, beim
Zubettgehen, beim Morgenkaffee; im Hemd und in Unterkleidern. Sangen,
pfiffen und trällerten die Musik vor sich hin, die Herr Meyer
feinsinnig aufgefaßt hatte und kongenial wiedergab.
Und Flametti studierte solo mit Meyer ein: den Auftritt des
Häuptlings.
Unten in der Musik muß es donnern und blitzen: Brwrr, brwrrrr,
worgeln und tremolieren. Dann muß die rechte Hand höherlaufen.
Feuerschein kommt von links, späht durch das Kulissenfenster der
Bauernstube, drohend, erschrecklich, in hohem, dämonischem
Federnschmuck, mit der Lanze. Kommt dann heraus auf die Bühne,
vorsichtig, schleichend, verfolgt, den Kopf spähend vorgestreckt, die
Halsmuskeln gespannt, den Tomahawk mordbereit. Verschwindet unter
Donner und Blitz der Musik in der Kulisse rechts. Es beginnt das
eigentliche Ensemble. C-Dur. Andante. Mächtig und breit: Auf dem
Kriegspfad:
"Die Letzten von dem Stamm der Delawaren,
Die Kriegerscharen
Der Delawaren..."
Dann haben zu singen die Weiber, mit vorstellender Handbewegung zu
Flametti gewandt:
"Der tapfre Häuptling Feuerschein..."
Und Flametti antwortet mit stolz erhobenem Haupt und gestrafften
Zügen:
"Mit seinen wilden Mägdelein..."
Dann tutti, zum Publikum gewandt mit dargebotener Rechten:
"Entbieten euch die Freundeshand Zum Gruß. Schlagt ein!"
An den Türken dachte Flametti nicht mehr, seit er Indianer geworden
war. Aus dem Opiumhandel war nichts geworden. Desto besser. "Wenn
nicht, dann nicht!" hieß es in einem Couplet der Soubrette.
Dafür hatte Flametti jetzt selbst einen Harem, und gewissenhaft war
er darauf bedacht, seiner Illusion Greifbarkeit zu verleihen.
Einteilte er seinen Wigwam in drei Gemächer.
In der Mitte die Stube wurde das Häuptlingszelt, wo man Beratung
pflog, Botschaften empfing, Mahlzeiten einnahm, Siesta hielt. Das
Schlafzimmer rechts davon ward zum Gemach der obersten Lieblings--und
Hauptfrau. Der Bretterverschlag links Kemenate der Favoritinnen und
Nebenfrauen.
Das ideal in der Mitte gelegene "Hauptgemach" erregte zwar den
heftigen und unverhohlenen Widerspruch der Lieblings--und Hauptfrau,
aber Flametti ließ sich nicht beirren, und bald hatte er es denn auch
dahin gebracht, den Begriff seiner männlichen Würde und überlegenheit
von den Kebsweibern akzeptiert zu sehen. Und es war ein zwar
ungewöhnlicher, aber in seiner Totalität strammer Anblick für Mutter
Dudlinger, eines Tags den Häuptling in vollem Kriegsschmuck zu finden
beim Anprobieren der fertigen Fransenhosen, um ihn herum die
Haupt--und die Nebenfrauen, hockend mit Herstellung kleiner roter
Lämpchen beschäftigt, die dazu bestimmt waren, von den Delawaren auf
dem Kriegspfad an langen Schnüren als Beleuchtungskörper geschwungen
zu werden. Herr Schnabel, der Wirt, hatte sich nämlich das
bengalische Pulver verbeten, des unbändigen Gestanks wegen, den die
beiden Feuerwerker schon auf der Probe damit hervorgebracht hatten.
Solcherlei Zurüstungen konnten der Konkurrenz nicht verborgen bleiben.
Der Neid war grenzenlos. Die Versuche, Flametti das Wasser
abzugraben, gingen ins Lächerliche.
Pfäffer zeigte an:
"Die exzentrische Schwiegermutter oder eine Nacht am Orinoko. Posse
in drei Akten!"
Einen absonderlichen alten Onkel mit Botanisierbüchse und rotem
Regenschirm sollte Fräulein Mary singen, eine zwar nicht mehr
jugendliche, aber sympathische Darstellerin, von der Jenny beruhigt
voraussah, daß sie mit ihren Beinen eines alten Kaleschengauls,
abgewetzt, knollig und dürr, notwendig müsse Fiasko machen.
Ein andrer Direktor begann ebenfalls "Indianer" einzustudieren, die
er "Komantschen" nannte. So daß Flametti sich genötigt sah, unter
das Plakat des Herrn Lemmerle noch setzen zu lassen: "Jede Nachahmung
verboten! Wer die Indianer nachmacht, wird gerichtlich verfolgt!"
Den Vogel aber schoß Ferrero ab. Unter Zuhilfenahme maßloser Reklame
zeigte er an: "Lullu Cruck, König aller Bauchredner! Man lacht,
lacht, lacht!"
"Krampf!" lachte Flametti, "Macht er ja selbst."
Flamettis Selbstgefühl erreichte den Gipfel. Und als eines Tages die
Zusage des Herrn Fournier eintraf wegen der fünfzig Mann Blechmusik;
als Herr Schnabel die Erlaubnis vorzeigte für Freinacht und Tanz; als
endlich die Hauptprobe angesetzt werden konnte, da fand er sogar den
Mut, dem Rotter die Spitze zu bieten. Und das war gut, denn um ein
Haar wäre durch Rotters provozierendes Benehmen noch auf der
Hauptprobe alles gescheitert.
Haltlos ironisch, wie es seiner Gemütsart entsprach, kam Herr Rotter
am Tage der Hauptprobe an in Lackstiefeletten und Streifenhosen, den
Koks keck auf den Kopfwirbel geschoben: Dandy, Genießer und Zyniker.
"Nu man los!" rief er, indem er sich vorn an die Bühne placierte,
Arme und Beine verschränkt, an den Wirtstisch gelehnt.
"Hoch mit die Röcke!" rief er dem vorhangbedienenden Engel zu.
"Wa?" schnodderte er die Kellnerin an, die ihn nach seinen Belieben
fragte.
Flametti verstand nicht, wie sich ein Mensch seinem eigenen
Geisterprodukt gegenüber so heillos frivol benehmen könne. Ihn
schauderte. Doch er versuchte, gute Miene zum bösen Spiel zu machen,
und schwieg.
Als aber der Auftritt kam:
"Die Letzten von dem Stamm der Delawaren"--die selbstverfaßte
Häuptlingsouvertüre unterdrückte Flametti in einer Anwandlung von
Unsicherheit--, als also der Auftritt kam und Herr Rotter in ein
prustendes Gelächter ausbrach, und als infolge der höchlichen Laune
des Herrn Autors auch die fellgegürteten Weiber auf der Bühne
anfingen, die Sache lustig zu finden, da riß Flametti die Geduld.
Auf den Hacken drehte er sich vor Wut wie ein kirrender Hahn. Die
Lanze stieß er auf den Boden, daß das Bauernhaus rechts und die
Renaissancelandschaft im Hintergrund ins Wackeln gerieten. Hochrot
wurde er im Gesicht wie ein Puter. Und er schrie mit drosselnd
erhobenen Händen im Dialekt seiner Heimat über die Rampe hinunter:
"Wellet Se sich nit einen Augenblick auf Ihre vier Buchstaben setzen,
Herr Dichter? Nur einen Augenblick, wenn es gefällig ist! Sie seh'n
doch, daß hier gearbeitet wird."
Der Rotter war ganz überrascht. Das war ja eine unglaubliche
Frechheit von diesem Flametti! Was fiel dem eigentlich ein! Das war
doch die Höhe!
Hoch hob er sein Stöckchen, fitzte es durch die Luft und rief auf die
Bühne hinauf:
"Sie, hören Sie mal: Hab' ich mit Ihnen vielleicht mal die Schweine
gehütet oder hab' ich Ihnen das Ensemble geschrieben? Das
Frauenzimmer dort mit der Gurkennase ist doch unmöglich!"
Das Frauenzimmer mit der Gurkennase war Fräulein Rosa. Und Flametti
sah hin und stand einen Moment lang betroffen.
"Ich hab' das Ensemble doch, Gott verdamm' mich, für Hakennasen und
nicht für Himmelfahrtsnasen gemacht!"
Er schlug mit dem Stöckchen C-Dur an und rief:
"Na, mal weiter!"
Aber Flametti war jetzt die Lust vergangen.
"Lassen Sie das Klavier in Ruh!" schrie er herunter und fuchtelte mit
der Lanze. "Was fällt Ihnen eigentlich ein? Sind Sie hier Direktor
oder ich?"
Herr Rotter jedoch wurde auffallend ruhig, nahm sachte sein Stöckchen
von den Tasten, rückte die Mütze zurecht und sagte:
"Hören Sie mal! Wenn Sie glauben, Sie Botokude, mich für Ihre
fünfzig Franken hier anschreien zu können, dann sind Sie im Irrtum."
"Und Sie", rief Flametti, stellte die Lanze hin und sprang, in vollem
Häuptlingsschmuck, über die Bühne herunter, "machen Sie, daß Sie
rauskommen. Raus! Ich habe genug von Ihnen."
Und da Herr Rotter als Antwort hierfür nur ein spöttisches Grinsen
hatte, die Stirnhaut hochzog, die Ohren bewegte und den Blöden
spielte, packte Flametti den Patron am ärmel und spedierte ihn höchst
persönlich durch das Lokal zum Büfett, wo Herr Schnabel automatisch
und ohne zu fragen sich seiner annahm und ihn im Hinblick auf seine
moralische Zweideutigkeit vor die Türe setzte.
Nachdem der Dichter entfernt war, ging alles glatt. Von vorne, von
vorne, und nochmal von vorne, bis daß es saß.