»Öffne! Es wird dir nichts von ihm geschehen.«
Die Flügel schlugen auf.
Katharina trat ein.
Die um den mächtigen Tisch Versammelten sprangen von den Sitzen.
Verwirrung, Bestürzung in aller Mienen. Nur Menschikoff hatte sich
nicht erhoben. Aber die Hand, die den Stuhlgriff umspannte, zitterte
leicht.
Langsam ließ Katharina ihre Blicke wandern. Auf jedem einzelnen
der Anwesenden blieben sie haften, als wollten sie sich sein Bild
unauslöschlich einprägen.
Ein unbehagliches Gefühl.
Der alte Fürst Dolgorucki schüttelte es am ehesten ab.
»Wir haben uns zusammengefunden, um zum Wohle des Vaterlandes ...«,
begann er unsicher.
»Zu beraten,« schnitt Katharina ihm das Wort ab. »Aber wie ich höre,
seid ihr uneins, meine Kinder. Was der eine wünscht, ist dem andern
entgegen. Die einen möchten mir Vorschriften machen, die andern
erwarten, daß ich welche gebe. Ich werde weder dies tun, noch jenes
dulden. Ich werde ausführen, wozu ich vom Zaren bestellt bin: euch den
Kaiser zu erziehen!«
»Wann hat der Zar dies bestimmt? – Wo? – Sein Testament! Sein
Testament!« schrie es aufgeregt durcheinander.
Katharinas Gestalt wuchs:
»Die Krone, die er mir aufs Haupt gesetzt hat, ist sein Testament!«
Sie sah in der Runde umher und sah in verwirrte, verlegen ausweichende
Gesichter.
Es zuckte um ihren Mund:
»Es ist stickig im Saal. Mich wundert, daß ihr es ertragen mögt, meine
Freunde. Ein frischer Luftzug tut not.«
Sie umging den Tisch.
Der hohe Stuhl, in dem Menschikoff saß, rückte, wie emporgewunden
schoben sich seine breiten Schultern in die Höhe.
Eine Sekunde lang schien es, als wolle er sich Katharina
entgegenstürzen.
Sie standen Auge in Auge.
Es blitzte in den ihren auf: kalt, herrisch. Sie deutete auf das
Fenster:
»Darf ich Durchlaucht um eine Gefälligkeit bitten?«
Menschikoff raffte sich. Mit zusammengebissenen Zähnen schlug er den
Riegel herum und stieß die Fenster auf.
An ihm vorüber beugte sich Katharina hinaus.
Tosend schlugen die Trommler an.
»Alarm?« Repnin fragte mit überkippender Stimme: »Wer hat ...«
»Ich habe den Befehl gegeben!« Buturlin riß seinen Degen aus der
Scheide und hieb die blanke Waffe auf den Tisch: »Im Namen der
Kaiserin, der jeder Vaterlandsfreund gehorcht!«
Niemand wagte eine Erwiderung, denn überwältigender als diese Drohung
stürzte von draußen her der anschwellende Zuruf des Volkes herein:
»Das Mütterchen! Heil unserm Mütterchen Katharina!«
Das entschied.
Menschikoff gab sich einen Ruck: ein Narr, der gegen den Strom zu
schwimmen versucht. – Er trat neben die Umjubelte:
»Es lebe die Kaiserin Katharina!«