Die Heilquellen des waldeckischen Bades Pyrmont waren seit langem
berühmt, aber noch nie hatten sie einen so gewaltigen Zustrom aus aller
Herren Länder gesehen, wie im Sommer des Jahres 1717. Kein Zweifel:
Europa sehnte sich nach Gesundung. Die noch immer nicht beendeten
nordischen Wirren fraßen an seinem Leibe, saugten an seinen Kräften
gleich einem bösen Geschwür, hatten bereits ein Volk nach dem andern in
Mitleidenschaft gezogen und drohten, sich ständig weiter zu verbreiten,
wenn dem Übel nicht Einhalt geboten wurde. Das spürten alle, sogar
die Kabinette der mancherlei Regierungen. Und ihre Vertreter ergriff
ein unbändiger Drang nach Genesung. Wie auf Verabredung fanden sich
allerlei mehr oder minder offizielle Persönlichkeiten in dem kleinen
deutschen Orte zur Kur ein. Sie kamen einzig ihrer Erholung, der
Wiederherstellung ihrer angegriffenen Gesundheit halber, wie man sie
stets aufs neue einander laut versichern hörte, wenn sie sich in
den grasumwachsenen, baumumstandenen Wegen, die sich rings um die
Badehäuser zogen, begegneten. Es war ein Winken und Grüßen hinüber und
herüber, und selbst politische Gegner konnten nicht umhin, hier auf
diesem neutralen Boden, wo jeder seine menschlichen Gebrechen spazieren
führte oder doch behauptete, es zu tun, einige steife Höflichkeiten
zu wechseln. Schon diese gaben geschäftigen Gemütern, die zufällig
zum Augenzeugen geworden waren, jedesmal einen gern benutzten Anlaß,
ihre Kombinationsgabe zu üben und sich in Prophezeiungen über die
künftige Gestaltung der europäischen Lage zu ergehen. Was tat es, daß
ihre Orakelsprüche vielleicht schon eine Stunde darauf von einem noch
Phantasievolleren mit einer neuen packenderen Fassung übertrumpft
wurden? Jedermann war sich darin einig, daß er sich noch nie so
gut unterhalten habe wie in dieser Kurzeit. Sogar der harmloseste
Beobachter konnte sich der allgemeinen Bewegung nicht entziehen,
wenn während der morgendlichen oder mittäglichen Promenade ein
Unterrichteter oder eine Wissende seinen einzig auf genaue Erledigung
der Kurvorschriften gerichteten Schritt hemmte und ihm mit leise
deutenden Augenwinken die Berühmtheiten wies, unter denen er bis
dahin ahnungslos einhergepilgert war. Da erfuhr er, daß der kleine,
gebückt einherschreitende Herr in dem unsauberen grünen Überrock, der
im Gehen die langen Arme wie Windmühlenflügel schlenkerte und dessen
einer Mundwinkel ständig zuckte, der russische Vizekanzler Schafirof
sei, der dank seiner Sprachkenntnisse und seiner Anstelligkeit vom
Markthelfer zu diesem Posten aufgestiegen war. Und der Hagere, Dürre,
der neben ihm ging und den Schritt seiner langen Beine nur mühsam mit
dem kurzen Trippeln des andern vereine, sei der Kanzleirat Ostermann,
die rechte Hand des Zaren beim Abschlusse politischer Verträge. Und
dort – der Wißbegierige mußte sein Gehör schärfen, denn die berichtende
Stimme senkte sich zu Flüsterlauten herab, sprach sie doch von einem
jener Zwischenträger der Politik, die ohne eigentlichen Auftrag oftmals
mächtiger sind als die aller Welt bekannten Minister – dort stand neben
der Gattin des russischen Gesandten im Haag, der Fürstin Kurakin, der
holsteinische Graf Bassewitz.
Schlank, jung und doch die Züge des schmalen feinen Gesichts bereits
ein wenig müde, wie die eines Menschen, dem nichts fremd und der durch
alle Schulen gegangen ist.
Eben schritt an der Gruppe ein älterer, etwas fetter Herr vorüber.
Die raschen, hastig hin- und herhuschenden Augen verschwanden fast
hinter den dicken Wülsten des aufgedunsenen Gesichts. Die mächtige
dunkelfarbige Allongeperücke, unter deren hitzender Last der Kurzatmige
ächzte, hatte sich ein wenig verschoben und ließ brandrotes Borstenhaar
sehen.
Die Fürstin machte eine leise Bemerkung.
Der Graf drehte nachlässig den Kopf. Doch kaum hatte er den langsam
sich Weiterschiebenden erblickt, so fuhr die Rechte nach dem gestielten
Einglas, das zwischen den Falten des Jabots im Ausschnitt der Weste
steckte und hob es, wie um den gehabten Eindruck nachzuprüfen, an das
Auge:
»Er ist es.«
Ein belustigtes Lächeln zuckte um den vollen Mund der Fürstin: »Wollen
wir wetten, Graf, daß, sobald Sie außer Sicht sind, der fromme Herzog
sich an mich heranpirscht, um mir den gleichen Wunsch vorzutragen, den
Sie mir so dringend ans Herz legen?«
Bassewitz krauste ärgerlich die Stirn: »Und werden Sie ihm erfüllen,
was Sie mir abschlagen.«
Die Hand der Fürstin schob sich leicht auf den Arm des Grafen: »Sie
übertreiben, Bester. Ich habe Ihnen nichts abgeschlagen ...«
»Aber Sie haben mir auch nichts zugesagt. –«