XIX.

Die Heilquellen des waldeckischen Bades Pyrmont waren seit langem

berühmt, aber noch nie hatten sie einen so gewaltigen Zustrom aus aller

Herren Länder gesehen, wie im Sommer des Jahres 1717. Kein Zweifel:

Europa sehnte sich nach Gesundung. Die noch immer nicht beendeten

nordischen Wirren fraßen an seinem Leibe, saugten an seinen Kräften

gleich einem bösen Geschwür, hatten bereits ein Volk nach dem andern in

Mitleidenschaft gezogen und drohten, sich ständig weiter zu verbreiten,

wenn dem Übel nicht Einhalt geboten wurde. Das spürten alle, sogar

die Kabinette der mancherlei Regierungen. Und ihre Vertreter ergriff

ein unbändiger Drang nach Genesung. Wie auf Verabredung fanden sich

allerlei mehr oder minder offizielle Persönlichkeiten in dem kleinen

deutschen Orte zur Kur ein. Sie kamen einzig ihrer Erholung, der

Wiederherstellung ihrer angegriffenen Gesundheit halber, wie man sie

stets aufs neue einander laut versichern hörte, wenn sie sich in

den grasumwachsenen, baumumstandenen Wegen, die sich rings um die

Badehäuser zogen, begegneten. Es war ein Winken und Grüßen hinüber und

herüber, und selbst politische Gegner konnten nicht umhin, hier auf

diesem neutralen Boden, wo jeder seine menschlichen Gebrechen spazieren

führte oder doch behauptete, es zu tun, einige steife Höflichkeiten

zu wechseln. Schon diese gaben geschäftigen Gemütern, die zufällig

zum Augenzeugen geworden waren, jedesmal einen gern benutzten Anlaß,

ihre Kombinationsgabe zu üben und sich in Prophezeiungen über die

künftige Gestaltung der europäischen Lage zu ergehen. Was tat es, daß

ihre Orakelsprüche vielleicht schon eine Stunde darauf von einem noch

Phantasievolleren mit einer neuen packenderen Fassung übertrumpft

wurden? Jedermann war sich darin einig, daß er sich noch nie so

gut unterhalten habe wie in dieser Kurzeit. Sogar der harmloseste

Beobachter konnte sich der allgemeinen Bewegung nicht entziehen,

wenn während der morgendlichen oder mittäglichen Promenade ein

Unterrichteter oder eine Wissende seinen einzig auf genaue Erledigung

der Kurvorschriften gerichteten Schritt hemmte und ihm mit leise

deutenden Augenwinken die Berühmtheiten wies, unter denen er bis

dahin ahnungslos einhergepilgert war. Da erfuhr er, daß der kleine,

gebückt einherschreitende Herr in dem unsauberen grünen Überrock, der

im Gehen die langen Arme wie Windmühlenflügel schlenkerte und dessen

einer Mundwinkel ständig zuckte, der russische Vizekanzler Schafirof

sei, der dank seiner Sprachkenntnisse und seiner Anstelligkeit vom

Markthelfer zu diesem Posten aufgestiegen war. Und der Hagere, Dürre,

der neben ihm ging und den Schritt seiner langen Beine nur mühsam mit

dem kurzen Trippeln des andern vereine, sei der Kanzleirat Ostermann,

die rechte Hand des Zaren beim Abschlusse politischer Verträge. Und

dort – der Wißbegierige mußte sein Gehör schärfen, denn die berichtende

Stimme senkte sich zu Flüsterlauten herab, sprach sie doch von einem

jener Zwischenträger der Politik, die ohne eigentlichen Auftrag oftmals

mächtiger sind als die aller Welt bekannten Minister – dort stand neben

der Gattin des russischen Gesandten im Haag, der Fürstin Kurakin, der

holsteinische Graf Bassewitz.

Schlank, jung und doch die Züge des schmalen feinen Gesichts bereits

ein wenig müde, wie die eines Menschen, dem nichts fremd und der durch

alle Schulen gegangen ist.

Eben schritt an der Gruppe ein älterer, etwas fetter Herr vorüber.

Die raschen, hastig hin- und herhuschenden Augen verschwanden fast

hinter den dicken Wülsten des aufgedunsenen Gesichts. Die mächtige

dunkelfarbige Allongeperücke, unter deren hitzender Last der Kurzatmige

ächzte, hatte sich ein wenig verschoben und ließ brandrotes Borstenhaar

sehen.

Die Fürstin machte eine leise Bemerkung.

Der Graf drehte nachlässig den Kopf. Doch kaum hatte er den langsam

sich Weiterschiebenden erblickt, so fuhr die Rechte nach dem gestielten

Einglas, das zwischen den Falten des Jabots im Ausschnitt der Weste

steckte und hob es, wie um den gehabten Eindruck nachzuprüfen, an das

Auge:

»Er ist es.«

Ein belustigtes Lächeln zuckte um den vollen Mund der Fürstin: »Wollen

wir wetten, Graf, daß, sobald Sie außer Sicht sind, der fromme Herzog

sich an mich heranpirscht, um mir den gleichen Wunsch vorzutragen, den

Sie mir so dringend ans Herz legen?«

Bassewitz krauste ärgerlich die Stirn: »Und werden Sie ihm erfüllen,

was Sie mir abschlagen.«

Die Hand der Fürstin schob sich leicht auf den Arm des Grafen: »Sie

übertreiben, Bester. Ich habe Ihnen nichts abgeschlagen ...«

»Aber Sie haben mir auch nichts zugesagt. –«

Ein livländisch Herz: Katharina I. von Russland; geschichtlicher Roman · 第 82 / 98 题