Euphrosyne erpreßte ihren Augen ein paar Tränen, netzte seine Hände:
»Mein armer Herr!«
Alexei weinte laut auf. Weinend glitt er in ihre Arme, weinend sank er
an ihre Brust. –
Ganz unmerklich stieg Euphrosyne von der mitleidsvollen
Beschwichtigerin seines Kummers zur unumschränkten Gebieterin seines
Herzens auf.
Nur einmal wurde ihre Herrschaft schwankend. Nach einem der heimlichen
Besuche in Susdal, die ihm vor Jahren auf Verwendung des Fürsten
Wolchonski der Major Glebof ermöglicht und die er nun, seit seiner
Abwendung von Charlotte wie in Rückkehr zu seinem wahren Dasein wieder
aufgenommen hatte. Von der Mutter kam ihm die Warnung, seiner Gattin
ein ähnliches Schicksal zu bereiten, wie sie es noch erlitt.
»Keiner hat das Recht, über einen andern zu richten. Wir bedürfen alle
der Nachsicht,« mahnte sie.
»Du nicht,« widersprach Alexei und bückte sich über ihre abgezehrten
Finger, sie demütig zu küssen, »du nicht, du heilige Dulderin.«
»Mein Kind,« die Zarin wehrte ängstlich. »Du weißt nichts,« ihre Stimme
erstickte sich zum Murmeln, »von der Gewalt Gottes.«
»Mutter!« Entsetzt starrte der Zarewitsch die sanften, ausgeglichenen
Züge unter der Nonnenhaube an: so war doch Wahrheit, was die Welt von
der Freundschaft der Zarin zu Glebof rannte?
Eudoxia hatte die Hände vors Gesicht geschlagen. Doch nur eine kurze
Weile. Als sie sie sinken ließ, leuchteten ihre Augen, verklärt von
innerer Gewißheit:
»Gott will nicht, daß wir ein ganzes Leben im Dunkel stehen. Soll ich
das Licht löschen, daß er mir in meiner Finsternis angezündet hat? Er
ist mächtiger als ich. Ich unterwerfe mich seiner Gnade.« – –
Die Mutter! Auch die Mutter eine Sünderin! – Gegen diesen Gedanken
empörte sich sein Inneres: trug nicht der die Schuld ihrer Sünde,
der sie eigensüchtig und lieblos von sich gestoßen hatte? Er atmete
schwer: und er, der jenem in keinem glich, in diesem einen hatte er ihm
gleich gehandelt. – Er ließ den Kopf auf die Brust sinken: die Welt
war voller Anfechtungen. Selig, wer sie fliehen durfte, aus eigener
Wahl sich beschränkend. – Ein wehes Lächeln zog sich um den schmalen,
festgeschlossenen Mund: dem Sohne des Zaren war selbst das verwehrt.
Aber nicht das andere – er hob die schlaffen Lider, ein glückliches
Leuchten war in seinen Augen – seine Fehler gut zu machen. Den Reuigen
segnet Gott! –
Für Charlotte ging ein neuer Liebesmorgen auf. Nur zu willig gab sie
sich dem holden Traume, den die stillen, verhaltenen Zärtlichkeiten des
Zarewitsch ihr erweckten, hin. Sie empfand einzig das eine: er kehrte
zu ihr zurück! Sie fragte nicht, sie begehrte nichts, sie war glücklich
ihm zu sein, was sie ihm gewesen war: Freundin, Geliebte, Gattin.
Alles tat sie ihm zu Gefallen, was sie ihm an den Augen absehen konnte.
Alles. Und wurde doch das quälende Gefühl nicht los, daß ihre Hingabe
wertlos blieb ohne das Letzte: die Wandlung ihres Glaubens.
Ein Schauer rüttelte sie, so oft sie daran dachte, und sie mußte oft
daran denken, wenn sie allein waren und wenn er seine großen, dunklen
Augen in heimlichem Erwarten auf sie gerichtet hielt. Sie spürte: in
seiner Seele rang er mit ihr um das Letzte, um diese Schranke vor
dem völligen Einssein. Und sie konnte und konnte es nicht über sich
gewinnen, ihm darin zu Willen zu sein. Es wäre mehr als Hingabe, es
wäre Aufgeben ihrer selbst gewesen. Das vermochte sie nicht.
Sie sprach es aus. Schon zu lange meinte sie geschwiegen zu haben. Es
kam ihr vor, als habe sie bereits damit Hoffnungen genährt, die zu
erfüllen ihr nicht gegeben war. Und sie wollte nicht täuschen. Das
sagte sie ihm: »Könntest du mir noch vertrauen, wenn ich mir untreu
geworden bin? Müßtest du nicht befürchten, daß, wie ich mich verrate
um deinetwillen, ich dich verrate um eines andern willen?« Bittend
neigte sie sich zu ihm.
Er wich zur Seite, blickte mit entsetzensweiten Augen in ihre
unschuldsvollen Züge: trieb sie die Verstellung soweit, daß sie das
Heiligste aufrief, ihn zu betrügen, ihn eine Schuldlosigkeit glauben zu
machen, die ihr nicht anstand? Er erhob sich: mit der offenbaren Lüge
durfte er keine Gemeinschaft halten. – Wortlos schritt er zur Tür, ging
wortlos hinaus.
Was war geschehen? Charlotte fragte es sich verzweifelt. Sie erhielt
nie eine Antwort.
Still trug sie ihr Geschick. Ihres und das des werdenden Lebens, das
unter ihrem Herzen pulste. Sie war einsam, sehr einsam. Wie ein Fluch
lag es auf ihr. Jedermann wich ihr aus. Die einen, weil ihr Gatte sie
mied, die andern, weil der Zar ihr zürnte, daß sie es nicht verstanden
hatte, seinen Absichten gemäß auf ihren Gatten einzuwirken.
Die einzige, die sich weder an das Zürnen des einen, noch an die
verächtliche Abwendung des andern kehrte, war Katharina. Auch in ihr
reifte ein neues Dasein. Mütterlich neigte sich die Mutter der Mutter.
Von ihrer aufrechten Art hätte sie so gern der Prinzessin eingeflößt:
»Gib dich nicht der Schwäche hin,« bat sie, »dein Sohn muß starke
Schultern haben.«
Unmutig warf Charlotte, die in der letzten Zeit viel bettlägerig war,
den Kopf zur Seite: »Ich werde keinen Sohn haben. Ich will keinen
haben,« beharrte sie heftig, »er würde nur dem deinen den Platz
rauben.«
»Mein Sohn?« Um Katharinas Mund lief ein bitteres Zucken. »Mein Leib
hat meinem Wunsche all die Zeit hindurch widerstritten. Mädchen, nur
Mädchen hat er geboren. Warum sollte er jetzt erfüllen, was ich nicht
mehr wünsche. – Nein, ich wünsche es nicht mehr,« sagte sie mit Ingrimm
auf Charlottens erstaunten Blick. »Ich mag keinen siechen Sohn.« Ihre
Rechte preßte sich zornig zur Faust.
Zärtlich drückte Charlotte ihre Stirn gegen die geballte: »Ein
blindwütender Zufall.«
»Zufall, ja,« Katharina richtete sich auf über der Hingestreckten, »es
fiel mir zu. Woher? Wenn ich es wüßte? Ich glaube nicht an ein blindes
Wüten. Hätte es mich einmal getroffen. Aber so. Jahr um Jahr. Anuschka
und Lisenka strotzten vor Gesundheit. Und plötzlich ...« Sie brach ab.
»Es ist ein Verhängnis.«
»Und doch hoffst du –?«
Mit einem mächtigen Atemzuge befreite sich Katharina von den dunklen
Besorgnissen. Ein schönes Lächeln hellte ihre Züge: »Eine Mutter hofft
immer.« Und sich zu Charlotte neigend: »Ich hoffe für dich.« – –
Ihre Hoffnung wurde belohnt. Charlotte genas eines Prinzen. Dr. Hofy,
der Leibarzt Katharinas, leitete auf deren Anordnung die Entbindung. Er
ließ seine Herrin sofort von dem erfreulichen Umstande benachrichtigen.
Obwohl selbst in Erwartung ihrer Niederkunft, eilte Katharina, der
Wöchnerin und dem Neugeborenen ihre Glückwünsche zu überbringen.
Die Prinzessin bedurfte ihrer nicht. Sie war glücklich: sie hatte
Rußland den Erben gegeben, den es von ihr erwartete. Der Zar würde
zufrieden sein. Und unaufhörlich wiederholten die trockenen, rissigen
Lippen der von heftigen Fieberschauern Geschüttelten: »Nun darf ich
heim! Nun darf ich heim!« –
Der Zar war zufrieden. Und seine Freude kannte keine Grenzen, als
zwei Tage darauf seine Gattin ebenfalls einem Sohne das Leben gab.
Zwar hatte er nicht so feste Glieder wie Charlottens, unansehnlich,
die lasche, runzlige Haut von großen, dunklen Flecken bedeckt, lag er
kläglich wimmernd in der Wiege. Doch Peter sah nur, daß es ein Knabe
war. Er riß ihn auf, hob ihn hoch in die Höhe:
»Mein Blut! Mein Fleisch und Blut!«
Das Kind jammerte laut.