Der Zar fuhr auf: »Wer sagt das?«

»Der und jener raunt es. Mir ist es klar. Je mehr du in Not bist, um so

dringender bedarfst du des großen Feldherrn. Er wird sich schon mit dem

Hetman verständigt haben, wo und wie dieser sich von ihm schlagen läßt.

Dem glorreichen Sieger ist es nachher ein leichtes, für den reuigen

Unterlegenen Verzeihung zu erwirken. Mazeppa behält, was er hatte, und

der Fürst erhält zu seinen vielen Titeln einen neuen. Er wird Herzog.

Wonach es ihn schon lange gelüstet. Am Ende,« sie warf es verloren hin,

»gelüstete es ihn nach noch mehr.«

Peters Stirn furchte sich: »Er ist schnell gestiegen, zu schnell ...«

Er brach ab, machte eine wischende Bewegung mit der Hand und begann von

anderem zu sprechen: von seiner Absicht, eine Schule für Ingenieure

in Moskau zu begründen, von der Notwendigkeit, eine Abordnung nach

Deutschland und Holland zu senden, um sich über die Verarbeitung von

Wolle zu unterrichten und von der Anlage neuer Manufakturen.

Die Prinzessin bog den Kopf zur Seite. Sie mußte lächeln: dieser

gespielte Gleichmut mochte einen andern täuschen, sie nicht. –

Sie hatte recht. Die angenommene Maske fiel, sobald Peter allein war.

Am Ende gelüstet es ihn nach noch mehr. Wie ein Stachel hatten sich

diese Worte in sein Hirn gebohrt: des Herzbruders Ehrgeiz war maßlos,

er kannte ihn. Warum sollte er haltmachen vor seinem Throne? Hatte

er ihn nicht selber gelehrt, nichts für unerreichbar zu halten? Aus

dem armen litauischen Adligen, der die Pasteten austrug, mit deren

Bäckerei sich sein Vater in dem fremden Moskau ernährte, hatte er aus

Wohlgefallen an seiner raschen frischen Art seinen Adjutanten, seinen

Kammerherrn gemacht. Freund war er ihm geworden, und er hatte ihn

beschenkt, womit er ihn nur beschenken konnte. Mit seinem Vertrauen

und allen Würden, die er zu vergeben hatte. Er selber stand zurück.

Er war der einfache Unteroffizier, Peter Michailoff, in der ersten

Gesandtschaft, die er in die Hauptstädte Europas gesandt hatte und

in deren Mitte Alexander Menschikoff glänzte. Er baute Rußland eine

Flotte, ihr Admiral war Alexander Menschikoff. Er wollte es so, er

gönnte ihm diesen Kling und Klang von Titeln und Orden, Reichtümern und

Ehren. Er liebte den Glanz an seinen Freunden. Je heller sie strahlten,

um so weniger brauchte er ins Licht zu treten. Den Schein der Macht

ließ er ihnen gern, um so fester hielt er die Macht. Es war keinem zu

raten, daran zu rühren. – Er stützte den Kopf in die Hände und sann

grübelnd vor sich hin: sollte Alexaschka es wagen? –

Der Tag war verblichen. Der trübe Dämmer des Abends ging ins Dunkel

über, und in der Schwärze wuchs und wucherte das Mißtrauen. Schritte

nahten und zogen sich vorsichtig zurück: irgendein Diener, der den

Zaren zu stören fürchtete. – Peter wurde der Unsichtbare zum Späher.

Laute klangen auf und verwehten wieder: Wetterfahnen, die im Winde

knarrten, eigenwillige Türangeln und Fensterriegel, die kreischten,

eine Diele, die ächzte – der Zar hörte daraus geheimnisvolle Signale,

die Lauscher und Spione einander gaben. Mit vorgebeugtem Oberkörper

saß er in dem Sessel, horchte angestrengt in die tiefer und tiefer

werdende Finsternis: waren da nicht Stimmen hinter der Tür? Flüsterte

dort nicht jemand? Wer? Wer? Dem überreizten Ohre wurde jedes Geräusch

zu verräterischer Rede. Was raunte? was wisperte es? Er, ein ungetreuer

Gatte, ein schlechter Vater? Würgend zwängte es ihm die Kehle: war es

Eudoxia, die sich rächen wollte? War es Alexei, der ihn haßte? Bohrend

starrten seine Blicke. In der Düsterkeit ballten sich Schatten. Ihm

war, als schlüge rings um ihn ein heimliches höhnisches Lachen auf.

Verzerrte Larven grinsten. Unter der Perücke sträubten sich ihm

die Haare, kalter Schweiß rann über seine Stirn, die Zähne schlugen

gegeneinander. Er schob sich aus dem Sessel empor: kamen sie nicht?

Streckten sie nicht die kralligen Finger nach ihm, die Bleichen,

Blutlosen, über deren lebendige Leichname er hinweggeschritten war auf

seinem Wege? – Langsam wich er zurück vor dem gespenstischen Drohen.

Er flog wie im Fieber. Aus seinem Blute schlugen die Schauer der Angst

über ihn hin. In seinem Gewissen war keine Gewißheit überwindender

Güte. Bangen nur war und sträfliche Furcht. Bebend lehnte er an der

Tür, tastete nach der Klinke. Sie gab nach. Licht brach herein, warf

den Spuk zurück. Aufatmend stand Peter: was vergangen war, war tot,

seine Stunde war vorüber, es konnte ihm nichts mehr anhaben.

Doch die innere Unruhe ließ sich so leicht nicht beschwichtigen. Ja,

es war, als brächte die Helle sie erst recht zum Gedeihen. Was dem

ersten Schreck nur eine ungeheuerliche Drohung war, die sich vergeltend

aus der Vergangenheit reckte, das wurde dem näheren Betrachten ein

Verhängnis, daran die Zukunft spann.

Er hatte die Depeschen, die Golowkin gebracht hatte, nochmals

vorgenommen und sie sorgfältig mit früheren Meldungen verglichen. Akten

über Akten häuften sich um ihn. Harmlose Berichte erhielten plötzlich

Wichtigkeit, belanglose Bemerkungen rückten in das Licht versteckter

Andeutungen, und mit einem Male fühlte er sich im Mittelpunkte einer

weitgreifenden Verschwörung. Alle hatten daran teil, alle. Mazeppa und

Menschikoff, Eudoxia und Alexei, Karl XII. und August der Starke,

seine Minister und Generäle, der Metropolit nicht minder wie sein

geringster Diener. Jeder wob an dem Netz, darin sein Schicksal sich

verfangen mußte. Keinem konnte, niemandem durfte er trauen.

Niemandem?

Ein warmes Strömen quoll von seinem Herzen auf: Katharina!

Und auf einmal kam ihm sein Spüren und Suchen in den verstaubten

Blättern, sein Grübeln über die einzelnen Wendungen in den Briefen

seiner Residenten und Agenten unsäglich albern vor. Ein paar kräftige

Püffe brachten den Aktenwust um ihn her ins Wanken. Die Arme in die

Seite gestemmt, sah er dem Purzeln der Packen zu, dann drehte er sich

um, griff nach Hut und Mantel und ging hinaus. In die Nacht.

* * * * *

Das Haus der Postmeisterin Fademrecht in der Sloboda lag in tiefem

Schlummer. Nur hinter zwei Fenstern im ersten Stock, die auf den

Garten, der Jausa zu, hinausgingen, flimmerte Licht. Dort hatte der Zar

bald nach der ersten Begegnung seine neue Freundin untergebracht.

Katharina mochte nicht schlafen. Sie hockte in dem breiten,

französischen Bett, die Arme um die Knie geschlungen und das

volle runde Kinn darauf gestützt. Die gelbseidene Steppdecke war

zurückgeschoben, unter dem dünnen Batist des Hemdes lugten die rosigen

Nägel der kleinen Füße hervor. Sie sann vor sich hin. Der Abend hatte

ihr nachdenkliche Nachrichten gebracht, durch die Postmeisterin, die

in der Stadt gewesen war. Es hieß, der Zar habe einen Schlaganfall

erlitten und liege im Sterben. Die alte Frau hatte bedrückt die Hände

gerungen: »Bewahre uns der Himmel, daß es wahr ist. Der Zarewitsch haßt

die Fremden. Besteigt er den Thron, so sind wir keinen Augenblick mehr

unseres Lebens sicher. Die Popen werden schon dafür sorgen, daß wir

alle hängen müssen.«

Der Zarewitsch haßt die Fremden! In Katharinas Augen glimmte es auf:

sie haßte er nicht.

Ihr fiel die Begegnung ein, die sie beim Fürsten Wolchonski mit

ihm gehabt hatte. Ihre erste mit dem Sohne des Zaren. Vor wenigen

Wochen. Scheu, schüchtern war der stille, junge Mensch dem Gewühl

der ausgelassenen Gesellschaft ausgewichen. In eine der tiefen

Fensternischen hatte er sich geflüchtet. Verloren lehnte er dort,

die überschlanken Finger gequält ineinander gewunden. Die überlaute

Lust der andern peinigte ihn. Ein Zug von Ekel stand auf dem schmalen

Gesicht.

Er tat ihr leid. Sie trat zu ihm, und da sie wußte, daß ein religiöses

Gespräch ihm das liebste war, hatte sie ihm von ihrem bevorstehenden

Übertritt zur rechtgläubigen Kirche gesprochen.

Die dünnen, blutleeren Lider des Zarewitsch waren gesenkt geblieben,

aber in die blassen Wangen stieg ein feines Rot der Freude:

»Madame haben einen guten Entschluß gefaßt.« Und nach einer Weile

fragte er, wer ihre Paten seien.

Ihr war die Zeremonie zu wenig wichtig. Sie vollzog sie, weil die

Klugheit es gebot. Die Einzelheiten zu ordnen überließ sie der

Prinzessin Natalie, die ihr den Schritt nahegelegt hatte. Sie erwiderte

daher, daß diese wohl Patin sein würde.

»Wenn ich der zweite Zeuge Ihrer Bekehrung sein dürfte?« Leise, fast

hauchend brachte der Zarewitsch die Bitte vor, während das zarte

Flammen bis in seine Stirn flutete.

»Ew. Zarische Hoheit wollen für mich beten?« Sie hatte sich leicht zu

ihm, den sie etwas überragte, niedergeneigt.

»Meine innigsten Bitten würden die dem Heile gewonnene Seele

begleiten.« Langsam hoben sich seine dunklen Wimpern, und die

schwermütigen, dunklen Augen richteten sich voll auf sie.

Sie hatte ihm die Hand hingestreckt. Zum Dank.

Zögernd hatte er die seine hineingelegt, von Glut übergossen und am

ganzen Leibe zitternd. Eine kalte, feuchtende Hand. –

Katharina haschte mit den Schultern nach den geklöppelten Stegen des

Hemdes, das ihr herabgeglitten war und die volle, weiße Rundung des

Nackens und die festen Brüste freigab: nein, der Zarewitsch haßte sie

nicht. Sie schüttelte die rote Wucht ihrer Haare, daß sie wie ein

Mantel um sie flossen: ihr war nicht bange um ihren Weg. Nur wer sich

selber aufgibt, den gibt das Schicksal auf.

Und wie eine Antwort auf ihre Gedanken klang vom Flusse her, der träge

und schwer am Garten vorbeizog, ein Plätschern durch die Stille.

Katharina hob lauschend den Kopf.

Der Ruderschlag war verstummt.

Wohl ein Fischer, der auf nächtlichen Fang fuhr. – Dennoch war eine

Unruhe in ihr Blut gekommen, die sie nicht länger im Bette litt. Mit

beiden Füßen sprang sie vom Lager: Licht!

Sie begann die Kerzen der venezianischen Girandolen, die zwischen dem

Fenster und zu den Seiten der Tür und des breiten Spiegels hingen, zu

entzünden.

Flamme um Flamme flackte auf, strömte ihren weichen, warmen Schein

über sie hin. Der Spiegel sammelte die helle Flut, und sie drehte sich

berauscht in dem wonnigen Glanz. Jauchzend warf sie die Arme empor.

Doch die Gebärde erstarrte. Alles Blut wich ihr zum Herzen.

In dem funkelnden Glas, das ihr Bild zurückwarf, stand noch ein zweites

Gesicht, düster, verzerrt von Verlangen.

Nur einen Augenblick, dann hatte sie sich wieder:

»Ew. Majestät wählen eine seltsame Stunde zum Besuch.«

Die Kühle ihrer Worte ging an dem Zaren vorüber. Er wollte sprechen. Es

wurden nur losgerissene, stammelnde Laute.

Zauber. Dieses von innen quellende Beben verwandelte Katharina aufs

neue. Die geflissentliche Herbheit fiel von ihr ab:

»Kommt mein Freund auch spät, er ist mir angenehm.«

Ganz Güte und zärtliches Mitgefühl, drängte sie ihn auf einen der

niederen mit chinesischer Seide bezogenen Hocker, saß neben ihm, zu ihm

hingeneigt, daß ihr Haar ihn streifte. Ihre Stimme schmeichelte:

»Hat der Tag dir weh getan?«

Den starken Mann schüttelte es, er brach in die Knie, preßte die Stirn

in ihren Schoß:

»Der Tag und die Nacht.«

Seine Hände verwühlten sich in den Falten ihres Hemdes.

»Jede Stunde mästet sich an mir. In Falschheit und Hinterlist. Herr

nennen sie mich, weil der Schatten meiner Kraft ihre trüben Geschäfte

deckt. Herr!«

»Bin ich's?«

»Was? Was bin ich?«

Die kurze Perücke war ihm in den Nacken gesunken, seine eigenen,

kurzen, straffen Strähnen fielen dunkel in ein totenblasses Antlitz, in

dem nur die Augen weit in brennender Frage glühten.

Sänftigend legten sich Katharinas Finger über die pulsenden Adern an

seinen Schläfen. Eine tröstende Erwiderung wollte über ihre Lippen,

doch die Flut seiner Erregung achtete keines Haltes:

»Bin ich ein Mensch? Ein Mensch schafft, und danach hat er Ruhe. Mich

treibt's. Immerzu. Durch Tag und Nacht. Der Tag raubt mir die Geduld

und die Nacht betrügt mich um den Frieden. Ich kann nicht schlafen.

Nicht schlafen. Nur in Dumpfheit falle ich. Aber in mir bohrt's und

stachelt's. Es. Es. Was ist das Es? Dann muß ich auf, hinaus. Muß

zimmern, hobeln, muß aufs wilde Wasser, muß knuten, knuten.«

Der stöhnende Mund zuckte:

»Und für wen dies alles, für wen?«

Tief beugte sich Katharina über den verzweifelnden Frager. Der feurige

Strom ihrer Haare stürzte über ihn hin, hüllte ihn ein in Duft:

»Für deinen Sohn!«

»Katarinuschka!«

Alle Qual, alle Ungewißheit war ausgelöscht. Beseligt breitete Peter

ihr die Arme entgegen.

Sie sank nicht hinein. Nur ihr Blick tauchte in den seinen, fest,

bewußt, beherrscht.

»Den Erben deines Werkes kann die Geliebte dir nicht schenken, ihn kann

dir nur die Gattin gebären.«

»Du bist es!« Peters Verlangen duldete keine Schranke mehr. In diesem

Augenblicke war er bereit, jede zu überspringen, die ihn von seinem

Ziele trennte.

»Vor aller Welt?«

»Vor aller Welt.« Und in plötzlichem Einfall riß er sein Tagebuch, das

er in dem Aufschlag seines Ärmels ständig mit sich führte, hervor und

warf rasch einige Zeilen auf das Papier.

»Da!« Er fetzte das Blatt heraus: »Hiermit erkläre ich Katharina, die

Trompeterin, für meine Ehefrau und sichere der Nachkommenschaft aus

meiner Verbindung mit ihr alle Rechte ehelicher Geburt zu.« Er las

überstürzt, drängend.

Ohne eine Miene zu verziehen, lauschte Katharina. Sie zählte die Worte,

da sie sie bei ihrer Unkenntnis der Schrift nicht lesen konnte. Es war

eines mehr. Breit stand es unter allen, sicher, mannhaft.

Mit einem lockenden Lächeln sah sie von den Buchstaben auf Peter, von

Peter auf die Buchstaben. Ihr Finger wies: P–e–t–e–r.

Er nickte.

»Peter!« Eine Sekunde lang schloß sie die Lider. Wie überwältigt von

dem Ausblick, der sich ihr eröffnete. Nur eine Sekunde lang. Dann hoben

sich die hellen Wimpern wieder. Ohne Hast nahm sie die Verschreibung

an sich, erhob sich, zog den Knienden mit sich empor. Es war, als

richte sie sich zu ihrer eigentlichen Größe auf.

Ein Zucken der Schulter.

Spitzen und Batist glitt an ihr herab.

In heller Schönheit stand sie in der Helle.

Ihr Kopf sank in den Nacken, ihre Lippen öffneten sich, weich,

zärtlich. Ein süß schluchzender Laut:

»Peter!«

Der Zar lag an ihrer Brust, die glühende Stirn zu ihrem Herzen geneigt:

»Gnädigste Frau!«

Ein livländisch Herz: Katharina I. von Russland; geschichtlicher Roman · 第 48 / 98 题