Die Herrschaft des Zaren wankte. Die Stöße, die Karls Erfolge ihr
versetzt hatten, ermutigten die unzufriedenen Geister, die es an
allen Ecken und Enden des weiten Reiches gab, sich zu regen. An den
Südostgrenzen gärte es schon lange. Die Steuerauflagen waren mit jedem
Jahr drückender, die Anforderungen für den geordneten Kriegsdienst
immer häufiger geworden. Das mißbehagte den halbwilden Stämmen jener
Bezirke. Die altrussische Partei säumte nicht, die Mißstimmung zu
schüren. Sie hoffte, ihre Suppe an diesem Feuer zu kochen. Die neuen
Beamten, die Peter überall an die Stelle der alten setzte, ihre Art,
sich in westlichem Geschmack zu kleiden, ihre geflissentlich zur Schau
getragene Freigeistigkeit verletzte die an den alten Bräuchen und
Sitten hängende Menge. Die Begünstigung der Ausländer, die der Zar
übte, goß Öl in die Flammen. Die beschränkten Gemüter glaubten den
Hetzreden kaum minder beschränkter Popen, daß es mit alledem auf ihre
Rechtgläubigkeit abgesehen sei, daß den gottverdammten Ketzern ihr
Land, ja ihre Frauen zugedacht seien. Diese Heiden, die schauerlichen
Götzendienst trieben, hatten den Zaren behext und völlig in ihren Bann
gezwungen. Mit Entsetzen erzählte einer dem andern von den greulichen
Bildern, die in den Häusern der »Deutschen«, für die ihnen alle Fremden
galten, aufgerichtet wären und die diese Gottesleugner anbeteten. –
Die Allongeperücken der modischen Herren auf den hohen Perückenstöcken
waren die Ursache dieses verhängnisvollen Irrtums. Und immer neue
Nahrung erhielt die einmal entzündete Phantasie der Volksmassen.
Von beamteter Seite wurde den altrussisch Gekleideten das Betreten
der Kirchen verweigert. Der Feldzug gegen die Bärte wurde vom Adel
auf das niedere Volk ausgedehnt. Das schlug dem Fasse den Boden aus.
In Astrachan kam es zu Zusammenrottungen. Mit einer Hetze gegen die
»Deutschen« begann es, und mit der Vertreibung der zarischen Beamten
endete es. Der Aufruhr war fertig. Er breitete sich rasch aus. Wie
ein Flackerfeuer. Sprang von einem Ort zum andern über, bis die ganze
Gegend am Kaspischen Meer in heller Empörung war.
Und nun der Abfall der Ukraine. Der Grund unter den Füßen des Zaren
schien zu schwinden. Was seinen Vorfahren die Strelitzen gewesen, waren
ihm die Kosaken geworden, eine zu jeder Zeit bereite Heeresmacht, seine
gefährlichste Waffe. Jetzt kehrte sie sich gegen ihn.
Peter erhielt die Nachricht mitten in einem Gespräch mit seiner
Stiefschwester Anna Iwanowna.
»Du lügst, Iwan Gawrilowitsch,« herrschte er den Überbringer, den
Leiter der »Behörde für ausländische Gesandte«, wie das auswärtige
Amt zu jener Zeit in Rußland hieß, an: »Der Hetman hat dich wohl zu
schlecht bezahlt?«
Diese Anschuldigung hatte nicht die erwartete Wirkung. Golowkin wurde
weder rot noch blaß. Ohne mit der Wimper zu zucken erklärte er: »Es
lohnt sich nicht, um den Hetman zu lügen, weder für noch gegen ihn. Was
er mir gab, reichte kaum für Tee.«
»Ich kenne Euren Tee,« knirschte der Zar und riß dem Minister die Mappe
mit den Depeschen aus der Hand.
Ein heftiges Blättern, ein rasches Überfliegen der Mitteilungen. Er
wußte genug.
»Wenn ich ihn zu fassen bekomme ...« die Lehne, um die sich seine
Finger gekrallt hatten, splitterte unter ihrem Druck: »Gezücht!« Er
schrie es wild: »Ich habe es genährt! Großgezogen! Groß gemacht!« Die
Erregung fuhr zuckend durch seinen Körper. Blutunterlaufen quollen ihm
die Augen aus den Höhlen.
Golowkin wurde aschfahl vor Angst, mit einer unsicheren Verneigung zog
er sich zurück und drückte zitternd die Tür hinter sich ins Schloß. Der
Zar war viel zu eingenommen von seinem Zorn, um es gewahr zu werden.
Die Prinzessin rümpfte die Nase: Männer! dachte sie, Männer wollen das
sein. Der eine gebärdet sich wie ein eigensinniges Kind, das seine
erste Enttäuschung erlebt, und der andere läuft vor dem Ungebärdigen
davon. Laut sagte sie:
»Was hast du dich, Petruschka? Triff deine Maßnahmen, und die
Schwenkung des Hetmans braucht dich nicht zu schrecken. Sei froh, daß
du es frühzeitig erfährst.«
»Daß er mich verraten konnte.« Peter schüttelte stöhnend die geballten
Fäuste vor sich hin.
»Unsere besten Freunde hassen uns am meisten,« entgegnete die
Prinzessin gelassen, »weil sie am schmerzlichsten unter unseren
Schwächen leiden und am genauesten die Mängel unserer Tugenden kennen.
Wir sind ihnen keine Götter.« Und als der Zar nur ein verbissenes
Schweigen auf ihre Rede hatte, setzte sie hinzu: »Du machst diese
Erfahrung nicht zum ersten Male und wirst sie noch öfter machen
müssen, vielleicht sogar von solchen, die du gleich dir selber hältst.«
Die Zähne des Zaren schlugen gegeneinander. Es war, als schüttle ihn
ein Frost. Gewaltsam zwang er sich zur Ruhe: »Menschikoff?«
»Dein Herzbruder.« Die Prinzessin nickte.
»Du hast Verdacht?« ganz langsam fragte er es. Jede Silbe war schwer
von Drohung.
»Dir wird nicht für den Verdacht genügen,« die Prinzessin hob die
vollen Schultern, »was mir Gewißheit ist. Golowkin war nicht der
einzige, der ein Jahrgehalt von Mazeppa empfing. Auch ...«
»Auch der Fürst. Ich weiß es.«
»Warum schmähst du den einen und schweigst bei dem andern?«
»Der Golowkin«, Peters Miene verzog sich verächtlich, »ist ein
Geizhals, der für sich zusammenscharrt, mein Alexaschka behält nichts.
Das Geld rollt und kommt unter die Leute; so nützt es meinem Lande.«
»Achtung vor dieser Staatskunst.«
»Sie mag nicht gefällig sein. Sie ist klug!«
»Nun, weshalb erbost du dich dann über ihr neuestes Stück? Der Verrat
Mazeppas ist Menschikoffs Werk.«