VII.

Der Zar war dem gräßlichen Schalle nachgeeilt, den der müde Trott der

Gefangenen und das klagende Klirren ihrer Fesseln in den stickigen

Gängen des Kreml wachrief.

Seine Sinne lechzten nach einem starken Rausch. Den gab nicht Wein,

nicht die lärmende Verbrüderung mit den Zechgenossen, selbst das

ungestüme und harte Umfangen einer Frau schenkte ihm den nicht, den

brachte einzig das Gefühl, Herr zu sein über Leben und Tod. Nicht das

durch das Bewußtsein seiner Herrschermacht vermittelte, sondern das

gegenständliche, wo das Dasein eines Menschenwesens von dem Heben

seiner Hand, dem Winken seiner Augen abhing, wo es bei ihm stand, in

freier Laune den ärgsten Schädling zu begnadigen und einen Schuldlosen

qualvoller Marter zu überantworten. In seinen Ohren ballten sich die

Schreie der Gepeinigten, das Stöhnen der Geräderten. Ein funkelnder

Glanz war in seinen Augen:

Blut!

Blut hatte er schmecken müssen von Jugend an. Nie hatte er die Nacht

vergessen, da seine Mutter im Hemd auf bloßen Füßen, ihn im Arm,

durch den Kreml irrte. Brandrot war die Nacht und war voll Qualm und

beizendem Rauch und wüstem, trunkenem Geschrei. Taumelnd gröhlte

sinnberaubte Rachsucht durch die Gassen, brannte und mordete. In

Strömen floß das Blut. Und im Innern hockte die Spinne, die nach

seinem Leben trachtete, auf seidenen Kissen, reckte und dehnte den

weichen, wollüstigen Leib und harrte mit schläfrig blinzelnden Augen

der ersehnten Botschaft. Und dann war doch alles anders gekommen. Den

Streich, der ihm gelten sollte, hatte seiner Mutter Bruder aufgefangen.

Mit gespaltenem Schädel war er zu Boden getaumelt. Kleine weißliche

Flöckchen spritzten auf und blieben auf seinem seidenen Nachtkleid

hängen. Eine funkelnde Schneide war über ihm. Einen Augenblick

lang. Ehe sie sich senken konnte, war sie verschwunden. Irgendeine

starke Faust hatte dazwischen gegriffen. Gewirr und Getümmel folgte.

Wurde ärger und ärger. Gräßlich verzerrte Gesichter wuchsen vor ihm

auf, sanken und hoben sich wieder. Stiere, glotzende Augen, breite

aufgerissene Mäuler, und aus allen quoll ein dickes, klebriges

Rot. Und plötzlich wirbelte dies grausige Bild um. Die weite Halle

der Kirche, in die es gedrängt war, rückte zurück, Freie tat sich

auf, Sterne glimmten vom schwarzblauen Himmel, hastige Fackeln und

Waffengetön liefen zur Seite, Häuser stürzten an ihm vorbei, Höfe und

Plätze rannten unter ihm dahin, ein Tor riß auf, ein dunkler Gang

schluckte ihn ein, spie ihn aus durch ein anderes Tor, hin vor ein

tobendes, johlendes, jubelndes Schreien. Seinen Namen hörte er sich

entgegenschlagen und den seines Bruders Iwan. Er blickte um sich und

gewahrte die kleine verkrümmte Gestalt neben seiner Mutter. Und dann

stand auch er, hielt die scheu verbogenen Finger des Stiefbruders in

seinen geraden festen Händen und horchte auf das nicht endenwollende

Zurufen. Mit einem Male aber wurde er gewahr, daß seine nackten Füße in

Nässe patschten, in einer dunklen, schlüpfrigen Nässe.

Blut.

Und die andere Nacht war in seinem Gedächtnis unverwischt, wo er in

seinem Asyl in Preobraschenskoje, vom Soldaten- und Matrosenspiel müde,

aus dem tiefen, festen Schlaf der Jugend durch die Schreckensnachricht

aufgestört wurde, seine Schwester nahe mit den Strelitzen, ihn

gefangenzunehmen und zu entthronen. Sie und immer wieder sie. Wie er

dem Bette entrann, stürzte er aufs Pferd, jagte durch die Nacht. Zum

Troizka-Kloster. Eine Nacht voll Bangen und verzweifeltem Ringen um

Rettung. Der Morgen entschied gegen Sophie. Die Spinne hatte sich in

ihrem eigenen Netz gefangen. Das Kloster nahm sie auf. Ihrer Helfer und

Gefährten wartete die Folter.

Da hatte Peter die Lust gelernt am Tode. Am Tode der andern. Ihr

jammerndes Zerbrechen, ihr bettelndes Sichbeugen unter seinem

unerbittlichen Willen bestätigte ihm, daß er lebte. Er, er, nicht die

andern, die geplant hatten, ihn zu vernichten, um auf seinem Leibe

ihren Sitz um so fester zu begründen. Jeder von der Qual entpreßte

Laut hatte ihm wie Musik in den Ohren geklungen. Er sang den Triumph

seiner Schlauheit und seiner Gewalt. Er hatte gerädert, gevierteilt,

gefoltert, hatte in Willkür fast Toten das Dasein wieder gelassen, von

Angst Zermürbten eine entwertete Freiheit höhnend geschenkt und hatte

das Ächzen der Gepeinigten, die erquälte Freude der Halbzerstörten

eingesogen gleich der Luft. Leben! Leben, und wenn Hunderttausende ihr

Leben und von ihrem Leben geben mußten für das seine.

Immer ungezügelter kam ihm der Durst. Als die Strelitzen sich für seine

Schwester erhoben, erstickte er ihre Zweifel an seiner Herrschaft durch

Strang und Schwert. Zu Hunderten grinsten die schauerlichen Masken

ihrer Köpfe von den Toren des Kreml, und ihre Leichname verwitterten in

den rostigen Ketten der Galgen, die die Märkte einringten. In Moskau

baumelte der Tod auf jedem freien Platze, den ein paar sich kreuzende

Gassen ließen. Jahre waren seitdem vergangen, und noch hatte das Morden

kein Ende. Wieder und wieder reckten sich aus der Vergangenheit Hände,

die den neuen flügelschlagenden Geist dämpfen wollten in die alte Enge

und das dumpfe Beharren. Und der entbunden in die Weite Stürmende hatte

in sich keine Fessel. Er besaß nicht die Möglichkeit, mit Geduld und

Güte zu überwinden, er vermochte nur rasch und eifernd zu vergelten.

Wie ihm geschehen sollte, tat er den andern. Moskovien mußte sterben,

damit er und sein Rußland lebten.

Hart tönten die Schritte des Zaren durch die schmalen muffigen Gassen,

in denen der Kot schuhhoch sich häufte und Feuchtigkeit und Schimmel

mannshoch an den Häusern hinauffraßen. Hastig eilte er vorwärts. Der

Trupp der Gefangenen war längst außer Hörweite. Das beirrte ihn nicht.

Er kannte ihn und sein Ziel: den Hof des Fürsten Romodanowski, des

andern Zaren.

Dazu hatte er ihn gemacht. Im Scherz. Damals in Preobraschenskoje,

als er noch kein Herrscher war, ihn nur spielte. Einen König von

Preßburg hatte es da gegeben und einen Metropoliten. Preßburg war

die Festung, die sich der Bombardier Peter Michailoff um sein Obdach

mit seinen Genossen geschanzt hatte, vorahnend, daß sie ihm nützlich

sein konnte gegen überraschende Gelüste seiner Schwester-Regentin.

Eine Burg muß einen König haben. Peter bestimmte Feodor Romodanowski

dazu. Zum Metropoliten setzte er seinen ehemaligen Erzieher Sotof

ein. Während der verlumpte und dem Trunke verfallene Sotof in seiner

ständigen Bezechtheit so viel Klarheit hatte, die Satire zu erkennen,

nahm Romodanowski die Sache gewaltig ernst und ließ von ihr auch nicht

ab, als die Tage des Jugendübermutes weit hinter dem Schöpfer seines

Königtums lagen. Eine Schrulle mehr zu den vielen, die er hatte. Peter

wehrte sie ihm nicht. Sie war ihm gelegen. Dieser König von seinen

Gnaden wachte eifrig über seine Würde, aber nicht minder bedacht war er

auf die Wahrung der seines Herrn. Wehe dem, der sich dawider verging.

Der Zar mochte verzeihen, sein Stellvertreter kannte kein Erbarmen.

Tag und Nacht war er bereit, sein furchtbares Amt zu üben. Wie ein

Luchs in seinem Bau saß er finster und verschlossen in seinem Hause und

lauerte auf die Opfer, die des Zaren Zorn ihm zuschickte.

Dieses Haus, plump, ungefüge, aus mächtigen, klobigen Stämmen, das Dach

weit heruntergezogen, von dicken Balken getragen, die in grellbemalte

gräuliche Fratzen ausliefen.

In dem Düster dieses Daches war dicht neben dem Eingang ein erhöhter

Sitz. Dort thronte der Vizezar. Gleich einem Götzenbilde. Hoch, hager,

eisig und eisgrau. Unbewegt. Kaum, daß der Kopf sich wendete, die

Lippen zu einem harten Befehl sich öffneten. Nur die dürren Finger

zuckten auf den knochigen Knien, zogen und zerrten an dem langen Rock,

knitterten dessen zobelverbrämten Saum, zupften rastlos kleine Flocken

aus Pelz und Samt, wirbelten sie ruhelos zwischen den zitternden

Spitzen und ließen sie achtlos entrollen, um gleich darauf dasselbe

Treiben mit erneuter Hast zu beginnen.

Die eingebrachten Strelitzen waren in einer Ecke des Hofes

zusammengedrängt, umringt von den Knechten des Fürsten, die für

das Henkergeschäft ebensogut geschult waren wie für die Wolfs- und

Bärenjagden ihres barbarischen Herrn. Für sie gab es in Ausübung ihres

Amtes kaum eine Überraschung. Sie waren das Schreien und Lamentieren

nicht minder gewohnt als das Fluchen und wütende Aufbegehren.

Mit Griffen, die die jahrelange Übung verrieten, lösten sie den

Verurteilten die Fesseln, teilten sie in Haufen, trieben die einen

hier, die andern dahin, je nachdem ein Wink des Fürsten sie anwies.

Kein Widerstand wurde rege. Dumpf und stumpf ließen die Gefangenen

mit sich geschehen, was über sie beschlossen war. Nur zwei von den

Strelitzen wollten sich durchaus nicht voneinander trennen.

»Zusammen sterben!« forderte der ältere wild.

Und der andere, ein blutjunger, warf die Arme um seinen Beschützer und

hing wie leblos an seinem Halse.

Ein Brüllen brach aus der Kehle des Mannes. Er duckte sich und

schnellte die Last im Arme mit einem mächtigen Schwung über den Kreis

der Knechte hinweg. Mit ein paar Sprüngen gewann er den Eingang. Schon

glaubte er sich gerettet, da hoben sich die beiden zottligen Wächter,

die er vordem nicht gewahrt hatte, mit murrendem Brummen auf ihre

Hinterfüße. Verzweifelt rannten die Blicke des Gestellten in der Runde.

Es gab kein Entrinnen.

Er warf den Kopf in den Nacken und riß mit einer jähen Bewegung

den Knaben, der noch immer ohne Bewegung an seiner Brust lag, an

sich. Würgend umschnürte seine Rechte den schlanken biegsamen Hals.

Sekundenlang öffneten sich zwei große lichtblaue Augen in tödlichem

Erschrecken. Doch wie sie den Freund erkannten, leuchtete ein helles,

dankbares Glänzen in ihnen auf, und ein sanftes Lächeln glättete das

gequälte Zucken des Mundes. Fest, fest preßte die braune Faust den Atem

aus dem jungen Leibe. Ein letztes Bäumen, ein rüttelndes Sinken der

Glieder. Der Liebesdienst war getan. Langsam ließ der Strelitze den

entseelten Körper seines jungen Kameraden zur Erde gleiten.

Ein Brandeisen sauste auf ihn nieder. Zischend bohrte es sich ins

Fleisch. Ein Regen von Knutenhieben folgte.

Der Strelitze schüttelte die Pein von sich ab, wie die raschen

Tropfen eines Sommerregens. Mit zwei Faustschlägen, rechts und links,

verschaffte er sich Raum:

»Gebt Ruhe, Bande, meiner seid ihr sicher.« Und ohne sich um die

andrängenden Knechte zu kümmern, schritt er auf das Rad zu, das unweit

des Sitzes des Fürsten aufgerichtet war.

»An die Arbeit, Bursche!« Der fette gedrungene Sibirier, der auf der

Erde kauernd vor sich hindämmerte, bekam einen festen Puff in die

Magengegend. Heulend fuhr er auf, das schläfrige Gesicht verwandelte

sich böse, die kleinen schlitzigen Augen glimmten tückisch.

»Fang an!« Der Strelitze hatte den Rock abgeworfen: »Der Herr wird

ungeduldig und du mußt es büßen. Brauchst dich aber nicht zu beeilen,

mir die Seele aus dem Leibe zu rädern. Habe ich den Herrn um einen Spaß

gebracht, so mag er ihn an mir doppelt haben. Ihm zu Gefallen werde ich

ein paar Gesichter schneiden, daß er seine Freude daran hat. Also los,«

er warf sich unter das Rad, »mit dem Knochenknacken«.

Der Sibirier fletschte die gelben spitzen Zähne. Doch ehe er noch dem

Befehl nachkommen konnte, schallte es vom Eingang her:

»Hand von dem Mann!«

Der Zar hatte, unbelästigt von seinen alten Bekannten, den Bären, den

Hof betreten und unbemerkt dem Schauspiel beigewohnt. Der Strelitze war

ihm merkwürdig geworden. Und noch einmal tönte es:

»Der Mann ist mein!«

Vom Hochsitz des Fürsten her kam ein leises zähes Knurren. Die grauen

wirren Brauenwülste schoben sich weit in die Höhe.

»Seit wann erläßt du dir den Gruß, Peter Michailoff?«

Bei den belfernden Lauten riß der Zar sich zusammen, sprang mit

gespreizten Beinen vor den Fürsten hin und schwenkte den Dreispitz:

»Ew. Majestät wollen gnädigst meine Verfehlung nachsehen. Ich lege Ew.

Majestät meine untertänigste Huldigung zu Füßen.« Peter verneigte sich,

tief, sehr tief. Einmal, zweimal, dreimal.

Romodanowski murrte etwas Unverständliches, doch der Zar hatte sich,

ohne die Erwiderung auf den nachgeholten Gruß abzuwarten, zu dem

Strelitzen gewendet.

»Braver Kerl, brav!« Er klopfte ihm auf die Schulter: »Sie sollten

dir –« er wies mit der Rechten im Kreis, »den Sohn nicht quälen.«

Ein livländisch Herz: Katharina I. von Russland; geschichtlicher Roman · 第 35 / 98 题