Der Zar war dem gräßlichen Schalle nachgeeilt, den der müde Trott der
Gefangenen und das klagende Klirren ihrer Fesseln in den stickigen
Gängen des Kreml wachrief.
Seine Sinne lechzten nach einem starken Rausch. Den gab nicht Wein,
nicht die lärmende Verbrüderung mit den Zechgenossen, selbst das
ungestüme und harte Umfangen einer Frau schenkte ihm den nicht, den
brachte einzig das Gefühl, Herr zu sein über Leben und Tod. Nicht das
durch das Bewußtsein seiner Herrschermacht vermittelte, sondern das
gegenständliche, wo das Dasein eines Menschenwesens von dem Heben
seiner Hand, dem Winken seiner Augen abhing, wo es bei ihm stand, in
freier Laune den ärgsten Schädling zu begnadigen und einen Schuldlosen
qualvoller Marter zu überantworten. In seinen Ohren ballten sich die
Schreie der Gepeinigten, das Stöhnen der Geräderten. Ein funkelnder
Glanz war in seinen Augen:
Blut!
Blut hatte er schmecken müssen von Jugend an. Nie hatte er die Nacht
vergessen, da seine Mutter im Hemd auf bloßen Füßen, ihn im Arm,
durch den Kreml irrte. Brandrot war die Nacht und war voll Qualm und
beizendem Rauch und wüstem, trunkenem Geschrei. Taumelnd gröhlte
sinnberaubte Rachsucht durch die Gassen, brannte und mordete. In
Strömen floß das Blut. Und im Innern hockte die Spinne, die nach
seinem Leben trachtete, auf seidenen Kissen, reckte und dehnte den
weichen, wollüstigen Leib und harrte mit schläfrig blinzelnden Augen
der ersehnten Botschaft. Und dann war doch alles anders gekommen. Den
Streich, der ihm gelten sollte, hatte seiner Mutter Bruder aufgefangen.
Mit gespaltenem Schädel war er zu Boden getaumelt. Kleine weißliche
Flöckchen spritzten auf und blieben auf seinem seidenen Nachtkleid
hängen. Eine funkelnde Schneide war über ihm. Einen Augenblick
lang. Ehe sie sich senken konnte, war sie verschwunden. Irgendeine
starke Faust hatte dazwischen gegriffen. Gewirr und Getümmel folgte.
Wurde ärger und ärger. Gräßlich verzerrte Gesichter wuchsen vor ihm
auf, sanken und hoben sich wieder. Stiere, glotzende Augen, breite
aufgerissene Mäuler, und aus allen quoll ein dickes, klebriges
Rot. Und plötzlich wirbelte dies grausige Bild um. Die weite Halle
der Kirche, in die es gedrängt war, rückte zurück, Freie tat sich
auf, Sterne glimmten vom schwarzblauen Himmel, hastige Fackeln und
Waffengetön liefen zur Seite, Häuser stürzten an ihm vorbei, Höfe und
Plätze rannten unter ihm dahin, ein Tor riß auf, ein dunkler Gang
schluckte ihn ein, spie ihn aus durch ein anderes Tor, hin vor ein
tobendes, johlendes, jubelndes Schreien. Seinen Namen hörte er sich
entgegenschlagen und den seines Bruders Iwan. Er blickte um sich und
gewahrte die kleine verkrümmte Gestalt neben seiner Mutter. Und dann
stand auch er, hielt die scheu verbogenen Finger des Stiefbruders in
seinen geraden festen Händen und horchte auf das nicht endenwollende
Zurufen. Mit einem Male aber wurde er gewahr, daß seine nackten Füße in
Nässe patschten, in einer dunklen, schlüpfrigen Nässe.
Blut.
Und die andere Nacht war in seinem Gedächtnis unverwischt, wo er in
seinem Asyl in Preobraschenskoje, vom Soldaten- und Matrosenspiel müde,
aus dem tiefen, festen Schlaf der Jugend durch die Schreckensnachricht
aufgestört wurde, seine Schwester nahe mit den Strelitzen, ihn
gefangenzunehmen und zu entthronen. Sie und immer wieder sie. Wie er
dem Bette entrann, stürzte er aufs Pferd, jagte durch die Nacht. Zum
Troizka-Kloster. Eine Nacht voll Bangen und verzweifeltem Ringen um
Rettung. Der Morgen entschied gegen Sophie. Die Spinne hatte sich in
ihrem eigenen Netz gefangen. Das Kloster nahm sie auf. Ihrer Helfer und
Gefährten wartete die Folter.
Da hatte Peter die Lust gelernt am Tode. Am Tode der andern. Ihr
jammerndes Zerbrechen, ihr bettelndes Sichbeugen unter seinem
unerbittlichen Willen bestätigte ihm, daß er lebte. Er, er, nicht die
andern, die geplant hatten, ihn zu vernichten, um auf seinem Leibe
ihren Sitz um so fester zu begründen. Jeder von der Qual entpreßte
Laut hatte ihm wie Musik in den Ohren geklungen. Er sang den Triumph
seiner Schlauheit und seiner Gewalt. Er hatte gerädert, gevierteilt,
gefoltert, hatte in Willkür fast Toten das Dasein wieder gelassen, von
Angst Zermürbten eine entwertete Freiheit höhnend geschenkt und hatte
das Ächzen der Gepeinigten, die erquälte Freude der Halbzerstörten
eingesogen gleich der Luft. Leben! Leben, und wenn Hunderttausende ihr
Leben und von ihrem Leben geben mußten für das seine.
Immer ungezügelter kam ihm der Durst. Als die Strelitzen sich für seine
Schwester erhoben, erstickte er ihre Zweifel an seiner Herrschaft durch
Strang und Schwert. Zu Hunderten grinsten die schauerlichen Masken
ihrer Köpfe von den Toren des Kreml, und ihre Leichname verwitterten in
den rostigen Ketten der Galgen, die die Märkte einringten. In Moskau
baumelte der Tod auf jedem freien Platze, den ein paar sich kreuzende
Gassen ließen. Jahre waren seitdem vergangen, und noch hatte das Morden
kein Ende. Wieder und wieder reckten sich aus der Vergangenheit Hände,
die den neuen flügelschlagenden Geist dämpfen wollten in die alte Enge
und das dumpfe Beharren. Und der entbunden in die Weite Stürmende hatte
in sich keine Fessel. Er besaß nicht die Möglichkeit, mit Geduld und
Güte zu überwinden, er vermochte nur rasch und eifernd zu vergelten.
Wie ihm geschehen sollte, tat er den andern. Moskovien mußte sterben,
damit er und sein Rußland lebten.
Hart tönten die Schritte des Zaren durch die schmalen muffigen Gassen,
in denen der Kot schuhhoch sich häufte und Feuchtigkeit und Schimmel
mannshoch an den Häusern hinauffraßen. Hastig eilte er vorwärts. Der
Trupp der Gefangenen war längst außer Hörweite. Das beirrte ihn nicht.
Er kannte ihn und sein Ziel: den Hof des Fürsten Romodanowski, des
andern Zaren.
Dazu hatte er ihn gemacht. Im Scherz. Damals in Preobraschenskoje,
als er noch kein Herrscher war, ihn nur spielte. Einen König von
Preßburg hatte es da gegeben und einen Metropoliten. Preßburg war
die Festung, die sich der Bombardier Peter Michailoff um sein Obdach
mit seinen Genossen geschanzt hatte, vorahnend, daß sie ihm nützlich
sein konnte gegen überraschende Gelüste seiner Schwester-Regentin.
Eine Burg muß einen König haben. Peter bestimmte Feodor Romodanowski
dazu. Zum Metropoliten setzte er seinen ehemaligen Erzieher Sotof
ein. Während der verlumpte und dem Trunke verfallene Sotof in seiner
ständigen Bezechtheit so viel Klarheit hatte, die Satire zu erkennen,
nahm Romodanowski die Sache gewaltig ernst und ließ von ihr auch nicht
ab, als die Tage des Jugendübermutes weit hinter dem Schöpfer seines
Königtums lagen. Eine Schrulle mehr zu den vielen, die er hatte. Peter
wehrte sie ihm nicht. Sie war ihm gelegen. Dieser König von seinen
Gnaden wachte eifrig über seine Würde, aber nicht minder bedacht war er
auf die Wahrung der seines Herrn. Wehe dem, der sich dawider verging.
Der Zar mochte verzeihen, sein Stellvertreter kannte kein Erbarmen.
Tag und Nacht war er bereit, sein furchtbares Amt zu üben. Wie ein
Luchs in seinem Bau saß er finster und verschlossen in seinem Hause und
lauerte auf die Opfer, die des Zaren Zorn ihm zuschickte.
Dieses Haus, plump, ungefüge, aus mächtigen, klobigen Stämmen, das Dach
weit heruntergezogen, von dicken Balken getragen, die in grellbemalte
gräuliche Fratzen ausliefen.
In dem Düster dieses Daches war dicht neben dem Eingang ein erhöhter
Sitz. Dort thronte der Vizezar. Gleich einem Götzenbilde. Hoch, hager,
eisig und eisgrau. Unbewegt. Kaum, daß der Kopf sich wendete, die
Lippen zu einem harten Befehl sich öffneten. Nur die dürren Finger
zuckten auf den knochigen Knien, zogen und zerrten an dem langen Rock,
knitterten dessen zobelverbrämten Saum, zupften rastlos kleine Flocken
aus Pelz und Samt, wirbelten sie ruhelos zwischen den zitternden
Spitzen und ließen sie achtlos entrollen, um gleich darauf dasselbe
Treiben mit erneuter Hast zu beginnen.
Die eingebrachten Strelitzen waren in einer Ecke des Hofes
zusammengedrängt, umringt von den Knechten des Fürsten, die für
das Henkergeschäft ebensogut geschult waren wie für die Wolfs- und
Bärenjagden ihres barbarischen Herrn. Für sie gab es in Ausübung ihres
Amtes kaum eine Überraschung. Sie waren das Schreien und Lamentieren
nicht minder gewohnt als das Fluchen und wütende Aufbegehren.
Mit Griffen, die die jahrelange Übung verrieten, lösten sie den
Verurteilten die Fesseln, teilten sie in Haufen, trieben die einen
hier, die andern dahin, je nachdem ein Wink des Fürsten sie anwies.
Kein Widerstand wurde rege. Dumpf und stumpf ließen die Gefangenen
mit sich geschehen, was über sie beschlossen war. Nur zwei von den
Strelitzen wollten sich durchaus nicht voneinander trennen.
»Zusammen sterben!« forderte der ältere wild.
Und der andere, ein blutjunger, warf die Arme um seinen Beschützer und
hing wie leblos an seinem Halse.
Ein Brüllen brach aus der Kehle des Mannes. Er duckte sich und
schnellte die Last im Arme mit einem mächtigen Schwung über den Kreis
der Knechte hinweg. Mit ein paar Sprüngen gewann er den Eingang. Schon
glaubte er sich gerettet, da hoben sich die beiden zottligen Wächter,
die er vordem nicht gewahrt hatte, mit murrendem Brummen auf ihre
Hinterfüße. Verzweifelt rannten die Blicke des Gestellten in der Runde.
Es gab kein Entrinnen.
Er warf den Kopf in den Nacken und riß mit einer jähen Bewegung
den Knaben, der noch immer ohne Bewegung an seiner Brust lag, an
sich. Würgend umschnürte seine Rechte den schlanken biegsamen Hals.
Sekundenlang öffneten sich zwei große lichtblaue Augen in tödlichem
Erschrecken. Doch wie sie den Freund erkannten, leuchtete ein helles,
dankbares Glänzen in ihnen auf, und ein sanftes Lächeln glättete das
gequälte Zucken des Mundes. Fest, fest preßte die braune Faust den Atem
aus dem jungen Leibe. Ein letztes Bäumen, ein rüttelndes Sinken der
Glieder. Der Liebesdienst war getan. Langsam ließ der Strelitze den
entseelten Körper seines jungen Kameraden zur Erde gleiten.
Ein Brandeisen sauste auf ihn nieder. Zischend bohrte es sich ins
Fleisch. Ein Regen von Knutenhieben folgte.
Der Strelitze schüttelte die Pein von sich ab, wie die raschen
Tropfen eines Sommerregens. Mit zwei Faustschlägen, rechts und links,
verschaffte er sich Raum:
»Gebt Ruhe, Bande, meiner seid ihr sicher.« Und ohne sich um die
andrängenden Knechte zu kümmern, schritt er auf das Rad zu, das unweit
des Sitzes des Fürsten aufgerichtet war.
»An die Arbeit, Bursche!« Der fette gedrungene Sibirier, der auf der
Erde kauernd vor sich hindämmerte, bekam einen festen Puff in die
Magengegend. Heulend fuhr er auf, das schläfrige Gesicht verwandelte
sich böse, die kleinen schlitzigen Augen glimmten tückisch.
»Fang an!« Der Strelitze hatte den Rock abgeworfen: »Der Herr wird
ungeduldig und du mußt es büßen. Brauchst dich aber nicht zu beeilen,
mir die Seele aus dem Leibe zu rädern. Habe ich den Herrn um einen Spaß
gebracht, so mag er ihn an mir doppelt haben. Ihm zu Gefallen werde ich
ein paar Gesichter schneiden, daß er seine Freude daran hat. Also los,«
er warf sich unter das Rad, »mit dem Knochenknacken«.
Der Sibirier fletschte die gelben spitzen Zähne. Doch ehe er noch dem
Befehl nachkommen konnte, schallte es vom Eingang her:
»Hand von dem Mann!«
Der Zar hatte, unbelästigt von seinen alten Bekannten, den Bären, den
Hof betreten und unbemerkt dem Schauspiel beigewohnt. Der Strelitze war
ihm merkwürdig geworden. Und noch einmal tönte es:
»Der Mann ist mein!«
Vom Hochsitz des Fürsten her kam ein leises zähes Knurren. Die grauen
wirren Brauenwülste schoben sich weit in die Höhe.
»Seit wann erläßt du dir den Gruß, Peter Michailoff?«
Bei den belfernden Lauten riß der Zar sich zusammen, sprang mit
gespreizten Beinen vor den Fürsten hin und schwenkte den Dreispitz:
»Ew. Majestät wollen gnädigst meine Verfehlung nachsehen. Ich lege Ew.
Majestät meine untertänigste Huldigung zu Füßen.« Peter verneigte sich,
tief, sehr tief. Einmal, zweimal, dreimal.
Romodanowski murrte etwas Unverständliches, doch der Zar hatte sich,
ohne die Erwiderung auf den nachgeholten Gruß abzuwarten, zu dem
Strelitzen gewendet.
»Braver Kerl, brav!« Er klopfte ihm auf die Schulter: »Sie sollten
dir –« er wies mit der Rechten im Kreis, »den Sohn nicht quälen.«