Diese unterhielt sich vorzüglich. Der Wein trieb das Blut in
rascherem Schlage durch ihre Adern und lockte eine leichte Röte
in ihre Wangen. Und die offenkundige Bewunderung der vornehmen
Offiziere schmeichelte ihr nicht wenig. Je ingrimmiger ihr Angetrauter
dreinsah, um so mutwilliger scherzte sie. Seine närrische, ungelenke
Art verdroß sie: wahrhaftig, er benahm sich wie ein Bauer. Sie
bemühte sich angelegentlich, sein Ungeschick auszugleichen. Es
gelang ihr vortrefflich. Sie plauderte mit ihren Nachbarn, dem
Obersten und dem Major, als sei sie einen derartigen Umgang von klein
auf gewöhnt, rückte ihnen mit allerlei wißbegierigen Fragen über
Verteidigungsanstalten und Angriffsmaßnahmen, Stärke und Bewegungen der
Russen, Aussichten und Absichten der Schweden auf den Leib und wußte
ihren Lerneifer so mit Munterkeit zu würzen, daß die alten Haudegen
ganz hingerissen waren. Besonders der Oberst vergaß völlig, wen er vor
sich hatte, und kramte aus den Erinnerungen seiner lang vergangenen
Jugend all die kleinen Künste der Hofmacherei hervor und brachte sie
beflissen und mit heimlichem Stolz über seine wiederentdeckte Begabung
zur Anwendung. Katharina machte sich einen Spaß daraus, ihn in seinen
Bemühungen um ihre Gunst anzustacheln. Sie übersah geflissentlich die
drohend auf sie gerichteten Blicke ihres Gatten: er sollte sich nicht
einbilden, daß sie seine Sklavin sei. Laut und lustig antwortete sie
dem schmeichelnden Necken des Obersten.
Stieren Auges starrte der junge Gärtner auf das Paar. Schwere,
dunkle Glut rückte über seinen Nacken bis in die Stirn hinauf, die
Adern an den Schläfen schwollen zu dicken Strängen. Eben hatte der
Oberst sein Glas erhoben und ein Hoch auf die Schönheit und die Liebe
ausgebracht. Begeistert stimmten die jungen Leutnants ein. Der Junker
von Albedyll reckte seinen Arm wie zum Schwur, seine Augen suchten
Katharina. Und selbst der zurückhaltende Präzeptor drängte sich,
mit Katharina anzustoßen. Schwerfällig hatte sich Kruse in seinem
Stuhl hochgeschoben. Mit der Linken hielt er sich klammernd an der
Tischkante, der Kopf beugte sich wie zum Stoß vor. Zitternd schwenkte
die Rechte den Humpen, strebte hin, an Katharinas Glas zu klingen. Es
gelang ihm nicht. Der Oberst war ihm im Wege. Die launige Ansprache,
die er der Gefeierten hielt, wollte und wollte nicht enden. Da packte
den andern die Wut. Mit einem dumpfen, abbrechenden Laut warf er den
Becher nach dem Hinderlichen. Splitternd klirrten die Scherben über
den Tisch, und der Wein färbte in breitem Gusse die festliche Tafel.
Grelle Tropfen spritzten auf Katharinas Kleid. Alle sprangen auf. Ein
paar der Offiziere zogen die Degen.
Doch Katharina war schneller als die schlagfertigen Unbesonnenen. Über
den Tisch hinweg ergriff sie Kruses geballte Fäuste.
»Mein Mann hat dem Herrn Obersten für den freundlichen Trinkspruch
danken wollen. Er ist ungewohnt des Wortes, und die Freude über das mir
gespendete Lob«, der kühle, beherrschte Blick ihrer grünlichen Augen
richtete sich voll auf den Obersten, »hat ihm den Sinn verwirrt. Der
Herr Oberst wird es ihm daher nicht anrechnen, daß der beabsichtigte
Dank etwas heftig ausfiel.«
Der Oberst fühlte sich von der Höhe seiner Erinnerung herabgestürzt.
Er nickte verlegen. In gesucht biedermännischem Tone kehrte er sich zu
Kruse:
»Er hat eine gescheite Frau, eine tapfere Frau, eine ...«
Katharina schnitt die weitere Aufzählung ihrer Tugenden mit einem
tiefen Knix ab, in dem sie vor dem alten Kavalier versank. Ein
zweiter vor dem Propst und der Pröpstin, ein herzliches Umarmen der
Eltern ihres Mannes, ein leichtes Grüßen und Neigen gegen die übrigen
Festgenossen, die Feier war zu Ende. –
Das junge Paar war mit sich allein.
Allein in der kleinen, niederen Stube, deren Fenster in den Garten
hinaussahen, durch die seine Pracht mit Blühen und Duften hineinströmte.
Von den nahen Beeten zog der schwere, würzige Geruch des Heliotrops
heran, und von den Büschen, die das Haus einrahmten, fiel der schwüle
Hauch des Jasmins betäubend in die Enge der Zimmer. Über Rasen und
Wegen lag die zärtliche Helle der Sommernacht. Die großen, roten und
blaßblauen Häupter der hohen Mohnstauden schwammen leise, von sanftem
Winde gewiegt, in dem goldenen Dämmer, und zwei kaum erschlossene
Rosen, eine volle purpurne und eine weiche gelbe, neigten sich, auf
benachbarten Stengeln schwankend, in kosendem Spiel zueinander.
Katharina hockte auf einem niederen Schemel mitten in der Stube. Die
Knie hatte sie angezogen, die Arme darum geschlagen und die Finger
fest ineinander verschlungen. Wie leblos verharrte sie. Sie hörte das
Umherschwanken des Trunkenen, hörte die lallenden, knurrenden Laute des
Eifersüchtigen, das stoßende, ruckende Atmen des Gierigen.
Ein feiner, lauernder Kitzel war in ihr: ob er es wagte, sie zu
berühren? Und was würde er tun?
Sacht drehte sie den Kopf über die Schulter.
Er lehnte gegen die Bettwand. Mit zäher Mühe hielt er sich aufrecht.
Die schweren, dicken Lider, die ihm jeden Augenblick zuzufallen
drohten, riß er überweit auf.
»Frau!«, murrte er, »Frau!«
Katharina ließ die bloßen Füße auf den Boden klatschen. Kühl rannen die
Falten des langen Hemdes über ihren heißen Körper. Sie reckte sich.
Ihre Oberlippe kräuselte sich verächtlich. Nahe, ganz nahe glitt sie an
den zum Griff ausgespannten Fingern vorüber und war mit einem Sprunge
zwischen den Kissen. Eilig wollte der Genarrte ihr nach. Doch der
Heftigkeit seiner Begierde entsprach nicht mehr die Gewandtheit seiner
Glieder. Katharina war schneller als er. Sie wich aus, bog sich zurück,
warf ihm die Betten an den Kopf, die Decken zwischen die Beine. Er
verfing sich darin, strauchelte, arbeitete mit Händen und Füßen, sich
zu befreien. Indessen hatte sie die weichen Wurfgeschosse wieder an
sich gerissen, und das hastende Spiel begann aufs neue. Zuerst hatte
sie es getrieben, weil sie den vom Rausch Umnebelten sich fernhalten
wollte und hoffte, ihn zu ermüden. Dann reizte sie es. Sie hatte ihre
Lust daran: wer würde Sieger bleiben? Schon wurden seine Bewegungen
lässiger, sekundenlang schien es, als schliefe er, hingeworfen, wie er
gerade lag, da gab sie sich eine Blöße, entwich einen Augenblick zu
spät seinem Zupacken. Er ergriff sie. Mit beiden Fäusten preßte er ihre
Schultern zusammen und riß sie zu sich.
Alles Blut wich aus ihren Lippen. Ein Schrei lag zwischen den
erblaßten. Er wurde nicht geschrien, aber jede Fiber an ihr bäumte sich
wider die Gewalt.
Ein stummes, erbittertes Keuchen begann.
Immer heftiger, immer wütender wurde der Kampf. Seine Sinne kamen ins
Sieden. Eine Feuerwolke stieß aus dem erregten Leibe über ihr, drang
auf sie ein, glühend, in flammendem Brande.
Ihr Wehren brach ermattet, ihr Widerstand versagte.
Ganz nah das Knirschen seiner Zähne, sein weinfeuchter Mund.
Da: Wassersturz der Stunde!
Trommelwirbel.
Mit einem Stoß war sie frei:
»Alarm!«
Der plötzlich Ernüchterte hastete zum Fenster, lauschte in die Nacht
hinaus.
Von allen Seiten gellten die Signale.
»Verdammt! Aus dem Hochzeitsbett reißen einen die Hunde.«
Er kehrte sich ins Zimmer, schritt auf das Lager zu und warf sich
hinein: »Sollen sie mich holen. Ich gehe nicht. Was kümmern uns
ihre Schlachten. Mögen sie sich prügeln, wenn sie nicht miteinander
auskommen können. Wir«, er griff nach Katharina, »haben Lustigeres zu
tun. Was Frau?«
Sie antwortete nicht. In feindlicher Abwehr hüllte sie sich fester in
ihre Decken.
Er stutzte. Langte noch einmal nach ihr. Schäkernd, verliebt.
Sie bog aus. Ohne Hast, langsam, verächtliche Ablehnung in dem schönen
Gesicht.
Die Augen des Trompeters weiteten sich erschreckt. In plötzlichem
Begreifen. Ein rauhes Lachen schlug auf. Brach hart ab:
»Steht's so? Du bist froh, wenn du mich los bist? Je bälder, je besser?«
Sie schwieg. Sie sah über ihn hinweg, weit hinweg.
Das sprach deutlicher als jedes Wort.
Wie unter einem Schlage duckte Kruse den eckigen Kopf zwischen die
breiten Schultern.
Stärker lärmten draußen die Trommeln.
Er ruckte sich zusammen.
Einen Augenblick wartete er noch. Auf einen Gruß, einen Händedruck zum
Abschied.
Katharina kniff die Lippen zusammen, hart, abweisend, nestelte die
Hände in die Falten des Hemdes. – –
Er war gegangen. Sein Schritt war verklungen. Sie saß auf dem Bettrand
und ließ die Beine baumeln. Ihre Brust dehnte sich, als wäre eine Last
von ihr genommen.
Vom Fenster her kam ein raschelndes Geräusch. Ein Kopf wurde sichtbar,
ein schlanker, geschmeidiger Körper.
Der Junker von Albedyll.
Mit einem Sprunge war er im Zimmer, stürzte auf Katharina zu, umschlang
sie, flehte und bettelte mit Blick und Gebärde.
Sie antwortete nicht, schloß nur die Augen und bot sich seinen Küssen
dar.
Rauschend brauste der Sturm seines ersten lodernden Gefühls über sie
hin. Taumelnd glitten seine fiebernden Hände durch ihre Haare, saugte
sein Mund den Duft ihres Leibes. Ihren Nacken, ihre Brust sengten
seine glühenden Lippen. Keuchend barg sich sein Haupt in ihrem Schoße.
Wie ein Schlag fuhr es durch seinen Körper, trieb ihn auf, stark und
verlangend. Seine Arme reckten sich, sie an sich zu ziehen.
Jäh richtete sie sich auf, schüttelte die süße Betäubung ab. Zu weit
fast hatte sie sich in ihr verloren.
Bestürzt, Tränen der Enttäuschung in den wundersüchtig großen
knabenhaften Augen, stand der Junker vor ihr: »Habe ich dir weh getan?«
Katharina wehrte leicht:
»Frühlingssturm tut nicht weh.«
»Und dennoch ...«
»Dennoch. Der Sommer ist reicher als der Frühling.« Sie sagte es
verloren, über ihn hin.
Er faßte nur die Verheißung, die in den sehnsüchtigen Worten lag. Seine
Brust schwoll.
»Meines Sommers willst du warten?«
»Des Sommers ...« Ihr Mund öffnete sich durstig. Sie verstummte.
»Du sein Preis.« Ungestüm riß er sie an sich, eilte trunken von
Hoffnung davon.
»Sommer,« flüsternd fielen die Laute in die Stille um sie her. »Wer
wird ihn mir bringen? Der Bauer nicht und nicht der Junker. Einer ist,
der, wollte ich, brächte ihn mir.« – –