Nach einem Stich von Jak. Houbraken]

Katharina stand am Fenster, als der Schwarm sich vorüberschob.

Sie hatte ihren kleinen Spiegel an den Riegel des offenen Flügels

gehängt und war damit beschäftigt, ihr Haar aufzustecken. Über die

hocherhobenen vollen Arme fluteten die schweren roten Wellen hinab

auf den weißen, sanftgeschwungenen Nacken. Prall und fest spannten

sich die runden Brüste unter dem zarten Leinen des Hemdes. Im Takt

glitt der Kamm durch die dichten Strähnen. Katharina warf den Kopf

zurück und zeigte ihrem Spiegelbilde die Zähne: hei, es ging lustig

zu in der Welt. In dem winzigen engen Rahmen, darin der Spiegel ihr

ein Stück der Straße einfing, wurde sie der Flüchtenden gewahr. Kleine

verhuzelte Menschlein krochen über den Weg, zogen randvoll beladene

Kärrchen, stießen und balgten sich vorwärts. Wurden immer mehr, wurden

ein dichter wimmelnder Klumpen, hatten weder Arm noch Bein, nur Buckel,

lauter Buckel, hochaufgetürmte Buckel. Sie kümmerte sich nicht um das,

was unten, dort, wo das unglückliche Volk sein bißchen Dasein durch

die rettende Gasse schleifte, in Wahrheit vorging, unverwandt blieb

ihr Blick auf den putzigen Widerschein gerichtet. Sie lachte, lachte,

lachte –. Eine jauchzende Tollheit befiel sie. Sie sprang durchs

Zimmer, wirbelte sich im Kreise und klatschte in die Hände: einen

solchen Hochzeitstag hatte sobald keine.

[Illustration: Fürstin Darja Menschikoff

Ein livländisch Herz: Katharina I. von Russland; geschichtlicher Roman · 第 28 / 98 题