Der Gärtner zupfte ihn am Ärmel: »Herr,« seine Stimme war dunkel vor
Groll, »seht Ihr, wie die Tochter Baals ihre Lust hat mit den Söhnen
Davids. Endet das Ärgernis, damit die Gemeinschaft der Gläubigen nicht
Anstoß nehme und Euch einen Verderber heiße.«
»Kruse,« die breite Rechte des Propstes sank schwer auf die Schulter
des Knechtes, »du mutest dir viel zu. Das Weib ist listiger als die
Schlangen.«
»Ich werde ihr den Kopf zertreten.«
»Und sie wird dich in die Ferse stechen.«
Die Brust des Gärtners hob und senkte sich in stürmischem Atmen:
»Und wenn ich daran zugrunde gehe, sie muß mein werden.«
Der Propst nickte. Ein Würgen war in seiner Kehle, und doch sagte er
klar und fest:
»Du sollst deinen Willen haben.« –
Es war Abend geworden.
Der Propst ging in seinem Studierzimmer mit harten Schritten hin
und wieder. In dem halben Dämmer des scheidenden Tages leuchteten
vom Schreibtisch die weißen Blätter der Handschrift zu der morgigen
Predigt. So oft der Blick des ruhelos in der Stubenenge Umgetriebenen
diesen hellen Fleck streifte, wich er unsicher aus:
Lehren! Leiten!
Ein schweres Stöhnen unterdrückend, deckte der Propst die Hand über die
wie in verhehltem Fieber brennenden Augen. Er fühlte den Grund seiner
Seele wanken. Wie war es möglich, daß in ihm, der hoch im Dasein stand,
der sich längst jenseits jeder Anfechtung vermeint hatte, plötzlich
ein wilder Brand entflammte, nach einem Weibe, dessen Vater er hätte
sein können? Seine Fäuste ballten sich schmerzhaft: verfluchter Tag,
da ihm der langaufgeschossene Balg im Hause des Ringener Kantors
entgegengetreten war, ihn angelacht und ihm erklärt hatte: ich gehe mit
dir. Einfach: ich gehe mit dir! Weil der Kantor nicht wußte, wie er
den zugelaufenen Nachlaß der Gutsmagd des Herrn auf Rosen neben seinen
eigenen acht Göhren durchbringen sollte. Hätte er nur damals auf seine
Frau gehört, die sich mit Händen und Füßen sträubte, den Wechselbalg
eines adligen Taugenichts und einer hörigen Dirne aufzunehmen. Er
aber war erzürnt gewesen ob ihrer unchristlichen Härte. Tagelang
hatte er kein Wort mit ihr gesprochen. Nie war das bis dahin in ihrer
langen Ehe vorgekommen. Die Frau hatte getrotzt, geweint und sich
schließlich seinem Wunsche gefügt. Es war alles gut gegangen. Das Mädel
hatte es verstanden, im Handumdrehen auch das Herz sich zu gewinnen,
das ihm nicht sehr zugetan gewesen war. Es dauerte noch keine paar
Wochen, da sang die Pröpstin das Lob des Fremdlings. Mit allen ging
es so. Im ganzen Kirchspiel war keiner, der dem Mädel eine böse Miene
gezeigt hätte. Wo es hinkam, leuchteten die Blicke der Männer, und
die Frauensleute rissen sich um seine Freundschaft. Es hatte zuweilen
wahrhaftig so ausgesehen, als könne das Ding hexen.
Der Propst blieb neben dem Fenster stehen, die Stirn, hinter der es
zuckte und arbeitete, gegen den offenstehenden Flügel gepreßt:
War es nicht fast Hexerei, wie sie seinen Jungen, dieses Häufchen
Elend, nach sich gezogen hatte? Sie brauchte ihn nur anzurühren, und
im ärgsten Toben wurde er ruhig. Wie ein Wunder Gottes war es ihm erst
erschienen. Jetzt wußte er, woher das Wunder kam. Das Zucken seines
eigenen Herzens hatte es ihm offenbart. Ihm, dem Vorbilde der Gemeinde.
Ein kurzes, gequältes Lachen brach aus dem zusammengepreßten Munde:
»Ein Vorbild!«
Seine Nägel bohrten sich in das Holz des Fensterrahmens.
Er durfte sich nicht an sich beirren. Wohl pochte sein Herz stärker,
aber noch hatte er es in der Gewalt. Und er würde dafür sorgen, daß
er es in der Gewalt behielt. Das Versprechen, das er seinem Gärtner
gegeben hatte, mußte erfüllt werden. Bald mußte es erfüllt werden.
Leise fiel ein rasches, helles Pochen in seine Gedanken und leicht und
sacht ging die Tür auf. Ein milder, warmer Schein drang in das Zimmer
und scheuchte die abendliche Dunkelheit vor die Fenster, hinaus unter
Büsche und Bäume. Katharina, den grünbeschirmten Leuchter in der Hand,
trat über die Schwelle. Weich und behende glitt sie durch den Raum.
Die Blicke des Propstes hingen an ihren Bewegungen. Ihm war, als sähe
er sie zum ersten Male.
Eben so behutsam, wie sie gekommen, wollte sie sich zurückziehen, da
gewahrte sie, wie der Propst die Hand hob, als müsse er sie halten.
Unwillkürlich verweilte sie.
Jetzt erst wurde sich der Propst dieser Bewegung bewußt. Er fühlte: er
mußte eine Erklärung geben. Was, was nur? Ah, Kruses Werbung, die nahe
Hochzeit.
Seine Zunge mühte sich schwer um die Worte. Mit jedem einzelnen türmte
er den wehrenden Wall zwischen sich und der gefährlichen Lockung. Jedes
einzelne mußte er sich abringen.
Katharina hatte verwundert aufgehorcht: woher auf einmal dieses Drängen
auf Erfüllung eines Wunsches, den zu gewähren sie nicht eilig hatte.
Bisher hatte der Propst ihr beigestanden, den Ungeduldigen zu zügeln,
wenn er allzu heftig in seinem Anliegen wurde. Jetzt redete er ihm das
Wort? Was hatte sich ereignet?
Der stillschweigende Widerstand verwirrte den Propst. Seine Rede
stockte, brach ab und verstummte endlich ganz. Eine peinvolle Stille
entstand. Der Propst glaubte, sein Herz klopfen zu hören. Immer lauter
erhob sich der pochende Schwall, wuchs zu einem Klingen und Dröhnen.
Keuchend jagte die Brust des Propstes, ihm war, als müsse er in seinem
eigenen Blute ersticken. Krallend zerrte seine Rechte an der Halsbinde.
Die dünnen, durchsichtigen Lider Katharinas glitten langsam zu einem
kühlen, erstaunten Blick auf. Doch rasch wandelte blitzschnelles
Begreifen den fragenden Schimmer der grünlichen Augen in flackerndes
Glimmen: es galt, den Vorteil der Stunde zu nützen! Ihr Gesicht nahm
einen kindlich-bänglichen Ausdruck an:
»Ich bin dem Geschick dankbar, das mich auch in dem neuen Stande der
fürsorgenden Huld des väterlichen Freundes nicht entzieht.«
Die Schmeichelrede tat vor dem Propste einen Abgrund auf. Was Schranke
hatte werden sollen, drohte Brücke zu werden. Seine Blicke hingen
brennend an der biegsamen, geschmeidigen Gestalt vor ihm: wahrlich,
sie war schön, schön wie Bathseba. Die Finger des Propstes bogen sich
ineinander: er durfte, er wollte nicht schwach werden gleich David.
Als suche er Halt und Stütze, drängte er den mächtigen Rücken gegen
den hochlehnigen Stuhl vor dem Schreibtisch. Hastig, fast heftig
antwortete er Katharina, ängstlich bemüht, mit jedem Vorschlag weiteren
Raum zwischen ihr und sich zu bringen. Die Enge der Marienburger
Verhältnisse, die Notwendigkeit voranzustreben, ein größerer
Wirkungskreis, Empfehlungen an Freunde in Riga, ein Gütchen bei der
Stadt, eine angesehene Stellung und reiches Auskommen. – Erschöpft
schwieg er.
Nicht eine Miene hatte sich in Katharinas Gesicht verzogen, nur das
Gleißen in ihren Blicken funkelte herrischer. Um das verräterische
Glühen zu verbergen, haschte sie nach der Hand des Propstes, um sich
mit einem leichten Dank über sie zu beugen.
Doch wie von Klammern wurde sie emporgerissen. Er hatte sie gepackt
und hielt sie mit eisernen Fäusten. Armeslänge zwischen seinem Munde
und dem andern, dessen Süße zu kosten es ihn hinriß. Langsam neigte
sich seine Stirn. Der Zoll, den er der Schwachheit menschlicher Natur
entrichtete. Aber seine Hände rückten die gefährliche Bezauberung
unerbittlich von ihm ab. –
Die Tür war hinter Katharina ins Schloß gefallen. Leicht, beschwingt,
Tanz in den Füßen, eilte sie den Gang hinunter. Auf der Schwelle zum
Garten blieb sie stehen. Duftatmend, mondglanzübergossen tat er sich
vor ihr auf. Tausend zarte verliebte Töne riefen durch die Nacht. Alle
Sinne spannten sich zum Genuß. Schweigend öffneten sich Katharinas
Lippen und gaben die kleinen harten weißen Zähne frei. –
Im Arbeitszimmer des Propstes fiel der friedliche Schein der Lichter
auf die zuckend im Schoß gefalteten Hände. In dem grünlichen Schimmer
des Schirmes aber hob sich ein erhaben geweihtes Antlitz, in dem jeder
Wunsch verstummt war in der Bitte um Gnade.