Er kannte die Sorge, der es galt: »Denkst du schon wieder an morgen?«

»An morgen,« sie nickte, »wo du zu Anisia oder zu Barbutschka oder zu

der dicken Deutschen Liebling sagst.«

»Heute ist heute,« er schwenkte sie jagend herum. »Heute ist mein Herz

dein. Morgen? Ich frage heute nicht nach dem Morgen. Sei du mir neu

jeden Tag, wie es das Morgen ist, und ich werde dich ewig lieben.«

Ihre weichen, runden Schultern zogen sich hoch und sanken lässig zurück:

»So lockst du alle.«

Er lachte. Tief, dunkel:

»So locke ich auch mich.«

Im Gedränge wurde die hohe Gestalt seines sibirischen Pförtners

sichtbar.

Sofort verhielt Menschikoff den Schritt: eine Nachricht? Ihm konnte

keine Kunde eine Störung sein. Jede, die kam, brachte Neues, forderte

Neues von ihm.

Der Pförtner meldet einen Bauern, der Seine Gnaden zu sprechen wünsche.

»Was hat der Kerl!«

»Er wollte nicht heraus mit der Sprache, sagte nur, es sei dringend, er

komme vom Zaren.«

»Vom Zaren. Warum sagst du das nicht gleich, Tölpel! In mein Kabinett

mit ihm.« Eine flüchtige Neigung an seine Tänzerin, und schon wand

sich Menschikoff geschmeidig durch das Gewühl nach seinem Arbeitszimmer.

Wartete.

Nach einer Weile kam der Sibirier: Der Bauer sei nicht zu bewegen, ihm

zu folgen. Er fordere, daß Seine Gnaden sich zu ihm begebe.

»Wirf den Rüpel aus dem Hause!« schrie Menschikoff wütend, rannte aber

doch, dem Pförtner voran, über die Stiegen hinab in die Loge neben dem

Eingang.

In dem kleinen, engen Raum saß ein junger livländischer Bauer in

langschößigem, blauem Tuchrock, die Pelzmütze tief über die Ohren

gezogen, das Gesicht auf die im Schoß gefalteten Hände geneigt.

»Hund, Sohn eines Hundes,« der zornige Hausherr packte ihn derb, »ich

werde dich lehren, mir Befehle zu erteilen.«

Der Bauer hob langsam den Kopf.

»Majestät.« Menschikoff fuhr zurück.

Der Zar schüttelte schmerzlich den Kopf: »Ich verdiene diesen Titel

nicht. Ich habe mein Heer in Stich gelassen.«

»Und Narwa?« Menschikoff war der Zusammenhang nicht klar.

»Narwa ist fest in der Schweden Hand. Karl triumphiert.«

»Unsinn!«

Kaum war dies Wort heraus, so hatte er Peters Fäuste auf seinen

Schultern, die ihn rüttelten und schüttelten, daß ihm Hören und Sehen

verging.

»So, Unsinn? Es muß wohl Unsinn sein? Ich störe dem Herrn Leichtfuß ein

Fest, und das liebt der gnädige Herr nicht. Ich werde dir lehren, mich

unsinnig zu heißen.« Die breite Hand des Zaren hob sich.

Der Geschulmeisterte zuckte mit keiner Wimper:

»Schlage zu. Vielleicht lernst du an mir, wie du Karl von Schweden

schlagen mußt.«

Der bereite Arm sank herab. Ein Schimpfwort zwischen den Zähnen

zerknirschend, kehrte sich der Zar gegen die Wand.

Eine lange Weile blieb Stille. Menschikoff wußte, jetzt arbeitete

das Nachdenken in seinem Freunde und Herrn. Er hütete sich, störend

einzugreifen.

Endlich klang es murrend über die Schulter hin zu ihm:

»Du hältst mich für feige? Du hast recht. Ich habe meinen Posten vor

dem Feinde verlassen.«

»Warum?«

Warum? Peter begriff seine Flucht jetzt selbst nicht mehr. Die Gründe

der andern, die ihm zu eigenen geworden waren, hatten an Gewicht

verloren. Warum ließ er Heer, Sieg, unermeßlichen Ruhm und wählte statt

dessen schmähliches Entweichen, Schande und Untergang? Er suchte nach

Antwort und fand nur die Bedenken der Ängstlichen, der Zaudernden und

der geflissentlichen Schwarzmaler:

»Karl ist ein Feldherr. Ich bin es nicht.«

»Du wirst es an ihm werden!«

»Seine Soldaten sind erprobt, sind nach allen Regeln der Kunst

ausgebildet, die meinen, eine zusammengewürfelte Schar, die mit Gewehr

und Säbel spielen, aber nicht ernstlich fechten können.«

Menschikoff lachte, tief, herzlich.

»Du lachst!« Der Zar fuhr herum, Purpurröte auf dem weiten Gesicht, die

rechte Wange entstellt von wildem Zucken: »Du kannst lachen, und mein

Heer ist vernichtet, zerstreut in alle Winde, Karl auf dem Wege nach

Moskau?«

Wärmer noch wurde das Lachen: »Und wenn er mit seinen Schweden in den

Kreml einzöge, du bist der Zar, du! Und du wirst ihn besiegen, denn mit

dir ist Rußlands unerschöpfliche Kraft!«

Eine Sekunde war es, als schwankte Peter. Dann riß er Menschikoff an

sich:

»Herzbruder! Freund! Mann! Du glaubst ...«

»Ich glaube nicht, was ich weiß!«

Ein livländisch Herz: Katharina I. von Russland; geschichtlicher Roman · 第 21 / 98 题