Peter zuckte unwillkürlich zusammen: »Warum nennst du mich Herr?«

»Weil Ihr es seid.«

Unmutig brummte er: »Was dir nicht einfällt. Ich bin ein einfacher

Unteroffizier.«

Sie lachte. Es bereitete ihr Spaß, den großen starken Mann zu sticheln:

»Wollt Ihr das auch den Schweden erzählen, wenn sie Euch fangen?«

»Kröte!« Er sprang auf und packte den Schemel: »Bin ich in eine Falle

geraten, soll es dir übel gehen.«

Sie hob gelassen die Schultern: »Es sähe Euch ähnlich, einen andern für

Eure eigene Dummheit und Unvorsichtigkeit büßen zu lassen.«

Sie nahm eine überlegene Miene an: »Seid nicht so wild. Setzt Euch

ruhig. Ihr braucht keine Angst zu haben. Die Schweden dürfen Euch

nichts tun, wenn sie kommen; Ihr gefallt mir.«

Ein tolles Frauenzimmer! In Peter kämpften Beschämung über die

einfältige Rolle, die er spielte, und die Lust an dem kecken Gebaren

des eben den Kinderschuhen entwachsenen Dinges vor ihm: was das sich in

seiner Einfalt zutraute.

»Du willst mich schützen?« Er lachte verlegen. Ein dunkles Rot stieg

bis zu seinen Schläfen: »Wenn dich ein Mann mit dem kleinen Finger

anrührt, fällst du um.«

Sie hob die Lider zu einem kühlen, beherrschten Blick: »Wenn er es

fertig bringt, mich anzurühren.«

Stärker brannte das Rot in seinen wettergebräunten Wangen.

Sie zog die Oberlippe zurück, ihre Nasenflügel bebten leise:

»Aber du gefällst mir. Und darum will ich dir helfen.« Sie sprang mit

beiden Füßen zugleich auf den Boden, trat rasch auf ihn zu und tippte

mit spitzen Fingern auf die Tressen und Verzierungen seiner Uniform.

»Damit jetzt im Lande herum zu kutschieren, ist gefährlich. Ich werde

dir etwas anderes geben.« Aus einer Truhe, die neben dem Ofen stand,

holte sie Rock, Hemd und Hose: »Meines Bruders Sonntagsstaat. Er wird

wüten, wenn er es erfährt. Pah,« sie schnippte mit den Fingern, »ich

lache ihn aus. Wütende Menschen haben keinen Kopf. Da,« sie warf dem

Gaste das Bündel zu, »zieh dich um.«

Peter hatte sich erhoben. Er kam sich vor wie ein gescholtener Junge.

Es war kein sehr erhebendes Gefühl. Unsicher schob er den Kleiderpacken

von einem Arm auf den andern.

Die Kleine maß ihn verwundert: »Worauf wartest du noch? Zieh dich

um. Meinst du, ich wüßte nicht, was ein Mann ist?« Sie lachte hell,

girrend: »Ich tue dir nichts.«

»Weibsbild!« Die Kleider flogen auf den Boden. Da war kein Junge mehr.

Der versank in dem Manne. Ein Brennen und Sieden rann durch Peter hin.

Der starke Körper zitterte in Begier.

Kopfschüttelnd, ohne ihn aus den Augen zu lassen, wich das Mädchen ein

paar Schritte zurück:

»Ich habe geglaubt, die Herren seien feiner als die Bauern, aber nun

sehe ich, daß es genau solche Tölpel sind.«

»Weib!« Peter wollte mit geballten Fäusten auf die Spötterin zu.

Sie kehrte ihm langsam den Rücken und ging zum Fenster:

»Hab dich nicht! Beeile dich lieber mit dem Anziehen. Die Pferde rühren

sich bereits im Geschirr.«

Keuchend, an allen Gliedern bebend, stand Peter mitten im Zimmer. Er

kam sich unsäglich albern vor: was hielt ihn ab, diesem boshaften

Frauenzimmer seinen Willen aufzuzwingen? Oder hatte er ihr gegenüber

gar keinen Willen? Ein dumpfes Ahnen beschlich ihn, daß diesem Wesen

nicht mit Gewalt beizukommen war, weil es sogar die Lust in seiner

Gewalt hatte. Er biß sich die Lippen blutig: da war nichts zu machen.

– Er warf den Kopf in den Nacken: was kam es auch darauf an? Er würde

das Erlebnis bald vergessen haben. – Zornig zerrte er an Rock und Wams,

sich ihrer zu entledigen. Doch das durchnäßte Tuch klebte am Körper. Er

riß und zog, fluchte und stieß mit den Füßen den Boden.

Die Kleine hatte sich vom Fenster abgewendet und genoß das Schauspiel

mit heller Freude.

»Du wirst nie etwas fertig bringen, wenn du nicht Geduld lernst.« Damit

half sie ihm.

Du wirst nie etwas fertig bringen, wenn du nicht Geduld lernst! Er sah

das Geschöpf vor sich plötzlich mit andern Augen an. Unvermittelt kam

ihm die Frage:

»Wie heißt du?«

Sie wiegte sich in den Hüften: »Brauchst du einen Namen, um dich zu

erinnern?« Ihr Leib dehnte sich zu ihm hin, daß er ihn fast streifte:

»Du wirst mich nicht vergessen.«

Den großen, starken Mann überrann ein Schauer. Seine Glieder flogen.

Doch der kühle, beherrschte Blick der grünlichgrauen Augen hielt ihn in

Bann. Nur sein Atem stöhnte durch die zusammengebissenen Zähne.

Von draußen kamen Schritte. Jaguschinski erschien und meldete, daß der

Wagen zur Abfahrt bereit sei.

Mit einem Ruck kehrte Peter sich ab. Im Hinausgehen wendete er noch

einmal den Kopf:

»Ich werde dich nicht vergessen.«

Die Tür fiel ins Schloß.

Tritte verklangen. Räder begannen zu knirren, Hufe patschten in

klitschigen Lehm. Ferner. Ferner.

Unbeweglich blieb das Mädchen in der Mitte der Stube, bis jedes

Geräusch erstorben war.

Stille.

Mit raschen Griffen nahm sie die zurückgebliebenen Kleider Peters, trug

sie zur Truhe und legte sie sorgsam hinein.

Der Deckel schlug zu.

Und mit sicherem Schwunge saß sie oben auf dem Kasten.

* * * * *

Tausend Lichter. Und widerstrahlend der weiche, warme Schimmer in den

hohen Spiegeln rings im Saale. Flirrend der Glanz. Schmeichelnd fließt

er um diademgeschmückte Stirnen, über weiße, leuchtende Nacken und

wogende Busen. Diamanten blitzen, Ordenssterne funkeln. Die breiten

blauen, orangenen, roten und grünen Ritterbänder über den Uniformen und

den Diplomatenfräcken glühen, und die rauschenden Schleppen, die weiten

malven- und topasfarbenen Röcke, die knisternden Seidenspenzer und die

Samtmieder der Damen gleißen auf in dem spielenden Schein.

Tanz. Hell und lockend die Geigen. Jubelnd die Flöten. Dunkel und

zärtlich die Klarinette. Dumpf, stöhnend in Sehnsucht die Oboe.

Ein Wiegen und Schmiegen der Paare. Leicht die Schritte, behende die

Füße. Ein Suchen und Fliehen, ein Meiden und Sichfinden.

Heiß die Hände, glühend die Wangen. Schneller der Puls, rascher der

Atem.

Jauchzend steigt die Woge der Lust.

Alexander Menschikoff schwimmt mit ihr, läßt sich tragen, hoch hinauf,

hin zur Erfüllung kühnster Träume.

Seine schlanke, sehnige Gestalt ist überall. Eben noch im heiteren

Geplänkel mit der schönen Mons, der kleinen Freundin des Zaren, gleich

darauf im Gespräch mit Campredon, dem französischen Gesandten. Die

Spitzen der Sloboda, der Ausländervorstadt von Moskau, hatte er zu

Gaste gebeten. Den holländischen Residenten, die deutschen Kaufherren,

die französischen Emigrierten, die Anhänger des schottischen

Prätendenten, die Führer der polnischen Dissidenten, alle, die ihre

Zukunft an die Zukunft Rußlands geknüpft haben und die helfen werden,

sie zu bauen.

Heute gilt es, den ersten Sieg der neuen Herrschaft zu feiern. Den

nahen Sieg.

Narwa steht vor dem Fall.

Das war die Botschaft, die am Morgen der Kurier dem Herzbruder des

Zaren überbracht hatte.

Menschikoff ergriff den Augenblick, wie er sich bot. Rußlands junger

Ruhm war die Staffel, die ihn zur Höhe führte.

Er schlang seinen Arm um Darja Arsenjef, Glut im Blick und Glut auf den

Lippen, und drehte sich mit ihr in wilden, raschen Wirbeln durch den

Schwarm der Tanzenden.

Willig ließ sie sich von seinem brausenden Sturm tragen, hintragen

durch das kreisende Gewühl der andern, hinweg von ihnen, hinein in eine

flammendurchlohte, rasende Seligkeit. Mitten in dem tollen Trubel waren

sie allein.

Sein Mund dicht an ihrem Ohr:

»Daschka.«

Sie hob die langen, dunklen Wimpern:

»Du bist glücklich!«

Seine Augen strahlten:

»Rußland ist auf dem Wege nach Europa!«

Sie lächelte in stolzer Freude:

»Und du führst es an.«

Ein Schatten düsterte seine starken Züge: »Ich wollte, ich könnte es.«

Er warf die Oberlippe auf, seine Miene wurde leichtsinnig: »Ein Spiel

um einen Thron. Ach, Daschka, das Spiel ist mein Glück!«

»Deines.« Sie preßte ihre Stirn an seinen Hals, dicht, damit sie das

ungebärdige Pochen seines Blutes spürte. Peitschend drang ihr der

herrische Takt durch den Leib. Enger noch drängte sie zu ihm hin.

Sein Schnurbarthaar kitzelte ihre Wange.

Sie seufzte.

Ein livländisch Herz: Katharina I. von Russland; geschichtlicher Roman · 第 20 / 98 题