Der Novembersturm fauchte über die Heide, die sich um Pskoff zieht.
Wütend trieb er den mit Schnee untermischten Regen in dicken nebligen
Schwaden vor sich her. Klatschend fielen die eisigen Schauer auf
ein einsames Gefährt, das in dem aufgeweichten Boden kaum vorwärts
kam. Schlamm klebte sich in großen Klumpen an die Räder, die Pferde
versanken bis zu den Knien in dem morastigen Grund und blieben ein über
das andere Mal mit zitternden Flanken stehen.
Die Insassen schienen es eilig zu haben. Denn bei jedem solchen
Aufenthalt ertönte eine treibende Stimme aus dem Innern des Wagens, und
der Kutscher antwortete jedesmal: Wie du willst, Väterchen! schwang die
Peitsche und ließ sie erbarmungslos auf den Rücken der geplagten Tiere
tanzen. Und mit jedem Halt hagelten die Hiebe dichter.
Eben war ein besonders kräftiger Schlag auf das eine Stangenpferd
niedergeklatscht. Heftig warf sich das ins Zeug und zog und riß an den
Strängen. Das Gestell hob sich an der einen Seite, kam ins Schwanken.
Ein Knirren, ein splitterndes Krachen. Langsam neigte sich die Kutsche
und sank ihrer ganzen Breite nach in den Kot.
Die Achse war gebrochen. Fluchend und im selben Atemzuge alle Heiligen
anrufend, raffte sich der Kutscher auf und mühte sich, die Tür der
Kalesche, an der schon ungeduldig gerüttelt wurde, zu öffnen.
Es war kein leichtes Stück Arbeit. Erst nach langem Zerren und Stemmen
ging sie auf und entlud den Inhalt: einen großen, hochgewachsenen
Herrn und einen schlanken, jungen Menschen.
Der Herr stand sogleich wieder auf seinen Beinen:
»Wo sind wir, Grischka?«
Der Kutscher fuhr mit seinen groben Handschuhen über das Gesicht, um es
von dem ärgsten Schmutz zu säubern und spie bedachtsam beiseite:
»Das mag Gott wissen, Väterchen. Mein Kopf ist von dem verdammten
Sturm, den uns der Teufel auf den Pelz gehetzt hat, so dumm, daß ich
kaum noch weiß, wo rechts und wo links an meinem Leibe ist.«
»Dort ist ein Licht.« Der Diener, der inzwischen auf die Füße gekommen
war, deutete auf einen massigen Schatten, der in dem frühen sinkenden
Tag durch das schneeige Gestiebe dunkelte und in dessen Mitte ein
kleiner trübroter Punkt erglänzte.
»Gehen wir!« Der Herr schlug den Mantel fester um sich: »Du wartest
hier, Grischka, bis wir Leute schicken.«
»Wie du willst, Väterchen.«
Der mit festen Tritten Davonstapfende hört die ergebene Antwort nicht
mehr. Geradeswegs durch Pfützen und Lachen strebte er dem nahen Obdach
entgegen. Nach ein paar hundert Schritten war es erreicht.
In der ebenerdigen Stube saß auf der Ofenbank ein hageres,
langaufgeschossenes Mädel. Die eckigen Arme hatte es hinter dem Kopf
verschränkt, der auf dem dicken, brandroten Haar wie auf einem Kissen
lag.
Sie träumte vor sich hin.
Aber ihre Träume mußten sehr bestimmte und bewußte sein, denn in den
grünlichgrauen Augen war keine Spur von weicher Versonnenheit, kühl und
fest waren sie auf das unsichtbare Ziel gerichtet.
Der Eintritt der Fremden war ihr kein Anlaß, ihre bequeme Stellung zu
verändern, nur ihr Blick richtete sich forschend auf die Ankömmlinge.
»Bist du allein?« Peters Ton war ungeduldig.
Sie schürzte launisch die Lippen: »Wäre ich allein, könntet Ihr mich
nicht fragen, ob ich es wäre.«
»Albernes Ding! Wo ist dein Vater?«
Der offenbare Ärger ihres Gegenübers belustigte sie. Sie lachte, ihre
Oberlippe zog sich weit von den festen spitzen Zähnen zurück.
»Wo ist dein Vater?« Peters Miene wurde drohend.
»Da müßt Ihr Euch bei meiner Mutter erkundigen, vielleicht kann sie es
Euch sagen. Ich,« sie schob die schmalen Schultern verächtlich in die
Höhe, ihr Blick wurde feindselig, »ich weiß nichts von ihm.«
»Wo ist deine Mutter?«
»Mit den Schwestern und dem Bruder ins Holz.« Sie rümpfte die Nase:
»Die haben Angst vor den Schweden.«
»Schweden? In der Nähe?«
Die Kleine horchte auf. Der dringliche Ton des Fragers hatte ihr
allerhand verraten.
»Ja,« gab sie lässig Bescheid, »sie schweifen durch die Gegend.«
»Verdammt.« Peter stampfte den Boden. »Kannst du uns einen Wagen
beschaffen.«