Ehe Pleyer noch antworten konnte, wurde der Zeltvorhang ungestüm
zurückgeschlagen und der etwas schweratmige kleine Herzog von Croy
hastete auf seinen kurzen dicken Beinen herein:
»Verzeihung, Ew. Majestät, wenn ich es wage, unangemeldet eine
wichtige Besprechung zu stören. Das Lager ist in Verwirrung. Die
tollsten Gerüchte schwirren durch die Luft. Scheremetjef geschlagen,
die Schweden im Anmarsch, ja vielleicht schon in unserm Rücken, ein
drohender Ausfall. Haben Ew. Majestät sichere Kunde?«
Er erhielt keinen Bescheid. Peters Hand ließ langsam die Pleyers aus
ihrem schmerzenden Griff, aber nur um des Herzogs Rechte zu ergreifen.
Fest. Wie ein Ertrinkender sich an einen Strohhalm klammert:
»Karl – rückt – an. – Ich will ihm entgegen.« Gellend schrie er die
letzten Worte heraus.
»Mit diesen Truppen, die schon jetzt fast vor Angst vergehen?«
Der Zar starrte auf den Sprecher, als sähe er das Gesicht eines dem
Abgrunde entstiegenen Gespenstes. Ohne die Blicke von ihm zu lösen,
befahl er:
»Papier! Tinte!«
Beides wurde gebracht.
»Repnin. Schreibe.« Jeder Laut kam erquält, zerrissen, undeutlich aus
dem in Pein verzerrten Munde:
»Hiermit übergebe ich den Oberbefehl meiner vor Narwa liegenden Armee
dem Herrn Herzog von Croy ...«
»Ew. Majestät ...«
Weiter kam der Einwand des Überraschten nicht. Unter der Faust des
Zaren brannten die Knochen seines Handgelenks, und die knirschenden
Zähne Peters weissagten einem Widersprechenden nichts Gutes.
»Der Herzog soll den Feind hinhalten, aber die Belagerung der Festung
Narwa schleunigst zum siegreichen Abschluß bringen.«
Wieder versuchte der unversehens mit einem verantwortungsvollen Amt
Beglückte sich gegen diesen zwiespältigen, undurchführbaren Befehl zu
wehren, abermals kam sein Einspruch über einen schüchternen Ansatz
nicht hinaus.
»Hast du?«
Repnin erhob sich und reichte dem Zaren die Feder.
Eine Sekunde lang schwankte sie in dessen Hand über dem Bogen. Dann
fuhr sie mit scharfen, schnellen Hieben nieder und fügte den Namenszug.
»Da.« Peter schob dem Herzoge die Urkunde zu. »Da.«
Mit einer umständlichen höfischen Verneigung wollte dieser die Rolle
entgegennehmen. Doch ein Zuruf Pleyers mahnte zur Vorsicht. Schon flog
sie ihm vor die Füße. Kaum einen Augenblick später brach der Zar in
wilden Zuckungen zusammen.
Durch die fletschenden Zähne flockte blasiger Schaum. Die Nasenflügel
blähten sich zum Zerspringen. Keuchend ächzte die Brust wider einen
unsichtbaren Feind. Und schneller und schneller das kochende Stoßen
des Atems. Die Glieder biegen sich, bäumen sich, schieben, drängen
den Leib empor und schmettern ihn mit Wut zu Boden. In heftigem
Schleudern fahren die Fäuste durch die Luft, schlagen und dröhnen im
Takt gegen den Estrich. Immer rasender das Toben, immer jäher Flug
und Fall. Krachend prellt der Schädel auf und nieder, auf und nieder,
unaufhörlich in hämmerndem Wirbel.
Und plötzlich ein würgender Ruck, ein fliehendes windendes Zappeln von
Arm und Bein. Stille.
Bleich, lasch, gleich einem ausgespienen Brocken der ohnmächtige
Körper. Kaum von einem Hauch bewegt.
Langsam, ganz langsam kam Peter wieder zu sich. Suchend haschten die
Hände nach einer Nähe, einem stützenden Halt.
Niemand war bei ihm als der junge polnische Diener. Weiße, kühle Hände
deckte er über die schmerzende Stirn.
Peter hob die Lider, schwer, mühevoll:
»Du?«
Mit den Händen, die noch von der überstandenen Not bebten, zog er das
junge, helle Gesicht an sich. Dicht, ganz dicht.
Und wie aus Abgrundstiefen stieg es lechzend:
»Leben.«