Brief von ihm. Ich sollte auch Antwort bringen; aber das hat Zeit bis
morgen -- ich komme auf die Hoëlsenne und bleibe dort über Nacht, ob ich
die Pferde finde oder nicht, aber ich muß mich vorm Abend noch etwas
umsehen, damit ich sicher bin, daß die Pferde nicht doch auf dieser
Seite der Senne sind. Damit ging er.
Sidsel saß auf dem Königstisch. Es war das erste Mal, daß sie überhaupt
einen Brief bekam; -- ja, auch Jon und Peter war das noch nie passiert.
Ganz überwältigt standen sie da und in geziemender Entfernung.
Salve Titel. An die wohlehrbare Jungfrau Sidsel Jakobs Tochter
Langröckchen auf Hoëlsenne, Westgebirge. Bei Gelegenheit. Mit Boten.
Franko, stand auf dem Umschlage.
Sie brach feierlich das Siegel und öffnete das Schreiben. Darauf las sie
halblaut:
Nordrum Senne, den 15. dieses.
Salve Titel Jungfrau Sidsel Langröckchen.
Gute Schwester!
Anläßlich, daß die Zeit es mir erlaubt, nehme ich nun die Feder in die
Hand und schreibe an Dich und erzähle Dir, daß ich Dir nichts zu
erzählen habe. Mit Ausnahme, daß es lange her ist, seit ich Dich gesehen
habe. Aber ich habe einen Tag vom Hans zu gute. Ich hütete für ihn, als
er zu Hause war und seine Mutter in die Grube brachte. Es waren aber
eigentlich zwei Tage, ich rechne es aber bloß für einen, da es seine
Mutter war. Und nun will ich den Tag von ihm am erstkommenden Sonntag
dieses nehmen. Falls Du aber einen Tag beim Peter oder Jon zu gute hast,
so will ich an Dich schreiben und Dich fragen, ob Du nicht den nun von
ihnen bekommen könntest. Aber falls Du keinen hast, so kannst Du ihn Dir
trotzdem nehmen, weil ich stärker bin, aber ich meinte es nicht böse,
als ich den Peter im Winter durchhaute. Dann wollte ich Dir aber
schreiben und Dich fragen, ob wir uns nicht daheim im Guckausschloß
treffen könnten; denn ich bin seitdem nicht wieder dort gewesen. Man
wird ersucht, sich rechtzeitig einzufinden. Bring was zu essen mit.
Mit vorzüglicher Hochachtung ergebenst
Jakob, Jakobs Sohn, Nordrum.
U. A. w. g.
P. S. Um Antwort wird gebeten.
An diesem Abend saß Sidsel lange auf und schrieb das Antwortschreiben,
und ihre Zungenspitze schrieb mit. Ihr Brief lautete folgendermaßen:
Hoëls Senne, den 17. dieses.
An den
Junggesellen Jakob Jakobs Sohn, Nordrum.
Guter Bruder!
Ich will nun einige Worte an Dich schreiben und Dir für Deinen sehr
willkommenen Brief danken, welchen ich richtig empfangen habe. Es freut
mich sehr, zu hören, daß Du bei guter Gesundheit bist, und dasselbe kann
ich auch von mir berichten, ausgenommen Zahnschmerzen. Aber ich will
gerne kommen, und die Sennerin sagt, ich darf die Nacht über
fortbleiben, da es so weit ist. Und dann kann Jon und Peter jeder seinen
Tag bekommen. Denn ich hatte keinen zu gute. Aber sie hauten sich
diesbetreffend, aber Peter ist fast ebenso stark.
Hier muß ich mein Schreiben an Dich schließen mit vielen Grüßen an Dich.
Aber vor allem sei herzlich gegrüßt von mir.
Deine Dir ergebene Schwester Sidsel
Jakobs Tochter, Langröckchen.
N. S. Verzeih die Schrift. Lieber, verbrenne diesen Brief!
Daheim im Schloß Guckaus.
Spät abends kam Sidsel am Sonnabend über die Berghöhen nach Hoël
angewandert -- die Sennerin hatte ihr Urlaub nach Hause gegeben und
Erlaubnis, bis Montag abend fort zu bleiben.
Sie war heute zeitig aufgestanden; es konnte ja keine Rede davon sein,
daß sie die Senne verließ, ehe sie ihre Morgenarbeit verrichtet, die
Ziegen gemolken und die Kühe losgebunden hatte. Und das mußte zeitig
geschehen, nicht bloß weil es für sie eilte, fortzukommen, sondern auch
weil sie wußte, Jon würde es sicher nicht verschlafen, er, der so
hartnäckig darauf bestanden, daß er jedenfalls den ersten Tag für sie
hüten wollte; und sie war denn auch kaum fertig, als er bereits ankam.
Peter hatte er nicht mit, aber sie hatte noch gestern abend spät mit
Peter gesprochen, und er war ganz damit zufrieden gewesen, daß er den
Sonntag für sich allein haben sollte; dagegen sollten sie am Montag sich
darein teilen. Und Jon war heute ganz bescheiden und feierlich gewesen,
hatte ihr die Hand gegeben und sie gebeten, Jakob von ihm zu grüßen und
ihm zu sagen, er, Jon Högseth, würde diese Tage nicht weiter rechnen, da
Jakob gern mit seiner Schwester reden wollte. Er wußte freilich nicht,
daß Peter gestern abend genau dasselbe gesagt hatte.
Und dann hatte sie ihm ihr Vieh übergeben und ihre lange Reise über das
Gebirge angetreten. Sie ging und ging, Stunde auf Stunde -- sie war
diesen Sennenweg nun schon oft gegangen, noch niemals aber hatte sie
beachtet, daß er so lang war. Sie ruhte an einem Bache aus, zog ihr
Frühstück hervor, aß und trank Wasser dazu und setzte darauf ihren Weg
fort. Um zu vergessen, daß die Zeit langsam ging, begann sie ihre
Schritte zu zählen, erst bis 10 dann bis 100, und jedesmal wenn sie
fertig war, sah sie zurück, um zu sehen, wie weit sie gekommen war; aber
das half nicht das geringste; nun wollte sie bis 1000 zählen, aber als
sie damit beinahe fertig war, wußte sie nicht mehr genau, ob sie bis 800
oder 900 gekommen war, und da zählte sie lieber 400 mehr, um ganz sicher
zu sein, daß sie sich nicht verrechnet hatte.
Indessen ging es deswegen nicht schneller, und es war schon
Sonnenuntergangszeit im Tale, als sie endlich soweit gekommen war, daß
sie über und in das Tal hinunterblicken konnte; der Schatten hatte
bereits begonnen, auf der andern Seite hinaufzukriechen, während
oberhalb der scharfen Schattenlinie die ganze Seite des Tals noch in
rötlicher Abendsonne daneben lag; aber der Schatten fraß sich fest und
sicher weiter nach oben.
Da vergaß Sidsel, ihre Schritte zu zählen -- es wäre spaßig gewesen zu
versuchen, ob sie nicht die Sonne wieder erreichen könnte, bevor diese
an Hoël, das drüben auf der andern Seite lag und in der Abendsonne
leuchtete, vorbeigegangen war.
Sie begann die Halde hinunter zu laufen, aber es kostete doch Zeit --
als sie in den Talgrund hinunter gekommen war und den Aufstieg über die
Anhöhen begann, war die Sonne verschwunden; sie sah bloß noch den
letzten Schimmer in den obersten Tannenwipfeln und ein kleines kurzes
Blinken in dem Augenblick, als die Sonne oben am Fensterchen von Schloß
Guckaus vorbeischlüpfte.
Da blieb sie stehen und holte Atem; es war so still und warm, förmlich
schwül hier unten im Tal -- ganz anders als oben im Gebirge; die Erde
atmete gleichsam aus, sobald die Sonne untergegangen war; es herrschte
ein so seltsam drückender Duft, daß sie sich auf einmal ganz ängstlich
und beklommen fühlte; ihr war, als ob sie irgend ein Unrecht begangen
hätte, auf das sie sich nicht besinnen konnte. Da fiel ihr plötzlich
ein, sie hätte einen Boten voraussenden sollen; die Leute unten im Tal
fürchten immer, wenn eins von der Senne unerwartet herunterkommt, es
könnte etwas passiert sein, und das wäre doch zu dumm, wenn jemand käme
und Kjersti Hoël erschreckte.
Deshalb kam sie die Anhöhe nach Hoël ganz langsam hinauf. Sie vermutete,
daß man sie bemerken oder daß wenigstens Bär bellen würde, und dann
sollten sie sehen, daß sie keine Eile hatte und nicht mit schlechten
Nachrichten kam.
Aber niemand schien sie zu bemerken; sie konnte auf dem Hofe keinerlei
Unruhe und Bewegung wahrnehmen und so mußte sie doch hineingehen.
Kjersti Hoël wurde freilich ganz aufgeregt, als Sidsel hereintrat -- sie
nahm sich nicht einmal Zeit zu grüßen und rief:
In Jesu Namen. Es ist doch wohl nichts auf der Senne passiert?
Worauf Sidsel sich beeilte zu antworten:
O nein! Ich soll von der Sennerin grüßen und sagen, du sollst nicht
ängstlich werden, wenn du mich hier siehst; es geht allen sehr gut, Vieh
und Volk. Ich bekam bloß Erlaubnis, nach Hause zu gehen und mich mit
meinem Bruder Jakob zu treffen.
Na, Gott sei Dank, sagte Kjersti -- ja, dann sei herzlich willkommen.
Da war es, als ob die Beklommenheit auf einmal verschwand, und Sidsel
ward es plötzlich so feierlich zu Mute und sie fühlte sich so glücklich
darüber, daß sie wieder einmal zu Hause war. Und Kjersti war heute in
besonders guter Laune, sie bewirtete sie und behandelte sie so
ausgesucht liebenswürdig, als wäre sie die Sennerin selber, und als sie
zu Bett gehen wollte, folgte Kjersti ihr sogar in die Gangkammer, die
genau so nett und sauber war, wie sie sie verlassen, und sie blieb lange
bei ihr auf der Bettkante sitzen und fragte sie über jedes einzelne der
Tiere aus -- Kjersti hatte keins vergessen. Und Sidsel erzählte -- bloß
eine Sache war so schrecklich peinlich, aber es konnte nichts helfen,
sie mußte doch heraus damit, und es ließ sich auch auf die Länge nicht
verheimlichen. Und das war die Geschichte mit dem Kalbe, das sie voriges
Jahr Morskol (Mutters Hornlose) getauft hatte. Der Name paßte nicht,
»Mutters Hornlose« fing nämlich an, Hörner zu kriegen, obgleich Sidsel
Salz darauf gestreut hatte, damit sie nicht wachsen sollten.
* * * * *
Sidsel fand, der Sonntag fing gut an; er begann nämlich damit, daß
Kjersti Hoël selber mit einem großen Kaffeebrett und Kuchen in die
Kammer hereinkam und sie im Bette damit bewirtete; so großen Staat hatte
niemand bisher mit Sidsel gemacht, so weit sie sich erinnern konnte; und
sie glaubte kaum, daß so etwas selbst der Sennerin je passiert war; und
was noch mehr war, als sie in ihren langen Rock hineinschlüpfte, da
sagte Kjersti, sie solle sich beeilen und wachsen, sie solle einen neuen
Rock bekommen, wenn der ihre nicht weiter als bis an die Kniee reiche;
und obgleich sie gar nicht erzählt hatte, wo sie Jakob treffen wollte,
mußte Kjersti das auch erraten haben; denn sie richtete ein Bündel mit
ganz unglaublich feiner Wegzehrung für sie her und sagte, sie solle
damit den Jakob bewirten, denn der müßte wohl zum Abend wieder auf die
Nordrumsenne zurück und hätte keine Zeit, heute nach Hoël
herunterzukommen. Aber Kjersti trieb sie nicht weiter zur Eile -- sie
glaubte wohl, Jakob könne nicht allzu zeitig kommen, da er ja heute den
langen Weg von der Senne zu gehen hatte -- Sidsel mußte ihr schließlich
den Brief zeigen, in dem ausdrücklich stand: »Man wird ersucht, sich
rechtzeitig einzufinden« -- da begriff auch sie, daß es Eile hatte.
Bald darauf war Sidsel auf dem Wege -- Bär folgte ihr ein langes Stück
aufwärts bis dahin, wo die Birkenhalde begann -- dort kehrte er um und
trottete heimwärts mit dem sanftmütigsten und feinsten Sonntagsringel im
Schwanze.
Das Tal lag im stillen Sonntagmorgen friedlich vor ihr, kein Mensch war
zu sehen, weder auf den Wegen, noch auf den Feldern, nur hie und da in
den Gehöften stand ein Mann, behäbig gegen die Türpfoste gelehnt,
barhaupt und in schlohweißen, flatternden Hemdsärmeln, und aus allen
Schornsteinen stieg der Rauch langsam in die stille Luft empor.
Unwillkürlich mußte sie nach Schloß Guckaus hinaufsehen, dort sah es so
einsam und verlassen aus, dort stieg kein Rauch aus der Esse auf, und
sein Auge, das über das Tal hinaussah -- jetzt, wo die Sonne noch auf
der andern Seite stand, und sich also nicht in dem Fensterchen
spiegelte, war es gewissermaßen blind; sie mußte wirklich in dem
Augenblick an einen Blinden denken, den sie einmal gesehen, und seine
sonderbaren, leeren Augen, die sie damals erschreckten; jetzt hatte sie
genau denselben Eindruck, deshalb und ging sie nicht mehr so schnell, es
lag ihr nicht daran, hinaufzukommen, ehe Jakob angelangt war.
Als sie zum Guckausschloß hinaufkam, war das erste, was sie sah, das
Tannenreisig, das damals, als sie das letzte Mal oben war, auf den
Gatterpfosten festgenagelt worden war; die Büsche staken dort noch immer
da, aber nun waren sie vertrocknet und die Nadeln abgefallen;
unwillkürlich mußte sie zur Tür hinsehen, ja richtig, dort waren sie
ebenfalls noch genau so. An der Türklinke aber stak ein frischer
Tannenzweig, es mußte also doch jemand später im Hause gewesen sein. Der
Weg, der vom Gattertor dicht an der Haustür vorüber nach der Kuhstalltür
geführt hatte, war verschwunden, das Gras war darüber gewachsen; auch
die Stalltür war verschwunden, und an der Türschwelle waren hohe
Brennesseln aufgeschossen; es war keine Spur von Menschen- oder
Viehtritten zu sehen.
Sidsel hatte sich darauf gefreut, wieder hierher zu kommen, sie hatte es
sich nicht anders denken können, als daß Schloß Guckaus der gemütlichste
Platz in der ganzen Welt sei. Nun fühlte sie sich im Gegenteil auf
einmal hier so schrecklich einsam, einsamer, als irgendwo hoch oben im
Gebirge oder im Walde; sie empfand es, wie wenn man im Finstern geht und
sich vor dem Dunkel fürchtet, so daß man nur vorsichtig vorwärts
schreitet, damit es nicht irgendwo knacken und knarren soll.
Unwillkürlich ging sie in weitem Bogen an der Hütte und dem Stall
vorüber; sie wollte lieber zu dem großen Stein am Bache gehen, wo sie
und Jakob als Kinder zusammen gespielt hatten, vielleicht daß es dort
nicht gar so einsam und verlassen war.
Als sie zu dem Heidekrautflecken kam, sah sie Jakob, der bereits dort
auf dem Steine saß. Da kam auf einmal Leben in all die Öde, sie wurde so
froh, daß sie anfing zu laufen; aber sogleich besann sie sich, daß sich
das bei einer so feierlichen Begegnung nicht schickte, und es war ja
auch so lange her, seit sie Jakob gesehen hatte, daß er ihr beinahe
fremd war. Als er ihrer ansichtig wurde, sprang er auch vom Steine herab
und begann, seine grauen Hosen abzubürsten und setzte seine Mütze
zurecht -- er hatte heute sogar eine Schirmmütze auf und keinen Halmhut
wie sie. Beide wurden ganz verlegen, als wären sie wildfremd; sie
konnten sich nicht in die Augen sehen, als sie sich die Hand zum Gruße
reichten, und er machte eine tiefe Verbeugung mit dem Kopfe, während sie
so tief knixte, daß ihr Rock bis auf die Erde kam. Sie ließen rasch die
Hände wieder los, und dann blieben sie lange verlegen stehen und
schauten in's Tal hinab -- es war nicht so einfach, gleich die rechten
Worte zu finden, obwohl sie beide gedacht hatten, sie müßten sich gar
vielerlei zu erzählen haben. Endlich fiel Jakob etwas ein -- er schaute
bedächtig umher, und darauf sagte er, wie nach einer langem gründlichen
Überlegung:
Es ist herrliches Wetter heute.
Ja, prachtvoll.
Ja, wenn es sich so noch vierzehn Tage hält, dann hat's wohl keine
Gefahr mit dem Heuwetter.
Nein, das hat's wohl nicht.
Aber das ist wohl kaum zu erwarten.
Ach nein, wohl kaum.
Wieder wurde es still; denn viel mehr war hierüber nicht zu sagen.
Sidsel sah verstohlen nach Jakob hin; sie überlegte, ob sie etwas davon
sagen sollte, daß er so groß geworden sei, aber dann dachte sie, das
ginge wohl nicht an, denn er war ja der Älteste. Ihr Blick fiel zufällig
auf das Bündel mit den Eßwaren -- da hatte sie einen Anfang.
Ich sollte dich von Kjersti Hoël grüßen und fragen, ob du heute mit
ihrer Wegzehrung vorlieb nehmen wolltest.
Ja gewiß, danke, aber ich habe auch selbst etwas zu essen mitgebracht.
Und du bist vielleicht hungrig nach dem langen Marsche, den du heute
gemacht hast?
O ja, ich kann es nicht leugnen.
Dann laß uns hier auf dem Steine auftischen!
Kurz darauf hatte Sidsel all' die guten Eßwaren, die Kjersti ihr in das
Bündel eingepackt hatte, aufgetischt, und nun sagte sie, wie sie gehört
hatte, daß allgemeiner Brauch ist, wenn man Gäste hat:
Bitte, Jakob, nimm Platz, wenn dir's gefällig ist, und Jakob zierte
sich, wie es auch gebräuchlich ist, und sagte:
Danke, aber du hättest meinethalben wirklich nicht so viel Umstände
machen sollen.
Sie setzten sich. Anfangs ging es immer noch etwas feierlich zu, und
Sidsel sagte in einem fort: bitte, bitte! Als aber Jakob eine Plinse
gegessen hatte und eben mit der zweiten anfing, vergaß er, daß er
eigentlich zu Gaste war, und sagte unwillkürlich ganz natürlich und mit
Überzeugung:
Das sind aber wundervolle Plinsen.
Sie sind aber auch von Hoël, sagte Sidsel.
Da war es auf einmal, als ob sie sich wieder kannten, als ob sie erst
gestern noch am Fensterchen im Guckausschlosse nebeneinander gekniet und
über das Tal hinausgeschaut und überlegt hätten, wo sie am liebsten
einmal dienen wollten, und gerade so, als ob sie überhaupt niemals von
einander getrennt gewesen wären -- einen Augenblick später waren sie im
eifrigsten Streit darüber, wo es wohl am besten sei, auf Nordrum oder
auf Hoël. Ganz einig konnten sie hierüber zwar nicht werden; als aber
Jakob sich ordentlich satt gegessen hatte, gab er schließlich soviel zu,
daß beide Höfe in ihrer Weise gut wären und jedenfalls die besten in der
ganzen Gemeinde.
Und nun wollte das, was sie zu besprechen und sich zu erzählen hatten,
gar kein Ende nehmen. Jakob erzählte von Nordrum und von der
Nordrumsenne und den Hirten da oben, und Sidsel mußte von Jon und Peter
erzählen und deren Grüße ausrichten; und sie hatte viel von ihnen zu
erzählen; Jakob fand es aber sonderbar, daß sie mehr von Jon, als von
Peter sprach; Jon wäre ja wohl ein ganz tüchtiger Bursche, aber er
könnte doch manchmal recht flapsig sein.
Und dann sprachen sie von ihrer Zukunft. Jakob wollte auf Nordrum
bleiben, bis er erwachsen wäre, und vielleicht noch länger. Der Nordrum
hatte gesagt, wenn er erwachsen wäre und sich verheiratete, dann könnte
er ja Guckaus als Eigengut wieder erwerben; aber das, glaubte er, war
doch wohl bloß ein Spaß vom Nordrum gewesen, und außerdem war ja immer
noch Zeit genug, sich das zu überlegen; denn der Nordrum fing an zu
altern, er mußte wohl doch mit der Zeit einen Großknecht haben. Sidsel
wollte auf Hoël bleiben; sie hatte es dort so gut, wie sie es sich
überhaupt wünschen konnte; Kjersti war ja so außerordentlich lieb und
gut zu ihr. Sidsel sagte kein Wort von ihrem stillen Ehrgeiz, einmal
selbst Sennerin zu werden; denn das lag in so weiter Ferne, daß sie sich
nicht daran zu denken traute.
Als sie sich so einigermaßen ausgeschwätzt hatten, begannen sie, sich
oben umzusehen und an alle ihre Spiele und ihre Lieblingsplätze zu
erinnern. Dort gleich neben der Hütte hatten sie ihren Kuhstall gehabt
-- nein, wirklich, lag da nicht noch der Bulle als einziges
Überbleibsel? -- und dort jenseits des Heidekrautfleckens war die Senne
gewesen, wo sie mit ihrer Herde im Sommer viele Male hinauf und herab
gezogen waren. Und dort hatte Jakob seine Sägemühle gehabt, die Sidsel
nie anrühren durfte; aber weiter unten hatte sie ihre Meierei gehabt,
wohin er kam, um Käse für Planken aus Möhren zu kaufen, die er in seiner
Sägemühle geschnitten hatte. Es gab nicht einen einzigen Stein oder
Erdhaufen den ganzen Weg entlang bis dicht unter den Großhammer, wo alle
die dichten Himbeerbüsche standen, an den sich nicht die eine oder die
andre Erinnerung knüpfte; und es war wie ein Fest, hier zusammen zu
gehen -- Sidsel fand, Jakob war so groß geworden, und dasselbe meinte
Jakob in aller Heimlichkeit von Sidsel -- und von den Erinnerungen zu
plaudern und immer wieder zu sagen: Weißt du noch? Und in der Erinnerung
wird ja alles, von dem man so schwätzt, auch so groß und herrlich.
So trieben sie es den ganzen Tag -- sie waren bis dicht an den Fuß des
Großhammers gegangen, und es war bereits spät am Nachmittag, als sie
sich wieder Schloß Guckaus näherten. Es sah nicht aus, als ob sie Eile
hätten, zurückzukommen. Beim Bache und dem Felsen machten sie lange Halt
und wiederholten immer von neuem: Weißt du noch? oft von ein und
derselben Sache; wie als Kinder spielten sie Haschen, es war ihnen
gewissermaßen darum zu tun, immer etwas Neues zu erfinden, damit keine
Pause einträte, und trotzdem die Zeit möglichst in die Länge zu ziehen.
Noch hatte keines von ihnen einer einzigen Erinnerung vom Kuhstall oder
vom Häuschen Erwähnung getan, sie waren gar nicht in ihre Nähe gekommen,
und geflissentlich hatten sie vermieden, die Mutter zu erwähnen.
Nun fühlten sie beide, daß der Augenblick immer näher kam, wo sie das
nicht länger vermeiden konnten. Langsam schlenderten sie das letzte
Stück Heideland hinab, sie sprachen nun noch rascher, wie im Fieber, und
lachten laut und gezwungen. Auf einmal hörte ihr Lachen, wie jählings
abgeschnitten, auf -- sie waren zu dem Fleck dicht hinter dem Kuhstall
gekommen. Es wurde ganz still, und sie standen eine Weile; dann hoben
sie die Köpfe, und ihre Augen begegneten sich; die sahen nicht so aus,
als ob sie eben gelacht hätten -- sie waren so merkwürdig groß und
glänzend. So blieben sie eine Weile stehen. Da kam plötzlich der Klang
einer Kuhschelle von Svehaugen her an ihr Ohr. Jakob schüttelte
energisch den Kopf, als wollte er etwas von sich abschütteln und sagte
ganz gleichgültig:
Ist das nicht die Svehaugenschelle, die wir da hören?
Sidsel antwortete so gleichgültig, wie sie vermochte: Ja, das ist sie,
ich erkenne sie wieder.
Was die wohl für eine Stallkuh heuer auf Svehaugen haben?
Wir könnten ja hingehen und sehen, ob es -- Bliros ist.
Das war das erste Mal seit dem Tode der Mutter, daß Sidsel laut den
Namen der Bliros nannte; aber das war doch immerhin noch leichter, als
den Namen der Mutter zu nennen.
Kurz darauf waren Sidsel und Jakob unterwegs nach Svehaugen, sie waren
außen um den Kuhstall und das Wohnhaus von Schloß Guckaus gegangen --
denn es hatte keinen Sinn, das schöne Gras niederzutreten, hatte Jakob
gesagt. Und ganz richtig fanden sie wirklich Bliros am Gatter von
Svehaugen stehen. Sie glaubten auch fest, daß die Kuh Sidsel
wiedererkannte. Sie liebkosten sie und plauderten mit ihr und über sie
und gaben ihr Waffeln und Plinsen; sie hatten das Gefühl, als müßten sie
gewissermaßen wieder gut machen, daß sie nicht den Mut gehabt hatten, in
das Haus von Schloß Guckaus mit seinen vielen teuern Erinnerungen
hineinzugehen, und Jakob verstieg sich zuletzt dazu, daß er versprach,
er wolle Bliros für Sidsel zurückkaufen, sobald er erwachsen wäre.
Da konnte Sidsel sich nicht länger halten, sie schlang ihre Arme um
Bliros' Hals, sah sie lange an und sagte:
Glaubst du, Jakob, daß Bliros sich noch unsrer Mutter entsinnen kann? --
und nun begann sie zu weinen.
Das kam dem Jakob so unerwartet, daß er nicht gleich wußte, was er sagen
sollte. Aber nach einer Weile packte es auch ihn, und mit innerlicher
Überzeugung brachte er endlich hervor:
Ja, wenn sie sich überhaupt auf jemand besinnen kann, so muß es wohl die
Mutter sein.
Ein Sonntag im Gebirge.
Fünf Sommer sind vergangen seit Sidsel das erste Mal ins Gebirge
gekommen ist, und niemand, der es nicht weiß, könnte erraten, daß das
Sidsel ist, dies lange Mädel, das am heutigen Sonntag ganz allein auf
dem Steine sitzt, der, so lange irgend ein Hirte zurückdenken kann, der
Klininggrautstein geheißen hat und der so einsam und verborgen weit weg
in den Bergen liegt. Sie ist lang aufgeschossen; der lange, weite Rock,
den sie nun als Unterrock gebraucht, reicht ihr nicht einmal bis an die
Kniee, und sie hat keinen Birkenhut mehr und keine Schuhe aus
Birkenrinde, dafür hat sie ihr Sonntagshalstuch umgeschlungen und sitzt
mit einem Buche im Schoße da; denn im Winter soll sie in den
Vorbereitungsunterricht zum Pfarrer gehen, und im Frühjahr soll sie
konfirmiert werden.
Aus dem Lesen wird nichts, das Buch ist ihr in den Schoß gesunken, und
ihre ruhigen blauen Augen, die nun so ernsthaft und erwachsen
dreinschauen, gleiten über alle diese ihr so lieben und bekannten Plätze
hin. Rings um den Stein herum hat sich die Herde gelagert, die Tiere
ruhen aus und käuen wieder. Es ist bereits Spätsommer, der Himmel ist so
hoch und die Luft klar und kühl; soweit das Auge reicht, zeichnet sich
alles mit den schärfsten Umrissen ab, und Höhen und Gründe erstrahlen
schon in den bunten Farben des Herbstes, die hier oben bereits ihren
Einzug gehalten haben, die Sonne scheint so ruhig und auch gleichsam
kühl. Es ist ganz still ringsumher, man hört nicht einmal den Klang der
Schellen -- das Vieh hält Mittagsruhe -- nichts rührt sich, nur weit,
weit weg in der Ferne sieht sie einen Falken von der Herspitze
aufsteigen.