wohlbekannt und lieb geworden; sie muß unwillkürlich daran denken, wie
beständig, wie unveränderlich doch dies alles hier trotz des ewigen
Wechsels ist, während sonst so vieles wechselt, um nie wiederzukehren;
denn manches hat sich verändert, seit sie hier zum ersten Mal saß und
dasselbe Schauspiel genoß. Das Vieh ist verändert, die ältesten Tiere
sind weg, neue an ihre Stelle gekommen, die unglückliche »Mutters
Hornlose« ist nun eine erwachsene Kuh geworden mit ganz ungewöhnlich
prächtigen Hörnern; die Sennerin hat ihren Platz verlassen, eine andre
ist an ihre Stelle gekommen; ihre Hirtenkameraden Jon und Peter sind
ebenfalls weg, schon die letzten zwei Sommer sind sie nicht mehr hier
gewesen, nachdem sie vor zwei Jahren zusammen mit Jakob konfirmiert
worden sind. Jon ist sogar nach Amerika ausgewandert. Sie hat sie sehr
vermißt, manchmal hat sie in diesen zwei Sommern sich einsam gefühlt;
denn weder nach Högseth noch Lunde sind neue Hirten gekommen. Daheim auf
Hoël hat ebenfalls ein Teil der Leute gewechselt. Bär ist blind
geworden, und sie selbst hat nun an den Winterabenden nicht länger ihren
Platz beim Holzhaufen, sondern am Spinnrocken neben Kjersti, außer wenn
sie ihre Sprüche und Gesangbuchslieder lernen muß.
Und nun wird wohl wieder alles anders; nun ist wohl auch sie den letzten
Sommer hier oben. Und was soll dann mit ihr werden? Kjersti Hoël hat
bisher nichts hierüber geäußert, vielleicht will sie sie nicht einmal
länger im Dienst behalten. Aber sie jagt diese Gedanken von sich; sie
will jetzt nicht daran denken, jetzt, wo alles um sie herum so herrlich,
friedlich und schön ist; wie sich auch alles gestalten, wohin sie auch
kommen mag, so viel ist sicher, diese Plätze wird sie nie vergessen
können und vor allem niemals diesen Stein, der immer ihr Lieblingsplatz
gewesen ist, und vollends nun, nachdem es hier oben in den Bergen so
einsam um sie geworden ist. Und von neuem schaut sie umher.
Da erblickt sie weit draußen im Moor die Gestalt eines Mannes, der auf
sie zu gewandert kommt; ab und zu beugt er sich nieder, offenbar, um
eine Multbeere zu pflücken, die nun bereits zu reifen anfangen. Da
nehmen ihre Gedanken eine andre Richtung.
Wer das wohl sein mag? Es kann wohl kaum einer sein, der nach seinen
Pferden ausschaut; denn die pflegen nie an Sonntagen zu gehen. Ein
Beerensammler kanns aber auch nicht gut sein; denn die Multbeeren sind
noch nicht so reif, daß das Sammeln sich lohnte. Es muß einer sein, der
zu seinem Vergnügen im Gebirge wandert. Wenn es Jakob wäre! Den hat sie
seit letztem Herbst nicht wiedergesehen, und damals sagte er ja, er
wolle sie im Sommer aufsuchen; die Gestalt glich aber auch Jakob nicht,
außerdem kannte der sich wohl kaum hier im Westgebirge genügend aus, um
sich allein zum Klininggrautstein hinauf zu finden, und es sah so aus,
als ob der dort gerade hierher wollte, und offenbar kannte er auch das
Moor und wußte, wo Multbeeren wuchsen, und wo es gangbar war. Es war
doch nicht etwa gar ...? Sie wurde rot beim bloßen Gedanken, aber gerade
da war er unten am Abhange verschwunden, und sie konnte ihn nicht mehr
sehen.
Unwillkürlich band sie ihr Kopftuch fester, strich ihr lichtes Haar
unter das Tuch zurück und glättete die Falten ihres Rockes. Darauf
setzte sie sich, mit dem Rücken halb nach der Richtung gewandt, von wo
er kommen mußte, nahm ihr Buch, beugte den Kopf darüber und tat, als ob
sie läse.
Bald darauf kam hinter ihr ein junger Mann die Anhöhe herauf. Er hatte
funkelnagelneue Frieskleider an, einen neuen Schal um den Hals gebunden
und trug hohe Schaftstiefeln; er war nicht gerade groß, eher untersetzt,
und in dem jugendlichen Gesicht mit dem kaum bemerkbaren Schatten eines
Flaums unter der Nase saßen ein Paar braune, gutherzige und treue Augen.
Er blieb eine Weile stehen und sah auf die Ebene herab, wo Sidsel auf
dem Steine saß und die Herde um sie rastete; es war deutlich zu sehen,
daß dies Bild in ihm eine Erinnerung wachrief, daß er das Bild schon
früher gesehen hatte. Sidsel sah nicht auf, aber sie fühlte, daß der
andre dort war, fühlte es förmlich im Rücken, daß er dastand und sie
betrachtete. Er lächelte; dann machte er einen Umweg, um von der Seite
her zu ihr hinunter zu kommen, damit das Vieh Zeit hätte, seiner
rechtzeitig gewahr zu werden, und nicht erschreckt aufführe. Er ging
ruhig gerade auf sie zu, so daß sein Schatten über das Buch hinglitt; da
blickte sie auf, und ihre Augen begegneten sich; beide erröteten leicht,
aber da sagte er rasch:
Guten Tag, Sidsel!
Guten Tag! Nein, du bist's Peter? Was bringt denn dich hierher?
Sie gaben sich die Hand.
Ja, ich dachte, es müßte nett sein, die alten Plätze wieder zu sehen,
und da Jakob dich hier oben besuchen wollte, schloß ich mich ihm an.
Ist Jakob auch mit?
Ja, aber er ist unten auf der Senne geblieben, er war müde; wir sind
nämlich heute schon in aller Frühe aufgebrochen, und dann hatten wir
auch dem Högseth versprochen, morgen ein paar seiner Gäule mit nach
Hause zu bringen. Ich soll dich von ihm grüßen.
Warst du denn so sicher, mich hier zu finden?
O ja, ich konnte es mir ungefähr denken, wo du bei solchem Wetter sein
würdest. Und für mich ist es ja auch unterhaltend, hier mich umzusehen,
da ich hier bekannt bin.
Er setzte sich neben sie auf den Stein und schaute bedächtig ringsum.
Findest du dich wieder zurecht?
Ja, alles ist ganz unverändert, als ob ich erst gestern hier gehütet
hätte. Aber dich hätte ich beinahe nicht wiedererkannt, du bist so groß
geworden.
Findest du?
Es ist ja aber auch zwei Jahre her, seit ich dich gesehen habe.
Es entstand eine kleine Pause; dann fuhr Peter fort:
Ich ging über das Skraamoor, an unserm Badeteich vorbei, der ist
ausgetreten.
Ja.
Ich habe schon daran gedacht, ob ich ihn nicht wieder für dich aufdämmen
sollte.
Ach nein, das brauchst du nicht; ich habe meinen Badeteich an einer
andern Stelle, die niemand kennt.
Nein, was du sagst.
Ja, den habe ich schon das letzte Jahr gehabt, als ihr noch hier wart.
Also da stecktest du an den Tagen, wo wir dich nirgends finden konnten?
Bisweilen, ja.
Das Vieh fing an, aufzustehen und davon zu trippeln und da mußte Peter
sich die alten Ziegen anschauen und sehen, ob er sie noch kannte, und
wirklich kannte er sie alle noch ganz gut, und Sidsel erzählte ihm von
den neuen; aber bald war die Herde ihren Blicken entschwunden, und da
hatten sie auch nichts mehr mit einander zu reden. Sie saßen immer noch
nebeneinander auf dem Steine. Darauf sagte Peter:
Du hast deinen Birkenhut nicht mehr, Sidsel?
Nein, der ist schon lange abgetragen.
Aber was hast du denn da an der Schnur?
Er griff behutsam nach einer Schnur, die sie um den Hals trug, und zog
daran. Aus ihrem Busen zog er die Hornpfeife, die er ihr einst geschenkt
hatte.
Ich glaube gar, du hast die Hornpfeife noch?
Sidsel wurde über und über rot, sie schämte sich, daß er sah, wie
kindlich sie noch war, und beeilte sich zu sagen:
Ja, ich trage sie -- bisweilen.
Ich habe meine auch noch, sie ist das einzige Andenken an meine
Hirtenzeit, das ich noch habe, und er zog aus der Brusttasche die Pfeife
hervor, die aus dem einen Horn Krummhorns angefertigt war.
Wollen wir mal versuchen?
Da lachten sie beide und bliesen zusammen eine lustige Hirtenweise, wie
sie das früher so oft getan hatten -- keines hatte das Stück vergessen.
Als sie damit fertig waren, entstand wieder eine Pause. Endlich sagte
Sidsel:
Nun muß ich aber wohl nach meiner Herde sehen, sonst könnte es mir
passieren, daß ich ohne Herde nach Hause komme.
Laß sie nur ziehen, die finden sich schon von allein nach Haus, und da
können wir zusammen nach der Senne gehen, nicht wahr?
Ja, lassen wir sie laufen.
Wieder wurde es eine Weile still. Dann stand Sidsel auf und sagte:
Nun müssen wir aber wohl gehen.
Peter blieb sitzen und sagte bloß ganz ruhig und bescheiden:
Kannst du nicht noch ein Weilchen sitzen bleiben? Ich möchte dich gern
was fragen.
Sidsel senkte den Kopf und setzte sich wieder, ohne etwas zu erwidern.
Ich habe dir Grüße auszurichten -- von Jon. Er hat mir vor vierzehn
Tagen geschrieben aus Amerika. Er bittet mich ausdrücklich, dich zu
grüßen.
Danke. Geht's ihm gut?
Ja, es geht ihm gut; er hat einen guten Platz bekommen und verdient viel
Geld.
Jon verdient's aber auch; er ist sicher ein flinker Bursch geworden.
Ja, das ist er. -- Er fragt, ob ich nicht zum Frühling nachkommen will.
Er will mir das Billet schicken.
Da blickte Sidsel auf und sah ihn einen Augenblick an, darauf senkte sie
wieder den Kopf und sagte kein Wort. Peter fuhr fort:
Und da wollte ich dich nun fragen, ob du willst, daß ich das tue?
Es wurde ganz still, und er saß da und sah sie fragend an. Sie saß lange
mit niedergeschlagenen Augen; dann sah sie plötzlich auf, richtete die
blauen Augen auf ihn und sagte rasch und bestimmt:
Nein, das will ich nicht.
* * * * *
Es wurde nicht weiter über die Sache gesprochen, und bald darauf waren
sie auf dem Weg nach der Senne. Sie gingen an allen den bekannten
Plätzen vorüber, die am Wege lagen, dem Badeteich und dem Pegesteig, und
überall hatten sie viele gemeinschaftliche Erinnerungen aus der Zeit,
als sie hier zusammen ihre Herden gehütet hatten, und mehr als einmal
sagten sie, es wäre doch schade, daß Jon vielleicht nie wieder hierher
zurückkommen würde. Der Himmel wölbte sich hoch und klar über ihnen, und
das Gebirge lag mit seinen unendlichen stillen Höhenzügen vor ihnen, und
sie fühlten sich wunderbar leicht und froh. Obwohl sie nichts mit
einander ausgemacht hatten, war es doch beiden, als bestände zwischen
ihnen eine heimliche Verabredung, ein wunderliches Geheimnis, von dem
niemand, nicht einmal Jakob, etwas erfahren durfte.
Selbst Sennerin.
Es ist der erste Sonntag nach Ostern, am frühen Vormittag. Sidsel sitzt
in der Gangkammer auf Hoël an ihrem kleinen Tisch, den einen Ellbogen
auf den Tisch gestützt und die Hand unter dem Kinn, und starrt in ein
großes schwarzes Buch, das aufgeschlagen vor ihr liegt, das neue
Testament; sie bewegt langsam die Lippen und liest. Heute morgen ist sie
nicht mit im Kuhstall gewesen -- seit vielen Jahren das erste Mal --
Kjersti Hoël hat gesagt, sie solle ein paar Stunden für sich allein
sein; niemand darf sie stören.
Hier sitzt sie nun im langen, schwarzen Kleide mit einer weißen
Halskrause, ein wenig steif und unbeholfen; das neue Kleid zwängt etwas,
und sie drückt die Ellbogen dicht an und wagt kaum den Rücken zu beugen;
es ist das erste Mal, daß sie ein richtiges langes Kleid anhat, früher
trug sie bloß einen Rock und eine Jacke. Das lichte Haar ist glatt
zurückgestrichen und im Nacken zu einem Knoten aufgesteckt; sie sieht
heute auch etwas blasser aus als gewöhnlich, und die Lippen, die sich
fortgesetzt bewegen, sind auffallend rot und feucht, aber ihre Augen
blicken ruhig und klar; im ganzen ist sie wirklich hübsch, wie sie hier
in ihrem Kämmerchen sitzt und darauf wartet, bis es Zeit zum Kirchgang
ist. Heute soll sie konfirmiert werden.
Es klopft, und herein tritt Kjersti Hoël; auch sie ist im vollen Staat,
im altmodischen schwarzen Kleid mit faltenreichem Leibchen,
frischgeplätteter Faltenhaube auf dem Kopfe, und in der Hand trägt sie
das große Gesangbuch -- das mit dem großen Druck, das sie bloß an
besonderen Feiertagen benutzt -- und auf dem Buche das zusammengelegte
Taschentuch.
Sie bleibt eine Weile stehen, betrachtet Sidsel mit ernsthafter Miene
und sagt:
Fühlst du dich nun vorbereitet, Sidsel?
Sidsel antwortet bescheiden:
Ich glaube, ja.
Dann ist es wohl Zeit, daß wir gehen. Komm, ich will dir das Kopftuch
knüpfen, damit du dir die Haare nicht einreißt.
Sie knüpft ihr das Kopftuch, sie gehen langsam hinaus und durch den
Flur. Draußen vor der Tür steht der Wagen mit dem Soldatenpferd.
Setz dich neben mich, Sidsel.
Sie steigen ein und fahren von dannen; keines sagt unterwegs ein Wort.
Während sie zum Hofe hinaus auf die Landstraße fahren, umgibt sie das
Brausen des jungen Frühlings. Bäche und Flüsse rauschen an ihnen
vorüber, Vögel singen und zwitschern zu Tausenden, Insekten summen, die
sprossenden Bäume und Kräuter duften über das ganze Tal hinweg, und hoch
oben am Himmel steht die Sonne und wirft ihr glitzerndes Licht auf die
Erde nieder. Aber das alles macht heute nicht solchen Eindruck auf
Sidsel wie sonst; es wirkt auf sie wie Geschrei und wüster Lärm, wie
etwas Unharmonisches, das sie in Unbehagen erzittern läßt --
unwillkürlich schmiegt sie sich im Wagen dichter an Kjersti an -- sie
hat einzig das Bedürfnis nach Stille. So fahren sie eine Weile.
Da schlägt es ihnen plötzlich wie eine mächtige, breite Woge entgegen
und spült allen Lärm hinweg -- es sind die Kirchenglocken, die nun so
breit, ruhig und sicher einsetzen. Sie übertäuben zwar das
Frühlingsbrausen nicht, aber sie nehmen es gewissermaßen in ihr Geläute
auf, bringen förmlich Harmonie hinein, nehmen es als Begleitung, das
Ganze wirkt wie Orgelbrausen zu Kirchengesang.
Da wird es ringsum auf einmal so friedlich und festlich, wie Sidsel es
nie zuvor empfunden hat. Nun ist Feiertag auch in ihr, und alles um sie
herum ist wie verwandelt, wird lichter, mächtiger, festlicher; sie fühlt
sich unsäglich froh.
Von dem Augenblick an weiß sie nicht mehr recht, was um sie vorgeht.
Als sie zur Kirche kommt, erscheint ihr die Menge, die dort steht und
wartet, so groß und so festtäglich, und ihr ist, als hätte sie nie
bemerkt, daß die Kirche so hoch und so hell ist.
Wie sie in der Kirche durch den Mittelgang geht, fühlt sie sich so frank
und so frei; auch hier ist es so wunderbar licht, und als sie zu ihren
Mitkonfirmanden hinsieht, die zu beiden Seiten des Mittelgangs in langer
Reihe mit gesenkten Köpfen stehen, kommt es ihr vor, als ob alle
Gesichter förmlich strahlten.
Als der Pastor aus der Sakristei kommt, erscheint auch er ihr viel
größer als sonst, und sein Gesicht ist mild, und als er anfängt zu
sprechen, versteht oder hört sie eigentlich nicht, was er sagt, aber sie
fühlt doch, es ist etwas Großes, Gutes, das sie rührt wie Musik.
Beim Gemeindegesang singt sie lauter als sonst; ihre Brust weitet sich
unwillkürlich, und als sie abgefragt wird, weiß sie nicht, ob sie recht
gehört hat, antwortet aber laut und unverzagt und ist dessen sicher, daß
sie richtig antwortet; und als sie niederkniet und dem Pastor die Hand
reicht, da ist ihr, als lächelten die steifen Altarbilder.
Ganz zu sich selbst kommt sie erst wieder, als die feierliche Handlung
vorüber ist, und sie zu Kjersti Hoël in den Kirchenstuhl kommt.
Diese erfaßt ihre Hand und sagt halblaut:
Glück und Segen, Sidsel!
Sidsel steht ein wenig, sieht dann auf mit großen Augen, als ob sie aus
einem Traume erwache, lächelt und flüstert leise: Danke, Kjersti Hoël.
Dann ist die Feier zu Ende, und sie verlassen die Kirche.
Draußen vor der Kirche stehen Jakob und Peter. Sie nehmen ihre Mützen ab
und begrüßen erst Kjersti Hoël; dann kommen sie zu Sidsel, einer nach
dem andern, nehmen wieder ihre Mützen ab und reichen ihr die Hand und
sagen:
Glück und Segen, Sidsel!
Darauf gehen sie langsam über den Kirchanger -- so viele müssen die
Kjersti Hoël begrüßen und sie fragen, was das für ein Mädel ist, das
heute mit ihr zur Konfirmation gekommen ist -- endlich sind sie an ihrem
Wagen, der Braune ist bereits vorgespannt, sie steigen ein und fahren
heimwärts. Sie reden nicht zusammen; erst als sie nach Hause gekommen
sind, sagt Kjersti:
Du willst gewiß gern auch heute nachmittag noch eine Weile für dich
allein sein, gelt?
Ja, danke.
* * * * *
Am Nachmittag sitzt Sidsel wieder allein in ihrer kleinen Gangkammer.
Bär, der nun ganz erblindet ist, liegt draußen vor der Tür -- die
wenigen Male, die er aus der Küche, wo er jetzt meist im Winkel beim
Herde liegt, herauskommt, wählte er diesen Platz an Stelle des früheren
draußen auf der Steinplatte, dort gingen so viele aus und ein, und die
waren so rücksichtslos und traten ihm immer auf die Pfoten; Sidsel
dagegen ging immer vorsichtig um ihn herum.
Jetzt liest sie nicht in einem Buch; sie hat ihren alten Unterrock vor
sich auf dem Bett ausgebreitet, den sie übrigens den letzten Winter
nicht mehr getragen hat, und der nun so merkwürdig klein und geflickt
aussieht.
Als sie heute nachmittag in ihr Kämmerchen gekommen war, wo die
Abendsonne quer durch das kleine Fenster hereinschien und dieses auf der
Bettdecke abzeichnete, da fühlte sie sich wunderbar ruhig und zufrieden;
sie verspürte nicht die geringste Lust, sich niederzusetzen und an
ernsthafte Dinge zu denken oder zu lesen; es schien ihr ganz natürlich,
herumzubasteln und froh zu sein, ohne sich weiter Gedanken zu machen.
Sie besaß keine Reichtümer auf dieser Welt, aber immerhin hatte sie ein
kleines Kästchen, das sie im zweiten Dienstjahre geschenkt bekommen
hatte, und in dem waren nicht bloß kleine Seitenfächer, sondern auch ein
Fach im Deckel, und in dem Kästchen hatte sie das Wenige gesammelt, was
sie besaß und was ihr des Aufbewahrens wert erschien. Nun holte sie es
herbei und öffnete es; es war so unterhaltend, jedes einzelne kleine
Ding herauszunehmen und dabei alten Erinnerungen nachzuhängen.
Hier lag ein altes, zerbrechliches Taschenmesser, dasselbe, das sie den
ersten Sommer im Gebirge von Jon bekommen hatte, und da war ein Brief
von ihm, den sie letzten Herbst erhalten und von dem niemand etwas wußte
und in dem er sie fragte, ob er ihr und Jakob Fahrkarten nach Amerika
schicken dürfe, wenn sie erst konfirmiert wäre. Sie hatte ihm noch nicht
geantwortet, aber nun wollte sie es bald tun und ihm danken; denn sie
wußte, sie würde niemals reisen. Und dort hatte sie die
Ziegenhornpfeife, die sie von Peter bekommen hatte -- sie bekam auf
einmal unbändige Lust, sie wieder zu probieren, aber sie wagte es doch
nicht, es hätte sich zu sonderbar angehört -- und neben der Pfeife lag
ein seidenes Halstuch, das ihr Jakob zu Weihnachten von ihm mitgebracht
hatte; sie selbst hatte Peter seit jenem Tage oben im Gebirge im
vergangenen Jahre weder gesprochen noch gesehen.
Und hier fand sie auch den Brief, den ihr Jakob geschrieben hatte, als
sie sich oben auf Guckausschloß treffen wollten, den einzigen Brief, den
sie von ihm erhalten; Jakob schrieb höchst ungern, aber dafür hatte sie
auch ein paar andre Kleinigkeiten, die sie von ihm bekommen hatte.
Und ganz unten auf dem Boden lag ein Tuch, das sie bisher noch nie
herausgenommen hatte; es war noch von der Mutter; heute getraute sie
sich eigentlich zum ersten Male, richtig an ihre Mutter zu denken; sie
nahm das Tuch heraus und breitete es auf dem Bette aus, und da
gleichzeitig ihr Blick auf ihren alten, an der Wand hängenden Rock fiel,
nahm sie den herunter und breitete ihn auch aus; darauf setzte sie sich
und besah sich diese ärmlichen Sachen; nun konnte sie erst richtig an
vergangene Zeiten zurückdenken, ohne von hoffnungslos traurigen Gedanken
überwältigt zu werden, zurückdenken an alle die teuern Erinnerungen, die
diese unansehnlichen Dinge für sie bargen, besonders an die aus der Zeit
von Schloß Guckaus. So blieb sie lange in Gedanken versunken sitzen; sie
begann von Anfang an, soweit ihre Erinnerung zurückreichte, und ging
vorwärts bis zum heutigen Tage, die Erinnerungen kamen wie von selbst
und in bestimmter Reihenfolge, und alle waren gleichsam nur liebe, gute
Erinnerungen, alles Schlimme war wie verschwunden oder erschien ihr nun
in einem milderen, freundlicheren Lichte.
Plötzlich klopfte es an die Tür, und ehe sie noch Zeit gehabt hatte,
alle ihre Siebensachen wegzuräumen oder nur ihre Gedanken soweit zu
sammeln, um aufzustehen, kam Kjersti Hoël herein.
Sidsel sah, daß Kjersti gleich die Sachen bemerkt hatte, wurde aber doch
nicht verlegen, denn Kjersti sagte lächelnd:
Ich sehe, du sitzt hier und denkst an deine Mutter, Sidsel, und das ist
recht von dir. Nun komm aber mit in meine Kammer. Ich möchte etwas mit
dir besprechen.
Sidsel wurde auf einmal ganz verwirrt, in so ernstem Ton hatte Kjersti
noch nie zu ihr gesprochen. Sie stand still auf und ging mit.
Kjersti ging durch die Küche und geradeswegs auf die Kammertür zu,
Sidsel dicht hinter ihr drein, und man kann sich denken, daß die andern
von ihrer Arbeit aufsahen und sich fragten, was das wohl zu bedeuten
haben könnte.
Als sie in die Kammer gekommen waren, setzte sich Kjersti an den Tisch
und lud Sidsel ein, ihr gegenüber Platz zu nehmen.
Dann sagte sie:
Ja, Sidsel Langröckchen, nun bist du also erwachsen, und in Zukunft mußt
du dein eigener Berater sein. Nun habe ich das Versprechen, das ich
deiner Mutter gab, bis zum letzten Punkt erfüllt; und ich kann dir heute
sagen, daß ich nur Freude an dir erlebt habe, du hast dich gut gehalten,
wie es sich für ein braves Mädchen ziemt. Und wirst du dich auch in
Zukunft so entwickeln, so glaube ich wohl, deine Mutter würde mit dir,
wie auch mit mir zufrieden sein. Von heute ab habe ich aber nicht mehr
das Recht, über dich zu verfügen, nun mußt du selbst wählen, was du tun
willst und für richtig findest. Ich will dich deshalb fragen -- versteh
mich recht, du sollst vollkommen frei wählen -- ob du noch weiter hier
bleiben willst, oder ob du nun, wo du für dich selbst sorgen sollst,
lieber etwas andres versuchen willst. Ich kann hinzufügen, daß ich es
gern sähe, wenn du bliebest.
Es wurde mäuschenstill in der Kammer. Dann sah Sidsel, große Tränen in
den Augen, auf und sagte:
Ich will bei dir bleiben, Kjersti Hoël, so lange du mit mir zufrieden
bist.
Ich dachte mir schon, daß du das wolltest. Und deshalb habe ich mir auch
noch etwas andres ausgedacht. Du bist zwar noch sehr jung, aber es ist
nicht immer falsch, zeitig mit etwas zu beginnen. Du hast dich als so
zuverlässig und geschickt erwiesen, im Kuhstall wie auf der Senne, daß
ich denke, ich kann dir das wohl anvertrauen. Wenn du willst, so dinge
ich dich gleich heute als Sennerin auf Hoël.
Inhaltsverzeichnis.
Seite
1. Kapitel: Sidsel Langröckchen als Spinnfrau 1
2. " : Abschied von Schloß Guckaus 21
3. " : Wenn das Vieh auf die Weide gelassen wird 33
4. " : Die Alpfahrt 52
5. " : Krummhorn wird gezähmt 69
6. " : Heim von der Senne 84
7. " : Auf der Herspitze 98
8. " : Daheim im Guckaus-Schloß 113
9. " : Ein Sonntag im Gebirge 129
10. " : Selbst Sennerin 140
Verlag von Georg Merseburger in Leipzig
Von Hans Aanrud erschienen ferner für Kinder und Erwachsene:
Kroppzeug. Zwölf Geschichten von kleinen Menschen und Tieren. 4.-6.
Tausend. Brosch. 2.25 M., kart. 2.50 M., geb. 3 M.
Inhalt: 1. Die Bachstelze. 2. Wie Ola sein Abendgebet verkaufte. 3.
Die Kirchfahrt. 4. Reineke Fuchs. 5. Hahnenkampf. 6. Der erste Handel.
7. Wildtauben. 8. Die Zipfelmütze und die Talermütze. 9. Pelle lebt und
hat es gut. 10. Wie die Nordlihühner das Eierlegen lernen sollten. 11.
Klein-Marthe. 12. Dreizehn-Kari und Vierzehn-Kari.
Jungen. Vierzehn Geschichten von kleinen ganzen Kerlen. Mit elf
Kunstbeilagen von Lisbeth Bergh. Brosch. 2.25 M., kart. 2.50 M., geb. 3
M.
Inhalt: 1. Der Gemeindejunge. 2. Amunds neue Ski. 3. Wenn die
Graugänse fliegen. 4. In Großvaters Auftrag. 5. Kirchenexamen vor dem
Bischof. 6. Die Mütze, die auf der Wolke war, um Gold zu holen. 7. Der
erste Arbeitstag. 8. Alexander und Buzephalos. 9. Holzvermesser Ole
Pedersen. 10. Ranzenräuber und Zottelbär. 11. Tischler Simen und der
Blaufuchs. 12. Die Kvinstöljungen. 13. Erste Liebe. 14. Wie Hans und
Marte die Henne hüteten.
Sölve Solfeng. Das Sonntagskind, Erzählung. Mit Zeichnungen von Arthur
Michaelis. Brosch. 2.25 M., kart. 2.50 M., geb. 3 M.
Wo der Schnee leuchtet! 16 Geschichten aus Nordland. Brosch. 2.25 M.,
kart. 2.50 M., geb. 3 M.
Erzählungen. 16 Bauern-Geschichten. Brosch. 3 M., geb. 4 M.
Inhalt: 1. Mari Smehaugen. 2. Die Sünde, die nicht vergeben wird. 3.
Stadtreise. 4. Der Freier. 5. Als die Alte auf Braaset sterben sollte.
6. Krankenbesuch des Pfarrers. 7. Glatteis. 8. Brüder im Herrn. 9.
Mister Johnson aus Amerika. 10. Martin mit den Stöcken. 11. Wie der
liebe Gott das Heu des Asmund Bergemellem bekam. 12. Wie der Ola Guckaus
zu einer Frau kam. 13. Eine Winternacht. 14. Und machet seine Steige
richtig. 15. Weihnachtsgäste. 16. Aus der Zeit des alten Pfarrers.
Drei Komödien. Inhalt: Der Storch. -- [3]Hoch zu Roß. -- [3]Der Hahn.
Einzeln brosch. je 1.50 M., komplett brosch. 3. M., geb. 4 M.
[Fußnote 3: Sind noch in Vorbereitung und erscheinen demnächst.]
Anmerkungen zur Transkription
Der Originaltext ist in Fraktur gesetzt. Hervorhebungen, die im
Original g e s p e r r t sind, wurden mit Unterstrichen wie _hier_
gekennzeichnet.
Offensichtliche Druckfehler wurden wie hier aufgeführt korrigiert
(vorher/nachher):
[S. 29]:
... Tannenreißig auf den ganzen Weg bis ans Haus ...
... Tannenreisig auf den ganzen Weg bis ans Haus ...
[S. 114]:
... grüßen und ihm zu sagen, er, Jon Hogseth, würde ...
... grüßen und ihm zu sagen, er, Jon Högseth, würde ...