bloß auf die Sennerin, die noch in der Hütte den Käse zur Wegzehrung
zubereitet, den letzten, von der Milch, die am selben Morgen gemolken
ist, und die sie nicht stehen lassen können.
Jon und Peter kommen am Pferch vorbeigeschlendert. Auch sie sind heute
stiller als gewöhnlich; sie bleiben stehen und schauen zu Sidsel hinauf,
aber es dauert lange, bis eins ein Wort spricht. Endlich sagt Peter:
Solls nun fortgehen, Sidsel?
Ja, heute gehts heim.
Unwillkürlich sehen sie alle drei zu dem Gebirge hinauf.
Ach ja, nun wirds einsam in den Bergen. Ich soll noch acht Tage bleiben.
So lange noch? Und du, Jon?
Ich soll übermorgen heimwärts.
Wieder wird es eine Weile still. Dann sagt Sidsel:
Nun muß ich wohl hinunter. Sie sind gewiß schon fertig.
Sie klettert vom Dach herab und kommt zu ihnen. Wieder stehen sie da und
wissen nicht, was sie sagen sollen. Endlich sagt Peter:
Kommst du nächsten Sommer wieder, Sidsel?
Ja, wenn Kjersti Hoël mit mir zufrieden ist. Aber das ist wohl kaum zu
erwarten, wenn ich ohne Krummhorn heimkomme.
Ach, so unbillig ist Kjersti Hoël nicht; den Hirten möchte ich sehen,
der Krummhorn hüten könnte.
Es müßte denn ein Pferdehirt sein, meinte Jon.
Wieder tritt eine Pause ein. Darauf sagt Jon:
Heuer wurde nun doch nichts aus unserm Ausflug auf die Herspitze, wo
damals der König war.
Nein, daraus wurde nichts.
Wir beide kommen nächsten Sommer auch wieder.
Dann könnten wir ja den Ausflug nachholen; es ist freilich schrecklich
weit.
Ja, das können wir. Und ich kann euch viel davon erzählen; denn mein
Vater war damals mit und kutschierte.
Den König?
Nicht den König; aber den Amtmann.
Mein Vater war auch mit und kutschierte, warf Peter ein, ich kann also
auch erzählen.
Deiner kutschierte aber bloß eine alte Schrumpel.
Die Schrumpel kam aber gleich hinter der Königin, sie war's auch, die
auf dem Rückweg mit ihr allein ohne Zwischenraum ging.
In dem Augenblick wurde Sidsel weggerufen. Sie zögerte ein klein wenig,
dann streckte sie ihre kleine Hand hin und sagte:
Habt also schönen Dank für alles Gute und laßt's euch gut gehen.
Danke, gleichfalls, sagte Jon; ja, so ist's also abgemacht, zum Sommer
sehen wir uns wieder.
Jawohl.
Leb wohl, sagte Peter. Er hielt ein Weilchen ihre Hand in der seinen,
und dann merkte er, er müßte doch noch etwas sagen:
Ich werde Jakob von dir grüßen, Sidsel.
Und darauf verschwanden die Jungen wieder hinter dem Pferch, ebenso
still, wie sie gekommen waren.
* * * * *
Auf der eingezäunten Wiese waren die Knechte damit beschäftigt,
aufzupacken.
Das Soldatenpferd wurde zum Gatter hingeführt. Sidsel lief auf den
Weideplatz, trieb das Kleinvieh zusammen und zählte ihre Herde heute
wohl schon zum zehnten Mal; bald war alles zum Abmarsch bereit.
Da erschien die Sennerin in der Tür, sie war wieder im Feiertagsputz,
wie am Tage, als sie ankamen. Sie schlug die Tür der Sennhütte hart ins
Schloß, drehte feierlich langsam den mächtigen Schlüssel herum, zog ihn
aus dem Schloß heraus und steckte ihn in die Tasche, sie wollte ihn
selber aufbewahren und eigenhändig an Kjersti Hoël abliefern. Darauf
schlug sie mit der Faust gegen die Tür, um zu prüfen, ob sie ordentlich
verschlossen war, ging ans Fenster und sah hinein, ob auch alles in
gehöriger Ordnung und das Feuer auf dem Herde ausgelöscht war. Dann
stieg sie zu Pferde, einer der Knechte öffnete das Gatter für sie, wie
vor einer Königin -- stolz ritt sie hinaus.
Ihr schloß sich der Zug der Packpferde an, und darauf kam in der alten
Ordnung die Schellenkuh, Brandros und die ganze stattliche Schar. Den
Schluß bildete das Kleinvieh, und zu allerletzt kam Sidsel, den Stecken
in der Hand, den Birkenhut auf dem Kopfe und den Ranzen auf dem Rücken.
Sie mußte sich noch einmal umsehen. Die Senne lag öde und verlassen da,
das Gebirge merkwürdig einsam; gewiß, auch sie hatte sich die letzten
Tage nach Hause zurückgesehnt, aber es war ihr nun doch gar eigen zu
Mute, als sie jetzt das alles verlassen sollte. Sie hatte dasselbe
Gefühl, wie damals, als sie Schloß Guckaus verließ. Es war wunderlich,
daß sie gerade jetzt daran denken mußte -- den ganzen Sommer über hatte
sie nicht mit einem einzigen Gedanken daran gedacht.
Nein, sie wollte auch jetzt nicht daran denken -- sie hatte wahrlich
andres zu tun. Gott Lob, daß sie heim sollten und daß alles so gut
abgelaufen war; sie hatte alle ihre Ziegen und Schafe -- außer
Krummhorn. Von der hatte sie seit jenem Tage, wo sie gezähmt werden
sollte, keine Spur mehr zu sehen gekriegt, aber gehört hatte sie, daß
man weit oben im Gebirge eine fette Ziege gesehen, die einem weidenden
Pferdetroß folgte.
* * * * *
Den ganzen Tag lang geht der große Zug übers Gebirge, ruhig und
gleichmäßig.
Alle, Mensch und Tier, sind gleichsam fetter und schwerer geworden als
im Frühling, alle treten sicherer, fester auf, nirgends kann man eine
Spur von Ermüdung bemerken, oder daß eins oder das andre zurückbliebe.
Und ob es die Sennerin ist -- »Butterfaß« wie sie immer im Herbst
genannt wird --, die rund und selbstzufrieden und rotbäckig noch einmal
zurückschaut, oder ob es die kleine Sidsel ist, die vorwärts schaut, --
beide denken sie, daß sie sich vor Kjersti Hoël ihrer Herden und des
eingeernteten Winterfutters nicht zu schämen brauchen.
Es geht gegen Abend, und auf einmal führt der Weg steil bergab, und das
Tal öffnet sich unten zu ihren Füßen; bereits können sie die Aue drüben
auf der andern Seite erblicken.
Alle müssen unwillkürlich dahinüber schauen, aber noch können sie bloß
einen grünen Streifen ganz oben am Abhang erkennen. Die einzige, die
schon Häuser sieht, ist Sidsel -- dort oben gegenüber sieht sie, wie die
untergehende Sonne in einem kleinen Fenster einer niedrigen, grauen
Hütte glitzert und blinkt -- das ist Schloß Guckaus.
Dann mit einmal sind sie bis zum Rande der Aue gekommen, das ganze Tal
liegt offen, breit und friedlich vor ihnen ausgebreitet, mit seinen
gelben Äckern und dem Getreide auf den Diemen, mit grünen Abhängen und
Birkenhainen, die in gelber und roter Färbung flammen.
Dort sehn sie auch Hoël; groß und schwerfällig, frisch aufgeputzt, liegt
der Hof mit seinen breiten, blanken Fenstern da. Der Rauch steigt aus
dem Schornstein auf wie ein einladender, Kaffee verheißender
Willkommengruß; nun hat wohl Kjersti bereits den Kaffeekessel über das
Herdfeuer gehängt, um sie zu empfangen, wie es sich gebührt.
Jetzt kommt Leben in die Reihen, alle wissen, nun steht Kjersti am
Fenster und sieht, daß der Zug die Halde herabkommt; alle beeilen sich
unwillkürlich, die Pferde greifen aus, die Kühe fallen in kurzen Trab,
die Schellenkuh brüllt, daß es weit über das Tal schallt, die Schellen
der Ziegen und Schafe tingeln, und Sidsel bläst einen schrillen Triller
auf ihrer Hornpfeife. Alle im Tal sollen hören, daß jetzt die stolze
Viehherde des Hoëlhofs von der Alp heimkommt.
Dann geht es in den Talgrund hinab und auf der andern Seite wieder
hinauf; bald sind sie wieder daheim.
Kjersti Hoël steht selbst an der Kuhstalltür und öffnet.
Die Kühe erkennen sie wieder, alle schreiten sie, eine nach der andern,
an ihr vorüber, für jedes der Tiere hat sie ein freundliches Wort, jedem
streichelt sie den Kopf, und stolz und zufrieden gehen sie in den Stall
und in ihre Stände hinein; keines geht fehl. Und es eilt; denn sie
wissen, daß etwas besonders Gutes ihrer zum Willkommen in der Krippe
wartet, und das tut auch wahrlich not; denn unterwegs ist keine Zeit
gewesen, etwas zu fressen.
Die Sennerin steigt ab, Kjersti gibt ihr die Hand und sagt: Willkommen
daheim.
Darauf geht sie zum Schafstall, öffnet die Stalltür und zählt die Ziegen
und Schafe, und als Sidsel hinzukommt, gibt Kjersti ihr ebenfalls die
Hand und sagt: Willkommen daheim.
Ja, aber -- ich habe Krummhorn nicht mit.
Nein, das sehe ich, und das ist gut, dann sind wir das leidige Tier doch
los, wenigstens vorläufig. Du bist richtig flink gewesen wie ich sehe;
ja, und gewachsen bist du auch; dein langer Rock reicht dir ja nun knapp
bis auf die Fußspitzen.
Darauf mußte Sidsel der Sennerin helfen, die Kühe anzubinden, während
Kjersti dabei war, wie den Saumpferden die Packsattel abgenommen wurden,
und sich das Heimgebrachte ansah.
Dann kam Kjersti wieder zu ihnen und lud sie ein, mit ins Haus zu
kommen; es war gerade, als wären sie vornehme Gäste. Und drinnen wurden
sie in die Stube gebeten, Sidsel wie die Sennerin, und hier war der
Tisch für sie gedeckt und Erbsenbrot, Plinsen und warme, neue Kartoffeln
aufgetragen; denn das ist die geziemende Kost für Leute, die von der
Senne kommen, -- und Kjersti saß selbst mit am Tisch, schenkte den
Kaffee ein und nötigte und bat, zuzulangen. Und dann mußten sie
erzählen, was sie alles oben im Gebirge erlebt hatten, vom Vieh und von
der Ernte; welche Kuh die meiste Milch gegeben und welche weniger gut
gemolken hatte, und sie ernteten eitel Lob, weil alles so gut gegangen,
und sie so geschickt und fleißig gewesen waren.
Als Sidsel Langröckchen am Abend sich wieder in ihrem kleinen Bett in
der Gangkammer ausstreckte und alles überdachte, was sie diesen Sommer
in den Bergen erlebt hatte, da fand sie, ihr wäre es so gut und herrlich
ergangen, und sie habe soviel Spaß gehabt, wie nur überhaupt denkbar,
aber freilich war es auch wieder schön, nach Hause zu kommen, wenn man
eine so fabelhaft gute Hausmutter hatte wie Kjersti Hoël.
* * * * *
Der Herbst geht, die Flur entfärbt sich; von den Bäumen fällt das Laub,
kahl strecken sie ihre Äste in die kalte Luft, und die Getreidediemen
stehen wieder leer und schief auf den Feldern.
Nun gibt es im Freien kein Futter mehr für das Vieh, und die Zeit des
Schlachtens kommt. Das ist für den Hirten des Jahres letzter Tag; an dem
Tage hört seine Verantwortlichkeit auf; von nun an ist er nicht länger
mehr etwas für sich selbst, jetzt muß er überall mit aushelfen, wo es
notwendig ist. Und wenn der Winter mit den langen Abenden kommt, an
denen das offene Feuer vom Herde über die große Stube leuchtet, während
die Wollkämme gehen, die Spinnrocken ununterbrochen schnurren und die
Knechte aus Reisern Besen binden und Deichselnägel und Beilschäfte
schnitzen, da soll der Hirt beim Holzhaufen sitzen oder auch auf dem
Reisighaufen und auf das Feuer aufpassen, damit alle gut sehen können,
während er dabei seine Schulaufgaben lernt.
Dort beim Holzhaufen auf Hoël hatte nun auch Sidsel an langen
Winterabenden ihren Platz. Sie lernte eifrig und horchte auf das
Gespräch der Erwachsenen und vernahm soviel neues, daß die Abende doch
noch zu kurz und der Tage zu wenige waren. Und ehe sie sich dessen
versah, war es wieder Frühling geworden, und als sie nachschaute, da
reichte ihr der lange Rock kaum noch bis über die Waden.
Auf der Herspitze.
Eines Morgens -- es ist wieder Hochsommer, und die Sonne strahlt über
allen Bergen -- ertönt plötzlich schrilles Rufen dreier Hornpfeifen auf
der Halde vor der Hoëlsenne, ein dünner, feiner Pfiff und zwei gröbere.
Das ist das Zeichen zum Abmarsch; heute wollen Sidsel, Jon und Peter auf
die Herspitze und sich den Platz ansehen wo seinerzeit der König gewesen
ist.
Nun haben auch die Hirtenbuben ihre Ziegenhornpfeifen bekommen, und zwar
solche, die auch wirklich etwas taugen; denn Sidsel hat Wort gehalten,
sie hat die Hörner Krummhorns mitgebracht und jedem eines gegeben.
Krummhorn hat doch zu guterletzt das Leben lassen müssen; als die Ziege
endlich im Spätherbst mit den letzten Pferden aus dem Gebirge heimkam,
war sie so eingebildet und hochnäsig geworden, daß es nicht mehr anging,
sie im Ziegenstall zu lassen; sie mußte wohl oder übel im Kuhstall
stehen; aber nicht einmal dort gefiel es ihr mehr; sobald sich ihr nur
irgend eine Gelegenheit bot, schlüpfte sie aus dem Stall und trabte nach
dem Pferdestall hinüber -- der Pferdeknecht behauptete sogar, er habe
sie wiehern hören.
Eines Tages aber, während die Knechte gerade im Stalle waren und Futter
schütteten, benutzte sie die Gelegenheit und schlüpfte hinein und
versuchte ganz frech, in den Stand des Soldatenpferds hinein zukommen.
Aber das hätte sie lieber bleiben lassen sollen; es war finster, und das
Pferd sah nicht, was seinen Hinterbeinen zu nahe kam, schlug aus und
versetzte Krummhorn einen solchen Schlag mitten auf den Schädel, daß sie
an die gegenüberliegende Wand flog. Das wurde Krummhorns Ende.
Eigentlich war wohl niemand, der über ihren Tod weiter trauerte, außer
Sidsel, die dem Tiere nie vergessen konnte, daß es ihnen in jenem Winter
oben auf Schloß Guckaus Kaffeemilch gespendet hatte; aber nun erhielt
Krummhorn wenigstens einen ehrenvollen Nachruf. Derartige Hörner hatte
Jon noch nie gesehen; nicht allein waren sie ungewöhnlich groß, nein,
sie hatten auch einen eigentümlichen Ton; jedermann konnte sofort hören,
daß es nicht Hörner irgend einer gewöhnlichen Ziege waren; es war doch
etwas Besonderes und Unbegreifliches an ihr gewesen. Ja, das war dem
Peter auch aufgefallen, und wenn er sich die Sache überlegte, so glaubte
er, genau so einen herrlichen Ton mußten Pferdehörner haben, wenn es
Pferde mit Hörnern gegeben hätte.
Die Ziegenhornpfeifen waren nämlich heute ganz neu und zum erstenmal in
Gebrauch; der Ausflug war solange aufgeschoben worden, bis die Pfeifen
fertig waren.
Und sie waren heute nicht bloß mit Ziegenhornpfeifen ausgerüstet. Sie
hatten ihre besten Kleider an, und alle drei hatten den Hirtenranzen auf
dem Rücken, angefüllt mit Eßwaren, und neue Stecken in der Hand -- der
Ausflug nahm aber auch den ganzen Tag in Anspruch.
Sie pfiffen noch einmal, alle drei gleichzeitig, so laut, daß das Vieh
verwundert aufblickte und auch die Sennerin zur Stalltür herausguckte.
Dann zogen sie von dannen -- sie hatten ihre Tiere heute zu einer
einzigen, großen Herde zusammengetrieben. Und so zogen sie mit dem Vieh
ohne Aufenthalt ihres Weges, es blieb keine Zeit, unterwegs zu weiden,
denn die Herspitze lag weit weg in der blauen Ferne und viel weiter, als
alle die Plätze, wo Sidsel bisher gewesen war. Jon und Peter waren auch
nur ein einziges Mal dort gewesen.
* * * * *
Gegen Mittag kamen sie an den sanften Abhang, der zum Gipfel der
Herspitze hinaufführt. Hier waren der Wachholder und der Schafthalm so
hoch, daß das Vieh ganz darin verschwand; nur an dem Wogen der
Oberfläche konnten sie erkennen, wie die Tiere weiterzogen; hie und da
ragten auch ein paar Hörner hervor. Hier, meinte Jon, sollten sie die
Herde zurücklassen und gleich hinaufgehen, die Tiere wären nun so müde
und hungrig, daß sie sich sicher ruhig verhalten würden; sie würden
schon nachkommen, wenn sie ausruhen wollten; denn die Ziege ruhe nie,
bevor sie nicht auf den höchsten Punkt hinaufgekommen wäre, von dem sie
nach allen Richtungen hin Ausschau halten könne.
So machten sie es denn auch.
Jon führte sie ein Stück weiter nordwärts, er wollte ihnen genau zeigen,
wo damals der König und die Königin hinaufgekommen waren. So richtig
König und Königin waren sie damals eigentlich noch nicht, aber sie
standen doch auf dem Sprunge, es zu werden, denn sie waren Prinz und
Prinzessin. Ihre Pferde hatten sie unten stehen lassen und waren das
letzte Stück zu Fuß gegangen. Oh, das war ein großes Gefolge gewesen;
der Amtmann, der Schreiber und eine Menge Offiziere in blitzenden
Uniformen, und ungefähr sieben, acht der Angesehensten der Gemeinde
waren ebenfalls mit im Gefolge; die vornehmsten waren aber doch der
Nordrum und der Mann der Kjersti Hoël, der damals noch lebte, -- die
hatten putzige, altmodische Röcke mit langen Schößen an. Und ringsum war
es schwarz von Menschen, die zusehen wollten.
Der König war wohl besonders fein? fragte Sidsel.
Nein, der Amtmann war viel feiner und die Offiziere auch, ja sogar die
Bedienten waren feiner. Aber man konnte doch sofort sehen, daß er der
König war, denn er war einen ganzen Kopf größer als alle die andern.
Der muß furchtbar stark sein, meinte Peter.
Stark? Aber der braucht ja auch Kräfte, um alle die andern regieren zu
können.
War denn die Königin auch so groß? fragte Sidsel.
Nein, die war nicht viel größer als ein gewöhnliches Frauenzimmer. Aber
sie war so gesetzt und ernsthaft und bescheiden erzählte der Vater; sie
war nicht so albern und läppisch wie die andern Weibsleute, die mit
waren.
Das Weib, das mein Vater fuhr, sagte Peter, das saß die ganze Zeit da
und lachte und höhnte sogar den Amtmann, weil er zu große Fäuste hätte.
Da kann man sehen, wie viel Verstand die hatte, sagte Jon, als ob ein
ausgewachsener Mann, wie der Amtmann, nicht Fäuste haben muß; und
übrigens konnte sie die gar nicht sehen, denn der Amtmann hatte weiße
Handschuhe an, trotzdem es Hochsommer war.
Er fuhr fort, ihnen alles zu beschreiben: Den Weg hier kamen sie herauf,
das ganze Gefolge, dort an dem Steine vorüber, und dann sprang der König
allen voraus; er wollte der erste oben sein, müßt ihr wissen. Und nun
werde ich euch genau zeigen, wie er es machte. Kommt hinter mir her,
dann bin ich der König, und du, Sidsel, kannst die Königin sein. Kommt
nun!
Er ging rasch das letzte Stück der Böschung hinauf, die beiden andern
folgten; dann sprangen sie die letzten Schritte, und auf einmal standen
sie auf der Spitze. Jon streckte den Arm aus und blieb lange so stehen.
Die andern waren ebenfalls stehen geblieben, unwillkürlich ergriffen von
dem wunderbaren Bilde. Vor ihnen lagen, in das unendliche Gebirge
eingebettet, blinkende Seen und Bergwässer, weit draußen in der Ferne
ragten schneebedeckte Bergspitzen empor, in jeder Einsenkung lagen grüne
Sennen, und gegen Süden, soweit das Auge reichte, anmutige Dörfer und
dunkelgrüne bewaldete Bergrücken.
Jon machte wieder die Bewegung mit dem Arm: Das ist der schönste Fleck,
den ich je gesehen habe. Und nach einer kleinen Pause: Komm, Sophie, und
sieh! Er nahm Sidsel Langröckchen bei der Hand und zog sie nach vorn.
Ja, sagte Peter, genau so war es, wie der König es machte, das hab' ich
auch gehört.
Freilich war es so; bildest du dir vielleicht ein, ich wüßte es nicht?
Was machte er dann weiter? fragte Sidsel.
Dann kamen auch alle die andern hinzu, und nun zogen sie lange Fernrohre
hervor und sahen nach allen Richtungen und fragten nach den Namen der
verschiedenen Bergspitzen. Der Amtmann stand beim Könige und der Königin
und zeigte ihnen alles; erst die weißen Spitzen dort in der Ferne, das
war Rondane, und dann dort gerade nach Norden sollte die Snehätte sein,
aber er war nicht ganz sicher, ob sie die auch sehen konnten; und du, --
Jon zeigte mit dem Finger -- dort war Galdhöpiggen, der kleine schwarze
Punkt dort am weitesten weg, und das war die höchste Spitze in ganz
Norwegen. Und dann wendeten sie sich nach Süden; aber da war der König
erst recht verwundert, als er den großen See da tief unten sah, den
Mjösen, und die Wälder in weiter Ferne; sicher bis ganz nach Schweden
hin, meinte er. Und es war gar nicht weiter verwunderlich, daß er
meinte, er hätte nie mehr auf einmal gesehen, wenn er auch der König
war. Und als sie endlich damit fertig waren, ging der Nordrum hin und
hob eine ganze Faust von Renntiermoos auf; gar manche, die dabei waren,
wunderten sich, was er wohl damit wolle; er aber ging geradeswegs auf
den König zu, zeigte ihm das Moos und sagte:
Hast du Lust, das Moos zu sehen, das wir damals in den Kriegsjahren in
das Rindenbrot einbuken?
Der König nahm ein Stück und kaute daran.
Das enthält Vogelleim, sagte er.
Ringsum war es mäuschenstill geworden; denn alle verwunderten sich, und
mein Vater hörte sogar, wie einer der Offiziere sagte:
Es ist merkwürdig, wie taktlos diese Bauern sein können.
Was ist denn das, taktlos? fragte Sidsel.
Das weiß ich nicht, aber so viel kannst du wohl begreifen, daß es etwas
Extrafeines ist; denn der König klopfte dem Nordrum auf die Schulter und
sagte:
Danke, guter Mann; wir können alle Gott danken, daß nun glücklichere
Tage in Norwegen sind.
Deshalb habe ich dir ja das Moos gezeigt, sagte der Nordrum.
Darauf zeigten sie ihm diesen Gedenkstein hier, der zur Erinnerung an
den Tag aufgestellt worden war, und baten ihn, seinen Namen einzuritzen.
Und das tat er; O. S., das soll Oskar und Sophie heißen, denn die
Königin, die heißt Sophie oder Sophi, wie er sie nannte, und dann noch
die Jahreszahl; hier könnt ihr sehen; das alles wurde später in den
Stein eingehauen, genau nach den Ritzen, die er gemacht hatte.
Sie sahen sich die Buchstaben an. Ja, das war schön geschrieben, fast
wie gedruckt; der König mußte furchtbar schön auf richtigem Papier
schreiben können, wenn er es so gut auf Stein zuwegebrachte.
Die Herde kam die Böschung heraufzogen; die Tiere versammelten sich
ebenfalls um den Gedenkstein und den großen steinernen Tisch, der gleich
daneben stand; sie begannen sich niederzulegen, nun wollten sie auch
ausruhen.
Was machten sie dann weiter? fragte Sidsel.
Weiter geschah nicht viel mehr. Doch, nachdem er geschrieben hatte,
meinte er wohl, sie bedürften einer Leibesstärkung, denn er wandte sich
an den Amtmann und fragte:
Hast du vielleicht noch einen Tropfen in deiner Flasche?
Und da lachten sie und brachten einen Korb herbei und deckten hier auf
dem steinernen Tisch, und da bekamen sie Wein und Kuchen -- und darauf
brachen sie auf. Und jetzt denke ich, täte uns auch eine Leibesstärkung
gut. Setzen wir uns nun an des Königs Tafel und essen wir auch.
Sie nahmen die Ranzen ab und setzten sich auf den großen, dicken,
steinernen Tisch -- die Tiere hatten sich friedlich ringsum gelagert und
käuten wieder. Die Ranzen wurden geöffnet, und eine Menge gute Sachen
kam zum Vorschein. Da gab es Butter und Speck und Erbsenbrot, und in
Sidsels Ränzel fanden sich sogar Zuckerwaffeln, und weiter hatten sie
Flaschen mit Milch -- ausgenommen Jon, der seine vergessen hatte. Das
machte aber nichts, die andern hatten genug, und sie bewirteten sich
gegenseitig und jedesmal, wenn Jon Milch haben wollte, dann fragte er
bloß wie der König:
Hast du vielleicht noch einen Tropfen in deiner Flasche? und auf diese
Weise bekam er fast das meiste.
Im Anfang sagten sie nicht viel, das Essen schmeckte so herrlich.
Nachdem sie aber eine Weile gegessen hatten, und der Mund anfing,
langsamer zu gehen, da sagte Peter nachdenklich:
Ich möchte wissen, was eigentlich der König ißt, so wochentags, meine
ich.
Der ißt den ganzen Tag Milchreis, sagte Jon, mit Überzeugung.
Wenn er nun aber mal zwischendurch etwas mit dem Messer zu essen haben
will? fragte Sidsel.
Peter hatte sich gerade ein tüchtiges Stück Erbsenbrot mit Speck
zurechtgemacht. Er sah auf das Brot und genoß es förmlich schon im
voraus:
Dann ißt er ganz gewiß Speck und Erbsenbrot, sagte er.
Sidsel nahm die letzte Waffel und biß ein Stück ab. Darauf sagte sie:
Ja, aber die Königin, die ißt sicher nichts andres, als Zuckerwaffeln.
* * * * *
Während sie auf dem Stein saßen und aßen, bemerkten sie auf einmal weit
draußen im Gebirge eine Gestalt, die ebenfalls auf die Herspitze zukam.
Es ist so merkwürdig und so selten dort oben im Gebirge, einen Menschen
zu sehen, daß sie bald an nichts andres dachten als an diese Gestalt.
Das ist gewiß einer, der nach seinen Pferden sucht, meinte Jon.
Ganz sicher, sagte Peter; wer mag es aber nur sein, der jetzt Pferde
heimholen will?
Laß mich mal sehen, -- der muß von Nordrum sein.
Ja, das ist richtig, die haben bloß den alten Schecken zu Hause, und nun
wollen sie wohl die Ernte einfahren.
Aber da wird er heute Aprilsnarr. Die Nordrumpferde pflegen ja auf der
andern Seite der Alp zu gehen, ich habe sie erst vor vierzehn Tagen dort
gesehen.
Wenn wir ihm den Weg weisen, findet er sie wohl morgen.
Ja, das tut er.
Sie blieben sitzen und schauten; es dauerte schrecklich lange. Es ist so
merkwürdig, wenn man im Gebirge einen auf sich zukommen sieht; er geht
und geht -- man kann sehen, er geht sogar rasch -- aber er kommt
trotzdem wie gar nicht näher, er wächst ganz langsam, die Entfernungen
sind ja so groß. Das Vieh stand auf und machte sich auf den Weg
bergabwärts in der Richtung auf die Senne zu; sie aber wollten noch
sitzen bleiben; bis er herangekommen wäre. Endlich war er oben
angelangt.
Ganz richtig -- er suchte die Nordrumpferde. Er erfuhr, was sie wußten;
fand er sie nun heute nicht, so fand er sie sicher morgen.
Als das erledigt war, fragte er:
Bist du nicht die, die Sidsel Langröckchen heißt?
Freilich, das bin ich.