Endlich sah sie, wie die beiden plötzlich in ihrem Tollen anhielten,

aufhorchten und nach allen Richtungen ausspähten. Darauf bekamen sie auf

einmal Eile, fuhren in die Kleider und sprangen von dannen, nach einer

ganz andern Richtung hin. Plötzlich blieben sie stehen, lauschten und

liefen dann wieder. Es war so weit weg, daß es nichts genützt hätte, zu

juchheien und zu rufen. Nun liefen sie auf eine Anhöhe jenseits des

Moors hinauf und spähten lange nach allen Richtungen hin aus.

Dann liefen sie wieder, was sie konnten, zurück in der Richtung auf das

Moor zu -- dasselbe Ergebnis! -- nahmen darauf die Richtung unten längs

der Anhöhe, wo sie stand; aber das Vieh weidete auf der andern Seite des

Hanges, deshalb konnten sie die Schellen auch jetzt noch nicht hören.

Da wagte Sidsel endlich zu juchheien, aber allzu schwach; sie versuchte

es noch einmal und lauter.

Da blieben sie stehen und antworteten.

Sie juchheite noch ein drittes Mal, und nun kamen sie zu ihr hinauf. Sie

waren merkwürdig still, fanden es doch wohl ärgerlich, das kleine Mädel

nach ihren Herden fragen zu müssen, aber es blieb ihnen nichts andres

übrig.

Hast du unsre Tiere gesehen?

Sidsel sah sie ängstlich an: Die weiden hier auf der andern Seite der

Halde. Ich hab sie gehütet, aber ihr dürft deshalb nicht den Jakob

hauen!

Sie wurden etwas kleinlaut, aber irgend etwas mußten sie ja wohl sagen,

und deshalb erklärte Jon:

Na ja, für dies eine Mal solls ihm geschenkt sein!

* * * * *

Als Sidsel am Abend gerade das Viehgatter zumachen wollte, kam Peter

Lunde am Zaun vorüber.

Du hast wohl nicht ein fremdes Schaf zwischen deiner Herde?

Nein, ich habe meine gezählt.

Na, es kann ja auch sein, daß ich mich verzählt habe, vielleicht waren

doch alle da.

Sie blieben eine Weile stehen und sahen sich an, bis sie verlegen wurden

und die Augen wegwenden mußten. Schließlich sagte Peter:

Du, Sidsel, wenn du gerne willst, kannst du schon mit uns zusammen hüten

und auch zum Badeteich kommen. Wenn ich den Jon recht verstanden habe,

so will der es auch, und sollte er frech werden, so kann ich ihn

durchhauen, wenn ich nur will.

Freilich will ich gern.

Dann komme ich morgen und hole dich ab dort hinter der Anhöhe.

Sidsel bekam keine Zeit, etwas zu erwidern; denn im selben Augenblick

machte Peter sich aus dem Staube und verschwand eilig um die Ecke. Er

hatte Jon bemerkt, der von einer andern Richtung her herankam.

Jon kam herausfordernd, die Hände in den Taschen:

Du hast wohl nicht ein fremdes Schaf?

Nein!

Hm!

Ist dir eins weggekommen?

Ich weiß nicht recht. Hm! -- Aber was ich dir noch sagen wollte, du

brauchst dirs nicht zu Herzen zu nehmen, was ich heute morgen sagte. Ich

meinte es nicht so schlimm; es war mehr der Peter, der mich dazu

kriegte, und wenn du's willst, so kann ich ihn morgen dafür durchhauen.

Krummhorn wird gezähmt.

Es ist früher Morgen, die Hoëlalp liegt in klarem Sonnenschein.

Im Viehgatter geht Sidsel allein und melkt die Ziegen. Es ist still und

friedlich, noch ist kein Schellengeläute zu hören; bloß ein schwaches

Murmeln dringt vom Flusse herauf, und ein dumpfer Stoß hie und da vom

Kuhstall her, so oft eine der Kühe aufsteht und mit den Hörnern gegen

die Wand rennt. Im Stalle ist die Sennerin und melkt.

Sidsel hat noch immer zu kleine Fäuste, um Kühe zu melken, deshalb haben

sie die Arbeit so unter sich verteilt, daß sie die Ziegen allein zu

melken hat.

Da schallt es plötzlich von der Anhöhe über der Senne: Ho--o--i--ho!

Gleich darauf antwortet es ein wenig weiter weg und fast ärgerlich:

Ho--o--i--ho!

Sidsel sieht auf, horcht; dann lächelt sie stillvergnügt, geht an den

Zaun hin und ruft: Ho--o--i--ho!

Jetzt kann auch sie juchheien, daß es von allen Hängen und Höhen

widerhallt; nun zittert ihre Stimme nicht mehr, wenn sie den großen

Burschen antwortet.

Jetzt weiß sie, sie kommen nur, sie abzuholen, und daß sie heute mit

ihrer Herde bis zur Senne hinunterkommen, hat seinen guten Grund, sie

haben etwas besonderes vor; sie haben es mit ihr und der Sennerin

verabredet. Und Sidsel kann es am Schellenklang hören, wie sie ihr Vieh

mit aller Macht antreiben, und daß der, der zuletzt kommt -- es ist doch

wohl der Peter -- ärgerlich darüber ist, daß er nicht der erste ist.

Doch sie mögen nur warten, bis sie fertig ist; sie kommen ja auch heute

furchtbar zeitig.

* * * * *

Wie es nun auch zugegangen sein mochte, lange hatte es nicht gedauert,

da war Sidsel der vornehmste Hirt auf der Hoëlalp geworden. Schon am

nächsten Tag waren sie gleich unten am Abhang zu ihr gestoßen, Peter

zuerst und dann Jon, und es war wie selbstverständlich, daß sie mit

ihnen ging, dann könnte sie ihre Herden hüten, während sie badeten,

meinte Jon. Ja, das meinte Peter auch, und so tat sie es denn.

An diesem Tage blieben sie aber nicht so lange weg, es war, als mache es

ihnen nicht mehr das alte Vergnügen, zu baden und zu zweien allein zu

sein.

Und bald war es so sicher wie der Tag selbst: kaum kam Sidsel am Morgen

mit ihrer Herde über den Abhang gezogen, da kamen sie auch dorthin,

zumeist aus verschiedenen Richtungen, und lauerten förmlich darauf, wer

von ihnen zuerst juchheien konnte. Und wenn sie sich dann trafen, waren

sie eifrig bemüht, sich anzulügen, wie sie ganz zufällig gerade hierher

gekommen wären; denn noch am Abend vorher hatten sie groß getan und

unter sich über dies Hirtenmädel gespöttelt, das ihnen immer nachliefe

und das sie nie los werden könnten, und hatten erklärt, am nächsten Tag

würden sie nach einer ganz andern Gegend ziehen und sehen, ob das nicht

hülfe.

Und dann machten sie Luftsprünge um die Wette und rangen oft die ganze

Frühstückspause über; denn keiner wollte sich für überwunden erklären,

und mehr als einmal mußte Sidsel sie zu ihren Herden jagen, weil sie

alles vergaßen und Gefahr liefen, ihr Vieh zu verlieren.

Manchmal konnte es sich auch treffen, daß der eine etwas früher kam, und

da wollte er durchaus, sie sollten schnell weiter ziehen; denn der andre

wäre heute sicherlich nach einer andern Richtung gegangen. Und dann war

es fast am lustigsten, fand Sidsel; denn dann hatten sie ihr immer so

viel zu zeigen, wovon der andre angeblich nichts wußte, einen kleinen

Bergsee, wo die Multbeeren[2] so massenweise blühten, daß der ganze

Boden ringsumher wie mit Schnee bedeckt schien, und wo es zum Herbst

fabelhaft viel Beeren geben würde -- aber das wollten sie lieber für

sich behalten, der andre brauchte nichts davon zu erfahren -- oder das

Nest eines Schneehuhns, in dem dreizehn große Eier lagen, oder einen

abseitsliegenden Flecken, wo der Schachtelhalm unglaublich hoch und

dicht stand.

Und bei solchen Gelegenheiten plauderten sie auch mehr mit ihr und

prahlten und tollten nicht so, wie ihre Gewohnheit war, wenn sie beide

mit ihr zusammen waren.

Sie kletterten in die Bäume hinauf und brachten ihr duftendes Harz, und

sie pflückte Schachtelhalme für sie -- denn um Schachtelhalme zu finden,

muß man ein eigenes Geschick haben; und sie hatten nie jemand gesehen,

der sich so gut darauf verstand wie sie; stand irgendwo auch nur ein

einziger Halm, so konnte man darauf schwören, daß sie ihn fand, meinte

Peter. Ja, Jon meinte sogar, sie fände welchen, selbst wo gar keiner

wäre, er hatte nie etwas Ähnliches gesehen.

[Fußnote 2: gelbe Berghimbeeren.]

Und all den Spaß, den sie sich ausdachten! Eines Tages, als es regnete,

machte ihr Jon einen großen Hut aus Birkenrinde, und am nächsten Tag

brachte Peter ihr ein Paar Schuhe aus Birkenrinde -- die Sennerin mußte

laut auflachen, als Sidsel in dem Anzuge, ihre richtigen Schuhe in der

Hand, heimkam. Tags darauf gab ihr Jon ein wirkliches Taschenmesser --

sie sollte auch etwas haben, womit sie schnitzen konnte, und er selbst

brauchte es nicht, er hatte ja sein großes Schnitzmesser in einer

Lederscheide -- aber am folgenden Tag kam Peter mit einer schönen

Pfeife, die er am Abend zuvor aus einem Ziegenhorn für sie gemacht

hatte, und die hatte einen so feinen Ton, daß man ganze Lieder auf ihr

blasen konnte.

Jon dachte lange vergeblich darüber nach, was er dagegen aufstellen

sollte, aber schließlich fand er es doch.

Sie hatten schon oft Krummhorn gesehen, die immer mit den Kühen weiden

ging, gerade als ob sie selber eine Kuh wäre, und Sidsel hatte ihnen

erzählt, daß es _ihre_ Ziege wäre, aber so wild, daß es ganz unmöglich

sei, sie dazu zu kriegen, mit den andern Ziegen zu weiden, ja, daß es

nicht einmal möglich sei, sie im Winter im Schafstall zu haben --

Kjersti Hoël hatte gesagt, wenn das so weiter ginge, müßten sie sie wohl

zum Herbst schlachten.

Nun erbot sich Jon, Krummhorn zu zähmen; er werde ihr schon Sitten

beibringen; es gäbe keine Ziege, die er nicht untergekriegt hätte.

Ja, wenn er das fertig brächte, so wollte Sidsel ihm gerne alles geben,

was sie hätte.

Nein, er wolle gar nichts dafür haben. Wollte sie ihm etwas geben, dann

höchstens die Hörner der Ziege, wenn sie doch einmal geschlachtet werden

sollte. Denn das würde Ziegen-Pfeifen geben, wie man noch keine gesehen

hätte.

Dann wollte Peter aber auch mit dabei sein; denn war die Ziege wirklich

so störrisch, so wären wohl auch zwei nötig, sie zu bändigen, und dann

könnte jeder ein Horn bekommen.

Jon wußte nicht recht, ob er das wollte; denn es war doch sein Einfall

gewesen.

Ja, aber wie wollte er es denn eigentlich fertig bringen? Peter glaubte

nicht, daß es sich überhaupt machen ließe, ohne daß sie ein stärkeres

Tier hätten, an das sie Krummhorn anbänden. Aber das hatte eben Jon

nicht. Dagegen hatte er, der Peter, den großen Ziegenbock, und der

allein war stark genug.

Ja, das war wohl richtig. Da mochte er also mit dabei sein,

vorausgesetzt, daß er seinen Bock hergab.

Sidsel meinte auch, es wäre wohl das beste, wenn sie alle drei dabei

wären; sonst könnte überhaupt keine Rede davon sein. Und so geschah es

denn auch.

* * * * *

Heute sollte nun die Sache vorsichgehen; deshalb waren Jon und Peter so

zeitig unterwegs.

Das Vieh kam in schnellem Lauf über die Höhe gezogen, und da die klugen

Tiere begriffen, daß sie heute bis zur Senne hinunter sollten, begannen

sie in vollem Lauf hinabzueilen -- es war immer so fein, nach einem

fremden Platz zu kommen, da gab es stets Neues zu sehen und zu

beschnuppern; vielleicht war auch etwas übriggebliebener Mehlbrei im

Schweinetrog oder ein bißchen Salz zu lecken oder ein Loch im Zaune, wo

man unbemerkt hindurchkriechen konnte.

Die Schellen tingelten, die Burschen liefen und schrieen und juchheiten,

um Ordnung in der Herde zu halten -- wenn auch vielleicht ein bißchen

lauter, als gerade notwendig.

Auf der Senne, wo es kurz vorher ganz still gewesen, wurde nun auf

einmal Leben und Lärm -- die Sennerin mußte wirklich zur Stalltür

herausgucken, und Sidsel hätte sicher vergessen, die letzte Ziege zu

melken, wenn diese sich nicht von selbst gemeldet und sich ihr mitten in

den Weg gestellt hätte, als sie aus dem Gatter heraus wollte.

Als Jon die Sennerin in der Stalltür zu Gesicht bekam, rief er: Wollt

ihr denn nicht bald auf die Weide?

Jawohl, nun bin ich fertig. Bist du auch fertig, Sidsel?

Ich bin bei der letzten Ziege.

Bald waren sie fertig, und das Vieh sollte herausgelassen werden.

Jon hatte ein starkes Weidenband mit einer Schlinge an beiden Enden

mitgebracht; die eine war für den Bock, die andre für Krummhorn

bestimmt. Er meinte, das wär solides Riemenzeug.

Wo ist sie denn?

Im Kuhstall natürlich!

Da ist es das beste, ich gehe selbst hinein und hole sie. Komm mit

deinem Bock, Peter, und halt ihn bereit!

Peter lockte den großen Ziegenbock zu sich hin, der auf seinen Namen

hörte und sofort kam.

Zeig mir, wie stark du bist.

Er packte ihn bei den Hörnern, um die Kräfte mit ihm zu messen. Der Bock

stemmte dagegen, sie begannen zu ringen, wie sie oft zu tun pflegten,

und der Bock drückte Peter gegen das Viehgatter.

O ja, ich denke, das ist ein Bock, der eine Ziege mit fortziehen kann,

und wäre sie doppelt so groß. Der Stolz strahlte Peter förmlich aus den

Augen.

Jon wollte auch einmal probieren.

Ja, das Tier war bärenmäßig stark.

Dann ging er in den Kuhstall und kam bald, Krummhorn am Weidenband

führend, wieder heraus. Nun nahmen sie den Bock und hängten ihm die

andre Schlinge über den Hals, so daß beide zusammengekoppelt waren; es

sah aber so aus, als hätten die Tiere das gar nicht bemerkt.

Alle blieben erwartungsvoll stehen; aber der Bock wollte sich nicht vom

Flecke rühren, solange sie dort standen und die Herden dicht dabei

hielten; er stand da und wollte bloß gehätschelt werden.

Da sagte Jon: Laß dein Vieh heraus, Sidsel, und du, Peter, laß unsres

auf die Höhe ziehen, dann sollt ihr ein feines Doppelgespann sehen!

Sidsel öffnete das Gatter, das Vieh ging im Zuge heraus und schlug den

gewohnten Weg die Halde hinauf ein.

Peter trieb die andern nach.

Da dachte der Ziegenbock, es wäre die höchste Zeit nachzukommen, und tat

einen Schritt vorwärts. Er mußte sich wirklich umsehen. Was war das für

ein Jux, daß er hinten festgehalten wurde? Krummhorn stand, alle Viere

fest in den Boden gepflanzt, und streckte bloß den Hals.

Bah! Nichts weiter? Er tat ein paar Schritte; Krummhorn mußte mit, den

Kopf zurückgelegt, stemmte sie dagegen. Da zog der Bock an, setzte die

Hörner hoch in die Luft und legte sich ordentlich in die Riemen. Er

wollte ihr schon zeigen, daß er sich nicht von so einer Närrin aufhalten

ließe!

Krummhorn mußte wohl oder übel mit; aber sie sträubte sich und wehrte

sich aus Leibeskräften; Schließlich fiel sie auf die Kniee, doch der

Bock ging unbeirrt vorwärts, als wenn gar nichts los wäre, und Krummhorn

mußte den ganzen flachen Abhang hinauf auf den Knieen nachrutschen.

Sidsel und die Burschen kreischten vor Vergnügen, und selbst die

Sennerin mußte mitlachen.

Als das Gespann an den Fuß der Anhöhe kam, wo es mehr und mehr unwegsam

wurde, fand Krummhorn es doch ratsamer aufzustehen und auf allen Vieren

nachzukleppern, aber sie ließ sich noch immer mitziehen.

Sie zogen ihren gewöhnlichen Weg hinauf ins Gebirge.

Nach und nach schien Krummhorn sich in das Unvermeidliche zu finden.

Anfangs ging sie zwar immer noch verdrossen und widerwillig und ließ

sich ziehen, mit der Zeit fühlte sie aber wohl ihren leeren Magen, und

nun begann sie ruhig mitzulaufen und zu fressen, wie die andern Ziegen,

sah bloß ab und zu einmal auf, wenn sie in weiter Ferne die grobe, tiefe

Kuhschelle hörte.

Nun war der Spaß nicht mehr so unterhaltend, und da begannen Jon und

Peter wie gewöhnlich zu raufen und Rundsprünge zu machen, und damit

vertrieben sie sich die Zeit, bis sie zur Mittagspause wieder heim

sollten.

Da sagte Jon: Nun wollen wir Krummhorn einmal zur Probe losspannen. Ich

denke, sie ist nun kuriert.

Ja, dem stimmten die andern bei.

Sie lockten den Bock heran; er kam, die mächtigen Hörner stolz in der

Luft, und Krummhorn klepperte hinterdrein. Jon nahm dem Bock die

Schlinge ab, kniete dann vor der Ziege nieder und zupfte sie am Barte.

Krummhorn scharrte mit dem Fuße, wie Ziegen zu tun pflegen, wenn sie

gern von dem Zupfen befreit sein wollen, aber Jon ließ sie nicht los --

er wollte ihr erst eine Vermahnungsrede halten: Nun hätte sie wohl die

Übermacht gefühlt, sie sollte sich nicht einbilden, sie wäre eine Kuh.

Von nun an müßte sie sich wie eine vernünftige Ziege aufführen, sonst

würde sie es mit ihm zu tun kriegen. Bei jedem Worte zauste er sie am

Barte, um der Ermahnung Nachdruck zu geben. Das tat weh, Krummhorn

machte einen Satz geradeaus, so daß Jon auf den Rücken fiel, setzte

glatt über ihn weg, das Weidenband nach sich schleifend, und trabte über

das Moor in der Richtung auf die Kuhschelle zu.

Jon sprang auf, trampelte vor Wut mit den Füßen und lief ihr nach.

Sidsel und Peter waren ihr bereits nachgesetzt. Sie riefen und schrieen,

versprachen Krummhorn entsetzliche Prügel, wenn sie nicht stehen bliebe;

aber Krummhorn tat, als hörte sie nicht. Unbekümmert lief sie davon. Die

drei ihr nach. Die Burschen wurden immer wütender; das war ihnen doch

noch nicht vorgekommen, daß sie so eine alberne Ziege nicht fangen

konnten; und außerdem wollte jeder gern der erste sein. Schneller und

schneller ging das Rennen, und obwohl Sidsel leichtfüßig war, besonders,

da sie die leichten Rindenschuhe anhatte, blieb sie doch allmählich

zurück -- sie mußte ja auch in diesem langen Rock herumwaten und hatte

obendrein heute morgen in der Eile vergessen, ihn aufzuschürzen.

Bald sah sie den letzten Schimmer von ihnen über den Hügel jenseits des

Moors verschwinden -- ja, wirklich hatte der Peter Jon überholt; er war

doch der schnellste von den beiden -- sie selber war nur bis zur Mitte

des Moors gekommen.

Sie blieb stehen. Es war wohl das beste, sie ging wieder zurück und

sammelte das Vieh, sonst konnte es passieren, daß sie alle drei ohne

Herde nach Hause kamen.

Sie schlug die Richtung ein, aus der sie gekommen waren. Als sie sich

dem Abhang näherte, hörte sie ein gewaltiges Dröhnen, das immer stärker

und stärker wurde, sie fühlte förmlich den Boden unter ihren Fußen

erbeben. Und dort die Halde entlang kam ein mächtiger Troß Pferde. Es

waren eine ganze Masse, Fohlen, junge und alte Pferde, braune und

scheckige, schwarze und weiße, und alle waren sie so glänzend blank,

fett und dick und ausgelassen wild.

Sie liefen im Trab durcheinander, warfen die Köpfe zurück, und es

dröhnte unter ihren Hufen wie schwacher Donner.

Halb ängstlich blieb Sidsel stehen; einen so großen Haufen Pferde hatte

sie noch nie gesehen. Aber sie gaben acht, liefen im Bogen um sie herum,

bloß ein paar blieben stehen und spitzten die Ohren und guckten, was das

für ein kleines Ding sein mochte.

Dann liefen sie weiter, und einen Augenblick darauf waren sie vorüber --

bloß das Dröhnen ihrer Hufe konnte sie noch hören, als sie den Weg nach

der Senne hinunter einschlugen.

Aber das Vieh hatten sie freilich erschreckt; denn Sidsel konnte es

nirgendswo finden. Sie lief von Hügel zu Hügel, horchte, lockte und lief

weiter.

Als alles nichts nutzte, hielt sie es schließlich für das beste, nach

Hause zu gehen.

Das war das erste und letzte Mal, daß Sidsel ohne Herde heimkam.

Aber daheim auf der Alp lag das Vieh bereits friedlich im Viehgatter und

blökte und meckerte -- die klugen Tiere waren von selber heimgelaufen.

Der Pferdeschwarm war auch dort, weidete und leckte das Salz, das die

Sennerin gestreut hatte.

Am späten Nachmittag kamen auch die Sennerinnen von den Nachbarsennen

und fragten nach ihren Hirten; deren Herden waren auch dort schon lange

allein nach Hause gekommen.

Endlich kamen denn auch Jon und Peter mit Krummhorn angezogen.

Als die Sennerinnen sie tüchtig auslachten, schämten sie sich auch

etwas; daß sie ihre Herden verloren hatten, konnten sie ja nicht

leugnen; aber niemand konnte deshalb sagen, sie kämen ohne Vieh nach

Hause, selbst wenn es vielleicht etwas komisch aussehen mochte, daß zwei

lange Hirtenbuben mit einer einzigen Ziege angezogen kamen, so groß und

stark die auch war.

Ja, heute hätten sie wirklich Pech gehabt, meinte Jon, aber sie sollte

nicht so leichten Kaufs davon kommen. Morgen wollten sie das Vieh wieder

vornehmen -- und da sollte sie was erleben!

Daraus wurde jedoch nichts. Krummhorn war klüger als sie. Als sie sie

losgelassen hatten, blieb sie mit weit vorgestrecktem Hals stehen und

sah nach dem Pferdeschwarm hinüber, der gerade davontrabte. So stand sie

eine Weile. Dann schlug sie plötzlich mit den Hinterbeinen aus, wie ein

richtiger Gaul, und weg war sie.

Die Sennerinnen und die Hirten blieben mit offenem Munde stehen, als sie

sahen, daß Krummhorn sich den Pferden anschloß.

Bildete sich das Tier nun gar noch ein, ein Pferd zu sein!

Lange standen sie sprachlos da und sahen ihr nach.

Da sagte Jon in seiner trockenen komischen Art: Gäb's hier Elephanten,

sie hätte sich wahrhaftig eingebildet, ein Elephant zu sein.

Heim von der Senne.

Der helle Sommer schreitet rasch vorwärts, im Gebirge ist er kurz, aber

starklebig.

Er beginnt mit sprossendem, hellem Grün auf allen Hügeln, an den flachen

Halden und Abhängen und in den unendlichen Gründen; die Schneehuhnpaare

gehen emsig umher und knurren und schelten, wenn jemand ihren Nestern zu

nahe kommt. Mücken und Bremsen surren durch die Luft, und die Kühe

strecken die Schwänze in die Höhe und traben davon, um ihren brennenden

Stichen zu entgehen, und über dem Ganzen liegt dick und dunkelblau der

Sonnenrauch und beschränkt die freie Aussicht.

Aber bald kommen die Heidelbeeren, die Wiesenwolle und die Multbeeren,

und eines schönen Tages piept es an allen Ecken und Enden rings um die

Schneehuhnmütter, die nun noch schlimmer schelten, wenn viele kleine,

hellbraune Federbälle ein paar Ellen hoch auffliegen und fortzuflattern

versuchen, um bald wieder kopfüber ins Heidekraut herunter zu fallen.

Die Kühe gehen ruhig und bedächtig über die Höhen und suchen das

feinste, würzige Gras, und der Sonnenrauch verschwindet, die Luft wird

so wunderbar klar, daß man die meilenweit entfernten Berge ebenso

deutlich und in scharfen Umrissen sieht, wie den nächsten Erdhaufen.

Dann fallen die Multbeerblüten ab, und bald wird es überall in den

Gründen gelb und rot; die zierlichen Blüten des Heidekrauts färben alle

Kuppen und Berge, das Grüne verschwindet, das Gebirge leuchtet braun und

rot, nur guckt hier und da das helle Renntiermoos wie leuchtende

Schneeflecken hervor. Der Herbst naht.

Meist scheint die Sonne, und dann ist es herrlich, Hirte zu sein.

Aber es können auch Tage kommen, wo der Nebel sich wie ein dichter,

grauer Teppich niedersenkt, unter dem die Erde mit Hügeln, Büschen und

Heidekraut gleichsam dicht zusammenkriecht, so daß alles schon auf

wenige Armlängen vor einem verschwindet, und ein feiner Staubregen

rieselt aus dem Nebel hernieder, legt sich wie winzige, graue Perlen auf

jeden Halm und jede Tannennadel, und überall, wo man hinkommt, trieft es

von Feuchtigkeit.

Da ist es oft schlimm, Hirt zu sein; da gilt es, Schutz unter jedem

kleinen Busch zu suchen, einen Sack über den Schultern als Schirm gegen

die Nässe, oder zu laufen, daß das Wasser in den Schuhen patscht. Denn

in solchem Wetter wachsen die Pilze empor, und dann kümmert sich das

Vieh um nichts andres mehr, läuft auf und davon, um sie zu finden, und

oft ist es schwierig, ihm zu folgen; und dabei kann es gelegentlich auch

einen tüchtigen Schlag absetzen, wenn am Rande des Moors dicht vor einem

ein paar gewaltige Kraniche auffliegen, die auf der Durchreise sind, --

im dicken Nebel erscheinen sie ganz riesenhaft, wie ein paar fette

Schafe mit langen Flügeln.

Dann ist es eines Morgens ringsum glänzend weiß; über Nacht ist Schnee

gefallen. Freilich bleibt er nicht liegen, er verschwindet im Laufe des

Tages wieder. Aber nun will das Vieh um keinen Preis mehr ins Gebirge

hinauf, -- die Kühe stehen am Sennenwiesengatter und brummen; sie

wissen, daß sie zu guterletzt doch hier Einlaß erhalten, um auch die

letzten Leckerbissen auf der Alp mitzunehmen, die Ziegen sehen sich

fragend um. Der Sommer ist nun doch einmal zu Ende, alles sehnt sich

nach Hause zurück.

Dann wird eines Tages das Gatter geöffnet, die Kühe stürzen auf die

Wiese; nun wissen sie, daß sie dies Jahr nicht mehr in das kahle Gebirge

hinauf brauchen.

Die Knechte sind mit Pferden gekommen, und die andern Pferde, die den

ganzen Sommer über im Gebirge herumgestreift sind, werden heimgeholt.

Der Klee wird in Bündel zusammengeschnürt, alles wird aufgewaschen,

aufgeräumt, für nächsten Sommer in Ordnung gebracht und weggesetzt, und

endlich ist der lang erwartete Tag der Heimkehr gekommen.

* * * * *

Sidsel steht oben auf dem First des grasbewachsnen Stalldachs und schaut

umher. Sie ist bereits reisefertig, hat den Hirtenranzen auf dem Rücken,

den Birkenhut auf dem Kopfe und die Ziegenhornpfeife an einer Schnur um

den Hals hängen. In der Hand hält sie einen Stecken.

Drinnen auf der eingegatterten Wiese gehen Kühe und Kleinvieh und

streifen ungeduldig umher von Zaun zu Zaun. Auch sie verstehen, daß der

Tag der Heimkehr gekommen ist; denn die Stallwand entlang stehen die

zusammengeschnürten Kleebündel in einer Reihe mit den Buttereimern,

Käsekübeln und -Kobern, und am Zaun stehen die Packpferde angebunden,

den Saumsattel aufgeschnallt, an erster Stelle das Soldatenpferd mit dem

Frauensattel auf dem Rücken.

Sidsel Langröckchen · 第 3 / 6 段