Kjersti ging zur Schellenkuh in den Stand hinein. Die richtete sich auf,

hob stolz den Kopf, so hoch sie vermochte, und stand bumsstille, wie

eine Mauer. Sie wußte genau, daß sie die vornehmste hier war, die als

erste durch die Stalltür aus- und eingehen durfte; sie mußte aber auch

zeigen, daß sie die Ehre wohl zu würdigen verstand, von Kjersti selbst

das Ehren- und Machtzeichen, die Schelle, an- und abgeschnallt zu

bekommen. Kjersti band ihr die Schelle um den Hals und löste ihr die

Kette, die klirrend zu Boden fiel. Da schwenkte die Kuh langsam und

bedächtig, wie ein großes, schweres Schiff, aus dem Stande heraus;

feierlich und ernst nahm sie die Richtung auf die Tür zu, den Kopf hoch

haltend und so ruhig, daß man kaum die Hörner sich bewegen sah, und die

Schelle gab bloß einen kurzen, bestimmten Ton bei jedem Schritte.

Der nächste war der Bulle; dem löste die Sennerin die Kette; der ging

ebenso ruhig und schwerfällig, und seine Hörner ragten so hoch, daß sie

beinahe das Dachgebälk streiften, und waren so breit, daß es aussah, als

füllten sie den ganzen Mittelgang aus. Sidsel hatte noch nie bemerkt,

daß er so groß war. Und dann kamen der Reihe nach die andern, Brandros

und Morlik, Kranslin und Reindrople, Svartsi und Drive, Farskol und

Litago, Sommerlöv und Spasergang, Mörkei und Guldros, die ganze, lange

Reihe abwärts bis zu den Färsen, deren Namen keines richtig behalten

konnte, und die jungen Ochsen, die überhaupt keine Namen hatten. Und je

weiter sie den Gang hinunterkamen, um so schneller ging es; sie

streckten die Hälse und zerrten an den Ketten, sie stürzten auf die

Kniee, wenn die Kloben an den Ketten nachgaben, sprangen wieder auf, daß

es in den Gelenken krachte, liefen geradeswegs gegen die Wand oder oben

in den Futtergang hinauf, scharten sich dann alle bei der Tür zusammen,

kamen zwei und zwei nebeneinander her, liefen sich so fest, daß ihre

dicken Bäuche wackelten, und bereits kamen neue von hinten nach und

drängten vorwärts, schlugen mit den Hörnern, stießen und brüllten;

plötzlich gab dann der Widerstand vorn nach, und der ganze Klumpen

stürzte ins Freie.

Das Letzte, was Sidsel sah, war Krummhorn, die hinten ausschlug und mit

einem langen Satz durch die Stalltür den andern nachsetzte.

Draußen war Lärm und Leben. Sie hoben die Köpfe, schnauften nach der

Halde hinauf, und dann wurden sie wie besessen; alte, steifbeinige Kühe

schlugen übermütig wie die Kälber mit den Hinterbeinen aus, machten

mutwillige Sätze über den Hof hin, gerieten in ihrer Ausgelassenheit

aneinander, daß die Hörner nur so krachten, stießen ein kurzes, wildes

Gebrüll aus, wenn sie den kürzeren zogen, und fuhren auf eine zweite und

dritte los -- das Ganze ward ein einziger großer Wirrwarr von Schnaufen

und Brüllen, Krachen der Hörner und Knacken der Gartenzäune,

Aufklatschen und Knallen der Stecken, Rufen und Schreien von

Menschenstimmen; und durch den Wirrwarr hindurch bahnte sich der Bulle,

auf und abschreitend, die Hörner hoch über dem Ganzen, den Weg wie ein

gewaltiger Schneepflug.

Nur die Schellenkuh stand ruhig ein Stück abseits und sah zu; ihr wagte

keines zu nahe zu kommen.

Endlich war die Sennerin an die Spitze des Zugs gekommen und begann zu

locken; da hob die Schellenkuh den Kopf, brüllte, daß es weit über den

Hof schallte, und sprang hinterdrein. Ihr nach kam Brandros, die immer

noch voller Wut schnaubte; nun hatte sie alle gezüchtigt, die es

überhaupt der Mühe wert waren, und hatte sie auch nicht die Schelle

bekommen, wollte sie doch wenigstens die nächste nach der Schellenkuh

sein. Ihr wieder dicht auf den Fersen kam Krummhorn angesetzt, den Kopf

hoch und mit wichtiger Miene; aber Brandros verstand heute keinen Spaß,

schlug mit dem einen Hinterbeine aus und traf sie so mitten auf den

Kopf, daß es Krummhorn vor den Augen flimmerte. Aber die Ziege

schüttelte bloß den harten Schädel -- tat, als wenn gar nichts geschehen

wäre -- das war wohl so Sitte unter Kühen.

Das Locken der Sennerin wurde immer lauter, eine nach der andern wurde

aufmerksam, kam nachgesetzt, und bald lief der ganze Haufen unter lautem

Schnaufen und Brüllen, Rufen und Schellenklang, Locken und klatschenden

Schlägen hastig zum Nordanger hinauf.

Dort oben war das Gelände flach und weit weniger gefährlich; das

Jungvieh tänzelte in wildem Spiele herum, und hier fand der letzte Kampf

statt zwischen denen, die die Kräfte noch nicht gemessen hatten; denn

dieser erste Kampf war für den ganzen Sommer entscheidend. Aber bald

beruhigten sie sich, und ein paar Stunden später grasten sie friedlich

Seite an Seite.

Die Knechte fingen an, heimzugehen. Bloß die Sennerin und Sidsel sollten

noch eine Weile zurückbleiben, um aufzupassen, daß nichts geschah. Und

richtig, es geschah etwas.

Brandros war die einzige, die sich nicht beruhigen konnte, schnaufend

schritt sie hin und her -- eigentlich hätte sie die sein sollen, die die

Schelle trug -- und mit einem Mal fuhr sie wie toll auf die Schellenkuh

los. Es entstand ein Ringkampf, daß die Rasenstücke nur so in der Luft

herumflogen; dann hörte man ein Krachen und ein kurzes, wildes Brüllen

-- Brandrosens eines Horn hing gebrochen herab und schlenkerte hin und

her. Sie schüttelte den Kopf, daß das Blut weit herumspritzte, stieß von

neuem ein lautes Brüllen aus, kehrte um und setzte in langen Sprüngen

geradeswegs nach dem Hof zurück, auf die Stalltür zu, und dort begann

sie zu brüllen, als ob sie den ganzen Gutshof niederreißen wollte.

* * * * *

Nach dem Mittagessen wurden die Kälber herausgelassen. Sidsel taufte sie

Gulddrople, Rödsi und Morskol -- der Ochse sollte noch keinen Namen

bekommen --; sie sah wohl, daß Kjersti sich darüber wunderte, daß sie

kein Tier Bliros genannt hatte, aber sie ließ sich nichts merken.

Sie trieben sie aus dem Verschlage heraus und über den Boden des Stalles

hin in der Weise, daß jede von den Mägden ihnen einen Bottich mit etwas

Dünnmilch vorhielt; die Kälber fuhren mit den Köpfen in die Eimer bis

auf den Boden, die Mägde liefen dann mit den Kübeln voran, und die

Kälber, die auch den letzten Tropfen mitnehmen wollten, ihnen nach, den

Eimer wie große Hauben über den Köpfen tragend. Draußen vor der Stalltür

schnappten die Mägde ihnen die Kübel wieder weg -- und da standen sie,

die noch niemals zuvor außerhalb des Verschlags gewesen waren, auf

einmal inmitten der großen, wunderlichen, neuen Welt.

Sie sahen nieder und stelzten rückwärts, als ständen sie auf einer

Treppe. Aber bald wagten sie, vorsichtig den einen Fuß vorzusetzen, dann

den andern.

Es ging langsam, Schritt für Schritt, aber dann -- dann begriffen sie,

daß sie auch hier festen Grund unter den Füßen hatten; dies war bloß ein

größerer, aber so herrlich heller Verschlag, wo es gewiß weit bis zur

Wand war -- schwupp! reckten sie die Schwänze gerade in die Höhe und

setzten davon wie die wildesten Waldtiere.

Das war ein Gelaufe von Zaun zu Zaun, der Kreuz und Quer und rund im

Kreise über die weiten Felder hin, und jedes Mal, wenn sie über einen

Erdhaufen wegliefen, sahen Kjersti und Sidsel die aufgerichteten

Schwänze sich wie Steuer gegen den Himmel abzeichnen. Sidsel fand, sie

habe noch nie so etwas Lustiges gesehen. Aber lange blieben sie nicht

beisammen; bald lief jedes in andrer Richtung, und am Abend mußte Sidsel

sie einzeln aus den entlegensten Winkeln auf dem Felde zusammensuchen

und eins nach dem andern wieder mit einem Eimer heimlocken; denn

begreiflicherweise hatten sie noch nicht genügenden Verstand, um zu

wissen, daß sie auch wieder nach Hause müßten, sie, die zum ersten Male

im Freien waren.

* * * * *

Sidsel lag wieder in ihrer kleinen Gangkammer. Es war am Abend des

ersten Tages.

Erst sprach sie das kurze Nachtgebet, wie sie zu tun pflegte, streckte

sich und fühlte sich wundervoll wohlig und müde im ganzen Körper.

Was das für ein Tag gewesen war! Sie wußte er war lang gewesen; aber wie

schnell war er ihr vergangen. Sie mußte wirklich alles noch einmal

überdenken.

Aber der Schlummer überraschte sie und warf die Bilder bunt

durcheinander.

Dort sah sie ein paar große Hörner, die wie ein Schneepflug durch ein

unentwirrbares Gewimmel hindurchpflügten, und dort wieder sah sie

Brandros in ihrem Stande stehen; den Kopf zur Seite geneigt und einen

großen Lappen um das eine Horn gewickelt, glich sie genau einem alten

Weibe, das sich Kopfschmerzen wegen ein Tuch um die Stirn gebunden hat;

und dort -- ihr war, als sähe sie deutlich einen Vers geschrieben, den

sie einmal gehört hatte:

Kälbchen springen, Schwänzchen schwingen

Hoch in der Luft.

Und dann schlummerte Sidsel Langröckchen ein.

* * * * *

Am nächsten Tage bekam Sidsel Langröckchen den Hirtenranzen

aufgeschnallt und zog mit dem Kleinvieh in den Wald -- Krummhorn bekam

sie nicht mit; die trabte spornstreichs nach dem Nordanger hinauf zu den

Kühen.

Dieser Tag wurde ihr lang; es war so wunderlich einsam und still im

Walde; sie mußte unwillkürlich an so vielerlei denken, an die Mutter, an

Jakob und an Schloß Guckaus, und da konnte es wohl geschehen, daß ihr

die Tränen kamen.

Die Alpfahrt.

Die Halde jenseits des Tals hinauf zieht ein langer Zug.

Am Kammerfenster daheim steht Kjersti Hoël und folgt ihm mit den Augen,

soweit sie vermag, bis er über dem Bergkamm im Gebirge verschwindet.

An der Spitze reitet die Sennerin auf dem Soldatenpferd,[1] dem ein

Frauensattel aufgeschnallt worden ist, ein hohes Gestell wie ein

Lehnstuhl; und dort hoch oben thront sie in sonntäglichem Putz, im

weißen Kopftuch, rotbäckig, rund und selbstbewußt. Nun ist sie die

Hauptperson, diejenige, die das Regiment führt.

[Fußnote 1: d. i. das Pferd auf jedem Hofe, das im Kriegsfall an das

reitende Jägerkorps abgegeben werden muß.]

Nach ihr kommen zwei Knechte, jeder leitet eins der beiden Saumpferde,

die unter dem schweren Packsattel im Rücken förmlich einsinken. Darauf

kommt das Vieh in stolzem Zuge. Erst die Schellenkuh, dann Brandros mit

ihrem schiefen Horn, dicht hinter ihr Krummhorn, darauf Mörkei und dann

die ganze Schar -- mit Ausnahme von Farskol und Litago, die heuer

Stallkühe sein und die Kälber anlernen sollen, mit auf die Weide zu

gehen -- bis zum Stier, der zuletzt geht, als hätte er auf die ganze

Schar aufzupassen. Dann kommen die Ziegen, die es immer eilig haben und

gern an den andern vorbeikommen möchten; darauf die Schafe in einem

dichten Klumpen, weiterhin vier große Schweine, und schließlich die

Untersennerin und Sidsel Langröckchen mit dem Hirtenranzen auf dem

Rücken.

Im Anfang ist es flott wie im Tanze gegangen; alle erinnern sich des

Gebirges vom vorigen Sommer her, alle haben sich dorthin zurückgesehnt,

es geht keinem rasch genug vorwärts. Aber je weiter sie bergauf steigen,

desto steiler wird es, die Sonne steigt höher und brennt ihnen auf den

Rücken; die Schweine fangen an, zurückzubleiben, versuchen, bei jedem

Seitenpfad einen Abstecher zu machen, lauern nur darauf, etwas Schatten

zu erhaschen oder eine Pfütze zu finden, in der sie sich abkühlen

können; die Ziegen und Schafe merken, daß sie hungrig werden, schlüpfen

zur Seite, wo sie einen Busch sehen und ein paar Blätter abknabbern

können, oder sie entdecken ein Gatter, durch das sie neugierig

hindurchgucken müssen, oder einen grünen Fleck; und die Färsen, die

bisher noch nicht mit auf der Alp gewesen sind, begreifen gar nicht,

wozu die unnötige Eile, und tun einfach nicht mehr mit, wenn nicht der

Stecken über ihnen ist.

Also muß Sidsel oft vom Wege abbiegen, hinauf auf Seitenpfade, hinter

Büsche und Sträucher, hinab ins Waldgestrüpp und in den Moorgrund und

sie einzeln wieder auflesen, und kaum hat sie sie auf der einen Seite

des Weges zusammengetrieben, so wischen sie ihr auf der andern wieder

aus.

Sie hat eins ihrer Strumpfbänder nehmen müssen, um den langen Rock heute

damit aufzubinden, damit er ihr nicht im Wege ist; denn sie muß tüchtig

laufen und sich abmühen, ununterbrochen locken und rufen.

Es ist wirklich ein schweres Stück Arbeit; das blonde Haar wird ganz

feucht, und ihr Gesicht ist so rot wie eine Preiselbeere; aber sie merkt

es gar nicht, so ist sie in Anspruch genommen von all dem, was sie zu

tun hat. Denn sie ist den ganzen Sommer über für das Kleinvieh

verantwortlich, daß keins verloren geht und daß alle fett und blank zum

Herbst wieder heimkommen; sie und die Sennerin haben gewissermaßen die

Verantwortung, jede für ihren Teil des Viehbestandes, und wenn es auch

bloß die Nachhut ist, die sie hat, so will sie doch nicht die Schande

auf sich sitzen haben, daß sie nicht alle vorwärtsbringen könne.

Langsam steigen sie höher und höher hinauf, bald liegt das ganze Tal

breit und hellgrün tief unter ihnen. Die Tannen werden niedriger und

kahler, die kleinen Birken dichter, bald treffen sie die ersten

Abgesandten der Krähenbeere und Zwergbirke. Aber nun sind sie auch über

den Bergkamm gekommen.

Da ist es allen, als ob eine schwere Bürde von ihnen genommen wäre, alle

Müdigkeit ist von Volk und von Vieh wie weggewischt, die ganze

wunderbare Ruhe und Frische des Hochgebirgs strömt auf sie ein, sie

befinden sich wie in einer neuen Welt; vor ihnen liegt das Gebirge mit

seinen unendlichen Höhenzügen und Abhängen, bis es sich weit, weit in

der Ferne in den blauenden Bergspitzen mit ihren weißen Schneestreifen

verliert; und sehen sie zurück, so ist das Tal weg, versunken; jenseits

sehen sie ebenfalls weite Bergrücken mit blitzenden Wassern und grünen

Matten.

Alle holen tief Atem und sehen sich um; eine feierliche Ruhe kommt über

alles; ganz von selbst ordnet das Vieh sich auf dem steinigen Weg, der

sich schier ins Unendliche vorwärts schlängelt; sie versuchen nun nicht

mehr zu entwischen, sondern gehen gleichmäßig und langsam. Nun bekommt

auch Sidsel Zeit, sich umzuschauen. So weit hat sie noch nie sehen

können, und hier oben soll sie den ganzen Sommer über bleiben!

Sie fühlt sich auf einmal so wunderlich klein und nichtig inmitten

dieser überwältigenden, großartigen Natur; aber ihr wird gar nicht

bange, nur feierlich und still zu Mute.

Unwillkürlich schweiften ihre Gedanken vorwärts, über diesen Tag, diesen

Sommer, über viele Sommer hinaus; einmal wird sie groß und erwachsen

sein, wie die Sennerin, die sie dort hoch zu Roß sieht, einmal wird

vielleicht auch sie so sitzen und an der Spitze reiten.

Die Saumpferde wollen trotz ihrer schweren Last nicht langsam gehen, sie

greifen aus, überholen die Sennerin, und bald sind sie über einen

Bergkamm verschwunden, allen weit voran. Der Zug kommt langsam nach,

Stunde um Stunde geht es vorwärts über Auen und Bäche, an Sennen und

Moorgründen und klaren Gebirgswässern vorüber.

Sidsel darf sogar aufsitzen und eine Weile an Stelle der Sennerin

reiten, die gern ein Stück gehen will.

Der Abend rückt heran. Jetzt ziehen sie hoch oben durch eine tief

eingeschnittene Kluft in der Bergwand, die sie frühmorgens in weiter

Ferne sahen, und nun geht es wieder bergabwärts; sie begegnen Birken und

einer vereinzelten, verkrüppelten Fichte, und von unten herauf dringt

das Rauschen eines großen Flusses. Nun stehen sie am Rande des Hochtals,

wo die Hoëlalp liegt, und sehen hinab. Da unten auf einer weiten Matte

liegt die Alp friedlich und grün, drei Sennhütten, Högseth, Lunde und

Hoël. Aus zweien steigt der Rauch aus dem Schornstein empor in die

stille Abendluft.

Sie bleiben stehen und halten Umschau: Dort also sollen sie den Sommer

verbringen!

Die Kühe beginnen zu brüllen, und das Kleinvieh drängt sich vor und eilt

den Weg hinab. --

Am nächsten Morgen treibt Sidsel schon früh die Schafe und Ziegen über

die Matte auf der Hoëlalp. Sie hat keinen Ranzen; denn hier oben auf der

Alp soll sie um die Mittagszeit heim zur Sennhütte.

Es ist strahlender Sonnenschein. Die Kühe sind bereits im Freien und

traben in einer langen, schnurgeraden Linie von dannen, die Schelle

ertönt in gleichmäßigen, tiefen Tönen, ihr Klang vermischt sich mit dem

ebenso tiefen andrer Schellen von den Nachbarsennen, und mitten in dies

ernste, feierliche Geläute klingt das feine, rasche Tingeln der

kleineren Schellen der Ziegen und Schafe.

Nun soll Sidsel hinein in dieses große Unbekannte, wo sie nie zuvor war.

Die Sennerin hat ihr deshalb auch gesagt, sie solle sich heute zum

erstenmal nicht zu weit weg wagen, damit sie sich wieder nach Hause

zurückfinde; sie solle sich nach den anderen Hirten richten und sich nur

in deren Nähe halten -- sie wüßte übrigens nicht ob es Buben oder Mädel

wären, die heuer auf Högseth und Lunde hüteten.

Sidsel sah immerfort zurück, um sich die Richtung des Weges zu merken,

und es wurde ihr förmlich schwer, die Sennhütte aus den Augen zu lassen.

Aber das Vieh lief schnell von dannen, sie mußte ihm nacheilen, um es

nicht ganz zu verlieren, und auf einmal, als sie sich wieder umsah, war

die Hütte verschwunden; rings umher war bloß das unendliche Gebirgsland

mit Anhöhen und Gründen und hohen Berggipfeln in weiter Ferne, und es

war so weit und still, man hörte nur die Schellen, nicht einmal das

Rauschen des Flusses drang bis hier herauf.

Sie fühlte sich auf einmal so unendlich einsam, so weit weg, fühlte ein

so heftiges Bedürfnis, ein lebendes Wesen zu liebkosen, daß sie in die

Herde hineinging und bald das eine, bald das andre der Tiere an sich zog

und streichelte und hätschelte, und bald wurde die Schellenziege ganz

eifersüchtig, stieß die andern weg und schmiegte sich schmeichelnd an

sie. -- --

Ho--i--ho, ho--i--ho! ertönte es plötzlich, daß es weit über das Gebirge

schallte. Die Ziegen spitzten die Ohren, und Sidsel blieb gleichfalls

stehen und horchte mit verhaltenem Atem; der Ruf kam so unerwartet, sie

konnte nicht unterscheiden, aus welcher Richtung, wie aus allernächster

Nähe und doch wieder wie von allen Seiten auf einmal.

Ho--i--ho, ho--i--ho! klang es noch etwas stärker.

Bald darauf hörte sie Schellen, viele Schellen gleichzeitig, und dann

sah sie einen großen Haufen Schafe und Ziegen im Zug über den Bergkamm

kommen.

Das mußten wohl die andern Hirten sein. Dort in der Ferne sah sie nun

auch zwei Strohhüte über die Anhöhe auftauchen, und nach und nach

wuchsen zwei lange Burschen empor, mindestens so groß wie der Jakob.

Sie wurde so verschüchtert, daß sie sich niederkauerte und hinter einem

Erdhügel versteckte.

Die Burschen beschatteten die Augen mit der Hand und sahen hinab.

Ho--i--ho! Sie lauschten. Ho--i--ho! Keine Antwort.

Ho hei, du Bursch im Hoëlsennerrock,

Bist du ein Mann, so zeig dich doch!

Sie standen eine Weile still. Dann machten sie ein paar Luftsprünge,

schlugen einen Purzelbaum und liefen ein Stück weiter, den Abhang hinab,

juchheiten und riefen von neuem. Dann machten sie wieder Halt und

horchten, als wären sie ihrer Sache nicht sicher.

Ho--i--ho! Sie lauschten von neuem.

Liegst du verborgen hinter Busch und Stein,

Komm vor, laß sehen, ob du hast Mark im Bein!

Darauf kamen sie vollends herab zu Sidsels Herde und sahen sich um. Nein

sie sahen niemand. Das mußte wirklich ein Teufelskerl sein, der neue

Hirt auf Hoël, daß er sich gleich am ersten Tag von seiner Herde so weit

wegwagen durfte. Das war sicherlich einer für sie! Vielleicht hatte er

von ihrem Badeteich drunten im Moorgrund gehört; -- war vielleicht schon

dort!

Ja, ja, dann mußten sie wohl seine Herde mitnehmen und dorthin gehen;

aber erst noch einmal juchheien -- vielleicht war er gar nicht so weit

weg und konnte sie hören, wenn sie ordentlich laut schrieen.

Ho--i--ho! Das Echo ertönte lang wie ein hallender Donner.

Als es wieder still geworden war, kam es aus allernächster Nähe,

zitternd und dünn wie das Piepsen eines Vogels:

Ho--i--ho! Es war Sidsel Langröckchen; als sie hörte, daß sie ihre Herde

mit forttreiben wollten, da meinte sie sich denn doch zu erkennen geben

zu müssen, obschon es ihr furchtbar unangenehm war.

Die Buben blieben aufs äußerste überrascht stehen. Dort hinter dem

Erdhaufen wuchs ein kleines, winziges Wesen langsam empor, wie ein

richtiger, kleiner Bergkobold mit karriertem Halstuch und einem weiten,

viel zu langen Weiberrock, blieb unbeweglich stehen und starrte sie mit

großen, verlegenen Augen an.

Auch sie wurden etwas verlegen; da waren sie hergelaufen gekommen,

hatten grobe Worte gebraucht gegen so ein armes, kleines Geschöpf! Aber

ärgerlich wurden sie auch. Sie hatten sich schon auf einen

gleichaltrigen, ebenbürtigen Kameraden gefreut.

Da konnte man sehen, daß ein Frauenzimmer auf Hoël das Regiment führte,

nicht einmal einen Hirtenbuben hatten die!

Wäre es wenigstens noch ein ordentliches, großes Frauenzimmer gewesen,

ihretwegen größer, als sie selbst waren; die hätten sie wenigstens

veralbern und jagen können -- aber mit dem Rumpelstilzchen da! Nein,

erwachsene Burschen mußten sich ja schämen, mit so einem Ding sich zu

befassen; gegen diesen Zwerg konnten sie doch wirklich weder Mundwerk

noch Fäuste gebrauchen. Aber immerhin, mit ihr reden und sie aushorchen,

ob nicht doch vielleicht späterhin ein andrer Hirt käme, mußten sie

gleichwohl, und dann brauchten sie sich nicht weiter um das Mädel zu

kümmern; sie mußten sich eben heuer den Sommer die Zeit allein

vertreiben.

Nur ein bißchen Angst machen wollten sie ihr, damit sie ihnen vom Leibe

blieb.

Sie kamen heran und stellten sich, die Hände in den Hosentaschen,

herausfordernd vor Sidsel auf. Der eine sagte:

Du bist's also, die heuer Hirtin auf Hoël sein soll?

Ja -- und sie setzte, wie um sich zu entschuldigen, rasch hinzu, ja, es

war Kjersti selber, die es so haben wollte.

Wie heißt du denn?

Sidsel -- -- und Jakob nennt mich Langröckchen.

Wo bist du denn her?

Aus Guckaus.

Du bist doch nicht gar die Schwester von Jakob Guckaus? Wir sind im

Winter zusammen in die Schule gegangen.

Ja, die bin ich.

Warum konnte denn aber der Jakob nicht selber kommen? Denn daß du's nur

weißt, ein kleines Mädel können wir hier oben nicht brauchen.

Er stand eine Weile und wartete auf Antwort. Da aber Sidsel nichts zu

antworten wußte, fuhr er fort: Ja, was wir sagen wollten, ich, Jon

Högseth, und der da, Peter Lunde -- halte dich hübsch von uns fern!

Untersteh dich nicht, auch nur ein Haarbreit über den Strich vom

Klininggrautfelsen hinunter nach dem Skraamoor und hin zum Pegeflecken

beim Högsethsteig zu kommen, und laß dir's nicht einfallen, auf unsrer

Seite zu hüten; sonst kriegt im Winter der Jakob all die Hiebe, die du

eigentlich hier im Sommer hättest bekommen sollen!

Sidsel wurde es angst und bange zu Mute, und ihre Mundwinkel begannen,

unsicher zu zucken. Da sagte der andere Bursche, der etwas kleiner war:

Aber du, der Jakob ist stark, der kriegt dich unter.

Aber nicht, wenn ich mich geübt habe -- hoi!, dabei machte er einen

hohen Luftsprung und fuchtelte übermütig mit den Armen in der Luft

herum.

Da kannst du sehen, was dem Jakob bevorsteht. Nimm dich also in acht!

Und nun ziehen wir zum Skraamoor und baden. Hoi--ho!

Mit lautem Juchhei und Geschrei stiegen sie wieder die Anhöhe hinauf;

aber oben sahen sie sich noch einmal um und blickten einander doch etwas

unsicher an, als sie Sidsel noch immer unbeweglich auf demselben Fleck

stehen sahen, mit großen Tränen in den Augen.

Sidsel fühlte sich ganz elend und erbärmlich, wie sie dortstand. Ganz

gewiß wollte sie keinen Anlaß dazu geben, daß ihr Jakob Prügel bekam;

wenn sie nur eine Ahnung gehabt hätte, wo sie nicht hingehen durfte;

aber weder wußte sie, wo der Pegefels, noch wo das Skraamoor war. Sie

konnte nur ihrer Herde folgen und im übrigen sehen, wie es ging.

Als sie eine gute Weile später auf eine Anhöhe hinaufkam, hörte sie die

Schellen von neuem. Ihr wurde ganz angst, und sie fing an, ihre Herde

nach einer andern Richtung zu jagen; als sie sich aber nach einer Weile

umsah, bemerkte sie weit, weit unten im Moorgrund zwei weiße Körper, die

herumsprangen und tollten und im Sonnenschein rund um einen kleinen,

blitzenden Teich Purzelbäume schlugen.

Also hatten die beiden ihre Herden verloren!

Da mußte sie sich wohl der Tiere annehmen und sie solange hüten.

Deswegen konnten sie ihr doch nicht böse werden; denn sie wußte, daß

einem Hirten keine größere Schande widerfahren konnte, als seine Herde

zu verlieren. Und das wäre denn doch eine zu große Schande, wenn so

große Burschen ohne ihre Herden nach der Sennhütte heimkehrten.

Sie nahm sich also der Tiere an, und ab und zu lief sie auf die Anhöhe

hinauf, um zu sehen, ob die Burschen nicht bald fertig wären, es sah

aber so aus, als hätten sie über dem Baden alles andere vergessen.

Sidsel Langröckchen · 第 2 / 6 段