Weislingen. Genug. (Zieht die Schelle.)

(Franz in äußerster Bewegung.)

Franz. Gnädiger Herr.

Weislingen. Die Papiere dort, Franz!

Franz (bringt sie).

Weislingen (reißt ein Paket auf und zeigt Marien ein Papier). Hier

ist deines Bruders Todesurteil unterschrieben.

Maria. Gott im Himmel!

Weislingen. Und so zerreiß ich's! Er lebt. Aber kann ich wieder

schaffen, was ich zerstört habe? Weine nicht so, Franz! Guter Junge,

dir geht mein Elend tief zu Herzen.

Franz (wirft sich vor ihm nieder und faßt seine Knie).

Maria (vor sich). Er ist sehr krank. Sein Anblick zerreißt mir das

Herz. Wie liebt ich ihn! und nun ich ihm nahe, fühl ich, wie lebhaft.

Weislingen. Franz, steh auf und laß das Weinen! Ich kann wieder

aufkommen. Hoffnung ist bei den Lebenden.

Franz. Ihr werdet nicht. Ihr müßt sterben.

Weislingen. Ich muß?

Franz (außer sich). Gift! Gift! Von Euerm Weibe!--Ich! Ich!

(Rennt davon.)

Weislingen. Marie, geh ihm nach. Er verzweifelt. (Maria ab.) Gift

von meinem Weibe! Weh! Weh! Ich fühl's. Marter und Tod!

Maria (inwendig). Hülfe! Hülfe!

Weislingen (will aufstehn). Gott, vermag ich das nicht!

Maria (kommt). Er ist hin. Zum Saalfenster hinaus stürzt' er wütend

in den Main hinunter.

Weislingen. Ihm ist wohl.--Dein Bruder ist außer Gefahr. Die übrigen

Kommissarien, Seckendorf besonders, sind seine Freunde. Ritterlich

Gefängnis werden sie ihm auf sein Wort gleich gewähren. Leb wohl,

Maria, und geh.

Maria. Ich will bei dir bleiben, armer Verlaßner.

Weislingen. Wohl verlassen und arm! Du bist ein furchtbarer Rächer,

Gott!--Mein Weib-Maria. Entschlage dich dieser Gedanken. Kehre dein

Herz zu dem Barmherzigen.

Weislingen. Geh, liebe Seele, überlaß mich meinem Elend.--Entsetzlich!

Auch deine Gegenwart, Marie, der letzte Trost, ist Qual.

Maria (vor sich). Stärke mich, o Gott! Meine Seele erliegt mit der

seinigen.

Weislingen. Weh! Weh! Gift von meinem Weibe!--Mein Franz verführt

durch die Abscheuliche! Wie sie wartet, horcht auf den Boten, der ihr

die Nachricht bringe: er ist tot. Und du, Marie! Marie, warum bist

du gekommen, daß du jede schlafende Erinnerung meiner Sünden wecktest!

Verlaß mich! Verlaß mich, daß ich sterbe.

Maria. Laß mich bleiben. Du bist allein. Denk, ich sei deine

Wärterin. Vergiß alles. Vergesse dir Gott so alles, wie ich dir

alles vergesse.

Weislingen. Du Seele voll Liebe, bete für mich, bete für mich! Mein

Herz ist verschlossen.

Maria. Er wird sich deiner erbarmen.--Du bist matt.

Weislingen. Ich sterbe, sterbe und kann nicht ersterben. Und in dem

fürchterlichen Streit des Lebens und Todes sind die Qualen der Hölle.

Maria. Erbarmer, erbarme dich seiner! Nur einen Blick deiner Liebe

an sein Herz, daß es sich zum Trost öffne, und sein Geist Hoffnung,

Lebenshoffnung in den Tod hinüberbringe!

Götz von Berlichingen mit der eisernen Hand: Ein Schauspiel · 第 94 / 98 题