Bamberg

Adelheid. Weislingen.

Adelheid. Die Zeit fängt mir an unerträglich lang zu werden; reden

mag ich nicht, und ich schäme mich, mit Euch zu spielen. Langeweile,

du bist ärger als ein kaltes Fieber.

Weislingen. Seid Ihr mich schon müde?

Adelheid. Euch nicht sowohl als Euern Umgang. Ich wollte, Ihr wärt,

wo Ihr hinwolltet, und wir hätten Euch nicht gehalten.

Weislingen. Das ist Weibergunst! Erst brütet sie, mit Mutterwärme,

unsere liebsten Hoffnungen an; dann, gleich einer unbeständigen Henne,

verläßt sie das Nest und übergibt ihre schon keimende Nachkommenschaft

dem Tode und der Verwesung.

Adelheid. Scheltet die Weiber! Der unbesonnene Spieler zerbeißt und

zerstampft die Karten, die ihn unschuldigerweise verlieren machten.

Aber laßt mich Euch was von Mannsleuten erzählen. Was seid denn ihr,

um von Wankelmut zu sprechen? Ihr, die ihr selten seid, was ihr sein

wollt, niemals, was ihr sein solltet. Könige im Festtagsornat, vom

Pöbel beneidet. Was gäb eine Schneidersfrau drum, eine Schnur Perlen

um ihren Hals zu haben, von dem Saum eures Kleids, den eure Absätze

verächtlich zurückstoßen!

Weislingen. Ihr seid bitter.

Adelheid. Es ist die Antistrophe von Eurem Gesang. Eh ich Euch

kannte, Weislingen, ging mir's wie der Schneidersfrau. Der Ruf,

hundertzüngig, ohne Metapher gesprochen, hatte Euch so zahnarztmäßig

herausgestrichen, daß ich mich überreden ließ zu wünschen: möchtest du

doch diese Quintessenz des männlichen Geschlechts, den Phönix

Weislingen zu Gesicht kriegen! Ich ward meines Wunsches gewährt.

Weislingen. Und der Phönix präsentierte sich als ein ordinärer

Haushahn.

Adelheid. Nein, Weislingen, ich nahm Anteil an Euch.

Weislingen. Es schien so-Adelheid. Und war. Denn wirklich, ihr

übertraft Euern Ruf. Die Menge schätzt nur den Widerschein des

Verdienstes. Wie mir's denn nun geht, daß ich über die Leute nicht

denken mag, denen ich wohlwill; so lebten wir eine Zeitlang

nebeneinander, es fehlte mir was, und ich wußte nicht, was ich an Euch

vermißte. Endlich gingen mir die Augen auf. Ich sah statt des

aktiven Mannes, der die Geschäfte eines Fürstentums belebte, der sich

und seinen Ruhm dabei nicht vergaß, der auf hundert großen

Unternehmungen, wie auf übereinander gewälzten Bergen, zu den Wolken

hinaufgestiegen war: den sah ich auf einmal, jammernd wie einen

kranken Poeten, melancholisch wie ein gesundes Mädchen und müßiger als

einen alten Junggesellen. Anfangs schrieb ich's Euerm Unfall zu, der

Euch noch neu auf dem Herzen lag, und entschuldigte Euch, so gut ich

konnte. Jetzt, da es von Tag zu Tage schlimmer mit Euch zu werden

scheint, müßt Ihr mir verzeihen, wenn ich Euch meine Gunst entreiße.

Ihr besitzt sie ohne Recht, ich schenkte sie einem andern auf

Lebenslang, der sie Euch nicht übertragen konnte.

Weislingen. So laßt mich los.

Adelheid. Nicht, bis alle Hoffnung verloren ist. Die Einsamkeit ist

in diesen Umständen gefährlich.--Armer Mensch! Ihr seid so mißmütig,

wie einer, dem sein erstes Mädchen untreu wird, und eben darum geb ich

Euch nicht auf. Gebt mir die Hand, verzeiht mir, was ich aus Liebe

gesagt habe.

Weislingen. Könntest du mich lieben, könntest du meiner heißen

Leidenschaft einen Tropfen Linderung gewähren! Adelheid! deine

Vorwürfe sind höchst ungerecht. Könntest du den hundertsten Teil

ahnen von dem, was die Zeit her in mir arbeitet, du würdest mich nicht

mit Gefälligkeit, Gleichgültigkeit und Verachtung so unbarmherzig hin

und her zerrissen haben--Du lächelst!--Nach dem übereilten Schritt

wieder mit mir selbst einig zu werden, kostete mehr als einen Tag.

Wider den Menschen zu arbeiten, dessen Andenken so lebhaft neu in

Liebe bei mir ist.

Adelheid. Wunderlicher Mann, der du den lieben kannst, den du

beneidest! Das ist, als wenn ich meinem Feinde Proviant zuführte.

Weislingen. Ich fühl's wohl, es gilt hier, kein Säumen. Er ist

berichtet, daß ich wieder Weislingen bin, und er wird sich seines

Vorteils über uns ersehen. Auch, Adelheid, sind wir nicht so träg,

als du meinst. Unsere Reiter sind verstärkt und wachsam, unsere

Unterhandlungen gehen fort, und der Reichstag zu Augsburg soll

hoffentlich unsere Projekte zur Reife bringen.

Adelheid. Ihr geht hin?

Weislingen. Wenn ich eine Hoffnung mitnehmen könnte! (Küßt ihre Hand.

)

Adelheid. O ihr Ungläubigen! Immer Zeichen und Wunder! Geh,

Weislingen, und vollende das Werk. Der Vorteil des Bischofs, der

deinige, der meinige, sie sind so verwebt, daß, wäre es auch nur der

Politik wegen-Weislingen. Du kannst scherzen.

Adelheid. Ich scherze nicht. Meine Güter hat der stolze Herzog inne,

die deinigen wird Götz nicht lange ungeneckt lassen; und wenn wir

nicht zusammenhalten wie unsere Feinde und den Kaiser auf unsere Seite

lenken, sind wir verloren.

Weislingen. Mir ist's nicht bange. Der größte Teil der Fürsten ist

unserer Gesinnung. Der Kaiser verlangt Hülfe gegen die Türken, und

dafür ist's billig, daß er uns wieder beisteht. Welche Wollust wird

mir's sein, deine Güter von übermütigen Feinden zu befreien, die

unruhigen Köpfe in Schwaben aufs Kissen zu bringen, die Ruhe des

Bistums, unser aller herzustellen. Und dann--?

Adelheid. Ein Tag bringt den andern, und beim Schicksal steht das

Zukünftige.

Weislingen. Aber wir müssen wollen.

Adelheid. Wir wollen ja.

Weislingen. Gewiß?

Adelheid. Nun ja. Geht.

Weislingen. Zauberin!

Götz von Berlichingen mit der eisernen Hand: Ein Schauspiel · 第 32 / 98 题