Nebenstraßen

Das entsetzliche Gedränge, das wir unsern Lesern soviel als möglich zu

vergegenwärtigen gesucht haben, zwingt natürlicherweise eine Menge

Masken aus dem Korso hinaus in die benachbarten Straßen. Da gehen

verliebte Paare ruhiger und vertrauter zusammen, da finden lustige

Gesellen Platz, allerlei tolle Schauspiele vorzustellen.

Eine Gesellschaft Männer in der Sonntagstracht des gemeinen Volkes, in

kurzen Wämsern mit goldbesetzten Westen darunter, die Haare in ein

lang herunterhängendes Netz gebunden, gehen mit jungen Leuten, die

sich als Weiber verkleidet haben, hin und wider spazieren. Eine von

den Frauen scheint hochschwanger zu sein, sie gehen friedlich auf und

nieder. Auf einmal entzweien sich die Männer, es entstehet ein

lebhafter Wortwechsel, die Frauen mischen sich hinein, der Handel wird

immer ärger, endlich ziehen die Streitenden große Messer von

versilberter Pappe und fallen einander an. Die Weiber halten sie mit

gräßlichem Geschrei auseinander, man zieht den einen da-, den andern

dorthin, die Umstehenden nehmen teil, als wenn es Ernst wäre, man

sucht jede Partei zu besänftigen.

Indessen befindet sich die hochschwangere Frau durch den Schrecken

übel; es wird ein Stuhl herbeigebracht, die übrigen Weiber stehen ihr

bei, sie gebärdet sich jämmerlich, und ehe man sich's versieht, bringt

sie zu großer Erlustigung der Umstehenden irgendeine unförmliche

Gestalt zur Welt. Das Stück ist aus, und die Truppe zieht weiter, um

dasselbe oder ein ähnliches Stück an einem andern Platze vorzustellen.

So spielt der Römer, dem die Mordgeschichten immer vor der Seele

schweben, gern bei jedem Anlaß mit den Ideen von Ammazzieren. Sogar

die Kinder haben ein Spiel, das sie "Chiesa" nennen, welches mit

unserm "Frischauf in allen Ecken" übereinkommt, eigentlich aber einen

Mörder vorstellt, der sich auf die Stufe einer Kirche geflüchtet hat;

die übrigen stellen die Sbirren vor und suchen ihn auf allerlei Weise

zu fangen, ohne jedoch den Schutzort betreten zu dürfen.

So geht es denn in den Seitenstraßen, besonders der Strada Babuino und

auf dem Spanischen Platze, ganz lustig zu.

Auch kommen die Quacqueri zu Scharen, um ihre Galanterien freier

anzubringen.

Sie haben ein Manöver, welches jeden zu lachen macht. Sie kommen zu

zwölf Mann hoch ganz strack auf den Zehen mit kleinen und schnellen

Schritten anmarschiert, formieren eine sehr gerade Fronte; auf einmal,

wenn sie auf einen Platz kommen, bilden sie mit Rechts--oder Linksum

eine Kolonne und trippeln nun hintereinander weg. Auf einmal wird mit

Rechtsum die Fronte wiederhergestellt, und so geht's eine Straße

hinein; dann, ehe man sich's versieht, wieder linksum: die Kolonne ist

wie an einem Spieß zu einer Haustüre hineingeschoben, und die Toren

sind verschwunden. Abend

Nun geht es nach dem Abend zu, und alles drängt sich immer mehr in den

Korso hinein. Die Bewegung der Kutschen stockt schon lange, ja, es

kann geschehen, daß zwei Stunden vor Nacht schon kein Wagen mehr von

der Stelle kann.

Die Garde des Papstes und die Wachen zu Fuß sind nun beschäftigt, alle

Wagen, soweit es möglich, von der Mitte ab und in eine ganz gerade

Reihe zu bringen, und es gibt bei der Menge hier mancherlei Unordnung

und Verdruß. Da wird gehuft, geschoben, gehoben, und indem einer huft,

müssen alle hinter ihm auch zurückweichen, bis einer zuletzt so in

die Klemme kommt, daß er mit seinen Pferden in die Mitte hineinlenken

muß. Alsdann geht das Schelten der Garde, das Fluchen und Drohen der

Wache an.

Vergebens, daß der unglückliche Kutscher die augenscheinliche

Unmöglichkeit dartut; es wird auf ihn hineingescholten und gedroht,

und entweder es muß sich wieder fügen, oder wenn ein Nebengäßchen in

der Nähe ist, muß er ohne Verschulden aus der Reihe hinaus.

Gewöhnlich sind die Nebengäßchen auch mit haltenden Kutschen besetzt,

die zu spät kamen und, weil der Umgang der Wagen schon ins Stocken

geraten war, nicht mehr einrücken konnten. Vorbereitung zum

Wettrennen

Der Augenblick des Wettrennens der Pferde nähert sich nun immer mehr,

und auf diesen Augenblick ist das Interesse so vieler tausend Menschen

gespannt.

Die Verleiher der Stühle, die Unternehmer der Gerüste vermehren nun

ihr anbietendes Geschrei: "Luoghi! Luoghi avanti! Luoghi nobili!

Luoghi, Padroni!" Es ist darum zu tun, daß ihnen wenigstens in diesen

letzten Augenblicken, auch gegen ein geringeres Geld, alle Plätze

besetzt werden.

Und glücklich, daß hier und da noch Platz zu finden ist; denn der

General reitet nunmehr mit einem Teil der Garde den Korso zwischen den

beiden Reihen Kutschen herunter und verdrängt die Fußgänger von dem

einzigen Raum, der ihnen noch übrigblieb. Jeder sucht alsdann noch

einen Stuhl, einen Platz auf einem Gerüste, auf einer Kutsche,

zwischen den Wagen oder bei Bekannten an einem Fenster zu finden, die

denn nun alle von Zuschauern über und über strotzen.

Indessen ist der Platz vor dem Obelisk ganz vom Volke gereiniget

worden und gewährt vielleicht einen der schönsten Anblicke, welche in

der gegenwärtigen Welt gesehen werden können.

Die drei mit Teppichen behängten Fassaden der oben beschriebenen

Gerüste schließen den Platz ein. Viele tausend Köpfe schauen

übereinander hervor und geben das Bild eines alten Amphitheaters oder

Zirkus. Über dem mittelsten Gerüste steigt die ganze Länge des

Obelisken in die Luft; denn das Gerüste bedeckt nur sein Piedestal,

und man bemerkt nun erst seine ungeheure Höhe, da er der Maßstab einer

so großen Menschenmasse wird.

Der freie Platz läßt dem Auge eine schöne Ruhe, und man sieht die

leeren Schranken mit dem vorgespannten Seile voller Erwartung.

Nun kommt der General den Korso herab, zum Zeichen, daß er gereiniget

ist, und hinter ihm erlaubt die Wache niemanden, aus der Reihe der

Kutschen hervorzutreten. Er nimmt auf einer der Logen Platz.

Abrennen

Nun werden die Pferde nach geloseter Ordnung von geputzten

Stallknechten in die Schranken hinter das Seil geführt. Sie haben

kein Zeug noch sonst eine Bedeckung auf dem Leibe. Man heftet ihnen

hier und da Stachelkugeln mit Schnüren an den Leib und bedeckt die

Stelle, wo sie spornen sollen, bis zum Augenblicke mit Leder, auch

klebt man ihnen große Blätter Rauschgold an.

Sie sind meist schon wild und ungeduldig, wenn sie in die Schranken

gebracht werden, und die Reitknechte brauchen alle Gewalt und

Geschicklichkeit, um sie zurückzuhalten.

Die Begierde, den Lauf anzufangen, macht sie unbändig, die Gegenwart

so vieler Menschen macht sie scheu. Sie hauen oft in die benachbarte

Schranke hinüber, oft über das Seil, und diese Bewegung und Unordnung

vermehrt jeden Augenblick das Interesse der Erwartung.

Die Stallknechte sind im höchsten Grade gespannt und aufmerksam, weil

in dem Augenblicke des Abrennens die Geschicklichkeit des Loslassenden

sowie zufällige Umstände zum Vorteile des einen oder des andern

Pferdes entscheiden können.

Endlich fällt das Seil, und die Pferde rennen los.

Auf dem freien Platze suchen sie noch einander den Vorsprung

abzugewinnen, aber wenn sie einmal in den engen Raum zwischen die

beiden Reihen Kutschen hineinkommen, wird meist aller Wetteifer

vergebens.

Ein paar sind gewöhnlich voraus, die alle Kräfte anstrengen.

Ungeachtet der gestreuten Puzzolane gibt das Pflaster Feuer, die

Mähnen fliegen, das Rauschgold rauscht, und kaum daß man sie erblickt,

sind sie vorbei. Die übrige Herde hindert sich untereinander, indem

sie sich drängt und treibt; spät kommt manchmal noch eins

nachgesprengt, und die zerrissenen Stücke Rauschgold flattern einzeln

auf der verlassenen Spur. Bald sind die Pferde allem Nachschauen

verschwunden, das Volk drängt zu und füllt die Laufbahn wieder aus.

Schon warten andere Stallknechte am venezianischen Palaste auf die

Ankunft der Pferde. Man weiß sie in einem eingeschlossenen Bezirk auf

gute Art zu fangen und festzuhalten. Dem Sieger wird der Preis

zuerkannt.

So endigt sich diese Feierlichkeit mit einem gewaltsamen,

blitzschnellen, augenblicklichen Eindruck, auf den so viele tausend

Menschen eine ganze Weile gespannt waren, und wenige können sich

Rechenschaft geben, warum sie den Moment erwarteten, und warum sie

sich daran ergötzten.

Nach der Folge unserer Beschreibung sieht man leicht ein, daß dieses

Spiel den Tieren und Menschen gefährlich werden könne. Wir wollen nur

einige Fälle anführen: Bei dem engen Raume zwischen den Wagen darf nur

ein Hinterrad ein wenig herauswärts stehen und zufälligerweise hinter

diesem Wagen ein etwas breiterer Raum sein. Ein Pferd, das mit den

andern gedrängt herbeieilt, sucht den erweiterten Raum zu nutzen,

springt vor und trifft gerade auf das herausstehende Rad.

Wir haben selbst einen Fall gesehen, wo ein Pferd von einem solchen

Choc niederstürzte, drei der folgenden über das erste hinausfielen,

sich überschlugen und die letzten glücklich über die gefallenen

wegsprangen und ihre Reise fortsetzten.

Oft bleibt ein solches Pferd auf der Stelle tot, und mehrmals haben

Zuschauer unter solchen Umständen ihr Leben eingebüßt. Ebenso kann

ein großes Unheil entstehen, wenn die Pferde umkehren.

Es ist vorgekommen, daß boshafte, neidische Menschen einem Pferde, das

einen großen Vorsprung hatte, mit dem Mantel in die Augen schlugen und

es dadurch umzukehren und an die Seite zu rennen zwangen. Noch

schlimmer ist es, wenn die Pferde auf dem venezianischen Platze nicht

glücklich aufgefangen werden; sie kehren alsdann unaufhaltsam zurück,

und weil die Laufbahn vom Volke schon wieder ausgefüllt ist, richten

sie manches Unheil an, das man entweder nicht erfährt oder nicht

achtet. Aufgehobne Ordnung

Gewöhnlich laufen die Pferde mit einbrechender Nacht erst ab. Sobald

sie oben bei dem venezianischen Palast angelangt sind, werden kleine

Mörser gelöst; dieses Zeichen wird in der Mitte des Korso wiederholt

und in der Gegend des Obelisken das letzte Mal gegeben.

In diesem Augenblicke verläßt die Wache ihren Posten, die Ordnung der

Kutschenreihen wird nicht länger gehalten, und gewiß ist diese selbst

für den Zuschauer, der ruhig an seinem Fenster steht, ein ängstlicher

und verdrießlicher Zeitpunkt, und es ist wert, daß man einige

Bemerkungen darüber mache.

Wir haben schon oben gesehen, daß die Epoche der einbrechenden Nacht,

welche so vieles in Italien entscheidet, auch die gewöhnlichen

sonn--und festtägigen Spazierfahrten auflöset. Dort sind keine Wachen

und keine Garden, es ist ein altes Herkommen, eine allgemeine

Konvention, daß man in gebührender Ordnung auf--und abfahre; aber

sobald Ave Maria geläutet wird, läßt sich niemand sein Recht nehmen,

umzukehren, wann und wie er will. Da nun die Umfahrt im Karneval in

derselben Straße und nach ähnlichen Gesetzen geschieht, obgleich hier

die Menge und andere Umstände einen großen Unterschied machen, so will

sich doch niemand sein Recht nehmen lassen, mit einbrechender Nacht

aus der Ordnung zu lenken.

Wenn wir nun auf das ungeheure Gedränge in dem Korso zurückblicken und

die für einen Augenblick nur gereinigte Rennbahn gleich wieder mit

Volk überschwemmt sehen, so scheinet uns Vernunft und Billigkeit das

Gesetz einzugeben, daß eine jede Equipage nur suchen solle, in ihrer

Ordnung das nächste ihr bequeme Gäßchen zu erreichen und so nach Hause

zu eilen.

Allein es lenken gleich nach abgeschossenen Signalen einige Wagen in

die Mitte hinein, hemmen und verwirren das Fußvolk, und weil in dem

engen Mittelraume es einem einfällt, hinunter-, dem andern,

hinaufzufahren, so können beide nicht von der Stelle und hindern oft

die Vernünftigern, die in der Reihe geblieben sind, auch vom Platze zu

kommen.

Wenn nun gar ein zurückkehrendes Pferd auf einen solchen Knoten trifft,

so vermehrt sich Gefahr, Unheil und Verdruß von allen Seiten.

Italienische Reise — Band 2 · 第 77 / 91 题