Man werfe nun einen Blick über die lange und schmale Straße, wo von
allen Balkonen und aus allen Fenstern über lang herabhängende bunte
Teppiche gedrängte Zuschauer auf die mit Zuschauern angefüllten
Gerüste, auf die langen Reihen besetzter Stühle an beiden Seiten der
Straße herunterschauen. Zwei Reihen Kutschen bewegen sich langsam in
dem mittlern Raum, und der Platz, den allenfalls eine dritte Kutsche
einnehmen könnte, ist ganz mit Menschen ausgefüllt, welche nicht hin
und wider gehen, sondern sich hin und wider schieben. Da die Kutschen,
so lang als es nur möglich ist, sich immer ein wenig voneinander
abhalten, um nicht bei jeder Stockung gleich aufeinander zu fahren, so
wagen sich viele Fußgänger, um nur einigermaßen Luft zu schöpfen, aus
dem Gedränge der Mitte zwischen die Räder des vorausfahrenden und die
Deichsel und Pferde des nachfahrenden Wagens, und je größer die Gefahr
und Beschwerlichkeit der Fußgänger wird, desto mehr scheint ihre Laune
und Kühnheit zu steigen.
Da die meisten Fußgänger, welche zwischen den beiden Kutschenreihen
sich bewegen, um ihre Glieder und Kleidungen zu schonen, die Räder und
Achsen sorgfältig vermeiden, so lassen sie gewöhnlich mehr Platz
zwischen sich und den Wagen, als nötig ist; wer nun mit der langsamen
Masse sich fortzubewegen nicht länger ausstehen mag und Mut hat,
zwischen den Rädern und Fußgängern, zwischen der Gefahr und dem, der
sich davor fürchtet, durchzuschlüpfen, der kann in kurzer Zeit einen
großen Weg zurücklegen, bis er sich wieder durch ein anderes Hindernis
aufgehalten sieht.
Schon gegenwärtig scheint unsere Erzählung außer den Grenzen des
Glaubwürdigen zu schreiten, und wir würden kaum wagen fortzufahren,
wenn nicht so viele, die dem Römischen Karneval beigewohnt, bezeugen
könnten, daß wir uns genau an der Wahrheit gehalten, und wenn es nicht
ein Fest wäre, das sich jährlich wiederholt und das von manchem mit
diesem Buche in der Hand künftig betrachtet werden wird.
Denn was werden unsere Leser sagen, wenn wir ihnen erklären, alles
bisher Erzählte sei nur gleichsam der erste Grad des Gedränges, des
Getümmels, des Lärmens und der Ausgelassenheit? Zug des Gouverneurs
und Senators
Indem die Kutschen sachte vorwärts rücken und, wenn es eine Stockung
gibt, stille halten, werden die Fußgänger auf mancherlei Weise geplagt.
Einzeln reitet die Garde des Papstes durch das Gedränge hin und wider,
um die zufälligen Unordnungen und Stockungen der Wagen ins Geleis zu
bringen, und indem einer den Kutschpferden ausweicht, fühlt er, ehe er
sich's versieht, den Kopf eines Reitpferdes im Nacken; allein es folgt
eine größere Unbequemlichkeit.
Der Gouverneur fährt in einem großen Staatswagen mit einem Gefolge von
mehreren Kutschen durch die Mitte zwischen den beiden Reihen der
übrigen Wagen durch. Die Garde des Papstes und die vorausgehenden
Bedienten warnen und machen Platz, und dieser Zug nimmt für den
Augenblick die ganze Breite ein, die kurz vorher den Fußgängern noch
übrigblieb. Sie drängen sich, so gut sie können, zwischen die übrigen
Wagen hinein und auf eine oder die andere Weise beiseite. Und wie das
Wasser, wenn ein Schiff durchfährt, sich nur einen Augenblick trennt
und hinter dem Steuerruder gleich wieder zusammenstürzt, so strömt
auch die Masse der Masken und der übrigen Fußgänger hinter dem Zuge
gleich wieder in eins zusammen. Nicht lange, so stört eine neue
Bewegung die gedrängte Gesellschaft.
Der Senator rückt mit einem ähnlichen Zuge heran; sein großer
Staatswagen und die Wagen seines Gefolges schwimmen wie auf den Köpfen
der erdrückten Menge, und wenn jeder Einheimische und Fremde von der
Liebenswürdigkeit des gegenwärtigen Senators, des Prinzen Rezzonico,
eingenommen und bezaubert wird, so ist vielleicht dieses der einzige
Fall, wo eine Masse von Menschen sich glücklich preist, wenn er sich
entfernt.
Wenn diese beiden Züge der ersten Gerichts--und Polizeiherren von Rom,
nur um das Karneval feierlich zu eröffnen, den ersten Tag durch den
Korso gedrungen waren, fuhr der Herzog von Albanien täglich zu großer
Unbequemlichkeit der Menge gleichfalls diesen Weg und erinnerte zur
Zeit der allgemeinen Mummerei die alte Beherrscherin der Könige an das
Fastnachtsspiel seiner königlichen Prätensionen.
Die Gesandten, welche das gleiche Recht haben, bedienen sich dessen
sparsam und mit einer humanen Diskretion. Schöne Welt am Palast
Ruspoli
Aber nicht allein durch diese Züge wird die Zirkulation des Korso
unterbrochen und gehindert; am Palast Ruspoli und in dessen Nähe, wo
die Straße um nichts breiter wird, sind die Pflasterwege an beiden
Seiten mehr erhöht. Dort nimmt die schöne Welt ihren Platz, und alle
Stühle sind bald besetzt oder besprochen. Die schönsten Frauenzimmer
der Mittelklasse, reizend maskiert, umgeben von ihren Freunden, zeigen
sich dort dem vorübergehenden neugierigen Auge. Jeder, der in die
Gegend kommt, verweilt, um die angenehmen Reihen zu durchschauen;
jeder ist neugierig, unter den vielen männlichen Gestalten, die dort
zu sitzen scheinen, die weiblichen herauszusuchen und vielleicht in
einem niedlichen Offizier den Gegenstand seiner Sehnsucht zu entdecken.
Hier an diesem Flecke stockt die Bewegung zuerst, denn die Kutschen
verweilen, so lange sie können, in dieser Gegend, und wenn man zuletzt
halten soll, will man doch lieber in dieser angenehmen Gesellschaft
bleiben. Konfetti
Wenn unsere Beschreibung bisher nur den Begriff von einem engen, ja
beinahe ängstlichen Zustande gegeben hat, so wird sie einen noch
sonderbarern Eindruck machen, wenn wir ferner erzählen, wie diese
gedrängte Lustbarkeit durch eine Art von kleinem, meist scherzhaftem,
oft aber nur allzu ernstlichem Kriege in Bewegung gesetzt wird.
Wahrscheinlich hat einmal zufällig eine Schöne ihren vorbeigehenden
guten Freund, um sich ihm unter der Menge und Maske bemerklich zu
machen, mit verzuckerten Körnern angeworfen, da denn nichts
natürlicher ist, als daß der Getroffene sich umkehre und die lose
Freundin entdecke; dieses ist nun ein allgemeiner Gebrauch, und man
sieht oft nach einem Wurfe ein Paar freundliche Gesichter sich
einander begegnen. Allein man ist teils zu haushälterisch, um
wirkliches Zuckerwerk zu verschwenden, teils hat der Mißbrauch
desselben einen größern und wohlfeilern Vorrat nötig gemacht.
Es ist nun ein eignes Gewerbe, Gipszeltlein, durch den Trichter
gemacht, die den Schein von Drageen haben, in großen Körben zum
Verkauf mitten durch die Menge zu tragen.
Niemand ist vor einem Angriff sicher; jedermann ist im
Verteidigungszustande, und so entsteht aus Mutwillen oder
Notwendigkeit bald hier, bald da ein Zweikampf, ein Scharmützel oder
eine Schlacht. Fußgänger, Kutschenfahrer, Zuschauer aus Fenstern, von
Gerüsten oder Stühlen greifen einander wechselsweise an und
verteidigen sich wechselsweise.
Die Damen haben vergoldete und versilberte Körbchen voll dieser Körner,
und die Begleiter wissen ihre Schönen sehr wacker zu verteidigen.
Mit niedergelassenen Kutschenfenstern erwartet man den Angriff, man
scherzt mit seinen Freunden und wehrt sich hartnäckig gegen Unbekannte.
Nirgends aber wird dieser Streit ernstlicher und allgemeiner als in
der Gegend des Palasts Ruspoli. Alle Masken, die sich dort
niedergelassen haben, sind mit Körbchen, Säckchen, zusammengebundnen
Schnupftüchern versehen. Sie greifen öfter an, als sie angegriffen
werden; keine Kutsche fährt ungestraft vorbei, ohne daß ihr nicht
wenigstens einige Masken etwas anhängen. Kein Fußgänger ist vor ihnen
sicher, besonders wenn sich ein Abbate im schwarzen Rocke sehen läßt,
werfen alle von allen Seiten auf ihn, und weil Gips und Kreide, wohin
sie treffen, abfärben, so sieht ein solcher bald über und über weiß
und grau punktiert aus. Oft aber werden die Händel sehr ernsthaft und
allgemein, und man sieht mit Erstaunen, wie Eifersucht und
persönlicher Haß sich freien Lauf lassen.
Unbemerkt schleicht sich eine vermummte Figur heran und trifft mit
einer Hand voll Konfetti eine der ersten Schönheiten so heftig und so
gerade, daß die Gesichtsmaske widerschallt und ihr schöner Hals
verletzt wird. Ihre Begleiter zu beiden Seiten werden heftig
aufgereizt, aus ihren Körbchen und Säckchen stürmen sie gewaltig auf
den Angreifenden los; er ist aber so gut vermummt, zu stark
geharnischt, als daß er ihre wiederholten Würfe empfinden sollte. Je
sicherer er ist, desto heftiger setzt er seinen Angriff fort; die
Verteidiger decken das Frauenzimmer mit den Tabarros zu, und weil der
Angreifende in der Heftigkeit des Streits auch die Nachbarn verletzt
und überhaupt durch seine Grobheit und Ungestüm jedermann beleidigt,
so nehmen die Umhersitzenden teil an diesem Streit, sparen ihre
Gipskörner nicht und haben meistenteils auf solche Fälle eine etwas
größere Munition, ungefähr wie verzuckerte Mandeln, in Reserve,
wodurch der Angreifende zuletzt so zugedeckt und von allen Seiten her
überfallen wird, daß ihm nichts als die Retraite übrigbleibt,
besonders wenn er sich verschossen haben sollte.
Gewöhnlich hat einer, der auf ein solches Abenteuer ausgeht, einen
Sekundanten bei sich, der ihm Munition zusteckt, inzwischen daß die
Männer, welche mit solchen Gipskonfetti handeln, während des Streits
mit ihren Körben geschäftig sind und einem jeden, soviel Pfund er
verlangt, eilig zuwiegen.
Wir haben selbst einen solchen Streit in der Nähe gesehn, wo zuletzt
die Streitenden aus Mangel an Munition sich die vergoldeten Körbchen
an die Köpfe warfen und sich durch die Warnungen der Wachen, welche
selbst heftig mit getroffen wurden, nicht abhalten ließen.
Gewiß würde mancher solche Handel mit Messerstichen sich endigen, wenn
nicht die an mehreren Ecken aufgezogenen Corden, die bekannten
Strafwerkzeuge italienischer Polizei, jeden mitten in der Lustbarkeit
erinnerten, daß es in diesem Augenblicke sehr gefährlich sei, sich
gefährlicher Waffen zu bedienen.
Unzählig sind diese Händel und die meisten mehr lustig als ernsthaft.
So kommt z. E. ein offner Wagen voll Pulcinellen gegen Ruspoli heran.
Er nimmt sich vor, indem er bei den Zuschauern vorbeifährt, alle
nacheinander zu treffen; allein unglücklicherweise ist das Gedränge zu
groß, und er bleibt in der Mitte stecken. Die ganze Gesellschaft wird
auf einmal eines Sinnes, und von allen Seiten hagelt es auf den Wagen
los. Die Pulcinelle verschießen ihre Munition und bleiben eine gute
Weile dem kreuzenden Feuer von allen Seiten ausgesetzt, so daß der
Wagen am Ende ganz wie mit Schnee und Schloßen bedeckt, unter einem
allgemeinen Gelächter und von Tönen des Mißbilligens begleitet, sich
langsam entfernt. Dialog am obern Ende des Korso
Indessen in dem Mittelpunkte des Korso diese lebhaften und heftigen
Spiele einen großen Teil der schönen Welt beschäftigen, findet ein
anderer Teil des Publikums an dem obern Ende des Korso eine andere Art
von Unterhaltung.
Unweit der französischen Akademie tritt in spanischer Tracht mit
Federhut, Degen und großen Handschuhen unversehens mitten aus den von
einem Gerüste zuschauenden Masken der sogenannte Capitano des
italienischen Theaters auf und fängt an, seine großen Taten zu Land
und Wasser in emphatischem Ton zu erzählen. Es währt nicht lange, so
erhebt sich gegen ihm über ein Pulcinell, bringt Zweifel und
Einwendungen vor, und indem er ihm alles zuzugeben scheint, macht er
die Großsprecherei jenes Helden durch Wortspiele und eingeschobene
Plattheiten lächerlich.
Auch hier bleibt jeder Vorbeigehende stehen und hört dem lebhaften
Wortwechsel zu. Pulcinellenkönig
Ein neuer Aufzug vermehret oft das Gedränge. Ein Dutzend Pulcinelle
tun sich zusammen, erwählen einen König, krönen ihn, geben ihm ein
Zepter in die Hand, begleiten ihn mit Musik und führen ihn unter
lautem Geschrei auf einem verzierten Wägelchen den Korso herauf. Alle
Pulcinelle springen herbei, wie der Zug vorwärts geht, vermehren das
Gefolge und machen sich mit Geschrei und Schwenken der Hüte Platz.
Alsdann bemerkt man erst, wie jeder diese allgemeine Maske zu
vermannigfaltigen sucht.
Der eine trägt eine Perücke, der andere eine Weiberhaube zu seinem
schwarzen Gesicht, der dritte hat statt der Mütze einen Käfig auf dem
Kopfe, in welchem ein Paar Vögel, als Abbate und Dame gekleidet, auf
den Stängelchen hin und wider hüpfen.