Und doch entwickelt sich diese Verwirrung, zwar später, aber meistens
glücklich. Die Nacht ist eingetreten, und ein jedes wünscht sich zu
einiger Ruhe Glück. Theater
Alle Gesichtsmasken sind von dem Augenblick an abgelegt, und ein
großer Teil des Publikums eilt nach dem Theater. Nur in den Logen
sieht man allenfalls noch Tabarros und Damen in Maskenkleidern; das
ganze Parterre zeigt sich wieder in bürgerlicher Tracht.
Die Theater Aliberti und Argentina geben ernsthafte Opern mit
eingeschobenen Balletten; Valle und Capranica Komödien und Tragödien
mit komischen Opern als Intermezzo; Pace ahmt ihnen, wiewohl
unvollkommen, nach, und so gibt es bis zum Puppenspiel und zur
Seiltänzerbude herunter noch manche subordinierte Schauspiele.
Das große Theater Tordenone, das einmal abbrannte, und, da man es
wieder aufgebauet hatte, gleich zusammenstürzte, unterhält nun leider
das Volk nicht mehr mit seinen Haupt--und Staatsaktionen und andern
wunderbaren Vorstellungen.
Die Leidenschaft der Römer für das Theater ist groß und war ehemals in
der Karnevalszeit noch heftiger, weil sie in dieser einzigen Epoche
befriedigt werden konnte. Gegenwärtig ist wenigstens ein
Schauspielhaus auch im Sommer und Herbst offen, und das Publikum kann
seine Lust den größten Teil des Jahres durch einigermaßen befriedigen.
Es würde uns hier zu sehr von unserm Zwecke abführen, wenn wir uns in
eine umständliche Beschreibung der Theater, und was die römischen
allenfalls Besonderes haben möchten, hier einlassen wollten. Unsre
Leser erinnern sich, daß an andern Orten von diesem Gegenstande
gehandelt worden. Festine
Gleichfalls werden wir von den sogenannten Festinen wenig zu erzählen
haben; es sind dieses große maskierte Bälle, welche in dem schön
erleuchteten Theater Aliberti einigemal gegeben werden.
Auch hier werden Tabarros sowohl von den Herren als Damen für die
anständigste Maske gehalten, und der ganze Saal ist mit schwarzen
Figuren angefüllt; wenige bunte Charaktermasken mischen sich drunter.
Desto größer ist die Neugierde, wenn sich einige edle Gestalten zeigen,
die, wiewohl seltener, aus den verschiedenen Kunstepochen ihre Masken
erwählen und verschiedene Statuen, welche sich in Rom befinden,
meisterlich nachahmen.
So zeigen sich hier ägyptische Gottheiten, Priesterinnen, Bacchus und
Ariadne, die tragische Muse, die Muse der Geschichte, eine Stadt,
Vestalinnen, ein Konsul, mehr oder weniger gut und nach dem Kostüme
ausgeführt. Tanz
Die Tänze bei diesen Festen werden gewöhnlich in langen Reihen nach
Art der englischen getanzt; nur unterscheiden sie sich dadurch, daß
sie in ihren wenigen Touren meistenteils etwas Charakteristisches
pantomimisch ausdrücken; zum Beispiel, es entzweien und versöhnen sich
zwei Liebende, sie scheiden und finden sich wieder.
Die Römer sind durch die pantomimischen Ballette an stark gezeichnete
Gestikulation gewöhnt; sie lieben auch in ihren gesellschaftlichen
Tänzen einen Ausdruck, der uns übertrieben und affektiert scheinen
würde. Niemand wagt leicht zu tanzen, als wer es kunstmäßig gelernt
hat; besonders wird der Menuett ganz eigentlich als ein Kunstwerk
betrachtet und nur von wenigen Paaren gleichsam aufgeführt. Ein
solches Paar wird dann von der übrigen Gesellschaft in einen Kreis
eingeschlossen, bewundert und am Ende applaudiert. Morgen
Wenn die galante Welt sich auf diese Weise bis an den Morgen
erlustiget, so ist man bei anbrechendem Tage schon wieder in dem Korso
beschäftigst, denselben zu reinigen und in Ordnung zu bringen.
Besonders sorgt man, daß die Puzzolane in der Mitte der Straße gleich
und reinlich ausgebreitet werde.
Nicht lange, so bringen die Stallknechte das Rennpferd, das sich
gestern am schlechtesten gehalten, vor den Obelisk. Man setzt einen
kleinen Knaben darauf, und ein anderer Reiter mit einer Peitsche
treibt es vor sich her, so daß es alle seine Kräfte anstrengt, um
seine Bahn so geschwind als möglich zurückzulegen.
Ungefähr zwei Uhr Nachmittag nach dem gegebenen Glockenzeichen beginnt
jeden Tag der schon beschriebene Zirkel des Festes. Die Spaziergänger
finden sich ein, die Wache zieht auf, Balkone, Fenster, Gerüste werden
mit Teppichen behängt, die Masken vermehren sich und treiben ihre
Torheiten, die Kutschen fahren auf und nieder, und die Straße ist mehr
oder weniger gedrängt, je nachdem die Witterung oder andere Umstände
günstig oder ungünstig ihren Einfluß zeigen. Gegen das Ende des
Karnevals vermehren sich, wie natürlich, die Zuschauer, die Masken,
die Wagen, der Putz und der Lärm. Nichts aber reicht an das Gedränge,
an die Ausschweifungen des letzten Tages und Abends. Letzter Tag
Meist halten die Kutschenreihen schon zwei Stunden vor Nacht stille,
kein Wagen kann mehr von der Stelle, keiner aus den Seitengassen mehr
hereinrücken. Die Gerüste und Stühle sind früher besetzt, obgleich
die Plätze teuer gehalten werden; jeder sucht aufs baldigste
unterzukommen, und man erwartet das Ablaufen der Pferde mit mehrerer
Sehnsucht als jemals.
Endlich rauscht auch dieser Augenblick vorbei, die Zeichen werden
gegeben, daß das Fest geendigt sei; allein weder Wagen, noch Masken,
noch Zuschauer weichen aus der Stelle.
Alles ist ruhig, alles still, indem die Dämmerung sachte zunimmt.
Moccoli
Kaum wird es in der engen und hohen Straße düster, so siehet man hie
und da Lichter erscheinen, an den Fenstern, auf den Gerüsten sich
bewegen und in kurzer Zeit die Zirkulation des Feuers dergestalt sich
verbreiten, daß die ganze Straße von brennenden Wachskerzen erleuchtet
ist.
Die Balkone sind mit durchscheinenden Papierlaternen verziert, jeder
hält seine Kerze zum Fenster heraus, alle Gerüste sind erhellt, und es
sieht sich gar artig in die Kutschen hinein, an deren Decken oft
kleine kristallne Armleuchter die Gesellschaft erhellen; indessen in
einem andern Wagen die Damen mit bunten Kerzen in den Händen zur
Betrachtung ihrer Schönheit gleichsam einzuladen scheinen.
Die Bedienten bekleben den Rand des Kutschendeckels mit Kerzchen,
offne Wagen mit bunten Papierlaternen zeigen sich, unter den
Fußgängern erscheinen manche mit hohen Lichterpyramiden auf den Köpfen,
andere haben ihr Licht auf zusammengebundene Rohre gesteckt und
erreichen mit einer solchen Rute oft die Höhe von zwei, drei
Stockwerken.
Nun wird es für einen jeden Pflicht, ein angezündetes Kerzchen in der
Hand zu tragen, und die Favoritverwünschung der Römer "Sia ammazzato"
hört man von allen Ecken und Enden wiederholen.
"Sia ammazzato chi non porta moccolo!" "Ermordet werde, der kein
Lichtstümpfchen trägt!" ruft einer dem andern zu, indem er ihm das
Licht auszublasen sucht. Anzünden und ausblasen und ein unbändiges
Geschrei: "Sia ammazzato", bringt nun bald Leben und Bewegung und
wechselseitiges Interesse unter die ungeheure Menge.
Ohne Unterschied, ob man Bekannte oder Unbekannte vor sich habe, sucht
man nur immer das nächste Licht auszublasen oder das seinige wieder
anzuzünden und bei dieser Gelegenheit das Licht des Anzündenden
auszulöschen. Und je stärker das Gebrüll "Sia ammazzato" von allen
Enden widerhallt, desto mehr verliert das Wort von seinem
fürchterlichen Sinn, desto mehr vergißt man, daß man in Rom sei, wo
diese Verwünschung um einer Kleinigkeit willen in kurzem an einem und
dem andern erfüllt werden kann.
Die Bedeutung des Ausdrucks verliert sich nach und nach gänzlich. Und
wie wir in andern Sprachen oft Flüche und unanständige Worte zum
Zeichen der Bewunderung und Freude gebrauchen hören, so wird "Sia
ammazzato" diesen Abend zum Losungswort, zum Freudengeschrei, zum
Refrain aller Scherze, Neckereien und Komplimente.
So hören wir spotten: "Sia ammazzato il Signore Abbate che fa l'amore."
Oder einen vorbeigehenden guten Freund anrufen: "Sia ammazzato il
Signore Filippo." Oder Schmeichelei und Kompliment damit verbinden:
"Sia ammazzata la bella Principessa! Sia ammazzata la Signora
Angelica, la prima pittrice del secolo."
Alle diese Phrasen werden heftig und schnell mit einem langen
haltenden Ton auf der vorletzten oder drittletzten Silbe ausgerufen.
Unter diesem unaufhörlichen Geschrei geht das Ausblasen und Anzünden
der Kerzen immer fort. Man begegne jemanden im Haus, auf der Treppe,
es sei eine Gesellschaft im Zimmer beisammen, aus einem Fenster ans
benachbarte, überall sucht man über den andern zu gewinnen und ihm das
Licht auszulöschen.
Alle Stände und Alter toben gegeneinander, man steigt auf die Tritte
der Kutschen, kein Hängeleuchter, kaum die Laternen sind sicher, der
Knabe löscht dem Vater das Licht aus und hört nicht auf zu schreien:
"Sia ammazzato il Signore Padre!" Vergebens, daß ihm der Alte diese
Unanständigkeit verweist; der Knabe behauptet die Freiheit dieses
Abends und verwünscht nur seinen Vater desto ärger. Wie nun an beiden
Enden des Korso sich bald das Getümmel verliert, desto unbändiger
häuft sich's nach der Mitte zu, und dort entsteht ein Gedränge, das
alle Begriffe übersteigt, ja, das selbst die lebhafteste
Erinnerungskraft sich nicht wieder vergegenwärtigen kann.
Niemand vermag sich mehr von dem Platze, wo er steht oder sitzt, zu
rühren; die Wärme so vieler Menschen, so vieler Lichter, der Dampf so
vieler immer wieder ausgeblasenen Kerzen, das Geschrei so vieler
Menschen, die nur um desto heftiger brüllen, je weniger sie ein Glied
rühren können, machen zuletzt selbst den gesundesten Sinn schwindeln;
es scheint unmöglich, daß nicht manches Unglück geschehen, daß die
Kutschpferde nicht wild, nicht manche gequetscht, gedrückt oder sonst
beschädigt werden sollten.
Und doch weil sich endlich jeder weniger oder mehr hinweg sehnt, jeder
ein Gäßchen, an das er gelangen kann, einschlägt oder auf dem nächsten
Platze freie Luft und Erholung sucht, löst sich diese Masse auch auf,
schmilzt von den Enden nach der Mitte zu, und dieses Fest allgemeiner
Freiheit und Losgebundenheit, dieses moderne Saturnal endigt sich mit
einer allgemeinen Betäubung.
Das Volk eilt nun, sich bei einem wohlbereiteten Schmause an dem bald
verbotenen Fleische bis Mitternacht zu ergötzen, die feinere Welt nach
den Schauspielhäusern, um dort von den sehr abgekürzten Theaterstücken
Abschied zu nehmen, und auch diesen Freuden macht die herannahende
Mitternachtsstunde ein Ende. Aschermittwoch
So ist denn ein ausschweifendes Fest wie ein Traum, wie ein Märchen
vorüber, und es bleibt dem Teilnehmer vielleicht weniger davon in der
Seele zurück als unsern Lesern, vor deren Einbildungskraft und
Verstand wir das Ganze in seinem Zusammenhange gebracht haben.
Wenn uns während des Laufs dieser Torheiten der rohe Pulcinell
ungebührlich an die Freuden der Liebe erinnert, denen wir unser Dasein
zu danken haben, wenn eine Baubo auf öffentlichem Platze die
Geheimnisse der Gebärerin entweiht, wenn so viele nächtlich
angezündete Kerzen uns an die letzte Feierlichkeit erinnern, so werden
wir mitten unter dem Unsinne auf die wichtigsten Szenen unsers Lebens
aufmerksam gemacht.
Noch mehr erinnert uns die schmale, lange, gedrängt volle Straße an
die Wege des Weltlebens, wo jeder Zuschauer und Teilnehmer mit freiem
Gesicht oder unter der Maske vom Balkon oder vom Gerüste nur einen
geringen Raum vor und neben sich übersieht, in der Kutsche oder zu
Fuße nur Schritt vor Schritt vorwärts kommt, mehr geschoben wird als
geht, mehr aufgehalten wird als willig stille steht, nur eifriger
dahin zu gelangen sucht, wo es besser und froher zugeht, und dann auch
da wieder in die Enge kommt und zuletzt verdrängt wird.
Dürfen wir fortfahren, ernsthafter zu sprechen, als es der Gegenstand
zu erlauben scheint, so bemerken wir, daß die lebhaftesten und
höchsten Vergnügen, wie die vorbeifliegenden Pferde, nur einen
Augenblick uns erscheinen, uns rühren und kaum eine Spur in der Seele
zurücklassen, daß Freiheit und Gleichheit nur in dem Taumel des
Wahnsinns genossen werden können, und daß die größte Lust nur dann am
höchsten reizt, wenn sie sich ganz nahe an die Gefahr drängt und
lüstern ängstlich-süße Empfindungen in ihrer Nähe genießet.
Und so hätten wir, ohne selbst daran zu denken, auch unser Karneval
mit einer Aschermittwochsbetrachtung geschlossen, wodurch wir keinen
unsrer Leser traurig zu machen fürchten. Vielmehr wünschen wir, daß
jeder mit uns, da das Leben im ganzen wie das Römische Karneval
unübersehlich, ungenießbar, ja bedenklich bleibt, durch diese
unbekümmerte Maskengesellschaft an die Wichtigkeit jedes
augenblicklichen, oft gering scheinenden Lebensgenusses erinnert
werden möge.