Da die Frauen ebensoviel Lust haben, sich in Mannskleidern zu zeigen,
als die Männer, sich in Frauenskleidern sehen zu lassen, so haben sie
die beliebte Tracht des Pulcinells sich anzupassen nicht verfehlt, und
man muß bekennen, daß es ihnen gelingt, in dieser Zwittergestalt oft
höchst reizend zu sein.
Mit schnellen Schritten, deklamierend, wie vor Gericht, drängt sich
ein Advokat durch die Menge; er schreit an die Fenster hinauf, packt
maskierte und unmaskierte Spaziergänger an, droht einem jeden mit
einem Prozeß, macht bald jenem eine lange Geschichtserzählung von
lächerlichen Verbrechen, die er begangen haben soll, bald diesem eine
genaue Spezifikation seiner Schulden. Die Frauen schilt er wegen
ihrer Cicisbeen, die Mädchen wegen ihrer Liebhaber; er beruft sich auf
ein Buch, das er bei sich führt, produziert Dokumente, und das alles
mit einer durchdringenden Stimme und geläufigen Zunge. Er sucht
jedermann zu beschämen und konfus zu machen. Wenn man denkt, er höre
auf, so fängt er erst recht an; denkt man, er gehe weg, so kehrt er um;
auf den einen geht er gerade los und spricht ihn nicht an, er packt
einen andern, der schon vorbei ist; kommt nun gar ein Mitbruder ihm
entgegen, so erreicht die Tollheit ihren höchsten Grad.
Aber lange können sie die Aufmerksamkeit des Publikums nicht auf sich
ziehen; der tollste Eindruck wird gleich von Menge und
Mannigfaltigkeit wieder verschlungen.
Besonders machen die Quacqueri zwar nicht so viel Lärm, doch
ebensoviel Aufsehen als die Advokaten. Die Maske der Quacqueri
scheint so allgemein geworden zu sein durch die Leichtigkeit, auf dem
Trödel altfränkische Kleidungsstücke finden zu können.
Die Haupterfordernisse dieser Maske sind, daß die Kleidung zwar
altfränkisch, aber wohlerhalten und von edlem Stoff sei. Man sieht
sie selten anders als mit Samt oder Seide bekleidet, sie tragen
brokatene oder gestickte Westen, und der Statur nach muß der Quacquero
dickleibig sein; seine Gesichtsmaske ist ganz, mit Pausbacken und
kleinen Augen; seine Perücke hat wunderliche Zöpfchen; sein Hut ist
klein und meistens bordiert.
Man siehet, daß sich diese Figur sehr dem Buffo caricato der komischen
Oper nähert, und wie dieser meistenteils einen läppischen, verliebten,
betrogenen Toren vorstellt, so zeigen sich auch diese als
abgeschmackte Stutzer. Sie hüpfen mit großer Leichtigkeit auf den
Zehen hin und her, führen große schwarze Ringe ohne Glas statt der
Lorgnetten, womit sie in alle Wagen hineingucken, nach allen Fenstern
hinaufblicken. Sie machen gewöhnlich einen steifen, tiefen Bückling,
und ihre Freude, besonders wenn sie sich einander begegnen, geben sie
dadurch zu erkennen, daß sie mit gleichen Füßen mehrmals gerade in die
Höhe hüpfen und einen hellen, durchdringenden, unartikulierten Laut
von sich geben, der mit den Konsonanten brr verbunden ist.
Oft geben sie sich durch diesen Ton das Zeichen, und die nächsten
erwidern das Signal, so daß in kurzer Zeit, dieses Geschrille den
ganzen Korso hin und wider läuft.
Mutwillige Knaben blasen indes in große gewundne Muscheln und
beleidigen das Ohr mit unerträglichen Tönen.
Man sieht bald, daß bei der Enge des Raums, bei der ähnlichkeit so
vieler Maskenkleidungen (denn es mögen immer einige hundert Pulcinelle
und gegen hundert Quacqueri im Korso auf und nieder laufen) wenige die
Absicht haben können, Aufsehn zu erregen oder bemerkt zu werden. Auch
müssen diese früh genug im Korso erscheinen. Vielmehr geht ein jeder
nur aus, sich zu vergnügen, seine Tollheit auszulassen und der
Freiheit dieser Tage auf das beste zu genießen.
Besonders suchen und wissen die Mädchen und Frauen sich in dieser Zeit
nach ihrer Art lustig zu machen. Jede sucht nur aus dem Hause zu
kommen, sich, auf welche Art es sei, zu vermummen, und weil die
wenigsten in dem Fall sind, viel Geld aufwenden zu können, so sind sie
erfinderisch genug, allerlei Arten auszudenken, wie sie sich mehr
verstecken als zieren.
Sehr leicht sind die Masken von Bettlern und Bettlerinnen zu schaffen;
schöne Haare werden vorzüglich erfordert, dann eine ganz weiße
Gesichtsmaske, ein irdenes Töpfchen an einem farbigen Bande, ein Stab
und ein Hut in der Hand. Sie treten mit demütiger Gebärde unter die
Fenster und vor jeden hin und empfangen statt Almosen Zuckerwerk,
Nüsse und was man ihnen sonst Artiges geben mag.
Andere machen sich es noch bequemer, hüllen sich in Pelze oder
erscheinen in einer artigen Haustracht nur mit Gesichtsmasken. Sie
gehen meistenteils ohne Männer und führen als Offund Defensivwaffe ein
Besenchen, aus der Blüte eines Rohrs gebunden, womit sie teils die
überlästigen abwehren, teils auch, mutwillig genug, Bekannten und
Unbekannten, die ihnen ohne Masken entgegenkommen, im Gesicht
herumfahren.
Wenn einer, auf den sie es gemünzt haben, zwischen vier oder fünf
solcher Mädchen hineinkommt, weiß er sich nicht zu retten. Das
Gedränge hindert ihn zu fliehen, und wo er sich hinwendet, fühlt er
die Besenchen unter der Nase. Sich ernstlich gegen diese oder andere
Neckereien zu wehren würde sehr gefährlich sein, weil die Masken
unverletzlich sind und jede Wache ihnen beizustehen beordert ist.
Ebenso müssen die gewöhnlichen Kleidungen aller Stände als Masken
dienen. Stallknechte mit ihren großen Bürsten kommen, einem jeden,
wenn es ihnen beliebt, den Rücken auszukehren. Vetturine bieten ihre
Dienste mit ihrer gewöhnlichen Zudringlichkeit an. Zierlicher sind
die Masken der Landmädchen, Fraskatanerinnen, Fischer, Neapolitaner
Schiffer, neapolitanischer Sbirren und Griechen.
Manchmal wird eine Maske vom Theatern nachgeahmt. Einige machen
sich's sehr bequem, indem sie sich in Teppiche oder Leintücher hüllen,
die sie über dem Kopfe zusammenbinden.
Die weiße Gestalt pflegt gewöhnlich andern in den Weg zu treten und
vor ihnen zu hüpfen und glaubt auf diese Weise ein Gespenst
vorzustellen. Einige zeichnen sich durch sonderbare Zusammensetzungen
aus, und der Tabarro wird immer für die edelste Maske gehalten, weil
sie sich gar nicht auszeichnet.
Witzige und satirische Masken sind sehr selten, weil diese schon
Endzweck haben und bemerkt sein wollen. Doch sah man einen Pulcinell
als Hahnrei. Die Hörner waren beweglich, er konnte sie wie eine
Schnecke heraus--und hineinziehen. Wenn er unter ein Fenster vor neu
Verheiratete trat und ein Horn nur ein wenig sehen ließ, oder vor
einem andern beide Hörner recht lang streckte und die an den obern
Spitzen befestigten Schellen recht wacker klingelten, entstand auf
Augenblicke eine heitere Aufmerksamkeit des Publikums und manchmal ein
großes Gelächter.
Ein Zauberer mischt sich unter die Menge, läßt das Volk ein Buch mit
Zahlen sehn und erinnert es an seine Leidenschaft zum Lottospiel.
Mit zwei Gesichtern steckt einer im Gedränge: man weiß nicht, welches
sein Vorderteil, welches sein Hinterteil ist, ob er kommt, ob er geht.
Der Fremde muß sich auch gefallen lassen, in diesen Tagen verspottet
zu werden. Die langen Kleider der Nordländer, die großen Knöpfe, die
wunderlichen runden Hüte fallen den Römern auf, und so wird ihnen der
Fremde eine Maske.
Weil die fremden Maler, besonders die, welche Landschaften und Gebäude
studieren, in Rom überall öffentlich sitzen und zeichnen, so werden
sie auch unter der Karnevalsmenge emsig vorgestellt und zeigen sich
mit großen Portefeuillen, langen Surtouts und kolossalischen
Reißfedern sehr geschäftig.
Die deutschen Bäckerknechte zeichnen sich in Rom gar oft betrunken aus,
und sie werden auch mit einer Flasche Wein in ihrer eigentlichen oder
auch etwas verzierten Tracht taumelnd vorgestellt.
Wir erinnern uns einer einzigen anzüglichen Maske. Es sollte ein
Obelisk vor der Kirche Trinità de' Monti aufgerichtet werden. Das
Publikum war nicht sehr damit zufrieden, teils weil der Platz eng ist,
teils weil man dem kleinen Obelisk, um ihn in eine gewisse Höhe zu
bringen, ein sehr hohes Piedestal unterbauen mußte. Es nahm daher
einer den Anlaß, ein großes weißes Piedestal als Mütze zu tragen, auf
welchem oben ein ganz kleiner rötlicher Obelisk befestigt war. An dem
Piedestal standen große Buchstaben, deren Sinn vielleicht nur wenige
errieten. Kutschen
Indessen die Masken sich vermehren, fahren die Kutschen nach und nach
in den Korso hinein, in derselben Ordnung, wie wir sie oben
beschrieben haben, als von der sonn--und festtägigen Spazierfahrt die
Rede war, nur mit dem Unterschied, daß gegenwärtig die Fuhrwerke,
welche vom venezianischen Palast an der linken Seite herunterfahren,
da, wo die Straße des Korso aufhört, wenden und sogleich an der andern
Seite wieder herauffahren.
Wir haben schon oben angezeigt, daß die Straße, wenn man die
Erhöhungen für die Fußgänger abrechnet, an den meisten Orten wenig
über drei Wagenbreiten hat.
Die Seitenerhöhungen sind alle mit Gerüsten versperrt, mit Stühlen
besetzt, und viele Zuschauer haben schon ihre Plätze eingenommen. An
Gerüsten und Stühlen geht ganz nahe eine Wagenreihe hinunter und an
der andern Seite hinauf. Die Fußgänger sind in eine Breite von
höchstens acht Fuß zwischen den beiden Reihen eingeschlossen; jeder
drängt sich hin--und herwärts, so gut er kann, und von allen Fenstern
und Balkonen sieht wieder eine gedrängte Menge auf das Gedränge
herunter.
In den ersten Tagen sieht man meist nur die gewöhnlichen Equipagen;
denn jeder verspart auf die folgenden, was er Zierliches oder
Prächtiges allenfalls aufführen will. Gegen Ende des Karnevals kommen
mehr offene Wagen zum Vorschein, deren einige sechs Sitze haben: zwei
Damen sitzen erhöht gegeneinander über, so daß man ihre ganze Gestalt
sehen kann, vier Herren nehmen die vier übrigen Sitze der Winkel ein,
Kutscher und Bediente sind maskiert, die Pferde mit Flor und Blumen
geputzt.
Oft steht ein schöner, weißer, mit rosenfarbnen Bändern gezierter
Pudel dem Kutscher zwischen den Füßen, an dem Geschirre klingen
Schellen, und die Aufmerksamkeit des Publikums wird einige Augenblicke
auf diesen Aufzug geheftet.
Man kann leicht denken, daß nur schöne Frauen sich so vor dem ganzen
Volke zu erhöhen wagen, und daß nur die Schönste ohne Gesichtsmaske
sich sehen läßt. Wo sich denn aber auch der Wagen nähert, der
gewöhnlich langsam genug fahren muß, sind alle Augen darauf gerichtet,
und sie hat die Freude, von manchen Seiten zu hören: "O quanto è bella!"
Ehemals sollen diese Prachtwagen weit häufiger und kostbarer, auch
durch mythologische und allegorische Vorstellungen interessanter
gewesen sein; neuerdings aber scheinen die Vornehmern, es sei nun aus
welchem Grunde es wolle, verloren in dem Ganzen, das Vergnügen, das
sie noch bei dieser Feierlichkeit finden, mehr genießen, als sich vor
andern auszeichnen zu wollen.
Je weiter das Karneval vorrückt, desto lustiger sehen die Equipagen
aus.
Selbst ernsthafte Personen, welche unmaskiert in den Wagen sitzen,
erlauben ihren Kutschern und Bedienten, sich zu maskieren. Die
Kutscher wählen meistenteils die Frauentracht, und in den letzten
Tagen scheinen nur Weiber die Pferde zu regieren. Sie sind oft
anständig, ja reizend gekleidet; dagegen macht denn auch ein breiter,
häßlicher Kerl in völlig neumodischem Putz mit hoher Frisur und Federn
eine große Karikatur; und wie jene Schönheiten ihr Lob zu hören hatten,
so muß er sich gefallen lassen, daß ihm einer unter die Nase tritt
und ihm zuruft: "O fratello mio, che brutta puttana sei!"
Gewöhnlich erzeigt der Kutscher einer oder einem paar seiner
Freundinnen den Dienst, wenn er sie im Gedränge antrifft, sie auf den
Bock zu heben. Diese sitzen denn gewöhnlich in Mannstracht an seiner
Seite, und oft gaukeln dann die niedlichen Pulcinellbeinchen mit
kleinen Füßchen und hohen Absätzen den Vorübergehenden um die Köpfe.
Ebenso machen es die Bedienten und nehmen ihre Freunde und Freundinnen
hinten auf den Wagen, und es fehlt nichts, als daß sie sich noch wie
auf die englischen Landkutschen oben auf den Kasten setzten.
Die Herrschaften selbst scheinen es gerne zu sehen, wenn ihre Wagen
recht bepackt sind; alles ist in diesen Tagen vergönnt und schicklich.