Innenansicht von St. Peter. Gouache von Desprez

Die Peterskirche ist gewiß so groß gedacht und wohl größer und kühner

als einer der alten Tempel, und nicht allein was zweitausend Jahre

vernichten sollten, lag vor unsern Augen, sondern zugleich was eine

gesteigerte Bildung wieder hervorzubringen vermochte.

Selbst das Schwanken des Kunstgeschmackes, das Bestreben zum einfachen

Großen, das Wiederkehren zum vervielfachten Kleineren, alles deutete

auf Leben und Bewegung; Kunst--und Menschengeschichte standen

synchronistisch vor unseren Augen.

Es darf uns nicht niederschlagen, wenn sich uns die Bemerkung

aufdringt, das Große sei vergänglich; vielmehr wenn wir finden, das

Vergangene sei groß gewesen, muß es uns aufmuntern, selbst etwas von

Bedeutung zu leisten, das fortan unsre Nachfolger, und wär' es auch

schon in Trümmer zerfallen, zu edler Tätigkeit aufrege, woran es unsre

Vorvordern niemals haben ermangeln lassen.

Diese höchst belehrenden und geisterhebenden Anschauungen wurden, ich

darf nicht sagen gestört und unterbrochen, aber doch mit einem

schmerzlichen Gefühl durchflochten, das mich überallhin begleitete;

ich erfuhr nämlich, daß der Bräutigam jener artigen Mailänderin, unter

ich weiß nicht welchem Vorwande, sein Wort zurückgenommen und sich von

seiner Versprochenen losgesagt habe. Wenn ich mich nun einerseits

glücklich pries, meiner Neigung nicht nachgehangen und mich sehr bald

von dem lieben Kinde zurückgezogen zu haben, wie denn auch nach

genauster Erkundigung unter den Vorwänden jener Villeggiatur auch

nicht im mindesten gedacht worden, so war es mir doch höchst

empfindlich, das artige Bild, das mich bisher so heiter und freundlich

begleitet hatte, nunmehr getrübt und entstellt zu sehen; denn ich

vernahm sogleich, das liebe Kind sei aus Schrecken und Entsetzen über

dieses Ereignis in ein gewaltsames Fieber verfallen, welches für ihr

Leben fürchten lasse. Indem ich mich nun tagtäglich und die erste

Zeit zweimal erkundigen ließ, hatte ich die Pein, daß meine

Einbildungskraft sich etwas Unmögliches hervorzubringen bemüht war,

jene heitern, dem offnen, frohen Tag allein gehörigen Züge, diesen

Ausdruck unbefangenen, stillvorschreitenden Lebens nunmehr durch

Tränen getrübt, durch Krankheit entstellt und eine so frische Jugend

durch inneres und äußeres Leiden so frühzeitig blaß und schmächtig zu

denken.

In solcher Stimmung war freilich ein so großes Gegengewicht als eine

Reihenfolge des Bedeutendsten, das teils dem Auge durch sein Dasein,

teils der Einbildungskraft durch nie verschollene Würde genug zu tun

gab, höchst ersehnt und nichts natürlicher, als das meiste davon mit

inniger Trauer anzublicken.

Waren die alten Monumente nach so vielen Jahrhunderten meistens zu

unförmlichen Massen zerfallen, so mußte man bei neueren

aufrechtstehenden Prachtgebäuden gleichermaßen den Verfall so vieler

Familien in der späteren Zeit bedauern, ja, selbst das noch frisch im

Leben Erhaltene schien an einem heimlichen Wurm zu kranken; denn wie

wollte sich das Irdische ohne eigentlich physische Kraft durch

sittliche und religiöse Stützen allein in unsern Tagen aufrecht

erhalten? Und wie einem heiteren Sinn auch die Ruine wieder zu

beleben, gleich einer frischen, unsterblichen Vegetation, verfallene

Mauern und zerstreute Blöcke wieder mit Leben auszustatten gelingt, so

entkleidet ein trauriger Sinn das lebendige Dasein von seinem

schönsten Schmuck und möchte es uns gern als ein nacktes Gerippe

aufdringen.

Auch zu einer Gebirgsreise, die wir noch vor Winters in heiterer

Gesellschaft zu vollbringen gedachten, konnt' ich mich nicht

entschließen, bis ich, einer erfolgten Besserung gewiß und durch

sorgfältige Anstalten gesichert, Nachricht von ihrer Genesung auch an

denen Orten erhalten sollte, wo ich sie so munter als liebenswürdig in

den schönsten Herbsttagen kennen gelernt hatte.

Schon die ersten Briefe aus Weimar über "Egmont" enthielten einige

Ausstellungen über dieses und jenes; hiebei erneute sich die alte

Bemerkung, daß der unpoetische, in seinem bürgerlichen Behagen bequeme

Kunstfreund gewöhnlich da einen Anstoß nimmt, wo der Dichter ein

Problem aufzulösen, zu beschönigen oder zu verstecken gesucht hat.

Alles soll, so will es der behagliche Leser, im natürlichen Gange

fortgehen; aber auch das Ungewöhnliche kann natürlich sein, scheint es

aber demjenigen nicht, der auf seinen eigenen Ansichten verharrt. Ein

Brief dieses Inhalts war angekommen, ich nahm ihn und ging in die

Villa Borghese; da mußt' ich denn lesen, daß einige Szenen für zu lang

gehalten würden. Ich dachte nach, hätte sie aber auch jetzt nicht zu

verkürzen gewußt, indem so wichtige Motive zu entwickeln waren. Was

aber am meisten den Freundinnen tadelnswert schien, war das lakonische

Vermächtnis, womit Egmont sein Klärchen an Ferdinand empfiehlt.

Ein Auszug aus meinem damaligen Antwortschreiben wird über meine

Gesinnungen und Zustände den besten Aufschluß geben.

"Wie sehr wünscht' ich nun, auch euren Wunsch erfüllen und dem

Vermächtnis Egmonts einige Modifikation geben zu können! Ich eilte an

einem herrlichen Morgen mit eurem Briefe gleich in die Villa Borghese,

dachte zwei Stunden den Gang des Stücks, die Charaktere, die

Verhältnisse durch und konnte nichts finden, das ich abzukürzen hätte.

Wie gern möcht' ich euch alle meine überlegungen, mein Pro und Contra

schreiben, sie würden ein Buch Papier füllen und eine Dissertation

über die ökonomie meines Stücks enthalten. Sonntags kam ich zu

Angelika und legte ihr die Frage vor. Sie hat das Stück studiert und

besitzt eine Abschrift davon. Möchtest du doch gegenwärtig gewesen

sein, wie weiblich zart sie alles auseinander legte, und es darauf

hinausging: daß das, was ihr noch mündlich von dem Helden erklärt

wünschtet, in der Erscheinung implicite enthalten sei. Angelika sagte:

da die Erscheinung nur vorstelle, was in dem Gemüte des schlafenden

Helden vorgehe, so könne er mit keinen Worten stärker ausdrücken, wie

sehr er sie liebe und schätze, als es dieser Traum tue, der das

liebenswürdige Geschöpf nicht zu ihm herauf, sondern über ihn hinauf

hebe. Ja, es wolle ihr wohl gefallen, daß der, welcher durch sein

ganzes Leben gleichsam wachend geträumt, Leben und Liebe mehr als

geschätzt, oder vielmehr nur durch den Genuß geschätzt, daß dieser

zuletzt noch gleichsam träumend wache und uns still gesagt werde, wie

tief die Geliebte in seinem Herzen wohne und welche vornehme und hohe

Stelle sie darin einnehme.--Es kamen noch mehr Betrachtungen dazu, daß

in der Szene mit Ferdinand Klärchens nur auf eine subordinierte Weise

gedacht werden konnte, um das Interesse des Abschieds von dem jungen

Freunde nicht zu schmälern, der ohnehin in diesem Augenblicke nichts

zu hören noch zu erkennen imstande war."

Italienische Reise — Band 2 · 第 62 / 91 题