Moritz als Etymolog

Schon längst hat ein weiser Mann das wahre Wort ausgesprochen: "Der

Mensch, dessen Kräfte zu dem Notwendigen und Nützlichen nicht

hinreichen, mag sich gern mit dem Unnötigen und Unnützen beschäftigen!"

Vielleicht möchte nachstehendes von manchem auf diese Weise

beurteilt werden.

Unser Geselle Moritz ließ nicht ab, jetzt, in dem Kreise der höchsten

Kunst und schönsten Natur, über die Innerlichkeiten des Menschen,

seine Anlagen und Entwickelungen fortwährend zu sinnen und zu spinnen;

deshalb er denn auch sich mit dem Allgemeinen der Sprache vorzüglich

beschäftigte.

Zu jener Zeit war in Gefolg der Herderischen Preisschrift "über den

Ursprung der Sprache" und in Gemäßheit der damaligen allgemeinen

Denkweise die Vorstellung herrschend: das Menschengeschlecht habe sich

nicht von einem Paare aus dem hohen Orient herab über die ganze Erde

verbreitet, sondern zu einer gewissen merkwürdig produktiven Zeit des

Erdballs sei, nachdem die Natur die verschiedenartigsten Tiere

stufenweis hervorzubringen versucht, da und dort, in mancher günstigen

Lage die Menschenart mehr oder weniger vollendet hervorgetreten. Ganz

im innerlichsten Bezug auf seine Organe sowohl als seine

Geistesfähigkeiten sei nun dem Menschen die Sprache angeboren. Hier

bedürfe es keiner natürlichen Anleitung, so wenig als einer

überlieferung. Und in diesem Sinne gebe es eine allgemeine Sprache,

welche zu manifestieren ein jeder autochthonische Stamm versucht habe.

Die Verwandtschaft aller Sprachen liege in der übereinstimmung der

Idee, wonach die schaffende Kraft das menschliche Geschlecht und

seinen Organismus gebildet. Daher komme denn, daß teils aus innerem

Grundtriebe, teils durch äußere Veranlassung die sehr beschränkte

Vokal--und Konsonantenzahl zum Ausdruck von Gefühlen und Vorstellungen

richtig oder unrichtig angewendet worden; da es denn natürlich, ja

notwendig sei, daß die verschiedensten Autochthonen teils

zusammengetroffen, teils voneinander abgewichen und sich diese oder

jene Sprache in der Folge entweder verschlimmert oder verbessert habe.

Was von den Stammworten gelte, gelte denn auch von den Ableitungen,

wodurch die Bezüge der einzelnen Begriffe und Vorstellungen

ausgedrückt und bestimmter bezeichnet werden. Dies möchte denn gut

sein und als ein Unerforschliches, nie mit Gewißheit zu Bestimmendes

auf sich beruhen.

Hierüber find' ich in meinen Papieren folgendes Nähere:

"Mir ist es angenehm, daß sich Moritz aus seiner brütenden Trägheit,

aus dem Unmut und Zweifel an sich selbst zu einer Art von Tätigkeit

wendet, denn da wird er allerliebst. Seine Grillenfängereien haben

alsdann eine wahre Unterlage und seine Träumereien Zweck und Sinn.

Jetzt beschäftigt ihn eine Idee, in welche ich auch eingegangen bin

und die uns sehr unterhält. Es ist schwer, sie mitzuteilen, weil es

gleich toll klingt. Doch will ich's versuchen:

Er hat ein Verstands--und Empfindungsalphabet erfunden, wodurch er

zeigt, daß die Buchstaben nicht willkürlich, sondern in der

menschlichen Natur gegründet sind und alle gewissen Regionen des

inneren Sinnes angehören, welchen sie denn auch, ausgesprochen,

ausdrücken. Nun lassen sich nach diesem Alphabete die Sprachen

beurteilen, und da findet sich, daß alle Völker versucht haben, sich

dem innern Sinn gemäß auszudrücken, alle sind aber durch Willkür und

Zufall vom rechten Wege abgeleitet worden. Demzufolge suchen wir in

den Sprachen die Worte auf, die am glücklichsten getroffen sind, bald

hat's die eine, bald die andre; dann verändern wir die Worte, bis sie

uns recht dünken, machen neue u. s. w. Ja, wenn wir recht spielen

wollen, machen wir Namen für Menschen, untersuchen, ob diesem oder

jenem sein Name gehöre etc. etc.

Das etymologische Spiel beschäftigt schon so viele Menschen, und so

gibt es auch uns auf diese heitere Weise viel zu tun. Sobald wir

zusammenkommen, wird es wie ein Schachspiel vorgenommen, und

hunderterlei Kombinationen werden versucht, so daß, wer uns zufällig

behorchte, uns für wahnsinnig halten müßte. Auch möchte ich es nur

den allernächsten Freunden vertrauen. Genug, es ist das witzigste

Spiel von der Welt und übt den Sprachsinn unglaublich."

Italienische Reise — Band 2 · 第 63 / 91 题