Raffael Transfiguration. Kupferstich von Prestel

Doch hierüber vereinigte man sich ebensowenig als über das herrliche

Bild der Transfiguration, welches man in dem zunächst gelegenen

Kloster gleich darauf anzustaunen Gelegenheit fand. Da war denn des

Redens viel; der stillere Teil jedoch ärgerte sich, den alten Tadel

von doppelter Handlung wiederholt zu sehen. Es ist aber nicht anders

in der Welt, als daß eine wertlose Münze neben einer gehaltigen auch

immer eine gewisse Art von Kurs behält, besonders da, wo man in der

Kürze aus einem Handel zu scheiden und ohne viel überlegung und

Zaudern gewisse Differenzen auszugleichen gedenkt. Wundersam bleibt

es indes immer, daß man an der großen Einheit einer solchen Konzeption

jemals hat mäkeln dürfen. In Abwesenheit des Herren stellen trostlose

Eltern einen besessenen Knaben den Jüngern des Heiligen dar; sie mögen

schon Versuche gemacht haben, den Geist zu bannen; man hat sogar ein

Buch aufgeschlagen, um zu forschen, ob nicht etwa eine überlieferte

Formel gegen dieses übel wirksam könne gefunden werden; aber vergebens.

In diesem Augenblick erscheint der einzig Kräftige, und zwar

verklärt, anerkannt von seinen großen Vorfahren, eilig deutet man

hinauf nach solcher Vision als der einzigen Quelle des Heils. Wie

will man nun das Obere und Untere trennen? Beides ist eins: unten das

Leidende, Bedürftige, oben das Wirksame, Hülfreiche, beides

aufeinander sich beziehend, ineinander einwirkend. Läßt sich denn, um

den Sinn auf eine andere Weise auszusprechen, ein ideeller Bezug aufs

Wirkliche von diesem lostrennen?

Die Gleichgesinnten bestärkten sich auch diesmal in ihrer überzeugung;

"Raffael", sagten sie zueinander, "zeichnete sich eben durch die

Richtigkeit des Denkens aus, und der gottbegabte Mann, den man eben

hieran durchaus erkennt, soll in der Blüte seines Lebens falsch

gedacht, falsch gehandelt haben? Nein! er hat wie die Natur jederzeit

recht, und gerade da am gründlichsten, wo wir sie am wenigsten

begreifen."

Eine Verabredung wie die unsrige, einen flüchtigen überblick von Rom

sich in guter vereinigter Gesellschaft zu verschaffen, konnte nicht

ganz, wie es wohl der Vorsatz gewesen, in völliger Abgesondertheit

durchgeführt werden; ein und der andere fehlte, vielleicht zufällig

abgehalten, wieder andere schlossen sich an, auf ihrem Wege dieses

oder jenes Sehenswürdige zu betrachten. Dabei hielt jedoch der Kern

zusammen und wußte bald aufzunehmen, bald abzusondern, bald

zurückzubleiben, bald vorzueilen. Gelegentlich hatte man freilich gar

wunderliche äußerungen zu vernehmen. Es gibt eine gewisse Art von

empirischem Urteil, welches seit längerer Zeit zumal durch englische

und französische Reisende besonders in den Gang gekommen; man spricht

sein augenblickliches unvorbereitetes Urteil aus, ohne nur irgend zu

bedenken, daß jeder Künstler auf gar vielfache Weise bedingt ist,

durch sein besonderes Talent, durch Vorgänger und Meister, durch Ort

und Zeit, durch Gönner und Besteller. Nichts von allem dem, welches

freilich zu einer reinen Würderung nötig wäre, kommt in Betrachtung,

und so entsteht daraus ein gräßliches Gemisch von Lob und Tadel, von

Bejahen und Verneinen, wodurch jeder eigentümliche Wert der fraglichen

Gegenstände ganz eigentlich aufgehoben wird.

Unser guter Volkmann, sonst so aufmerksam und als Führer nützlich

genug, scheint sich durchaus an jene fremden Urteiler gehalten zu

haben, deswegen denn seine eigenen Schätzungen gar wunderlich

hervortreten. Kann man sich z. B. unglücklicher ausdrücken, als er

sich in der Kirche Maria della Pace vernehmen läßt?

"über der ersten Kapelle hat Raffael einige Sibyllen gemalt, die sehr

gelitten haben. Die Zeichnung ist richtig, aber die Zusammensetzung

schwach, welches vermutlich dem unbequemen Platz beigemessen werden

muß. Die zwote Kapelle ist nach des Michael Angelo Zeichnungen mit

Arabesken geziert, die hoch geschätzt werden, aber nicht simpel genug

sind. Unter der Kuppel bemerkt man drei Gemälde, das erste stellt die

Heimsuchung der Maria von Karl Maratti vor, ist frostig gemalt, aber

gut angeordnet; das andere die Geburt der Maria vom Kavalier Vanni, in

der Manier des Peter von Cortona, und das dritte den Tod der Maria von

Maria Morandi. Die Anordnung ist etwas verwirrt und fällt ins Rohe.

Am Gewölbe über dem Chor hat Albani mit einem schwachen Kolorit die

Himmelfahrt der Maria abgebildet. Die von ihm herrührenden Malereien

an den Pfeilern unter der Kuppel sind besser geraten. Den Hof des zu

dieser Kirche gehörigen Klosters hat Bramante angegeben."

Dergleichen unzulängliche, schwankende Urteile verwirren durchaus den

Beschauer, der ein solches Buch zum Leitfaden erwählt. Manches ist

denn aber auch ganz falsch, z. B. was hier von den Sibyllen gesagt

ist. Raffael war niemals von dem Raume geniert, den ihm die

Architektur darbot, vielmehr gehört zu der Großheit und Eleganz seines

Genies, daß er jeden Raum auf das zierlichste zu füllen und zu

schmücken wußte, wie er augenfällig in der Farnesine dargetan hat.

Selbst die herrlichen Bilder der "Messe von Bolsena", der "Befreiung

des gefangenen Petrus", des "Parnasses" wären ohne die wunderliche

Beschränkung des Raumes nicht so unschätzbar geistreich zu denken.

Ebenso ist auch hier in den Sibyllen die verheimlichte Symmetrie,

worauf bei der Komposition alles ankommt, auf eine höchst geniale

Weise obwaltend; denn wie in dem Organismus der Natur, so tut sich

auch in der Kunst innerhalb der genausten Schranke die Vollkommenheit

der Lebensäußerung kund.

Wie dem aber auch sei, so mag einem jeden die Art und Weise,

Kunstwerke aufzunehmen, völlig überlassen bleiben. Mir ward bei

diesem Umgang das Gefühl, der Begriff, die Anschauung dessen, was man

im höchsten Sinne die Gegenwart des klassischen Bodens nennen dürfte.

Ich nenne dies die sinnlich geistige überzeugung, daß hier das Große

war, ist und sein wird. Daß das Größte und Herrlichste vergehe, liegt

in der Natur der Zeit und der gegeneinander unbedingt wirkenden

sittlichen und physischen Elemente. Wir konnten in allgemeinster

Betrachtung nicht traurig an dem Zerstörten vorübergehen, vielmehr

hatten wir uns zu freuen, daß so viel erhalten, so viel

wiederhergestellt war, prächtiger und übermäßiger, als es je gestanden.

Italienische Reise — Band 2 · 第 61 / 91 题