Der Monat Dezember war mit heiterem, ziemlich gleichem Wetter
eingetreten, wodurch ein Gedanke rege ward, der einer guten frohen
Gesellschaft viel angenehme Tage verschaffen sollte. Man sagte
nämlich: Stellen wir uns vor, wir kämen soeben in Rom an und müßten
als eilige Fremde geschwind von den vorzüglichsten Gegenständen uns
unterrichten. Beginnen wir einen Umgang in diesem Sinne, damit das
schon Bekannte möchte in Geist und Sinn wieder neu werden.
Die Ausführung des Gedankens ward alsobald begonnen und mit einiger
Stetigkeit so ziemlich durchgesetzt; leider daß von manchem Guten,
welches bei dieser Gelegenheit bemerkt und gedacht worden, nur wenig
übriggeblieben. Briefe, Notizen, Zeichnungen und Entwürfe mangeln von
dieser Epoche fast gänzlich, einiges werde jedoch hievon kürzlich
mitgeteilt.
Unterhalb Roms, eine Strecke nicht weit von der Tiber, liegt eine
mäßig große Kirche, "Zu den drei Brünnlein" genannt; diese sind, so
erzählt man, bei Enthauptung des heiligen Paulus durch sein Blut
hervorgerufen worden und quellen noch bis auf den heutigen Tag.
Ohnehin ist die Kirche niedrig gelegen, und da vermehren denn freilich
die in ihrem Innern hervordringenden Röhrbrunnen eine dunstige
Feuchtigkeit. Das Innere steht wenig geschmückt und beinahe verlassen,
nur für einen seltenen Gottesdienst, reinlich, wenngleich moderhaft,
gehegt und besorgt. Was ihr aber zur größten Zierde dient, sind
Christus und seine Apostel, die Reihe her an den Pfeilern des Schiffs,
nach Zeichnungen Raffaels farbig in Lebensgröße gemalt. Dieser
außerordentliche Geist hat jene frommen Männer, die er sonst am
rechten Orte in versammelter Schar als übereinstimmend gekleidet
vorgeführt, hier, da jeder Einzelne abgesondert auftritt, jeden auch
mit besonderer Auszeichnung abgebildet, nicht als wenn er im Gefolge
des Herrn sich befände, sondern als wenn er nach der Heimfahrt
desselben, auf seine eignen Füße gestellt, nunmehr seinem Charakter
gemäß das Leben durchzuwirken und auszudulden habe.
Um uns aber von den Vorzügen dieser Bilder auch in der Ferne zu
belehren, sind uns Nachbildungen der Originalzeichnungen von der
treuen Hand Mark Antons übriggeblieben, welche uns öfters Gelegenheit
und Anlaß gaben, unser Gedächtnis aufzufrischen und unsere Bemerkungen
niederzuschreiben. Wir fügen den Auszug eines Aufsatzes bei, der in
dem Jahre 1791 in den "Deutschen Merkur" aufgenommen worden.
"Die Aufgabe, einen verklärten Lehrer mit seinen zwölf ersten und
vornehmsten Schülern, welche ganz an seinen Worten und an seinem
Dasein hingen und größtenteils ihren einfachen Wandel mit einem
Märtyrertode krönten, gebührend vorzustellen, hat er mit einer solchen
Einfalt, Mannigfaltigkeit, Herzlichkeit und mit so einem reichen
Kunstverständnis gelöst, daß wir diese Blätter für eins der schönsten
Monumente seines glücklichen Daseins halten können.
Was uns von ihrem Charakter, Stande, Beschäftigung, Wandel und Tode in
Schriften oder durch Traditionen übriggeblieben, hat er auf das
zarteste benutzt und dadurch eine Reihe von Gestalten hervorgebracht,
welche, ohne einander zu gleichen, eine innere Beziehung aufeinander
haben. Wir wollen sie einzeln durchgehen, um unsre Leser auf die
interessante Sammlung aufmerksam zu machen.
Petrus. Er hat ihn gerad von vorne gestellt und ihm eine feste
gedrungene Gestalt gegeben. Die Extremitäten sind bei dieser wie bei
einigen andern Figuren ein wenig groß gehalten, wodurch die Figur
etwas kürzer scheint. Der Hals ist kurz, und die kurzen Haare sind
unter allen dreizehn Figuren am stärksten gekraust. Die Hauptfalten
des Gewandes laufen in der Mitte des Körpers zusammen, das Gesicht
sieht man wie die übrige Gestalt ganz von vorn. Die Figur ist in sich
fest zusammengenommen und steht da wie ein Pfeiler, der eine Last zu
tragen imstande ist.
Paulus ist auch stehend abgebildet, aber abgewendet, wie einer, der
gehen will und nochmals zurücksieht; der Mantel ist aufgezogen und
über den Arm, in welchem er das Buch hält, geschlagen; die Füße sind
frei, es hindert sie nichts am Fortschreiten; Haare und Bart bewegen
sich wie Flammen, und ein schwärmerischer Geist glüht auf dem Gesichte.
Johannes. Ein edler Jüngling mit langen, angenehmen, nur am Ende
krausen Haaren. Er scheint zufrieden, ruhig, die Zeugnisse der
Religion, das Buch und den Kelch, zu besitzen und vorzuzeigen. Es ist
ein sehr glücklicher Kunstgriff, daß der Adler, indem er die Flügel
hebt, das Gewand sogleich mit in die Höhe nimmt, und durch dieses
Mittel die schön angelegten Falten in die vollkommenste Lage gesetzt
werden.
Matthäus. Ein wohlhabender, behaglicher, auf seinem Dasein beruhender
Mann. Die allzugroße Ruhe und Bequemlichkeit ist durch einen
ernsthaften, beinahe scheuen Blick ins Gleichgewicht gebracht; die
Falten, die über den Leib geschlagen sind, und der Geldbeutel geben
einen unbeschreiblichen Begriff von behaglicher Harmonie.
Thomas ist eine der schönsten, in der größten Einfalt ausdruckvollsten
Figuren. Er steht in seinen Mantel zusammengenommen, der auf beiden
Seiten fast symmetrische Falten wirft, die aber durch ganz leise
Veränderungen einander völlig unähnlich gemacht worden sind. Stiller,
ruhiger, bescheidner kann wohl kaum eine Gestalt gebildet werden. Die
Wendung des Kopfes, der Ernst, der beinahe traurige Blick, die
Feinheit des Mundes harmonieren auf das schönste mit dem ruhigen
Ganzen. Die Haare allein sind in Bewegung, ein unter einer sanften
Außenseite bewegtes Gemüt anzuzeigen.
Jakobus major. Eine sanfte, eingehüllte, vorbeiwandelnde
Pilgrimsgestalt.
Philippus. Man lege diesen zwischen die beiden vorhergehenden und
betrachte den Faltenwurf aller drei nebeneinander, und es wird
auffallen, wie reich, groß, breit die Falten dieser Gestalt gegen jene
gehalten sind. So reich und vornehm sein Gewand ist, so sicher steht
er, so fest hält er das Kreuz, so scharf sieht er darauf, und das
Ganze scheint eine innere Größe, Ruhe und Festigkeit anzudeuten.
Andreas umarmt und liebkoset sein Kreuz mehr, als er es trägt; die
einfachen Falten des Mantels sind mit großem Verstande geworfen.
Thaddäus. Ein Jüngling, der, wie es die Mönche auf der Reise zu tun
pflegen, sein langes überkleid in die Höhe nimmt, daß es ihn nicht im
Gehen hindere. Aus dieser einfachen Handlung entstehen sehr schöne
Falten. Er trägt die Partisane, das Zeichen seines Märtyrertodes, als
einen Wanderstab in der Hand.
Matthias. Ein munterer Alter in einem durch höchst verstandene Falten
vermannigfaltigten einfachen Kleide lehnt sich auf einen Spieß, sein
Mantel fällt hinterwärts herunter.
Simon. Die Falten des Mantels sowohl als des übrigen Gewandes, womit
diese mehr von hinten als von der Seite zu sehende Figur bekleidet ist,
gehören mit unter die schönsten der ganzen Sammlung, wie überhaupt in
der Stellung, in der Miene, in dem Haarwuchse eine unbeschreibliche
Harmonie zu bewundern ist.
Bartholomäus steht in seinen Mantel wild und mit großer Kunst kunstlos
eingewickelt; seine Stellung, seine Haare, die Art, wie er das Messer
hält, möchte uns fast auf die Gedanken bringen, er sei eher bereit,
jemanden die Haut abzuziehen, als eine solche Operation zu dulden.
Christus zuletzt wird wohl niemanden befriedigen, der die
Wundergestalt eines Gottmenschen hier suchen möchte. Er tritt einfach
und still hervor, um das Volk zu segnen. Von dem Gewand, das von
unten herausgezogen ist, in schönen Falten das Knie sehen läßt und
wider dem Leibe ruht, wird man mit Recht behaupten, daß es sich keinen
Augenblick so erhalten könne, sondern gleich herunterfallen müsse.
Wahrscheinlich hat Raffael supponiert, die Figur habe mit der rechten
Hand das Gewand herausgezogen und angehalten und lasse es in dem
Augenblicke, indem sie den Arm zum Segnen aufhebt, los, so daß es eben
niederfallen muß. Es wäre dieses ein Beispiel von dem schönen
Kunstmittel, die kurz vorhergegangene Handlung durch den
überbleibenden Zustand der Falten anzudeuten."
Von diesem kleinen bescheidenen Kirchlein ist jedoch nicht weit zu dem
größeren, dem hohen Apostel gewidmeten Denkmal: es ist die Kirche St.
Paul vor den Mauern genannt, ein aus alten herrlichen Resten groß und
kunstreich zusammengestelltes Monument. Der Eintritt in diese Kirche
verleiht einen erhabenen Eindruck, die mächtigsten Säulenreihen tragen
hohe gemalte Wände, welche, oben durch das verschränkte Zimmerwerk des
Dachs geschlossen, zwar jetzt unserm verwöhnten Auge einen
scheunenartigen Anblick geben, obschon das Ganze, wäre die
Kontignation an festlichen Tagen mit Teppichen überspannt, von
unglaublicher Wirkung sein müßte. Mancher wundersame Rest kolossaler
höchst verzierter Architektur an Kapitälen findet sich hier anständig
aufbewahrt, aus den Ruinen von dem ehmals nahe gelegenen, jetzo fast
ganz verschwundenen Palast des Caracalla entnommen und gerettet.
Die Rennbahn sodann, die von diesem Kaiser noch jetzt den Namen führt,
gibt uns, wennschon großenteils verfallen, doch noch einen Begriff
eines solchen immensen Raumes. Stellte sich der Zeichner an den
linken Flügel der zum Wettlauf Ausfahrenden, so hätte er rechts in der
Höhe über den zertrümmerten Sitzen der Zuschauer das Grab der Cäcilia
Metella mit dessen neueren Umgebungen, von wo aus die Linie der
ehemaligen Sitze ins Grenzenlose hinausläuft und in der Ferne
bedeutende Villen und Lusthäuser sich sehen lassen. Kehrt das Auge
zurück, so kann es gerade vor sich die Ruinen der Spina noch gar wohl
verfolgen, und derjenige, dem architektonische Phantasie gegeben ist,
kann sich den übermut jener Tage einigermaßen vergegenwärtigen. Der
Gegenstand in Trümmern, wie er jetzt vor unsern Augen liegt, würde auf
jeden Fall, wenn ein geistreicher und kenntnisgewandter Künstler es
unternehmen wollte, immer noch ein angenehmes Bild geben, das freilich
um das Doppelte länger als hoch sein müßte.
Die Pyramide des Cestius ward für diesmal mit den Augen von außen
begrüßt, und die Trümmer der Antoninischen oder Caracallischen Bäder,
von denen uns Piranesi so manches Effektreiche vorgefabelt, konnten
auch dem malerisch gewöhnten Auge in der Gegenwart kaum einige
Zufriedenheit geben. Doch sollte bei dieser Gelegenheit die
Erinnerung an Hermann von Schwanefeld lebendig werden, welcher mit
seiner zarten, das reinste Natur--und Kunstgefühl ausdrückenden Nadel
diese Vergangenheiten zu beleben, ja, sie zu den anmutigsten Trägern
des lebendig Gegenwärtigen umzuschauen wußte.
Auf dem Platze vor St. Peter in Montorio begrüßten wir den
Wasserschwall der Acqua Paola, welcher durch eines Triumphbogens
Pforten und Tore in fünf Strömen ein großes verhältnismäßiges Becken
bis an den Rand füllt. Durch einen von Paul V. wiederhergestellten
Aquädukt macht diese Stromfülle einen Weg von fünfundzwanzig Miglien
hinter dem See Bracciano her durch ein wunderliches, von abwechselnden
Höhen gebotenes Zickzack bis an diesen Ort, versieht die Bedürfnisse
verschiedener Mühlen und Fabriken, um sich zugleich in Trastevere zu
verbreiten.
Hier nun rühmten Freunde der Baukunst den glücklichen Gedanken, diesen
Wassern einen offen schaubaren triumphierenden Eintritt verschafft zu
haben. Man wird durch Säulen und Bogen, durch Gesims und Attiken an
jene Prachttore erinnert, wodurch ehmals kriegerische überwinder
einzutreten pflegten; hier tritt der friedlichste Ernährer mit
gleicher Kraft und Gewalt ein und empfängt für die Mühen seines weiten
Laufes sogleich Dank und Bewunderung. Auch sagen uns die Inschriften,
daß Vorsehung und Wohltätigkeit eines Papstes aus dem Hause Borghese
hier gleichsam einen ewigen ununterbrochenen stattlichen Einzug halten.
Ein kurz vorher eingetroffener Ankömmling aus Norden fand jedoch, man
würde besser getan haben, rohe Felsen hier aufzutürmen, um diesen
Fluten einen natürlichen Eintritt ans Tageslicht zu verschaffen. Man
entgegnete ihm, daß dies kein Natur-, sondern ein Kunstwasser sei,
dessen Ankunft man auf eine gleichartige Weise zu schmücken gar wohl
berechtigt gewesen wäre.