Ich habe recht diese Zeit her zwei meiner Kapitalfehler, die mich mein
ganzes Leben verfolgt und gepeinigt haben, entdecken können. Einer
ist, daß ich nie das Handwerk einer Sache, die ich treiben wollte oder
sollte, lernen mochte. Daher ist gekommen, daß ich mit so viel
natürlicher Anlage so wenig gemacht und getan habe. Entweder es war
durch die Kraft des Geistes gezwungen, gelang oder mißlang, wie Glück
und Zufall es wollten, oder wenn ich eine Sache gut und mit überlegung
machen wollte, war ich furchtsam und konnte nicht fertig werden. Der
andere, nah verwandte Fehler ist, daß ich nie so viel Zeit auf eine
Arbeit oder Geschäft wenden mochte, als dazu erfordert wird. Da ich
die Glückseligkeit genieße, sehr viel in kurzer Zeit denken und
kombinieren zu können, so ist mir eine schrittweise Ausführung nojos
und unerträglich. Nun, dächt' ich, wäre Zeit und Stunde da, sich zu
korrigieren. Ich bin im Land der Künste, laßt uns das Fach
durcharbeiten, damit wir für unser übriges Leben Ruh' und Freude haben
und an was anders gehen können.
Rom ist ein herrlicher Ort dazu. Nicht allein die Gegenstände aller
Art sind hier, sondern auch Menschen aller Art, denen es Ernst ist,
die auf den rechten Wegen gehen, mit denen man sich unterhaltend gar
bequem und schleunig weiter bringen kann. Gott sei Dank, ich fange an,
von andern lernen und annehmen zu können.
Und so befinde ich mich an Leib und Seele wohler als jemals! Möchtet
ihr es an meinen Produktionen sehen und meine Abwesenheit preisen.
Durch das, was ich mache und denke, häng' ich mit euch zusammen,
übrigens bin ich freilich sehr allein und muß meine Gespräche
modifizieren. Doch das ist hier leichter als irgendwo, weil man mit
jedem etwas Interessantes zu reden hat.
Mengs sagt irgendwo vom Apoll von Belvedere, daß eine Statue, die zu
gleich großem Stil mehr Wahrheit des Fleisches gesellte, das Größte
wäre, was der Mensch sich denken könnte. Und durch jenen Torso eines
Apolls oder Bacchus, dessen ich schon gedacht, scheint sein Wunsch,
seine Prophezeiung erfüllt zu sein. Mein Auge ist nicht genug
gebildet, um in einer so delikaten Materie zu entscheiden; aber ich
bin selbst geneigt, diesen Rest für das Schönste zu halten, was ich je
gesehn habe. Leider ist es nicht allein nur Torso, sondern auch die
Epiderm ist an vielen Orten weggewaschen, er muß unter einer Traufe
gestanden haben.
Sonntags, den 22. Juli,
aß ich bei Angelika; es ist nun schon hergebracht, daß ich ihr
Sonntagsgast bin. Vorher fuhren wir nach dem Palast Barberini, den
trefflichen Leonard da Vinci und die Geliebte des Raffaels, von ihm
selbst gemalt, zu sehen. Mit Angelika ist es gar angenehm, Gemälde zu
betrachten, da ihr Auge sehr gebildet und ihre mechanische
Kunstkenntnis so groß ist. Dabei ist sie sehr für alles Schöne, Wahre,
Zarte empfindlich und unglaublich bescheiden.