Rom, den 20. Juli. 20

Ich habe recht diese Zeit her zwei meiner Kapitalfehler, die mich mein

ganzes Leben verfolgt und gepeinigt haben, entdecken können. Einer

ist, daß ich nie das Handwerk einer Sache, die ich treiben wollte oder

sollte, lernen mochte. Daher ist gekommen, daß ich mit so viel

natürlicher Anlage so wenig gemacht und getan habe. Entweder es war

durch die Kraft des Geistes gezwungen, gelang oder mißlang, wie Glück

und Zufall es wollten, oder wenn ich eine Sache gut und mit überlegung

machen wollte, war ich furchtsam und konnte nicht fertig werden. Der

andere, nah verwandte Fehler ist, daß ich nie so viel Zeit auf eine

Arbeit oder Geschäft wenden mochte, als dazu erfordert wird. Da ich

die Glückseligkeit genieße, sehr viel in kurzer Zeit denken und

kombinieren zu können, so ist mir eine schrittweise Ausführung nojos

und unerträglich. Nun, dächt' ich, wäre Zeit und Stunde da, sich zu

korrigieren. Ich bin im Land der Künste, laßt uns das Fach

durcharbeiten, damit wir für unser übriges Leben Ruh' und Freude haben

und an was anders gehen können.

Rom ist ein herrlicher Ort dazu. Nicht allein die Gegenstände aller

Art sind hier, sondern auch Menschen aller Art, denen es Ernst ist,

die auf den rechten Wegen gehen, mit denen man sich unterhaltend gar

bequem und schleunig weiter bringen kann. Gott sei Dank, ich fange an,

von andern lernen und annehmen zu können.

Und so befinde ich mich an Leib und Seele wohler als jemals! Möchtet

ihr es an meinen Produktionen sehen und meine Abwesenheit preisen.

Durch das, was ich mache und denke, häng' ich mit euch zusammen,

übrigens bin ich freilich sehr allein und muß meine Gespräche

modifizieren. Doch das ist hier leichter als irgendwo, weil man mit

jedem etwas Interessantes zu reden hat.

Mengs sagt irgendwo vom Apoll von Belvedere, daß eine Statue, die zu

gleich großem Stil mehr Wahrheit des Fleisches gesellte, das Größte

wäre, was der Mensch sich denken könnte. Und durch jenen Torso eines

Apolls oder Bacchus, dessen ich schon gedacht, scheint sein Wunsch,

seine Prophezeiung erfüllt zu sein. Mein Auge ist nicht genug

gebildet, um in einer so delikaten Materie zu entscheiden; aber ich

bin selbst geneigt, diesen Rest für das Schönste zu halten, was ich je

gesehn habe. Leider ist es nicht allein nur Torso, sondern auch die

Epiderm ist an vielen Orten weggewaschen, er muß unter einer Traufe

gestanden haben.

Sonntags, den 22. Juli,

aß ich bei Angelika; es ist nun schon hergebracht, daß ich ihr

Sonntagsgast bin. Vorher fuhren wir nach dem Palast Barberini, den

trefflichen Leonard da Vinci und die Geliebte des Raffaels, von ihm

selbst gemalt, zu sehen. Mit Angelika ist es gar angenehm, Gemälde zu

betrachten, da ihr Auge sehr gebildet und ihre mechanische

Kunstkenntnis so groß ist. Dabei ist sie sehr für alles Schöne, Wahre,

Zarte empfindlich und unglaublich bescheiden.

Italienische Reise — Band 2 · 第 24 / 91 题