Mein jetziges Leben sieht einem Jugendtraume völlig ähnlich, wir
wollen sehen, ob ich bestimmt bin, ihn zu genießen, oder zu erfahren,
daß auch dieses, wie so vieles andre, nur eitel ist. Tischbein ist
fort, sein Studium aufgeräumt, ausgestäubt und ausgewaschen, so daß
ich nun gerne drin sein mag. Wie nötig ist's, in der jetzigen Zeit
ein angenehmes Zuhause zu haben. Die Hitze ist gewaltig. Morgens mit
Sonnenaufgang steh' ich auf und gehe nach der Acqua acetosa, einem
Sauerbrunnen, ungefähr eine halbe Stunde von dem Tor, an dem ich wohne,
trinke das Wasser, das wie ein schwacher Schwalbacher schmeckt, in
diesem Klima aber schon sehr wirksam ist. Gegen acht Uhr bin ich
wieder zu Hause und bin fleißig auf alle Weise, wie es die Stimmung
nur geben will. Ich bin recht wohl. Die Hitze schafft alles
Flußartige weg und treibt, was Schärfe im Körper ist, nach der Haut,
und es ist besser, daß ein übel jückt, als daß es reißt und zieht. Im
Zeichnen fahr' ich fort, Geschmack und Hand zu bilden, ich habe
Architektur angefangen ernstlicher zu treiben, es wird mir alles
erstaunend leicht (das heißt der Begriff, denn die Ausübung erfordert
ein Leben). Was das Beste war: ich hatte keinen Eigendünkel und keine
Prätension, ich hatte nichts zu verlangen, als ich herkam. Und nun
dringe ich nur drauf, daß mir nichts Name, nichts Wort bleibe. Was
schön, groß, ehrwürdig gehalten wird, will ich mit eignen Augen sehn
und erkennen. Ohne Nachahmung ist dies nicht möglich. Nun muß ich
mich an die Gipsköpfe setzen. (Die rechte Methode wird mir von
Künstlern angedeutet. Ich halte mich zusammen, was möglich ist.) Am
Anfang der Woche konnt' ich's nicht absagen, hier und da zu essen.
Nun wollen sie mich hier--und dahin haben; ich lasse es vorübergehn
und bleibe in meiner Stille. Moritz, einige Landsleute im Hause, ein
wackerer Schweizer sind mein gewöhnlicher Umgang. Zu Angelika und Rat
Reiffenstein geh' ich auch; überall mit meiner nachdenklichen Art, und
niemand ist, dem ich mich eröffnete. Lucchesini ist wieder hier, der
alle Welt sieht und den man sieht wie alle Welt. Ein Mann, der sein
Metier recht macht, wenn ich mich nicht sehr irre. Nächstens schreib'
ich dir von einigen Personen, die ich bald zu kennen hoffe.
"Egmont" ist in der Arbeit, und ich hoffe, er wird geraten.
Wenigstens hab' ich immer unter dem Machen Symptome gehabt, die mich
nicht betrogen haben. Es ist recht sonderbar, daß ich so oft bin
abgehalten worden, das Stück zu endigen, und daß es nun in Rom fertig
werden soll. Der erste Akt ist ins Reine und zur Reife, es sind ganze
Szenen im Stücke, an die ich nicht zu rühren brauche.
Ich habe über allerlei Kunst so viel Gelegenheit zu denken, daß mein
"Wilhelm Meister" recht anschwillt. Nun sollen aber die alten Sachen
voraus weg; ich bin alt genug, und wenn ich noch etwas machen will,
darf ich mich nicht säumen. Wie du dir leicht denken kannst, hab' ich
hundert neue Dinge im Kopfe, und es kommt nicht aufs Denken, es kommt
aufs Machen an; das ist ein verwünschtes Ding, die Gegenstände
hinzusetzen, daß sie nun einmal so und nicht anders dastehen. Ich
möchte nun recht viel von der Kunst sprechen, doch ohne die Kunstwerke
was will man sagen? Ich hoffe, über manche Kleinheit wegzurücken,
drum gönnt mit meine Zeit, die ich hier so wunderbar und sonderbar
zubringe, gönnt mir sie durch den Beifall eurer Liebe.
Ich muß diesmal schließen und wider Willen eine leere Seite schicken.
Die Hitze des Tages war groß, und gegen Abend bin ich eingeschlafen.
Rom, den 9. Juli.
Ich will künftig einiges die Woche über schreiben, daß nicht die Hitze
des Posttags oder ein andrer Zufall mich hindre, euch ein vernünftiges
Wort zu sagen. Gestern hab' ich vieles gesehen und wieder gesehen,
ich bin vielleicht in zwölf Kirchen gewesen, wo die schönsten
Altarblätter sind.
Dann war ich mit Angelika bei dem Engländer Moore, einem
Landschaftsmaler, dessen Bilder meist trefflich gedacht sind. Unter
andern hat er eine Sündflut gemalt, das etwas Einziges ist. Anstatt
daß andere ein offnes Meer genommen haben, das immer nur die Idee von
einem weiten, aber nicht hohen Wasser gibt, hat er ein geschlossenes
hohes Bergtal vorgestellt, in welches die immer steigenden Wasser
endlich auch hereinstürzen. Man sieht an der Form der Felsen, daß der
Wasserstand sich dem Gipfel nähert, und dadurch, daß es hinten quervor
zugeschlossen ist, die Klippen alle steil sind, macht es einen
fürchterlichen Effekt. Es ist gleichsam nur grau in grau gemalt, das
schmutzige aufgewühlte Wasser, der triefende Regen verbinden sich aufs
innigste, das Wasser stürzt und trieft von den Felsen, als wenn die
ungeheuren Massen sich auch in dem allgemeinen Elemente auflösen
wollten, und die Sonne blickt wie ein trüber Mond durch den Wasserflor
durch, ohne zu erleuchten, und doch ist es nicht Nacht. In der Mitte
des Vordergrundes ist eine flache isolierte Felsenplatte, auf die sich
einige hülflose Menschen retten in dem Augenblick, daß die Flut
heranschwillt und sie bedecken will. Das Ganze ist unglaublich gut
gedacht. Das Bild ist groß. Es kann 7-8 Fuß lang und 5-6 Fuß hoch
sein. Von den andern Bildern, einem herrlich schönen Morgen, einer
trefflichen Nacht, sag' ich gar nichts.
Drei volle Tage war Fest auf Ara coeli wegen der Beatifikation zweier
Heiligen aus dem Orden des heiligen Franziskus. Die Dekoration der
Kirche, Musik, Illumination und Feuerwerk des Nachts zog eine große
Menge Volks dahin. Das nah gelegene Kapitol war mit erleuchtet und
die Feuerwerke auf dem Platz des Kapitols abgebrannt. Das Ganze
zusammen machte sich sehr schön, obgleich es nur ein Nachspiel von St.
Peter war. Die Römerinnen zeigen sich bei dieser Gelegenheit, von
ihren Männern oder Freunden begleitet, des Nachts weiß gekleidet mit
einem schwarzen Gürtel und sind schön und artig. Auch ist im Korso
jetzt des Nachts häufiger Spaziergang und Fahrt, da man des Tags nicht
aus dem Hause geht. Die Hitze ist sehr leidlich und diese Tage her
immer ein kühles Windchen wehend. Ich halte mich in meinem kühlen
Saale und bin still und vergnügt.
Ich bin fleißig, mein "Egmont" rückt sehr vor. Sonderbar ist's, daß
sie eben jetzt in Brüssel die Szene spielen, wie ich sie vor zwölf
Jahren aufschrieb, man wird vieles jetzt für Pasquill halten.
Rom, den 16. Juli.
Es ist schon weit in der Nacht, und man merkt es nicht, denn die
Straße ist voll Menschen, die singend, auf Zithern und Violinen
spielend, miteinander wechselnd, auf und ab gehn. Die Nächte sind
kühl und erquickend, die Tage nicht unleidlich heiß.
Gestern war ich mit Angelika in der Farnesina, wo die Fabel der Psyche
gemalt ist. Wie oft und unter wie manchen Situationen hab' ich die
bunten Kopien dieser Bilder in meinen Zimmern mit euch angesehn! Es
fiel mir recht auf, da ich sie eben durch jene Kopien fast auswendig
weiß. Dieser Saal oder vielmehr Galerie ist das Schönste, was ich von
Dekoration kenne, so viel auch jetzt dran verdorben und restauriert
ist.
Heute war Tierhetze in dem Grabmal des August. Dieses große, inwendig
leere, oben offene, ganz runde Gebäude ist jetzt zu einem Kampfplatz,
zu einer Ochsenhetze eingerichtet wie eine Art Amphitheater. Es wird
vier--bis fünftausend Menschen fassen können. Das Schauspiel selbst
hat mich nicht sehr erbaut.
Dienstag, den 17. Juli, war ich abends bei Albacini, dem Restaurator
antiker Statuen, um einen Torso zu sehen, den sie unter den
farnesinischen Besitzungen, die nach Neapel gehen, gefunden haben. Es
ist ein Torso eines sitzenden Apolls und hat an Schönheit vielleicht
nicht seinesgleichen, wenigstens kann er unter die ersten Sachen
gesetzt werden, die vom Altertum übrig sind.
Ich speiste bei Graf Fries; Abbate Casti, der mit ihm reist,
rezitierte eine seiner Novellen, "Der Erzbischof von Prag", die nicht
sehr ehrbar, aber außerordentlich schön, in Ottave rime, geschrieben
ist. Ich schätzte ihn schon als den Verfasser meines beliebten "Re
Teodoro in Venezia". Er hat nun einen "Re Teodoro in Corsica"
geschrieben, wovon ich den ersten Akt gelesen habe, auch ein ganz
allerliebstes Werk.
Graf Fries kauft viel und hat unter andern eine Madonna von Andrea del
Sarto für 600 Zechinen gekauft. Im vergangenen März hatte Angelika
schon 450 drauf geboten, hätte auch das Ganze dafür gegeben, wenn ihr
attenter Gemahl nicht etwas einzuwenden gehabt hätte. Nun reut sie's
beide. Es ist ein unglaublich schön Bild, man hat keine Idee von so
etwas, ohne es gesehn zu haben.
Und so kommt tagtäglich etwas Neues zum Vorschein, was, zu dem Alten
und Bleibenden gesellt, ein großes Vergnügen gewährt. Mein Auge
bildet sich gut aus, mit der Zeit könnte ich Kenner werden.
Tischbein beschwert sich in einem Briefe über die entsetzliche Hitze
in Neapel. Hier ist sie auch stark genug. Am Dienstag soll es so
heiß gewesen sein, als Fremde es nicht in Spanien und Portugal
empfunden.
"Egmont" ist schon bis in den vierten Akt gediehen, ich hoffe, er soll
euch Freude machen. In drei Wochen denke ich fertig zu sein, und ich
schicke ihn gleich an Herdern ab.
Gezeichnet und illuminiert wird auch fleißig. Man kann s nicht aus
dem Hause gehn, nicht die kleinste Promenade machen, ohne die
würdigsten Gegenstände zutreffen. Meine Vorstellung, mein Gedächtnis
füllt sich voll unendlich schöner Gegenstände.