Rom, den 5. Juli 1787

Mein jetziges Leben sieht einem Jugendtraume völlig ähnlich, wir

wollen sehen, ob ich bestimmt bin, ihn zu genießen, oder zu erfahren,

daß auch dieses, wie so vieles andre, nur eitel ist. Tischbein ist

fort, sein Studium aufgeräumt, ausgestäubt und ausgewaschen, so daß

ich nun gerne drin sein mag. Wie nötig ist's, in der jetzigen Zeit

ein angenehmes Zuhause zu haben. Die Hitze ist gewaltig. Morgens mit

Sonnenaufgang steh' ich auf und gehe nach der Acqua acetosa, einem

Sauerbrunnen, ungefähr eine halbe Stunde von dem Tor, an dem ich wohne,

trinke das Wasser, das wie ein schwacher Schwalbacher schmeckt, in

diesem Klima aber schon sehr wirksam ist. Gegen acht Uhr bin ich

wieder zu Hause und bin fleißig auf alle Weise, wie es die Stimmung

nur geben will. Ich bin recht wohl. Die Hitze schafft alles

Flußartige weg und treibt, was Schärfe im Körper ist, nach der Haut,

und es ist besser, daß ein übel jückt, als daß es reißt und zieht. Im

Zeichnen fahr' ich fort, Geschmack und Hand zu bilden, ich habe

Architektur angefangen ernstlicher zu treiben, es wird mir alles

erstaunend leicht (das heißt der Begriff, denn die Ausübung erfordert

ein Leben). Was das Beste war: ich hatte keinen Eigendünkel und keine

Prätension, ich hatte nichts zu verlangen, als ich herkam. Und nun

dringe ich nur drauf, daß mir nichts Name, nichts Wort bleibe. Was

schön, groß, ehrwürdig gehalten wird, will ich mit eignen Augen sehn

und erkennen. Ohne Nachahmung ist dies nicht möglich. Nun muß ich

mich an die Gipsköpfe setzen. (Die rechte Methode wird mir von

Künstlern angedeutet. Ich halte mich zusammen, was möglich ist.) Am

Anfang der Woche konnt' ich's nicht absagen, hier und da zu essen.

Nun wollen sie mich hier--und dahin haben; ich lasse es vorübergehn

und bleibe in meiner Stille. Moritz, einige Landsleute im Hause, ein

wackerer Schweizer sind mein gewöhnlicher Umgang. Zu Angelika und Rat

Reiffenstein geh' ich auch; überall mit meiner nachdenklichen Art, und

niemand ist, dem ich mich eröffnete. Lucchesini ist wieder hier, der

alle Welt sieht und den man sieht wie alle Welt. Ein Mann, der sein

Metier recht macht, wenn ich mich nicht sehr irre. Nächstens schreib'

ich dir von einigen Personen, die ich bald zu kennen hoffe.

"Egmont" ist in der Arbeit, und ich hoffe, er wird geraten.

Wenigstens hab' ich immer unter dem Machen Symptome gehabt, die mich

nicht betrogen haben. Es ist recht sonderbar, daß ich so oft bin

abgehalten worden, das Stück zu endigen, und daß es nun in Rom fertig

werden soll. Der erste Akt ist ins Reine und zur Reife, es sind ganze

Szenen im Stücke, an die ich nicht zu rühren brauche.

Ich habe über allerlei Kunst so viel Gelegenheit zu denken, daß mein

"Wilhelm Meister" recht anschwillt. Nun sollen aber die alten Sachen

voraus weg; ich bin alt genug, und wenn ich noch etwas machen will,

darf ich mich nicht säumen. Wie du dir leicht denken kannst, hab' ich

hundert neue Dinge im Kopfe, und es kommt nicht aufs Denken, es kommt

aufs Machen an; das ist ein verwünschtes Ding, die Gegenstände

hinzusetzen, daß sie nun einmal so und nicht anders dastehen. Ich

möchte nun recht viel von der Kunst sprechen, doch ohne die Kunstwerke

was will man sagen? Ich hoffe, über manche Kleinheit wegzurücken,

drum gönnt mit meine Zeit, die ich hier so wunderbar und sonderbar

zubringe, gönnt mir sie durch den Beifall eurer Liebe.

Ich muß diesmal schließen und wider Willen eine leere Seite schicken.

Die Hitze des Tages war groß, und gegen Abend bin ich eingeschlafen.

Rom, den 9. Juli.

Ich will künftig einiges die Woche über schreiben, daß nicht die Hitze

des Posttags oder ein andrer Zufall mich hindre, euch ein vernünftiges

Wort zu sagen. Gestern hab' ich vieles gesehen und wieder gesehen,

ich bin vielleicht in zwölf Kirchen gewesen, wo die schönsten

Altarblätter sind.

Dann war ich mit Angelika bei dem Engländer Moore, einem

Landschaftsmaler, dessen Bilder meist trefflich gedacht sind. Unter

andern hat er eine Sündflut gemalt, das etwas Einziges ist. Anstatt

daß andere ein offnes Meer genommen haben, das immer nur die Idee von

einem weiten, aber nicht hohen Wasser gibt, hat er ein geschlossenes

hohes Bergtal vorgestellt, in welches die immer steigenden Wasser

endlich auch hereinstürzen. Man sieht an der Form der Felsen, daß der

Wasserstand sich dem Gipfel nähert, und dadurch, daß es hinten quervor

zugeschlossen ist, die Klippen alle steil sind, macht es einen

fürchterlichen Effekt. Es ist gleichsam nur grau in grau gemalt, das

schmutzige aufgewühlte Wasser, der triefende Regen verbinden sich aufs

innigste, das Wasser stürzt und trieft von den Felsen, als wenn die

ungeheuren Massen sich auch in dem allgemeinen Elemente auflösen

wollten, und die Sonne blickt wie ein trüber Mond durch den Wasserflor

durch, ohne zu erleuchten, und doch ist es nicht Nacht. In der Mitte

des Vordergrundes ist eine flache isolierte Felsenplatte, auf die sich

einige hülflose Menschen retten in dem Augenblick, daß die Flut

heranschwillt und sie bedecken will. Das Ganze ist unglaublich gut

gedacht. Das Bild ist groß. Es kann 7-8 Fuß lang und 5-6 Fuß hoch

sein. Von den andern Bildern, einem herrlich schönen Morgen, einer

trefflichen Nacht, sag' ich gar nichts.

Drei volle Tage war Fest auf Ara coeli wegen der Beatifikation zweier

Heiligen aus dem Orden des heiligen Franziskus. Die Dekoration der

Kirche, Musik, Illumination und Feuerwerk des Nachts zog eine große

Menge Volks dahin. Das nah gelegene Kapitol war mit erleuchtet und

die Feuerwerke auf dem Platz des Kapitols abgebrannt. Das Ganze

zusammen machte sich sehr schön, obgleich es nur ein Nachspiel von St.

Peter war. Die Römerinnen zeigen sich bei dieser Gelegenheit, von

ihren Männern oder Freunden begleitet, des Nachts weiß gekleidet mit

einem schwarzen Gürtel und sind schön und artig. Auch ist im Korso

jetzt des Nachts häufiger Spaziergang und Fahrt, da man des Tags nicht

aus dem Hause geht. Die Hitze ist sehr leidlich und diese Tage her

immer ein kühles Windchen wehend. Ich halte mich in meinem kühlen

Saale und bin still und vergnügt.

Ich bin fleißig, mein "Egmont" rückt sehr vor. Sonderbar ist's, daß

sie eben jetzt in Brüssel die Szene spielen, wie ich sie vor zwölf

Jahren aufschrieb, man wird vieles jetzt für Pasquill halten.

Rom, den 16. Juli.

Es ist schon weit in der Nacht, und man merkt es nicht, denn die

Straße ist voll Menschen, die singend, auf Zithern und Violinen

spielend, miteinander wechselnd, auf und ab gehn. Die Nächte sind

kühl und erquickend, die Tage nicht unleidlich heiß.

Gestern war ich mit Angelika in der Farnesina, wo die Fabel der Psyche

gemalt ist. Wie oft und unter wie manchen Situationen hab' ich die

bunten Kopien dieser Bilder in meinen Zimmern mit euch angesehn! Es

fiel mir recht auf, da ich sie eben durch jene Kopien fast auswendig

weiß. Dieser Saal oder vielmehr Galerie ist das Schönste, was ich von

Dekoration kenne, so viel auch jetzt dran verdorben und restauriert

ist.

Heute war Tierhetze in dem Grabmal des August. Dieses große, inwendig

leere, oben offene, ganz runde Gebäude ist jetzt zu einem Kampfplatz,

zu einer Ochsenhetze eingerichtet wie eine Art Amphitheater. Es wird

vier--bis fünftausend Menschen fassen können. Das Schauspiel selbst

hat mich nicht sehr erbaut.

Dienstag, den 17. Juli, war ich abends bei Albacini, dem Restaurator

antiker Statuen, um einen Torso zu sehen, den sie unter den

farnesinischen Besitzungen, die nach Neapel gehen, gefunden haben. Es

ist ein Torso eines sitzenden Apolls und hat an Schönheit vielleicht

nicht seinesgleichen, wenigstens kann er unter die ersten Sachen

gesetzt werden, die vom Altertum übrig sind.

Ich speiste bei Graf Fries; Abbate Casti, der mit ihm reist,

rezitierte eine seiner Novellen, "Der Erzbischof von Prag", die nicht

sehr ehrbar, aber außerordentlich schön, in Ottave rime, geschrieben

ist. Ich schätzte ihn schon als den Verfasser meines beliebten "Re

Teodoro in Venezia". Er hat nun einen "Re Teodoro in Corsica"

geschrieben, wovon ich den ersten Akt gelesen habe, auch ein ganz

allerliebstes Werk.

Graf Fries kauft viel und hat unter andern eine Madonna von Andrea del

Sarto für 600 Zechinen gekauft. Im vergangenen März hatte Angelika

schon 450 drauf geboten, hätte auch das Ganze dafür gegeben, wenn ihr

attenter Gemahl nicht etwas einzuwenden gehabt hätte. Nun reut sie's

beide. Es ist ein unglaublich schön Bild, man hat keine Idee von so

etwas, ohne es gesehn zu haben.

Und so kommt tagtäglich etwas Neues zum Vorschein, was, zu dem Alten

und Bleibenden gesellt, ein großes Vergnügen gewährt. Mein Auge

bildet sich gut aus, mit der Zeit könnte ich Kenner werden.

Tischbein beschwert sich in einem Briefe über die entsetzliche Hitze

in Neapel. Hier ist sie auch stark genug. Am Dienstag soll es so

heiß gewesen sein, als Fremde es nicht in Spanien und Portugal

empfunden.

"Egmont" ist schon bis in den vierten Akt gediehen, ich hoffe, er soll

euch Freude machen. In drei Wochen denke ich fertig zu sein, und ich

schicke ihn gleich an Herdern ab.

Gezeichnet und illuminiert wird auch fleißig. Man kann s nicht aus

dem Hause gehn, nicht die kleinste Promenade machen, ohne die

würdigsten Gegenstände zutreffen. Meine Vorstellung, mein Gedächtnis

füllt sich voll unendlich schöner Gegenstände.

Italienische Reise — Band 2 · 第 23 / 91 题