Sommer noch nie so sehr als Wunder empfunden, wie dieses Jahr, wo er
vielfach auf der Straße arbeitsuchend lebte. Es kam nichts dabei heraus,
trotz den Bemühungen, aber es war wenigstens schön. Wenn er abends durch
die modernen, blätterzitternden, schattenhaften, lichterzuckenden
Straßen lief, war er immer daran, Menschen ohne weiteres mit törichten
Worten anzusprechen, nur um zu erfahren, wie es ihm dabei erginge. Aber
die Menschen zeigten alle nur ein verblüfftes Gesicht, weiter sagten sie
nichts. Warum sprachen sie den Gehenden und Herumstehenden nicht an,
forderten ihn nicht auf, mit dunkler Stimme, mitzukommen, in ein
seltsames Haus hineinzutreten, und dort etwas zu tun, was nur müßige
Menschen tun, Menschen, die keinen weiteren Lebenszweck im Sinne haben,
so wie er, als den Tag vorübergehen und es Abend werden zu sehen, um am
Abend Wunderdinge voll Taten zu erwarten? »Ich wäre zu jeder Tat bereit,
wenn es nur eine kühne Tat wäre, die eines Unerschrockenen bedürfte,«
sagte er zu sich. Stundenlang saß er auf einer Bank und hörte der Musik
zu, die aus irgend einem vornehmen Hotelgarten herausrauschte, als ob
die Nacht zu leisen Tönen sich umgewandelt hätte. Die nächtlichen
Weibsbilder gingen an dem Einsamen vorüber, aber sie brauchten ihn nur
schärfer zu beobachten, um sogleich zu wissen, wie es mit des jungen
Mannes Kasse stand. »Wenn ich nur einen einzigen Menschen wüßte, den ich
um eine Geldsumme angehen könnte,« dachte er. »Meinen Bruder Klaus? Das
wäre nicht ehrenhaft; denn ich bekäme das Geld, aber zugleich einen
leisen, traurigen Verweis. Es gibt Menschen, die man nicht anbetteln
kann, weil sie zu schön denken. Wenn ich nur einen wüßte, an dessen
Achtung mir nicht gar so sehr viel läge. Nein, ich kenne keinen. Es
liegt mir an der Achtung aller. Ich muß warten. Eigentlich braucht man
ja im Sommer nicht viel, aber es wird Winter! Ich habe ein wenig Furcht
vor dem Winter. Ich zweifle nicht daran, daß es mir im kommenden Winter
schlecht gehen wird. Nun, dann laufe ich im Schnee herum, wenn auch mit
nackten Füßen. Was kann daran liegen. Ich laufe solange, bis mir die
Füße brennen. Im Sommer ist das Ruhen so schön, das Liegen auf einer
Bank unter den Bäumen. Der ganze Sommer ist wie eine erwärmte, duftende
Stube. Der Winter ist ein Fensteraufreißen, der Wind und der Sturm
blasen und sausen hinein, das macht einen dann sich bewegen. Da wird mir
das Faulenzen vergehen. Es soll mir recht sein, was auch immer kommen
mag! Wie der Sommer mir lang vorkommt. Erst einige Wochen lebe ich jetzt
doch im Sommer, und schon so lang scheint er mir. Ich glaube, die Zeit
schläft und dehnt sich im Schlafe aus, wenn man immer denken muß, was
machen, um einen Tag lang mit seinem bißchen Geld auszukommen. Auch
glaube ich, die Zeit schläft und träumt im Sommer. Die Blätter an den
hohen Bäumen werden immer größer, in der Nacht lispeln sie, und am Tage
schlafen sie unter dem heißen Sonnenschein. Ich zum Beispiel, was tue
ich? Ich liege ganze Tage, wenn ich keine Arbeit habe, bei geschlossenen
Läden im Bett, in meinem Zimmer, und lese beim Schein einer Kerze.
Kerzen riechen so entzückend, und wenn man sie ausbläst, fließt ein
feiner, feuchter Rauch durch das dunkle Zimmer, und es ist einem dann so
ruhig zumute, so neu, wie einem Auferstandenen. Wie komme ich dazu,
meine Miete zu bezahlen? Morgen müßte ich es tun. Die Nächte sind so
lang im Sommer, weil man den Tag verbummelt und verschläft, und, sobald
es Nacht wird, aus allerlei Sumsum und Wirrwarr aufwacht und zu leben
anfängt. Es würde mir jetzt wie eine Sünde vorkommen, wenn ich nur eine
einzige Sommernacht verschliefe. Überdies ist es zu schwül zum Schlafen.
Im Sommer sind die Hände feucht und blaß, als spürten sie die
Kostbarkeit der duftenden Welt, im Winter sind sie rot und dick, als
wären sie über die Kälte zornig. Ja, es ist so. Der Winter macht einen
zornig umherstampfen, im Sommer wüßte man nicht, worüber man zornig sein
sollte, als vielleicht über den Umstand, daß man seine Miete nicht zu
bezahlen imstande ist. Aber das hat mit dem schönen Sommer nichts zu
tun. Ich bin auch nicht mehr zornig, ich glaube, ich habe das Talent
verloren, mich zu erzürnen. Es ist Nacht, und der Zorn, das ist etwas so
Taghelles, Rotes, Feuriges, wie nur irgend etwas sein kann. Morgen werde
ich mit meiner Wirtin reden.« --
Am nächsten Morgen schob er seinen Kopf in die Türe des Zimmers, wo
seine Wirtin wohnte und fragte sie in absichtlich scharfer Betonung, ob
er ein Wort mit ihr reden dürfe, ob sie dazu Zeit habe.
»Freilich! Was es denn sei?«
Simon sprach: »Ich kann Ihnen den Mietzins für diesen Monat nicht
bezahlen. Ich versuche gar nicht, Ihnen begreiflich machen zu wollen,
wie peinlich mir das ist. Das kann ein jeder sagen in einem derartigen
Fall. Dagegen setze ich voraus, daß Sie mir das Bestreben zutrauen,
Mittel und Wege zu ersinnen, um zu einer ansehnlichen Summe Geldes zu
gelangen, damit ich meine Schuld so bald wie möglich tilgen kann. Ich
wüßte Menschen, von denen ich Geld bekäme, wenn ich nur wollte, aber
mein Stolz verbietet mir, von Menschen, die ich mir verbunden wissen
will, Geld auf Darlehn anzunehmen. Von einer Frau nähme ich es indessen
an, sehr gerne sogar; denn Frauen gegenüber habe ich ganz besondere,
nach einer anderen Ehre abzumessende Empfindungen. Wollen Sie mir, Sie,
Frau Weiß meine ich, das Geld vorstrecken, erstens das Geld für die
Miete, und dann noch eine kleine Zugabe zum Weiterexistieren? -- Haben
Sie nun das Gefühl, daß ich Ihnen unverschämt komme? Sie schütteln den
Kopf. Ich glaube, daß Sie Zutrauen zu mir haben. Sie sehen, wie ich bei
einer solchen Zumutung erröte, Sie erblicken mich nicht ohne
Verlegenheit in diesem Moment. Aber ich pflege etwas rasch Entschlüsse
zu fassen und sie prompt auszuführen, müßten sich mir dabei auch die
Lungen zusammenschnüren. Von einer Frau nehme ich gern auf Vorschuß an,
weil ich einer Frau gegenüber keiner Betrügereien fähig bin. Männer kann
ich, wenn es die Lage erfordert, belügen, ohne Erbarmen, glauben Sie mir
das. Frauen niemals. Wollen Sie mir wirklich so viel Zuschuß geben?
Damit lebe ich einen halben Monat lang. Bis dahin wird sich Vieles
verbessern in meiner jetzigen Lage. Ich danke Ihnen noch gar nicht
einmal. Sehen Sie, so einer bin ich. Ich habe noch selten einmal im
Leben einem Menschen die Gefühle meiner Dankbarkeit ausgedrückt. Ich bin
Stümper im Danken. Nun, ich muß da allerdings sagen, Wohltaten habe ich
auch, wo nur möglich, immer verschmäht. Eine Wohltat! Ich empfinde es
wahrhaftig in diesem Moment, was eine Wohltat ist. Ich sollte eigentlich
das Geld nicht annehmen.«
»Sie sind einer, Sie!«
»Nun, ich behalte es auch. Besorgen Sie nur nicht, daß es Ihnen nicht
zurückgegeben wird. Ich bin vorläufig ganz glücklich durch das Geld.
Geld ist doch eine Sache, die nur Strohköpfe verachten können.«
»Wollen Sie schon wieder gehen?«
Simon war bereits wieder zur Türe hinausgegangen und hatte sich in sein
Zimmer zurückgezogen. Es war ihm unangenehm, oder er tat so, als ob es
ihm unangenehm wäre, weiter über diesen Gegenstand zu reden. Übrigens
hatte er ja erreicht, was er wollte, und er liebte es nicht, sich lange
zu entschuldigen, oder Versprechungen zu geben, wenn er jemand um einen
Dienst gebeten hatte, der ihm erwiesen wurde. Er würde, falls er einmal
der Geber wäre, auch keine Exküsen und Beteuerungen verlangen; fiele ihm
niemals ein. Entweder habe man Vertrauen und Sympathie und gebe, oder
man drehe dem Bittenden einfach kalt den Rücken, weil er einem widerlich
sei. »Ich bin ihr keineswegs widerlich gewesen, denn ich habe bemerkt,
daß sie mir mit einer Art schneller Freude das Geld gegeben hat. Es
kommt alles auf das Benehmen an, wenn man seine Zwecke erreichen will.
Es machte dieser Frau Vergnügen, mich ihr zu verpflichten, weil ich
wahrscheinlich in ihren Augen ein passabler Mensch bin. Unangenehmen
Menschen will man nichts geben, weil man sie sich nicht gern verbindet;
denn eine Verpflichtung, wie das Abbezahlen einer Schuld ist, verbindet,
bringt in Berührung, nähert, traut sich heran, muß nahe sein und ist
beständig nahe. Wie wenig beneidenswert ist es, widerliche Schuldner zu
haben. Solche Menschen sitzen förmlich auf dem Nacken der Gläubiger, man
möchte ihnen die Schuld erlassen, nur um sie von sich abzuschütteln. Es
ist ganz reizend, zu sehen, wie unbedenklich und behende einem gegeben
wird; denn das ist das beste Zeugnis dafür, daß man noch Menschen um
sich hat, denen man angenehm ist.« --
Er trat, indem er das erhaltene Geld in die Westentasche gleiten ließ,
an das Fenster und bemerkte unten in der engen Gasse eine
schwarzgekleidete Dame, die irgend etwas zu suchen schien; denn sie bog
öfters ihren Kopf gegen die Höhe hinauf, wobei einmal ihre Augen
diejenigen Simons trafen. Es waren große, dunkle Augen, echte
Frauenaugen, und Simon mußte unwillkürlich an Klara denken, die er schon
so lang nicht mehr gesehen, ja beinahe schon vergessen hatte. Aber es
war Klara nicht. Die schöne Erscheinung in der tiefen Gasse mit ihrem
vornehmen, üppigen Kleid bildete einen sonderbaren Gegensatz zu den
finstern und schmutzigen Mauern, zwischen denen sie langsam
dahinschritt. Simon hätte ihr zurufen mögen: »Bist du's, Klara?« Aber
schon verschwand die Gestalt um eine Ecke herum, und nichts blieb von
ihr in der Gasse zurück als ein Duft von Wehmut, den Schönes an
finsteren Orten immer hinterläßt. »Wie schön wäre es gewesen, und wie
passend in dem Moment, als sie hinaufschaute, ihr eine große, dunkelrote
Rose hinabzuwerfen, daß sie sich darnach gebückt und sie aufgehoben
hätte. Sie würde dazu gelächelt haben und würde sehr erstaunt gewesen
sein, in einer so armseligen Gasse einem so freundlichen Gruß zu
begegnen. Eine Rose würde zu ihr gepaßt haben, wie ein bittendes und
weinendes Kind zu seiner Mutter. Aber woher teure Rosen nehmen, wenn man
eben erst die Güte Anderer hat in Anspruch nehmen müssen, und wie
vorausmerken, daß gerade um neun Uhr vormittags eine schöne
Frauengestalt durch die Gasse kommt, die doch die dunkelste aller Gassen
ist, während diese Frau das Vornehmste zu sein scheint, was ich je an
Frauen erblickt habe?«
Er träumte noch lange Zeit der Dame nach, die ihn so seltsam an die
vergessene und verschwundene Klara erinnert hatte, und verließ dann das
Zimmer, eilte die Treppen hinunter, lief die Straßen entlang, verbrachte
den Tag mit Nichtstun und befand sich gegen Abend in einem äußersten
Viertel der weit sich erstreckenden Stadt. Hier wohnten die Arbeiter in
verhältnismäßig schönen, hohen Häusern; wenn man aber die Häuser
schärfer betrachtete, so fiel einem eine gewisse kahle Verwahrlostheit
auf, die die Wände hinauflief, zu den eintönigen, kalten
Fenstervierecken hinausschaute und auch auf den Dächern saß. Die hier
beginnende Wald- und Wiesenlandschaft bildete einen sonderbaren
Gegensatz zu den hohen und doch armseligen Baukästen, die diese Gegend
eher verunzierten als schmückten. Daneben bemerkte man noch etliche,
liebenswürdig gebaute, niedere, alte Landhäuser, die in der Gegend lagen
wie Kinder im warmen Mutterschoß. Hier bildete das Land einen
waldbedeckten Hügel, unter dem die Eisenbahn durch einen Tunnel
durchfuhr, nachdem sie eben das Häusergewirr verlassen hatte. Der Abend
beleuchtete die Wiesen, man fühlte sich hier schon auf dem Lande, die
Stadt mit ihrem Geräusche lag hinten. Simon empfand die Unschönheit der
Arbeiterhäuser nicht, denn er empfand das ganze Gemisch von Stadt und
Land, das hier ein sonderbares, anmutvolles Bild darbot, als schön. Wenn
er durch eine kahle, steinerne Straße ging und dicht daneben die warme
Wiese spürte, so war ihm das eigenartig, und wenn er gleich darauf einen
schmalen, erdigen Weg durch Wiesen hindurchschritt, was schadete es
dann, zu wissen, daß es eigentlich Stadtboden, nicht Landboden war. »Die
Arbeiter wohnen hier sehr schön,« dachte er, »sie haben durch jedes
ihrer Fenster waldige, grüne Aussicht und wenn sie auf ihren kleinen
Balkonen sitzen, so genießen sie eine gute, starke, würzige Luft und
eine unterhaltende Rundsicht über Hügel und Rebberge. Wenn die neuen,
hohen Häuser auch die alten erdrücken und schließlich vom Boden
verjagen, so muß man bedenken, daß die Erde nie still steht, und daß
sich die Menschen immer regen müssen, sei es auch in einer für den
Moment nicht gerade lieblichen Form. Eine Gegend ist immer schön, weil
sie immer von der Lebendigkeit der Natur und der Baukunst Zeugnis
ablegt. So in eine hübsche Wiesen- und Waldgegend hineinzubauen, scheint
zuerst etwas barbarisch, aber jedes Auge findet sich am Ende mit der
Vereinigung von Haus und Welt ab, findet allerhand reizvolle
Durchsichten an Hauswänden vorbei und vergißt das ärgerlich-kritische
Urteil, das doch nie Besseres stiftet. Man braucht die alten Häuser
nicht wie ein Baugelehrter mit den neuen zu vergleichen und kann an
beiden Arten seine Freude haben, an dem Demutvollen und am Hochmütigen.
Wenn ich ein Haus stehen sehe, so muß ich nicht meinen, es, weil es mir
nicht schön genug vorkommt, umblasen zu können; denn es steht doch
ziemlich fest da, beherbergt viele fühlende Menschen und ist deshalb
immerhin eine respektable Erscheinung, an deren Erstehen zahlreiche
fleißige Hände gearbeitet haben. Die Schönheitssucher müssen vielfach
empfinden, daß es allein mit dem Suchen nach Schönheit in der Welt noch
lange nicht getan ist, daß da noch anderes zu finden ist, als das Glück,
vor einer reizenden Antiquität stehen zu bleiben. Das Ringen der armen
Leute nach ein bißchen Frieden, ich meine die sogenannte Arbeiterfrage,
ist doch sozusagen auch etwas Interessantes und muß einen wackeren Geist
mehr beleben als die Frage, ob ein Haus schlecht oder gut in der
Landschaft steht. Was gibt es nur für müßige, schönredende Köpfe auf der
Welt. Gewiß: jeder denkende Kopf ist wichtig und jede Frage kostbar,
aber es dürfte anständiger und für die Köpfe ehrender sein, zuerst
Lebensfragen zu erledigen, bevor die zierlichen Kunstfragen erledigt
werden. Nun sind aber allerdings Kunstfragen bisweilen auch
Lebensfragen, aber Lebensfragen sind in noch weit höherem und edlerem
Sinne Kunstfragen. Ich denke jetzt natürlich so, weil für mich das
Weiterexistieren zu allererst in Frage kommt, weil ich Adressen schreibe
im kargen Tagelohn, und ich kann mit der hochnäsigen Kunst nicht
sympathisieren, weil sie mir im Augenblick als das Nebensächlichste in
der Welt vorkommt; und in der Tat, man denke einmal, was ist sie gegen
die sterbende und immer wieder erwachende Natur. Was hat die Kunst für
Mittel, wenn sie einen blühenden, duftenden Baum darstellen will, oder
das Gesicht eines Menschen? Gut, ich denke jetzt ein bißchen frech, von
oben herab, nein, eher ein wenig wütend von unten herauf, aus der Tiefe,
wo einem das Geld fehlt. Das ganze ist, ich bin kritisch und zugleich
wehmütig, weil ich kein Geld habe. Ich muß zu Geld gelangen, das ist
ganz einfach. Geliehenes Geld ist kein Geld, man muß es verdienen oder
stehlen oder geschenkt bekommen. -- Und dann ist noch eines: der Abend!
Am Abend bin ich meist müde und mutlos.«
Während er auf diese Weise dachte, war er eine ziemlich ansteigende,
kurze Straße hinaufgegangen, und blieb jetzt vor einem Hause stehen, aus
dem ihn, zu einem geöffneten Fenster hinaus, ein Frauenkopf anschaute.
Simon meinte in die Augen der Frau wie in eine ferne, versunkene Welt zu
blicken, als ihm schon eine wunderbar bekannte Stimme zurief: »Ach,
Simon, du bist es! Komm doch herauf!«
Es war Klara Agappaia.
Er erblickte sie, als er hinaufgesprungen war, in einem schweren,
dunkelroten Kleid am Fenster sitzen. Die Arme und die Brust waren nur
halb von dem herrlichen Stoff bedeckt. Das Gesicht war blasser geworden,
seit der Zeit, da er sie zum letzten Mal gesehen. In ihren Augen brannte
ein tieferes Feuer, aber der Mund war zugekniffen. Sie lächelte und gab
ihm die Hand. In ihrem Schoße lag ein geöffnetes Buch, offenbar ein
Roman, den sie zu lesen angefangen hatte. Zuerst vermochte sie nicht zu
reden. Es schien ihr Scham und Mühe zu bereiten, zu fragen, zu erzählen.
Sie schien bemüht zu sein, eine Fremdheit abzuschütteln, die sie in sich
fühlen mochte vor ihrem jungen, einstigen Freund. Ihr Mund schien zu
weinen, sobald er sich öffnen und weicher werden wollte. Ihre schönen,
langen, üppigen Hände schienen die Sprache übernommen zu haben,
wenigstens so lange, bis ihr Mund sich aus der Befangenheit löste. Sie
musterte Simon absolut nicht, so wie man lange nicht Gesehene zu
beobachten pflegt, sondern sah nur in seine Augen, deren ruhiger
Ausdruck ihr wohltat. Sie ergriff wieder seine Hand und sagte endlich:
»Gib mir die Hand, laß mich zu dir sein, wie zu meinem Knaben, der mich
schon versteht, so wie er nur das Rauschen meines Gewandes aus dem
Nebenzimmer nahen hört, der mich mit dem Blick seiner Augen erfaßt, dem
ich nichts zu sagen, nicht einmal etwas in die Ohren zu flüstern
brauche, um ihm Geheimnisse zu verstehen zu geben; dessen Dasitzen,
Kommen, Gehen, Stehen und Liegen mir sagt, daß er sein ganzes Gefühl nur
hat, um seine Mutter zu verstehen; zu dem man sich herabneigt, zur Erde,
vor seine Füße, um ihm die Schuhe besser zu binden, wenn die Bändel sich
gelockert haben; dem man einen Kuß gibt, wenn er mutig und brav gewesen
ist; für den man alles Geheime offen hat; vor dem man nicht wüßte irgend
noch Geheimes zu haben; dem man alles gibt, auch wenn er ein kleiner
Verräter ist und seine Mutter lange, lange hat vernachlässigen können,
so wie du, auch wenn er sie hat vergessen können, wie du. Nein, du
konntest mich nie vergessen. Du hast mich wohl öfters im Trotz
abschütteln wollen, aber wenn dir eine Frau begegnete, die mir nur in
einem kleinen Härchen ähnlich sah, so glaubtest du mich zu sehen und
gefunden zu haben. Hast du da nicht gezittert, ist dir nicht gewesen,
bei solch einem täuschenden Begegnen, als wenn sich dir plötzlich über
einer hellen, in Stein gehauenen, herrlichen Treppe Flügeltüren geöffnet
hätten, um dich in ein Gemach voll Wiedersehenslust einzulassen? Was ist
Wiedersehen für eine Freude! Wenn man sich verloren hat, auf der Straße
oder auf dem Lande, und nach einem Jahr sich dann, so ohne weiteres, so
still wiederfindet, an einem solchen Abend, wo schon die Glocken die
Ahnung des Wiedersehens in die Welt hinausläuten, so gibt man sich die
Hände und denkt nicht mehr an die Trennung und an die Ursache der langen
Abschweifung. Laß mir deine Hände! Deine Augen sind noch eben so gut und
schön. Du bleibst dir gleich. Jetzt kann ich dir erzählen:
Als wir alle, Kaspar, ich und du, im letzten Sommer aus dem Waldhaus,
weißt du noch, herausgehen mußten, und ihr Brüder dann verschwandet,
wohin, wußte ich nicht, mietete ich mir unten in der Stadt ein elegantes
Zimmer, sehnte mich nach euch und blieb eine Zeitlang trostlos. Gegen
den Winter schien alles um mich herum in ein rotes Licht getaucht zu
sein, ich vergaß alles, und warf mich in das Gewirr der Vergnügungen;
denn ich besaß noch einen kleinen, aber für die hiesigen Verhältnisse
ziemlich großen Rest meines Vermögens. Ich verbrauchte ihn und bekam
dafür die Erkenntnis, daß man oft des Rausches bedarf, um sich über den
Wellen des Lebens einigermaßen hoch zu halten. Ich hatte eine Loge im
Theater, aber das Theater interessierte mich weit weniger, als die
Bälle, wo ich zeigen konnte, daß ich schön und voll Laune war. Die
jungen Männer schwärmten um mich herum, und ich erblickte nichts, das
mir hätte verbieten können, sie alle zu verachten und sie meine Launen
fühlen zu lassen. Ich dachte an euch beide und wünschte oft mitten unter
all den Anschwärmungen, die so sehr aller Männlichkeit entbehrten, eure
ruhigen Gesichter und offenen Manieren herbei. Da kam ein dunkler,
schwarzer Mann auf mich zu, Student am Polytechnikum, schwer und
täppisch von Ansehen, Türke, große, bezwingende Augen, und tanzte mit
mir. Nach dem Tanze besaß er mich mit Seele und Leib, ich war sein. Es
gibt für uns Frauen, wenn wir in Vergnügungen dahinrauschen, eine Art
Männer, die uns nur im Tanzsaal bezwingen können. Wäre er mir an einem
andern Ort begegnet, ich hätte ihn vielleicht ausgelacht. Er benahm sich
vom ersten Augenblick an mir gegenüber als mein Herr und ich wußte nur
zu erstaunen über seine Frechheit, nicht, mich zu wehren. Er befahl mir:
so: und jetzt so! Und ich gehorchte. Im Gehorchen können wir Frauen,
wenn es uns danach hinzieht, Außerordentliches leisten. Wir nehmen dann
alles hin und wünschen uns, vielleicht aus Scham und Zorn, den Geliebten
noch brutaler, als er ist. Er kann uns dann nicht grausam genug
entgegentreten. Dieser Mann sah mein letztes Geld absolut als das seine
an, ich auch, und ich gab es ihm, ich gab ihm alles. Als er mich genug
gedrückt, tyrannisiert, ausgesogen und ausgebeutet hatte, ging er eines
Tages fort, in sein Heimatland, nach Armenien zurück. Seine Knechtin,
ich, versuchte nicht, ihn daran zu verhindern. Ich fand alles, was er
tat, in der Ordnung. Auch wenn ich ihn weniger geliebt hätte, als wie es
der Fall war, so hätte ich ihn ziehen lassen; denn dann würde mein Stolz
es mir verboten haben, ihn aufzuhalten. So hatte ich ihm einfach zu
gehorchen, als er mir befahl, ihm zur Abreise behülflich zu sein: meine
Liebe gehorchte gern. Es erniedrigte mich nicht, ihn zum Abschied zu
küssen, ihn, der mich kaum noch eines Blickes würdigte. Er sprach die
Hoffnung aus, mich später, wenn seine Verhältnisse es ihm erlauben
würden, mit in seine Heimat zu nehmen, um mich zu seiner Ehefrau zu
machen. Ich empfand, daß es eine Lüge war, aber ich fühlte keine
Bitterkeit. Gegen diesen Mann war jede unschöne Empfindung in mir ein
Ding der Unmöglichkeit. Ich habe von ihm ein Kind, ein Mädchen, es
schläft dort im Nebenzimmer.«
Klara hielt einen Augenblick inne, lächelte Simon an, und fuhr dann
fort:
»Ich war gezwungen, eine Stelle zu suchen, und fand sie bei einem
Photographen als Empfangsdame. Die Bewerbungen und Heiratsanträge, die
man mir vielfach entgegenbrachte, da ich mit einem großen Publikum zu
tun bekam, schlug ich alle lächelnd ab. Alle Männer dachten von mir:
»Sie hat etwas so Zartes, Hausmütterliches, das wäre eine!« Aber ich
wurde für keinen eine! Meine Stellung gestattete mir noch einen
ziemlichen Aufwand, wenigstens konnte ich die schönen Kleider alle
behalten, was mir jetzt noch zustatten kommt. Mein Prinzipal war ein
Mann, den ich achten durfte, das erleichterte mir um vieles meine
Arbeit, die ich, wie in einem leisen, angenehmen Traum befangen,
verrichtete. Ich hatte mir für das Publikum ein ganz bestimmtes,
zuckendes Lächeln angewöhnt, ich machte mich damit beliebt, allen
erschien ich liebenswürdig und ich lockte Kunden heran, was meinen Chef
zu einer Salär-Erhöhung veranlaßte. Damals war ich beinahe glücklich.
Alles schwand mir in schöne, süße Erinnerungen dahin. Ich fühlte
das Herannahen des Mutterschmerzes, und das trug zu einer
wehmutvoll-glücklichen Stimmung bei. Es schneite, daß die Straße ganz
in Flocken eingehüllt wurde. Und wenn ich abends durch die verschneiten
Straßen hinging, dachte ich an euch Brüder, an dich und an Kaspar und
viel, sehr viel an Hedwig, der ich in Gedanken und Gefühlen dankbare
Huldigungen darbrachte. »Ich hab ihr doch ein einziges Mal schreiben
dürfen. Sie hat nicht geantwortet. Aber es ist doch schön so,« dachte
ich. Dann kam ich mir selber so schön vor, wenn ich so dachte. Ich wurde
immer mehr erfüllt von allem, und ging immer in ganz langsamen
Schritten, jeden Schritt fühlte ich als Menschenwohltat. Ich gab
indessen das elegante Zimmer im Zentrum der Stadt auf und mietete mich
hier ein, da, wo du mich jetzt siehst. Ich fuhr morgens und abends mit
der »Elektrischen« hin und zurück und lenkte immer die Blicke aller
Mitfahrenden auf mich. Es war etwas Seltsames an mir, ich fühlte es
selber. Viele fingen unbewußt mit mir zu sprechen an, einige, nur um ein
Wort mit mir zu wechseln, andere, um meine Bekanntschaft zu machen. Aber
das letztere hatte wenig Reiz mehr für mich. Ich glaubte alles von
vornherein kennen zu sollen, ich hatte ein so bestimmtes, ablehnendes,
aber zugleich sanftes, mir selber wohltuendes Gefühl dabei. Die Männer!
Wie oft wurde ich von ihnen angesprochen. Sie glichen neugierigen
Kindern, die wissen wollten, was ich machte, wo ich wohnte, wen ich
kannte, wo ich zu Mittag aß und was ich abends zu treiben pflegte. Sie
erschienen mir wie unschuldige, etwas vorwitzige Kinder; so war ich
damals. Nie begegnete ich einem einzigen grob, ich hatte es nicht nötig;
denn es wurde mir gegenüber kein einziger unverschämt: ich war ihnen
eine Dame, die zugleich verlockte und erkältete. Einmal sprach mich ein
kleines, geistreich aussehendes Mädchen an, es war Rosa, du kennst sie
ja. Sie enthüllte mir ihr ganzes Leiden und Leben, wir wurden
Freundinnen, und jetzt hat sie sich verheiratet, obschon ich ihr davon
abgeraten hatte. Sie besucht mich öfters, mich, die Königin der
Armen!« --
Wieder schwieg Klara einen Augenblick, während sie Simon kindlich-lustig
anblickte, und sprach dann weiter: