Klara fürstlich angezogen ist? Das ist noch ein Stück aus meiner
Ballgarderobe: hinten ausgeschnitten! Ich bin meinem Stand als Fürstin
schon etwas Aufwand schuldig. Das sehen meine Angehörigen gerne, sie
haben Sinn für Hoheit, die Pracht eines Ballkleides nimmt sich in dieser
Gegend der fleckigen, grauen Frauengewänder einzig aus. Man muß
abstechen, lieber Simon, wenn man beeinflussen will, doch höre der Reihe
nach ruhig weiter. Was bist du für ein flotter, angenehmer Zuhörer. Das
verstehst du, einem zuzuhören, wie keiner! Das ist einer deiner Vorzüge!
Es erzählt sich dir so natürlich, so schön: Ich lernte, als ich hier in
dieses entlegene Viertel hinauszog, langsam aber immer wachsend, die
Armen lieben, die auf die andere, dunkle Seite der Welt Gedrängten, das
Pack, wie der Titel lautet, mit dem man eine Welt voll Sehnen und Mühsal
tituliert. Ich sah, daß ich hier nötig sein konnte, und ich richtete
mich, ganz ohne Zwang und Aufsehen, so ein, daß ich nötig geworden bin.
Wenn ich sie heute verlasse, so jammern diese Leute, diese Weiber,
Kinder und Männer. Im Anfang hatte ich Abscheu und Ekel vor ihrem
Schmutz, aber ich sah, daß dieser Schmutz gar nicht so garstig in der
Nähe war, als wie er aus der steifen, hochtrabenden Entfernung aussieht.
Ich lehrte meine Hände, ja, meinen Mund sogar, wie man diese Kinder zu
berühren hatte, deren Gesichter nicht die saubersten waren. Ich gewöhnte
mich daran, die rauhen Hände der Arbeiter und Taglöhner zu drücken, und
bemerkte rasch die Zartheit, womit diese Leute einem die Hand reichen.
Ich fand vieles in dieser Welt, was mich an euch, an dich und Kaspar,
erinnerte. Es war jedenfalls viel Feinheit und viel Verborgenes, das
mich lockte, mich zur Herrin und Bevormundin dieser Menschen zu machen.
Es war leicht und schwer zugleich zu machen. Da waren die Weiber! Wie
viel Mühe brauchte es, sie von ihren Gebrechen und abscheulichen Fehlern
so zu überzeugen, daß sie allmählich Lust bekamen, sich von ihrer
Schmach zu befreien. Ich gewöhnte sie an den Segen und an die Lust der
Reinlichkeit, und ich sah, daß sie nach langem, mißtrauischem Zaudern
endlich Freude dabei empfanden. Die Männer erwiesen sich als lenksamer;
denn ich war schön: so gehorchten sie mir besser, waren talentvoller im
Erfassen meiner so einfachen Lehren. Simon! Wenn du wüßtest, wie es mich
glücklich macht, diesen Armen eine innige Erzieherin zu werden! Wie
wenig braucht man zu wissen, um an Kenntnissen noch Ärmere zu finden,
die man leiten kann. Nein, die Wissenschaft macht es nicht allein aus.
Hier bedarf es des Mutes und der Lust, energisch Stellung zu nehmen,
sich die Stellung durch Stolz und Milde zu sichern und leidenschaftlich
aufzutreten. Ich gewöhnte mir eine Sprache an, die alle Bildung, die ich
besaß und die ich schenken konnte, leicht faßlich erklärte, in
Ausdrücken, wie das niedrige, erniedrigte Volk sie liebt. So wurde ich
ihre Herrscherin, indem ich mich ihren Gedanken und Gefühlen, oft gegen
meinen Geschmack, anpaßte. Aber nach und nach wurde es mein Geschmack.
Wenn ein Mensch beeinflußt, hat er zugleich auch die Gabe, sich
unmerklich ebenfalls von den Beeinflußten beeinflussen zu lassen. Das
Herz und die Gewohnheit besorgen das leicht. Als ich dann eines Tages im
Bett lag, um mit Schmerzen das Kind zu erwarten, das dort nebenan
schläft, kamen sie zu mir, die Frauen und Mädchen, besorgten und
pflegten mich und taten mir Gutes, bis ich wieder aufstehen konnte. Ihre
Männer fragten voll Kummer nach mir, während der Zeit, und als sie mich
wieder sahen, schienen sie beglückt zu sein, mich noch schöner als
früher zu finden. So ehrten sie ihre Fürstin. Das war im Frühling. Ich
saß, noch etwas schwach von der Geburt, in meinem Zimmer wie unter
Blumen; denn sie brachten mir alle Blumen, soviel sie nur bringen
konnten. Ein junger reicher Mann aus der Nachbarschaft besuchte mich oft
und ich litt es, wenn er mir zu Füßen saß; denn ich empfand darin eine
Ehrung, und von ihm war es zart. Eines Tages flehte er mich an, ich möge
seine Frau werden, ich wies auf das Kind, doch das ermunterte ihn nur,
seine Anträge, die mich auf einmal seltsam berührten, an den folgenden
Tagen zu wiederholen. Er erzählte mir sein ganzes, leeres, umhergejagtes
Leben, ich fühlte Mitleid mit ihm und habe ihm versprochen, seine Frau
zu werden. Er ist mit einem Wink, einem Blick von mir zufrieden und
liebt mich so, daß ich es jeden Augenblick fühlen muß. Wenn ich ihm
sage: »Artur, es ist unmöglich,« so erbleicht er, und ich muß ein
Unglück erwarten. Er steht unvergleichbar hilflos vor mir in der Welt
da. Ich habe nicht die Kraft, ihn unglücklich zu machen. Außerdem ist er
reich, und ich brauche Geld für mein Volk, er wird es dazu hergeben. Er
tut alles, was ich will. Er erlaubt mir nicht, zu bitten, er bittet
mich, ihm zu gebieten. So steht es mit ihm. Er wird jetzt gleich kommen,
dann werde ich dich ihm vorstellen. Oder willst du gehen? Du machst
Miene dich zu entfernen. Dann geh! Es ist vielleicht besser. Ja, es ist
besser. Er würde mißtrauisch werden. Er ist schrecklich in dieser
Hinsicht. Er ist imstande und schlägt sich den Kopf an der Wand blutig,
wenn er einen jungen Mann bei mir sieht. Außerdem will ich niemanden bei
mir sehen, wenn du da bist. Und wenn andere da sind, sollst du nicht da
sein. Ich will dich allein, ganz allein für mich haben. Ich muß dir noch
vieles sagen, wie alles kam. Die Menschen sagen so viel, aber das
richtige? -- Geh jetzt. Ich weiß, daß du bald wiederkommst. Übrigens
werde ich dir schreiben. Hinterlasse mir deine Adresse. So, leb wohl!«
Auf der Treppe, als er hinunterstieg, begegnete Simon einer dunklen,
fliegenden Gestalt: »Das wird wohl dieser Artur sein,« dachte er und
ging seines Weges weiter. Es war Nacht geworden. Er schlug einen
kleinen, schmalen Feldweg ein und drehte sich, nachdem er ein paar
Schritte gegangen war, zurück, das Fenster war jetzt geschlossen,
dunkelrote Vorhänge hinter demselben waren vorgezogen, die seltsam
düster leuchteten im Lichte einer Lampe, die wohl eben angezündet wurde.
Ein Schatten bewegte sich hinter der Gardine, es war Klaras Schatten.
Simon ging weiter, langsam, in tiefen Gedanken. Er hatte es durchaus
nicht eilig, in die Stadt zu gelangen. Dort wartete niemand auf ihn.
Morgen würde er wieder in der Schreibstube schreiben. Es war höchste
Zeit, nun endlich stramm ins Zeug zu gehen, zu arbeiten, etwas Geld zu
verdienen. Vielleicht bekäme er auch endlich wieder einmal einen Posten.
Er lachte, als er das Wort »Posten« ausdachte. Als er in der Stadt
ankam, war es bereits sehr spät geworden. Er trat in eine noch offene
Singspielhalle ein, um sich zu zerstreuen, bekam aber nicht viel Gutes
zu sehen. Ein Komiker trat auf, den er wünschte, als ganz gewöhnlichen
Menschen unter dem zuschauenden Publikum verschwinden zu sehen, der
eigentlich für das, was er darbot, verdient hätte, geohrfeigt zu werden.
Doch nein! Simon empfand bald das lebhafteste Mitleid mit diesem armen
Schlucker, der die Beine, die Arme, die Nase, den Mund, die Augen und
sogar die armseligen, knochigen Wangen verrenken mußte, um nicht einmal,
nach solchen Qualen, zu erzielen, was sein Ziel war: Komik! Er hätte
»Pfui« ausrufen mögen und doch wieder nur »Ach«! Man sah dem Manne
deutlich an, daß er ein ehrlicher, braver und nicht besonders geriebener
Mann sein mußte: um so abscheulicher wirkte sein Tun auf der Bühne, das
nur für Menschen paßt, die eben so geschmeidig wie liederlich sein
müssen, wenn sie ein abgerundetes, wohltuendes Bild darbieten wollen.
Eine Ahnung sagte Simon, daß dieser Komiker vor kurzem vielleicht noch
einen stillen, festen Beruf ausgeübt hatte, von dem er wohl wegen irgend
eines Versehens oder Vergehens verdrängt worden war. Ihm war der ganze
Mann tief beschämend und widerlich. Dann trat eine kleine, junge
Sängerin auf, in der knappen, anschließenden Tracht eines
Husarenoffiziers. Das war besser; denn es streifte an Kunst, was das
Mädchen darbot. Alsdann zeigte sich ein Jongleur, der aber besser daran
würde getan haben, Korke aus Flaschen zu ziehen, als Flaschen auf seiner
Nasenspitze balancieren zu lassen, was er überaus kindisch und
geschmacklos verrichtete. Er stellte eine brennende Lampe auf seinen
flachen Kopf und stellte an die Zuschauer die Zumutung, das als ein
Kunstwerk aufzufassen. Simon hörte noch einen Knaben ein Lied singen,
das gefiel ihm, und er verließ alsogleich das Lokal mit diesem guten
Eindruck. Er trat wieder auf die Straße.
Es gingen nur noch spärlich Menschen umher. In einer Seitengasse schien
Streit zu sein, und in der Tat, als Simon näher heranging, sah er eine
wüste Szene: zwei Mädchen schlugen, die eine mit der Faust, die andere
mit dem roten Sonnenschirmchen, aufeinander los. Den Kampf beleuchtete
eine einsame, melancholische Laterne, die die Gesichter teilweise
erhellte. Die Kleider und Hüte der Mädchen waren nur noch Fetzen, und
dabei schrieen sie beide, nicht so sehr aus Wut, als aus Schmerz und
zwar auch nicht wegen der Hiebe, sondern aus einem Rest von Schamgefühl
heraus, sich so tierisch elend benehmen zu sehen. Es war ein
schrecklicher aber nur kurzer Kampf, dem ein erscheinender Schutzmann
ein Ende machte. Er führte beide Mädchen ab, sowie einen elegant
gekleideten Herrn ebenfalls, der die Ursache des Streites zu sein
schien. Ein Briefbote hatte den Anzeiger gespielt und bildete sich jetzt
viel darauf ein. Die Mädchen kehrten ihre ganze Wut nun dem Briefträger
zu, der sich infolgedessen aus dem Staube machte.
Simon ging nach Hause. Als er aber in seiner Gasse ankam, bemerkte er
einen Trupp Menschen, die lachten und schrieen, und zwar war es ein
Weib, das die Aufmerksamkeit der nächtlichen Käuze auf sich lenkte. Sie
hieb nämlich mit einer Gerte auf einen betrunkenen Mann los, der wohl
ihr eigener sein mochte und den sie aus irgend einer kleinen Kneipe
herausgeschleppt hatte. Dabei schrie sie in einem fort, und als Simon in
die Nähe kam, klagte sie diesem in lauten, schreienden Worten vor, was
sie für einen Lump von Mann hätte. Mit einem Male schoß aus der Höhe des
Hauses, unter welchem die Gruppe stand, ein Strahl Wasser herunter und
netzte die Köpfe und Kleider der Untenstehenden auf eine boshafte Weise.
Es war Sitte in diesem Viertel der Altstadt, auf Nachtschwärmer, die
Lärm verübten, Wasser hinunterzuleeren. Die Sitte mochte schon ein
ehrwürdiges geheiligtes Alter besitzen, aber es war doch jedesmal für
die Betroffenen eine empörend neue und überraschende Sache. Alles
fluchte gegen die Weibsperson hinauf, die in weißer Nachtjacke oben im
Fensterrahmen stand und wie ein übelwollender, böser Geist
hinunterschaute. Simon vor allen andern schrie hinauf: »Was fällt Ihnen
ein da oben, Sie Weib oder Mann im Fensterrahmen? Wenn Sie zu viel
Wasser haben, so gießen Sie's doch auf Ihren eigenen Kopf, statt auf die
Köpfe anderer. Ihr Kopf dürfte es vielleicht nötiger haben. Was ist das
für eine Manier, in der Nachmitternacht die Straße zu bespritzen und
Leute hinterrücks in ein Bad, samt den Kleidern, zu stürzen. Wären Sie
nicht so hoch oben und ich nicht so tief unten, ich wollte in Ihren
Apfel von Kopf beißen, daß es Ihnen um den Mund herum wässern sollte.
Bei Gott, wenn es eine Gerechtigkeit gäbe, Sie müßten mir für jeden
Tropfen, der meine Schulter bespritzt hat, einen Taler geben, da ich
vermute, daß Ihnen dann der Spaß verleiden müßte. Ziehen Sie sich nur
zurück, Gespenst da oben, oder Sie machen mich noch die Hauswände
hinaufklettern, um zu untersuchen, ob Sie Weibs- oder Mannshaare haben.
Gleich könnte man zum Teufel werden vor Wut über eine solche
Spritzerei.«
Simon berauschte sich selber an seinem schlechten Gerede. Es tat ihm
wohl, schreien und wettern zu können. Einen Augenblick später würde er
doch im Bett liegen und schlafen. Wie langweilig war das, immer dasselbe
zu tun. Von morgen ab müßte er entschieden ein anderer Mensch werden. Am
nächsten Tag, in der Schreibstube, erfüllt und zerstreut von Gedanken an
Klara, machte er viele Flüchtigkeitsfehler, so daß der Sekretär der
Schreibstube, ein ehemaliger Hauptmann des Stabes, sich veranlaßt
fühlte, ihm Vorwürfe zu machen und ihm zu drohen, daß er keine Arbeit
mehr erhalte, wenn er sie nicht gewissenhafter, als nur so, erledigen
wolle.
Achtzehntes Kapitel.
Der Herbst kam. Simon war noch oft durch die nächtliche heiße Gasse
gegangen, und er ging auch jetzt noch, aber die Jahreszeit war rauher
geworden. Man wußte, daß draußen in den Wiesen die Bäume sich
entblättern mußten, wenn man auch nicht selber hinging und zusah, wie
die Blätter fielen. In der Gasse spürte man es auch. An einem sonnigen
Herbsttag war Klaus angekommen, eine wissenschaftliche Arbeit und
Absicht hatte ihn für einen Tag in diese Gegend geführt. Sie waren
zusammen hinaus auf das erhöhte, hügelige Feld gegangen, angelockt von
der schönen Sonne, ziemlich schweigsam und allzu intime Gespräche
vorsichtig vermeidend. Der Weg führte sie durch Wald und wieder über
langgestreckte Wiesen, deren spätes, saftiges Gras Klaus bewunderte,
ebenso die braungefleckten Kühe, die hier weideten. Es war hübsch
gewesen für Simon, ein wenig gedankenvoll, aber doch sehr hübsch, so mit
Klaus ohne viel Gerede und viel Wesens, durch die herbstliche Niederung
zu wandern, die Glocken der Kuhherden läuten zu hören, ein paar Worte zu
sagen, aber doch mehr in die Ferne zu schauen, als zu sprechen. Alsdann
waren sie einen waldigen Hügel emporgegangen, sachte und wohlig; denn
Klaus wollte alles, jeden Zweig und jede Beere, liebevoll betrachtet
wissen, und waren dann zu der Höhe gekommen, an einen schönen Waldrand,
wo eine unsäglich milde und liebkosende abendliche Herbstsonne sie
empfing, und wo ihnen die Freiheit des Blickes wiedergegeben war, eine
Aussicht in ein Tal hinunter, in welchem ein weißlich schimmernder Fluß
sich dahinschlängelte, zwischen gelben Baumkronen und vorspringenden
Waldungen hindurch, wo ein anmutiges, rotdächiges Dorf inmitten der
braunen Rebhügel lag, das anzuschauen eine Herzenslust sein mußte. Hier
hatten sie sich auf die Matte geworfen, waren lange still, ohne ein Wort
zu sprechen, geblieben, hatten mit den Augen an der weit sich
ausbreitenden Gegend und mit den Ohren an den Tönen der Glocken gehangen
und hatten beide gefunden, daß immer irgendwie und wo Töne in allen
Landschaften zu vernehmen seien, ohne gerade Glocken zu hören, und
hatten dann eines jener stillen, mehr empfundenen als geradezu
gesprochenen Gespräche miteinander geführt, die nicht aufgeschrieben
werden können, die keinen weiteren Zweck als das Wohlwollen haben, die
nichts sagen wollen, deren Duft nur und Ton und Absicht unvergeßlich
bleiben. Klaus hatte gesagt: »Gewiß, wenn ich mir denken darf, daß noch
alles mit dir gut kommen kann, so darf ich auch wieder mehr frohen Mut
haben. Zu denken, daß du ein nützlicher, zweckerfüllter Mensch würdest,
das hat immer in meinem Herzen ein besonders schönes Getön verursacht.
Du bist so sehr darauf angelegt, die Achtung der Menschen zu genießen,
wie nur irgend einer, und mehr noch, da du Eigenschaften hast, nur
eigentlich zu viel wollende und zu flammende, die andere nicht besitzen.
Du mußt nur nicht zu vieles wollen und mußt nicht allzu reizbar sein im
Forderungen an dich stellen. Das schadet und reibt ab und macht
schließlich kalt, glaube es mir nur. Weil du nicht alles, jede kleine
Sache in der Welt, so vorfindest, wie du es wünschest, so darfst du
deswegen noch lange nicht grollen. Anderer Meinungen und Neigungen
herrschen eben auch, und zu gute Vorsätze vergiften viel eher das Herz
eines Mannes als das Gegenteil, was freilich ein Übel ist. Du hast, wie
mir scheint, zu sehr Springlust. Dich nach einem Ziele außer Atem zu
laufen, macht dir Vergnügen. Das taugt nicht. Laß doch jeden Tag in
seiner ruhigen, natürlichen Abrundung nur bestehen und sei ein bißchen
mehr stolz darauf, es dir bequem, wie schließlich einem Menschen auch
ziemt, gemacht zu haben. Wir haben die Pflicht, uns vor den Mitmenschen
das Leben mit Anstand und einiger Würde leicht zu machen; denn wir leben
in einer Fülle von stillen, gedankenvollen Kultursorgen, die mit dem
grollenden, heißen Atem der Raufer nichts zu tun haben. Du hast, ich muß
es dir sagen, etwas zu Wildes an dir, und dann, im Handumkehren,
springst du in eine Zartheit über, die wieder viel zu viel Zartheit von
den Menschen fordert, um bestehen zu können. Vieles, das dich verletzen
sollte, kränkt dich in keiner Weise, und verletzen läßt du dich von ganz
selbstverständlichen, aus Welt und Leben herausgewachsenen Dingen. Du
mußt versuchen, Mensch unter Menschen zu werden, dann wird es dir sicher
gut gehen; denn im Erfüllen von allerhand Anforderungen kennst du keine
Ermattung, und einmal die Liebe der Menschen gewonnen, wird es dich dann
reizen, ihnen zu zeigen, daß du sie verdient hast. So, wie du jetzt
bist, drückst du dich um die Ecken herum und gehst in Sehnsuchten unter,
die eines Bürgers, Menschen und vor allem eines Mannes nicht recht
würdig sind. Wie viel habe ich schon gedacht, das du tun und unternehmen
könntest, um dich zu befestigen, aber ich muß dir doch am Ende die
Arbeit an dem Herausformen deines Lebens selbst überlassen; denn
Ratschläge taugen selten etwas.« -- Simon sagte dann: »Warum bist du
sorgenvoll an einem so schönen Tage, wo das Hinschauen in die Ferne
einen in Glück zerfließen macht?« --
Dann hatten sie über die Natur geplaudert und das Schwere vergessen.
Am andern Tag war Klaus wieder abgereist.
* * * * *
Es wurde Winter. Merkwürdig: die Zeit ging über alle guten Vorsätze
ebenso sicher hinweg wie über die schlechten Eigenschaften, deren man
nicht Herr werden konnte. Es lag etwas Schönes, Hinwegnehmendes und
Verzeihendes in diesem Gehen der Zeit. Sie ging über den Bettler wie
über den Präsidenten der Republik hinweg, über die Sünderin und über die
Anstandsdame. Sie ließ vieles als klein und unbedeutend empfinden; denn
sie allein stellte das Erhabene und Große dar. Was war denn das ganze
Treiben und Leben, was all das Sich-Rühren, was das Vorwärtsstreben
gegen die Höhe, die sich keineswegs darum bekümmerte, ob einer ein Mann
wurde oder ein Simpel, der es gleichgültig war, ob man das Rechte und
Gute wünschte oder nicht? Simon liebte dieses Rauschen der Jahreszeiten
über seinem Kopf, und als eines Tages Schnee in die dunkle, schwärzliche
Gasse hinabflog, freute er sich des Fortschrittes der ewigen,
erwärmenden Natur. »Sie schneit, das ist der Winter, und ich Törichter
habe geglaubt, den Winter nicht mehr erleben zu sollen,« dachte er. Es
kam ihm wie ein Märchen vor: »Es waren einmal Schneeflocken, die flogen,
weil sie nichts Besseres zu tun wußten, auf die Erde nieder. Viele
flogen aufs Feld und blieben dort liegen, andere fielen auf die Dächer
und blieben dort liegen, wieder etliche und andere fielen auf Hüte und
Kapuzen von schnell vorwärtseilenden Menschen und blieben dort liegen,
bis sie abgeschüttelt wurden, einige und wenige flogen einem Pferd, das
vor einem Karren angebunden stand, ins treue, liebe Antlitz und blieben
auf den langen Wimpern der Pferdsaugen liegen, ein Schneeflocken flog in
ein Fenster hinein, aber was er dort machte, ist nicht erzählt worden,
jedenfalls blieb er dort liegen. In der Gasse schneit's, im Wald oben,
o, wie schön muß es jetzt im Wald sein. Da könnte man hingehen.
Hoffentlich schneit es noch bis in den Abend, wenn die Laternen
angezündet werden. Es war einmal ein Mann, der war ganz schwarz, da
wollte er sich waschen, aber er hatte kein Seifenwasser. Als er nun sah,
daß es schneite, ging er auf die Straße und wusch sich mit Schneewasser
und davon wurde sein Gesicht weiß wie Schnee. Da konnte er prahlen
damit, und das tat er. Aber er bekam den Husten, und nun hustete er
immer, ein ganzes Jahr lang mußte der arme Mann husten, bis zum nächsten
Winter. Da lief er den Berg hinauf, bis er schwitzte, und noch immer
hustete er. Das Husten wollte gar nicht mehr aufhören. Da kam ein
kleines Kind zu ihm, es war ein Bettelkind, das hatte einen
Schneeflocken in der Hand, der Flocken sah aus wie eine kleine zarte
Blume. »Iß den Schneeflocken,« sprach das Kind. Und nun aß der große
Mann den Schneeflocken, und weg war der Husten. Da ging die Sonne unter,
und alles war dunkel. Das Bettelkind saß im Schnee und fror doch nicht.
Es hatte zu Hause Schläge bekommen, warum, das wußte es selber nicht. Es
war eben ein klein Kind und wußte noch nichts. Seine Füßchen froren ihm
auch nicht, und doch waren sie nackt. In des Kindes Auge glänzte eine
Träne, aber es war noch nicht gescheit genug, um zu wissen, daß es
weinte. Vielleicht erfror das Kind in der Nacht, aber es spürte nichts,
spürte gar nichts, es war zu klein, um etwas zu spüren. Gott sah das
Kind, aber es rührte ihn nicht, er war zu groß, um etwas zu spüren.« --
Simon spornte sich in dieser Zeit an, trotz der Winterkälte, die in
seinem Zimmer herrschte, früh aus dem Bett zu springen, wenn er auch
weiter nichts zu tun hatte. Er würde dann einfach dastehen, sich auf die
Zähne beißen, und das Anspannende würde schon kommen müssen. Irgend
etwas gäbe es immer zu tun. Er könnte sich ja zum Zeitvertreib die Hände
oder den Rücken reiben, oder versuchen, auf den Händen am Boden zu
gehen. Irgend eine Willensübung, sei es auch die allerlächerlichste,
müßte er stets treiben, das vertriebe die Gedanken und stählte und
ermunterte den Körper. Er wusch sich alle Morgen mit kaltem Wasser ab,
von oben bis unten, bis ihm heiß wurde, und verschmähte es, den Mantel
anzuziehen, wenn er ausging. Er wollte sich jetzt lehren, zu parieren in
dieser Jahreszeit! Den Mantel benutzte er als Fußumhüllung, wenn er am
Tische saß und las. Ein Paar breite, grobe Schuhe, wie sie die Rekruten
beim Militär tragen, schaffte er sich an, um zu jeder Zeit über den Berg
im tiefen Schnee zu waten. Das sollte ihn lehren, jetzt noch auf
elegante Schuhe zu sehen. Mit so einem derben Schuhpaar mochte man um
eins noch so fest in der Welt dastehen. Es kam jetzt darauf an, oberhalb
zu bleiben und festen Fuß zu fassen. Wenn er nur den Nacken nicht
beugte, mußte sich sicher, ja, von selbst, etwas für ihn zeigen, das er
ergreifen konnte. Wieder anfangen, von vorne, seinetwegen fünfzig Mal,
was schadete das jetzt. Er mußte nur gespannten Blicks und gespannten
Sinnes bleiben, dann würde es schon kommen, was er haben mußte.
Er glich in dieser Zeit einem Menschen, der Geld verloren hat und der
seinen ganzen Willen einsetzt, es wieder zu gewinnen, der aber zur
Wiedergewinnung weiter nichts tut, als nur eben den Willen einsetzen,
und sonst nichts macht.
Um die Weihnachtszeit herum ging er den breiten Berg hinauf. Es war
gegen Abend und furchtbar kalt. Ein beißender Wind pfiff den Menschen um
die Nasen und Ohren, die gerötet und von der Kälte entzündet wurden.
Simon schlug unwillkürlich den Weg ein, der einstmals zu Klaras Waldhaus
hinaufführte und der jetzt gangbarer gemacht worden war. Überall zeigte
sich eine Spur von umwandelnden Menschenhänden. Er sah ein großes, doch
nicht unzierliches Haus vor sich stehen, an der Stelle, an der früher
das Chalet aus Holz stand, in das er so oft hineingegangen war, als noch
Kaspar hier malte, zu der lieben merkwürdigen Frau, die es bewohnte.
Jetzt war hier ein Kurhaus für das Volk errichtet worden, und es wurde,
wie es den Anschein hatte, fleißig besucht; denn etliche wohlgekleidete
Menschen gingen aus und ein. Simon besann sich eine Weile, ob er
ebenfalls hineingehen sollte, aber schon die grimmige Kälte machte ihm
den Gedanken an einen erwärmten, menschenerfüllten Saal angenehm. So
trat er hinein. Ein warmer, scharfer Duft von Tannenzweigen schlug ihm
entgegen, das ganze große, helle Zimmer, eigentlich ein Saal, war mit
Tannengrün geziert und ausgefüttert, gleichsam tapeziert. Nur die
Sprüche, die an die weißen Wände gemalt waren, befanden sich frei, und
man konnte sie lesen. An allen Tischen saßen heitere und ernste
Menschen, viele Frauen, aber auch Männer und Kinder, einzeln an einem
runden Tischchen sitzend oder zu Gesellschaften um einen länglichen
Tisch herum vereinigt. Der Duft von Getränken und Speisen vermischte
sich mit dem weihnachtlichen Tannenduft. Hübsch gekleidete Mädchen
gingen umher, und bedienten die Gäste auf eine freundliche und zugleich
überaus gelassene Weise, die nichts Kellnerinnenhaftes an sich hatte. Es
sah aus, als ob diese zierlichen Mädchen nur, um ein lächelndes Spiel
aufzuführen, hier bedienten, oder so, als ob sie nur ihren Eltern,
Verwandten, Brüdern, Schwestern oder ihren Kindern diesen Dienst
erwiesen: so elterlich und kindlich zugleich sah es aus. Eine kleine,
ebenfalls dicht mit Tannenzweigen umrahmte Bühne befand sich an einem
anderen Ende des Saales, vielleicht zur Aufführung irgend eines
Weihnachtsstückes oder eines Stückes mit sonst irgend einem lieblichen
Inhalt. Auf jeden Fall war es ein warmer, freundlicher, gastlich
aussehender Raum, und Simon setzte sich, als einzelner, an ein rundes
Tischchen nieder, wartend, ob eines der Mädchen zu ihm herankäme, um zu
fragen, was er wünsche. Aber es kam vorläufig keines. So blieb er denn
eine geraume Zeit still, das Kinn in die Hand gestützt, wie es junge
Männer zu machen pflegen, an dem Tischchen sitzen, als mit einem Mal
eine schlankgewachsene Dame auf ihn zukam, ihm freundlich entgegennickte
und dann, zu einem der Mädchen gewendet, ausrief und frug, wie man nur
den jungen Herrn so lange ohne Bedienung lassen könne. Dieser Vorwurf
war eher lachend und liebenswürdig geschehen, als ernsthaft, aber
jedenfalls war diese Dame hier im Hause eine Art Direktorin oder
Leiterin oder wie man das nennen konnte.
»Entschuldigen Sie, daß man Sie sitzen läßt,« wandte sie sich wieder zu
Simon.
»O, ich wüßte nicht, was da zu entschuldigen wäre. Vielmehr ich habe
mich zu entschuldigen, daß ich der Anlaß bin, daß Sie einem von Ihren
Mädchen einen Vorwurf machen müssen. Ich sitze hier übrigens ganz gern,
ohne daß man sich um mich bekümmert; denn offen gestanden: was ich an
Bestellungen für das bedienende Mädchen aufzuwenden habe, ist
blutwenig.« --