Noch die ganze Woche lang verkehrte Simon in dieser müßiggängerischen

Weise mit dem Krankenwärter, mit dem er sich bald stritt und dann wieder

versöhnte. Er spielte Karten, wie einer, der es schon jahrelang trieb

und rollte die Billardkugeln, mitten am heißen Tag, während alles, was

Hände hatte, arbeitete. Er sah die sonnenbeschienenen Straßen und die

Gassen im Regenwetter, aber durch ein Fenster und mit einem Glas Bier in

der Hand, führte lange, nutzlose, wilde Reden nachts, mittags und abends

mit allerhand unbekannten Menschen, bis er sah, daß er nichts mehr zum

Leben besaß. Und eines Morgens ging er nicht mehr zu Heinrich, sondern

trat in eine Stube hinein, wo verschiedene junge und alte Männer an

Pulten saßen und schrieben. Es war die Schreibstube für Stellenlose, wo

diejenigen hinkamen, die durch irgend einen Umstand in die Lage geraten

waren, wo es ein Ding der Undenkbarkeit geworden ist, noch in einem

Geschäfte Anstellung zu erhalten. Diese Sorte von Menschen schrieb dort

im kargen Tagelohn mit hastigen Fingern, unter der strengen Aufsicht

eines Aufsehers oder Sekretärs, Adressen, meist geschäftliche Adressen

zu Tausenden, die von großen Firmen in dieser Schreibstube bestellt

wurden. Schriftsteller gaben dort ihre hingesudelten Manuskripte und

Studentinnen ihre beinahe unleserlichen Doktorarbeiten ab, um sie

entweder mit der Schreibmaschine abtypen, oder mit der geläufigen,

sauberen Feder abschreiben zu lassen. Des Schreibens unkundige Leute,

die irgend etwas zu schreiben hatten, brachten ihre Schreibereien

dorthin, wo sie in Kürze befriedigt wurden. Büffetdamen, Kellnerinnen,

Plätterinnen und Kammerzofen ließen sich ihre Zeugnisse dort ins Reine

schreiben, um sie präsentieren zu können. Wohltätigkeitsvereine gaben

tausende von Jahresberichten ab, die adressiert und in die umliegende

Welt versandt werden mußten. Der Naturheilverein ließ dort die

Einladungen zu volkstümlichen Vorträgen ins Mehrfache schreiben, und

Professoren hatten Arbeit genug für die Schreiber, die wiederum froh

waren, wenn sie Arbeit hatten. Das ganze Schreibergeschäft wurde von der

Gemeinde mit jährlichen Beiträgen unterstützt und von einem Verwalter

geleitet, einem ehemals ebenfalls Stellenlosen, für den man diese Stelle

schuf, um dem Mann in seinen alten Tagen eine passende Beschäftigung zu

geben. Er stammte gewissermaßen aus einer alten, patrizischen Familie,

hatte reiche Verwandte im Stadtrat, die nicht gern mitansehen mochten,

wie eines ihrer Familienglieder auf schmachvolle Weise verdarb. So ward

der Mann der König und Beschützer aller Vagabunden, verlorenen Menschen

und traurigen Existenzen, und er versah dieses Amt mit lässiger Würde,

als ob er niemals in seinem wilden Leben, das ihn auch eine Zeitlang in

Amerika herumschweifen ließ, die Bitternisse der Not geschmeckt hätte.

Simon machte eine Verbeugung vor dem Verwalter der Schreibstube.

»Was wollen Sie?«

»Arbeit!«

»Heute ist nichts los. Kommen Sie morgen früh wieder, da wird sich

vielleicht etwas für Sie Passendes finden. Schreiben Sie vorläufig heute

Ihren Namen, Wohnort, Heimatort, Beruf und Ihr Alter sowie Ihre Adresse

auf dieses Blatt Papier, und kommen Sie morgen pünktlich um acht Uhr,

sonst wird keine Arbeit mehr da sein,« sagte der Verwalter.

Er pflegte immer zu lächeln und zu näseln, wenn er sprach. Gegenüber

Stellenlosen nahm er außerdem immer einen sanftmütig-höhnischen Ton an,

ganz ohne jegliche Absicht, es kam einfach so und nicht anders aus des

Mannes Mund heraus. Sein Gesicht war eingefallen und vermergelt, hatte

die Farbe des kalten, weißen Kalkes und endete in einem zerzausten

grauen Spitzbart, als ob der Bart der herunterhängende und spitzige

Gesichtsfetzen gewesen wäre. Seine Augen lagen in tiefen Höhlen und des

Mannes Hände zeugten von Krankheit und leiblicher Verwüstung.

Simon arbeitete schon am nächsten Tag, frühmorgens um acht Uhr, in der

Schreibstube, und nach ein paar Tagen hatte er sich an die Gesellen, die

dort arbeiteten, gewöhnt. Es waren Menschen, die sich im Leben einmal

irgend eine Liederlichkeit zuschulden kommen ließen und den Boden dann

unter ihren schwankenden Füßen verloren hatten. Es waren Menschen da,

die um eines begangenen, schweren Vergehens willen früher einmal im

Gefängnis gesessen hatten. Von einem alten, sehr gut aussehenden Manne

wußte man, daß er jahrelang im Zuchthaus gesessen hatte, eines schweren

sittlichen Verbrechens wegen, das er an seiner eigenen, leiblichen

Tochter verübte, die ihn dem Richter verklagte. Er verzog, so lange

Simon ihn sah, nie eine Miene seines stillen, sonderbaren Gesichtes, als

ob das Schweigen und Horchen dort in dem Gesicht einheimisch und zur

Notwendigkeit geworden wäre. Er arbeitete ruhig, friedlich und langsam,

sah gut aus, blickte einen ruhig an, wenn man ihn anschaute, und schien

sich einer quälenden Erinnerung nicht im leisesten bewußt zu sein. Sein

Herz schien so still zu schlagen, wie seine alte Hand arbeitete. Nichts

von Verzerrung eines einzigen Zuges war in seinem Gesicht zu bemerken.

Alles schien er gebüßt, alles abgewaschen zu haben, was ihn je

verunzierte und beschmutzt hatte. Seine Kleider waren ordentlicher als

die des Verwalters, obschon er arm sein mußte. Merkwürdig gepflegt waren

seine Zähne und seine Hände, seine Schuhe und seine Kleider. Seine Seele

schien ruhig und außerordentlich rein zu sein. Simon dachte über ihn:

»Warum nicht? Ist denn eine Sünde nicht abzuwaschen und soll eine Strafe

das ganze Leben vernichten? Nein, diesem Manne sieht man weder eine

begangene Sünde noch eine erduldete Strafe an. Er scheint beides völlig

vergessen zu haben. Es mußte Güte und Liebe in dem Mann stecken, und

viel, sehr viel Kraft. Aber immerhin: wie sonderbar!« --

Unterschlagung, Diebstahl, Hochstapel und Landstreichertum hatten in der

Schreibstube ihre Vertreter. Daneben gab es nur Unglückliche,

Ungeschickte, die das Leben übertölpelte, und Fremde aus dem Ausland,

die einfach brotlos dastanden, weil sie sich in ihren Hoffnungen

betrogen sahen. Notorische Faulenzer und ewig Unzufriedene waren gewiß

auch da. Jede Mischung von Selbstschuld und Pech war vorhanden, nicht

minder die Frivolität, die sich ein Vergnügen daraus machte, so

heruntergekommen zu sein. Simon konnte hier den Mann in seinen

verschiedenen Charakteren kennen lernen, doch dachte er selber nicht so

sehr ans Beobachten, weil er auch einer der anderen war, der eben auch

ausfüllte und in dem Leben und Treiben der Schreibstube, in deren

Sorgen, Mühen und kleinen Fragen und Vorkommnissen wie in einem Strom

untersank. Als ein selber in die Sache Versunkener dachte er nicht so

sehr an die Sache, als an das leibliche Bedürfnis, wie alle andern. Alle

verdienten hier mit Schreiben, was sie auch sogleich wieder vertrinken

und veressen mußten, wenn sie leben wollten. Der Verdienst floß in die

Kehlen hinunter, von der Hand in den Mund. Simon kam dazu, sich außerdem

noch einen Strohhut und ein Paar billige Schuhe zu kaufen. Aber wenn er

an die Zimmermiete dachte, so mußte er sich gestehn, daß er nicht

imstande sein würde, auch das Geld für diese noch flüssig zu machen.

Jeweilen abends, wenn er fertig geschrieben hatte, war er müde und

glücklich. Er ging dann, in Gesellschaft eines seiner Schreibgesellen,

mit hocherhobenem Kopf durch die Straßen und lächelte mit

Gedankenlosigkeit die vorübergehenden Menschen an. Er brauchte sich gar

nicht einer schönen und stolzen Haltung zu befleißigen, es kam von

selber, die Brust dehnte sich und reckte sich ihm wie ein gespannter

Bogen, wenn er zur Schreibstubentür hinaus an die Luft trat. Über seine

Glieder fühlte er sich auf einmal als geborner Herr und Meister und er

achtete auf seine Schritte mit Bewußtheit. Die Hände hielt er jetzt

nicht mehr in der Hosentasche, das würde ihm würdelos vorgekommen sein.

Überhaupt schlenderte er sich nicht mehr, sondern spazierte mit

gemessenem Bewußtsein, als übe er erst jetzt, in seinem

einundzwanzigsten Lebensjahre, die Glieder an einem schönen, festen

Gange. Man sollte ihm keinerlei Armut anmerken, aber man sollte spüren,

daß er ein junger Mann sei, der eben von der Arbeit herkomme und nun

sich einen Abendspaziergang gönne. An der emsigen, beweglichen

Straßenwelt hing sein Auge mit Entzücken. Wenn eine Karosse mit einem

Paar tanzender, zierlicher Pferde vorbeikam, so musterte er mit scharfem

Blick nur den Gang der trabenden Tiere und verschmähte es, den

Herrschaften im Wagen einen Blick zuzuwerfen, so, als hätte er nur

Interesse für die Pferde, weil er ein Kenner sei. »Das ist angenehm,«

dachte er, »und man muß lernen, seine Blicke zu beherrschen und sie

dahin zu führen, wo es anständig und männlich ist, sie hinzulenken.«

Viele Damen streifte er mit Seitenblicken und mußte innerlich lachen, zu

bemerken, welchen Eindruck das machte. Und er träumte dabei, wie immer!

Nur daß er jetzt auf die Zähne biß beim Träumen und sich keine träge,

müde Haltung mehr gestattete: »Wenn ich auch einer der ärmsten Teufel

bin, so fällt es mir doch nicht ein, mir das merken zu lassen, im

Gegenteil, die Geldverlegenheit verpflichtet gewissermaßen zu einem

stolzen Benehmen. Wäre ich reich, so dürfte ich mir vielleicht den

Schlendrian noch erlauben. So aber nicht, weil der Mensch auf ein

Gleichgewicht bedacht sein muß. Ich bin hundemüde: aber ich muß immer

denken: andere haben auch Ursache, müde zu sein. Man lebt nicht für sich

allein, sondern für alle. Man hat die Verpflichtung, eine musterhafte,

stramme Erscheinung zu sein, so lange man beobachtet wird, so daß sich

weniger Mutige ein Beispiel daran nehmen können. Man soll den Eindruck

der sorglosen Festigkeit machen, wenn einem auch die Kniee dabei zittern

und der Magen einem in die Kehle hinauf singt vor Leere. Solches kann

einem heranwachsenden Manne Vergnügen machen! Die Glocke hat noch nicht

zwölfe geschlagen, für keinen; denn jeder hat jedesmal, wenn er arm

daniederliegt, die Aussicht, hoch zu kommen. Eine Ahnung sagt mir, daß

eine freie, stolze Haltung schon allein das Lebensglück an sich zieht

wie ein elektrischer Strom, und in der Tat, man fühlt sich gehobener und

reicher, wenn man anständig einhergeht. Ist man in Begleitung eines

andern schlecht gekleideten, armen Teufels, wie es hier der Fall ist, so

hat man umsomehr Veranlassung, kopfhoch zu gehen, indem man damit

gewissermaßen des anderen schlechte Frisur und Haltung sanft und

energisch entschuldigt, vor Menschen, die darüber verwundert sind, zwei

so ungleich sich betragende Gesellen miteinander innig verbunden, auf Du

und Du, in der eleganten Straße spazieren zu sehen. So etwas bringt

Achtung ein, wenn auch nur flüchtige. Reizend ist es ja, zu denken, daß

man angenehm absticht von einem Begleiter, der das Zeug noch nicht so

los hat oder nie los haben wird. Übrigens ist mein Geselle ein älterer,

unglücklicher Mann, ehemaliger Korbflechtereibesitzer, heruntergekommen

durch allerlei Mißgeschick und jetzt Schreiber im Taglohn, wie ich, nur

daß ich nicht ganz wie ein Schreiber und Taglöhner aussehe, sondern eher

wie ein toller Engländer, während mein Kamerad aussieht wie einer, der

sich schmerzlich zurücksehnt nach einstigen besseren Tagen. Sein Gang

und sein immerwährendes, liebes, rührendes Kopfnicken erzählen sein

Unglück mit ganz schamloser Sprache. Er ist ein älterer Mann und will

nicht mehr imponieren, nur noch sich ein bißchen aufrecht halten. Mir

imponiert er; denn ich kenne seinen Schmerz und weiß, welche drückende

Last er mit sich trägt. Ich bin stolz darauf, mit ihm so durch ein

schönes Straßenviertel zu gehen und drücke mich ganz unverschämt nahe an

ihn an, um meine ungenierte Vorliebe für seinen geringen Anzug zu

demonstrieren. Ich erhalte viele erstaunte Blicke, manches wundervolle

Auge sieht mich seltsam fragend an, das muß mir Spaß machen, der und

jener soll's holen! Ich spreche laut und mit Nachdruck. Der Abend ist so

schön geeignet zum Sprechen. Ich habe gearbeitet den Tag über. Etwas

Herrliches ist es, den Tag über gearbeitet zu haben und dann am Abend so

schön müde und ausgesöhnt mit allem zu sein. So gar keine Sorgen, kaum

einen Gedanken zu haben. So leichtfertig spazieren zu dürfen, mit dem

Gefühl, keinem Menschen weh getan zu haben. Sich umzusehen, ob man

vielleicht jemandem gefalle. Zu fühlen, daß man jetzt ein bißchen

liebenswerter und achtenswerter sei, als früher, da man ein Tagedieb

war, dessen Tage wie in einen Abgrund dahinsanken und verrauchten wie

Rauch vertrieben wird. Viel zu fühlen, viel, an so einem geschenkten

Abend! Den Abend wie ein Geschenk zu empfinden, denn das ist er denen,

die den Tag für die Arbeit hergeben. So schenkt man und wird

beschenkt.« --

* * * * *

Simon machte immer mehr die Beobachtung, daß die Schreibstube eine

kleine Welt für sich war, in der großen. Neid und Streberei, Haß und

Liebe, Übervorteilung und Ehrlichkeit, heftiges und bescheidenes Wesen

machten sich hier im Kleinen, um ganz lumpiger Vorteile willen,

ebensogut und scharf bemerkbar, wie überall, wo es dem Kampf um das

tägliche Auskommen galt. Jede Empfindung und jeder Drang konnte hier

seine Betätigung finden, wenn auch in geringfügigem Maßstab. Glänzende

Kenntnisse nützten allerdings in der Schreibstube nicht viel. Ein Träger

von solchen konnte sie hier höchstens improvisatorisch zum besten geben,

es half ihm zum Ansehen, aber es half ihm nicht dazu, sich dafür einen

besseren Anzug anschaffen zu können. Es gab etliche unter den

Schreibstubenburschen, die drei Sprachen perfekt sprachen und schrieben.

Diese wurden zum Übersetzen verwendet, aber sie verdienten damit nicht

mehr als die plumpen Adressenschreiber und die Abschreiber von

Manuskripten; denn die Schreibstube ließ keinen einzigen hochkommen,

sonst würde sie ja ihre Zwecke und ihren ganzen Sinn verfehlt haben.

Bestand sie doch immer nur, um Stellenlosen ein kümmerliches Leben zu

gestatten, und nicht deshalb, um hohe, unverschämte Löhne auszubezahlen.

Wenn einer überhaupt des Morgens um acht Uhr nur Arbeit fand, so mußte

er froh sein. Oft kam es vor, daß der Verwalter zu einer Gruppe von

Wartenden die Worte sprach: »Tut mir sehr leid. Heute leider nichts da.

Kommen Sie um zehn Uhr wieder. Möglich, daß dann Aufträge eingelaufen

sind!« und um zehn Uhr: »Es ist besser, Sie fragen morgen früh wieder

nach. Heute wird wohl kaum noch etwas einlaufen!« Diese Abgewiesenen,

unter denen sich auch Simon mehr als einmal befand, gingen dann langsam,

Mann für Mann, trübselig die Treppe hinunter, wieder auf die Straße, wo

sie einstweilen, als ob sie sich erst besinnen müßten, in einer runden,

hübschen Gruppe stehen blieben und sich dann, einer nach dem andern, in

alle Richtungen zerstreuten. Es war kein Vergnügen, ohne Geld in den

Straßen der Stadt zu bummeln, jeder wußte das, und ein jeder dachte:

»Wie wird das erst im Winter werden?«

Manchmal kamen ganz fein gekleidete Leute von eleganten Manieren in die

Schreibstube, um nach Arbeit zu fragen. Denen pflegte der Verwalter zu

sagen: »Wie es mir den Anschein macht, passen Sie besser in das Getriebe

des Weltlebens als in die Schreibstube. Hier muß einer den ganzen Tag

still sitzen, den Rücken krümmen und fleißig arbeiten, wenn er eine

Kleinigkeit verdienen will. Ich spreche so offen zu Ihnen, weil ich die

Empfindung habe, daß Ihnen das doch nicht passen würde. Und dann machen

Sie mir auch nicht den Eindruck der trübseligen, notdürftigen Armut. Ich

aber bin verpflichtet, zu allererst die Armen zu beschäftigen, das heißt

solche, an denen man die Kleider womöglich in Fetzen herunterhängen

sieht als Beweis ihrer Verkommenheit. Sie dagegen sehen mir zu stattlich

aus, so daß es eine Sünde wäre, Ihnen hier Arbeit geben zu wollen.

Mischen Sie sich unter die feine Welt, rate ich Ihnen. Es scheint, daß

Sie die Düsterkeit der Schreibstuben verkennen, wenn Sie mit so munterem

Gesicht hierherkommen, um nach Arbeit zu fragen, als wollten Sie auf den

Tanzboden gehen. Hier pflegt man linkische, trotzige Verbeugungen zu

machen, meistens aber gar keine, Sie aber verbeugten sich vorhin vor mir

wie ein vollendeter Weltmann. Das geht nicht, ich kann Sie nicht

gebrauchen, ich habe weder eine Arbeit, die Ihnen genügen könnte, noch

eine Welt, in die Sie hineinpassen, für Sie. Sie werden als Verkäufer

oder als Hotelsekretär jede Stunde Anstellung finden, wenn Sie es nicht

nur darauf abgesehen haben, in dieser Stadt nach Abenteuern zu suchen,

wie es mir beinahe den Anschein hat. Hier erlebt ein junger Mann nur

Entmutigung, aber sonst weiter kein Abenteuer. Wer hierherkommt, der

weiß, warum er gekommen ist. Sie scheinen es sicherlich nicht gewußt zu

haben. Ihre ganze Erscheinung ist beleidigend für meine Arbeiter, das

müssen Sie zugeben, wenn Sie nur einen Blick in die Stube werfen. Sehen

Sie mich an: ich habe auch die Welt gesehen, kenne alle Großstädte der

Welt, ich würde auch nicht hier sitzen, wenn ich nicht müßte. Wer

hierher kommt, hat schon Unglück und mannigfaches Mißgeschick erlitten.

Hierher kommen die Taugenichtse, Bettler, Schelme und Schiffbrüchigen:

mit einem Wort, die Unglücklichen. Nun frage ich Sie: sind Sie ein

solcher? Nein, und deshalb verlassen Sie jetzt, bitte, dieses Lokal, das

keine Luft enthält, die Sie imstande wären, auf die Länge einzuatmen.

Ich kenne die Figuren, die hierher gehören! Und zur Genüge! Leben Sie

wohl!«

Und mit einer Handbewegung pflegte er solche für die Schreibstube nicht

passende Menschen lächelnd zu entlassen. Der Verwalter besaß Schliff und

Bildung, und er zeigte beides gelegentlich gerne vor solchen

hereingeschneiten und hergewehten Besuchern, die mehr der Neugierde, als

der Not wegen hierherkamen.

An der Schreibstube vorüber floß ein stiller, grüner, tiefer und alter

Kanal, ehemaliger Festungsgraben und Bindemittel zwischen dem See und

dem fließenden Fluß, dem man das Seewasser auf solche Weise auf die

Reise in die fernen Meere mitgab. Es war überhaupt die stillste

Stadtgegend, die etwas Zurückgezogenes und Dörfliches an sich hatte.

Wenn nun die Abgewiesenen die Treppe hinuntertrampelten, so setzten sie

sich gerne noch eine Weile auf das Geländer am Bord dieses Kanals, was

dann aussah, als wenn eine Reihe von großen, seltsamen, ausländischen

Vögeln darauf säße. Etwas Philosophisches hatte das, und in der Tat,

manch einer schaute hinab in die grüne, tote Wasserwelt und grübelte

ebenso vergeblich über die Unerbittlichkeit des Schicksals nach, wie ein

Philosoph in seinem Studierzimmer zu tun pflegt. Der Kanal hatte etwas,

das zum Träumen und Nachsinnen aufforderte, und dazu hatten die

Stellenlosen reichlich Gelegenheit.

Die Schreibstube war zugleich ein Arbeitsmarkt für Kaufleute. Es kam zum

Beispiel ein Herr oder eine Dame in die Stube, trat zu dem Verwalter ins

Kabinett und wünschte auf einen oder auf ein paar Tage einen Mann, das

heißt, eine Kraft zur Aushilfe ins Haus hinein. Dann kam der Verwalter

in die Türeinrahmung, musterte seine Gesellen, und rief nach einiger

Überlegung einen Mann beim Namen: dieser hatte dann eine kleine, acht-,

ein-, zwei- oder vierzehntägige Anstellung gefunden. Das war immer ein

neiderweckendes Ereignis, wenn einer beim Namen aufgerufen wurde, denn

auswärts arbeitete ein jeder gern, weil der Verdienst größer und die

Arbeit kurzweiliger war. Außerdem bekam solch ein Mann bei gutherzigen

Leuten vormittags und nachmittags einen schönen Imbiß zum Frühstück und

zur Vesper, was unter keinen Umständen zu verachten war. Da bestand nun

immer ein Streben nach solchen Stellen und ein Liebäugeln mit dem

Aufgerufenwerden. Viele glaubten sich stets ungerechterweise

zurückgesetzt, und andere glaubten wieder, dem Verwalter und seinem

Unterbeamten recht hofieren und schmeicheln zu sollen, um das Ersehnte

zu erlangen. Es war ungefähr dasselbe, wie wenn ein Rudel abgerichteter

Hunde nach einer an einem Bindfaden immer wieder hochgezogenen Wurst

springt, wo auch einer immer glaubt, der andere hätte nicht das Recht,

nach der Wurst zu schnappen, ohne indessen Gründe dafür angeben zu

können. So knurrte auch hier einer den andern um des erschnappten

Vorteiles willen an, ganz wie in der großen Handels-, Gelehrten-,

Künstler- und Diplomatenwelt, wo es auch nicht viel anders, nur etwas

geriebener, hochfahrender und kultivierter zugeht.

Simon arbeitete auch einige Male auswärts, wie es in der abgekürzten

Schreibstubensprache hieß, aber er hatte kein Glück damit. Das eine Mal

wurde er von seinem Prinzipal, einem pfiffigen und ziemlich brutalen

Liegenschafts- und Rechtsagenten, der sich beinahe als der liebe Gott

selber vorkam, zum Teufel gejagt, weil er in einer Zeitung las, statt

mit der Feder zu arbeiten, und das andere Mal warf er selber seinem

Chef, einem Frucht- und Gemüsehändler _en gros_ die Feder vor die Nase

und sagte ihm nur die Worte: »Machen Sie's selber!« Die Frau des

Fruchthändlers wollte Simon allerhand Vorschriften machen; da brach er

einfach ab; denn, nach seinem Gefühl, wollte ihn das Weib nur verletzen

und demütigen, was er aber schließlich doch nicht nötig hatte sich

bieten zu lassen; so empfand er wenigstens.

Siebzehntes Kapitel.

Geschwister Tanner · 第 18 / 22 段