Weise mit dem Krankenwärter, mit dem er sich bald stritt und dann wieder
versöhnte. Er spielte Karten, wie einer, der es schon jahrelang trieb
und rollte die Billardkugeln, mitten am heißen Tag, während alles, was
Hände hatte, arbeitete. Er sah die sonnenbeschienenen Straßen und die
Gassen im Regenwetter, aber durch ein Fenster und mit einem Glas Bier in
der Hand, führte lange, nutzlose, wilde Reden nachts, mittags und abends
mit allerhand unbekannten Menschen, bis er sah, daß er nichts mehr zum
Leben besaß. Und eines Morgens ging er nicht mehr zu Heinrich, sondern
trat in eine Stube hinein, wo verschiedene junge und alte Männer an
Pulten saßen und schrieben. Es war die Schreibstube für Stellenlose, wo
diejenigen hinkamen, die durch irgend einen Umstand in die Lage geraten
waren, wo es ein Ding der Undenkbarkeit geworden ist, noch in einem
Geschäfte Anstellung zu erhalten. Diese Sorte von Menschen schrieb dort
im kargen Tagelohn mit hastigen Fingern, unter der strengen Aufsicht
eines Aufsehers oder Sekretärs, Adressen, meist geschäftliche Adressen
zu Tausenden, die von großen Firmen in dieser Schreibstube bestellt
wurden. Schriftsteller gaben dort ihre hingesudelten Manuskripte und
Studentinnen ihre beinahe unleserlichen Doktorarbeiten ab, um sie
entweder mit der Schreibmaschine abtypen, oder mit der geläufigen,
sauberen Feder abschreiben zu lassen. Des Schreibens unkundige Leute,
die irgend etwas zu schreiben hatten, brachten ihre Schreibereien
dorthin, wo sie in Kürze befriedigt wurden. Büffetdamen, Kellnerinnen,
Plätterinnen und Kammerzofen ließen sich ihre Zeugnisse dort ins Reine
schreiben, um sie präsentieren zu können. Wohltätigkeitsvereine gaben
tausende von Jahresberichten ab, die adressiert und in die umliegende
Welt versandt werden mußten. Der Naturheilverein ließ dort die
Einladungen zu volkstümlichen Vorträgen ins Mehrfache schreiben, und
Professoren hatten Arbeit genug für die Schreiber, die wiederum froh
waren, wenn sie Arbeit hatten. Das ganze Schreibergeschäft wurde von der
Gemeinde mit jährlichen Beiträgen unterstützt und von einem Verwalter
geleitet, einem ehemals ebenfalls Stellenlosen, für den man diese Stelle
schuf, um dem Mann in seinen alten Tagen eine passende Beschäftigung zu
geben. Er stammte gewissermaßen aus einer alten, patrizischen Familie,
hatte reiche Verwandte im Stadtrat, die nicht gern mitansehen mochten,
wie eines ihrer Familienglieder auf schmachvolle Weise verdarb. So ward
der Mann der König und Beschützer aller Vagabunden, verlorenen Menschen
und traurigen Existenzen, und er versah dieses Amt mit lässiger Würde,
als ob er niemals in seinem wilden Leben, das ihn auch eine Zeitlang in
Amerika herumschweifen ließ, die Bitternisse der Not geschmeckt hätte.
Simon machte eine Verbeugung vor dem Verwalter der Schreibstube.
»Was wollen Sie?«
»Arbeit!«
»Heute ist nichts los. Kommen Sie morgen früh wieder, da wird sich
vielleicht etwas für Sie Passendes finden. Schreiben Sie vorläufig heute
Ihren Namen, Wohnort, Heimatort, Beruf und Ihr Alter sowie Ihre Adresse
auf dieses Blatt Papier, und kommen Sie morgen pünktlich um acht Uhr,
sonst wird keine Arbeit mehr da sein,« sagte der Verwalter.
Er pflegte immer zu lächeln und zu näseln, wenn er sprach. Gegenüber
Stellenlosen nahm er außerdem immer einen sanftmütig-höhnischen Ton an,
ganz ohne jegliche Absicht, es kam einfach so und nicht anders aus des
Mannes Mund heraus. Sein Gesicht war eingefallen und vermergelt, hatte
die Farbe des kalten, weißen Kalkes und endete in einem zerzausten
grauen Spitzbart, als ob der Bart der herunterhängende und spitzige
Gesichtsfetzen gewesen wäre. Seine Augen lagen in tiefen Höhlen und des
Mannes Hände zeugten von Krankheit und leiblicher Verwüstung.
Simon arbeitete schon am nächsten Tag, frühmorgens um acht Uhr, in der
Schreibstube, und nach ein paar Tagen hatte er sich an die Gesellen, die
dort arbeiteten, gewöhnt. Es waren Menschen, die sich im Leben einmal
irgend eine Liederlichkeit zuschulden kommen ließen und den Boden dann
unter ihren schwankenden Füßen verloren hatten. Es waren Menschen da,
die um eines begangenen, schweren Vergehens willen früher einmal im
Gefängnis gesessen hatten. Von einem alten, sehr gut aussehenden Manne
wußte man, daß er jahrelang im Zuchthaus gesessen hatte, eines schweren
sittlichen Verbrechens wegen, das er an seiner eigenen, leiblichen
Tochter verübte, die ihn dem Richter verklagte. Er verzog, so lange
Simon ihn sah, nie eine Miene seines stillen, sonderbaren Gesichtes, als
ob das Schweigen und Horchen dort in dem Gesicht einheimisch und zur
Notwendigkeit geworden wäre. Er arbeitete ruhig, friedlich und langsam,
sah gut aus, blickte einen ruhig an, wenn man ihn anschaute, und schien
sich einer quälenden Erinnerung nicht im leisesten bewußt zu sein. Sein
Herz schien so still zu schlagen, wie seine alte Hand arbeitete. Nichts
von Verzerrung eines einzigen Zuges war in seinem Gesicht zu bemerken.
Alles schien er gebüßt, alles abgewaschen zu haben, was ihn je
verunzierte und beschmutzt hatte. Seine Kleider waren ordentlicher als
die des Verwalters, obschon er arm sein mußte. Merkwürdig gepflegt waren
seine Zähne und seine Hände, seine Schuhe und seine Kleider. Seine Seele
schien ruhig und außerordentlich rein zu sein. Simon dachte über ihn:
»Warum nicht? Ist denn eine Sünde nicht abzuwaschen und soll eine Strafe
das ganze Leben vernichten? Nein, diesem Manne sieht man weder eine
begangene Sünde noch eine erduldete Strafe an. Er scheint beides völlig
vergessen zu haben. Es mußte Güte und Liebe in dem Mann stecken, und
viel, sehr viel Kraft. Aber immerhin: wie sonderbar!« --
Unterschlagung, Diebstahl, Hochstapel und Landstreichertum hatten in der
Schreibstube ihre Vertreter. Daneben gab es nur Unglückliche,
Ungeschickte, die das Leben übertölpelte, und Fremde aus dem Ausland,
die einfach brotlos dastanden, weil sie sich in ihren Hoffnungen
betrogen sahen. Notorische Faulenzer und ewig Unzufriedene waren gewiß
auch da. Jede Mischung von Selbstschuld und Pech war vorhanden, nicht
minder die Frivolität, die sich ein Vergnügen daraus machte, so
heruntergekommen zu sein. Simon konnte hier den Mann in seinen
verschiedenen Charakteren kennen lernen, doch dachte er selber nicht so
sehr ans Beobachten, weil er auch einer der anderen war, der eben auch
ausfüllte und in dem Leben und Treiben der Schreibstube, in deren
Sorgen, Mühen und kleinen Fragen und Vorkommnissen wie in einem Strom
untersank. Als ein selber in die Sache Versunkener dachte er nicht so
sehr an die Sache, als an das leibliche Bedürfnis, wie alle andern. Alle
verdienten hier mit Schreiben, was sie auch sogleich wieder vertrinken
und veressen mußten, wenn sie leben wollten. Der Verdienst floß in die
Kehlen hinunter, von der Hand in den Mund. Simon kam dazu, sich außerdem
noch einen Strohhut und ein Paar billige Schuhe zu kaufen. Aber wenn er
an die Zimmermiete dachte, so mußte er sich gestehn, daß er nicht
imstande sein würde, auch das Geld für diese noch flüssig zu machen.
Jeweilen abends, wenn er fertig geschrieben hatte, war er müde und
glücklich. Er ging dann, in Gesellschaft eines seiner Schreibgesellen,
mit hocherhobenem Kopf durch die Straßen und lächelte mit
Gedankenlosigkeit die vorübergehenden Menschen an. Er brauchte sich gar
nicht einer schönen und stolzen Haltung zu befleißigen, es kam von
selber, die Brust dehnte sich und reckte sich ihm wie ein gespannter
Bogen, wenn er zur Schreibstubentür hinaus an die Luft trat. Über seine
Glieder fühlte er sich auf einmal als geborner Herr und Meister und er
achtete auf seine Schritte mit Bewußtheit. Die Hände hielt er jetzt
nicht mehr in der Hosentasche, das würde ihm würdelos vorgekommen sein.
Überhaupt schlenderte er sich nicht mehr, sondern spazierte mit
gemessenem Bewußtsein, als übe er erst jetzt, in seinem
einundzwanzigsten Lebensjahre, die Glieder an einem schönen, festen
Gange. Man sollte ihm keinerlei Armut anmerken, aber man sollte spüren,
daß er ein junger Mann sei, der eben von der Arbeit herkomme und nun
sich einen Abendspaziergang gönne. An der emsigen, beweglichen
Straßenwelt hing sein Auge mit Entzücken. Wenn eine Karosse mit einem
Paar tanzender, zierlicher Pferde vorbeikam, so musterte er mit scharfem
Blick nur den Gang der trabenden Tiere und verschmähte es, den
Herrschaften im Wagen einen Blick zuzuwerfen, so, als hätte er nur
Interesse für die Pferde, weil er ein Kenner sei. »Das ist angenehm,«
dachte er, »und man muß lernen, seine Blicke zu beherrschen und sie
dahin zu führen, wo es anständig und männlich ist, sie hinzulenken.«
Viele Damen streifte er mit Seitenblicken und mußte innerlich lachen, zu
bemerken, welchen Eindruck das machte. Und er träumte dabei, wie immer!
Nur daß er jetzt auf die Zähne biß beim Träumen und sich keine träge,
müde Haltung mehr gestattete: »Wenn ich auch einer der ärmsten Teufel
bin, so fällt es mir doch nicht ein, mir das merken zu lassen, im
Gegenteil, die Geldverlegenheit verpflichtet gewissermaßen zu einem
stolzen Benehmen. Wäre ich reich, so dürfte ich mir vielleicht den
Schlendrian noch erlauben. So aber nicht, weil der Mensch auf ein
Gleichgewicht bedacht sein muß. Ich bin hundemüde: aber ich muß immer
denken: andere haben auch Ursache, müde zu sein. Man lebt nicht für sich
allein, sondern für alle. Man hat die Verpflichtung, eine musterhafte,
stramme Erscheinung zu sein, so lange man beobachtet wird, so daß sich
weniger Mutige ein Beispiel daran nehmen können. Man soll den Eindruck
der sorglosen Festigkeit machen, wenn einem auch die Kniee dabei zittern
und der Magen einem in die Kehle hinauf singt vor Leere. Solches kann
einem heranwachsenden Manne Vergnügen machen! Die Glocke hat noch nicht
zwölfe geschlagen, für keinen; denn jeder hat jedesmal, wenn er arm
daniederliegt, die Aussicht, hoch zu kommen. Eine Ahnung sagt mir, daß
eine freie, stolze Haltung schon allein das Lebensglück an sich zieht
wie ein elektrischer Strom, und in der Tat, man fühlt sich gehobener und
reicher, wenn man anständig einhergeht. Ist man in Begleitung eines
andern schlecht gekleideten, armen Teufels, wie es hier der Fall ist, so
hat man umsomehr Veranlassung, kopfhoch zu gehen, indem man damit
gewissermaßen des anderen schlechte Frisur und Haltung sanft und
energisch entschuldigt, vor Menschen, die darüber verwundert sind, zwei
so ungleich sich betragende Gesellen miteinander innig verbunden, auf Du
und Du, in der eleganten Straße spazieren zu sehen. So etwas bringt
Achtung ein, wenn auch nur flüchtige. Reizend ist es ja, zu denken, daß
man angenehm absticht von einem Begleiter, der das Zeug noch nicht so
los hat oder nie los haben wird. Übrigens ist mein Geselle ein älterer,
unglücklicher Mann, ehemaliger Korbflechtereibesitzer, heruntergekommen
durch allerlei Mißgeschick und jetzt Schreiber im Taglohn, wie ich, nur
daß ich nicht ganz wie ein Schreiber und Taglöhner aussehe, sondern eher
wie ein toller Engländer, während mein Kamerad aussieht wie einer, der
sich schmerzlich zurücksehnt nach einstigen besseren Tagen. Sein Gang
und sein immerwährendes, liebes, rührendes Kopfnicken erzählen sein
Unglück mit ganz schamloser Sprache. Er ist ein älterer Mann und will
nicht mehr imponieren, nur noch sich ein bißchen aufrecht halten. Mir
imponiert er; denn ich kenne seinen Schmerz und weiß, welche drückende
Last er mit sich trägt. Ich bin stolz darauf, mit ihm so durch ein
schönes Straßenviertel zu gehen und drücke mich ganz unverschämt nahe an
ihn an, um meine ungenierte Vorliebe für seinen geringen Anzug zu
demonstrieren. Ich erhalte viele erstaunte Blicke, manches wundervolle
Auge sieht mich seltsam fragend an, das muß mir Spaß machen, der und
jener soll's holen! Ich spreche laut und mit Nachdruck. Der Abend ist so
schön geeignet zum Sprechen. Ich habe gearbeitet den Tag über. Etwas
Herrliches ist es, den Tag über gearbeitet zu haben und dann am Abend so
schön müde und ausgesöhnt mit allem zu sein. So gar keine Sorgen, kaum
einen Gedanken zu haben. So leichtfertig spazieren zu dürfen, mit dem
Gefühl, keinem Menschen weh getan zu haben. Sich umzusehen, ob man
vielleicht jemandem gefalle. Zu fühlen, daß man jetzt ein bißchen
liebenswerter und achtenswerter sei, als früher, da man ein Tagedieb
war, dessen Tage wie in einen Abgrund dahinsanken und verrauchten wie
Rauch vertrieben wird. Viel zu fühlen, viel, an so einem geschenkten
Abend! Den Abend wie ein Geschenk zu empfinden, denn das ist er denen,
die den Tag für die Arbeit hergeben. So schenkt man und wird
beschenkt.« --
* * * * *
Simon machte immer mehr die Beobachtung, daß die Schreibstube eine
kleine Welt für sich war, in der großen. Neid und Streberei, Haß und
Liebe, Übervorteilung und Ehrlichkeit, heftiges und bescheidenes Wesen
machten sich hier im Kleinen, um ganz lumpiger Vorteile willen,
ebensogut und scharf bemerkbar, wie überall, wo es dem Kampf um das
tägliche Auskommen galt. Jede Empfindung und jeder Drang konnte hier
seine Betätigung finden, wenn auch in geringfügigem Maßstab. Glänzende
Kenntnisse nützten allerdings in der Schreibstube nicht viel. Ein Träger
von solchen konnte sie hier höchstens improvisatorisch zum besten geben,
es half ihm zum Ansehen, aber es half ihm nicht dazu, sich dafür einen
besseren Anzug anschaffen zu können. Es gab etliche unter den
Schreibstubenburschen, die drei Sprachen perfekt sprachen und schrieben.
Diese wurden zum Übersetzen verwendet, aber sie verdienten damit nicht
mehr als die plumpen Adressenschreiber und die Abschreiber von
Manuskripten; denn die Schreibstube ließ keinen einzigen hochkommen,
sonst würde sie ja ihre Zwecke und ihren ganzen Sinn verfehlt haben.
Bestand sie doch immer nur, um Stellenlosen ein kümmerliches Leben zu
gestatten, und nicht deshalb, um hohe, unverschämte Löhne auszubezahlen.
Wenn einer überhaupt des Morgens um acht Uhr nur Arbeit fand, so mußte
er froh sein. Oft kam es vor, daß der Verwalter zu einer Gruppe von
Wartenden die Worte sprach: »Tut mir sehr leid. Heute leider nichts da.
Kommen Sie um zehn Uhr wieder. Möglich, daß dann Aufträge eingelaufen
sind!« und um zehn Uhr: »Es ist besser, Sie fragen morgen früh wieder
nach. Heute wird wohl kaum noch etwas einlaufen!« Diese Abgewiesenen,
unter denen sich auch Simon mehr als einmal befand, gingen dann langsam,
Mann für Mann, trübselig die Treppe hinunter, wieder auf die Straße, wo
sie einstweilen, als ob sie sich erst besinnen müßten, in einer runden,
hübschen Gruppe stehen blieben und sich dann, einer nach dem andern, in
alle Richtungen zerstreuten. Es war kein Vergnügen, ohne Geld in den
Straßen der Stadt zu bummeln, jeder wußte das, und ein jeder dachte:
»Wie wird das erst im Winter werden?«
Manchmal kamen ganz fein gekleidete Leute von eleganten Manieren in die
Schreibstube, um nach Arbeit zu fragen. Denen pflegte der Verwalter zu
sagen: »Wie es mir den Anschein macht, passen Sie besser in das Getriebe
des Weltlebens als in die Schreibstube. Hier muß einer den ganzen Tag
still sitzen, den Rücken krümmen und fleißig arbeiten, wenn er eine
Kleinigkeit verdienen will. Ich spreche so offen zu Ihnen, weil ich die
Empfindung habe, daß Ihnen das doch nicht passen würde. Und dann machen
Sie mir auch nicht den Eindruck der trübseligen, notdürftigen Armut. Ich
aber bin verpflichtet, zu allererst die Armen zu beschäftigen, das heißt
solche, an denen man die Kleider womöglich in Fetzen herunterhängen
sieht als Beweis ihrer Verkommenheit. Sie dagegen sehen mir zu stattlich
aus, so daß es eine Sünde wäre, Ihnen hier Arbeit geben zu wollen.
Mischen Sie sich unter die feine Welt, rate ich Ihnen. Es scheint, daß
Sie die Düsterkeit der Schreibstuben verkennen, wenn Sie mit so munterem
Gesicht hierherkommen, um nach Arbeit zu fragen, als wollten Sie auf den
Tanzboden gehen. Hier pflegt man linkische, trotzige Verbeugungen zu
machen, meistens aber gar keine, Sie aber verbeugten sich vorhin vor mir
wie ein vollendeter Weltmann. Das geht nicht, ich kann Sie nicht
gebrauchen, ich habe weder eine Arbeit, die Ihnen genügen könnte, noch
eine Welt, in die Sie hineinpassen, für Sie. Sie werden als Verkäufer
oder als Hotelsekretär jede Stunde Anstellung finden, wenn Sie es nicht
nur darauf abgesehen haben, in dieser Stadt nach Abenteuern zu suchen,
wie es mir beinahe den Anschein hat. Hier erlebt ein junger Mann nur
Entmutigung, aber sonst weiter kein Abenteuer. Wer hierherkommt, der
weiß, warum er gekommen ist. Sie scheinen es sicherlich nicht gewußt zu
haben. Ihre ganze Erscheinung ist beleidigend für meine Arbeiter, das
müssen Sie zugeben, wenn Sie nur einen Blick in die Stube werfen. Sehen
Sie mich an: ich habe auch die Welt gesehen, kenne alle Großstädte der
Welt, ich würde auch nicht hier sitzen, wenn ich nicht müßte. Wer
hierher kommt, hat schon Unglück und mannigfaches Mißgeschick erlitten.
Hierher kommen die Taugenichtse, Bettler, Schelme und Schiffbrüchigen:
mit einem Wort, die Unglücklichen. Nun frage ich Sie: sind Sie ein
solcher? Nein, und deshalb verlassen Sie jetzt, bitte, dieses Lokal, das
keine Luft enthält, die Sie imstande wären, auf die Länge einzuatmen.
Ich kenne die Figuren, die hierher gehören! Und zur Genüge! Leben Sie
wohl!«
Und mit einer Handbewegung pflegte er solche für die Schreibstube nicht
passende Menschen lächelnd zu entlassen. Der Verwalter besaß Schliff und
Bildung, und er zeigte beides gelegentlich gerne vor solchen
hereingeschneiten und hergewehten Besuchern, die mehr der Neugierde, als
der Not wegen hierherkamen.
An der Schreibstube vorüber floß ein stiller, grüner, tiefer und alter
Kanal, ehemaliger Festungsgraben und Bindemittel zwischen dem See und
dem fließenden Fluß, dem man das Seewasser auf solche Weise auf die
Reise in die fernen Meere mitgab. Es war überhaupt die stillste
Stadtgegend, die etwas Zurückgezogenes und Dörfliches an sich hatte.
Wenn nun die Abgewiesenen die Treppe hinuntertrampelten, so setzten sie
sich gerne noch eine Weile auf das Geländer am Bord dieses Kanals, was
dann aussah, als wenn eine Reihe von großen, seltsamen, ausländischen
Vögeln darauf säße. Etwas Philosophisches hatte das, und in der Tat,
manch einer schaute hinab in die grüne, tote Wasserwelt und grübelte
ebenso vergeblich über die Unerbittlichkeit des Schicksals nach, wie ein
Philosoph in seinem Studierzimmer zu tun pflegt. Der Kanal hatte etwas,
das zum Träumen und Nachsinnen aufforderte, und dazu hatten die
Stellenlosen reichlich Gelegenheit.
Die Schreibstube war zugleich ein Arbeitsmarkt für Kaufleute. Es kam zum
Beispiel ein Herr oder eine Dame in die Stube, trat zu dem Verwalter ins
Kabinett und wünschte auf einen oder auf ein paar Tage einen Mann, das
heißt, eine Kraft zur Aushilfe ins Haus hinein. Dann kam der Verwalter
in die Türeinrahmung, musterte seine Gesellen, und rief nach einiger
Überlegung einen Mann beim Namen: dieser hatte dann eine kleine, acht-,
ein-, zwei- oder vierzehntägige Anstellung gefunden. Das war immer ein
neiderweckendes Ereignis, wenn einer beim Namen aufgerufen wurde, denn
auswärts arbeitete ein jeder gern, weil der Verdienst größer und die
Arbeit kurzweiliger war. Außerdem bekam solch ein Mann bei gutherzigen
Leuten vormittags und nachmittags einen schönen Imbiß zum Frühstück und
zur Vesper, was unter keinen Umständen zu verachten war. Da bestand nun
immer ein Streben nach solchen Stellen und ein Liebäugeln mit dem
Aufgerufenwerden. Viele glaubten sich stets ungerechterweise
zurückgesetzt, und andere glaubten wieder, dem Verwalter und seinem
Unterbeamten recht hofieren und schmeicheln zu sollen, um das Ersehnte
zu erlangen. Es war ungefähr dasselbe, wie wenn ein Rudel abgerichteter
Hunde nach einer an einem Bindfaden immer wieder hochgezogenen Wurst
springt, wo auch einer immer glaubt, der andere hätte nicht das Recht,
nach der Wurst zu schnappen, ohne indessen Gründe dafür angeben zu
können. So knurrte auch hier einer den andern um des erschnappten
Vorteiles willen an, ganz wie in der großen Handels-, Gelehrten-,
Künstler- und Diplomatenwelt, wo es auch nicht viel anders, nur etwas
geriebener, hochfahrender und kultivierter zugeht.
Simon arbeitete auch einige Male auswärts, wie es in der abgekürzten
Schreibstubensprache hieß, aber er hatte kein Glück damit. Das eine Mal
wurde er von seinem Prinzipal, einem pfiffigen und ziemlich brutalen
Liegenschafts- und Rechtsagenten, der sich beinahe als der liebe Gott
selber vorkam, zum Teufel gejagt, weil er in einer Zeitung las, statt
mit der Feder zu arbeiten, und das andere Mal warf er selber seinem
Chef, einem Frucht- und Gemüsehändler _en gros_ die Feder vor die Nase
und sagte ihm nur die Worte: »Machen Sie's selber!« Die Frau des
Fruchthändlers wollte Simon allerhand Vorschriften machen; da brach er
einfach ab; denn, nach seinem Gefühl, wollte ihn das Weib nur verletzen
und demütigen, was er aber schließlich doch nicht nötig hatte sich
bieten zu lassen; so empfand er wenigstens.
Siebzehntes Kapitel.