»Ich bin Krankenwärter, aber gegenwärtig bin ich nichts als Bummler. Ich

komme aus Neapel, wo ich im Fremdenhospital die Kranken pflegte.

Vielleicht werde ich schon in zehn Tagen irgendwo in Inner-Amerika sein,

oder in Rußland; denn man schickt uns überall da hin, wo ein Wärter

verlangt wird, sei es auch auf den Südseeinseln. Man sieht auf diese

Weise die Welt, das ist wahr, aber die Heimat wird einem so fremd, ich

kann mich da nicht genügend ausdrücken. Sie zum Beispiel leben

wahrscheinlich immer in Ihrer Heimat, sie umgibt Sie immerwährend, Sie

fühlen sich von den Bekannten umschlossen, Sie schaffen hier, Sie sind

hier glücklich und erleben sicher hier auch Ihr Mißgeschick, gleichviel,

Sie dürfen wenigstens an einen Boden, an ein Land, an einen Himmel, wenn

ich es so sagen darf, gebunden sein. Es ist schön, an etwas gefesselt zu

sein. Man fühlt sich wohl, hat ein Recht, sich wohl zu fühlen und darf

auf das Verständnis und die Liebe seiner Mitmenschen hoffen. Aber ich?

Nein! Sehen Sie, ich bin zu schlecht geworden für meine engere Heimat,

vielleicht auch zu gut, zu alles verstehend. Ich kann nicht mehr

mitempfinden mit meinen Landsleuten. Ihre Vorliebe verstehe ich

ebensowenig mehr wie ihren Zorn und ihre Abneigung. Jedenfalls bin ich

fremd. Und ich fühle, es wird einem übel genommen, daß man fremd

geworden ist. Und gewiß hat man recht, das zu tun; denn ich habe unrecht

getan, mich zu entfremden. Was nützt es mir, wenn auch meine Ansichten

über Vieles weltmännischer und klüger sind, wenn ich mit meinen

Ansichten nur verletze? Dann sind es schlechte Ansichten, wenn sie

verletzen. Eines Landes Sitten und Anschauungen sind etwas, das man

heilig halten muß, wenn man nicht eines Tages ein Fremdling darin werden

will, wie es mit mir geschehen ist. Nun, ich reise ja sehr bald wieder

weg, zu meinen Kranken.«

Er lächelte und fragte Simon: »Was sind Sie?«

»Ich bin in meinem eigenen Lande ein sonderbarer Geselle,« antwortete

Simon, »ich bin eigentlich Schreiber, und Sie können sich leicht denken,

was ich da für eine Rolle in meinem Vaterlande spiele, wo der Schreiber

so ziemlich der letzte Mensch ist, den es in der Rangordnung der Klassen

gibt. Andere junge Handelsbeflissene reisen, um sich auszubilden, in das

ferne Ausland, und kommen dann mit einem ganzen Sack voller Kenntnisse

wieder heim, wo ihnen ehrenvolle Stellen offen gehalten werden. Ich nun,

müssen Sie wissen, bleibe immer im Lande. Es ist gerade so, als fürchte

ich, daß in anderen Ländern keine oder nur eine minderwertige Sonne

scheine. Ich bin wie festgebunden und sehe immer Neues im Alten, deshalb

vielleicht gehe ich so ungern fort. Ich verkomme hier, ich sehe es wohl,

und trotzdem, ich muß, so scheint es, unter dem Himmel meiner Heimat

atmen, um überhaupt leben zu können. Ich genieße natürlich wenig

Achtung, man hält mich für liederlich, aber das macht mir so nichts, so

gar nichts aus. Ich bleibe und werde wohl bleiben. Es ist so süß, zu

bleiben. Geht denn die Natur etwa ins Ausland? Wandern Bäume, um sich

anderswo grünere Blätter anzuschaffen und dann heimzukommen und sich

prahlend zu zeigen? Die Flüsse und die Wolken gehen, aber das ist ein

anderes, tieferes Davongehen, das kommt nie mehr wieder. Es ist auch

kein Gehen sondern nur ein fliegendes und fließendes Ruhen. Ein solches

Gehen, das ist schön, meine ich! Ich blicke immer die Bäume an, und sage

mir, die gehen ja auch nicht, warum sollte ich nicht bleiben dürfen?

Wenn ich im Winter in einer Stadt bin, so reizt es mich, sie auch im

Frühling zu sehen, einen Baum im Winter, ihn auch im Frühling prangen

und seine ersten, entzückenden Blätter ausbreiten zu sehen. Nach dem

Frühling kommt immer der Sommer, unerklärlich schön und leise, wie eine

glühende, große, grüne Welle aus dem Abgrund der Welt herauf, und den

Sommer will ich doch hier genießen, verstehen Sie mich, mein Herr, hier,

wo ich den Frühling habe blühen sehen. Da ist zum Beispiel dieses kleine

Wiesen- oder Rasenbord. Wie süß ist das im Vorfrühling anzusehen, wenn

der Schnee eben unter der Sonne darauf zerronnen ist. Aber um diesen

Baum und um dieses Bord und um diese Welt handelt es sich: ich glaube,

ich würde an anderen Orten den Sommer nicht bemerken. Die Sache ist die:

ich habe eine recht verteufelte Lust, hier am Fleck zu bleiben und eine

ganze Menge unlustiger Gründe, die mir das Reisen ins Ausland verbieten.

Zum Beispiel: hätte ich etwa Reisegeld? Sie werden wissen, man braucht

Geld, um mit der Eisenbahn oder mit dem Schiff zu fahren. Ich habe noch

Geld für etwa zwanzig Mahlzeiten; aber ich habe kein Reisegeld. Und ich

bin froh, daß ich keines habe. Mögen andere reisen und klüger

heimkommen. Ich bin klug genug, eines Tages hier im Lande mit Anstand zu

sterben.«

Nach einem kurzen Stillschweigen, während dessen der Krankenwärter ihn

unverwandt anblickte, fuhr er fort:

»Und dann habe ich auch gar kein Verlangen darnach, Karriere zu machen.

Was andern das meiste ist, ist mir das mindeste. Ich kann das

Karrieremachen in Gottes Namen nicht achten. Ich mag leben, aber ich mag

nicht in eine Laufbahn hineinlaufen, was so etwas Großartiges sein soll.

Was ist Großartiges dabei: frühzeitig krumme Rücken vom Stehen an zu

kleinen Pulten, faltige Hände, blasse Gesichter, zerschundene

Werktagshosen, zittrige Beine, dicke Bäuche, verdorbene Mägen, kahle

Platten auf den Schädeln, grimmige, anschnauzige, lederne, verblaßte,

glutlose Augen, abgemergelte Stirnen und das Bewußtsein, ein

pflichtgetreuer Narr gewesen zu sein. Ich danke! Ich bleibe lieber arm

aber gesund, verzichte auf eine Staatswohnung, zugunsten eines billigen

Zimmers, wenn es auch auf die dunkelste Gasse hinausgeht, lebe lieber in

Geldverlegenheiten als in der Verlegenheit, wo ich sommers hinreisen

soll, um meine verdorbene Gesundheit aufzuputzen, bin allerdings nur von

einem einzigen Menschen geachtet, nämlich von mir selber, aber das ist

einer, an dessen Achtung mir am meisten liegt, bin frei und kann

jedesmal, wenn es die Notwendigkeit verlangt, meine Freiheit für einige

Zeitlang verkaufen, um nachher wieder frei zu sein. Es lohnt sich, um

der Freiheit willen arm zu bleiben. Ich habe zu essen; denn ich besitze

das Talent, mit ganz Wenigem satt zu werden. Ich werde rasend, wenn man

mir mit dem Wort und mit der Zumutung kommt, die in dem Worte

»Lebensstellung« liegt. Ich will Mensch bleiben. Mit einem Wort: ich

liebe das Gefährliche, das Abgründige, Schwebende und das

Nicht-Kontrollierbare!«

»Sie gefallen mir,« sagte der Krankenwärter.

»Ich wollte durchaus nicht Ihr Gefallen erwecken, aber es freut mich

trotzdem, wenn ich Ihnen gefalle, da ich einigermaßen von der Leber

wegrede. Übrigens hätte ich nicht nötig gehabt, heftig auf andere zu

werden. Das ist immer dumm, und man hat kein Recht, Verhältnisse zu

beschimpfen, weil sie einem nicht behagen. Man kann ja fortgehen, ich

kann ja fortgehen! Aber nein, es behagt mir eben. Meine Lage gefällt

mir. Die Menschen gefallen mir, so wie sie sind. Ich meinesteils suche

auch mit allen Mitteln meinen Mitmenschen zu gefallen. Ich bin fleißig

und arbeitsam, wenn ich einen Auftrag zu erfüllen habe, aber meine Lust

an der Welt opfere ich niemandem zu Gefallen, höchstens würde ich sie

dem heiligen Vaterlande hinopfern, wozu bis jetzt die Gelegenheit noch

immer ausgeblieben ist und wohl auch ausbleiben wird. Mögen sie immerzu

Karriere machen, ich begreife sie, sie wollen bequem leben, sie wollen

sorgen, daß ihre Kinder auch etwas haben, sie sind vorsehende Väter,

deren Tun nur achtenswert ist, mich mögen sie eben auch machen lassen,

sie mögen mich auf meine Weise dem Leben seinen Reiz abzureißen

versuchen lassen, das versuchen alle, alle, nur nicht alle auf die

gleiche Art. Es ist ja so wundervoll, reif genug zu sein, um alle machen

zu lassen in ihrer Art, so wie es jeder versteht. Nein, wenn einer

dreißig Jahre lang sein Amt treu verwaltet hat, ist er am Ende seiner

Lebensbahn durchaus kein Narr gewesen, wie ich vorhin in der Heftigkeit

sagte, sondern ein Ehrenmann, der verdient, daß man ihm Kränze aufs Grab

legt. Sehen Sie, ich will keine Kränze auf mein Grab bekommen, das ist

der ganze Unterschied. Mein Ende ist mir gleichgültig. Sie sagen mir

immer, jene andern, ich werde meinen Übermut noch schwer büßen müssen.

Nun wohl, dann büße ich und erfahre dann doch, was büßen heißt. Ich

erfahre gern alles und deshalb fürchte ich nicht so viel, wie die, die

um eine glatte Zukunft besorgt sind. Ich habe immer Angst, es möchte mir

eine einzige Lebenserfahrung entgehen. Darauf bin ich ehrgeizig wie zehn

Napoleone. Doch jetzt bin ich hungrig, ich möchte essen gehen, kommen

Sie mit? Es würde mich freuen.«

Und sie gingen zusammen.

Nach dem etwas wilden Gerede war Simon plötzlich weich und sanft

geworden. Er sah mit entzückten Augen die schöne Welt an, die runden,

üppigen Kronen der hohen Bäume und die Straßen, wo die Menschen gingen.

»Die lieben, geheimnisvollen Menschen!« dachte er bei sich und

gestattete es, daß sein neuer Freund ihm die Schulter mit der Hand

berührte. Er sah es gerne, daß der andere so vertraulich wurde, es

paßte, es verband und löste auf. Er sah alles mit lachenden, glücklichen

Augen an, wobei er wieder dachte: »Wie sind doch Augen schön!« Ein Kind

hatte zu ihm den Blick erhoben. Mit so einem Kameraden zu gehen, wie der

Krankenwärter war, erschien ihm als etwas ganz Neues, noch nie Erlebtes,

als etwas jedenfalls Angenehmes. Auf dem Wege kaufte derselbe bei einem

Gemüsehändler ein Gericht frischer Bohnen und in einer Metzgerei Speck

und lud Simon zu sich zum Mittagessen ein. Gerne wurde das Angebot

angenommen.

»Ich koche immer selbst,« sagte der Krankenwärter, als sie beide in

dessen Wohnung anlangten, »ich habe mir das angewöhnt. Es macht Spaß,

glauben Sie es mir nur. Passen Sie auf, wie vortrefflich Ihnen die

Bohnen mit dem schönen Speck schmecken werden. Ich stricke mir zum

Beispiel auch selber meine Strümpfe und wasche meine Wäsche selber. So

erspart man viel Geld. Ich habe das alles gelernt, und warum sollten

sich solche Arbeiten nicht auch ausnahmsweise einmal für einen Mann

schicken, wenn er ausgesprochenen Sinn dafür hat. Ich sehe nicht ein,

was in einer solchen Beschäftigung Beschämendes liegen sollte. Ich

fertige mir auch selber Hausschuhe, wie diese hier sind, an. Einige

Aufmerksamkeit erfordert schon solch eine Arbeit. Pulswärmer für den

Winter zu stricken oder Westen zu machen, bietet mir keine besonderen

Schwierigkeiten. Wenn man immer so allein ist, und auf Reisen, wie ich,

kommt man auf wunderliche Sachen. Machen Sie es sich, oder, mach es dir

bequem, Simon! Sollte ich mir nicht gestatten dürfen, dir das »Du«

anzutragen?« --

»Warum nicht? Gern!« Und Simon errötete auf ihm ganz unbegreifliche

Weise.

»Ich habe dich sehr lieb vom ersten Augenblick an gewonnen,« sprach der

Wärter, der sich Heinrich nannte, weiter, »man braucht dich nur

anzusehen, um überzeugt zu sein, daß du ein lieber Kerl bist. Ich hätte

Lust, dich zu küssen, Simon.« --

Simon wurde es schwül in dem Zimmer. Er stand vom Stuhle auf. Er ahnte,

was es für einer sei, der ihn so merkwürdig zärtlich ansah. Aber was

schadete das. »Ich will es gehen lassen,« dachte er. »Ich mag dem

Heinrich, der sonst nett ist, deswegen nicht grob kommen!« Und er gab

seinen Mund her und ließ sich darauf küssen.

Was war es denn weiter!

Übrigens fand er es hübsch und dem Zustand von Weichheit, in dem er sich

befand, angemessen, sich so zärtlich behandeln zu lassen. Wenn es auch

diesmal nur ein Mann war! Er fühlte deutlich, daß dessen seltsame

Neigung zu ihm der schonenden und vorläufig dahin gehen lassenden

Rücksicht bedurfte, und er hätte es nie vermocht, die Hoffnungen des

Mannes zu zerstören, wenn es nun einmal auch unwürdige Hoffnungen waren.

Mußte er denn deswegen empört tun? »Keine Rede,« dachte sich Simon, »ich

lasse ihn einstweilen gewähren, es paßt zu allem, was jetzt um mich

herum vorgeht!«

Den Abend verbrachten beide mit einer Wanderung von Kneipe zu Kneipe;

denn der Wärter war ein ziemlich leidenschaftlicher Trinker, weil er mit

seiner freien Zeit nicht viel anderes anzufangen wußte. Simon fand es

für passend, in jeder Beziehung mitzumachen. Er lernte dort in den

kleinen, dumpfigen Wirtschaften Menschen kennen, die mit unglaublicher

Ausdauer Karten spielten. Das Kartenspiel schien solchen eine ganz

eigene Welt zu sein, in der sie sich nicht gern stören ließen. Andere

saßen den ganzen Abend da und klemmten einen spitzen, langen

Zigarrenstengel zwischen den Zähnen herum, ohne sich weiter bemerkbar zu

machen, als etwa dadurch, daß sie den Zigarrenrest, wenn er zu kurz

geworden war, um zwischen den Lippen noch weiter gepreßt zu werden, an

die Spitze ihres Sackmessers steckten, um ihn bis zu der kleinsten Kürze

herunterrauchen zu können. Eine abgemagerte, wüste Klavierspielerin

erzählte ihm, daß ihre Schwester eine schlechte Schwester aber eine

berühmte Konzertsängerin sei, mit der sie längst aufgehört habe,

familiär zu verkehren. Simon fand es begreiflich, aber er benahm sich

zart und sagte ihr nicht, daß er es begreiflich fände. Er hielt die

Person mehr für unglücklich als verdorben, und das Unglück ehrte er

immer, während er die Verdorbenheit für die Folge des Unglückes hielt,

das wenigstens Anstand erforderte. Er sah dicke, kleine, furchtbar

lebhafte Wirtinnen, die sich den Gästen unter allerhand Zutraulichkeiten

nahten, während ihre Männer auf Sofas und in Lehnstühlen schliefen. Oft

wurde ein gutes, altes Volkslied gesungen, von einem, der im Singen

solcher alter Lieder, was die Tonart und den Wechsel der Stimme betraf,

Meister war. Diese Lieder klangen schön und wehmütig, man spürte

unwillkürlich, wie manche rauhe und helle Kehle sie schon, einstmals und

viel früher, gesungen haben mußte. Einer riß beständig Witze, es war ein

kleiner, junger Mensch in einem alten, großen, breiten, hohen, tiefen

Hut, den er irgendwo beim Trödler erstanden haben mußte. Sein Mund war

schmierig und seine Witze nicht minder, aber sie zwangen zum Lachen, ob

man wollte oder nicht. Einer sagte ihm: »Ich bewundere Ihren Witz, Sie!«

Aber der Witzige lehnte die dumme Bewunderung mit gut gespielter

Verwunderung ab, und das war ein wirklicher Witz, der jeden Gebildeten

hätte freuen können. Der Wärter erzählte allen Menschen, die neben ihn

zu sitzen kamen, er sei im Grunde genommen zu schlecht und wieder, wenn

er es recht bedenke, zu gut für seine Heimat. Simon dachte: »Wie dumm!«

Aber von Neapel stattete der Krankenpfleger weit hübscheren Bericht ab,

so sagte er zum Beispiel, daß dort in den Museen wundervolle Überreste

von antiken Menschen zu sehen seien, und man könne daran sehen, daß die

früheren Menschen uns an Größe, Breite und Dicke weit übertroffen

hätten. Arme hätten diese Menschen gehabt wie wir Beine etwa! Das müsse

ein Geschlecht von Weibern und Männern gewesen sein, das! Was wir

dagegen seien? Einfach eine heruntergekommene, verkrüppelte,

verkümmerte, zugespitzte, in die Länge und Dünne gesprungene und

zerrissene und zerfetzte und abgemagerte Generation. Auch den Golf von

Neapel wußte er in anmutigen Worten zu schildern. Viele hörten ihm

aufmerksam zu, aber viele schliefen und weil sie schliefen, konnten sie

nichts hören.

Simon kam sehr spät nach Hause, fand die Haustüre verschlossen, hatte

aber keinen Schlüssel bei sich und klingelte an der Hausglocke ziemlich

unverschämt; denn er war in einem Zustand, in welchem man stets

rücksichtslos zu sein pflegt. Ein Fenster öffnete sich sogleich auf den

heftigen Schall, den die Glocke verursachte, und eine weiße Gestalt,

ohne Zweifel die Frau in ihrer Nachtjacke, warf den in dickes Papier

gewickelten Schlüssel hinunter.

Am nächsten Morgen lächelte sie ihm, statt erzürnt über ihn zu sein, in

der freundlichsten Weise »Guten Morgen« entgegen, und erwähnte mit

keinem Wort die Störung in der Nacht. Simon fand es deshalb auch nicht

am Platz, ein Wort darüber zu sagen und entschuldigte sich, halb aus

Zartheit und halb aus Bequemlichkeit, nicht.

Er ging weg und suchte den Wärter auf. Der Montagmorgen war wiederum

prachtvoll. Die Menschen waren alle an ihrer Arbeit, die Gassen waren

infolgedessen leer und hell, er trat in das Zimmer, wo der Wärter noch

schläfrig im Bette lag. Simon bemerkte an den Wänden des Zimmers heute,

was er gestern nicht beobachtet hatte, eine Menge ziemlich süßlicher,

christlicher Wanddekorationen: Engelchen mit rötlichen Köpfchen aus

Papier geschnitten und Tafeln mit Sprüchen, die in geheimnisvolle,

trockene Blumen gerahmt waren. Er las sämtliche Sprüche, es waren tiefe

darunter, die zum Nachdenken reizten, Sprüche, die vielleicht älter

waren als acht alte Menschen miteinander, aber auch glättliche, neue

Sprüche, die sich so lasen, als ob sie zu Tausenden in einer Fabrik

fabriziert worden wären. Er dachte: »Wie seltsam ist das! Überall, in

vielen einzelnen Zimmern und Zimmerchen, wohin man auch kommen mag, und

was man auch gerade verüben mag, sieht man solche Stücke alter

Religionen an Wänden hängen, die teils viel sagen, und teils wieder

weniger, teils auch gar nichts mehr. Was glaubt der Wärter? Sicher

nichts! Vielleicht ist die Religion bei vielen, heutigen Menschen nur

noch so halbe, oberflächliche und unbewußte Geschmackssache, eine Art

Interesse und Gewohnheit, wenigstens bei den Männern. Vielleicht hat

eine Schwester des Wärters dieses Zimmer auf diese Weise ausgeschmückt.

Ich glaube es; denn die Mädchen haben innigeren Grund zur Frömmigkeit

und zum religiösen Nachsinnen als die Männer, deren Leben immer mit der

Religion gestritten hat, von jeher, wenn es nicht gerade Mönche waren.

Aber ein protestantischer Pfarrer in schneeweißen Haaren, mit mildem,

geduldigem Lächeln und edlem Gang, wenn er durch einsame Waldlichtungen

schreitet, ist und bleibt etwas Schönes. In der Stadt ist die Religion

weniger schön als auf dem Land, wo Bauern leben, deren Lebensart schon

an und für sich etwas Tiefreligiöses hat. In der Stadt gleicht die

Religion einer Maschine, was etwas Unschönes ist, auf dem Lande dagegen

empfindet man den Gottesglauben als dasselbe wie ein blühendes Kornfeld,

oder wie eine ausgedehnte, üppige Wiese, oder wie das entzückende

Anschwellen leicht gebogener Hügel, auf deren Höhe ein verstecktes Haus

steht, mit stillen Menschen, denen das Nachsinnen wie ein Freund ist.

Ich weiß nicht, mir kommt vor, als ob in der Stadt der Pfarrer zu dicht

neben dem Börsenspekulanten und dem glaubenslosen Künstler wohne. Es

mangelt in der Stadt dem Gottesglauben an der gehörigen Entfernung. Die

Religion hat hier zu wenig Himmel und zu wenig Geruch von Erde. Ich kann

es nicht so gut sagen, und was kümmert es mich überhaupt. Religion ist

nach meiner Erfahrung Liebe zum Leben, inniges Hangen an der Erde,

Freude am Moment, Vertrauen in die Schönheit, Glauben an die Menschen,

Sorglosigkeit beim Gelage mit Freunden, Lust zum Sinnen und das Gefühl

der Verantwortungslosigkeit in Unglücksfällen, Lächeln beim Tode und Mut

in jeder Art Unternehmungen, die das Leben bietet. Zuletzt ist tiefer,

menschlicher Anstand unsere Religion geworden. Wenn die Menschen

voreinander den Anstand bewahren, bewahren sie ihn auch vor Gott. Was

will Gott mehr wollen? Das Herz und die feinere Empfindung können

zusammen einen Anstand hervorbringen, der Gott wohlgefälliger sein

dürfte, als finsterer, fanatischer Glaube, der den Himmlischen selbst

beirren muß, so daß er am Ende noch wünschen wird, keine Gebete mehr zu

seinen Wolken hinaufdonnern zu hören. Was kann ihm unser Gebet sein,

wenn es derart anmaßlich und plump zu ihm hinaufdringt, als ob er

schwerhörig wäre? Muß man ihn sich nicht mit den allerfeinsten Ohren

vorstellen, wenn man ihn überhaupt denken kann? Ob ihm die Predigten und

die Orgeltöne recht angenehm sind, ihm, dem Unaussprechlichen? Nun, er

wird eben lächeln zu unsern immer noch so finsteren Bemühungen und er

wird hoffen, daß es uns eines Tages einfällt, ihn ein wenig mehr in Ruhe

zu lassen.«

»Sie sind ja so nachdenklich, Simon,« sagte der Wärter.

»Gehen wir?« fragte Simon.

Der Krankenwärter war fertig geworden, und beide gingen zusammen die

steilen Wege den Berg hinauf. Die Sonne schien glühend heiß. Sie traten

in einen kleinen, üppig verwachsenen Biergarten hinein und ließen sich

einen Frühschoppen reichen. Als sie indessen gehen wollten, ermunterte

sie die Wirtin, eine hübsche Frau, zum Dableiben, und sie blieben, bis

es Abend wurde. »So vertrinkt man, ehe man es denkt, den hellen

Sommertag,« dachte Simon mit einem Gefühl, das mit taumelnder Lust und

mit einem sanften, schönen, melodiösen Weh gemischt war. Die Farben des

Abends im Grün machten ihn trunken. Sein Freund schaute ihm tief und

verlangend in die Augen und schlang den Arm um seinen Hals. »Eigentlich

ist das häßlich,« dachte Simon. Auf dem Wege wurden alle Weiber und

Mädchen in der auffallendsten Weise von den beiden angesprochen. Die

Arbeiter kamen von der Arbeit heim, Menschen, die noch rüstig gingen,

die Schultern seltsam wiegten, als atmeten sie jetzt befreit auf. Simon

entdeckte prachtvolle Gestalten unter ihnen. Als sie in den heißen, aber

schon dunkel gefärbten Wald kamen, der den Berg krönte, sank unten in

der fernen Welt die Sonne unter. Sie lagerten sich in grüne Blätter und

Gesträuch hinein und schwiegen und atmeten nur so. Dann kam, was Simon

jetzt erwartete, die Annäherung seines Kameraden, die ihn aber durchaus

erkältete.

»Es hat keinen Sinn,« sagte er, »hören Sie auf oder so: höre doch auf.«

Der Wärter ließ sich beschwichtigen, aber er war unmutig geworden, Leute

kamen vorbei, sie mußten aufstehen und den Platz verlassen. Simon

dachte: »Warum verbringe ich den Tag mit einem solchen Menschen?« Aber

er gestand sich gleich darauf, daß er eine gewisse Freude an ihm habe,

trotz seiner seltsamen, unschönen Neigungen. »Ein anderer würde den

Wärter verachten,« dachte er weiter, indem sie den Rückweg einschlugen,

»aber ich bin so einer, der einen jeden Menschen in seiner Art und Unart

interessant und liebenswert findet. Ich komme nicht bis zur

Menschenverachtung, oder ich verachte eigentlich nur die Feigheit und

Leblosigkeit, aber ich finde an der Verdorbenheit sehr leicht etwas

Interessantes. Und in der Tat, sie klärt über vieles auf, läßt tiefer in

die Welt blicken und macht einen erfahrener und macht milder und

treffender urteilen. Man muß mit allem bekannt werden, und man lernt es

nur kennen, wenn man es tapfer berührt. Irgend jemandem ausweichen, aus

Furcht, das würde ich meiner für unwürdig halten. Überdies: einen Freund

haben, ist unschätzbar! Was schadet es, wenn es ein etwas merkwürdiger

Freund ist.« --

Simon fragte:

»Bist du mir böse, Heinrich?«

Der aber sprach nichts mehr. Sein Gesicht hatte einen finsteren Ausdruck

angenommen. Wieder langten sie an dem Biergarten an, der jetzt in seinen

zierlichen Umrissen dunkel war. Farbige, schimmernde Lampions

erleuchteten das dunkle Grün an einigen Stellen, Geräusch und Gelächter

drang heraus, und die beiden, angelockt von dem lustigen, feurigen

Leben, gingen wieder hinein, wo sie von der Wirtin freundschaftlich

begrüßt wurden.

Der rote, dunkle Wein funkelte in den hellen Gläsern, die Lichtschimmer

vermengten sich mit den erhitzten Gesichtern, die Blätter von dem

Gebüsch berührten die Kleider der Frauen, es schien so selbstverständlich,

daß man die heiße Sommernacht in einem lispelnden Garten

mit Trinken, Singen und Lachen verbrachte. Aus dem tief gelegenen

Bahnhof drang das Gelärm der Eisenbahnen herauf an die Ohren der

Schwärmenden. Ein reicher, langer, rotbäckiger Weinhändlerssohn machte

sich mit Simon in einem kühnen, philosophierenden Gespräch zu schaffen.

Der Wärter widersprach in allem, weil er unmutig und ärgerlich war. Die

Kellnerin, ein schlankes, brünettes Mädchen, setzte sich zu Simon und

ließ es sich gefallen, daß er sie eng an sich heranzog, um sie zu

küssen. Sie ertrug den Kuß gern, mit stolzen, geschwungenen Lippen, die

wie dazu geschaffen schienen, Wein zu schlürfen, zu lachen und zu

küssen. Der Wärter wurde noch böser und wollte aufbrechen, woran man ihn

aber verhindern konnte. Da sang einer, ein junger, braungefärbter,

dunkler Bursche mit grünem Jägerhut ein Lied, während sein Mädchen, das

sich, an seine Brust angeschmiegt, eng an ihn lehnte, in leisen,

glücklichen Tönen mitsang. Das klang so berauschend, dunkel und südlich.

Simon dachte: »Lieder sind doch immer wehmütig, wenigstens die schönen.

Sie mahnen ans Aufbrechen!« Aber er blieb noch lange in dem nächtlichen

Garten.

Sechzehntes Kapitel.

Geschwister Tanner · 第 17 / 22 段