Simon fuhr fort: »Nein, in der Familie kann es nicht liegen. Ich leugne

das, solange ich lebe. Es ist einfach das Unglück. Die Weiber können es

nicht sein. Da haben Sie recht, wenn Sie sagen, die Weiber seien es

nicht. Müssen daran die armen Weiber immer schuld sein, wenn die Männer

ins Unglück geraten? Warum denken wir darüber nicht etwas einfacher?

Kann es nicht im Charakter, in einem Stäubchen der Seele liegen? So und

immer so: und deshalb so? Schauen Sie, bitte, was ich jetzt für eine Art

von Handbewegung mache: So, so! Darin liegt es. Der Mensch fühlt so, und

dann handelt er so, und alsdann stößt er an mancherlei Mauern und

Unebenheiten so an. Die Menschen denken immer gleich an grausige

Vererbung und so weiter. Mir erscheint das lächerlich. Und welche

Feigheit und welche Unehrerbietung, den Eltern und Voreltern an seinem

Unglück Schuld geben zu wollen. Mangel an Anstand und Mut und noch

etwas: unziemliche Weichherzigkeit ist das! Wenn das Unglück über einen

herbricht, so bringt man eben die erforderliche Manier mit, die es dem

Schicksal bequem macht, daraus ein Unglück zu formen. Wissen Sie, was

mein Bruder mir war, mir und Kaspar, dem andern Bruder, uns Jüngeren?

Gelehrt hat er uns auf gemeinschaftlichen Spaziergängen Schönes und

Hohes zu empfinden, zu einer Zeit, da wir noch die wüstesten Schlingel

waren, die nur auf schlechte Streiche ausgingen. Aus seinen Augen

tranken wir das Feuer der Begeisterung für die Kunst. Können Sie sich

denken, was für eine herrliche, verständnissuchende, streberische, im

schönsten und kühnsten Sinn streberische Zeit das war? Wir wollen noch

eine Flasche Wein trinken, ich will sie bezahlen, ja, ich, obschon ich

ein lumpiger Stellenloser bin. Heda! Herr Wirt, ein Flasche Wadtländer.

Und zwar vom besten, den Sie haben. -- Ich bin ein ganz mitleidloser

Mensch. Meinen armen Bruder Emil habe ich schon längst vergessen. Ich

komme auch gar nicht dazu, an ihn zu denken, denn sehen Sie, ich bin

einer, der so in der Welt steht, daß er sich mit Händen und Füßen wehren

muß, um aufrecht zu stehen. Umfallen mag ich nur dann, wenn ich nicht

mehr den Gedanken ans Aufstehen habe. Ja, dann habe ich vielleicht Zeit,

an die Unglücklichen zu denken, und Mitleid zu haben, wenn ich selber

des Mitleids würdig geworden bin. Noch bin ich es aber nicht, und ich

gedenke noch zu lachen und Scherz zu treiben angesichts meines Todes.

Sie sehen in mir einen ziemlich unverwüstlichen Menschen, der allerhand

Mißgeschick zu ertragen versteht. Das Leben, es braucht mir gar nicht so

sehr zu glänzen, so glänzt es doch schon in meinen Augen. Es ist mir

meistens schön und ich verstehe die Menschen nicht, die es unschön

nennen und es damit beschimpfen. Jetzt kommt der Wein. Ich komme mir

immer ganz vornehm vor, wenn ich Wein trinke. Mein armer Bruder lebt

noch! Ich danke Ihnen, mein Herr, daß Sie mein Gedächtnis heute auf

einen Unglücklichen gestoßen haben. Und nun: ganz ohne jede

Weichherzigkeit: stoßen Sie an, meine Herren: Es lebe das Unglück! --«

»Warum, wenn ich fragen darf?«

»Sie übertreiben!«

»Das Unglück bildet, deshalb bitte ich Sie, es mit diesem funkelnden

Glase Wein hochleben zu lassen. Noch einmal! So. Ich danke Ihnen. Lassen

Sie mich Ihnen sagen, daß ich ein Freund des Unglücks bin, und zwar ein

sehr inniger Freund, denn es verdient die Gefühle der Vertrautheit und

Freundschaft. Es macht uns besser, und das ist ein großer Dienst, den es

uns da erweist. Es ist ein echter Freundschaftsdienst, der erwidert

werden muß, will man anständig heißen. Das Unglück ist der etwas

mürrische, aber desto ehrlichere Freund unseres Lebens. Es wäre ziemlich

frech und ehrlos von uns, das zu übersehen. Im ersten Augenblick

verstehen wir das Unglück nie, deshalb hassen wir es im Moment seines

Kommens. Es ist ein so feiner, leiser, unangemeldeter Geselle, der uns

immer überrascht, wie wenn wir nur Tölpel wären, die man immer

überraschen kann. Wer das Talent hat, zu überraschen, der muß schon, was

er auch sei und woher er auch komme, etwas ganz außerordentlich Feines

sein. Nichts von sich ahnen lassen, und auf einmal da sein, nicht den

leisesten neugierigen, vorauseilenden Geschmack und Duft an sich haben,

und dann einem so plötzlich vertraulich auf die Achsel klopfen, »Du« zu

einem sagen und dazu lächeln und einem in ein blasses, mildes,

alleswissendes, schönes Gesicht blicken lassen: dazu gehört mehr als

Brotessen, dazu gehören andere Apparate als nur Flugapparate, mit deren

halber Erfindung wir Menschen schon zum voraus in großtönenden,

schicksalumwerfenden Worten prahlen. Ja, das Schicksal, das Unglück ist

schön. Es ist gut; denn es enthält auch das Glück, sein Gegenteil. Es

erscheint mit beiderlei Waffen bewaffnet. Es hat eine zornige und

vernichtende, aber auch eine sanfte und liebliche Stimme. Es weckt neues

Leben, wenn es altes erschlagen hat, das ihm nicht gefallen hat. Es

reizt zum Besser-Leben. Alle Schönheit, wenn wir noch hoffen, Schönes zu

erleben, verdanken wir ihm. Es läßt uns Schönheiten überdrüssig werden

und zeigt uns mit seinen ausgestreckten Fingern neue! Ist eine

unglückliche Liebe nicht die gefühlvollste und deshalb zarteste, feinste

und schönste? Tönt nicht noch das Verlassensein in weichen,

schmeichelnden und wohltuenden Tönen? Ist das alles neu, was ich Ihnen

da sage, meine Herren? Freilich ist es neu, wenn man es sagt; denn es

sagt es selten einer. Den meisten mangelt der Mut, das Unglück zu

begrüßen, als etwas, worin man die Seele baden kann, wie Glieder im

Wasser. Man sehe sich doch nur einmal an, wenn man sich nackt ausgezogen

hat und jetzt nackt dasteht: Welch eine Pracht: ein nackter, gesunder

Mensch! Welch ein Glück: das mit nichts mehr bekleidet-Sein, das

nackt-Dastehn! Ein Glück ist es schon, auf die Welt zu kommen, und kein

weiteres Glück zu haben, als gesund zu sein, ist ein Glück, das die

edelsten Steine, alle schönen Teppiche und Blumen, die Paläste und die

Wunder überglitzert und überstrahlt. Das Wundervollste ist die

Gesundheit, es ist ein Glück, zu dem kein weiteres, ähnliches

hinzugefügt werden kann, es sei denn, daß der Mensch im Laufe der Zeiten

roh genug geworden ist, um zu wünschen, daß er doch nur krank sein

möchte und dafür einen Geldbeutel voll Geld besitzen. Zu dieser Fülle

von Pracht und Glück, wenn man wirklich geneigt ist, das nackte,

straffe, bewegliche, warme, mit auf das Erdenleben gekommene Glied als

eine solche Fülle zu betrachten, muß eine Art Gegengewicht treten: das

Unglück! Es kann uns hindern überzuschäumen, es schenkt uns die Seele.

Es bildet unsere Ohren dafür aus, den schönen Klang zu vernehmen, der

tönt, wenn Seele und Körper, ineinandervermischt, ineinanderübergetreten,

zusammen atmen. Es macht aus unserem Körper etwas Körperlich-Seelenvolles

und die Seele bringt es zu einem festen Dasein mitten in

uns, daß wir, wenn wir wollen, unseren ganzen Körper als

eine Seele empfinden, das Bein als eine springende, den Arm als eine

tragende, das Ohr als eine horchende, die Füße als eine edel gehende,

das Auge als die sehende und den Mund als die küssende Seele. Es macht

uns erst lieben, denn wo liebte man, mit nicht auch ein wenig Unglück?

In den Träumen ist es noch schöner als in der Wirklichkeit, denn wenn

wir träumen, verstehn wir auf einmal die Wollust und entzückende Güte

des Unglücks. Sonst ist es uns meist hinderlich, namentlich, wenn es in

Form eines Geldverlustes zu uns kommt. Aber kann das ein Unglück sein?

Wenn wir auch einen Kassenschein verlieren, was verlieren wir? Recht

unangenehm freilich ist das, aber es ist kein Grund zu längerer

Trostlosigkeit, als es braucht, um einzusehen, daß es kein wirkliches

Unglück ist. Und so weiter! Man könnte viel reden darüber. Zuletzt wird

man es doch müde. --«

»Sie sprechen wie ein Dichter, mein Herr,« bemerkte lächelnd einer der

Männer.

»Das kann sein. Der Wein macht mich immer dichterisch reden,« entgegnete

Simon, »so wenig ich sonst Dichter bin. Ich pflege mir Vorschriften zu

machen und bin im allgemeinen wenig geneigt, mich von Phantasieen und

Idealen hinreißen zu lassen, da ich das für äußerst unklug und für

anmaßend halte. Glauben Sie mir nur, ich kann ein sehr trockener Mensch

sein. Es ist auch keineswegs statthaft, jeden Menschen, den man einmal

von Schönheit reden hört, gleich für einen schwärmenden Dichter zu

halten, wie Sie es zu tun scheinen; denn ich denke, daß es sogar einmal

einem sonst ganz kalt überlegenden Pfandleihhändler oder Bankkassier

einfallen kann, über anderes nachzudenken, als über Sachen seines

geldzusammenkratzenden Berufes. Man nimmt in der Regel zu wenig

gefühlsinnige und der Nachdenklichkeit fähige Menschen an, weil man sie

nicht anders beobachten gelernt hat. Ich mache es mir zur Aufgabe, mit

einem jeden Menschen ein kühnes, herzliches Gespräch zu führen, damit

ich am schnellsten sehe, mit wem ich es zu tun habe. Man blamiert sich

mit einer solchen Lebensregel des öftern, und manchmal kriegt man dafür

sogar, beispielsweise von einer zarten Dame, eine Ohrfeige, aber was

schadet das! Mir macht es Vergnügen, mich bloßzustellen, und ich darf

immer überzeugt sein, daß die Achtung von solchen, bei denen man sich

mit dem ersten freien Wort etwas vergibt, nicht gar so sehr viel wert

ist, als daß man deshalb Ursache zum Betrübtsein hätte. Menschenachtung

muß immer leiden unter der Menschenliebe. Das wollte ich Ihnen auf Ihre

etwas spöttische Bemerkung sagen, womit Sie mich zu treffen meinten.«

»Ich wollte Sie keineswegs verletzen.«

»So war es hübsch von Ihnen,« sagte Simon und lachte dazu. Dann sagte er

plötzlich nach einigem Stillschweigen: »Was übrigens Ihre Erzählung von

meinem Bruder betrifft, so hat diese mich allerdings getroffen. Er lebt

noch, mein Bruder, und kaum ein Mensch denkt jetzt an ihn; denn wer sich

wegstiehlt, namentlich an einen so düsteren Ort, wie er, der wird

gestrichen aus den Gedächtnissen. Armer Kerl! Sehen Sie, ich könnte

sagen, daß es nur einer kleinen Änderung in seinem Herzen, vielleicht

eines Pünktchens mehr in seiner Seele bedurft hätte, um ihn zum

schaffenden Künstler zu machen, dessen Werke die Menschen entzückt

hätten. So wenig braucht es, um stark zu werden, und so wenig wiederum,

um sein Unglück zu vollenden. Was will man reden. Er ist krank und steht

auf der Seite, wo keine Sonne mehr ist. Ich werde jetzt mehr an ihn

denken, denn sein Unglück ist doch ein zu grausames. Es ist ein Elend,

das zehn Verbrecher nicht einmal verdienen, geschweige denn er, der

solch ein Herz hatte. Ja, das Unglück ist manchmal nicht schön, jetzt

bekenne ich es gerne. Sie müssen wissen, mein Herr, ich bin trotzig und

behaupte gern etwas wild in die Welt hinein, was gar keine Art hat. Mein

Herz ist zuweilen ganz hart, besonders hart ist es, wenn ich andere

Menschen voll Mitleid sehe. Da möchte ich immer so hineinwettern,

hineinlachen in das warme Mitleid. Sehr schlecht von mir, sehr, sehr

schlecht! Ich bin überhaupt noch lange kein guter Mensch, aber ich hoffe

es noch zu werden. Es hat mich sehr gefreut, mit Ihnen haben reden zu

dürfen. Das Zufällige ist immer das Wertvollste. Ich scheine etwas viel

getrunken zu haben, und es ist hier so heiß im Lokale, mich verlangt

hinaus. Leben Sie wohl, meine Herren. Nein! Nicht auf Wiedersehen.

Durchaus nicht. Das habe ich nicht im Sinne. Mich verlangt durchaus

nicht darnach. Viele Menschen habe ich noch kennen zu lernen, da darf

ich nicht so frivol sagen: auf Wiedersehen. Das hieße nur lügen; denn

ich begehre Sie nicht wiederzusehen, außer zufällig, und dann wird es

mir eine Freude sein, wenn auch eine maßvolle. Ich mache nicht gern

Umstände, und bin gern wahr, und das zeichnet mich vielleicht aus. Ich

hoffe, daß es mich auch in Ihren Augen auszeichnet, wiewohl Sie mich

jetzt ziemlich erstaunt und dumm ansehen, als wären Sie beleidigt. Gut,

seien Sie es. Zum Teufel noch einmal, womit habe ich Sie beleidigt.

Sie?«

Der Wirt trat herzu und mahnte Simon zur Ruhe:

»Gehen Sie lieber, es ist Zeit mit Ihnen.«

Und er ließ sich sanft in die dunkle Gasse hinausbefördern.

Es war eine tiefe, schwarze, schwüle Nacht. Es war, als schleiche sie

als etwas Schleichendes die Wände entlang. Bisweilen stand ein hohes

Haus ganz dunkel da, und dann war wieder eines, das gelblich und

weißlich leuchtete, als besäße es den besonderen Zauber, in einer so

dunklen Nacht zu leuchten. Die Mauern der Häuser rochen so seltsam. Es

war etwas Feuchtes und Dumpfiges, das ihnen entströmte. Einzelne Lichter

erhellten zuweilen einen Fleck der Gasse. Oben ragten die kühnen Dächer

über die glatte, hohe Wand der Häuser hinaus. Die ganze weite Nacht

schien sich in dieses kleine Gassengewirr gelegt zu haben, um hier zu

schlafen, oder um hier zu träumen. Es gingen noch einzelne späte

Menschen umher. Hier taumelte einer und sang dabei, ein anderer fluchte,

daß es den Himmel zerreißen mochte, ein dritter lag schon am Boden,

während der Tschako eines Polizisten hinter einer Hausecke

hervorblitzte. Wenn man schritt, tönten einem die Schritte unter den

Füßen. Simon begegnete einem alten, betrunkenen Mann, der in der ganzen

Breite der Gasse hin und her schwankte. Es war ein elendes und zugleich

fröhliches Bild: wie die dunkle, plumpe Gestalt so hin und her

geschleudert wurde, als bekäme sie Stöße von einer geschmeidigen,

unsichtbaren Hand. Da ließ der alte, weißbärtige Mann seinen Stock

fallen, wollte denselben vom Boden wieder aufheben, was ja für den

Betrunkenen eine schreckliche Aufgabe sein mußte, und schien

infolgedessen selber zu Boden stürzen zu wollen. Aber Simon, von einem

lächelnden Erbarmen ergriffen, eilte auf den Mann und auf den Stock zu,

hob diesen auf und drückte ihn dem Mann in die Hand, der einen Dank in

der merkwürdigen Sprache der Betrunkenen murmelte, in einem Ton, als

hätte er Grund, noch beleidigt zu sein. Dieser Anblick wirkte sofort

ernüchternd auf Simon, und er bog aus dem alten Stadtviertel ab in die

neuere, elegantere Gegend. Als er über eine Brücke, die beide Stadtteile

voneinander trennte, hinüberging, sog er den seltsamen Duft des

fließenden Flußwassers ein. Er schritt die Straße hinunter, in der er

vor drei Wochen von jener Dame vor dem Schaufenster angesprochen wurde,

sah in dem Haus seiner früheren Herrin noch Licht brennen, dachte daran,

daß sie noch gestern seine Herrin gewesen war, schritt weiter unter den

Bäumen, bis er zu dem breit und dunkel liegenden See kam, der zu

schlafen schien in seiner ganzen, herrlichen Ausdehnung. Ein solcher

Schlaf! Wenn so ein ganzer See schlief mit all seinen Abgründen, das

machte Eindruck. Ja, das war doch etwas Seltsames, kaum zu Verstehendes.

Simon schaute noch eine Zeitlang hinaus, bis er Sehnsucht bekam, selber

zu schlafen. O, er würde jetzt herrlich schlafen. So ruhig würde es über

ihn kommen, und morgen würde er lang im Bett bleiben, morgen war ja

Sonntag. Simon ging heim.

Fünfzehntes Kapitel.

Am nächsten Morgen erwachte er erst, als die Glocken klangen. Er

bemerkte von seinem Bette aus, daß ein herrlicher, blauer Tag draußen

sein mußte. In den Fensterscheiben blitzte so ein Licht, das auf einen

wunderbaren Morgenhimmel hoch über der Gasse schließen ließ. Etwas

Hellgoldenes ließ sich ahnen, wenn man die gegenüberliegende Hausmauer

länger ansah. Man mußte bedenken, wie schwarz und düster diese fleckige

Wand bei beflecktem Himmel aussehen mußte. Man sah lange dahin und

stellte sich vor, wie jetzt der See, mit den Segeln darauf, sich

ausnähme, in dem goldenen, blauen Morgenwetter. Gewisse Waldwiesen,

gewisse Aussichten und gewisse Bänke unter den grünen, üppigen Bäumen,

der Wald, die Straßen, die Promenaden, die Wiesen auf dem Rücken des

breiten Berges, vollbesetzt mit Bäumen, die Abhänge und Waldschluchten,

in denen das Grün nur so wucherte, die Quelle und der Waldbach mit den

großen Steinen und dem leise singenden Wasser, wenn man daran saß und

sich davon einschläfern ließ. Das alles war zu sehen, deutlich, wenn

Simon auf die Wand hinüberblickte, die doch nur eine Wand war, aber die

heute das ganze Bild eines seligen Menschensonntages widerspiegelte, nur

weil etwas wie ein Hauch von blauem Himmel darauf auf und ab schwebte.

Dazu klangen ja die Glocken in den bekannten Tönen, und Glocken, ja, die

verstanden es, Bilder aufzuwecken.

Er nahm sich, immer noch im Bett liegend, vor, von jetzt ab fleißiger zu

sein, etwas zu studieren, zum Beispiel eine Sprache, und überhaupt

geregelter zu leben. Wie viel hatte er versäumt! Das Lernen mußte einem

doch viel Freude machen. Es war so schön, sich das vorzustellen, recht

innig und lebhaft, wie das wäre, wenn man emsig lernte und lernte, und

gar nicht aus dem Lernen herauskäme. Er fühlte eine gewisse menschliche

Reife in sich: nun wohl, um so schöner müßte das Lernen werden, wenn mit

der ganzen, bereits erworbenen Reife gelernt würde. Ja, das wollte er

nun tun: lernen, sich Aufgaben stellen, und einen Reiz darin finden,

Lehrer und Schüler in eigener Person zu sein. Zum Beispiel, wie würde es

mit einer fremden, wohlklingenden Sprache sein, etwa mit der

französischen? »Ich würde Wörter lernen und sie meinem Gedächtnisse fest

einprägen. Wie käme mir da meine allezeit lebhafte Einbildungskraft zu

Hilfe. Der Baum: _l'arbre_. Ich würde in meinem ganzen Gefühl den Baum

sehen. Klara käme mir in den Sinn. Ich würde sie in einem weißen,

weitgefalteten Kleid unter einem breiten, schattigen, dunkelgrünen Baum

sehen. So käme mir wieder vieles, beinahe schon ganz vergessenes in den

Sinn. Der Sinn würde stärker und lebhafter im Erfassen. So, wenn man

nichts lernt, stumpft man zusammen. Wie süß ist gerade die Kleinheit,

das Anfängerische! Ich erblicke jetzt einen hohen Reiz darin und

begreife nicht, wie ich so lange, so lange trotzig und träge sein

konnte. O, die ganze Trägheit liegt nur im Trotz des Mehrwissen-wollens

und des vermeintlichen Besser-wissens. Wenn man nur recht weiß, wie

wenig man weiß, kann es noch gut kommen. Ich würde mir bei dem Klang des

fremden Wortes das deutsche inniger denken und mir seinen Sinn weiter

ausbreiten in Gedanken, so würde mir auch die eigene Sprache ein neuer,

reicherer Laut voll ungekannter Bilder werden. _Le jardin_: der Garten.

Hier würde ich an den ländlichen Garten Hedwigs denken, den ich doch

mitgeholfen habe, anzupflanzen, als es Frühling wurde. Hedwig! Alles

würde mir wieder einfallen, blitzschnell, was sie gesagt, getan,

gelitten und gedacht hat, während all der Tage, die ich bei ihr

verbracht habe. Ich habe keine Ursache, so schnell Menschen und Dinge zu

vergessen und meine Schwester erst recht nicht. Damals, als wir den

Garten schon bepflanzt hatten, schneite es nachts wieder, und wir hatten

großen Kummer, es würde uns nichts wachsen in unserem Garten. Für uns

bedeutete das viel; denn wir versprachen uns aus dem Garten recht viel

schönes Gemüse. Wie schön ist es doch, mit einem Menschen den gleichen

Kummer teilen zu können. Wie müßte es erst sein, wenn man die Schmerzen

und das Ringen eines ganzen Volkes mitlitte und mitkämpfte. Ja, das

alles würde mir einfallen beim Lernen einer Sprache, und noch so viel

mehr, so vieles, das ich mir jetzt noch gar nicht ausdenken kann. Nur

lernen, nur lernen, gleichviel, was! Ich will mich auch in die

Naturgeschichte versenken, ich ganz allein, ohne Lehrer, an Hand eines

billigen Buches, das ich gleich morgen kaufen werde, denn heute ist

Sonntag, da sind freilich alle Läden geschlossen. Das geht alles, ganz

gewiß. Wozu ist man auf der Welt. Bin ich mir etwa seit einiger Zeit gar

nichts mehr schuldig? Aufraffen muß ich mich endlich, es ist wahrlich

die höchste Zeit.«

Und er sprang aus dem Bett, als wenn es ihm ein Bedürfnis wäre, gleich

jetzt mit den neuen Plänen anzufangen. Rasch kleidete er sich an. Der

Spiegel sagte ihm, daß er wirklich ganz nett aussähe, das befriedigte

ihn.

Wie er eben die Treppe hinuntergehen wollte, begegnete ihm Frau Weiß,

seine Wirtin und Zimmervermieterin. Sie war ganz in Schwarz gekleidet

und trug ein kleines Gebetbuch in der Hand, sie kam soeben aus der

Kirche. Sie lachte, als sie den Simon erblickte, recht munter, und

fragte ihn, ob er denn nicht auch zur Kirche hätte gehen mögen.

Er sei schon seit Jahren in keiner Kirche mehr gewesen, erwiderte er.

Die Frau erschrak über ihr ganzes, gutes Gesicht hinweg, als sie solche

Worte vernahm, die ihr ungebührlich erschienen zum Munde eines jungen

Mannes heraus. Sie wurde nicht böse; denn sie war durchaus keine

unduldsame Frömmlerin, aber sie mußte doch zu Simon sagen, da täte er

doch nicht ganz recht. Sie glaube es übrigens gar nicht. Er sähe ihr

durchaus nicht so aus. Aber wenn es wahr wäre, so möchte er bedenken,

daß er nicht gut handle, niemals in die Kirche zu gehen.

Simon versprach ihr, um sie bei guter Laune zu erhalten, nächstens in

die Kirche zu gehen, worauf sie ihn ganz freundlich anschaute. Er

indessen ging die Treppe hinunter, ohne sich weiter bei ihr aufzuhalten.

»Ein liebes Weib,« dachte er, »und ich gefalle ihr, ich merke es immer,

wenn ich einer Frau gefalle. Wie lustig sie mit mir wegen der Kirche

geschmollt hat. So übers ganze Gesicht ein Schmollen: das kleidet eine

Frau immer. Das sehe ich sehr gern. Sie hat außerdem Respekt vor mir.

Ich werde mir den ferner zu erhalten wissen bei ihr. Aber ich werde

nicht viel und nicht oft zu ihr reden. Sie wird dann wünschen, ein

Gespräch mit mir anzufangen, und wird froh über jedes Wort sein, das ich

mit ihr spreche. Ich mag gern solche Frauen, wie sie eine ist. Das

Schwarz steht ihr herrlich. Wie lieb das kleine Gebetbuch aussah, das

sie in ihrer üppigen Hand trug. Eine Frau, die betet, erhält eigentlich

einen sinnlichen Reiz mehr. Wie schön diese blasse Hand aus dem Schwarz

des Ärmels heraustrat. Und ihr Gesicht! Nun, schon gut! Es ist

jedenfalls sehr angenehm, etwas Liebes für die Reserve zu haben, so

gleichsam im Hinterhalt. Man besitzt dann eine Art Heim, ein Zuhausesein

bei jemandem, einen Rückhalt, einen Zauber, da ich doch einmal ohne

einen gewissen vorhandenen Zauber nicht leben kann. Sie hatte noch den

Wunsch, vorhin, auf der Treppe, weiter mit mir zu sprechen. Ich habe

aber abgebrochen; denn ich hinterlasse bei Frauen gern unerfüllt

gebliebene Wünsche. So setzt man seinen Wert nicht herab, sondern

schraubt ihn in die Höhe. Die Frauen wollen das übrigens selber, daß man

so handelt.«

Die Straße wimmelte von sonntäglich geputzten Menschen. Die Frauen

gingen alle in hellen, weißen Kleidern, die Mädchen trugen an ihren

weißen Röcken farbige, breite Schleifen, die Männer waren einfach

gekleidet in hellere Sommerstoffe, Knaben trugen Matrosenkleider, Hunde

liefen hinter ein paar Menschen her; im Wasser, in ein Drahtgitter

eingeschlossen, schwammen Schwäne herum, etliche junge Leute beugten

sich über das Geländer der Brücke und sahen ihnen aufmerksam zu, wieder

andere Männer gingen ziemlich feierlich zur Urne und gaben dort ihre

Stimmzettel zu den Wahlen ab, die Glocken läuteten zum zweiten oder zum

dritten Mal, der See schimmerte blau und die Schwalben flogen hoch oben

in der Luft, über die Dächer hinweg, die in der Sonne strahlten; die

Sonne war zuerst eine Sonntag-Vormittagsonne, dann eine Sonne

schlechthin und dann noch eine Extrasonne für ein paar Künstleraugen,

die wohl mit unter der Menge sein mochten; dazwischen grünten und

breiteten sich die Bäume der städtischen Parkanlagen aus; unter der

dunkleren Baumschattenwelt spazierten wieder andere Frauen und andere

Männer; Segelschiffe flogen im Wind auf dem blauen, fernen Wasser, und

träge, an Fässer angebundene Boote schaukelten am Ufer; hier flogen

wieder andere Vögel und Menschen standen hier still, die die blaue,

weißliche Ferne und die Berggipfel betrachteten, die am fernen Himmel

wie köstliche, weiße, beinahe unsichtbare Spitzen herunterhingen, als ob

der ganze Himmel eine hellblaue Morgenmantille gewesen wäre. Alles hatte

etwas zu betrachten, zu plaudern, zu empfinden, zu zeigen, hinzuweisen,

zu bemerken und zu lächeln. Aus einem Pavillon klangen jetzt die Töne

einer Musikkapelle wie flatternde, zwitschernde Vögel aus dem Grün

heraus. Dort im Grün spazierte auch Simon. Die Sonne warf durch das

Blätterwerk helle Flecken auf den Weg, auf den Rasen, auf die Bank, wo

Kindermädchen Kinderwägelchen hin und her rollten, auf die Hüte der

Damen und auf die Achseln der Männer. Alles plauderte, schaute, blickte,

grüßte und promenierte durcheinander. Die vornehmen Karossen rollten auf

der Straße, die elektrische Straßenbahn sauste ab und zu vorbei, und die

Dampfschiffe pfiffen und man sah durch die Bäume ihren Rauch dick und

schwer davonfliegen. Draußen im See badeten junge Menschen. Die sah man

allerdings, unter dem Grün auf und ab spazierend, nicht, aber man wußte

es, daß dort nackte Leiber im flüssigen Blau herumschwammen und

herausleuchteten. Was leuchtete eigentlich heute nicht? Was flimmerte

nicht? Alles flimmerte, blitzte, leuchtete, schwamm in Farben und

verschwamm zu Tönen vor den Augen. Simon sagte mehrere Male

hintereinander zu sich: »Wie schön ist ein Sonntag!« Er sah den Kindern

und allen Menschen in die Augen, er sah alles selig und verwirrt an,

bald erhaschte er eine schöne, einzelne Bewegung, und bald trat ihm das

Ganze vor die Augen. Er setzte sich zu einem anscheinend noch jungen

Manne auf eine Bank und blickte dem Mann in die Augen. Es entspann sich

ein Gespräch zwischen ihnen, denn es war so leicht, mit reden

anzufangen, wo alles so glücklich war.

Der andere Mann sprach zu Simon:

Geschwister Tanner · 第 16 / 22 段