Zuerst ging er durch eine Straße, die war ganz mit grünem, saftigem Laub
bedeckt, so daß die Schleppen der Damen das Laub rauschend hinter sich
nachzogen. Immer fiel ein leiser grüner Regen von kleinen, flüsternden
Blättern, und ein unaussprechlich sanfter Wind wehte daher, wie ein
Hauch von Wolken. Die Häuser waren wunderbar hoch, bald grau, bald
gelblich, bald schneeweiß. Die Männer, die auf der Straße dahergingen,
trugen die Locken lang herunter, wo sie über die Schultern fielen, auch
Zwerge mit schwarzen Fräcken und roten Hüten liefen, sie konnten den
anderen zwischen den gekreuzten Beinen durchschlüpfen. Die Damen in
ihren Schleppen waren herrliche Figuren, groß, viel größer als die
Männer, die doch auch schlank erschienen. An den schlanken Büsten der
Damen hingen Lorgnetten bis zum Leib hinunter und ein Bogen von
schweren, üppigen Haaren überspannte ihre lieblichen Köpfe. Obenauf
saßen winzige Hütchen mit noch winzigeren Federchen, aber einzelne
trugen große, weit und herrlich herunterfallende Federn, die den ganzen
Kopf zurückzubiegen schienen. Etwas Wundervolles waren die Hände und die
Arme der Frauen, die mit langen, schwarzen Handschuhen bis über die
zierlichen Ellbogen hinaus bedeckt waren. Es schien überhaupt, so weit
man blickte, alles wundervoll. Die großen Häuser wollten sich immer auf
und nieder bewegen wie seltsame natürliche Kulissen in einem Theater.
Das Licht gehörte halb dem Tag und halb wieder der vorgerückten Nacht.
Jetzt gelangte man zu einem Haus, das ganz mit wildem Grün überdeckt
war. »Dort wohnen die schönsten Frauen von Paris«, wurde einem gesagt,
wenn man frug. Auf einmal bog sich eine duftige, weiße Wolke in die
Straße herunter. Wenn man erstaunt fragte: »Was ist das?« wurde
geantwortet: »Sie sehen, es ist eine Wolke. Eine Wolke ist in den
Pariserstraßen keine seltene Erscheinung. Sie aber sind wohl Ausländer,
daß Sie sich noch darüber verwundern können.« Die Wolke blieb als ein
weißer Schaum, ähnlich einem großen Schwane, auf der Straße liegen.
Viele Damen liefen zu ihr hin und rupften kleine Stücke davon ab und
setzten sie sich, unter wundervollen Armbewegungen, auf die Hüte oder
warfen sie einander scherzend zu, daß sie an den Kleidern hängen
blieben. Man dachte: »Seht doch, diese Pariser! Da lächeln sie leicht
über den Ausländer, der sich wundert. Aber wundern sich die Pariser
nicht selber jeden neuen Tag über die Schönheiten ihrer Stadt!« Dann
kamen die bösen Pariser-Gassenjungen und kitzelten die Wolke mit
brennenden Streichhölzchen, da flog die Wolke wieder auf, leicht und
majestätisch in die Höhe, bis sie über den Häusern verschwand. Wieder
beobachtete man die Straße. In den schönen, vorspringenden Restaurants
servierten die Kellner in hellgrauen Fräcken und die Damen tranken
Kaffee und plauderten mit ihren entzückenden Stimmen. Poeten standen auf
erhöhten Brettern und sangen die Lieder, die sie zu Hause gedichtet
hatten. Sie waren in braunen, edlen Samt gekleidet. Es waren keine
lächerlichen Erscheinungen, nichts weniger als das. Man amüsierte sich
mit dem, was sie zum besten gaben, ohne ihnen besondere Aufmerksamkeit
zu schenken, was in Paris unmöglich wäre. Schöne, schlanke Hunde liefen
hinter den Menschen her und betrugen sich so, als wüßten sie, daß man
sich in Paris gut aufführen muß. Jegliche Figur und Erscheinung schien
mehr zu schweben, als zu gehen, mehr zu tanzen, als zu schreiten, mehr
zu fliegen als zu laufen. Und doch lief, ging, sprang, schritt und
marschierte alles ganz natürlich. Die Natur schien sich in dieser Straße
niedergesetzt zu haben. Ganze Schafherden durchzogen mit Geläute, das
immer bim-bim machte, die Straße wie ein abendliches Tal, den
dunkelgekleideten Hirten voran. Dann kamen Kühe mit großen Glocken:
bim-bam und: bum-bum! Und doch war es eine Straße und gar keine
Bergweide, mitten in Paris war es, im Herzen der europäischen Eleganz.
Allerdings, die Straße war breit wie ein großer, breiter Strom. Jetzt
auf einmal wurden die Lichter angezündet, von kleinen, behenden Jungen,
die lange Anzünderstäbe trugen. Mit diesen machten sie die Hähne oben an
den Laternen auf, daß das Gas herausströmte aus den Leitungen und
zündeten dann an. So sprangen sie von einer Laterne zur andern, bis alle
angezündet waren. Nun schimmerten die Lichter überall hervor und
schienen zu wandern mit den beweglichen Menschen. Was war das für ein
zauberhaftes, weißes Licht, und diese Teufelsjungen, die es entzündeten,
wo sprangen sie her, wo hin, wo weg, wo hinaus? Wo waren sie zu Hause,
hatten sie auch Eltern, Brüder, Schwestern, gingen sie auch zur Schule,
konnten sie auch groß werden, Frauen heiraten, Kinder erzeugen, alt
werden und sterben? Sie waren alle in blaue kurze Röcke gekleidet
gewesen und schienen Gummischuhe getragen zu haben, denn man hörte sie
nur huschen, nicht gehen. Weg waren sie. Nun sah man, so wie es Abend
wurde, wunderbar-merkwürdige Frauengestalten auf der wandelnden Straße.
Sie trugen übergroße Haarfüllen, mit hellgelben und tiefschwarzen
Haaren. Ihre Augen glänzten und schimmerten, daß es einem weh tat. Das
Herrlichste an ihnen waren die Beine, die nicht von Schleppen oder
Röcken bedeckt waren, sondern sich zeigten bis zur Kniehöhe, von wo an
eine spitzenrauschende Hose sie umhüllte. Die Füße, bis hinauf beinahe
zu den biegsamen Knieen, waren mit hohen, aus feinstem Leder
geschaffenen Schuhen bekleidet. Die Schuhe selbst waren das Zarteste,
was sich dazu eignen konnte, einen bewegsamen Frauenfuß zu umschließen.
Man mußte nur sehen und aus dem Herzen heraus lachen. Der Gang dieser
Frauen hatte etwas zum Jubeln Schwebendes, wieder Schweres und wieder
Tanzendes. Wie die gingen, das war zum Nachzeichnen und Mitfühlen, das
hob einen mit, und zog einen nach, machte einen mit den Augen das Süße
anträumen, machte die Seele erwachen und nachdenken darüber, wie es
komme, daß Gott die Frauen so schön erschaffen. Man fühlte lebhaft:
»Wenn die Götter irgendwo heimisch sein könnten auf der Erde, was zwar
nicht denkbar, so müßte dieser Ort Paris sein.« Auf einmal, ohne daß er
es sich versah, befand sich Simon auf einer aus dunklem Holz gezimmerten
und geschnitzten Treppe, die ihn in ein Zimmer hinaufführte, wo auf
einem Diwan ein schlafendes Mädchen lag. Wie er näher zusah, war es
Klara. Ein Kätzchen schlummerte neben ihr, und die Schlafende hielt es
mit dem Arm umschlungen. Ein Diener, ein Neger, trug ein Abendessen
herein, und Simon setzte sich an den Tisch, während aus der Zimmerdecke
hernieder, wie das Geplätscher eines kostbaren, erfinderischen Brunnens,
eine leise, gedämpfte Musik rauschte, die bald in der Ferne und bald
neben seinem Ohr erklang. »In Paris wird seltsam serviert,« dachte
Simon, indem er es sich, wie in einem Märchen von Gebrüder Grimm,
wohlschmecken ließ. Da erwachte die Schlafende. »Komm, ich will dir
etwas zeigen,« lispelte sie ihm zu. Er erhob sich, und sie öffnete mit
einem Zauberstab, wie es schien, eine Flügeltüre, wenigstens sah man
nicht, daß sie eine ihrer Hände dazu gebrauchte. »Ich bin jetzt eine
Zauberin geworden,« lächelte sie den erstaunten Simon an, »zweifle nicht
daran, aber laß es dich auch keineswegs erschrecken. Ich zeige dir
nichts Abstoßendes.« Er ging mit ihr in das andere Zimmer, sie hauchte
ihn mit ihrem duftenden, warmen Atem an, und auf einmal erblickte er
seinen Bruder Klaus, wie er dasaß und an seinem Schreibtische schrieb.
»Er ist fleißig und schreibt an seinem Lebenswerke,« sprach Klara mit
leiser, hindeutender Stimme. »Siehst du, wie er ein gedankenvolles
Gesicht macht. Er geht in seinen Betrachtungen über den Lauf der Flüsse,
die Geschichte und das Alter der Berge, die Windungen der Täler und der
Erdschichten unter. Aber dazwischen denkt er jetzt seines Bruders, er
denkt an dich! Sieh, wie seine Stirne sich faltet. Du scheinst ihm
Sorgen zu machen, du Böser! Er kann leider nicht sprechen, sonst würden
wir beide hören, wie er denkt über dich und was er zu deinem Tun meint,
das ihn bekümmert. Er liebt dich, sieh ihn nur an! Ein solcher Mensch
liebt seinen Bruder und möchte ihn in der Welt als braven, geachteten
Mann wissen. Aber das Bild löst sich, wie ich sehe, schon auf. Komm. Ich
zeige dir jetzt etwas anderes.« -- Indem sie das sagte, öffnete sie
zugleich eine zweite, etwas kleinere Türe mit ihrem Stäbchen, das sie
wirklich in der Hand trug, und Simon erblickte seine Schwester Hedwig
ausgestreckt auf einem mit weißen Linnen bedeckten Lager. Es duftete
wundervoll nach Kräutern und Blumen in diesem Gemach. »Sieh sie an,«
sagte Klara, und ein Zittern ließ ihre klare, leise Stimme erbeben, »sie
ist gestorben. Das Leben tat ihr zu weh. Weißt du, was es heißt, Mädchen
sein und leiden? Ich habe ihr einen Brief geschrieben, einen langen,
heißen, sehnsuchtsvollen Brief, damals, du weißt, und sie hebt nie mehr
die Hand, um mir zu antworten. Sie geht, ohne auf die Frage der Welt:
»Warum kommst du nicht?« geantwortet zu haben. Wie sie wortlos scheidet:
so mädchen- und blumenhaft! Wie lieb sie war. Du als Bruder empfindest
das lange nicht so, wie ich als Freundin. Siehst du, wie sie lächelt!
Wenn sie noch reden könnte, würde sie sicher freundlich reden. Sie
redete streng. Sie hat sich jammernd auf die Lippen gebissen. Das siehst
du aber ihrem Mund nicht an. Der Tod muß sie geküßt haben, daß sie immer
noch lächeln kann, im Tode! Es war ein tapferes Mädchen. Wie eine Blume
ist sie gestorben, die stirbt, wenn sie welkt. Laß uns weiter gehen. In
meinem Zauberreich darf man nicht gaffen. Habe ich dir weh getan, sag
mal? Nein doch: was ist Schmerzendes an einem so schönen Tod? Ihr ließt
sie leiden, das, das war schmerzhaft. Ich will dir nicht weh tun. Komm,
jetzt wirst du noch etwas anderes sehen.« Und mit diesen Worten ließ sie
eine dritte Tür aufspringen, und Simon schaute in ein geräumiges
Maleratelier. Er spürte den Geruch von Ölfarben, und an den Wänden sah
er seines Bruders Bilder herumhängen, er selber, Kaspar, arbeitete, den
Rücken zeigend, an einer Staffelei, ganz versunken, wie es schien, in
die Arbeit. »Still, störe ihn nicht, er arbeitet,« sagte Klara, »man
darf Schaffende nicht stören. Ich wußte immer, daß er nur für die Kunst
lebte, schon damals, als ich noch glaubte, ihm zu folgen, ihm folgen zu
können. Nein, es ist besser so. Ich würde ihn nur aufgehalten und
gehindert haben. Er muß alles um sich her vergessen, selbst das Liebste,
wenn er will, daß er schaffen kann. Solch ein Schaffen verlangt Abtötung
alles Lieben und Innigen, um eine Liebe und eine Innigkeit ganz auf das
Schaffen zu übertragen. Das verstehst du nicht, das versteht nur er.
Wenn du mich ihn so sehen siehst, glaubst du da nicht, daß es mich
drängt, mich ihm in die Arme zu werfen? Zu hören, was er mir sagt, wenn
ich ihn flüsternd und voll Bangen frage: »Liebst du mich, Kaspar?« Er
würde mich dann sicher streicheln, aber ich würde voll Ahnung einen Zug
des Mißmutes auf seiner schönen Stirne entdecken. Und diese Entdeckung
würde mich, wie eine für immer Verdammte, tausend Höhen vor ihm in einen
unwürdigen, schmutzigen Abgrund hinunterwerfen. Nein, das macht Klara
nicht. Sie ist mir zu gut zu so etwas, und er ist mir zu gut und zu
lieb, so, wie er ist. So stehe ich hinter seinem Rücken, und darf ruhig
ahnen, wie er schafft, wie er die große, feurige, dampfende Kugel, die
Kunst, vorwärtswälzt, einem herrlichen Ringer gleich, der seinen letzten
Atemzug hergibt, um zum Siege über den Gegner zu gelangen. Siehst du,
wie es ihn hinreißt, den Pinsel zu führen, womit er an der
tausendtönigen Glocke seiner Farben läutet, jede Linie linienhafter,
jede Farbe farbiger, jeden Druck bestimmter, und jede Sehnsucht
sehnsuchtsvoller hinzumalen. Sein Blick, den ich so liebte, war von
jeher in den Formen, und er bedarf hier in Paris nur einer einfachen
Stube, um die Welt in Bildern zu erfassen. Die Natur hat er wie eine
üppige Geliebte in seine Arme gefaßt und drückt nun Küsse um Küsse auf
ihren Mund, daß beiden der Atem vergeht, ihm und der Natur. Es will mir
beinahe scheinen, als sei die Natur, echten Künstlern gegenüber,
machtlos und ohnmächtig vor Hingebung, wie eine solche Geliebte, von der
man alles verlangt, was man will. Auf jeden Fall, und du siehst es, hat
Kaspar zu tun, mit Kopf, Gefühl und mit beiden Händen; wie ein wildes,
ungebändigtes Pferd zerrt und arbeitet er, und wenn er nachts schläft,
so arbeitet er in wilden Träumen noch immer fort; denn die Kunst ist
hart und scheint mir die schwerste Aufgabe, die sich ein ehrenhafter und
aufrichtiger Mensch stellen kann. Störe ihn nie an seiner heiligen
Aufgabe; denn er schafft für die Lust späterer Geschlechter. Wenn ich
ihm nun so meine schwache, arme Liebe aufdrängen wollte, was wäre das
für eine unschöne, verdammenswerte Sache. Eine Frau mag auch nicht gerne
da küssen, wo sie fühlen muß, daß verletzte Gedanken zwischen den Küssen
zucken, die sterben, die von den Küssen erwürgt werden. Welch eine
unüberlegte Mörderin wäre man! So aber ist alles schön; ein bißchen weh
tut es einem, hinter einem Rücken und hinter Schultern und Locken stehen
zu sollen, aber man hört in seiner Seele dafür Glocken läuten und
empfindet die süße Berechtigung und Makellosigkeit seiner Stellung in
der Welt. Irgendwo müssen die Gefühle gedämpft und geordnet werden und
Stellung behaupten. Selbst eine schwache Frau wird genau wissen, was sie
in einem solchen Fall zu tun hat. Einem Künstler zuzuschauen, jeder
seiner Bewegungen gedankenvoll zu folgen, ist schöner, als ihn
beeinflussen zu wollen, als ob man gierig wollte, daß man auch etwas
abbekäme, etwas bedeutete für ihn und die Welt. Jede Stellung hat ihre
Bedeutung, aber das unbefugte Dreinreden und Einmischen niemals! Vieles
müßte ich dir noch sagen. Aber komm jetzt.« -- Wieder tönte eine
wundersame, unbegreifliche Musik, aus allen Zimmern, zu allen Decken und
Wänden heraus, wie ein fernes, aus einem kleinen Wäldchen kommendes,
tausendstimmiges Vogelgezwitscher, als Simon von Klara weggeführt wurde.
Sie traten wieder in das erste Gemach und sahen das schwarze Kätzchen
mit seiner Pfote in einen dünnhalsigen Milchkrug hineingreifen. Als es
aber die beiden Menschen sah, sprang es fort und kauerte sich hinter
einen Stuhl, wo es mit seinen brennend-gelben Augen aufmerksam
hervorguckte. Klara öffnete ein Fenster, und: wunderbarer Anblick! Es
schneite in der sommerlichen, grünen Straße, und zwar so dicht, so sehr
Flocke an Flocke, daß ein Hindurchschauen unmöglich war. »Das ist hier
in Paris keine Seltenheit,« sagte Klara, »es schneit hier mitten im
heißen Jahr, es gibt hier keine bestimmten Jahreszeiten, so wie es auch
keine bestimmten Redensarten gibt. In Paris muß man auf alles schnell
gefaßt sein. Wenn du längere Zeit hier wohnst, wirst du es auch lernen
und wirst dir das Staunen, das nicht am Platz ist, abgewöhnen. Hier ist
alles ein schnelles, graziöses, bescheidenes Erfassen. Achtung vor der
Welt: das gilt hier als das Höchste und Feinste. Du wirst es schon
lernen. Zum Beispiel, dieser Schnee: Was glaubst du wohl; wirst du dir
denken können, daß er bis über die hohen Häuser hinaufkommen wird? Es
ist so, und aller Wahrscheinlichkeit nach liegen wir jetzt einen Monat
lang im Schnee begraben. Was tut es viel: wir haben Beleuchtung und eine
warme Stube. Ich werde meistens schlafen; denn eine Zauberin muß eben
viel schlafen; du wirst mit dem Kätzchen spielen oder ein Buch lesen,
ich habe die schönsten Pariserromane hier in meiner Bibliothek. Die
Pariserdichter schreiben entzückend, du wirst sehen. Und dann nach einem
Monat, apropos: wir haben ja auch Musik, nicht wahr, und dann, wie
gesagt, nach einem Monat ist Frühling in den Pariserstraßen. Da wirst du
sehen, wie nach der langen Eingeschlossenheit sich die Menschen auf
offener Straße umhalsen und Tränen der Wiedersehensfreude weinen werden.
Es wird alles ein Umschlingen sein. Die Lust, die lange zurückgehaltene,
wird zu den glänzenden Augen, zu den Lippen und Stimmen herausbrechen,
und geküßt wird werden im Mai, aber du wirst es an dir selber erfahren.
Stelle dir vor, die Luft wird ganz blau und warmfeucht in die Straßen
hinuntersinken, der Himmel geht dann in Paris spazieren und mischt sich
unter die entzückten Menschen. Die Bäume blühen an einem Tag empor und
duften wunderbar, Vögel werden singen, Wolken werden tanzen und Blumen
durch die Luft schwirren wie ein Regen. Und das Geld wird sich in den
Taschen, selbst in den ärmsten und zerrissensten vorfinden. Aber ich
will jetzt schlafen. Siehst du, wie ich schon schläfrig werde. Benutze
du indessen die Zeit und studiere eines der Werke, das du finden wirst
und das geeignet ist, dich einen ganzen Monat lang zu fesseln. Es gibt
solche Bücher. Gute Nacht!« -- Und damit schlief sie ein. Die Katze aber
wollte sich zu ihr hinauf legen, Simon sprang ihr nach, sie entfloh, er
ihr nach, und immer entwischte sie ihm aus den Händen, wenn er sie schon
erfaßt hatte. Er sprang sich in eine furchtbare Atembeklemmung hinein,
aus der er schließlich erwachte.
»Ich habe da einen wehmütigen Traum gehabt,« dachte er, als er sich vom
Bette erhob.
* * * * *
Es war inzwischen Abend geworden. Er ging an das Fenster und schaute zum
ersten Mal in die Gasse hinunter, die tief unter ihm lag. Zwei Männer
gingen dort unten, sie hatten gerade Platz zwischen den hohen Mauern, um
bequem nebeneinander herzugehen. Sie sprachen, und der Klang ihrer Worte
drang seltsam deutlich zu seinen Ohren hinauf, die Mauern entlang die
den Klang weitertrugen. Der Himmel war von einem goldenen, tief-satten
Blau, das eine unbestimmte Sehnsucht erweckte. Simon gerade gegenüber
tauchten jetzt im Fenster des andern Hauses zwei Weibergestalten auf und
berührten ihn mit ihren ziemlich frechen, lachenden Blicken. Es war ihm,
als würde er mit unsauberen Händen angerührt. Die eine der Gestalten
sagte zu ihm hinüber, mit ganz gewöhnlich-lauter Stimme, -- denn es war,
als säße man zusammen zu Dritt in einem Zimmer, in dem sich nur zufällig
ein schmales Band freier Himmelsluft befände: »Sie sind wohl sehr
einsam!«
»O ja! Aber es ist hübsch, einsam zu sein!«
Und er schloß das Fenster, während die beiden Weiber in ein Gelächter
ausbrachen. Was konnte er mit ihnen reden, was nicht unflätig gewesen
wäre. Heute war er nicht aufgelegt. Die Veränderung, die wieder in sein
Leben eingerissen war, hatte ihn ernst gestimmt. Er zog die weißen
Vorhänge vor, zündete die Lampe an, und las in dem Roman von Stendhal
weiter, den er auf dem Land, bei Hedwig, nicht hatte fertig lesen
können.
Vierzehntes Kapitel.
Nachdem er eine Stunde gelesen hatte, löschte er die Lampe aus, öffnete
das Fenster, ging zum Zimmer hinaus, zu der Haustüre hinaus, auf die
steile Straße. Eine schwere, warme Dunkelheit empfing ihn. Das alte
Stadtviertel war voll von kleinen Wirtschaften, so daß einem beim Gehen
die Wahl schwer werden konnte. Er ging noch einige Schritte in der
lebhaft von Menschen erfüllten Straße und trat dann in eine Kneipe ein.
Um einen runden Tisch herum war eine kleine, fröhliche Gesellschaft
versammelt, deren Mittelpunkt ein kleiner Spaßmacher sein mußte; denn
alles lachte, sowie er nun den Mund auftat. Es mußte einer jener
Menschen sein, die, was sie auch sagen mochten, stets komisch und
lachmuskelerregend wirkten. Simon setzte sich zu zwei noch jungen
Männern an den gleichen Tisch und horchte unwillkürlich auf das, was sie
sprachen. Sie sprachen ernsthaft und in ziemlich klugen Ausdrücken
miteinander. Der Gegenstand ihrer Auseinandersetzung schien ein junger,
unglücklicher Mann zu sein, den sie beide mochten näher gekannt haben.
Jetzt aber ließ der eine von ihnen den andern, ohne ihn zu unterbrechen,
erzählen, und Simon hörte folgendes:
»Ja, er war ein prachtvoller Kerl! Schon als Knabe, als er noch langes
Haar und kurze Hosen trug und an der Hand eines Kindermädchens durch die
Straßen der kleinen Stadt spazieren ging. Die Leute sagten, indem sie
sich nach ihm umsahen: »Welch ein bildhübscher, kleiner Kerl!« Seine
Aufgaben hat er mit viel Talent gemacht, ich meine seine
Schüleraufgaben. Seine Lehrer haben ihn geliebt; denn er war sanft und
gut zu erziehen. Seine Klugheit machte es ihm spielend leicht, seine
Pflichten in der Schule zu erfüllen. Er hat prachtvoll geturnt,
gezeichnet und gerechnet. Wenigstens weiß ich, daß ihn die Lehrer den
später nachkommenden Schülergenerationen und sogar den weiter
vorgeschrittenen Klassen als ein Muster gepriesen haben. Seine weichen
Gesichtszüge mit den wundervollen Augen voll männlicher Ahnung
bestrickten alle, die mit dem Knaben zu tun hatten. Er genoß eine
gewisse Berühmtheit, als ihn seine Eltern auf die höhere Schule
schickten. Von der Mutter verzärtelt, was jedermann begriff, und von
allen bewundert, mußte sein Geist frühzeitig jene Weichheit der
Bevorzugten und Anerkannten erhalten, jenes Gehenlassen, jene schöne
Sorglosigkeit, die dem jungen Menschen gestattet, sich der Genüsse des
Lebens spielend zu bemeistern. In die Ferien brachte er glänzende
Zeugnisse und eine Schar junger Kameraden mit nach Hause und berauschte
das Ohr seiner Mutter mit Erzählungen von seinen mannigfachen Erfolgen.
Natürlich verschwieg er seiner Mutter die Erfolge, die er schon damals
begann, bei den leichtfertigen Mädchen zu machen, die ihn schön und
liebenswürdig fanden. Die Ferien benutzte er zu Wanderungen im Tiefland;
auf den ausgedehnten, hohen Bergen, die ihn lockten, weil sie so hoch
hinauf und so weit in die unbestimmteste Ferne sich hineindehnten,
verbrachte er Tage, nicht nur Stunden, mit der ausgelassenen
Gesellschaft von gleich schwärmerisch Gesinnten wie er selber. Er bannte
und bezauberte sie alle. -- Er glich in seiner Gesundheit und
Schmiegsamkeit, sowohl seelisch wie körperlich, einem Gott, der nur zum
Vergnügen eine Zeitlang auf dem Gymnasium zu studieren schien. Wenn er
ging, sahen ihm die Mädchen nach, als würden sie von seinen
zurückgeworfenen Blicken an ihn herangezogen. Auf seinem blonden,
schönen Kopf trug er kokett die blaue Studentenmütze. Er war entzückend
leichtsinnig. Einmal, es war gerade Jahrmarkt, und der große Platz, wo
sonst das Vieh zusammengetrieben wird, stand voller Buden, Hütten,
Karussells, Rutschbahnen und Reitbahnen, schoß er mit einem scharf
geladenen Vogelgewehr, statt mit einer der üblichen, unschädlichen
Flinten, in eine Schießbude hinein, vor der er immer zu sehen war, da
ihn das Mädchen, das dort die Gewehre darreichte, entzückte. Die kleine
Kugel drang durch die Leinewand der Bude hindurch, in den Wagen hinein,
der dicht dahinter stand, und soll dort um ein Haar ein in einer Wiege
schlafendes, kleines Kind verletzt haben. Es war der Wagen, den diese
herumziehenden Leute als Familienwohnung benutzten. Der Streich kam
natürlich aus, mehrere andere Streiche kamen zu dem einen, und das
nächste Mal, als wieder Ferien waren, stand in dem Zeugnis des jungen
Studenten eine bissige Bemerkung des Rektors, der gleichzeitig den
Eltern einen Brief, großzügig und voll Feierlichkeit, schrieb, worin er
ihnen ans Herz legte, ihren Sohn freiwillig aus der Schule zu nehmen, da
sonst die Notwendigkeit bevorstünde, denselben auszuweisen. Gründe:
sinnloses Betragen, Ansteckung, böse Einwirkung, Unverantwortlichkeit,
hohe Verantwortung, Pflichten und doch Rücksichten und alles jenes, was
eben für einen solchen Fall immer Gründe sind: die Sittlichkeit in
Gefahr und: Schutz der noch Unverdorbenen, und so weiter.« --
Der erzählende Mann schwieg eine Weile.
Diese Gelegenheit benutzte Simon, um sich bemerkbar zu machen und sagte:
»Ihre Erzählung interessiert mich aus manchem Standpunkt. Bitte,
gestatten Sie mir, daß ich Ihnen ferner zuhören darf. Ich bin ein
junger, eben aus seiner Lebensstellung herausgetretener Mann und lerne
vielleicht einiges aus Ihrer Erzählung; denn mir scheint, daß man immer
gewinnt beim Anhören einer wahrhaften Geschichte.« --
Die beiden Männer sahen sich Simon aufmerksam an, doch schien er ihnen
keinen unguten Eindruck zu machen, vielmehr bat ihn der, der erzählt
hatte, nur zuzuhören, wenn es ihm Spaß machen könne, und jener erzählte
weiter:
»Die Eltern des Jünglings gerieten natürlich ob dieser Ausweisung in
große Bestürzung und in noch größeren Kummer; denn wo gäbe es Eltern,
die so gleichgültig wären, daß sie sich in einem so betrübenden Fall,
wie dieser war, in alltäglicher Weise benehmen könnten. Sie meinten
zuerst, daß es am besten sei, den Schlingel ganz aus der gelehrten
Laufbahn fortzunehmen, und ihn einen harten Beruf, wie Mechaniker oder
Schlosser, lernen zu lassen. Das Wort und Land Amerika kam ihnen schon
in den Sinn, es mußte ihnen angesichts der Lage ihres Sohnes beinahe von
selbst zufliegen. Aber es kam anders. Wiederum siegte die Zärtlichkeit
der Mutter, wie schon so oft, wenn der Vater energisch einzuschreiten
gesonnen war, so auch bei dieser Gelegenheit. Der junge Mann wurde in
ein entlegenes, einsames Seminar geschickt, wo er sich auf den
Lehrerberuf vorzubereiten hatte. Es war ein französisches Seminar, wo
der Junge gar nicht anders konnte, als sich, wie es sich geziemte,
aufzuführen. Wenigstens ging er von da aus, nach Ablauf seiner Zeit, als
praktischer, jugendlicher Lehrer in die Welt. In der Nähe seiner
Heimatstadt bekam er eine vorläufige Stelle als Lehrer. Er unterrichtete
die Kinder so gut, als er nur vermochte, las, wenn es ihm die Zeit
erlaubte, zu Hause die französischen und englischen Klassiker in ihrer
Sprache; denn er hatte für Sprachen ein wahrhaft wunderbares Talent,
dachte heimlich an eine andere Karriere, schrieb Briefe nach Amerika
zwecks einer Anstellung als Hauslehrer, die indessen erfolglos blieben,
und trieb ein Leben zwischen Pflicht und scheuer Ungebundenheit. Da es
Sommer war, ging er mit seinen Schülern öfters im tiefen, reißenden
Kanal baden. Er badete dann selber mit, um seinen Schülern zu zeigen,
wie man es anzustellen hatte, wenn man schwimmen lernen wollte. Eines
Tages aber riß ihn der Wasserstrudel derart fort, daß es aussah, wie
wenn er jetzt ertrinken mußte. Die Schüler rannten schon in das
Städtchen zurück, wo sie schrieen: »Unser Lehrer ist ertrunken.« Aber
der junge, kräftige Mann arbeitete sich aus den Wirbeln des tückischen
Wassers heraus und kam wieder nach Hause. Nach einiger Zeit befand er
sich indessen an einem anderen Ort, und zwar mitten in den Bergen, in
einem kleinen, aber doch reichen Dorf, wo er angenehme Menschen fand,
die ihn weniger als Lehrer wie vielmehr als Menschen respektierten. Er
war ein vorzüglicher Klavierspieler und flotter Geselle überhaupt, der
in einer Gesellschaft von einigen Menschen den Zauberfaden der
Unterhaltung ganz nur um sich herum zu drehen verstand. Ein sehr liebes,
aber schon nicht mehr junges Fräulein verliebte sich in den Lehrer,
derart, daß sie ihm alles nur Mögliche an Bequemlichkeit und Komfort
zukommen ließ und ihn mit den ersten Leuten im Dorf bekannt machte. Sie
stammte aus einer alten Offiziersfamilie, deren Vorfahren einst in
fremden Ländern Kriegsdienste verrichtet hatten. So schenkte sie ihm
denn eines Tages zum Andenken einen zierlichen Galanterie-Degen, der
immerhin eine nicht ungefährliche Waffe gewesen sein mochte und der
vielleicht gar zu seiner Zeit einmal in Blut getaucht worden war. Es war
ein feines Stück, und das gute, liebe Fräulein überreichte ihm den
Zierrat mit niedergeschlagenen Augen, wobei sie vielleicht einen tiefen
Seufzer unterdrückte. Sie hörte ihm zu, wenn er, in romantisch edler
Haltung, am Klavier saß und darauf spielte, und konnte kein Auge von
seiner Gestalt abwenden. Oft fuhr sie mit ihm zusammen, da es Winter
war, auf dem hochgelegenen, kleinen Bergsee Schlittschuh, und beide
freuten sich dieses schönen Vergnügens. Aber der junge Mann wünschte
bald wieder abzureisen, um so mehr, da er nur zu lebhaft die warmen,
verlockenden Bande fühlte, die ihn so gern für immer an das Dorf
gefesselt hätten, denen er aber entfliehen mußte, wenn er irgendwie noch
den Wunsch besaß, nach etwas Großem in der Welt zu streben. Er reiste,
und zwar mit dem Gelde des Fräuleins, die reich war, und die sich eine
wehmütige und kummervolle Freude daraus machte, es ihm ohne jeden
Vorbehalt zu geben. So ging er nach München, wo er ein ziemlich flottes
Leben führte, nach Art der dortigen Studenten, kam wieder heim, sah sich
nach einer Stelle um, und erhielt eine solche in einem Privatinstitut,
das am Fuße einer tannenwaldgeschmückten Bergkette lag. Dort mußte er
junge Bürschlein aus allen Erdteilen, reicher Leute Kinder,
unterrichten, tat es eine Zeitlang mit großer Liebe und viel Interesse,
bekam Händel mit seinem Vorgesetzten, dem Inhaber des Institutes, und
reiste wieder weg. Dann kam Italien an die Reihe, wohin er sich als
Hauslehrer begab, und dann England, wo er auf einem Gutsitze zwei
aufwachsende Mädchen unterrichtete, mit denen er indessen nur Tollheiten
trieb. Er kam wieder heim, wilde Ideen spukten in seinem Kopf, und in
seinem leer gewordenen Herzen brannten nur noch hilflose Phantasieen,
die keine Rechte auf die Wirklichkeit besaßen. Seine Mutter, in deren
Schoß sich zu werfen es ihn verlangte, starb zu dieser Zeit. Er war leer
und trostlos. Er bildete sich ein, sich jetzt auf die Politik werfen zu
sollen, aber er besaß für dieses Fach weder die genügende Übersicht und
Ruhe, noch auch nur den nötigen Schliff und Takt mehr. Er schrieb auch
Börsenberichte, aber ohne Sinn; denn er dichtete sie, und zwar aus einem
bereits zerstörten Geiste heraus. Er verfaßte Gedichte, Dramen und
musikalische Kompositionen, malte, zeichnete, aber dilettantisch und
kindlich. Inzwischen hatte er wiederum Stellung genommen, freilich nur
für kurze Zeit, und dann wieder Stellung, und dann wieder! An einem
halben Dutzend Orten trieb er sich herum, glaubte und sah sich überall
betrogen und verletzt, verlor den Anstand vor den Schülern, lieh Geld
von ihnen; denn er besaß nie Geld. Noch war er ein schlanker, schöner
Mensch, sanft und vornehm von Ansehen und immer noch edel in seinem
Betragen, solange er mit seinem Kopf oben war. Aber das war nur noch
selten der Fall. Nirgends in der Welt konnte man ihn lange gebrauchen,
man schickte ihn fort, sowie man hinter sein Wesen kam, oder er ging von
selber aus ganz absonderlichen, selbst zusammengedichteten Ursachen. Das
mattete und lähmte ihn natürlich vollends herunter. Aus Italien hatte er
noch begeisterungsfrohe, ideale Briefe an seinen Bruder geschrieben. In
London, wo er Not litt, war er einmal in das Kontor eines sehr reichen
Seidenhändlers, eines Onkels von ihm, mit der Bitte getreten, man möchte
ihm in seiner elenden Lage beistehen, und bat um Geld, vielleicht nicht
gerade mit Worten, aber man merkte, was er wollte, und schickte ihn
achselzuckend fort, ohne ihm etwas zu geben. Wie mußte sein schöner,
sanfter Menschenstolz schon gelitten haben, wenn er den Mut fand,
Unwürdige anbetteln zu gehen. Doch was mußte er nicht tun, da er Not
litt! Man kann von Stolz sprechen, man muß aber auch all der Zufälle des
Lebens gedenken, wo es unmenschlich ist, von einem Menschen noch Stolz
zu verlangen. Und der, der gebeten hatte, war weich! Er hatte von jeher
ein kindlich weiches Herz, und dem Schmerz und der Reue über ein
verlornes Leben war es ein Leichtes, dieses Herz zu zerstören. Eines
Tages, nach all den Umherwanderungen, erschien er wieder zu Hause, blaß,
matt, müde und in seinen Kleidern heruntergerissen. Sein Vater empfing
ihn wahrscheinlich herzlos, seine Schwester so gut, als sie durfte vor
des entrüsteten Vaters Augen. Er gedachte, einen kleinen Redakteurposten
zu erhalten, und trieb sich inzwischen in der Stadt herum, wo er allen
Mädchen Ringe schenkte und zu ihnen sagte, er wolle sie heiraten. Er war
ganz offenbar schon kindisch. Man munkelte natürlich und lachte. Dann
ging er noch einmal fort, in eine Lehrerstelle, aber dort erwies es
sich, daß er für die Welt unmöglich geworden war. Er kam eines Tages mit
einem nackten Fuß in die Schulstunde, Schuh und Strumpf fehlten an dem
einen seiner Füße. Er wußte nicht mehr, was er tat, oder er tat eben
das, was sein anderer, irrer Geist ihm zu tun befahl. Zu derselben Zeit
radierte er in seinem militärischen Dienstbuch die dort notierte
Degradation aus, die ihm eines begangenen, schweren Fehlers wegen schon
früher zudiktiert worden war. Infolgedessen wurde er, da dieses kühne
Vergehen ans Licht kam, ins Gefängnis gesperrt. Von dort wurde er, da
man über seinen Geisteszustand zur Klarheit gelangte, in ein Irrenhaus
gebracht, wo er heute noch ist. Ich weiß das alles, da ich oft mit ihm
zusammen gewesen bin, in vielen Jahren, im Zivil sowohl wie beim
Militär, und auch geholfen habe, ihn dahin abzuführen, wo er sich jetzt
befindet und wohin er leider gebracht werden mußte.«
»Traurig!« sprach der andere der beiden Männer.
»Wir wollen austrinken und gehen,« sagte der Erzähler und fügte noch
hinzu: »Manche wollen behaupten, daß die leichtfertigen Weiber, zu denen
er Beziehungen hatte, ihn zugrunde gerichtet hätten, aber ich glaube es
nicht, da ich überzeugt bin, daß man den schlimmen Einfluß, den diese
Weiber auf einen Mann ausüben, meistens überschätzt. So schlimm ist das
alles nicht, aber vielleicht liegt es in der Familie.«
Simon sprang auf, lebhaft angeregt und mit der Röte des Unwillens auf
den Wangen:
»Was da? In der Familie? Da irren Sie sich, mein edler Herr Erzähler.
Sehen Sie mich, bitte, einmal gründlich an. Entdecken Sie an mir
vielleicht auch so etwas, das in der Familie liegen könnte? Muß ich auch
ins Irrenhaus kommen? Das müßte ich ohne Zweifel, wenn es in der Familie
läge, denn ich bin auch aus der Familie. Der junge Mann ist mein Bruder.
Ich schäme mich durchaus nicht, einen nur unglücklichen und keineswegs
verderblichen Menschen offen meinen Bruder zu nennen. Heißt er nicht
Emil, Emil Tanner? Könnte ich das wissen, wenn er nicht mein leiblicher
lieber Bruder wäre? Ist sein Vater, der auch der meinige ist, etwa nicht
Mehlhändler, der auch in Burgunderweinen und Provencer-Öl einen ganz
stattlichen Handel treibt?«
»In der Tat, das stimmt alles,« sagte der Mann, der vorhin erzählt
hatte.