Lieber Kaspar. Ich bin wieder in der dir bekannten Stadt und sitze an

einem schönen, dunkelgefärbten Schreibtisch in einem hellerleuchteten

Zimmer, während unten in der Straße, in der Sommernacht, unter den

Bäumen voll herunterhängender Blätter die Menschen lustwandeln. Ich kann

leider nicht mitpromenieren, denn ich bin an ein Haus gefesselt, nicht

gerade mit Händen und Füßen, aber mit dem Pflichtbewußtsein, das ich

nach und nach ausbilde, und das auch schließlich einmal da sein will.

Ich bin der Diener einer Frau geworden, die einen kranken, kleinen

Knaben hat, den ich pflegen muß, nicht viel anders, als wie eine Mutter

ihren Sohn pflegt, denn seine Mutter, meine Herrin, wacht über jeder

meiner Bewegungen, als wäre ihr Auge der Leiter meines Tuns und als

flöße sie mir ihre eigene Sorgfalt ein, wenn ich mit dem Knaben

beschäftigt bin. Sie sitzt jetzt, während ich an dich schreibe, neben

mir, in einem Sessel, denn es ist ihr eigenes Kabinett, in dem ich sitze

durch ihre Erlaubnis. Die Dinge liegen jetzt so, daß ich jedesmal, wenn

mich eine persönliche Sache hinaustreibt, zuerst fragen muß, darf ich

ausgehen?, wie ein Lehrjunge, der seinen Meister fragen muß. Immerhin,

es ist doch wenigstens eine Dame, die ich um so etwas bitten muß, und

das versüßt ein wenig die Sache. Unter Dienen versteht man das Aufpassen

auf Befehle, die Vorausahnung der Wünsche, die fertige Fixheit und fixe

Fertigkeit im Tafeldecken und Teppichabbürsten, mußt du wissen, wenn du

es noch nicht weißt. Ich habe bereits eine gewisse Vollkommenheit darin

erlangt, meiner Frau, die ich schlechthin meine Frau heiße, die Schuhe

zu putzen. Es ist nur ein kleines, geringes Geschäft, und doch verlangt

es auch Streben nach Vollendung, wie das Größte. Mit dem kleinen, jungen

Herrn werde ich, wenn es schönes Wetter ist, in Zukunft spazieren gehen

müssen. Dazu ist ein braunes Wägelchen da, in dem ich den Knaben

ausfahren kann, worauf ich mich, wenn ich recht nachdenke, eigentlich

wenig freue, da es langweilig sein wird. Du lieber Gott, ich werde es

tun müssen. Meine Herrin gehört zu der Sorte von Weibern, an denen das

Hervorstechende und Markante das Bürgerliche ist. Sie ist durch und

durch Hausfrau, aber in so strengem und schlichtem Sinn, daß man sagen

kann: es ist vornehm. Zu zürnen versteht sie meisterlich und ich

wiederum bin Meister darin, ihr dazu Anlaß zu geben. Zum Beispiel heute

zerschlug sie einen reichen Porzellannapf aus Gedankenlosigkeit und ward

böse auf mich, daß ich es nicht war, der ihn zerschlug. Sie zürnte mich

an, weil ich der unangenehme Zeuge ihrer Ungeschicktheit war und sie

machte ein Gesicht, wie es die Fliegenden Blätter öfters in ihren

Darstellungen bringen. Ein reines Fliegende-Blätter-Gesicht. Ich habe

die Scherben recht zärtlich-langsam aufgehoben, um die Frau zu ärgern,

denn ich muß sagen, ich ärgere sie gern. Sie ist reizend im Ärger. Schön

ist sie nicht, aber solche strenge Frauen atmen, wenn sie in lebhafte

Bewegung kommen, einen tiefen Zauber aus. Die ganze sittsame

Vergangenheit solcher Frauen zittert in ihren Erregungen, die deshalb

köstlich anzuschauen sind, weil sie aus so zarten Ursachen entflammen.

Für mich ist das nun einmal so, ich muß solche Weiber lieb haben, denn

ich bewundere und bemitleide sie zu gleicher Zeit. Hochmütig können

solche Frauen sein in Sprache und Gebaren, daß die Wangen beinahe

platzen und sich der Mund zu schmerzendstem Hohn zuspitzt. Ich liebe

solchen Hohn, denn er macht mich zittern, und ich bin gern voll Scham

und Wut: das treibt zu Höherem, das reizt zu Taten. Aber meine Frau da,

die höhnische, ist doch nur ein gutes, sanftes Weib, ich weiß es, und

das ist die Schurkerei an der Sache: daß ich es weiß. Wenn ich ihr, auf

ihren befehlenden Ton hin, gehorche, so muß ich dabei lachen, denn ich

bemerke, es freut sie, zu sehen, wie gern und schnell ich gehorche. Wenn

ich sie nun um etwas bitte, so schnauzt sie mich an und gewährt doch

gütig, vielleicht mit ein wenig Ärger darüber, daß ich in solch einer

Art und Weise bitte, der man gewähren muß. Ich tu ihr immer ein bißchen

weh, und denke: ganz recht! Tu das! Tu ihr immer ein bißchen weh. Das

ist amüsant für sie. Das will sie. Das erwartet sie nicht anders! Frauen

sind so leicht erkennbar, und doch haben sie so viel Unerkennbares.

Nicht wahr, das ist seltsam, lieber Bruder! Sie sind jedenfalls das

Belehrendste, was es auf der Welt für einen Mann gibt. -- Wenn die

wüßte, die neben mir sitzt, was ich schreibe! Einer meiner brennendsten

Wünsche ist, so bald wie möglich von ihr eine Ohrfeige zu erhalten, aber

ich muß leider zu meinem Schmerz daran zweifeln, daß sie dazu imstande

ist. Eine klatschende Ohrfeige ins Gesicht: ich möchte alle Küsse, die

ich noch erwarten darf, dafür weggeben. Dieses mit der Ohrfeige ist nun

eigentlich eine abscheuliche, aber dafür eine echt bourgeoise

Empfindung: sie lenkt in die Kindheit zurück, und wann hätte man nicht

öfters Sehnsucht nach dem Weit-zurückliegenden? Meine Frau hat so etwas

Zurückliegendes, etwas, bei dessen Anschauen man weit, weit zurückdenkt,

an eine vielleicht noch frühere Zeit als die Kindheit ist. Ich werde ihr

wahrscheinlich einmal die Hand küssen und dann wird sie mich zum Kuckuck

jagen, zum Tempel hinaus, wie man sagt. Mag ich's und mag sie's dann.

Was wird daran liegen. -- O ich verteufle hier, kann ich dir nur sagen,

ich merke es schon jetzt. Mein Geist gibt sich mit Serviettenfalten und

Messerputzen ab und das Schiefe ist, es gefällt mir. Kannst du dir eine

größere Versimplung denken! Wie geht es dir? Ich war drei Monate lang

auf dem Land, aber es ist mir, als sei diese Zeit schon weit hinter mir

zurück. Ich habe alle Aussicht, ein Mensch zu werden, der sich völlig

dem Tag hingibt, ohne seiner Verwandtschaft mit schwebenderen Dingen

mehr zu gedenken. Manchmal bin ich sogar zu faul, an dich zu denken, und

das scheint mir schon eine große Trägheit zu sein. Klara hoffe ich bald

einmal wieder zu sehen. Vielleicht hast du sie bereits vergessen, und

dann habe ich nicht an diesen Gegenstand zu rühren. Ich tue es auch

nicht. Adieu, mein Bruder.

»An wen haben Sie geschrieben,« fragte die Frau, ermüdet vom

Zeitungslesen, als sie sah, daß Simon den Brief beendet hatte.

»An einen Freund von mir, der jetzt in Paris lebt.«

»Was ist er?«

»Er war zuerst Buchbinder, da er aber mit diesem Beruf nicht reüssierte,

ist er Restaurationskellner geworden. Ich liebe ihn sehr, er ist mit mir

in die Schule gegangen, und dort habe ich mich ihm angeschlossen, weil

er unglücklich war schon als Knabe. Ich habe eines Tages gesehen, wie er

von seinen Klassengenossen verhöhnt, und dann eine steinerne Treppe

hinuntergeworfen wurde, wobei ich gerade in seine schönen, erschreckten,

gramvollen Augen sehen mußte. Seit diesem Tage bin ich sein innigster

Freund geworden, und wenn das Mitleid wirklich bindet, so muß ich mich

ihm verbunden fühlen, auch ohne darüber nachzudenken, für immer! Er ist

ein Jahr älter als ich, aber mir um Jahre vorgeschritten in Sitte und

Lebensart, denn er hat immer in Weltstädten gelebt, wo der Mensch

schneller reif wird. Früher hat er viel von der Malerei geschwärmt, hat

oft auch, während der Ausübung seines Buchbindergewerbes, versucht,

Bilder zu malen, ist aber damit zu seinem Schmerz nicht

vorwärtsgekommen, und hat mir eines Tages schamhaft zugestanden, daß er

sich entschlossen habe, sich ganz in den Strudel der Welt zu werfen, die

Kunst, seine Träumerei, zu vergessen, und ist Kellner geworden. Welch

ein Absturz, und zugleich: welch ein bewundernswerter Aufschwung! Ich

habe ihm gesagt, daß ich ihn dafür liebe und bewundere, um ihn zu

trösten, wenn er in stillen, einsamen Stunden sich dem Weh der

Erinnerung verfallen sehen mußte. Das ist klar, daß er oft Sehnsucht

nach jenem Besseren empfinden muß, während um ihn das Leben lärmt. Aber

sehen Sie, gnädige Frau, dieser Mensch ist stolz und gut. Zu stolz, um

einem verpaßten Leben nachzutrauern, und zu gut, um es ganz beiseite

lassen zu können. Ich kenne jede seiner Empfindungen. Einmal hat er mir

geschrieben, er sterbe wohl bald vor Öde und Langeweile. Das war seine

Seele. Und ein anderes Mal schrieb er mir: »Die dumme Träumerei! Das

Leben ist das Süße. Ich trinke Absinth und bin selig!« Das war sein

Mannesstolz. Sie müssen wissen: Die Frauen schwärmen für ihn, denn er

hat etwas Herzenherausforderndes an sich und wieder etwas Eisig-Kaltes.

Seine ganze Erscheinung, trotz des Kellnerfrackes, atmet Liebe und

Takt.«

»Wie heißt er, dieser verunglückte Mensch,« fragte die Frau.

»Kaspar Tanner.«

»Wie? Tanner? So heißen ja Sie auch. Er ist also Ihr Bruder und Sie

sagten vorhin, er sei Ihr Freund.«

»Freilich, mein Bruder, aber viel mehr mein Freund! Solch einen Bruder

muß man Freund nennen, wenn man die richtige Bezeichnung haben will. Wir

sind nur zufällig Brüder, aber Freunde sind wir mit Bewußtsein, und das

ist viel wertvoller. Was ist Bruderliebe? Als wir noch Brüder waren,

packten wir uns eines Tages am Halse, beidseitig, und wollten uns den

Garaus machen. Hübsche Liebe! Unter Brüdern ist der Neid und der Haß

nichts Außerordentliches. Wenn Freunde sich hassen, gehen sie

auseinander, wenn Brüder sich hassen, denen das Geschick das

Zusammenleben unter einem Dache vorschreibt, geht es nicht so gelinde

zu. Aber das ist eine alte und unschöne Geschichte.«

»Warum schließen Sie Ihren Brief nicht zu?«

»Ich möchte Sie bitten, von dem, was ich geschrieben habe, Kenntnis zu

nehmen.«

Die Frau lächelte:

»Nein, das tu ich nicht.«

»Ich habe unziemlich von Ihnen gesprochen in dem Brief.«

»Es wird nicht so schlimm sein,« bemerkte sie und stand auf: »Gehen Sie

zu Bett.«

Simon tat, was sie befahl, und dachte, indem er hinausging:

»Ich werde immer frecher. Bald jagt sie mich noch zum Haus hinaus!« --

Dreizehntes Kapitel.

Nach Verlauf von drei Wochen befand sich Simon, frei aller

Verpflichtungen, in einer engen, steilen, heißen Gasse und überlegte, ob

er in ein Haus treten solle, oder nicht. Die Mittagssonne brannte

hinunter und preßte alle üblen Dünste aus den Mauern heraus. Kein

Lüftchen wehte. Wo hätte ein Lüftchen in diese Gasse eindringen können.

Draußen in den modernen Straßen mochte es wehen, aber hier schien schon

seit Jahrhunderten kein Windzug mehr getrieben und gefegt zu haben.

Simon hatte eine kleine Summe Geld in der Tasche. Sollte er in die

Eisenbahn steigen und in die Berge reisen? Es reiste jetzt alles in die

Berge. Seltsame, fremde Menschen, Männer und Frauen, zogen einzeln,

paar- oder gruppenweise durch die weißen, hellen Straßen. Von den Hüten

der Damen flatterten lustige Schleier herab und die Männer gingen in

Kniehosen, und gelben Sommerschuhen. Sollte sich nicht Simon dazu

entschließen, diesen Fremden in die Berge nachzureisen? Kühl wäre es

sicher dort oben, und in einem hochgelegenen Hotel würde er sicher

Arbeit finden. Er konnte ja den Führer spielen, stark war er genug dazu,

und auch klug genug, um bei Gelegenheit sagen zu können: »Sehen Sie,

meine Damen und Herren, diesen Wasserfall, oder diesen Bergsturz, oder

dieses Dorf, oder diese Felswand, oder diesen blauen, schimmernden

Fluß.« Er würde das Zeugs dazu haben, um den reisenden Herrschaften mit

Worten eine Landschaft zu schildern. Auch könnte er ja, wenn der Fall

einträte, eine ermüdete und ängstliche Engländerin in seinen Armen

tragen, wenn es gälte, einen Paß von drei Schuh Breite zu überschreiten.

Lust dazu hätte er ja. Überhaupt, die Amerikanerinnen und die

Engländerinnen: er würde englisch sprechen lernen, und das war nach

seinen Begriffen eine süße Sprache, die so gelispelt und gehaucht klang,

so schroff und weich zugleich.

Aber er ging nicht in die Berge, sondern in das alte, hohe, dicke,

finstere Haus in der Gasse, klopfte an eine Türe, und fragte eine Frau,

die herauskam, um zu sehen, wer klopfe, ob hier ein Zimmer zu vergeben

sei.

»Ja, es sei eines.«

»Ob er es wohl ansehen könne, und ob es wohl ein Zimmer sei, nicht zu

groß, nicht zu teuer, für einen ärmeren Menschen?«

Nachdem sie ihm das Zimmer gezeigt hatte, fragte die Frau:

»Was sind Sie?«

»O, ich bin nichts. Stellenlos bin ich. Aber ich werde mir eine Stelle

suchen. Seien sie unbesorgt. Ich bezahle Ihnen diese Summe hier zum

voraus, damit Sie einigermaßen ruhig sein können. Hier, bitte!«

Und er gab ihr ein größeres Geldstück als Vorausbezahlung in die Hand.

Es war eine fette Frauenhand, und die Frau, die zufrieden war, sagte:

»Leider ist das Zimmer nicht sonnig, es geht auf die Gasse.«

»Das ist mir sehr lieb,« erwiderte Simon, »ich liebe den Schatten. Ich

würde jetzt die Sonne im Zimmer nur hassen, bei dieser warmen

Jahreszeit. Das Zimmer ist sehr hübsch, und ich muß sagen, sehr billig.

Es ist für mich wie geschaffen. Das Bett scheint gut zu sein. O ja.

Bitte. Untersuchen wir es nicht erst lange. Hier ist auch ein

Kleiderschrank, der mehr Kleider fassen könnte, als ich besitze, und

hier bemerke ich zu meinem freudigen Erstaunen einen Lehnsessel zum

bequemen Sitzen. In der Tat, wenn das Zimmer solch einen Sessel

aufweist, so ist es in meinen Augen überreich ausgestattet. Dort hängt

sogar ein Bild an der Wand: ich liebe das, wenn nur ein einziges Bild im

Zimmer hängt, man kann es um so inniger betrachten. Einen Spiegel sehe

ich auch, um mein Gesicht darin zu betrachten. Es ist ein gutes Glas und

gibt die Züge deutlich wieder. Es gibt viele Spiegelgläser, die die Züge

verzerrt wiedergeben, wenn man hineinschaut. Dieser Spiegel ist ganz

vortrefflich. Hier an diesem Tisch werde ich meine Offertschreiben

abfassen, die ich an verschiedene Geschäftshäuser absenden will, um eine

Anstellung zu erlangen. Ich hoffe, es wird mir glücken. Ich sehe gar

nicht ein, warum es mir nicht glücken sollte, da es mir schon so oft

geglückt ist. Sie müssen wissen, ich habe öfters die Stellen gewechselt.

Das ist ein Fehler, den ich hoffe beiseite legen zu können. Sie lächeln!

Ja, das ist aber sehr ernst. Mit dem Zimmer haben Sie mir sozusagen eine

Gnade erwiesen, denn es ist ein Zimmer, worin sich ein Mensch, wie ich

bin, glücklich fühlen kann. Ich werde mich immer bemühen, meinen

Verpflichtungen Ihnen gegenüber prompt nachzukommen.«

»Ich glaube es auch,« sagte die Frau.

»Ich wollte,« fuhr Simon fort, »zuerst in die Berge gehen. Aber dieses

schattige Zimmer ist schöner als selbst die weißesten Berge. Ich fühle

mich ein bißchen matt und möchte mich eine Stunde hinlegen, darf ich

das?«

»Ei, freilich! Es ist doch jetzt Ihr Zimmer!«

»Nicht doch!«

Und dann legte er sich schlafen.

Er hatte einen sonderbaren Traum, der ihn noch lange nachher

beschäftigte:

Geschwister Tanner · 第 14 / 22 段