Gedankenreihe und befahl ihm, nun den kranken Knaben ankleiden zu gehen.
Er gehorchte und tat, was sie verlangte. Er trug ein Becken voll
frischen Wassers an das Bett und wusch mit einem Waschschwamm sorgsam
das Gesicht des Knaben, reichte ihm ein Glas, halbgefüllt mit klarem
Wasser, und ließ ihn den Mund damit wässern, was der Knabe mit seinen
schönen Händen sehr hübsch tat, nahm dann eine Bürste und einen Kamm zur
Hand, brachte das Haar des im Bett Liegenden in Ordnung und reichte ihm
zum Schluß das Frühstück auf einem silbernen Tablett dar, schaute zu,
wie es bedächtig, mit vielem Absetzen, verzehrt wurde, ohne müde oder
gar ungeduldig zu werden; denn wie häßlich und unpassend würde Ungeduld
hier gewesen sein; trug das Geschirr wieder hinaus und kam wieder, um
nun den Kranken, der sich nicht selbst anziehen konnte, anzukleiden. Er
hob den leichten, dünnen Körper mit einiger Scheu zum Bette heraus,
nachdem er schon vorher den Füßen und Beinen die Strümpfe übergezogen
hatte, steckte an die Füße kleine Hausschuhe, nahm die Beinkleider zur
Hand, um sie anzuziehen, schnallte den Gurt der Hose zu, warf die
Hosenträger, wie es sich schickte, von hinten über, alles schnell, alles
geräuschlos, und so, daß jede Bewegung auch wirklich gleich etwas tat,
legte dem Hals des Knaben jetzt den Kragen um, einen breiten, umgelegten
Knabenkragen, befestigte mit gutem Geschick eine Krawatte an den
Hemdknopf; das Hemd war natürlich längst übergeworfen worden; reichte
jetzt die Weste, ließ die Arme hineinschlüpfen, ebenso den Rock und die
paar Gegenstände, die der Knabe bei sich zu tragen pflegte, als Uhr,
Uhrgehänge, Messer, Taschentuch und Notizbuch, und das Werk war fertig.
Nun mußte Simon des kleinen Herrn Bett in Ordnung bringen, sowie das
ganze Schlafzimmer in der Weise, wie es ihm die Dame zeigte, aufräumen,
die Fenster öffnen, die Kissen, Bettdecke und das Laken ans Fenster
legen und alles so machen, wie es getan wird und wie er merkte, daß es
getan werden mußte. Die Dame verfolgte alle seine Bewegungen, wie ein
Fechtmeister den Bewegungen seines Schülers folgt, und fand, daß er sich
mit Talent in die Arbeit schickte. Sie sagte nicht etwa ein Wort der
Anerkennung. Würde ihr nicht von ferne eingefallen sein. Außerdem mochte
ihr Diener an ihrem Schweigen merken, daß sie seine Art und Weise
billige. Es freute sie, wie zart er mit ihrem Sohn umgegangen war, da
sie bemerkt hatte, wie jede Bewegung Simons beim Ankleiden dessen
Achtung für den Kranken aussprach. Sie mußte lächeln, als sie gewahrt
hatte, mit welcher Scheu er zuerst angefaßt, und wie er dann später die
Scheu überwunden hatte und mit seinem Tun kräftiger, ruhiger und
gleichmäßiger geworden war. Dieser junge Mann gefiel ihr vorläufig,
mußte sie sich sagen. »Wenn er fortfährt, wie er angefangen hat, so will
ich ihn dafür lieb haben, daß er mich nicht in meinem Gefühl, das ich
mir gleich von Anfang an von ihm machte, betrogen hat,« dachte sie. »Er
ist sehr still und anständig und scheint das Talent zu besitzen, sich
mit jeder Lage gleich vertraut machen zu können. Und da er, wie ich
glaube aus seinen Manieren schließen zu dürfen, aus gutem Hause
herstammt, will ich ihn, um seiner Mutter willen, die vielleicht noch
lebt, und um seiner Geschwister willen, die vielleicht geachtete
Stellungen einnehmen und besorgt sind um sein Schicksal, zu einem klugen
und schönen Betragen anhalten und will Freude haben, wenn ich sehe, daß
er einschlägt und sich so benimmt, wie man es von ihm erwartet.
Vielleicht darf ich ihn in kurzem etwas zutraulicher behandeln, als man
gezwungen ist, mit seinen Dienstboten zu verkehren. Aber ich will acht
geben und ihm keinen Anlaß geben, durch zu frühes freundliches
Entgegenkommen, mir unverschämt zu begegnen. In seinem Charakter sitzt
eine leise Beigabe von Unverschämtheit und Trotz, und diese darf nicht
geweckt werden. Ich werde immer mein Gefallen, das ich an ihm habe,
unterdrücken müssen, wenn ich will, daß er immer die Lust hat, mir zu
gefallen. Ich glaube, er liebt mein strenges Gesicht, ich erriet so
etwas, als er vorhin lächelte, wo ich ihn doch ziemlich unfreundlich
getadelt habe. Die Menschen muß man erraten, wenn man sie von ihrer
schönen Seite haben will. Er hat Seele, dieser junge Mann, man muß ihm
deshalb auch seelenvoll und seelenbewußt entgegentreten, um etwas bei
ihm zu erreichen. Man nimmt Rücksicht, und tut doch so, als ob man keine
nähme, wie man ja auch wirklich keine zu nehmen nötig hätte. Aber es ist
besser und klüger, man nimmt, wenn man mit Ruhe kann.« -- Sie beschloß,
den Simon ein bißchen abenteuerlich zu nehmen, und schickte ihn jetzt
aus, um Einkäufe zu machen.
Das war nun wieder etwas ganz Neues für Simon, durch die Straßen zu
eilen, mit einem Korb oder mit einer ledernen Tragtasche in der Hand,
Fleisch und Gemüse zu kaufen, in die Läden zu treten und dann wieder
nach Hause zu springen. In den Straßen sah er die Menschen ihren
verschiedenartigen Geschäften nachgehen, jeder trug sich mit einer
Absicht und er selber auch. Es schien ihm, daß die Leute sich über seine
Gestalt verwunderten. Sollte sein Gang etwa nicht zu dem gefüllten
Korbe, den er leicht trug, passen? Waren seine Bewegungen zu frei, als
daß sie zu seinem Auftrage, nämlich zum Botenlaufen, gestimmt hätten?
Aber es waren freundliche Blicke, die er bekam; denn man sah ihn eilig
und geschäftig, und er mußte den Eindruck eines pflichteifrigen Mannes
machen. »Wie schön ist es doch,« dachte Simon, »so mit einer Pflicht im
Kopf durch die Straßen neben den wimmelnden Menschen her zu laufen, von
einigen überholt zu werden, die längere Beine haben, und andere wieder
zu überflügeln, die träger gehen, als wenn sie Blei in ihren Schuhen
hätten. Wie hübsch ist es, von den sauberen Mägden für ihresgleichen
angeblickt zu werden, zu beobachten, welchen Scharfblick diese einfachen
Wesen haben, zu sehen, daß sie beinahe Lust hätten, bei einem schnell
stehen zu bleiben, um zehn Minuten lang plaudern zu können. Wie die
Hunde auf der Straße laufen, als wären sie hinter dem Wind her, wie
Greise noch geschäftig sind mit ihren gebeugten Nacken und Rücken! Und
da möchte man noch schlendern! Wie entzückend sind die einzelnen Frauen,
an denen man, ohne beachtet zu werden, vorüberrennen darf. Was sollte
man von ihnen beachtet werden. Wäre noch schöner! Es genügt doch, selber
Beobachteraugen zu haben. Hat man etwa die Sinne nur, daß sie gestachelt
werden, und nicht, damit man sie selber stachle? Die Augen der Frauen an
einem solchen Straßenmorgen, wie dieser, wenn sie so in die Ferne
blicken, sind etwas Herrliches. Augen, die an einem vorbeisehen, sind
schöner, als solche, die einen ansehen. Es ist, als verlören sie
dadurch. Wie man rasch denkt und fühlt, wenn man so rasch läuft. Nur den
Himmel nicht betrachten! Nein, lieber nur empfinden, daß da oben, über
dem Kopf und über den Häusern etwas Schönes und Weites schwebt, etwas
Schwebendes, vielleicht Blaues, ganz gewiß Duftiges. Man hat Pflichten,
und das ist auch etwas Schwebendes, Fliegendes, Hinreißendes. Man trägt
etwas mit sich, das man nachzählen und abliefern muß, um als
zuverlässiger Mensch dastehen zu können, und ich bin gegenwärtig so, daß
es mir mein einziges Vergnügen ist, als zuverlässiger Mensch dazustehen.
Die Natur? Mag sie sich einstweilen verstecken. Ja, es ist mir, als ob
sie sich verborgen hielte, da, hinter den langen Häuserreihen. Der Wald,
er reizt mich vorläufig nicht mehr, soll mich nicht reizen. Immerhin, es
hat etwas Schönes, zu denken, daß alles doch noch da ist, während ich
flüchtig und geschäftig durch die blendende Straße eile, mich um nichts
bekümmere, als um das, was ich mit meiner Nase denken könnte, so einfach
ist es.« -- Er zählte das Geld in der Westentasche mit fühlenden Fingern
nach, ohne es heraus zu nehmen, und ging nach Hause.
Nun hatte er den Tisch zu decken.
Er mußte ein sauberes, weißes Tischtuch über den Tisch breiten, daß die
Falten nach oben zu liegen kamen, dann die Teller hinlegen, so, daß der
Tellerrand nicht über den Tischrand hinausragte, dann Gabel, Messer und
Löffel hinlegen, Gläser aufstellen und eine Karaffe mit frischem Wasser,
Servietten auf die Teller legen und das Salzgefäß auf den Tisch stellen.
Stellen und legen, hinlegen und anfassen und hinstellen, zart anfassen,
dann wieder gröber, Tücher mit Fingerspitzen anfassen und Teller nur mit
Vorsicht berühren, ausbreiten und ausrichten, nämlich die Bestecke,
keinen Lärm dabei verursachen, schnell sein und doch wiederum behutsam,
vorsichtig und kühn, steif und glatt, ruhig und doch energisch, Gläser
nicht aneinanderklirren, und Teller nicht klappern lassen, aber über ein
vorkommendes Klappern und Klirren auch nicht erstaunt sein, sondern es
begreiflich finden, dann der Herrschaft melden, daß der Tisch gedeckt
sei, und dann die Speisen auftragen und dann zur Tür hinausgehen, um
wieder hineinzugehen, wenn geklingelt wurde, zusehen, wie gegessen wurde
und Freude dabei empfinden, sich zu sagen, daß es hübscher sei, zu
sehen, wie gegessen werde, als selber zu essen, dann den Tisch wieder
abräumen, das Geschirr hinaustragen, einen Rest Braten in den Mund
stecken und dabei eine frohlockende Miene machen, als wäre es etwas, um
dabei eine frohlockende Miene machen zu müssen, dann selber essen und
finden, daß man jetzt wirklich verdiene, selber etwas zu essen: das
alles mußte Simon. Er mußte nicht alles, zum Beispiel mußte er nicht
gefrohlockt haben, wenn er stahl, aber es war sein erster, zarter
Diebstahl, und deswegen mußte er frohlocken; denn es erinnerte ihn
lebhaft an die Kindheit, wo man stiehlt, irgend etwas aus dem
Speiseschrank, und dabei frohlockt.
Nach dem Essen hatte er dem Mädchen zu helfen, das Geschirr zu säubern,
abzuwaschen und abzutrocknen, und das Mädchen war nicht wenig erstaunt,
zu sehen, wie behend er das machte. Wo er das gelernt hätte? »Ich war
doch auf dem Lande,« antwortete Simon, »und auf dem Lande tut man
dergleichen. Ich habe dort eine Schwester, die Lehrerin ist, der habe
ich beim Geschirrtrocknen immer geholfen.«
»Das war hübsch von Ihnen.«
Zwölftes Kapitel.
Simon kam es ganz wunderbar vor, in dieser stillen Küche, mitten in
einer großen Stadt, zu handwerken. Wer hätte das je gedacht. Nein, der
Mensch kam doch nie dazu, sich eine Zukunft zu malen. Er, der früher
frei über die Bergweiden streifte, wie ein Jäger unter dem offenen
Himmel schlief und die Luft zu eng fand, wenn er Ausblicke genoß, die
die vor ihm liegende Erde auseinanderbreiteten und dehnten, der die
Sonne heißer, den Wind stürmischer, die Nacht dunkler und die Kälte
grimmiger wünschte, wenn er draußen, zu jeder Jahreszeit und bei jeder
Witterung, suchend, händereibend und atempustend herumlief, er steckte
jetzt in einer kleinen Küche und trocknete einen tropfenden Teller warm
ab. Er war froh. »Ich bin froh, so gehemmt, so eingesteckt, so eingeengt
zu sein,« sagte er zu sich, »was will der Mensch nur immer die Weite
haben, und dazu doch Sehnsucht, die doch so was Beengendes ist! Hier bin
ich eng eingeklemmt zwischen vier Küchenwände, aber mein Herz ist weit
und erfüllt von der Lust an meiner bescheidenen Pflicht.«
Es war ein wenig erniedrigend für ihn, sich in einer Küche zu wissen,
mit einer Arbeit beschäftigt, die sonst nur Mädchen verrichten. Ein
wenig erniedrigend und ein wenig lächerlich war es, aber es war
entschieden geheimnisvoll und absonderlich. Kein Mensch konnte sich
jetzt diese Lage von ihm austräumen. Dieser Gedanke hatte wiederum etwas
Genugtuerisches und Stolzes. Man konnte bei diesem Gedanken lächeln. Das
Mädchen fragte ihn, was er denn früher in seinem Leben gewesen sei, und
er antwortete: »Schreiber!« Sie konnte nicht begreifen, wie man so wenig
Ehrgeiz besitzen könne, das Schreibpult aufzugeben, um in eine
Haushaltung hineinzukriechen. Simon sagte darauf, es gäbe in diesem
Falle erstens nichts zu kriechen, wie sie sich da so lieblich ausdrücke,
und zweitens sei es noch eine Frage, was besser wäre: ein Sitz hinter
einem Pult oder der Zustand eines Geschirrabwischers. Er zöge bei weitem
die freie, luftige, heiße, dampfige, interessante Küche dem öden Bureau
vor, in dem die Luft meist schlecht und die Laune eine verbitterte sei.
Hier sei kein Anlaß, bitter zu sein, hier, wo der Braten in der Pfanne
schmore, das Gemüse koche, die Suppe dampfe, das Kupfer so lieblich
herabblinke vom Gestell und die Teller so freundlich klängen, wenn man
sie aneinanderschlüge. Aber Diener sein, das sei doch nicht viel, das
bedeute doch gar nichts, meinte das muntere Mädchen. Er wolle nichts
bedeuten, erwiderte Simon sanft. Sie ließ es dabei bewenden, doch fand
sie, daß er ein kurioser, schwer begreiflicher Mensch sei. Aber sie
dachte: »er ist anständig,« und fühlte, »er dürfte sich viel erlauben!«
Simon war eben fertig geworden mit seiner Arbeit, als die Dame in die
Küche trat und zu ihm sagte, er möge hineinkommen, sie habe eine
Beschäftigung für ihn. »Was für eine schöne Beschäftigung hat sie wohl
für mich,« dachte Simon, und er folgte der Voranschreitenden. »Sie haben
jetzt, während des Nachmittages, weiter nichts zu tun, da können Sie
meinem Knaben und mir aus einem Buche vorlesen. Verstehen Sie
vorzulesen?«
Simon bejahte.
Und dann las er eine volle Stunde lang vor, mit etwas gepreßtem Atem,
aber mit richtiger, scharfer, schöner Aussprache und mit einer warmen
Stimme, die anzeigte, daß der Leser miterlebte, was er las. Der Dame
schien es zu gefallen, und der Knabe war ganz nur Ohr bis zum Schluß, wo
er sich anmutig für den Genuß bedankte. Simon, dessen Wangen hochrot vor
Bewegung glühten, fand es schön, daß man ihm dankte. Er verfügte sich,
da er weiter vorläufig nichts zu treiben wußte, in das Domestikenzimmer,
das die Abendsonne rötlich beleuchtete, und fing an, zum Fenster hinaus
zu rauchen.
»Ich sehe es unlieb, wenn Sie hier rauchen,« sprach die hereintretende
Frau.
Er rauchte aber weiter, und sie ging wieder, etwas ärgerlich, hinaus.
»Ich begreife allerdings, daß es ihr nicht lieb ist, aber, muß ihr denn
alles lieb an mir sein? Das Rauchen gebe ich nicht auf. Nein! Zum
Teufel, nein! Und wenn zwanzig Damen kämen und eine nach der andern es
mir verböten.« Er war wütend, aber er wurde sofort wieder sanft und
sprach zu sich: »Ich hätte die Zigarette wegwerfen sollen; das war
unverschämt!«
In diesem Augenblick, den er dazu benutzen wollte, ein Selbstgespräch zu
führen, tönte im Korridor ein Schrei und unmittelbar darauf ein heftiger
Knall von einem zu Boden stürzenden Geschirr. Simon öffnete die Tür und
erblickte die Frau, wie sie mit wehklagendem, stummem und betrübtem
Gesicht zu Boden sah, wo die Scherben einer ihr gewiß teuer gewesenen
Porzellanplatte herumlagen. Sie hatte die Platte mit einem Stück Torte
drauf vom Eisschrank weg in ihr Zimmer tragen wollen und dieselbe fallen
lassen, sie konnte selber nicht sagen, wie. Es brauchte ja nur eine
kleine Täuschung der Sinne gewesen zu sein, oder sonst etwas, und das
Unglück war eben geschehen. Als die Frau den Simon bemerkte, der hinter
ihrem Rücken stand, verwandelte sich sogleich ihr betrübtes Gesicht in
ein zürnendes und anklagendes, und sie sagte zu ihm, in einem Tone, der
genug sagte, was sie empfand: »Lesen Sie zusammen!« Simon bückte sich zu
Boden und las die Scherben zusammen. Während er es tat, streifte seine
Wange das Kleid seiner Herrin und er dachte: »Verzeih mir, daß ich
gerade dastehen mußte, um zu sehen, daß du dich ungeschickt benommen
hast. Ich begreife deinen Zorn. Ich bekenne mich schuldig, die Platte,
die du hast fallen lassen, zerbrochen zu haben. Ich habe sie zerbrochen.
Wie muß es dir doch weh tun. Eine so schöne Platte. Gewiß war sie dir
lieb. Du tust mir leid. Meine Wangen streifen dein Kleid. Jede Scherbe,
die ich zusammenlese, sagt mir: »Elender,« und der Saum von deinem Rock
sagt mir: »Glücklicher!« Ich lese absichtlich langsam zusammen. Versetzt
es dich nicht in neuen Zorn, dies bemerken zu müssen? Es macht mir Spaß,
der Übeltäter gewesen zu sein. Du gefällst mir, wenn du mir zürnst.
Weißt du, warum mir dein Zorn gefällt? Weil er so zart ist, dein Zorn!
Nur weil ich dich sah, wie du dich ungeschickt benahmst, zürnst du mir.
Du mußt einige Achtung vor mir haben, da es dich kränken kann, wenn du
dich vor mir blamierst. Du Hohe, vor mir Niedrigem. Wie entzückend
zornig befahlst du mir, die Scherben zusammenzulesen. Und ich beeile
mich damit gar nicht; denn ich möchte, daß du recht ärgerlich und böse
würdest, weil ich so lange bei den Scherben verweile, die mir doch sagen
müssen, wie ungeschickt du warst, die es dir auch sagen müssen. Du
stehst immer noch da? Es muß jetzt eine Mischung von seltsamen
Empfindungen in dir sein: Scham, Schmerz, Zorn, Ärger, Gleichmut,
Gereiztheit, Gelassenheit, Überraschung und Hoheit und so viel kleines,
nebenherschleichendes Unsagbares, das der Moment wegnimmt, ehe man es
nur recht hat empfinden können, das da war wie ein Nadelstich oder wie
ein Duft oder wie ein Blinzeln von einem Augenpaar. -- Dein seidenes
Kleid ist schön, wenn man denkt, daß es einen Frauenleib einhüllt, der
vor Aufregung und vor Schwäche zittern kann. Deine Hände sind schön, die
so lang zu mir herabhängen. Ich hoffe, daß du mir einmal eine Ohrfeige
damit gibst. Jetzt gehst du schon weg, ohne mich gescholten zu haben.
Wenn du gehst, kichert und flüstert dein Kleid auf dem Boden. Vorhin
verbotest du mir zu rauchen. Aber ich werde die Frechheit besitzen, zu
rauchen, wenn ich hinter dir auf den Markt gehe, um mit dir Einkäufe zu
machen. Da sollst du mich rauchen sehen, weiße, blendende Zigaretten,
und ich will hoffen, daß du alsdann die Geistesgegenwart besitzest, sie
mir aus dem Mund zu schlagen. Jetzt eben mußte ich dich mit allen meinen
mir zu Gebote stehenden Gebärden dafür um Verzeihung bitten, daß du eine
Platte zerschlagen hast. Ich wollte, ich könnte Gelegenheit haben, etwas
zu verüben, das dich veranlassen würde, mich zum Teufel zu jagen. O
nein, nein! Was denke ich da. Ich bin schon verrückt. Wahrhaftig, diese
Scherbenangelegenheit hat mich verrückt gemacht. Jetzt wird es Abend
sein draußen auf der Straße. Die Laternen werden hellgelb brennen in den
verlöschenden Tag hinein. Jetzt möchte ich auf die Straße. Es geht nicht
anders, ich muß auf die Straße hinunter.« --
»Ich möchte einen kleinen Ausgang machen,« sagte er, in ihr Zimmer
tretend, »darf ich?«
»Ja! Aber daß Sie mir nicht zu lange bleiben!«
Simon stürzte hinaus, die Treppe hinunter, wo ihm eine verschleierte
Frauengestalt staunend nachblickte, zum Haus hinaus, auf die Straße, an
die Luft, in die bewegliche, feuchte, glitzernde, abendliche Freiheit.
Seltsam sei doch, dachte er, dieses Gehören an ein Haus, wo man recht
wie ein Gefangener lebe. Seltsam sei es, ein erwachsener Mensch zu sein
und als ein erwachsener Mensch hingehen zu müssen, zu einer Dame, in ein
dunkles Zimmer, wo man die Frau nur halb im Dunkel sähe, und sie um
Erlaubnis zu fragen, ausgehen zu dürfen. Als ob man ein Möbel von ihr
wäre, ein Gegenstand, ein gekauftes Stück, ein Etwas, ein irgend Etwas,
und als ob dieses Etwas nichts wäre, oder nur insofern etwas, als es
sich dazu eigne, so ein Etwas zu sein, ihres zu sein! Seltsam sei es
auch, daß man trotzdem diesen Zustand als eine Art Heimat und
Zuhausesein fühle. Man liefe jetzt eigentlich zehnmal gehobener auf der
Straße umher, weil jemand, den man darum bitten mußte, es einem erlaubt
habe. Ein Erlaubnisbekommen, das sei allerdings etwas Schülerhaftes,
aber es müßten, dachte er, selbst Greise oft noch, und unter
kränkenderen Umständen, um eine Erlaubnis fragen. So sei alles wunderbar
im Leben, und man müsse sich in das Wunderbare schicken, wenn es oft
auch seltsam aussähe.
Er ging die Straße hinunter und verliebte sich in das süße Straßenbild
mit den aufgehenden Sternen, mit den dichten Bäumen, die in langer,
gerader Reihe davonliefen, mit den ruhiger gehenden Menschen, mit der
Pracht des Abends, mit der tiefen, beweglichen Ahnung der Nacht. Auch er
ging ruhig, beinahe träumerisch. Am Abend war es keine Schande, ein
träumerisches Aussehen zu machen, wo unwillkürlich alle träumen mußten
in dieser Atmosphäre voll von dem Duft des Frühsommerabends. Viele
Frauen spazierten umher, mit kleinen, eleganten Täschchen in der
behandschuhten Hand, mit Augen, in denen das Licht des Abends
fortleuchtete, in engen Kleidern von englischem Schnitt oder in
faltigen, schleppenden Röcken und Roben, die sich wundervoll breit in
der Straße bewegten. Die Frau, dachte Simon, wie verherrlicht sie das
Bild der städtischen Straße. Sie ist wie geschaffen zum promenieren. Man
fühlt, sie promeniert, sie genießt ihr eigenes, wiegendes, schönes
Gehen. Am Abend geben die Frauen den Ton des Abends an, dazu passen ihre
Figuren mit diesen Armen voll Wehmut und Fülle und diesen Brüsten voll
atmender Beweglichkeit. Ihre Hände in Handschuhen sehen wie Kinder in
Masken aus, mit denen sie winken, in denen sie immer etwas halten. Ihre
ganze Haltung setzt die abendliche Welt in tönende Musik um. Wenn man
jetzt, so wie ich es tue, hinter ihnen hergeht, so gehört man schon zu
ihnen, in Gedanken, in fühlenden Schwankungen, in schlagenden Wellen,
die an das Herz schlagen. Sie winken nicht, und doch winken sie einem.
Obschon sie keine Fächer tragen, sieht man in einer ihrer Hände einen
Fächer und er blitzt und blendet wie getriebenes Silber in dem
verlorenen, verschwommenen Abendlicht. Die reifen, üppigen Frauen passen
besonders schön zum Abend, so wie Greisinnen in den Winter und blühende
Mädchen in den eben erwachten Tag hineinpassen, wie Kinder in den
dämmernden Morgen und junge Ehegattinnen in den heißen Mittag, wo die
Sonne der Welt am glühendsten scheint.
Es war neun Uhr, als Simon wieder nach Hause kam. Er hatte sich
verspätet und mußte Vorwürfe anhören, wie dieser: wenn das noch einmal,
noch ein einziges Mal vorkomme, so -- -- dann --. Er hörte eigentlich
nicht, sondern vernahm nur den Klang des Vorwurfes, innerlich lachte er,
äußerlich schien er betrübt, das heißt, er setzte ein dummes Gesicht auf
und fand es nicht für notwendig, den Mund aufzutun, um etwas zu
erwidern. Er zog den Knaben aus, legte ihn in das Bett und zündete ein
kleines Nachtlicht an.
»Dürfte ich um ein Licht für mich bitten,« fragte er die Dame.
»Was wollen Sie mit dem Licht?«
»Einen Brief schreiben.«
»Kommen Sie zu mir herein, da können Sie schreiben!« sagte die Dame.
Und er durfte sich an ihren Schreibtisch setzen. Sie gab ihm einen
Briefbogen, einen Briefumschlag für die Adresse, eine Marke, eine Feder
und erlaubte ihm, ihre Briefmappe als Unterlage zu benutzen. Sie saß
dicht daneben, in einem Sessel, eine Zeitung lesend, während er schrieb: