»Nun gehst du wohl, nun ist es wohl abgemacht. Leb wohl. Komm ganz in

meine Nähe und gib mir die Hand. Ich werde mich vielleicht in kurzer

Zeit einem Mann hinwerfen, der mich nicht verdient. Ich werde das Leben

verspielt haben. Ich werde viel Achtung genießen. Man wird sagen: das

ist eine tüchtige Frau. Eigentlich habe ich nicht den Wunsch, jemals

wieder etwas von dir zu hören. Versuche ein braver Mann zu werden.

Mische dich in öffentliche Angelegenheiten, mach von dir reden, es würde

mir Vergnügen machen, aus der Leute Mund von dir zu hören. Oder lebe

dahin, wie du es kannst und verstehst, bleibe im Dunkel, kämpfe im

Dunkel mit den vielen Tagen, die noch kommen werden. Ich mute dir nie

Schwächlichkeiten zu. Was soll ich noch sagen, um dir Glück mit auf

deine Reise zu wünschen? Bedanke dich doch. Ja, du! Denkst du nicht

daran, mir zu danken für das Hiersein, das ich dir gewährt habe? Nein,

laß es, denn es stünde dir nicht gut an. Du verstehst nicht, eine

Verbeugung zu machen und zu sagen, daß du gar nicht wüßtest, wie du

danken solltest. Dein Betragen war deine Dankbarkeit. Ich habe mit dir

die Zeit gejagt und getrieben, daß es ihr heiß wurde vor uns. Hast du

wirklich nicht mehr Sachen, als da in diesen kleinen Koffer hineingehen?

Du bist wirklich arm. Ein Reisekoffer ist das ganze Haus, das du in der

Welt bewohnst. Das hat etwas Hinreißendes aber auch etwas Erbärmliches.

Geh jetzt. Ich werde dir aus dem Fenster nachschaue. Wenn du oben auf

dem Hügelrand bist, wende dich um und blicke noch einmal nach mir. Was

sollten wir noch mehr Zärtlichkeiten tauschen? Du Bruder zu mir

Schwester? Was hat es zu sagen, wenn eine Schwester ihren Bruder auch

nie mehr wiedersieht? Ich entlasse dich ziemlich kalt, weil ich dich

kenne und weiß, daß du die Wärme beim Abschied hassest. Zwischen uns

bedeutet das nichts. So sage mir denn adieu und geh denn.« --

Elftes Kapitel.

Es war ungefähr zwei Uhr am Nachmittag, als Simon in der großen Stadt,

die er vor ungefähr drei Monaten verlassen hatte, mit der Eisenbahn

wieder ankam. Der Bahnhof war voll Menschen und ganz schwarz, mit jenem

Geruch angefüllt, der nur in kleinen, ländlichen Bahnhöfen nicht

anzutreffen ist. Simon zitterte, als er aus dem Wagen ausstieg, er war

hungrig, steif, matt, traurig und mutlos und konnte eine gewisse

Beklemmung nicht los werden, obschon er sich sagte, daß es eine dumme

Beklemmung sei, die er da empfand. Er gab, wie es die meisten Reisenden

tun, sein Gepäck am Gepäckschalter ab und verlor sich unter die

Menschen. So wie er freie Bewegung bekam, fühlte er sich auch sofort

besser und wurde wieder auf seine leichte Gesundheit aufmerksam, die vom

Landaufenthalt her in vollkommen gutem Zustand war. Er aß etwas in einem

jener seltsamen Volkslokale. Da aß er nun wieder, ohne vielen Appetit;

denn das Essen war mager und schlecht, ganz gut für einen armen Städter,

aber nicht für einen verwöhnten Landbewohner. Die Menschen betrachteten

ihn aufmerksam, als ahnten sie, daß er vom Lande herkomme. Simon dachte:

»Diese Menschen müssen sicher fühlen, daß ich gewöhnt bin, besser zu

speisen; denn es liegt so etwas in der Art, wie ich mit diesem Essen

umgehe.« In der Tat, er ließ die Hälfte davon stehen, bezahlte und

konnte nicht umhin, der Kellnerin leichthin zu bemerken, wie wenig es

ihm gemundet habe. Diese schaute den Spötter nur so verächtlich an,

freundlich verächtlich, ganz leicht, als hätte sie es nicht nötig,

deswegen empört zu sein, da es doch so einer gesagt hatte und nicht ein

anderer. Eines andern wegen, ja, dann schon, aber eines solchen! --

Simon trat hinaus. Er war doch glücklich, trotz dem minderwertigen Essen

und der beleidigenden Miene des Mädchens. Der Himmel war leicht blau.

Simon schaute ihn an: ja, er hatte hier doch auch einen Himmel. In

dieser Beziehung war es doch dumm, so sehr zu Ungunsten der Städte für

das Land eingenommen zu sein. Er nahm sich vor, jetzt nicht mehr an das

Land zurückzudenken, sondern sich an die neue Welt zu gewöhnen. Er sah,

wie die Menschen vor ihm her gingen, viel schneller als er; denn er

hatte sich auf dem Lande einen schlenderischen, bedächtigen Schritt

angewöhnt, als fürchtete er, zu rasch vorwärts zu kommen. Nun, für heute

wollte er es sich noch gestatten, bäuerisch zu gehen, von morgen ab

sollte es dann anders vorwärts gehen. Aber er betrachtete die Menschen

mit Liebe, ganz ohne jede Scheu, sah ihnen in die Augen, an die Beine,

um zu sehen, wie sie die Beine bewegten, an die Hüte, um den Fortschritt

der Mode zu beobachten, an die Kleider, um die seinen immer noch gut

genug zu finden im Vergleich mit den vielen unschönen, die er emsig

studierte. Wie sie eilig gingen, diese Menschen. Er hätte Lust gehabt,

einen von ihnen aufzuhalten und ihn mit den Worten anzureden: Wohin so

schnell? Aber er hatte doch nicht den Mut zu einer so törichten

Handlung. Er fühlte sich wohl, sonst aber ein wenig matt und gespannt.

Eine kleine, nicht zu verhehlende Trauer hielt ihn gefangen, aber sie

harmonierte mit dem leichten, glücklichen, etwas getrübten Himmel. Sie

harmonierte auch mit der Stadt, wo es beinahe unschicklich ist, ein

allzusonniges Gesicht zu machen. Simon mußte sich gestehen, daß er da

ginge und absolut nichts suche, aber er hielt es für angebracht, wie

alle andern solch eine Sucher- und Vorwärtsdrängermiene zu machen, um

nicht den eben angekommenen, beschäftigungslosen Menschen darstellen zu

müssen. Er mochte nicht auffallen und es tat ihm wohl, zu bemerken, daß

er weiter keinem Menschen durch sein Betragen auffiel. Er schloß daraus,

daß er noch immer befähigt sei, in der Stadt zu leben, trug sich ein

wenig strammer noch, als zuvor, und tat, als trüge er eine kleine,

elegante Absicht mit sich, die er gleichmütig verfolge, die ihm keine

Sorgen, nur Interesse entlocke, die seine Schuhe nicht beschmutzen und

seine Hände nicht anstrengen würde. Eben ging er jetzt durch eine

schöne, reiche Straße, die auf beiden Seiten mit blühenden Bäumen

besetzt war, in der man, da sie breit war, den Himmel freier vor Augen

hatte. Es war wirklich eine herrliche, lichte Straße, die einem das

angenehmste Leben vorgaukeln konnte und jeden Traum gestatten durfte.

Simon vergaß jetzt sein Vorhaben, durch diese Straße mit gesetzten,

gezierten Bewegungen zu gehen, völlig. Er ließ sich gehen und tragen,

schaute bald zu Boden, bald hinauf, bald zur Seite in eines der vielen

Schaufenster, vor deren einem er endlich stehen blieb, ohne eigentlich

etwas zu betrachten. Er fand es angenehm, den Lärm der schönen,

lebhaften Straße hinter seinem Rücken und doch in seinen Ohren zu haben.

Er unterschied in seinen Sinnen die Schritte der einzelnen Passanten,

die wohl alle denken mußten, er stehe da, um etwas so recht ins Auge zu

fassen, das im Schaufenster liege. Plötzlich hörte er sich von jemand

angesprochen. Er drehte sich um und erblickte eine Dame, die ihn

aufforderte, ein Paket, das sie ihm hinstreckte, bis in ihr Haus zu

tragen. Es war keine besonders schöne Dame, aber in diesem Augenblick

hatte Simon sich nicht lange zu besinnen, ob sie schön war oder nicht,

sondern hatte, wie ihm eine innere Stimme zurief, ihrer Aufforderung

lebhaft nachzukommen. Er ergriff das Paket, das gar nicht schwer war,

und trug es der Dame nach, die quer über die Straße mit kleinen,

gemessenen Schritten ging, ohne sich nur einmal nach dem jungen Manne

umzudrehen. Vor einem, wie es schien, prachtvollen Hause angekommen,

befahl ihm die Frau, mit hinauf zu kommen, und er tat es. Er sah keinen

Grund, warum er nicht hätte gehorchen sollen. Mit dieser Dame in deren

Haus zu gehen, das war etwas ganz Natürliches, und der Stimme der Dame

zu gehorchen war seiner Lage, die ihm nichts vorschrieb, durchaus

angemessen. Er würde vielleicht jetzt noch vor dem Schaufenster stehen

und gaffen, dachte er, indem er die Treppen hinaufstieg. Oben

angekommen, hieß ihn die Frau eintreten. Sie ging voran und ließ ihn

nachkommen und in ein Zimmer hineingehen, dessen Türe sie öffnete. Simon

schien es ein prächtiges Zimmer zu sein. Die Frau kam wieder hinein,

setzte sich in einen der Stühle, räusperte sich ein wenig, sah den vor

ihr Stehenden an und fragte ihn dann, ob er sich entschließen könne, bei

ihr in Dienste zu treten. Er mache ihr, fuhr sie fort, den Eindruck

eines müßig in der Welt stehenden Menschen, dem man eine Wohltat

erweise, wenn man ihm Arbeit gebe. Im übrigen gefalle er ihr soweit und

er möchte ihr sagen, ob er gewillt sei, das Anerbieten, das sie ihm

mache, anzunehmen.

»Warum nicht,« antwortete Simon.

Sie sagte: »Ich scheine mich also nicht geirrt zu haben, wenn ich von

Ihnen gleich im ersten Augenblick angenommen habe, daß Sie ein junger

Mensch sind, der froh ist, irgendwo unterzukommen. Sagen Sie mir einmal,

wie heißen Sie, und was haben Sie bis jetzt getan in der Welt?«

»Ich heiße Simon, und ich habe bis jetzt nichts getan!«

»Wie kommt das?«

Simon sagte: »Ich habe von meinen Eltern ein kleines Vermögen bekommen,

das ich soeben bis auf den letzten Heller verzehrt habe. Ich habe es

nicht für nötig gefunden, zu arbeiten. Etwas zu lernen hatte ich keine

Lust. Ich habe den Tag als zu schön empfunden, als daß ich den Übermut

hätte besitzen können, ihn durch Arbeit zu entweihen. Sie wissen, wie

viel durch tägliche Arbeit verloren geht. Ich war nicht imstande, mir

eine Wissenschaft anzueignen und dafür den Anblick der Sonne und des

abendlichen Mondes zu entbehren. Ich brauchte Stunden, um eine

Abendlandschaft zu betrachten, und habe Nächte durch, statt am

Schreibtisch oder im Laboratorium, im Grase gesessen, während zu meinen

Füßen ein Fluß vorüberfloß und der Mond durch die Äste der Bäume

blickte. Sie werden befremdend auf eine solche Aussage herabblicken,

aber, sollte ich Ihnen eine Unwahrheit berichten? Ich habe auf dem Lande

und in der Stadt gelebt, aber ich habe bis jetzt noch keinem Menschen

auf der Welt einen einigermaßen bemerkenswerten Dienst erwiesen. Ich

habe Lust, das zu tun, jetzt, wo es scheinen will, daß ich Gelegenheit

dazu habe.«

»Wie konnten Sie so liederlich leben?«

»Ich habe das Geld nie geachtet, gnädige Frau! Dagegen könnte es mir,

wenn ich dazu veranlaßt würde, einfallen, ja, sogar am Herzen liegen,

anderer Menschen Geld für wertvoll zu erachten. Es will den Anschein

haben, daß Sie den Wunsch hegen, mich in Ihre Dienste zu nehmen: Nun, in

diesem Fall würde ich Ihre Interessen natürlich streng beobachten; denn

in einem solchen Falle hätte ich dann keine andern Interessen mehr, als

die Ihrigen, die die meinen wären. Meine eigenen Interessen! Wo wäre ich

je dazu gekommen, eigene Interessen zu haben! Wann hätte ich je eigene

ernstliche Angelegenheiten gehabt. Ich habe mein Leben bis jetzt

vertändelt, weil ich es so wollte, da es mir immer ganz als wertlos

erschien. In fremden Interessen würde ich aufgehen, es versteht sich von

selber; denn wer keine eigenen Ziele hat, lebt eben für die Zwecke,

Interessen und Absichten Anderer.« --

»Sie müssen doch irgend eine Zukunft vor Augen haben wollen!« --

»Habe noch keinen Augenblick daran gedacht! Sie sehen mich etwas besorgt

und ziemlich unfreundlich an. Sie mißtrauen mir und trauen mir keine

ernstliche Absicht zu. Ich muß gestehen, ich habe bis zum heutigen Tage

auch noch nie irgend welche Absicht mit mir herumgetragen, weil mich bis

jetzt noch niemand zu der Pflege einer Absicht aufgefordert hat. Ich

trete zum ersten Mal einem Menschen gegenüber, der meine Dienste in

Anspruch nehmen will; das schmeichelt mir und veranlaßt mich, Ihnen kühn

die Wahrheit zu sagen. Was schadet es, daß ich bis dahin ein

liederlicher Mensch gewesen bin, wenn ich nun ein besserer werden will?

Können Sie glauben, ich möchte nicht den Wunsch haben, mich Ihnen

dankbar dafür zu erweisen, daß Sie mich von der offenen Straße weg in

Ihr Zimmer ziehen, um mir ein Menschenlos zu geben? Ich habe nicht eine

Zukunft vor Augen, nur die Absicht, Ihnen zu gefallen. Ich weiß auch,

daß man gefällt, wenn man seine Pflicht erfüllt. Nun, diese Zukunft habe

ich vor Augen: meine Pflicht, die Sie mir aufgeben werden, zu erfüllen.

Ich mag nicht gern in eine viel weitere, als in die ganz nächste Zukunft

hineindenken. Meine Laufbahn interessiert mich nicht, die mag ausfallen,

wie sie will, wenn ich nur den Menschen gefalle.« --

Die Dame sagte hierauf: »Obschon es eigentlich eine Unvorsichtigkeit

ist, einen Menschen, der nichts ist und nichts kann, in Dienst zu

nehmen, will ich es doch tun; denn ich glaube, Sie haben den Wunsch, zu

arbeiten. Sie werden mein Diener sein und tun, was ich Ihnen auftragen

werde. Sie können es als ein besonderes Glück betrachten, Gnade gefunden

zu haben, und ich will hoffen, daß Sie sich Mühe geben werden, sie zu

verdienen. Sie haben ja keinerlei Zeugnisse bei sich, sonst stände es

mir an, Sie nach Ihren Zeugnissen zu fragen. Wie alt sind Sie?« --

»Zwanzig Jahre und etwas darüber!«

Die Dame nickte mit dem Kopf: »Das ist ein Alter, wo der Mensch daran

denken muß, sich für das Leben eine Aufgabe zu stellen. Nun, ich will

vieles, das mir an Ihrem Wesen nicht recht paßt, vorläufig übersehen und

Ihnen Gelegenheit geben, ein zuverlässiger Mann zu werden. Wir werden

sehen!« --

Damit war diese Unterredung beendigt.

Die Dame führte Simon durch eine Flucht eleganter Zimmer, bemerkte,

indem sie ihrem jungen Begleiter voranschritt, daß es eine seiner

Aufgaben sei, die Zimmer zu reinigen, fragte, ob er imstande sei, einen

Zimmerboden mit Stahlspänen aufzureiben, ohne jedoch seine Antwort

abzuwarten, als wüßte sie schon, daß er das könne, als ob sie das nur

gefragt hätte, um irgend eine Frage an ihn zu richten, daß es ein

bißchen ausforscherisch und hochmütig um seine Ohren herum sause,

öffnete eine Türe, ließ ihn in ein kleineres, warm mit Teppichen aller

Art ausgefüttertes Zimmer treten, wo sie ihn einem Knaben, der im Bett

lag, mit kurzen Worten vorstellte: Diesen kleinen Herrn, der krank sei,

werde er bedienen, wie, das werde ihm noch gesagt werden. Es war ein

blasser, hübscher, wenngleich von der Krankheit entstellter Knabe, der

seine Augen kalt auf diejenigen Simons richtete, ohne etwas zu sprechen.

Man ahnte, daß er nicht sprechen, vielleicht etwa nur lallen konnte,

wenn man seinen Mund ansah, der unbehilflich in dem Gesicht lag, als

gehörte er gar nicht dazu, als klebe er dort nur an und sei nicht immer

dagewesen. Die Hände des Knaben indessen waren sehr schön, sahen so aus,

als trügen sie den ganzen Schmerz und die ganze Schmach der Krankheit,

als hätten sie es übernommen, den ganzen Umfang, die ganze schöne Last

weinender Trauer zu tragen. Simon konnte nicht umhin, diese Hände einen

Moment länger, als ihm gestattet war, liebend zu betrachten; denn schon

wurde er aufgefordert, der Dame zu folgen, die ihn durch einen Korridor

in die Küche führte, wo sie sagte, daß er der Köchin, wenn keine

wichtigere Arbeit für ihn vorliege, behülflich zu sein hätte. Das tue er

sehr gern, entgegnete Simon, wobei er das Mädchen anblickte, das die

Herrin in der Küche zu sein schien. Darauf, am nächsten Morgen nämlich,

trat er seinen Dienst an, das heißt, der Dienst trat an ihn heran und

verlangte von ihm dieses und jenes und ließ ihm keine Zeit mehr übrig,

zu denken, ob es ein netter Dienst sei oder nicht. Die Nacht hatte er

bei dem Knaben, seinem jungen Herrn, zugebracht, schlafend und immer

wieder aufwachend; denn es war ihm befohlen worden, nur ganz leicht,

leise und oberflächlich, also absichtlich schlecht zu schlafen, damit er

sich daran gewöhne, schnell, bei jedem nur geflüsterten Ruf des Kranken,

aus dem Bett zu springen und nach des Knaben Befehle zu fragen. Simon

glaubte der Mann zu einem solchen Schlaf zu sein; denn wenn er gelinde

nachdachte, verachtete er den Schlaf und nahm gerne die Gelegenheit

wahr, die ihn nötigte, sich aus einem dichten und tiefen Schlaf nichts

zu machen. Am nächsten Morgen sodann spürte er nicht im geringsten, daß

er schlecht geschlafen habe, konnte aber auch nicht nachzählen, wie

oftmals er aus dem Bett aufgesprungen sei, und ging munter an die

Arbeit. Vorerst hatte er mit einem weißen, dicken Topf in der Hand auf

die Straße zu springen, um denselben dort von einer Frau mit frischer

Milch füllen zu lassen. Bei dieser Gelegenheit konnte er einen

Augenblick lang den erwachenden, feuchtglänzenden Tag betrachten, seine

beiden Augen damit trunken und feurig machen und wiederum die Treppe

hinaufspringen. Er machte die Beobachtung, daß ihm seine Glieder gut und

geschmeidig gehorchten, wenn er hinauf und hinunter eilte. Alsdann hatte

er, bevor die Frau noch aus ihrem Schlafe erwachte, mit dem Mädchen

gemeinschaftlich diejenigen Zimmer aufzuräumen, die ihm vorgeschrieben

waren: das Eßzimmer, den Salon und das Schreibzimmer. Der Boden mußte

mit einem Besen abgekehrt, die Teppiche abgebürstet, Tisch und Stühle

abgewischt, Fenster angehaucht und abgeputzt und alle im Zimmer

befindlichen Gegenstände angerührt, in die Hand genommen, gesäubert und

wieder an Ort und Stelle gelegt werden. Das alles mußte blitzschnell vor

sich gehen, aber Simon dachte, wenn er das dreimal gemacht habe, würde

er es mit geschlossenen Augen tun können. Nachdem diese Arbeit getan

war, bedeutete ihm das Mädchen, daß er jetzt ein Paar Schuhe reinigen

könne. Simon nahm die Schuhe in die Hand, wahrhaftig, es waren der Dame

ihre Schuhe. Schöne Schuhe waren es, zierliche Schuhe mit Pelzbesatz und

von so zartem Leder wie Seide. Simon hatte immer für Schuhe geschwärmt,

nicht für alle, nicht für grobe, aber für so seine immer, und nun hielt

er solch einen Schuh in der Hand und hatte die Pflicht, ihn zu säubern,

obgleich er eigentlich nichts daran zu säubern bemerkte. Immer schienen

ihm Füße von Frauen etwas Heiliges zu sein, und Schuhe glichen in seinen

Augen und Sinnen Kindern, glücklichen, bevorzugten Kindern, die das

Glück hatten, den feinbeweglichen, empfindlichen Fuß zu bekleiden und zu

umschließen. Welch eine schöne Erfindung der Menschen, solch ein Schuh,

dachte er, indem er daran mit einem Tuch herumwischte, um so zu tun, als

ob er putzte. Da wurde er von der Frau selber überrascht, die in die

Küche kam und ihn mit einem strengen Blick maß; Simon beeilte sich, ihr

Guten Tag zu sagen, worauf sie nur mit ihrem Kopf nickte. Simon fand das

allerliebst, ja entzückend, sich Guten Morgen sagen zu lassen und nur so

mit dem Kopf zu nicken als Erwiderung, als wolle man sagen: ja, lieber

Bursche, ja, ich danke dir, ich habe es gehört, es war sehr nett gesagt,

es hat mir gefallen!

»Sie müssen meine Schuhe besser putzen, Simon,« sagte die Frau.

Simon war sehr glücklich über ihren Tadel. Wie oft, wenn er durch heiße,

verbrannte, menschenleere Gassen geschlendert, absichtslos

herumgewandert war, empfand er in seinem Herzen Sehnsucht nach einem

bösen, bissigen Tadel, nach einem Schimpfwort, nach einem Fluch und

beleidigenden Ausruf, nur um die Gewißheit zu haben, nicht ganz allein,

nicht ganz ohne Teilnahme zu sein, und wenn die Teilnahme auch eine rohe

und verneinende gewesen wäre. »Wie lieb klingt dieser Tadel aus ihrem

Frauenmund,« dachte er, »wie bindet mich das an sie, wie sehr verbindet

und verknüpft und fesselt es, man fühlt solch einen Tadel wie eine

kleine, gar nicht sehr schmerzende Ohrfeige, eines Fehlers wegen, den

man begangen hat«; und Simon nahm sich im stillen vor, nur noch Fehler

zu begehen, nein, nicht gerade ausschließlich, denn das würde ihn zum

Tölpel gestempelt haben, aber regelmäßig kleinere Versehen, schön

beabsichtigt, um den Genuß zu haben, eine empfindliche und an Ordnung

gewöhnte Dame entrüstet zu sehen. Entrüstung, nein, nicht gerade

Entrüstung, sondern mehr ein Fragen, ein Staunen über seine, Simons

Ungeschicklichkeit. Dann hätte man Gelegenheit, in andern Punkten zu

glänzen, und so durfte man das Vergnügen haben, zu beobachten, wie sich

ein strenges und ärgerliches Gesicht in ein freundlicheres und

befriedigtes verwandelte. Welche Freude, sich einen Menschen zur

Zufriedenheit innig umzustimmen, wenn man ihn vorher gekränkt gesehen

hat. »Heute morgen bereits einen lieben Tadel geerntet,« dachte Simon,

und weiter: »wie angenehm ist es, der Getadelte zu sein, es ist

gewissermaßen ein reiferer, überlegener Zustand. Ich bin wie geschaffen

dazu, getadelt zu werden; denn ich empfinde den Tadel dankbar, und nur

solche verdienen freundschaftlich getadelt zu werden, die dafür durch

entsprechende Körperhaltung, die sie anzunehmen haben, zu danken

wissen.«

Simon stand wirklich entsprechend da, und er fühlte: »Nun erst bin ich

der Diener dieser Frau; denn sie tadelt mich, weil sie ein Recht in sich

fühlt, mich ohne viel Überlegen zurechtzuweisen, und dabei von mir ein

korrektes Schweigen erwartet. Wenn man einen untergebenen Beamten

tadelt, so schmerzt man ihn, und man trägt immer die geheime Absicht,

ihm auch wirklich weh zu tun durch das Merkenlassen der höheren Stufe,

die man einnimmt. Einen Diener tadelt man nur in der Absicht, ihn zu

belehren und zu erziehen, so wie man ihn haben will; denn ein Diener

gehört einem, während man mit einem untergebenen Beamten, wenn die

Feierabendstunde schlägt, menschlich weiter nichts mehr zu tun hat. Ich

zum Beispiel jetzt bin mit der Wärme des Herzens getadelt worden, dazu

kommt noch, daß der Tadel von einer Frau kommt, die zu den Frauen

gehört, die immer lieblich sind, wenn sie sich so etwas herausnehmen. In

der Tat, Damen muß man einen Tadel aussprechen hören, um zu der

Überzeugung zu gelangen, daß sie es besser verstehen als die Männer,

ohne kleinliche Kränkung einen Fehler zu rügen. Vielleicht ist das aber

falsch, und ich sehe, was, wenn es von einem Mann kommt, mich verletzt,

von Damen herkommend, nicht für beleidigend, sondern für aufmunternd an.

Einem Mann gegenüber empfinde ich immer die stolze Gleichstellung, einer

Dame gegenüber niemals, weil ich ein Mann bin, oder weil ich mich darauf

vorbereite, einer zu werden. Vor Frauen muß man sich entweder überlegen

oder unterlegen fühlen! -- Einem Kinde zu gehorchen, wenn es reizend

befiehlt, ist mir etwas Leichtes, dagegen einem Mann: Pfui! Nur Feigheit

und geschäftliche Interessen mögen einen Mann dazu veranlassen, vor

einem andern Mann zu kriechen: Niedrige Gründe, das! Aus diesem Grunde

bin ich froh, daß ich einer Frau zu gehorchen habe; denn das ist

natürlich, weil es niemals ehrverletzend sein kann. Eine Frau kann die

Ehre eines Mannes niemals verletzen, es sei denn beim Ehebruch, aber da

benimmt sich der in Frage kommende Mann meist als ein schwacher Tölpel,

den es gar nicht entehrt, wenn er betrogen wird, da ihn schon die

Möglichkeit des Betruges längst vorher in den Augen derer entehrt hat,

die ihn kannten. Unglücklich können Frauen machen, aber entehren können

sie niemals; denn das wirkliche Unglück ist keine Schande und kann nur

auf rohe Gemüter und Sinnesarten komisch wirken, auf solche Menschen,

die sich allerdings ihrerseits dann eine Unehre antun, es zu verlachen.«

»Kommen Sie!«

Geschwister Tanner · 第 12 / 22 段