Hedwig sagte eines Abends: »Ich möchte bald meinen, daß ich wie durch

eine leichte, aber undurchsichtbare Scheidewand vom Leben getrennt bin.

Aber ich kann nicht traurig darüber sein, sondern ich kann nur darüber

nachdenken. Andern Mädchen geht es vielleicht ebenso, ich weiß es nicht.

Vielleicht habe ich meinen Lebensberuf verfehlt, als ich meinte, einen

Beruf für das Leben lernen zu sollen. Wir Mädchen lernen ja doch nur

halb, es ist uns nicht um das Lernen zu tun. Wie sonderbar mir das jetzt

vorkommt, daß ich Lehrerin geworden bin. Warum bin ich nicht Modistin

geworden oder sonst etwas? Ich kann mir gar nicht mehr vorstellen,

welche Gefühle mich dazu getrieben haben, einen solchen Beruf zu

ergreifen, wie diesen. Was war es denn so Wunderbares, so

Verheißungsvolles, das mich damals erfaßte? Glaubte ich gar, eine

Wohltäterin zu werden, und glaubte ich, es werden zu müssen, die

Verpflichtung, die Sendung spüren zu müssen, es zu werden? Man glaubt so

Vieles, wenn man unerfahren ist, und die Erfahrungen machen einen wieder

an anderes glauben. Wie merkwürdig. Es liegt eine Härte gegen sich

selbst darin, das Leben so ernst aufzufassen, wie ich es aufgefaßt habe.

Ich muß es dir sagen, Simon: ich habe es zu ernst und zu heilig

aufgefaßt; ich habe nicht daran gedacht, daß ich ein Mädchen bin, als

ich unternahm, was nur Männer unternehmen sollten. Niemand hat mir

gesagt, daß ich ein Mädchen bin. Niemand hat mir geschmeichelt mit einer

solchen Bemerkung. Es hat niemand meiner so gedankenvoll gedacht, als es

wäre nötig gewesen, mir eine solche einfache Bemerkung zu machen, auf

die ich gehorcht hätte, wenn ich im ersten Augenblick auch die Empörte

gespielt hätte. Ich würde darauf gehorcht haben, wenn der Ton aus einem

Herzen gekommen wäre. Aber ich hörte nur Worte, oberflächliche und

leicht hingesprochene: »Tu das, tu das. Das ist gut, daß du einen Beruf

ergreifen willst. Macht dir alle Ehre.« Und so weiter. Eine sonderbare

Ehre, ein unglückliches, innerlich armes und sehnsüchtiges Mädchen zu

sein, wie jetzt ich mit dieser Ehre von Beruf. Ein Beruf ist eine Last

durchs Leben für einen Mann mit starken Schultern und vorwärtsstrebendem

Willen, ein Mädchen wie mich erdrückt er. Habe ich Freude an meinem

Beruf? Gar keine Spur, und ich bitte dich, erschrick nur nicht über

dieses Geständnis, das ich dir mache, weil du einer bist, dem man mit

einer Art Lust Geständnisse macht. Du verstehst mich, ich weiß es.

Andere würden mich vielleicht ebensogut verstehen, aber nicht gern, aus

diesem oder jenem Grunde. Du verstehst gern, weil du keine Gründe hast,

über einfache und offene Geständnisse zu erschrecken. Du lebst mein

ganzes Leben in dir mit, mit mir, deiner Schwester. Du bist eigentlich

zu gut dazu, nur mein Bruder zu sein. Es ist schade, daß du mir nicht

mehr sein kannst: Auch das würdest du gerne sein; denn du nickst mit

deinem Kopfe. Laß mich weiter erzählen. Wenn man dich als Zuhörer hat,

erzählt man gerne. So höre denn weiter, daß ich entschlossen bin, meine

Schulkarriere aufzugeben, und zwar bald; denn meine Kräfte halten dies

Leben nicht lange mehr aus. Ich glaubte, es wäre ein schönes Leben,

Kinder in die Welt hineinzuführen, sie zu unterrichten, ihnen die Seelen

für die Tugenden zu öffnen, sie zu überwachen und zu belehren. Es ist ja

auch eine ganz schöne Aufgabe, aber sie ist viel zu schwer für mich

Schwache; ich bin ihr nicht gewachsen, lange nicht. Ich glaubte, ich

wäre es, aber ich sehe das Gegenteil ein: mich zusammensinken sehe ich

unter meiner Aufgabe, die mir eine tägliche Erholung sein sollte und die

mir nur eine Last ist, die ich als ungebührlich und ungerecht empfinde.

Das, was einen niederdrückt, empfindet man als ungerecht. Unrecht,

dieses zu empfinden, sollte ich haben? Liegt nicht in meiner Empfindung

das Maß für mir zugefügtes Unrecht? Und was kann ich denn dafür, daß das

Unrecht in seiner Art unschuldig und süß ist: die Kinder? Die Kinder!

Ich kann sie nicht mehr ertragen. Ich freute mich in der ersten Zeit

über alle ihre Gesichter, über ihre kleinen Bewegungen, über ihren Eifer

und selbst über ihre Fehler. Ich freute mich über den Gedanken, mich

dieser jungen, schüchternen und hilflosen Menschenschar gewidmet zu

haben. Aber kann ein solcher einziger Gedanke über ein Leben

hinwegtäuschen, kann man ein ganzes Leben mit einer Idee hinwegdenken?

Wehe, wenn diese Idee und dieses Opfer einem eines Tages gleichgültig

werden, wenn man den Gedanken, der einem alles ersetzen soll, nicht mehr

mit so inniger Leidenschaft zu denken vermag, als es nötig ist, um den

Tausch in der Seele zu rechtfertigen. Wehe, wenn man überhaupt einen

Tausch merkt. Dann fängt man an zu grübeln, zu unterscheiden,

abzuschätzen, mit Wehmut und Zorn zu vergleichen, und ist unglücklich,

so wankelmütig und untreu geworden zu sein, und ist froh, wenn nur immer

ein Tag zu Ende ist, um in der Stille weinen zu können. Einmal nur mit

einem Hauch treulos, will man mit dem Lebensgedanken, der nur auf

vollkommener Hingabe beruht, nichts mehr zu tun haben und sagt sich: Ich

tu meine Pflicht, weiter denke ich an nichts mehr! Die Kinder blieben

mir immer lieb, sie sind mir immer lieb geblieben. Wem könnten Kinder

nicht lieb sein? Aber wenn ich unterrichte, denke ich an anderes, an

ferneres und weiteres, als ihre kleinen Seelen sind, und das ist der

Verrat, den ich an ihnen begehe, den ich nicht mehr mit ansehen will.

Eine Schullehrerin muß in den kleinen Dingen mit ihrer ganzen Liebe

untergehen, sonst vermag sie nicht Gewalt auszuüben, und ohne Gewalt

bleibt sie wertlos. Vielleicht ist das übertrieben gesprochen, und ich

bin auch fest davon überzeugt, daß alle, oder die meisten Menschen, zu

denen ich so spräche, diese Sprache übertrieben finden würden. Diese

Sprache aber entspricht meiner Auffassung vom Leben; da ist es wohl

unmöglich, daß ich anders sprechen könnte. Ich habe es noch nicht

gelernt, eine Zufriedenheit, eine Genugtuung, ein Wohlbefinden zu lügen,

das ich nicht empfinde, und ich glaube, man irrt sich, wenn man annimmt,

daß ich das je lernen werde. Ich bin zu schwach, um täuschen und

heucheln zu können, und ich erblicke, so scharf ich auch nachdenke,

keine Gründe, die das Vorlügen rechtfertigten. Wenn ich mit dir jetzt so

rede, so ist das nur die Ausnutzung eines Augenblickes, nach dem ich

mich schon lange gesehnt habe, um meine ganze Schwäche einmal entladen

zu können. Es tut einem so wohl, seine Schwäche eingestehen zu dürfen,

nach den Monaten der peinigenden Zurückhaltung, die eine Stärke

verlangte, deren ich nicht fähig bin. Ich bin der Pflichterfüllung, die

mir nicht schmeichelt, auf die Dauer nicht fähig, und ich suche jetzt

nach einer Arbeit, die meinem Stolz und meiner Schwäche zusagen wird. Ob

es mir gelingen wird? Ich weiß es wahrhaftig nicht, aber ich weiß nur,

und das bestimmt, daß ich suchen muß, bis ich die Überzeugung gefunden

habe, daß es ein Glück und eine Pflicht gibt, beides eines! Ich will

Erzieherin werden und habe bereits einer reichen, italienischen Dame

brieflich meine Dienste angeboten, in einem vielleicht zu langen Briefe,

in welchem ich ihr geschrieben habe, daß ich imstande sei, zwei Kinder,

ein Mädchen und einen Knaben, in allem Wünschenswerten zu unterrichten.

Ich habe in dem Briefe, ich weiß nicht, was alles, gesagt, daß ich die

Schulstube gerne mit der Kinderstube vertauschen möchte, daß ich die

Kinder liebe und achte, daß ich Klavier spielen und schöne Sachen

sticken könne und daß ich ein Mädchen sei, dem man nur mit Strenge zu

begegnen brauche, um ihm eine Wohltat zu erweisen. Ich habe mich sehr

stolz in dem Schreiben ausgedrückt, habe der Dame gesagt, daß ich zu

lieben, zu gehorchen verstände, aber nicht zu schmeicheln, daß ich wohl

schmeicheln könnte, aber nur dann, wenn ich es selber mir beföhle; daß

ich mir meine zukünftige Herrin lieber stolz und streng, als nachgiebig

vorstelle, daß es mir Schmerz und Enttäuschung bereiten würde, wenn ich

sie so fände, daß man sie, wenn man die Absicht hätte, leicht und frech

hintergehen könnte; daß ich nicht die Absicht hätte, zu ihr zu kommen,

um bei ihr auszuruhen, sondern daß ich hoffe, Arbeit für mein Herz und

auch für meine Hände zu bekommen. Ich habe ihr das Geständnis gemacht,

daß ich schon jetzt, in der Vorausahnung, ihre beiden Kinder innig

liebe, daß es mir an der nötigen Achtung vor Kindern nicht fehle, um

dieselben streng und zugleich hingebungsvoll zu erziehen, daß ich

erwarte, daß man mich gewähren lasse, ihr, der Dame, in diesem Sinn zu

dienen, daß ich eine zugleich heftige und gelassene Auffassung vom

Dienen hätte und daß ich nicht dazu zu bewegen wäre, von meiner

Auffassung abzuweichen. Zu glattem und speichelleckerischem Dienst sei

ich nicht zu gebrauchen, ebensowenig hätte ich das Talent, auf eine

unzarte, unstolze Weise zuvorkommend zu sein. Daß ich aber auf eine

milde Behandlung zu Gunsten einer kalten und strengen, wenn es nur

zugleich keine beleidigende sei, gern verzichtete, daß ich meinen Stand

sehr wohl und zu jeder Zeit von dem ihrigen abzumessen verstände, daß

ich keine Gerechtigkeit aber Stolz verlange, der ihr verbieten würde,

mir ungerecht zu begegnen und daß ich in meiner Seele entzückt wäre,

wenn sie mir, wenn auch nur einmal im Jahr, ein Zeichen gütiger

Zufriedenheit gäbe, das ich mehr zu schätzen wüßte als Vertraulichkeit,

die für mich erniedrigend und keine Gnade wäre, daß ich hoffe, eine Dame

zu finden, an der ich emporblicken könne, um zu lernen, wie man sich in

allen Fällen zu benehmen habe und daß sie nicht zu fürchten brauche, in

mir eine Schwätzerin in ihren Dienst zu nehmen, der es ein Vergnügen

wäre, ihre Geheimnisse auszuplaudern. Ich sagte ihr, daß ich nicht

imstande sei, zu sagen, wie gern ich sie bewundern und ihr gehorchen

möchte und ihr zeigen möchte, in welcher Weise ich es verstünde, ihr

niemals lästig zu fallen. Ich sprach dann die Befürchtung und zugleich

die Hoffnung aus, daß ich die Sprache ihres Landes, obwohl ich sie noch

gar nicht kenne, doch sicher bald lernen würde, wenn man mir nur zeigte,

wie ich mich dabei zu verhalten habe. Sonst wisse ich nichts, was mich

nicht dazu berechtige, in ihr Haus zu treten, sagte ich zum Schluß, als

vielleicht die Schüchternheit, die meinem Auftreten noch anklebe, die

ich aber zu überwinden hoffe; das Linkische und Unbeholfene sei sonst

nicht meine Natur -- --«

»Hast du den Brief schon abgeschickt?« fragte Simon.

»Ja,« fuhr Hedwig fort »was hätte mich daran sollen verhindern können.

Ich werde vielleicht bald von hier fortgehen, und die Abreise macht mir

Kummer; denn ich verlasse viel und werde vielleicht nichts dafür

bekommen, das mich das Weggeworfene und im Stich Gelassene vergessen

ließe. Trotzdem bin ich fest entschlossen wegzugehen; denn ich mag nicht

mehr allein sein mit meinen Träumen. Auch du gehst ja bald fort, und was

sollte ich dann noch hier? Du lassest mich wie einen Brocken, wie einen

schlecht gewordenen Gegenstand zurück, oder vielmehr so: der ganze Ort,

das Dorf, alles hier ist dann der Brocken, der verlassene, unbeachtete

und weggeworfene Gegenstand, und ich dann noch mitten drin? Nein, ich

habe mich zu sehr daran gewöhnt, das Leben, das wir hier führen, mit

Hilfe deiner Augen anzusehen, es schön zu finden, so lange du es schön

fandest; und du fandest es schön, und so fand ich es auch noch schön.

Aber weiter würde ich es nicht mehr schön und groß genug für mich

finden, ich würde es verachten, weil es eng und stumpf wäre, und es wäre

auch eng und stumpf durch meine gleichgültige Verachtung. Ich kann nicht

leben und mein Leben verachten. Ich muß mir ein Leben suchen, ein neues,

und wenn das ganze Leben auch nur in einem einzigen Suchen nach Leben

bestehen sollte. Was ist das: geachtet zu sein, gegen das andere:

glücklich zu sein und den Stolz des Herzens befriedigt zu haben. Auch

unglücklich zu sein ist noch schöner als geachtet zu sein. Ich bin

unglücklich, trotz der Achtung, die ich genieße; ich verdiene vor mir

diese Achtung also nicht; denn in meinen Augen ist nur das Glück

achtenswert. Infolgedessen muß ich versuchen, ob es möglich ist,

glücklich zu sein, ohne Achtung zu beanspruchen. Vielleicht gibt es ein

Glück dieser Art für mich und eine Achtung, die man der Liebe und der

Sehnsucht zollt, nicht der Klugheit. Ich will nicht deshalb unglücklich

sein, weil mir der Mut fehlte, mir einzugestehen, daß man unglücklich

werden kann, weil man versuchte, glücklich zu werden. Solches Unglück

ist achtenswert, das andere nicht; denn Mangel an Mut kann man nicht

achten. Wie kann ich länger zusehn, daß ich mich zu einem solchen Leben

verdamme, das nur Achtung einbringt und nur Achtung von Andern, die

einen immer so haben wollen, wie es ihnen am besten paßt! Warum soll es

das? Und warum muß man die Erfahrung machen, daß das, was es einem

eingebracht hat, zum Schluß nichts wert ist? Da hat man dann gesorgt und

gehütet und gewartet und ist nur genarrt worden. Es ist bitter unklug,

auf etwas warten zu wollen; es kommt nicht zu uns, wenn wir nicht

hingehen und es uns holen. Freilich, es wird einem so viel Furcht

eingejagt von Fürchtlingen, die um einen besorgt scheinen. Ich hasse sie

jetzt beinahe, die den Kopf schütteln, sobald man nur etwas Mutiges

sagt. Wie würden die sich erst betragen, wenn sie hörten, daß man das

Mutheischende zur Ausführung gebracht hat. Wie diese vielen Ratgeber

schwinden vor der Herzensgewalt einer frei vollbrachten Tat! Und wie sie

einen knechten mit ihrer süßlichen Liebe, wenn man diesen Mut nicht

findet und sich ihnen ausliefert. Man wird mich hier mit vielem Bedauern

wegziehen sehen und es nicht verstehen wollen, warum ich einen so

angenehmen und ersprießlichen Platz verlasse; und auch ich verlasse das

Land mit einem Gefühl, das mich noch immer überreden möchte, hier zu

bleiben. Ich habe geträumt, Bäuerin zu werden, einem Mann anzugehören,

einem einfachen und zarten Menschen, ein Heim zu besitzen mit einem

Stück Land und Stück Garten, wozu ein Stück Himmel gehört hätte, zu

bauen und zu pflanzen, keine weitere Liebe als Achtung zu verlangen und

das Entzücken zu haben, meine Kinder aufwachsen zu sehen, womit ich mich

für allen Verlust einer tieferen Liebe entschädigt gefunden hätte. Der

Himmel würde die Erde berührt haben, ein Tag hätte den andern in die

Zeiten hinuntergerollt, und ich wäre unter Sorgen eine alte Frau

geworden, die an sonnigen Sonntagen unter der Haustüre gestanden und die

Vorübergehenden beinahe schon verständnislos angeblickt hätte. Ich würde

dann nie wieder nach Glück gestrebt und heißere Empfindungen vergessen

haben, hätte meinem Manne und seinen Geboten und dem gehorcht, was mir

als Pflicht würde vorgeschwebt haben. Und ich hätte gewußt, was einer

Bäuerin Pflicht wäre. Meine Träume wären mit den Tagen wie Abende

eingeschlafen und würden nie mehr wieder etwas gefordert haben. Ich

würde zufrieden und heiter gewesen sein, zufrieden, weil ich nichts

anderes gewußt, und heiter, weil es sich nicht geziemt hätte, meinem

Manne eine unmutige Stirne mit dunklen Sorgen zu zeigen. Mein Mann würde

vielleicht den Takt besessen haben, in der ersten Zeit, da noch vieles

heißer gedrängt und gepocht hätte, mich zu schonen und mich sanft für

meine kommende Aufgabe zu erziehen, was ich dankbar würde haben

geschehen lassen mit mir; dann wäre es auch gegangen, und eines Tages

würde ich verwundert an mir die Beobachtung gemacht haben, daß ich

innerlich Frauen von heftiger und sehnsüchtiger Gemütsart, das heißt,

solche von meinem eigenen früheren Schlag, nicht mehr dulden mochte,

weil ich sie für gefährlich und schädlich hielte. Mit einem Wort: ich

würde geworden sein wie die andern und würde das Leben verstanden haben,

wie die andern es verstehen. Doch das alles blieb nur ein Traum. Einem

andern als dir würde ich mich hüten, so etwas zu sagen. Vor dir werden

Träumende nicht lächerlich, auch verachtest du niemanden, weil er

träumt, denn du verachtest überhaupt niemanden. Ich bin auch sonst gar

nicht ein so überspanntes Mädchen. Wie käme ich dazu! Ich habe jetzt nur

ein wenig zu viel gesprochen, und wenn ich so spreche, spreche ich

leicht etwas zu viel. Man möchte alle seine Gefühle erläutern und kann

es doch nie, man redet sich nur in eine Heftigkeit hinein. Komm, gehen

wir zu Bett.« --

Sie sagte sanft und ruhig Gute Nacht.

»Ich bin doch froh,« sagte sie am andern Morgen, »daß ich noch hier bin.

Wie kann man sich nur so stürmisch von einer Stelle wegwünschen. Als ob

es hierauf ankäme! Ich muß beinahe lachen und schäme mich ein wenig,

gestern so mitteilsam gewesen zu sein. Und doch bin ich froh; denn

einmal muß man sich aussprechen. Wie du gestern mir nur so geduldig

zuhören konntest, Simon! So beinahe andächtig! Und doch bin ich auch

darüber froh. Am Abend ist man nicht wie am Morgen, nein, so ganz

anders, so verschieden im Ausdruck und im Empfinden. Eine einzige Nacht

ruhig geschlafen zu haben, das kann, habe ich gehört, einen Menschen

ganz verändern. Ich glaube es wohl. Gestern so gesprochen zu haben,

kommt mir heute am hellen Morgen wie ein ängstlicher, übertriebener,

trauriger Traum vor. Was war es denn nur! Soll man denn die Dinge so

reizbar schwernehmen? Denke gar nicht mehr daran! Ich muß gestern müde

gewesen sein, so wie ich immer des Abends müde bin, aber jetzt bin ich

so leicht, so gesund, so frisch, wie neu geboren. Ich habe ein so

gelenkiges Gefühl, als hebe mich jemand empor, als trüge mich etwas, wie

man jemand trägt in einer Sänfte. Mach die Fenster auf, indes ich noch

im Bett liege. Es ist so schön, im Bett zu liegen, wenn die Fenster

aufgemacht werden, so wie du es jetzt tust. Wo nehme ich nur all die

Fröhlichkeit her, die mich jetzt ganz einhüllt. Draußen scheint mir die

schöne Gegend zu tanzen, die Luft dringt zu mir hinein. Ist es heute

Sonntag? Wenn nicht, so ist es ein Tag wie geschaffen zum Sonntag.

Siehst du die Geranien? Sie stehen so schön vor dem Fenster. Was wollte

ich gestern? Glück? Habe ich es denn nicht schon jetzt? Soll man erst

suchen müssen in der unbekannten Ferne, unter den Menschen, die gewiß

gar keine Zeit haben, an das Glück zu denken? Es ist gut, wenn man für

Vieles nicht Zeit hat, recht gut, denn, hätte man Zeit, so würde man ja

sterben vor lauter Anmaßung. Wie hell ist mir jetzt im Kopf. Nicht ein

einziger Gedanke mehr, der nicht, wie seine Herrin, nämlich ich, froh

und leicht daläge, ganz ebenso wie ich. Willst du mir das Frühstück ans

Bett bringen, Simon? Es würde mir Spaß machen, mich von dir bedienen zu

lassen, wie wenn ich eine portugiesische Noblesse wäre und du ein

Mohrenkind, das meinen leisesten Wink verstände. Natürlich bringst du

mir das Verlangte. Warum solltest du dich weigern, mir eine

Aufmerksamkeit zu erweisen? Seit wie lange bist du jetzt bei mir? Warte

einmal, es war Winter, als du ankamst, der Schnee fiel, ich weiß es noch

so gut, und seitdem, wie viele schöne und regnerische Tage sind schon

vorbeigegangen. Jetzt wirst du bald gehen; aber mir das Vergnügen

stehlen, dich noch ein paar weitere Tage bei mir zu haben, das darfst du

nicht. Nach drei Tagen werde ich zu dir sagen: »Bleib noch drei«, und du

wirst dich ebensowenig widersetzen können, als jetzt, da du mir das

Frühstück an mein Bett bringst. Du bist ein merkwürdig widerstandsloser

und skrupelloser Mensch. Was man von dir verlangt, das tust du. Du

willst alles, was man will. Ich glaube, man könnte von dir viel

Ungebührliches verlangen, ehe du es einem übel nähmest. Man kann sich

eines gewissen verächtlichen Gefühles dir gegenüber nicht enthalten. Ein

ganz klein wenig verachte ich dich, Simon! Aber ich weiß, es macht dir

nichts wenn man so zu dir spricht. Ich halte dich übrigens für einer

Heldentat fähig, wenn es dir darauf ankommt. Sieh, ich denke doch ganz

gut von dir. Dir gegenüber erlaubt man sich alles. Dein Betragen erlöst

anderer Betragen von jeder Art Unfreiheit. Ich habe dir früher Ohrfeigen

gegeben, ich habe dich stets der Mutter zur Bestrafung angezeigt, wenn

du Übeltaten verrichtetest, jetzt bitte ich dich, mir einen Kuß zu

geben, oder so: laß mich dir lieber einen geben. Auf die Stirn, ganz

behutsam! So! Ich bin wie eine Heilige heute am Tag gegen gestern am

Abend. Ich habe ein Gefühl für kommende Zeiten und lasse nun alles

kommen. Lache nur nicht! Es würde mich übrigens freuen, wenn du

lachtest; denn das ist für den frühen, blauen Morgen der passendste

Laut. Nun bitte ich dich, aus dem Zimmer zu gehen und mir die Freiheit

zu lassen, mich anzukleiden.« --

Simon ließ sie allein.

»Ich bin immer daran gewöhnt gewesen,« sagte Hedwig im Laufe des Tages

zu Simon, »dich als etwas mir Unterlegenes zu behandeln. Vielleicht

halten es andere Menschen mit dir auch so. Du machst wenig den Eindruck

der Klugheit, viel mehr den der Liebe, und du weißt, wie man diese

Empfindung ungefähr einschätzt. Ich glaube nicht, daß du je mit deinem

Tun und Trachten Erfolg haben wirst unter den Menschen, aber du wirst

dir sicher auch nie deswegen einen kummervollen Gedanken machen, was

dir, so wie ich dich kenne, wenigstens nicht ähnlich sähe. Nur die dich

kennen, werden dich tieferer Empfindung und kühner Gedanken für fähig

erachten, die andern nicht. Das ist der Schwerpunkt und die Ursache,

weshalb du sehr wahrscheinlich im Leben erfolglos bleibst: Man muß dich

immer erst kennen lernen, ehe man dir glaubt, und das nimmt Zeit in

Anspruch. Der erste Eindruck, der den Erfolg macht, wird dir immer

versagen, aber du wirst deswegen deine Ruhe keineswegs verlieren. Dich

werden nicht viele Menschen lieben, aber es wird etliche unter ihnen

geben, die sich alles von dir versprechen. Das werden einfache und gute

Menschen sein, denen du gefallen wirst; denn deine Blödigkeit kann sehr

weit gehen. Du hast etwas Blödes an dir, etwas Unzurechnungsfähiges,

etwas, wie soll ich sagen, Unbekümmert-Läppisches. Das wird Viele

beleidigen, man wird dich frech nennen, und du wirst viele unfeine, früh

mit ihrem Urteil über dich fertige Feinde haben, die dir zu schwitzen

geben können; doch wird dir das nie Angst einjagen. Andere werden dir

immer unzart und du wirst andern immer unverschämt vorkommen; das wird

Reibereien geben, sieh dich vor! In einer größeren Gesellschaft von

Menschen, wo es doch darauf ankommt, daß man sich zeigt und beliebt

macht durch hervorragendes Sprechen, wirst du immer stumm bleiben, weil

es dich nicht reizt, den Mund noch aufzutun, wo schon so viele

durcheinanderschwatzen. Man wird dich infolgedessen übersehen: du wirst

dann trotzig und benimmst dich unschicklich. Dagegen werden es manche

Menschen, die dich kennen gelernt haben, für einen Vorzug halten, mit

dir allein ein herzliches Gespräch zu führen; denn du verstehst es,

zuzuhorchen, und das ist im Gespräch vielleicht wichtiger, als selbst

das Sprechen. Man wird gern einem verschwiegenen Menschen, wie dir,

Geheimnisse und Seelenangelegenheiten anvertrauen, und du wirst dich im

diskreten Verschweigen und Aussprechen meist als Meister erweisen,

unbewußt, meine ich, nicht als ob du dir irgendwelche Mühe dabei gäbest.

Du sprichst ein bißchen schwerfällig, hast einen etwas plumpen Mund, der

sich zuerst öffnet und offen bleibt, ehe du zu sprechen anfängst, als

erwartetest du die Worte von außen aus irgend einer Richtung her, daß

sie dir in den Mund hineinflögen. Du wirst den meisten Menschen eine

uninteressante Erscheinung sein, fade für die Mädchen, unbedeutend für

Frauen, absolut unvertrauensvoll und unenergisch für Männer. Ändere dich

doch da ein wenig, wenn es in deiner Macht steht! Gib etwas mehr acht

auf dich und sei eitler; denn ganz und gar nicht eitel sein, das wirst

du bald selbst für einen Fehler halten müssen. Zum Beispiel, Simon, sieh

dir doch einmal wieder deine Hosen an: Unten zerfetzt! Allerdings, und

ich weiß schon: es sind nur Hosen, aber Hosen sollen ebensogut in Stand

gesetzt sein wie Seelen, denn es zeugt doch von Nachlässigkeit,

zerrissene und zerfetzte Hosen zu tragen, und die Nachlässigkeit kommt

aus der Seele. Du mußt also auch eine zerfetzte Seele haben. Was ich dir

noch sagen wollte: Du glaubst doch nicht etwa, daß ich dies im Scherz

gesagt habe? Da lacht er. Hältst du mich nicht für ein bißchen

erfahrener als dich? Doch nein! Du bist erfahrener, aber indem ich sage,

daß dir noch vieles zu erfahren bevorsteht, beweise ich doch sicher auch

wiederum Erfahrung. Oder etwa nicht?« --

Sie dachte eine Weile nach, und fuhr dann fort:

»Wenn du nun, was ja bald geschehen muß, von mir fort bist, so schreibe

mir nicht. Ich will es nicht. Du sollst nicht meinen, du müßtest

verpflichtet sein, mir von deinem ferneren Treiben eine Nachricht

zukommen zu lassen. Vernachlässige mich, wie du es früher auch getan

hast. Was sollte uns beiden das Schreiben nützen? Ich werde hier weiter

leben und es als einen Genuß empfinden, öfters daran zu denken, daß du

drei Monate lang da warst. Die Gegend wird mich emportragen und mir dein

Bild zeigen. Ich werde alle die Orte aufsuchen, die wir zusammen schön

gefunden haben, und ich werde sie noch schöner finden; denn ein Fehler,

ein Verlust macht die Dinge noch schöner. Mir und der ganzen Gegend wird

etwas fehlen, aber diese Lücke und selbst dieser Fehler werden meinem

Leben noch innigere Empfindungen aufdrücken. Ich bin nicht aufgelegt,

einen Mangel als einen Druck zu empfinden. Wie käme ich dazu! Im

Gegenteil: etwas Befreiendes, Erleichterndes liegt darin. Und dann:

Lücken sind dazu da, um mit etwas Neuem gefüllt zu werden. Am Morgen

werde ich, wenn ich im Begriffe bin aufzustehen, glauben, deinen Schritt

und deinen Kopf und deine Stimme zu vernehmen, und lächeln über die

Täuschung. Weißt du was: ich habe die Täuschungen lieb, und du mußt sie

ebenfalls lieb haben, ich weiß es. Merkwürdig, wie viel ich zusammenrede

in diesen Tagen. Diese Tage! Ich meine, die Tage müßten jetzt selber

fühlen, wie kostbar sie mir sind und müssen, aus Rücksicht auf mich,

langsamer, gedehnter, träger und verweilerischer auftreten, auch leiser!

Sie tun es auch. Ich spüre ihr Nahen wie einen Kuß und ihr dunkles sich

Entfernen wie einen Händedruck, wie ein Winken mit einer lieben,

bekannten Hand. Die Nächte! Wie viele Nächte hast du bei mir geschlafen,

schön geschlafen; denn du verstehst zu schlafen, da drüben in der

Kammer, im Strohbett, das bald nun herrenlos und schlaflos sein wird.

Die Nächte, die jetzt noch kommen, werden nur schüchtern herankommen zu

mir, wie kleine, schuldbewußte Kinder mit gesenkten Augen zum Vater oder

zur Mutter kommen. Die Nächte werden weniger still sein, Simon, wenn du

fort bist und ich will dir sagen warum: du warst so still in der Nacht,

du vermehrtest mit deinem Schlaf die Stille. Wir waren zwei stille,

ruhige Menschen während allen diesen Nächten; nun werde ich allein still

sein müssen, etwas gezwungen, und es wird weniger still sein; denn ich

werde mich öfters im Dunkel im Bett aufrichten und auf irgend etwas

aufhorchen. Dann werde ich fühlen, daß es viel weniger still mehr ist.

Vielleicht werde ich dann weinen, gar nicht etwa wegen dir, und ich

bitte dich, dir nichts darauf einzubilden. Seh einer doch, da will er

sich gleich etwas vormachen. Nein, nein, Simon, wegen dir wird niemand

weinen. Wenn du fort bist, bist du fort. Das ist alles. Glaubst du, um

dich könnte man weinen? Keine Rede. Das darf dir nie in den Sinn kommen.

Man spürt, daß du fort bist, man merkt es sich, aber weiter? Etwa

Sehnsucht, oder dergleichen? Nach einem Menschen von deinem Schlag

empfindet niemand Sehnsucht. Du weckst keine. Kein Herz wird dir je

nachzittern! Dir einen Gedanken weihen? I, was! Ja, nachlässig, so wie

man eine Nadel aus der Hand fallen läßt, wird man gelegentlich deiner

gedenken. Mehr verdienst du auch nicht, und wenn du hundert Jahre alt

würdest. Du hast nicht das mindeste Talent, Andenken zu hinterlassen. Du

hinterlässest auch gar nichts. Ich wüßte nicht, was du hinterlassen

könntest; denn du besitzest ja gar nichts. Du hast keine Ursache, so

frech zu lachen, ich spreche im Ernst. Geh mir aus den Augen!

Marsch!« --

* * * * *

Während der folgenden Tage war schlechtes, regnerisches Wetter, auch das

war wiederum ein Anlaß zum Dableiben. Simon konnte doch nicht bei diesem

Wetter seine Reise antreten. Er hätte gekonnt, ja, aber mußte es denn

gerade bei schlechtem Wetter sein? So blieb er noch. Einen oder zwei

Tage, mehr nicht, dachte er. Er saß beinahe den ganzen Tag in dem

leeren, großen Schulzimmer und las in einem Roman, den er noch fertig zu

lesen wünschte, ehe er ging. Manchmal lief er zwischen den Reihen von

Bänken auf und ab, immer das Buch in der Hand, dessen Inhalt ihn so sehr

fesselte, daß er mit seinen Gedanken nicht davon wegkam. Er kam nicht

vorwärts mit seinem Lesen; denn immer blieb er stecken in Gedanken. Ich

lese noch so lange, als es noch regnet, dachte er; wenn es schönes

Wetter wird, muß ich fortfahren, aber nicht mit Lesen, sondern

fortfahren, und zwar wirklich.

Hedwig sagte am letzten Tag zu ihm:

Geschwister Tanner · 第 11 / 22 段