Ich bin hier mit dem Schnee in ein Haus auf dem Lande gekommen, und

obschon ich nicht der Herr dieses Hauses bin, noch die Absicht hege, es

zu werden, kann ich mich doch als solcher fühlen und bin vielleicht

glücklicher als der Besitzer einer Staatswohnung. Nicht einmal das

Zimmer, in dem ich wohne, gehört mir, sondern einer sanften, lieben

Lehrerin, die mich beherbergt und mir, wenn ich hungrig bin, zu essen

gibt. Ich bin gerne ein solcher Kerl, der von anderer Menschen

freundlicher Gnade abhängt, weil ich überhaupt gerne von jemandem

abhängig bin, um den Jemand lieb zu haben und aufzuhorchen, ob ich seine

Güte noch nicht verscherzt habe. Man muß ein eigenes Betragen für diesen

Zustand der holdesten aller Unfreiheiten annehmen, ein Benehmen zwischen

Frechheit und zarter, leiser, natürlicher Aufmerksamkeit, und ich

verstehe das vortrefflich. Man darf vor allen Dingen den Gastgeber nie

fühlen lassen, daß man ihm dankbar ist; damit zeigte man eine

Schüchternheit und Feigheit, die den Gebenden beleidigen müßte. Im

Herzen betet man den Gütigen an, der einen unter das Dach ruft, aber es

spräche von wenig Empfindung, wollte man ihm so vorlaut den Dank zeigen,

den er gar nicht empfangen will, da er nicht gegeben hat und noch gibt,

um irgend etwas Bettelhaftes dafür einzuheimsen. Dank unter gewissen

Umständen ist einfach Bettel. Weiter nichts. Und dann noch eines: Auf

dem Lande ist der Dank mehr schweigend und still als geschwätzig. Der

zum Dank Verpflichtete hat seine Art Betragen, weil er sieht, daß sein

Gegenstück ebenfalls so eine Art hat. Feine Geber sind beinahe noch

schüchterner als der Nehmer, und sie sind froh, wenn die Nehmer

unbefangen hinnehmen, damit sie, die Geber, mit Anstand und ohne viel

Federlesens geben können. Meine Lehrerin ist übrigens meine Schwester,

aber dieser Umstand hinderte sie nicht daran, mich Tagedieb fortzujagen,

wenn sie den Wunsch dazu in sich verspürte. Sie ist tapfer und

aufrichtig. Sie hat mich mit einem Gemisch von Liebe und Mißtrauen

empfangen, freilich, denn sie mußte denken, daß der Lump von Bruder nur

daher gesegelt und gewackelt komme, zu ihr, der seßhaften Schwester,

weil er in Gottes Welt nicht mehr wußte, wohin! Das mußte etwas

Störendes und Verletzendes für sie haben, der ich, wenn es darauf ankam,

monate-, ja jahrelang keinen Brief geschrieben habe. Sie mußte ja

denken, daß ich nur komme, um meinen eigenen Leib zu pflegen, für den es

wahrhaftig zeitweise nicht schade wäre, wenn er geprügelt würde, und

nicht deshalb, um mit Sorgen eine Schwester aufzusuchen. Das hat sich

indessen geändert, die Empfindlichkeiten sind gestorben und wir leben

jetzt nicht mehr wie Blutsverwandte, sondern wie Kameraden zusammen, die

trefflich miteinander auskommen. Ach, auf dem Lande ist es zwei Menschen

leicht, gut miteinander auszukommen. Es gibt da eine Art, schneller alle

Heimlichkeiten und alles Mißtrauen abzuwerfen und eine Art, sich heller

und lustiger zu lieben, als in der gedrängten Stadt voll drängender

Menschen und Tagessorgen. Auf dem Lande kennt selbst der Ärmste weniger

Sorgen, als der viel weniger Arme in der Stadt; denn dort wird alles am

Gerede und Tun der Menschen gemessen, während hier die Sorge ruhig

weitersorgt und der Schmerz in Schmerzen seinen natürlichen Untergang

findet. In der Stadt geht alles darauf los, reich zu werden, deshalb

sind so viele, die sich bitter arm vorkommen, aber auf dem Lande wird,

wenigstens zum großen Teil, der Arme nicht durch den immerwährenden

Vergleich mit dem Reichtum verletzt. Er kann ruhig mit seiner Armut

weiteratmen; denn er hat einen Himmel, zu dem er aufatmen kann. Was ist

in der Stadt der Himmel! -- Ich selbst besitze nur noch ein kleines

Silberstück an Geld, und das muß für die Wäsche reichen. Auch meine

Schwester, die vor mir keinerlei Geheimnisse, als ganz unsagbare, hat,

gesteht mir, daß ihr Geld ausgegangen sei. Nun, wir sind ganz ruhig. Wir

bekommen saftiges Brot und frische Eier und duftenden Kuchen, soviel wir

nur wollen. Die Kinder bringen uns das alles, denen es die Eltern für

die Lehrerin mitgeben. Auf dem Lande weiß man noch zu geben, daß es

denjenigen ehrt, der nimmt. In der Stadt muß man sich nachgerade vor dem

Geben fürchten, weil es den Nehmer zu schänden angefangen hat, ich weiß

wahrhaftig nicht aus welchen Gründen, vielleicht, weil man in der Stadt

unverschämt wird dem gütigen Geber gegenüber. Man hütet sich da, ein

edles Mitempfinden für den Darbenden an den Tag zu legen und gibt nur

verstohlen, oder unter unschönen Reklamen. Welch eine heillose Schwäche,

sich vor den Armen zu fürchten und seinen Reichtum so selbst zu

verzehren, statt ihm den Glanz zu verleihen, den eine Königin bekommt,

wenn sie ihre Hand einer schlechten Bettlerin entgegenstreckt. Ich halte

es für ein Unglück, in der Stadt arm zu sein, weil man nicht bitten

darf, da man fühlt, daß das Geben voll Güte nicht an der Tagesordnung

ist. Eines bleibt wenigstens wahr: Lieber nicht geben und gar kein

Mitleiden mehr fühlen, als es unwillig tun, mit dem Bewußtsein, sich

einer Schwäche hingegeben zu haben. Auf dem Lande ist man nicht schwach,

wenn man gibt, sondern man will geben und gibt sich manchmal geradezu

eine Ehre, geben zu dürfen. Wer sich vor dem Geben hütet, wird

sicherlich einmal, wenn der Fall eintritt, daß er niedergeworfen von

Schicksalen aller Art wird, und bitten muß, schlecht bitten und

ungraziös und verlegen, also wirklich bettelhaft in Empfang nehmen. Wie

abscheulich von den mit Gütern Gesegneten, die Armen ignorieren zu

wollen. Besser, man peinige sie, zwinge sie zu Fronen, lasse sie Druck

und Schläge fühlen, so entsteht doch ein Zusammenhang, eine Wut, ein

Herzklopfen und das ist auch eine Art Verbindung. Aber sich in eleganten

Häusern, hinter goldenen Gartengittern verkrochen zu halten und sich zu

fürchten, den Hauch warmer Menschen zu spüren, keinen Aufwand mehr

treiben zu dürfen, aus Furcht, er könnte von den erbitterten Gedrückten

wahrgenommen werden, drücken und doch den Mut nicht besitzen, zu zeigen,

daß man ein Unterdrücker ist, seine Unterdrückten noch zu fürchten, sich

in seinem Reichtum weder wohl zu fühlen, noch andere wohl sein zu

lassen, unschöne Waffen zu gebrauchen, die keinen echten Trotz und

Mannesmut voraussetzen, Geld zu haben, nur Geld, und doch damit keine

Pracht: Das ist gegenwärtig das Bild der Städte, und es scheint mir ein

unschönes, der Verbesserung bedürftiges Bild zu sein. Auf dem Lande ist

es noch nicht so. Hier weiß der arme Teufel besser, woran er ist; er

darf mit einem gesunden Neid zu den Reichen und Wohlhabenden

emporblicken und man gestattet ihm das, denn das vermehrt die Würde

desjenigen, der von solchen Blicken betroffen wird. Die Sehnsucht, ein

eigenes Heim zu besitzen, ist auf dem Lande eine tiefbegründete und

reicht bis zu Gott hinauf. Denn hier, unter dem geöffneten weiten

Himmel, ist es eine Wonne, ein schönes geräumiges Haus zu besitzen. Das

ist in der Stadt nicht so. Dort kann der Emporkömmling neben dem Grafen

aus uraltem Geschlecht wohnen, ja, das Geld kann Wohnungen und heilige

alte Gebäude wegreißen, wie es will. Wer möchte in der Stadt Besitzer

eines Hauses sein? Das ist dort bloß ein Geschäft, nicht ein Stolz und

eine Freude. Die Häuser sind bis oben hinauf von den verschiedenartigsten

Menschen bewohnt, die alle aneinander vorübergehen, ohne

sich zu kennen, ohne den Wunsch zu äußern, sich kennen lernen zu

dürfen. Ist das ein Haus? Und lange, lange Straßen sind dort voll

solcher Häuser, denen man, um sie richtig zu bezeichnen, einen

merkwürdigen neuen Namen geben müßte. Auf dem Lande geschieht im Grunde

genommen auch mehr, als in der Stadt; denn dort liest man die

Geschehnisse kalt und gelangweilt aus der Zeitung, während sie hier von

Mund zu Mund fieberisch und atemlos erzählt werden. Vielleicht kommt auf

dem Lande jedes Jahr einmal etwas vor, aber dann war es ein Miterlebnis

für alle. Ein Dorf in allen seinen versteckten Winkeln ist überhaupt

fast immer belebter und mit Intelligenz gefüllter, als der Städter meist

anzunehmen beliebt. Wie manche alte Frau mit Gesichtszügen, die für

eines jeden Menschen Großmutter vielleicht passen würden, sitzt nicht

hinter der weißen Gardine eines Fensters und könnte Dinge von innigem

Zauber erzählen, und manches Dorfkind ist viel weiter vorgeschritten in

der Bildung des Gemütes und Verstandes als man gerne voraussetzen

möchte. Schon oft ist es vorgekommen, daß ein solches Dorfkind, wenn es

in die Stadtschule versetzt wurde, seine neuen Kameradinnen in Erstaunen

ob seines gut entwickelten Geistes gesetzt hat. Aber ich will die Stadt

nicht schmähen und das Land nicht über Gebühr preisen. Hier sind die

Tage nur so schön, daß man leicht die Stadt vergessen lernt. Sie wecken

eine stille Sehnsucht in die Weite, aber man möchte doch nicht

weitergehen. Es ist ein Gehen in allem und ein Kommen in allem. Wenn die

Tage Abschied nehmen, so geben sie die wundervollen Abende dafür, an

denen man spazieren geht, auf Wegen, die der Abend scheint entdeckt zu

haben, und die man entdeckt für den Abend. Die Häuser treten weiter

hervor, und die Fenster glänzen. Selbst wenn es regnet, bleibt es schön;

denn da denkt man, es ist gut, daß es regnet. Seit ich hierher gekommen

bin, ist es beinahe Frühling geworden und es wird immer mehr Frühling,

die Türen und Fenster dürfen offen gelassen werden, wir fangen an, den

Garten umzustechen, die andern haben es alle schon getan. Wir sind die

Spätesten, und das schickt sich auch für uns. Ein ganzes Fuder

schwarzer, feuchter, teurer Erde hat man bei uns abgeladen, diese Erde

muß mit der bereits vorhandenen Gartenerde vermengt werden. Das wird

eine Arbeit für mich geben, auf die ich mich, so unwahrscheinlich es

klingt, wenn ich es sage, freue. Ich bin kein geborner Faulenzer, nein,

ich bin nur ein Tagedieb, weil mich verschiedene Amtstuben und Notare

nicht beschäftigen wollen, weil sie keine Ahnung davon haben, was ich

ihnen nützen könnte. Ich klopfe alle Sonnabende die Teppiche aus, auch

eine Arbeit, und bin befleißigt, das Kochen zu lernen, auch ein Streben.

Nach dem Essen trockne ich das Geschirr ab und plaudere mit der

Lehrerin; denn es gibt vieles zu sagen und zu erörtern zwischen uns und

ich plaudere gern mit einer Schwester. Am Morgen kehre ich die Stube aus

und trage Pakete auf die Post, komme heim und sinne darüber nach, was

weiter zu tun ist. Gewöhnlich ist nichts zu tun und so gehe ich in den

Wald hinunter und sitze dort solange unter den Buchen, bis es Zeit ist,

oder bis ich glaube, daß es Zeit ist, wieder nach Hause zu gehen. Wenn

ich die Menschen arbeiten sehe, so schäme ich mich unwillkürlich, keine

Beschäftigung zu haben, aber ich finde, daß ich nicht mehr tun kann, als

das eben empfinden. Der Tag kommt mir vor wie mir zugeworfen von einem

gütigen Gott, der gern einem Taugenichts etwas hinwirft. Mehr als

arbeiten wollen und eine Arbeit ergreifen, sobald ich eine vor mir sehe,

verlange ich nicht von mir, da ich sehe, daß es so ganz gut geht. Das

paßt nämlich wundervoll zum Leben auf dem Lande. Man darf hier nicht

allzuviel tun, sonst verlöre man den Überblick über das schöne Ganze,

verlöre den Anstand des Zuschauenden, der nun einmal auch in der Welt

sein muß. Der einzige Schmerz wird mir von meiner Schwester bereitet,

der ich die Schuld nicht abzahlen kann und die ich mühsam ihre saure

Pflicht erfüllen sehe, während ich träume. Die spätesten Zeiten werden

mich strafen für diese Schlenderei, wenn es die früheren nicht tun, aber

ich glaube, ich bin meinem Gott angenehm so; Gott liebt die Glücklichen,

er haßt die Traurigen. Meine Schwester ist niemals lange traurig; denn

ich heitere sie fortwährend auf und gebe ihr zu lachen, indem ich mich

vor ihr lächerlich mache, worin ich Talent habe. Aber es ist auch nur

meine Schwester, die über mich lacht, in deren Augen ich eine

freundliche Komik besitze, den andern gegenüber benehme ich mich mit

Würde, wenn auch nicht steif. Man hat die Pflicht, nach außen hin sein

Dasein durch ein ernsthaftes Betragen zu rechtfertigen, wenn man nicht

als Gauner gelten will. Das Landvolk ist sehr empfindlich für das

Benehmen junger Leute, die es gerne gesetzt, zuvorkommend und bescheiden

sehen will. Ich schließe ab und hoffe, mit diesem Aufsatz einiges Geld

verdient zu haben, wenn nicht, so hat es mich doch lebhaft interessiert,

ihn zu schreiben, und einige Stunden sind mir über dem Schreiben

dahingeflossen. Einige Stunden? Jawohl! Denn auf dem Lande schreibt man

langsam, man wird öfters unterbrochen, die Finger sind ungelenkiger

geworden und die Gedanken wollen auch in ländlicher Weise denken. Lebt

wohl Städter!

Neuntes Kapitel.

Simon trug den Brief zur Post. Am nächsten Sonntag erschien Klaus, der

ältere Bruder, zu Besuch. Es war ein regnerischer Tag, es fror einen, zu

sehen, wie die kalten Regentropfen die schon erwachten Blüten

peitschten. Klaus machte ein ziemlich erstauntes Gesicht, als er bei

seiner Schwester den Simon eingerichtet sah, den er irgendwo im Ausland

vermutet hatte, doch blieb er so freundlich, als er nur vermochte; denn

er mochte den Sonntag nicht verderben. Sie blieben alle drei ziemlich

still, standen sich oft gegenüber, ohne zu sprechen, und schienen nach

Worten zu suchen. Mit Klaus kam eine gewisse nachdenkliche Befremdung in

die Wohnung Hedwigs hinein. Man drehte und fand allerlei, das allerdings

nicht am Platze war. Der Gegenstand war natürlich Simons Hiersein. Klaus

wollte heute keine Vorwürfe machen, obgleich es ihn wahrlich lebhaft

genug dazu antrieb, aber er vermied die entzweiende Bemerkung. Er sah

seinen Bruder fragend und bedeutsam an, als wolle er sagen: »Ich bin

erstaunt über dein Betragen. Sollte man glauben, daß du ein erwachsener

Mensch bist. Ist es ehrenhaft für dich, die Lage deiner Schwester dazu

zu benutzen, um den Müßiggänger zu spielen? Wahrlich, keine Ehre, das!

Ich würde es dir auch offen heraussagen, aber ich schone Hedwig, die ich

dadurch verletzte. Ich will nicht den Sonntag verderben!« Simon verstand

ihn schon. Er wußte ganz genau, was dieser Blick, diese steife,

unnatürliche Wärme beim Wiedersehen, dieses Schweigen und Verlegensein

bedeuteten. Er war nur froh, daß Klaus schwieg; denn er hätte antworten

müssen, was ihm längst zuwider war, als Rechtfertigung vorzubringen.

Freilich, freilich! Verdammenswert war seine Lage für einen jungen Mann,

wie er war, und sein Betragen gewiß nicht zu entschuldigen. Aber schön

war es auch, hier zu sein, schön, schön. Plötzlich von Weichheit

ergriffen, sagte er zu Klaus: »Ich weiß wohl, was und wie du denkst über

mich, aber ich schwöre dir, daß es bald aufhört. Ich glaube, du kennst

mich ein wenig. Glaubst du mir?« Klaus reichte ihm die Hand und der

Sonntag war gerettet. Es wurde bald zu Mittag gegessen, und Hedwig

merkte wohl, heimlich lächelnd, die veränderte Lage zwischen den

Brüdern. »Er ist doch gut, Klaus! Klaus ist gut,« dachte sie und sie

trug das wohlschmeckende Essen mit größerem Vergnügen auf. Es gab eine

herrliche Suppe, auf deren feine Zubereitung sich Hedwig trefflich

verstand, dann Schweinefleisch mit Sauerkohl und zuletzt einen mit Speck

gespickten Braten. Simon plauderte unbefangen über Welt und Menschen,

zog seinen Bruder in Gespräche von der verschiedensten Art und lobte mit

komischer Begeisterung wieder das herrliche Essen, was Hedwig jedes Mal,

wenn er es tat, so zum Lachen brachte, daß sie ganz fröhlich wurde und

alles vergaß, was etwa noch hätte eine Sorge genannt werden können. Am

Nachmittag, trotz des trüben Wetters, wurde ein kleinerer Spaziergang

gemacht. Das Feld, durch das man langsam ging, war naß, so daß man bald

wieder zurückkehrte. Alle waren wieder still am Abend. Simon versuchte

eine Zeitung zu lesen, Klaus sprach wie absichtlich von den

nebensächlichsten Dingen, worauf Hedwig zerstreut antwortete. Vor dem

Abschiednehmen sagte Klaus zu dem Mädchen, das er in die Küche rief, ein

paar Worte, auf die der Drinnenstehende nicht horchen mochte. Was mochte

es denn sein. Mochte es sein, was es wollte. Dann ging Klaus. Als die

beiden, nachdem sie ein Stück Weges den zu Gast Dagewesenen auf den

Heimweg begleitet hatten, wieder allein zu Hause saßen, war ihnen

unwillkürlich wieder froher ums Herz, wie Schülern, die den gestrengen

Inspektor wieder fort wissen. Sie atmeten freier und fühlten sich wieder

als die Alten. Hedwig sprach, und eine Besorgnis um dessen, was sie

jetzt sprechen wollte, machte ihre Stimme inniger und höher klingen:

»Klaus ist doch immer derselbe. Man hat immer eine kleine Angst

auszustehen, wenn er da ist. Seine Gegenwart macht einen unwillkürlich

zur schuldbewußten Schülerin, die eine Strafrede erwartet, weil sie

leichtsinnig gewesen ist. Man ist immer leichtsinnig gewesen in seinen

Augen, wenn man noch so ernsthaft meint gehandelt zu haben. Seine Augen

sehen ganz anders, sehen die Welt so seltsam besorgniserregend an, als

müßte man sich beständig vor irgend etwas fürchten. Er schafft sich

selber und andern immer Sorgen. Aus seinem Munde kommt solch ein Ton

heraus, der aus tausend rücksichtsvollen Bedenken zusammengesetzt ist,

so wenig vertrauensvoll ist er zur Welt und zu den Fäden, die einen an

die Welt spannen, ganz von selber. Er sieht aus, als ob er schulmeistern

möchte, und sieht doch wieder so genau ein, daß er schulmeistert, ohne

es zu wissen: er möchte nicht schulmeistern und tut's doch, wider seinen

Willen, aus seiner Natur heraus, wofür man ihn nicht schuldig machen

darf. Er ist so über alle Bedenken gut und zart, aber er bedenkt immer,

ob es wohl angebracht sei, gut und milde zu sein. Die Strenge steht ihm

absolut nicht, und doch glaubt er, mit der Strenge etwas erreichen zu

sollen, was er glaubt, mit Güte verfehlt zu haben. Er meint: Güte sei

unvorsichtig, und ist doch so gütig. Er verbietet sich, harmlos und

gütig zu sein, was er doch am liebsten sein möchte, weil er immer

fürchtet, dadurch etwas zu verderben, dadurch in den Augen der Welt als

leichtsinnig dazustehen. Er sieht nur Augen, die ihn betrachten, und

nicht Augen, die ruhig in seine sehen möchten. Man kann nicht ruhig in

seine Augen blicken, weil man fühlt, daß ihn das beunruhigt. Er denkt

immer, man denke etwas über ihn, und er möchte heraus haben, was man

denkt. Wenn er nicht irgend einen Fehler an einem bemerkt, den er tadeln

kann, scheint ihm nicht wohl zu sein. Und er ist doch so gut! Er ist

nicht glücklich. Wenn er das wäre, würde er anders reden, im Nu, ich

weiß es. Er neidet anderer Glück nicht gerade, aber es reizt ihn doch

beständig, das Glück und die Unbefangenheit anderer zu bekritteln, was

ihm doch sicher nur weh tut. Er mag nicht von Glück reden hören, ich

begreife, warum nicht. Das liegt auf der Hand, und jedes Kind kann es

verstehen: Selbst nicht froh, haßt man die Fröhlichkeit anderer. Wie muß

ihn das oft schmerzen, ihn, der edel genug ist, um zu fühlen, daß er

damit ein Unrecht begeht. Er ist durchaus edel, aber, wie soll ich

sagen, ein bißchen verdorben in seinem Innern, ein ganz klein wenig,

durch das Zurückgesetztsein und durch das Bemühen, sich nichts aus

diesem Zurückgesetztsein zu machen. Ach, freilich ist er zurückgesetzt

vom Schicksal, für dessen Launen und Kälten er viel zu wertvoll ist. So

möchte ich es sagen; denn er tut mir weh! Zum Beispiel du, Simon! Ach

Gott. Für dich empfindet man ganz anders, du ewig lustiger Bruder! Weißt

du, über dich denkt man immer: Er sollte Prügel bekommen, so recht

scharfe Prügel, das verdiente er! Man erstaunt über dich und begreift

nicht, daß du noch nicht in einen Abgrund gefahren bist. Mitleid für

dich empfinden, käme einem nie in den Sinn. Man hält dich allgemein für

einen sorglosen, frechen, glücklichen Burschen. Ist das wahr?« --

Simon lachte laut auf, und damit war ein Ton angeschlagen, der eine

Stunde lang anhielt. Da klopfte es draußen an der Türe. Die beiden

erhoben sich, Simon ging, um zu sehen, wer draußen sei. Es war die

Nachbarslehrerin. Sie kam verweint dahergelaufen. Ihr Mann, ein roher,

rücksichtsloser Mensch, hatte die Frau wieder einmal geprügelt. Man

suchte sie zu trösten, und es gelang.

* * * * *

Das Wetter wurde nun immer wärmer und die Erde üppiger, sie war mit

einem dicken, blühenden Teppich von Wiesen überzogen, die Felder und

Äcker dampften, die Wälder boten in ihrem schönen, frischen, reichen

Grün einen entzückenden Anblick dar. Die ganze Natur bot sich dar, zog

sich hin, dehnte, krümmte, bäumte sich, sauste und summte und rauschte,

duftete und lag still wie ein schöner, farbiger Traum. Das Land war ganz

dick, fett, undurchsichtig und satt geworden. Es streckte sich

gewissermaßen aus in seiner üppigen Sattheit. Es war grünlich,

dunkelbraun, schwarz gefleckt, weiß, gelb und rot und blühte mit einem

heißen Atem, kam fast um vor Blühen. Es lag wie eine verschleierte

Faulenzerin da, unbeweglich und zuckend mit seinen Gliedern und duftend

mit seinen Düften. Die Gärten dufteten in die Straßen und hinaus ins

Feld, wo Männer und Frauen arbeiteten; die Fruchtbäume waren ein helles,

zwitscherndes Singen, und der nahe, runde, gewölbte Wald war ein

Chorgesang von jungen Männern; die hellen Wege kamen kaum durch das Grün

hindurch. In Waldlichtungen betrachtete man den weißen, verträumten,

trägen Himmel, den man meinte herabsinken zu sehen und jubilieren zu

hören, wie Vögel jubilieren, kleine Vögel, die man nie sah und die so

natürlich paßten in die Natur. Man bekam Erinnerungen und man mochte sie

doch nicht zergliedern und ausdenken, man vermochte es nicht, es tat

einem süß weh, aber man war zu träge, um einen Schmerz ganz zu

durchfühlen. Man ging so und blieb wieder so stehen und drehte sich so

nach allen Seiten um, schaute in die Ferne, hinauf, hinweg, hinab,

hinüber und zu Boden und fühlte sich betroffen von all der Mattigkeit

dieses Blühens. Das Summen im Wald war nicht das Summen in der nackteren

Lichtung, es war anders und erforderte wieder neue Stellungnahme zu

neuen Träumereien. Man hatte immer zu kämpfen damit, zu trotzen, leise

abzulehnen, zu sinnen und zu schwanken. Denn ein Schwanken war alles,

ein Bemühen, und Sich-schwach-Finden. Aber es war süß so, nur süß, ein

bißchen schwer, und dann wieder ein bißchen knauserig, dann

scheinheilig, dann listig, dann nichts mehr, dann ganz dumm; zuletzt

wurde es ganz schwer, noch irgend etwas schön zu finden, man konnte sich

gar nicht mehr dazu veranlaßt finden, man saß, ging, schlenderte, trieb,

lief und säumte so, man war ein Stück Frühling geworden. Konnte das

Summen über sein Summen und Girren und Singen entzückt sein? War es dem

Gras gegeben, seine eigenen schönen Schwankungen zu betrachten? Wäre es

der Buche möglich gewesen, sich in ihren eigenen Anblick zu vergaffen?

Man wurde nicht müde und stumpf, aber man ließ es so sein, so gehen, so

hin und her schwanken. Die ganze Natur, so wie sie aussah, war eine

Säumerin, ein Harren und Hangen! Die Düfte hingen und die ganze Erde

harrte und wartete. Die Farben waren der selige Ausdruck davon. Man

konnte etwas Frühmüdes und Ahnungsvolles im blühenden Strauch finden. Es

war eine Art Nicht-mehr-weiter-Wollen, ein einziges Lächeln. Die blauen,

verhauchten Waldberge klangen wie ferne, ferne Hörner, man fühlte die

Landschaft ein wenig englisch, es war wie ein üppiger, englischer

Garten, die Üppigkeit und das Weben und das Wogen der Stimmen führte die

Sinne auf diese Verwandtschaft. Man dachte, so könnte es nun da und da

auch aussehen, wie jetzt hier, die Gegend rief alle andern Gegenden

einem ins Herz herbei. Es war komisch und weithintragend, forttragend

und herbeibringend: Ein Bringen, wie junge Knaben bringen, ein Darbieten

wie Kinder darbieten, ein Gehorchen und Aufhorchen. Man konnte sagen und

denken, was man wollte, es blieb immer dasselbe Unausgesprochene,

Unausgedachte! Es war leicht und schwer, wonnig und schmerzhaft,

dichterisch und natürlich. Man begriff die Dichter, nein, eigentlich

begriff man sie nicht, denn man wäre doch, indem man so ging, viel zu

träge gewesen, um zu denken, daß man sie begriffe. Man hatte nicht

nötig, irgend etwas zu begreifen, es begriff sich nie, und wieder

begriff es sich ganz von selbst, indem es sich in das Horchen nach einem

Klang auflöste, oder in das Sehen in die Ferne hinein, oder in die

Erinnerung, daß es jetzt eigentlich Zeit sei, nach Hause zu gehen und

eine, wenn auch ganz geringfügige Pflicht zu erfüllen, denn Pflichten

wollen auch im Frühling erfüllt sein.

Die Nächte wurden herrlich. Der Mond verliebte sich in das Weiß der

blühenden Gebüsche und Bäume und in die langen Windungen der Straßen,

die er blenden machte. In den Brunnen spiegelte er sich und im

fließenden Flußwasser. Den Kirchhof mit den stillen Gräbern machte er zu

einem weißen Feenort, so daß man die Toten vergaß, die dort begraben

lagen. Er drängte sich zwischen das Gewirr der herabfallenden, schmalen,

haarähnlichen Äste und machte, daß man auf den Denksteinen die

Inschriften lesen konnte. Simon ging um den Kirchhof herum, einige Male,

dann schlug er einen weiteren Weg ins erhöhte, flache Feld hinein, drang

durch niedriges, erleuchtetes Buschwerk, kam auf eine kleine abstürzende

Wiese mitten in den Büschen und setzte sich da auf einen Stein, um

darüber nachzudenken, wie lange er wohl dieses Leben des bloßen

Beschauens und Sinnens noch weitertreiben werde. Bald mußte es gewiß ein

Ende nehmen, denn es konnte nicht weitergehen. Er war ein Mann und

gehörte einer strengen Pflichterfüllung an. Es mußte bald wieder

gehandelt werden, das wurde ihm klar. Als er nach Hause kam, sagte er

das in passenden Worten seiner Schwester. Er solle doch gar nicht an das

denken, wenigstens jetzt noch nicht, sagte sie. Gut, erwiderte er, ich

will noch nicht daran denken. Es war auch zu verlockend, noch ferner

hier zu bleiben. Was wollte er denn eigentlich, und wonach trieb es ihn?

Er würde kaum Reisegeld haben, irgendwohin zu reisen, und dort, wohin er

gehen sollte, was erwartete ihn dort? Nein, er blieb gerne noch auf eine

unbestimmte kleine Zeit da. Wahrscheinlich würde er sich toll

zurücksehnen, wenn er fort wäre, und was wäre dann das? Nein, mit dem

Sehnen müßte dann natürlich aufgeräumt werden; denn das würde sich ihm

nicht ziemen. Aber machte man denn nicht oft Unziemliches? Übrigens, er

blieb ja, und weiter wollte er sich den Gedanken die ihn belästigten,

nicht hingeben.

So kamen wieder ein paar Tage und schwanden wieder. Die Zeit kam so

geräuschlos und entfernte sich, ohne daß man es merkte. Auf diese Art

verging sie eigentlich schnell, obgleich sie lange zauderte, ehe sie

ging. Die beiden, Simon und Hedwig, schlossen sich jetzt noch lebhafter

aneinander. Sie verbrachten plaudernd die Abende bei der Lampe und

wurden nie des Redens müde. Sie sprachen während des Essens über das

Essen, dessen Einfachheit und Delikatesse sie mit gesuchten Worten

priesen, und während der Arbeit über die Arbeit, die sie mit Worten

begleiteten, und während des Spazierens über die Freude und den Genuß

des Spazierens. Sie vergaßen längst, daß sie nur Geschwister waren, sie

kamen sich mehr durch das Schicksal als durch das gleiche Blut verbunden

vor und verkehrten miteinander ungefähr wie zwei angeschlossene

Gefangene, die sich bemühen, das Leben über der Freundschaft zu

vergessen. Sie vertändelten viel Zeit, aber sie wollten sie so

vertändelt wissen, weil jedes fühlte, daß der Ernst nur dahinter sich

verborgen hielt, und daß jedes sehr wohl ernsthaft zu handeln und zu

reden verstände, wenn es nur wollte. Hedwig empfand, daß sie sich ihrem

Bruder immer mehr zu erkennen gab, und verhehlte sich den Trost nicht,

den diese Empfindung ihr bereitete. Es schmeichelte ihr, daß er es nicht

nur für klug und seiner Lage angemessen hielt, mit ihr zusammenzuleben,

sondern auch für interessant, und sie dankte ihm dafür, indem sie ihn

inniger, als früher, in das Herz schloß. Beide kamen sich so vor, als ob

sie jedes für das andere bedeutend genug wären, um mit Stolz miteinander

ein Stück Leben zu verbringen. Sie sprachen und dachten viel in

Erinnerungen und versprachen sich, alles aufzutischen, was ihnen aus der

frühen, entschwundenen Zeit, wo sie beide noch klein waren, noch

einfiel. Weißt du noch! So fingen öfters ihre Gespräche an. So versanken

sie in die köstlichen Bilder der Vergangenheit und waren immer bemüht,

was es auch sein mochte, ihr Gefühl und ihren Verstand daran zu

belehren, auch ihr Lachen daran zu wetzen und bei traurigen Anlässen

heiter zu bleiben, wie es sich auch ziemte. Die Vergangenheit selbst

machte ihnen wiederum die Gegenwart deutlicher und empfindlicher, und

diese empfundene Gegenwart war, wie von einem Spiegel verdoppelt und

verdreifacht, inhaltsreicher und lebhafter und zeigte auch gerader und

sichtbarer den Weg in die Zukunft, die sie sich oft ausmalten, um sich

daran auf eine leichte Art zu berauschen. Eine erträumte Zukunft war

immer eine schöne, und die Gedanken, die sie dachten, heitere und

leichte.

Zehntes Kapitel.

Geschwister Tanner · 第 10 / 22 段